König Ottokars Glück und Ende Trauerspiel in fünf Aufzügen

Chapter 3

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Zawisch. Zurück! Hast du dich mir vertraut? Nun, hast du es getan, so traue mir! Ich weiß am besten, was sich fügt, was nicht; Zu seiner Zeit wird sich's dir offenbaren. Und dann--das junge Blut, mein gutes Herz! Ha, ha!--Sprich nicht und geh! Es kommen Dinge, Bei denen ich nach Zeugen nicht verlange. Du gabst dein Wort, daß du mich läßt gewähren, Drum geh!

Milota (kehrt am Ausgange um). Folgst du auch nicht mehr zum Turnier?

Zawisch. Die Waffen hab ich schon von mir gelegt, Der Preis ist mein!--Geh jetzt! Der Augenblick Pocht wie ein Gläubiger und will, was sein!

(Milota ab.)

Ich sehe sie den Gang herunterkommen, Begleitet nur von einer Kämmerin; Nun rasch ans Werk! (Zu einer Bildsäule der Liebesgöttin gewendet, die im Vorgrunde links steht.) Du keusche Liebesgöttin, Getreue Gattin deines holden Gatten, Dich fleh ich an: verleih mir deinen Schutz! (Er zieht ein Blatt hervor und steckt es, zur Bildsäule auf einer Stufe des Untersatzes emporsteigend, unter den halbgehobenen Fuß der Göttin.) Bewahre mir dies Blatt hier und bestell es! Man kommt!--Ich muß noch etwas zögern!--Jetzt! (Er springt herab und eilt, wie betroffen, fort.)

(Die Königin tritt in demselben Augenblicke mit ihrem Kammerfräulein links im Hintergrunde auf.)

Kunigunde. War das nicht Rosenberg? der Unverschämte! Ruf ihn zurück!

Fräulein (in die Szene rufend). Herr Zawisch! Kommt hierher! Die Königin befiehlt es! Hier! Ihr sollt!

(Zawisch kommt zurück, verschämt das Barett in der Hand drehend.)

Königin. Ich weiß nicht, Herr, bin ich nicht voll bei Sinnen, War ich im Fiebertraum, die Tage her; Wie, oder seid Ihr ganz so unverschämt, So rasend--Nein! Die Sprache hat kein Wort! Verrückung möcht' am ersten es bezeichnen-- So unverschämt-verrückt, als Ihr Euch zeigt? Bei meiner Ankunft schriet Ihr gellend auf-- Ihr wart's! Ich stand drei Schritte fern und weiß es! Seitdem verfolgt Ihr rastlos mich mit Blicken, Mit Blicken, die ich näher nicht bezeichne, Doch regt sich mir der Ingrimm, denk ich dran. (Näher zu ihm tretend.)

Nur erst, beim Tanz, als ich die Hand Euch reichte, Ja, Frecher, ja! Ihr drücktet mir die Hand! Wer bin ich, Herr? und wer seid Ihr?

Zawisch. Verzeiht!

Kunigunde. Behandelt so hier Lands man Königinnen? Wär' ich zu stolz nicht, meines Gatten Zorn In meiner eignen Sache aufzurufen, Wär's hier in Böhmen wie bei uns daheim, Wo auch die Frau ein Recht hat, eine Stimme, Und Macht, um zu vollführen, was sie denkt, Wo eine Königin nicht bloß des Königs Gattin, Wo sie Gebietrin ist; es sollt' Euch reun!

Zawisch. Verzeiht!

Königin. Und nun: verzeiht! Erst frech und kühn, Und nun so knechtisch, daß es an mich ekelt! Was stecktet Ihr an jene Säule hin?

Zawisch. An jene Säule? Steckt was dort?

Königin. Ein Zettel.

Zawisch. Ein Zettel, in der Tat!

Königin (zum Kammerfräulein). Nimm ihn herab! (Es geschieht.) Was steht auf dem Papier?

Zawisch. Ich weiß es nicht!

