König Ottokars Glück und Ende Trauerspiel in fünf Aufzügen
Chapter 5
Hornek. Ottokar von Hornek, Dienstmann Des edlen Ritters Ott von Lichtenstein, Den König Ottokar, samt andern Landherrn, Ohn Recht und Urteil hält in enger Haft. O nehmt Euch sein, nehmt Euch des Landes an! Er ist ein guter Herr, es ist ein gutes Land, Wohl wert, daß sich ein Fürst sein unterwinde! Wo habt Ihr dessengleichen schon gesehn? Schaut rings umher, wohin der Blick sich wendet, Lacht's wie dem Bräutigam die Braut entgegen! Mit hellem Wiesengrün und Saatengold, Von Lein und Safran gelb und blau gestickt, Von Blumen süß durchwürzt und edlem Kraut, Schweift es in breitgestreckten Tälern hin-- Ein voller Blumenstrauß soweit es reicht, Vom Silberband der Donau rings umwunden!-- Hebt sich's empor zu Hügeln voller Wein, Wo auf und auf die goldne Traube hängt Und schwellend reift in Gottes Sonnenglanze; Der dunkle Wald voll Jagdlust krönt das Ganze. Und Gottes lauer Hauch schwebt drüber hin Und wärmt und reift und macht die Pulse schlagen, Wie nie ein Puls auf kalten Steppen schlägt. Drum ist der Österreicher froh und frank, Trägt seinen Fehl, trägt offen seine Freuden, Beneidet nicht, läßt lieber sich beneiden! Und was er tut, ist frohen Muts getan. 's ist möglich, daß in Sachsen und beim Rhein Es Leute gibt, die mehr in Büchern lasen; Allein, was not tut und was Gott gefällt, Der klare Blick, der offne, richt'ge Sinn, Da tritt der Österreicher hin vor jeden, Denkt sich sein Teil und läßt die andern reden!
O gutes Land! o Vaterland! Inmitten Dem Kind Italien und dem Manne Deutschland, Liegst du, der wangenrote Jüngling, da: Erhalte Gott dir deinen Jugendsinn Und mache gut, was andere verdarben!
Rudolf. Ein wackrer Mann!
Erster Bürger. Ja Herr, und ein Gelehrter! Er schreibt 'ne Reimchronik, und Ihr, Herr Kaiser, Kommt auch drin vor!
Rudolf. Im Guten, will ich hoffen! Dein Herr, vertrau! er soll die Freiheit haben. Und du--Zum Angedenken dieser Stunde, nimm Die Kette da und schmücke dich damit! Dem Wissen sei sein Lohn und dem Vollbringen! (Er nimmt eine Kette vom Hals und hängt sie Horneken um, der niedergekniet ist. Zu einem der Nebenstehenden.)
Euch, Ritter, scheint die Gunst wohl allzuhoch? Wenn diesen Mann ich mit dem Schwert berühre, So steht er auf als Ritter, wie so mancher; Doch manchen wüßt' ich nicht, womit berühren, Sollt' er ein Reimwerk schreiben, so wie der. Doch davon nichts in deine Chronik, Freund! Das hieße sonst in dir mich selber loben!
Hauptmann (kommt). Der König naht von Böhmen, gnäd'ger Herr!
Rudolf. Nun, großer Gott, du hast mich hergeführt; Vollende nun, was ich mit dir begonnen!
(Man hat rechts im Vorgrunde einen Feldstuhl gesetzt. Der Kaiser setzt sich, sein Gefolge steht um ihn.)
(König Ottokar kommt in glänzender Rüstung, darüber einen bis auf die Fersen gebenden reichgestickten Mantel; statt des Helmes die Krone auf dem Haupt. Hinter ihm der Kanzler und Gefolge.)
Ottokar (vom Hintergrunde her auftretend). Ich suche nun schon lange rechts und links; Wo habt ihr euren Kaiser, edle Herrn? Ihr da, Herr Merenberg? Trifft man Euch hier? Ich denk Euch schon noch anderswo zu treffen! Nun, wo ist Rudolf? Ah! (Er erblickt ihn und geht auf ihn zu.) Gott grüß Euch, Habsburg!