Königin. Ihr stecktet's doch hinauf!

Zawisch. Ich? Wahrlich nicht!

Königin. Nur erst, sowie ich kam.

Zawisch. Ich war nicht hier; Ich kam von jener Seite.

Königin. Nun, beim Himmel! Ich bin verrückt, der Kopf dreht sich im Wirbel! Sind das hier Bäume? Ist das Luft und Erde? Ich sah es ja, ich stand drei Schritte fern, Als Ihr den Zettel an die Säule stecktet!

Zawisch. Wenn Ihr es sagt, o hocherhabne Frau, Dann muß es sein, und wär' es nie gewesen!

Königin. Und was enthält der Zettel?

Zawisch. Phantasien; Die Ausgeburt von dichterischer Glut!

Königin (zum Kammerfräulein). Zeig her! (Sie entwickelt den Zettel und liest die Aufschrift.) »Der Schönsten«--Ha, Verwegener, Nimm hin das Zeugnis deiner frechen Torheit (sie wirft ihm denZettel vor die Füße) Und wagst du's noch einmal, dich mir zu nahn, So soll der König deinen Frevel strafen!

Zawisch (hebt den Zettel auf und kniet damit vor dem Kammerfräulein nieder). Nun denn, so wißt, daß ich Euch dienend folge, Schon lang brennt das Geheimnis meine Brust. In diesen Zeilen wagt' ich's zu gestehen, Verloren bin ich, Herrin, wenn Ihr zürnt. (Er steht auf und geht.)

Königin. Ha, lachen muß ich wahrlich des Verrückten!

Kammerfräulein. Seht, gnäd'ge Frau, so komm ich, Hand kehr um, Zu einem Ritter und zu Minnedienst.

Königin. Und glaubst du wirklich, dich hab er gemeint? Nach mir blickt er, der übermüt'ge, Freche!

Kammerfräulein. Ei, gnäd'ge Frau, was tut's? Der Wahn schon schmeichelt Von solcher Werbung und von solchem Ritter.

Königin. Von solchem Ritter? Lachen machst du mich!

Kammerfräulein. Ja, gnäd'ge Frau, im ganzen Böhmerland Ist keiner, der dem Zawisch sich vergleicht Von Rosenberg. Den edlen Glanz, die Haltung, Des Körpers mannigfache, edle Gaben, Ihr saht sie, Königin, so gut als ich: Doch auch an Heldenmut, an Tapferkeit Steht er vor allen, die sich Ritter nennen. In Padua hat er jahrelang studiert, Auch macht er Reim' und singt sie zu der Zither.

Königin. So schlimmer denn!

Kammerfräulein. So schlimmer, gnäd'ge Frau?

Königin. Bei uns daheim lohnt man die Zitherspieler Mit Geld und mit Verachtung!

Kammerfräulein. So bei uns nicht! Manch Edler eifert mit den Troubadours, Und dieser Zawisch hat sich manches Herz Ersungen bei den Klängen seiner Zither. (Den Zettel entfaltend.) Ihr sollt gleich sehn!

Königin (hat sich gesetzt). Er soll mir's wahrlich büßen!

Kammerfräulein (liest). »Der Schönsten «--Nun, ich nehm es dankbar hin! »O Hand von Schnee«--

Königin. O Hand von Schnee, was heißt das?

Kammerfräulein. Weiß wie Schnee.

Königin (den Handschuh abziehend und ihre Hand betrachtend). Ich denk, er hat die Hand noch nie gesehn, Den Handschuh höchstens!

Kammerfräulein (lesend). »O Hand von Schnee, Und doch so heiß;« (Die Königin stampft mit dem Fuße.)

Kammerfräulein. Beliebt Euch, gnäd'ge Frau?

Königin. Lies weiter nur! Ich wollte sagen: tu, was dir gefällt!

Kammerfräulein. »O Hand von Schnee, Und doch so heiß; O Blick, so feurig, Und dennoch Eis!«

Königin. Ich wollt' er wäre Glut und träfe dich! Ich wollt' ihn martern, bis ich voll gerächt.

Kammerfräulein. »Der Mund, so süße, Spricht herber Art; Die Brust, ob wogend, Nicht minder hart.«

Königin. Schweig still!

Kammerfräulein. »O Blick, erwarme, O Brust, erweich! O Hand--«

Königin. Ich sage dir, du sollst verstummen!

Kammerfräulein. So laßt Ihr mich nicht meines Sieges freun?

Königin. Ich glaube bald, die Törin nimmt's auf sich! (Sie steht auf.) O wär' ich wieder fort aus diesem Land, In Ungarn bei den Meinigen daheim! Da galt ich noch! Frei streift' ich in die Ferne, Dorthin, dahin, wohin der Wunsch mich rief. Mein alter Vater war mir gern zu Dienst, Zu Dienst die Fürsten, seine Sippen alle, Und was nur Mann hieß in dem weiten Reich. Und Leben war und Feuer, Glut und Mut! Da riefen sie zum fernen Prag mich hin: Ein König, sagten sie, regiere dort, Vermählt in seiner Kraft der ältern Frau, Den's dürste nach der feurigen Genossin, Nach gleichem Mut in gleichgeschwellter Brust. Ich komm und finde--einen Greis. Ja, Greis! Denn spielt ihm nicht schon graulich Bart und Haar? Sie sagen: von des Krieges Arbeit. Gleichviel! Und ist er denn nicht mürrisch wie ein Greis? Rechthabrisch, ungestüm? Beim reichen Gott, Zum Schweigen und Gehorchen kam ich nicht! Die andern aber schmeicheln, betteln, kriechen, Sind trägen Bluts und weißen, kalten Herzens. Nur dieser Rosenberg: bei uns in Ungarn Trüg' er sein Haupt keck unter Gottes Himmel, Wie jener kühne Führer der Kumanen, Dem er auch ähnlich sonst an Haupt und Brust, Dem besten unter Ungarns starken Mannen! Doch jener war ein freudig kühner Held, Gerad in seinem Wollen, seinem Handeln; Indes der Böhme feig und niedrig kriecht, Und seinen Wert und all sein Selbst besudelt. (Trompeten von außen.) Was ist?

Kammerfräulein. Geendet ist wohl das Turnier, Und man erteilt den Siegenden die Preise. Euch, Königin, gebühret das Geschäft.

Königin. Man wird uns rufen.--Gib doch das Geschreibe, Man merkt beim ersten Lesen kaum den Sinn. (Sie nimmt den Zettel.)

Kammerfräulein. Ach, gnäd'ge Frau, des Königs Hoheit naht, Der ganze Zug; sie kommen vom Turnier.

(Ottokar kommt mit Milota und Füllenstein. Hinter ihm Herren und Damen vom Turnier.)

Ottokar (zu denen, die ihm folgen). Wenn er darauf besteht, so bringt ihn her! (Im Vortreten zu Kunigunden.) Es will der Sieger des Turnieres nur Aus deiner Hand den Preis empfangen! Nu, Kunthe, nu, wie geht's? (Er will sie am Kinne fassen, sie tritt zurück.)

Kunigunde. Ganz gut.

Ottokar. Potz Blitz! Wohl übel gar gelaunt?--He Milota! (Er tritt mit Milota auf die andere Seite des Vorgrundes.) Der junge Merenberg entsprang?

Milota. Ja, Herr.

Ottokar. Verwünscht! Doch woher weiß man's von dem Brief?

Milota. Nach junger Leute Art hat er sich dessen Gerühmt, man hat den Brief sogar gesehn.

Ottokar. Die Aufschrift an den Erzbischof von Mainz?

Milota. Derselbe, ja.

Ottokar. Auch Wolkersdorf ist fort?

Milota. Und Hartneid Wildon. Alle Österreicher, Seitdem die Königin Margrethe fern, Sind übeln Sinns und schleichen fort vom Hof.