Rudolf (der aufsteht, zu denen, die um ihn stehen). Warum steht ihr entblößten Hauptes da? Kommt Ottokar zu Habsburg, Mensch zum Menschen, So mag auch Hinz und Kunz sein Haupt bedecken, Ist er doch ihresgleichen: Mensch.--Bedeckt euch! Doch kommt der Lehensmann zum Lehensherrn, Der Böhmen pflicht'ger Fürst zu Deutschlands Kaiser, (Unter sie tretend.) Dann weh dem, der die Ehrfurcht mir verletzt! (Mit starken Schritten auf ihn losgehend.) Wie geht's Euch, Ottokar? was führt Euch her?
Ottokar (der betroffen einen Schritt zurückgetreten ist). Zur--Unterredung hat man mich geladen!
Rudolf. Ja so, Ihr kommt zu reden in Geschäften? Ich dacht', es wär' ein freundlicher Besuch! Zur Sache denn! Wie kömmt's, mein Fürst von Böhmen, Daß Ihr erst jetzt auf meinen Ruf erscheint? Ich ließ Euch laden schon zu dreien Malen, Nach Nürnberg, dann nach Würzburg und nach Augsburg, Daß Ihr die Lehen nähmt von Eurem Land; Allein Ihr kamt nicht. Nur das letztemal Erschien statt Euch der würd'ge Herr von Seckau, Doch der nicht allzu würdig sich benahm.
Ottokar. Die Lehn von Böhmen gab mir König Richard.
Rudolf. Ja, der von Kornwall. Ei, es gab 'ne Zeit, Wo man in Deutschland für sein bares Geld Noch mehr erhalten konnt' als Lehn und Land! Doch damit ist's vorbei! Ich hab's geschworen, Geschworen meinem großen, gnäd'gen Gott, Daß Recht soll herrschen und Gerechtigkeit Im deutschen Land; und so soll's sein und bleiben! Ihr habt Euch schlecht benommen, Herr von Böhmen, Als Reichsfürst gegen Kaiser und das Reich! Dem Erzbischof von Salzburg seid Ihr feindlich Mit Raub und Mord gefallen in sein Land, Und Eure Völker haben drin gehaust, Daß Heiden sich der Greuel scheuen würden.
Ottokar. Die Fehde ward ihm ehrlich angesagt.
Rudolf. Hier aber gilt's nicht Fehde; Ruhe, Herr! Die Lande Österreich und Steiermark, Mit Kärnten und mit Krain, der Wind'schen Mark, Als ungerecht dem Reiche vorenthalten, Gebt wieder Ihr zurück in meine Hand! Ist hier nicht Feder und Papier? wir wollen Die Handfest gleich in Ordnung bringen lassen!
Ottokar. Ha, beim allmächt'gen Gott! wer bin ich denn? Ist das nicht Ottokar? nicht das sein Schwert? Daß man in solchem Ton zu sprechen wagt!
Wie aber dann, Herr, wenn, statt aller Antwort, Der Donau breiten Pfad zurück ich messe Und weiter frag an meines Heeres Spitze?
Rudolf. Noch vor zwölf Monden kamt Ihr mir zurecht, Wenn Ihr der Waffen blut'gen Ausspruch wähltet! Ihr seid ein kriegserfahrner Fürst, wer zweifelt? Und Euer Heer, es ist gewohnt zu siegen; Von Gold und Silber starret Euer Schatz: Mir fehlt's an manchem, fehlt's an vielem wohl! Und doch, Herr, seht! bin ich so festen Muts, Wenn diese mich verließen alle hier, Der letzte Knecht aus meinem Lager wiche; Die Krone auf dem Haupt, den Szepter in der Hand Ging ich allein in Euer trotzend Lager Und rief Euch zu: Herr, gebet, was des Reichs! Ich bin nicht der, den Ihr voreinst gekannt! Nicht Habsburg bin ich, selber Rudolf nicht; In diesen Adern rollet Deutschlands Blut. Und Deutschlands Pulsschlag klopft in diesem Herzen. Was sterblich war, ich hab es ausgezogen Und bin der Kaiser nur, der niemals stirbt. Als mich die Stimme der Erhöhung traf, Als mir, dem nie von solchem Glück geträumt, Der Herr der Welten auf mein niedrig Haupt Mit eins gesetzt die Krone seines Reichs, Als mir das Salböl von der Stirne troff, Da ward ich tief des Wunders mir bewußt Und hab gelernt, auf Wunder zu vertraun! Kein Fürst des Reichs, der mächt'ger nicht als ich; Und jetzt gehorchen mir des Reiches Fürsten! Die Friedensstörer wichen meiner Stimme; Ich konnt' es nicht, doch Gott erschreckte sie! Fünf Schilling leichtes Geld in meinem Säckel, Setzt' ich in Ulm zur Heerfahrt mich ins Schiff; Der Baierherzog trotzte, er erlag; Mit wenig Kriegern kam ich her ins Land, Das Land, es sandte selbst mir seine Krieger! Aus Euren Reihen traten sie zu mir, Und Österreich bezwingt mir Österreich. Geschworen hab ich: Ruh' und Recht zu schirmen: Beim allessehenden, dreiein'gen Gott! Nicht so viel, sieh! Nicht eines Haares Breite Sollst du von dem behalten, was nicht dein! Und so tret ich im Angesicht des Himmels Vor dich hin, rufend: gib, was du vom Reich!