Ottokar. Hätt' ich den Brief, so kennt' ich die Verräter Und meine Ferse setzt' ich auf die Brut: Nun aber wird ein jeder mir verdächtig, Und alle muß ich hüten, alle, alle! Pfui, Argwohn, Spürhund von des Teufels Meute! Lockst du auch Könige zu deiner Jagd?

(Man hat indes Zawisch von Rosenberg, als Sieger im Turnier, hereingebracht, er steht vor dem Könige.)

Ottokar. Was ist?--Ja, du bist Sieger im Turnier? Ich habe stets als wacker dich gekannt; Geh hin zur Königin und nimm den Preis! He, Füllenstein!

Füllenstein. Mein gnädiger Gebieter!

Ottokar. Du nimmst Gewappnete, und alle Pforten Besetzest du, die aus dem Schlosse führen. Wenn nach dem Fest die Gäste heimwärts ziehn, Verhaftest du, die ich bezeichnen werde, Und hältst als Geisel sie in enger Haft. Den dort, dem trau ich nicht.--Auch Lichtenstein, Der glatte Ulrich--

Füllenstein. Herr, doch Heinrich auch?

Ottokar. Was schreist du so! Komm hier und höre schweigend.

(Er zieht sich mit Füllenstein etwas mehr gegen den Hintergrund und spricht leise. Sooft er dem, was jener erwidert, zuhört, wendet er die Augen nach der andern Seite, wo Zawisch und seine Gemahlin sprechen.) (Zawisch hat sich vor die Königin hingestellt, die sitzt und in Gedanken vor sich hinstarrt.)

Kammerfräulein (die Königin aufmerksam machend). Erlauchte Frau!

Kunigunde (da sie Zawisch vor sich stehen sieht). Verwegner, wie, auch hier? (Sie springt auf.)

Kammerfräulein (auf die reichgestickte Schärpe zeigend, die ein Page auf einem Samtkissen trägt). Der Dank! (Die Königin nimmt die Schärpe, der Page legt das Kissen bei ihren Füßen nieder.)

Zawisch (zum Kammerfräulein). Ei, Fräulein, gebt mir doch den Zettel, Den ich vor kurzem nur Euch überreicht. Er kam nicht in die rechte Hand!

Kammerfräulein. Mein Herr!

Zawisch. Gebt ihn! (Er hält die Hand bin.)

Kammerfräulein. Verzeiht!

Zawisch (immer die Hand hinhaltend). Er soll für jemand anders!

Kammerfräulein. Ich--hab ihn nicht mehr!

Zawisch. Wie? Ihr habt ihn nicht mehr? Dann wahrlich ist er in der rechten Hand! (Er wirft sich vor der Königin auf das Kissen nieder. Feurig.) O Königin, habt tausend, tausend Dank-- (Langsam.) Im voraus für den Preis, den Ihr mir reichet.

Ottokar (sein Gespräch unterbrechend). Warum gebt Ihr den Preis nicht, Kunigunde?

Königin (beleidigt). Ich wollte früher schon, eh' Ihr befahlt! (Mit der Schärpe nahend.) Herr Ritter!

Zawisch. Wie beglückt Ihr mich, Gebietrin! In Demut beugt sich Euch mein dienstbar Haupt! (Leise.) »O Hand von Schnee Und doch so heiß!«

Königin (leise). Wenn Ihr nicht schweigt!

Zawisch (laut). Mit diesem teuren Pfand Statt Harnisch angetan, statt aller Waffen, Will fahrend ich die weite Welt durchziehn Und Euren Ruhm und meines Königs Ruhm Verkünden und verfechten überall, Für ihn und Euch mein Leben! (Da die Königin sich mit der Schärpe zu ihm neigt, leise und schnell.) Alte Männer Sollten alte Weiber freien! Jugend Gehört für Jugend! (Die Königin wirft die Schärpe auf den Boden.)

Ottokar (herüberrufend). Nun, noch nicht zu Ende?

Zawisch (leise). Dies Haupt dem Henker, wenn Ihr so es wollt!

Ottokar. Was ist?

Zawisch. Die Schärpe fiel.

Königin (zum Kammerfräulein). Reich mir die Schärpe! Die höchste Langmut findet doch ihr Ziel, Verwegenheit mag es denn gleichfalls finden! Hier nehmt die Schärpe und gehabt Euch wohl! (Sie hängt ihm die Schärpe um. Wie sie sich über ihn beugt, faßt Zawisch ie Schleife an ihrem Ärmel, die Schleife fällt. Zawisch bückt sich rasch und hebt sie auf.)

Kunigunde. Ha, mein Gemahl! (Ottokar wendet sich nach ihr.)

Zawisch (der aufgestanden ist und sich gegen die Mitte zurückzieht). Die Königin, mein König!

Ottokar. Was ist? Was willst du, Kunigunde?

(Pause, während welcher die Königin Zawisch ansieht, der ruhig vor sich hinblickend dasteht. Sie blickt noch einmal hin, dann:)

Kunigunde. Geht Ihr noch heut nach Ribnik auf die Jagd?

Ottokar. Wie kommt Ihr auf die Frage? Heute, ja! Auch bist du ganz verstört. Was war denn hier? Das Dankerteilen macht dir so viel Müh', Daß ich in Zukunft dir's ersparen werde! (Er wendet sich von ihr.)

Kunigunde (zum Kammerfräulein leise). Die Schleife soll er geben; geh und sag ihm's!

(Ottokar ist in Mitte des Saales getreten; die Versammelten bilden einen Halbzirkel, dessen linkes Ende die Königin, das rechte Zawisch bildet, der, dem Kammerfräulein ausweichend, bis in den Vorgrund kommt.)

Ottokar. Ihr Herrn, wer ist von euch, der einer Sorge, Und einer drückenden, mich ledig macht? Der alte Merenberg im Lande Steier, An mir ist zum Verräter er geworden, An mir und seinem Land, von dem ich Herr. Mit Briefen an den Erzbischof von Mainz Hat er den Sohn nach Frankfurt hingesandt; Wahrscheinlich unsre Wahl zu hintertreiben, Der man dort pflegt, zum Kaiserthron der Deutschen, Und Unruh' anzustiften, Meuterei. Der Sohn ist zwar entwischt, allein der Vater, Er soll der Strafe nimmermehr entgehn, Noch der Enthüllung seiner Spießgesellen. Der Frevler hat sich auf sein Schloß gezogen, Das wohl bewahrt ist gegen jeden Angriff; Wer mir ihn bringt, wer mir ihn lebend bringt, Was er ob Hochverrat verwirkt, die Lehen, Sein ganzes Gut, sei des Ergreifers Lohn! Ortolf von Windischgrätz, du scheinst bereit?

Füllenstein. So laßt den zweiten mich sein, gnäd'ger Herr!

Ottokar. Von meinen Leuten geb ich euch die besten; Den hier--und den-- (Im Hintergrunde einzelne Wappner bezeichnend.)

Kammerfräulein (die von hinten herumgegangen ist, zu Zawisch tretend). Die gnäd'ge Fürstin zürnt. Ihr sollt die Schleife geben, läßt sie sagen.

Zawisch. Die Schleife? Nun und nimmermehr, mein Kind! Ich habe sie erobert, und mein Leben, Den Kopf hier laß ich, doch die Schleife nicht! (Er zieht die Schleife hervor.) Sieh her, wie schön! Rot, wie ihr holder Mund, Und weiß, wie ihres Nackens reines Silber. Nein, die behalt ich, und auf meinem Sarge Soll neben Schild und Helm sie prangend ruhn. Setzt' ich mein Blut nicht ein, um sie zu haben? Du blutigrote Schleife, du bleibst mein! (Er hält sie vor sich hin in die Luft.)