Ottokar. Die Lande hier sind mein!
Rudolf. Sie waren's nie!
Ottokar. Mein Weib Margrethe brachte sie mir zu!
Rudolf. Wo ist Margrethe nun?
Ottokar. Wo immer, gleichviel! Sie gab mir dies ihr Land!
Rudolf. Soll ich sie selber Als Richtrin stellen zwischen uns?--Sie ist im Lager!
Ottokar. Im Lager, hier?
Rudolf (mit geändertem Tone). Die Ihr so schwer beleidigt, An Rechten und an Freuden hart beraubt, Heut morgens kam sie, milden Sinnes bittend Um Schonung für den Mann, der ihrer nie geschont!
Ottokar. Die Mühe konnte sich die Frau ersparen! Wo Ottokar, da braucht's der Bitten nicht!
Rudolf (stark). Wohl braucht's der Bitten, mein Herr Fürst von Böhmen, Denn sprech ich nur ein Wort, seid Ihr verloren!
Ottokar. Verloren?
Rudolf. Ja! von Böhmen abgeschnitten.
Ottokar. Indes Ihr Wien belagert, mach ich's frei!
Rudolf. Herr, Wien ist über!
Ottokar. Nein!
Rudolf (hinter sich gewendet). Herr Paltram Vatzo! Wo ist er? Er begehrte mich zu sprechen; Der Bürgermeister samt dem Rat von Wien.
(Paltram Vatzo, Bürgermeister von Wien, mit einigen Ratsgliedern kommt, die Schlüssel der Stadt auf einem Kissen tragend.)
Paltram. In Unterwürfigkeit, mein Herr und Kaiser, Bring ich die Schlüssel Euch der Stadt von Wien, Euch bittend, daß Ihr mir nicht zürnt darob, Weil ich, dem König treu, dem ich geschworen, Die Stadt gehalten bis auf diesen Tag; Sie auch, verzeiht! vielleicht noch länger hielt, Wenn nicht das Volk die Übergab' erzwungen, Der langen Sperrung müd und der Entbehrung. (Er legt knieend die Schlüssel zu des Kaisers Füßen.) Mein Amt, ich leg es mit den Schlüsseln ab, Doch sollt als treuen Bürger Ihr mich finden. (Aufstehend.) Des Landes Herr ist Paltram Vatzos Herr, Zugleich mit meinem Land ergeb ich mich! (Er tritt zurück.)
Ottokar. Verdammt! O Wiener! Leichtbeweglich Volk! Hast du für deinen leckern Gaum gezittert? Doch soll's dich reun! Die Zufuhr sperr ich dir Aus Klosterneuburg, meiner starken Feste!
Rudolf. Auch Klosterneuburg ist in meiner Hand, Und nichts mehr dein am rechten Donauufer! Herr Friedrich Pettau, kommt!
(Friedrich Pettauer tritt vor mit niedergeschlagenen Augen.)
Ottokar. Ha, schändlicher Verräter! So gabst du meine Burg?
Pettauer. Nicht ich, o Herr! Ein rascher Überfall, spät gestern abends--
Ottokar. Genug! Ich weiß, daß ich verraten bin! Doch triumphiere nicht! Doch spott ich dein! Aus Steiermark naht mir ein stattlich Heer Mit Milota, dem treuerprobten Führer; Im Rücken faßt er deine Mietlingsschar, Indes, wie Donnerwolken, Ottokar Von vornehmer die schwachen Halme knickt, Und kein Entrinnen bleibt als in die Donau!
Rudolf. O sprich nicht weiter, allzu rascher Fürst!
Ottokar. Erkennst du nun, wie weit du noch vom Ziel?
Rudolf. Auf Milota bau deine Hoffnung nicht!
Ottokar. Mein Grund steht fest; an dir ist's wohl, zu zittern! In Waffen sehn wir uns. Leb wohl!
Rudolf. Du gehst? Du gibst die Lande nicht?
Ottokar (zum Abgehen gewendet). Ob ich sie geb!
Rudolf. Nun wohl, so sprich denn selbst mit Milota, Ob du mit Grund ihm so viel magst vertraun?
(Milota tritt auf in Ketten.)
Rudolf. So brachten mir die Herren ihn von Steier, In Ketten, weil er grimmig sie gedrückt. Nehmt ihm die Fesseln ab!--Hier ist das Banner Von Steiermark, und hier ist Östreichs Banner, (Landesherrn von Östreich und Steiermark treten auf des Kaisers Seite vor, mit Banner und Farben ihres Landes.) Sie gaben selbst sich in des Reiches Schutz.
Steht nicht so traurig da, mein Fürst von Böhmen! Schaut um Euch her! Die Wolken sind entflohn, Und klar seht Ihr nun alles, wie es ist. Wenn Österreich verloren--
Ottokar. Ha, noch nicht!
Rudolf. Täuscht Euch nicht selbst! Ihr fühlt's in Eurem Innern, Daß es verloren ist; und zwar auf immer!
Ihr wart ein mächt'ger Fürst, ein großer König, Eh' die Gelegenheit des Mehrbesitzes In Euch entzündet auch den Wunsch dazu; Ihr werdet's bleiben, mächtig, reich und groß, Wenn auch verloren, was nicht halten konnte. Denn Gott verhüte, daß ich einen Finger Ausstreckte nach dem Gut, das Euch gehört. Auch könnt' ich's nicht! Euch bleibt ein mächtig Heer, Zu aller Art des Streites wohlgerüstet, Und zweifelhaft ist aller Schlachten Glück. Allein, tut's nicht! Verkennt nicht Gottes Hand, Die Euch gewiesen, was sein heil'ger Wille.
Mich hat, wie Euch, der eitle Drang der Ehre Mit sich geführt in meiner ersten Zeit. An Fremden und Verwandten, Freund und Feind Übt' ich der raschen Tatkraft jungen Arm, Als wär' die Welt ein weiter Schauplatz nur Für Rudolf und sein Schwert. In Bann gefallen, Zog ich mit Euch in Preußens Heidenkrieg, Focht ich die Ungarschlacht an Eurer Seite, Doch murrt' ich innerlich ob jener Schranken, Die Reich und Kirche allzu ängstlich setzten Dem raschen Mut, der größern Spielraums wert. Da nahm mich Gott mit seiner starken Hand Und setzte mich auf jene Thronesstufen, Die aufgerichtet stehn ob einer Welt. Und gleich dem Waller, der den Berg erklommen Und nun hinabsieht in die weite Gegend Und auf die Mauern, die ihn sonst gedrückt; So fiel's wie Schuppen ab von meinen Augen Und all mein Ehrgeiz war mit eins geheilt. Die Welt ist da, damit wir alle leben, Und groß ist nur der ein' allein'ge Gott! Der Jugendtraum der Erde ist geträumt, Und mit den Riesen, mit den Drachen ist Der Helden, der Gewalt'gen Zeit dahin. Nicht Völker stürzen sich wie Berglawinen Auf Völker mehr, die Gärung scheidet sich, Und nach den Zeichen sollt' es fast mich dünken Wir stehn am Eingang einer neuen Zeit. Der Bauer folgt in Frieden seinem Pflug, Es rührt sich in der Stadt der fleiß'ge Bürger, Gewerb' und Innung hebt das Haupt empor, In Schwaben, in der Schweiz denkt man auf Bünde, Und raschen Schiffes strebt die muntre Hansa Nach Nord und Ost um Handel und Gewinn. Ihr habt der Euren Vorteil stets gewollt; Gönnt ihnen Ruh', Ihr könnt nichts Beßres geben!
O Ottokar, es war 'ne schöne Zeit, Als wir, aus Preußen rückgekommen, saßen Im Söller Eures Schlosses am Hradschin, Von künft'gen Tagen, künft'gen Taten sprachen! Bei uns saß damals Königin Margrethe-- Wollt Ihr sie sehn? Margrethen sehen?