Königin (auf der andern Seite des Theaters). Wahnsinnig ist er! Himmel, wenn der König--

Kammerfräulein (zu Zawisch). Die Königin macht Zeichen, steckt sie ein! Der König naht.

Ottokar (zurückkommend). Was habt Ihr, Rosenberg?

Zawisch (hat die Schleife in den Busen gesteckt). Nichts, gnäd'ger Herr!

Ottokar. Wie? Nichts?

Zawisch. Herr, es gibt Dinge, Die man mit Recht dem König selbst verbirgt!

Ottokar. Ein Liebespfand?

Zawisch. Ein Pfand, Herr, das man liebt.

Ottokar (nach einer Pause der Beobachtung). Wer hat die Königin heut angekleidet?

Kammerfräulein. Ich, gnäd'ger Herr.

Ottokar. Seid Ihr so sorglos, Dirne, Daß einen Arm Ihr nur mit Schleifen ziert, Indes der andre leer?

Kammerfräulein. Gewiß--verloren!

Zawisch (zum Suchen gebückt). Man muß sie suchen.

Ottokar. Laßt das nur, Herr Zawisch! Wenn die Versammlung fort ist, macht sich's leichter; Allein bis abends hoff ich sie zu sehn! Dem aber, der sie fand, gebt diesen Ring (Er zieht ihn vom Finger und gibt ihn Rosenberg.) Im Namen meiner Gattin, seiner Frau: Denn Königinnen schenken Diamanten, Doch Busenschleifen nicht.--Euch, Königin, Bitt ich, in Zukunft Euren Anzug mehr Und--meiner Würde mehr in acht zu nehmen! (Zu Zawisch.) Vergeßt es nicht und richtet's aus dem Finder!

Kunigunde. In meinem Namen, Ritter, aber sagt ihm: Er möge das behalten, was er fand; Denn was ich schenke, Schleife, Diamant, Indem ich's schenke, ändert's die Natur Und ist nur noch der Königin Geschenk. Auch mög' er sehen, daß ich Herrin bin, Zu schenken, was ich will; und wenn es mehr Als Schleife wäre, mehr als Diamant! (Sie geht ab.)

Der König (geht einigemal auf und nieder, dann bleibt er vor Rosenberg stehen). Was war hier, Rosenberg?

Zawisch (auf ein Knie niedergelassen). Zürnt mir mein König?

Ottokar (ihn betrachtend). Du solltest töricht gnug sein, meinen Zorn, Den Zorn des Ottokar auf dich zu rufen Um einer Laune, eines leeren Nichts? Wer bist du denn, daß du es wagen solltest? Ich hauche--und wo war dann Rosenberg? Ich aber kenne dich als klug!--Steh auf!

Zawisch. Nicht wenn Ihr zürnt!

Ottokar. Ich sage dir: steh auf! (Zawisch steht auf.)

Ottokar. Ihr aber geht zu meiner Frau und sagt ihr: Nicht stören möge sie der Gäste Frohsinn Durch längeres Entbehren unsrer Wirtin! (Diener ab.)

Ottokar. Ihr, Ortolf, also richtet mir ins Werk, Was Ihr verspracht; den Lohn verbürg ich Euch. Ich will sie lehren, an das Reich sich wenden! (Auf die Brust schlagend.) Hier ist das Reich!

Diener (kommt zurück). Die Königin ist unpaß.

Ottokar. Ei, derlei Krankheit ist nicht schwer zu heilen! Geh noch einmal und bitte sie zu kommen. (Diener geht.) Und nun, ihr Herrn, hinauf zum Rittersaal! Und laßt den Tanz, laßt sich das Fest erneun, Bis an den Morgen rege sich die Lust! (Zu Füllenstein.) Vergiß nicht, was ich dir gebot!

Füllenstein. Sorgt nicht!

(Diener zurück.)

Ottokar. Nun, kommt die Königin?