Ottokar. Herr!
Rudolf. Daß Ihr den Friedensengel von Euch stießt, Der sanft versöhnend ob Euch wartete, Die rasche Glut mit Segenswort besprach Und treulich, eine liebe Schwester, sorgte! Mit ihr habt Ihr das Glück von Euch verbannt.-- Ihr seid in Eurem Haus nicht glücklich, Ottokar!-- Wollt Ihr Margrethen sehn? sie ist im Lager!
Ottokar. Nein, Herr! Allein die Lehen will ich nehmen.
Rudolf. Von Böhmen und von Mähren?
Ottokar. Ja, Herr Kaiser!
Rudolf. Dem Reich erstatten--?
Ottokar. Östreich, Steiermark, Was ich vom Reich; was sich von mir getrennt. Ich habe viel für sie getan! Der Undank, Der Menschen Schlechtheit ekelt tief mich an.
Rudolf. So kommt ins Zelt!
Ottokar. Warum nicht hier?
Rudolf. Es werden Des Reiches Lehen knieend nur genommen!
Ottokar. Ich knien?
Rudolf. Das Zelt verbirgt uns jedem Auge. Dort sollt Ihr knien vor Gott und vor dem Reich, Vor keinem, der ein Sterblicher, wie wir.
Ottokar. Wohlan!
Rudolf. Ihr wollt? Gesegnet sei die Stunde! Geht Ihr voran, ich folg Euch freudig nach. Wir beide feiern einen großen Sieg!
(Sie gehen ins Zelt, die Vorhänge fallen zu.)
Milota (der zu den Seinigen hinübergeht). Nun, Gott sei Dank! Das macht mich wieder frei! Der letzten Zeit will ich mein Tage denken.
(Zawisch von Rosenberg kommt.)
Zawisch. Wo ist der König?
Milota. In des Kaisers Zelt; Er nimmt die Lehn!
Zawisch. Ho, ho! und so verborgen? Das müssen alle sehn, die treuen Herzens sind.
(Er haut mit dem Schwert die Zeltschnüre ab; die Vorhänge fallen, und man sieht Ottokarn vor Rudolf knien, der ihn eben mit dem Schwert mit Böhmen belehnt hat.)
Zawisch. Der König kniet!
Die Böhmen (unter sich). Der König kniet!
Ottokar. Ha, Schmach! (Er springt auf und eilt in den Vorgrund.) (Der Kaiser, der ihm folgt, mit der Fahne von Mähren in der Hand.)
Rudolf. Wollt Ihr die Lehn nicht auch auf Mähren nehmen? (Ottokar läßt sich auf ein Knie nieder.)
Rudolf (indem er ihm die Fahne von Mähren gibt). So leih ich Euch die Markgrafschaft von Mähren Und nehm Euch in des Reiches Eid und Pflicht Im Namen Gottes und durch meine Macht.
Steht auf, Herr König, und mit diesem Kuß Begrüß ich Euch als Lehnsmann und als Bruder.
Ihr aber, die ihr Östreich angehört Und Lehen tragt von seines Landes Fürsten, Kommt mit nach Wien, um dort den Eid der Treue, Den Lehenseid in unsre Hand zu leisten! Ihr folgt uns doch, geehrter Herr und König? (Ottokar neigt sich.) Nun, ich erwart Euch, wenn's Euch wohlgefällt. Ihr schwingt die Fahnen, laßt den Jubel tönen, Dem blutlos-schönen Sieg der holden Eintracht! (Ab mit den Seinigen.)
(Ottokar steht noch immer mit gesenktem Haupte da.) (Merenberg, der zurückgeblieben ist, tritt nach einigem Zögern ihn an mit bittenden Gebärden.)
Merenberg. Erlauchter Herr, ich wollt' Euch bitten!
Ottokar (fährt empor und sieht ihn mit einem grimmigen Blicke an; dann zerreißt er mit einer Hand die Spange des Mantels, daß er fällt; mit der andern reißt er von hinten die Krone vom Haupte und stürzt fort, ausrufend:) Fort!
(Indem alle ihm folgen, fällt der Vorhang.)
Vierter Aufzug
Vor der Burg zu Prag; ein großes Tor mit Fallgattern in der Mitte des Hintergrundes führt hinein. Daneben ein kleines Ausfallpförtchen, zu dem einige Stufen hinanführen, das aber verschlossen ist. Rechts im Mittelgrunde des Pförtners Wohnung mit einem steinernen Tische und einer Bank. Davor ein Beet mit Blumen.
Milota und Füllenstein von verschiedenen Seiten.
Milota. Traft Ihr den König?
Füllenstein. Nein.
Milota. Ich fand ihn auch nicht.
Füllenstein. In Znaim verlor er sich von dem Gefolge, Ein einz'ger Knecht, den man vermißt, mit ihm, Und irrt seitdem im Land herum von Mähren. In Kraliz sah man ihn, in Hradisch, Lukow; Zuletzt in Kostelez, hartbei an Stip, Da, wo die kleine Wunderquelle fließt, Zu der die Pilger weitumher sich wenden. Ein ärmlich Badhaus steht dort in der Tiefe, Von Menschen abgesondert und Verkehr, Da hielt er vierzehn Tage sich verborgen; Ein Ort zum Sterben mehr, als um zu leben! Und wie die Pilger pflegen dort herum, Die, eines Wunsches, der sie drückt, gedenkend, Ein Kreuz von Reisig in den Brunnen werfen Und aus dem Sinken oder Schwimmen prophezein, So tat er tagelang und schien betrübt. Zuletzt erfuhr's der Magistrat von Hradisch Und ging hinaus, den König einzuholen; Doch der war nicht mehr da und schon im Weiten.
Milota. Und wo er jetzt ist, habt Ihr nicht erfahren?
Füllenstein. Man will ihn auf dem Weg gesehen haben Nach Prag.
Milota. Hieher?--ich hoff, er wird jetzt ruhn! Die stolzen Flügel sind in was gepflückt; Das Land, das ewig ihn nach außen lockte, Er hat's zurückgegeben feierlich. Will er nach Väterweise herrschen hier, Die Deutschen heißen gehn aus seinem Reich Und unterm Beistand böhmischer Wladiken Bedenken seines Volkes wahres Glück: Vielleicht, daß ich vergesse, was er tat An mir und meinem Haus.--Geht Ihr zum Kanzler? So meldet ihm, ein kaiserlicher Herold, Vollziehung fodernd des geschloßnen Friedens, Vor allem die Befreiung jener Geisel, Die noch aus Österreich und Steiermark Gefangen liegen rings im Land umher, Ist eingeritten in das Tor von Prag. Er möge schleunig tun, was man begehrt, Bevor der König kommt und manches hindert.
Füllenstein. Doch wenn der König--
Milota. Tut, was ich Euch sage!
(Füllenstein ab.)
Milota. Wär' nicht das ganze Land mit ihm beschimpft, Ich wollte lachen, wie erst Zawisch lachte. Schnell alles angeordnet, eh' er kommt, Dann hat er zu bestät'gen und--zu schlafen! (Er geht ins Schloß.)
(Kurze Pause, dann kommt ein Knappe des Königs, ringsumherspähend, er ruft in die Szene.)
Knappe. So, jetzt ist niemand hier, mein gnäd'ger Herr!
(Ottokar kommt, in einen dunkeln Mantel eingehüllt, ein schwarzes Barett mit schwarzen Federn tief in die Augen gedrückt.)
Diener. Den Kanzler soll ich holen? Gnäd'ger Herr, Beliebt Euch lieber nicht ins Schloß zu treten? (Ottokar schüttelt das Haupt.)
Diener. Zwei Tage habt ihr nicht gegessen, nicht Geschlafen; denkt an Euer teures Leben! (Der König lacht höhnisch auf.)
Diener. Laßt Euch erbitten, geht ins Schloß, mein König! (Ottokar stampft ungeduldig mit dem Fuße.)
Diener. Ich gehe denn! doch laßt Euch nieder, Herr! (Geht ab ins Schloß.)
Ottokar. Ich sollte dich betreten, Schloß der Väter? Die Schwelle dir entweihn mit meinem Fuß? Als ich im Sieg, im jubelnden Triumph Zu dir heranzog durch die lauten Gassen, Erstrittne Fahnen dir entgegenhielt; Da machtest du mir deine Pforten auf Und meine Väter sahn von deinen Zinnen. Für Helden ward gewölbt dein hoher Bau, Und kein Entehrter hat ihn noch betreten!