Diener. Sie will nicht, Herr!

Ottokar. Sie will nicht? will nicht, wenn ich es gebiete? Sag ihr!--Doch laß! Sie wird sich selbst besinnen: Mit Weiberlaunen hat man billig Nachsicht! Nur fort, ihr Herrn!

Der Erste der Reichstaggesandten (die sich unter der Menge befinden). Mein gnäd'ger Herr und König!

Ottokar. Wie, mein Herr Abgesandter, Ihr noch hier?

Abgesandter. Noch immer harrend einer gnäd'gen Antwort Für meine Kommittenten, für die Wahlherrn Des Heil'gen Röm'schen Reichs.

Ottokar. Mein Herr Gesandter, Die Antwort ist denn auch nicht gar so leicht! Ich bin ein König über viele Länder, Zu viel beinah für eines Menschen Kraft. Nun soll ich mit der Sorge mich belasten Für noch ein Land, und für ein Land, das selber Mitsorgen will und sitzen mit im Rat. Ich bin gewohnt, wenn ich mal sage: Ja; So gilt's den Kopf, wenn jemand spräche: Nein! Und was könnt ihr denn eurem Fürsten bieten? Die Zölle sind versetzt und die Gefälle; Was nur des Kaisers war, es haben Im langen Zwischenreich sich die und der Mit räuberischen Händen drein geteilt. Soll ich das Mark von meinem reichen Erbland Nun setzen auf so trügerisches Spiel? Euch Herrn gefiele wohl, mit meiner Habe Zu helfen eurer dringend bittern Not; Doch will ich lieber hier in Böhmen sitzen Und eines armen deutschen Kaisers lachen, Als selbst ein armer deutscher Kaiser sein. Indes verschmäh ich nicht, die höchste Macht Vielleicht zu krönen mit der höchsten Würde, Auf Karl des Großen Thron, ein zweiter Karl, Zu sitzen in des Reiches Vollgewalt: Doch soll man mir die Kron' erst selber bringen Und legen auf dem Kissen dort vor mir, Bevor ich mich entscheide, was geschieht.

Ich habe meinen Kanzler hingesandt, Herrn Braun von Olmütz, auf den Tag nach Frankfurt, Und seht, er schreibt mir, (er zieht den Brief hervor) daß die Wahl des nächsten Wird vor sich gehn. Dem Pfalzgraf bei dem Rhein Trug man den Ausspruch auf im Kompromiß. Er ist zwar nicht mein Freund; er und der Mainzer, Sie schmieden Ränke, wie mein Kanzler schreibt; Allein die deutschen Fürsten wagen's nicht, Dem Stirnenrunzeln Ottokars zu stehn. Die Kron' ist mein! das heißt: wenn ich sie mag. Doch laßt sie hier erst sein, dann will ich sprechen.

Diener (kommt). Der Kanzler, Euer Hoheit, Braun von Olmütz.

Ottokar. Seht Ihr? er kömmt zurück.

Diener. Mit ihm ein Ritter In lichter Rüstung, Fürsten gleich geziert, Und zwei Herolde in des Reiches Farben, Den Adler vor der Brust, die laut Trompeten. (Trompeten von innen.)

Zawisch. Erlaube, königlicher Herr und Kaiser, Daß wir die ersten deiner neuen Diener-- (Die ganze Versammlung macht eine Bewegung nach vorn.)

Ottokar. Zurück! Wollt ihr dem Reichstagsboten zeigen, Daß unverhoffte Freud' er überbringt? Auch wißt ihr nicht, ob ich die Wahl genehm'ge! (Zu den Gesandten, die sich zurückgezogen haben.) Wo geht ihr hin? Ich hab euch nicht entlassen! Nichts ist geschehn, was Störung bringen kann. Der Mainzer also, sagt ihm's, mag sich hüten! Denn komm ich an den Rhein, und das soll bald, Zum Dank für all die frechen Winkelzüge Treib ich ihn aus von seinem Bischofsitz.