Hier will ich sitzen, als mein eigner Pförtner, Und Schande wehren ab von meinem Haus. (Er setzt sich auf die Stufen am Ausfallstor und verhüllt sein Haupt.)
(Der Bürgermeister von Prag und einige Bürger kommen.)
Bürgermeister. Ei, laßt mich, ich muß eilen in den Rat. Ein Herold von des Kaisers Majestät Ist angelangt, da darf man sich nicht säumen, Denn Böhmen ist nun wieder an dem Reich. Der König hat es feierlich gelobt, Den Eid der Treue knieend übernommen.
Bürger. Wie, knieend?
Bürgermeister. Wohl! im kaiserlichen Lager! Er lag auf seinen Knien, der Kaiser saß, Das ganze Heer hat's staunend angesehen. Was regt sich dort?
Bürger. Ein Mann sitzt auf den Stufen.
Bürgermeister. Ja, Hochmut kommt zu Fall; ich sagt' es oft! Seht doch mal hin, wer dort am Tore sitzt! Verdächtig Volk streift jetzo durch das Land, Die abgedankten Söldner sind zu scheuen.
Bürger (kommt zurück). Ach, Herr!
Bürgermeister. Du zitterst ja!
Bürger. Es ist der König!
Bürgermeister. Der Mann dort auf den Stufen? bist du töricht?
Bürger. Er sah mir ins Gesicht. Schaut nur!
Bürgermeister. Er ist's! Wenn er vernommen, was wir hier gesprochen! Soll ich ihm einen Fußfall tun?--Das Beste, Wir ziehen uns zurück. Er scheint zu sinnen. (Sie ziehen sich rechts gegen den Vorgrund.)
(Benesch von Diedicz und seine Tochter treten rechts im Hintergrunde auf.)
Benesch (am Stabe, führt Bertan). Ei, sieh nur, wie die liebe Sonne scheint! Du mußt einmal ins Freie! Berta komm! Die dumpfe Stubenluft ist ungesund. Und tu mir's auch zulieb, und sprich einmal! Sprich, Berta, sprich! und wär's ein einzig Wort! Als: ja und nein. Tu's deinem alten Vater! Sieh, auf Johanni wird's--ich weiß nicht recht Wie lang, seit du so vor dich siehst und schweigst. Das ist recht kläglich! Willst nicht reden, Berta? Ich hörte lieber dich im Fieber rasen, Als jetzt den langen Tag kein einzig Wort. Ei, was vergangen ist, das ist vergangen! Wir denken nicht mehr dran, und so ist's gut.
Bürgermeister. Still!
Benesch. Nun, sie schweigt ja leider ohnehin! Herr, Tag für Tag, und öffnet nicht den Mund!
Bürgermeister (leise). Dort sitzt der König!
Benesch. Wo?
Bürgermeister. Dort auf den Stufen!
Benesch. Ei, Berta, sieh, dort sitzt der böse König, Der dir so weh getan, du armes Kind! Ei, sprich einmal und schmäl ihn tüchtig aus. Sag: arger Mann, ich freu mich deines Leids, Du hast's um mich verdient und meinen Vater.
(Berta hebt eine Handvoll Erde auf und wirft damit, wie Kinder pflegen, gerade vor sich hin, ohne zu treffen.)
Benesch. Ja, wirf ihn nur! o daß es Dolche wären! Wirf, Berta, wirf! den argen, bösen Mann. Doch Gott hat unsre Rach' auf sich genommen: Gekniet hat er vor seinem ärgsten Feind, Vor einem Mann, den er sonst wohl verachtet, Im Angesicht des Heers hat er gekniet. Ei, rüttle dich, ich fürchte mich nicht mehr! Ist doch ein Höherer, der dich bezwingt. Mach erst, daß mir mein Kind da wieder spricht, Dann laß mich töten, mich bekümmert's wenig.
(Die Königin kommt mit Zawisch und Dienern.)
Kunigunde. Wer ließ den Aberwitz da vor die Tür? Hab ich Euch nicht gesagt, Ihr sollt sie hüten?
Benesch (der fortgeführt wird). Nu, Berta, komm! er hat doch auch sein Teil. (Ab.)
Kunigunde. Ihr auch fort, alles fort, was Augen hat! (Alle geben, bis auf sie und Zawisch.)
Kunigunde. Wir sind allein! allein mit unsrer Schande! Wollt Ihr Euch nicht erheben, großer König, Und große Worte geben, wie ihr pflagt?