(Der Kanzler ist indessen eingetreten. Alle umringen ihn mit fragenden Gebärden; er bleibt im Hintergrunde, die Hände ringend.)

Ottokar (im Vorgrunde fortfahrend). Der Pfalzgraf auch bei Rhein steht mir nicht an, Ich werde seine Kur dem Baier geben. Noch allerlei will ich in eurem Land, Und alle, die mir dieses Schreiben nennt--

Zawisch (im Hintergrunde losbrechend, doch halblaut). Die Wahl des Reichs fiel nicht auf Ottokar?

(Der Kanzler schüttelt mit gefalteten Händen das Haupt.)

Zawisch. Auf wen denn sonst?

Kanzler. Auf Rudolf, Graf von Habsburg.

(Unterdessen hat Ottokar den Gesandten den Brief gewiesen, mit dem Finger einzelne Stellen bezeichnend.)

Ottokar. Die müssen fort--seht, der!-- (Bei der ersten Rede des Kanzlers horcht er, in derselben Stellung bleibend, nach hinten hin in höchster Spannung. Als jener den Namen Habsburg nennt, fährt Ottokar zusammen; die Hand, mit der er auf den Brief zeigt, beginnt zu zittern; er stottert noch einige Worte.) und der--muß fort! (Die Hand mit dem Briefe sinkt hinab; mit gebrochenen Knieen steht er noch eine Sekunde, starr vor sich hin sehend, dann rafft er sich empor und geht starken Schrittes in sein Zimmer.)

Zawisch. Herr Kanzler, sagt, ist es denn wirklich wahr?

Kanzler. Nur allzuwahr; der Habsburg Deutschlands Kaiser.

Zawisch. Allein wie kam's?

Kanzler. Es ging noch alles gut, Die meisten Fürsten stimmten für den Herrn; Da kommt mit einemmal der Kanzellar Des Erzbischofs von Mainz--der hier gewesen-- Mit ihm ein Wolkersdorf aus Österreich Und Hartneid Wildon aus dem Lande Stei'r, Die klagten--still! Der König kömmt zurück!

Ottokar (kommt aus seinem Gemach). Sagt meiner Frau, sie soll bereit sich halten, Ich will noch heut vor Abend auf die Jagd. (Er geht mit starken Schritten auf und nieder.)

Kanzler (nach einer Pause). Ach gnäd'ger Herr!

Ottokar. Was ist? (Zusammenfahrend.) Ihr?--Wart Ihr hier? Vor kurzem hier?

Kanzler. Ach ja!

Ottokar. Und habt gesprochen?

Kanzler. Ja, gnäd'ger Herr!

Ottokar. Verdammt! (Wirft ihm den Handschuh ins Gesicht; dann ihn an der Hand in den Vorgrund führend.) Was schwatztet Ihr Von Reichstag und von Wahl?

Kanzler. Hier hört es selbst!

(Der Burggraf von Nürnberg, mit zwei Herolden voraus und mehreren Begleitern hinter sich, tritt ein.) (Der König geht ihm mit starken Schritten bis in die Mitte des Saales entgegen.)

Ottokar. Wer seid Ihr, Herr?

Burggraf. Friedrich von Zollern bin ich, Burggraf von Nürnberg, abgesandt vom Reich.

Ottokar. Glück zu! (Er kehrt ihm den Rücken und geht wieder in den Vorgrund.)

Burggraf. Rudolf, von Gottes Gnaden Kaiser--

Ottokar. Ich glaube, Herr, das Reich will meiner spotten? Hier stehn noch die Gesandten, die die Krone Mir anzubieten kamen, und ihr wählt, Eh' ich entschieden, einen andern?

Burggraf. Herr, Der Kanzellar des Erzbischofs von Mainz, Er hat gemeldet, wie mit schnöden Worten Von Euch gewiesen Ihr so Kron' als Reich.

Ottokar. Ha, frecher Treubruch deutscher Reichsbarone!