König Ottokars Glück und Ende Trauerspiel in fünf Aufzügen

Chapter 2

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Ottokar. Marchegg, so soll man mir die Stadt auch nennen, Die ich dort baun will zu des Siegs Gedächtnis! Marchegg soll sein der Markstein meines Glücks, Von dort aus weiter; denn wer hielte mich? Und wer dort geht, noch in den fernsten Tagen, Der soll von Ottokar und seinem Streiten sagen! (Er ist aufgestanden, zu den Dienern.) Was zögert ihr?--Ja so, du willst das Bein? (Er setzt sich wieder.) Herr Bürgermeister, zieht dort an der Schiene! So geht's nicht! Fort! Wer wird so lange zögern? (Er reißt selbst gewaltsam die Schiene ab und wirft sie mitten in den Saal.) Just in der Ecke dort der March, am Hügel jenseits, Saß König Bela hoch auf seinem Stuhl, Und Heinrich Preußel stand dabei, ich sah's wohl, Der legt' ihm, wie der Knab' im Puppenspiel, Die Gegend aus und was sich drin begab Und wer die Kämpfer waren und so weiter. Zum Anfang ging's noch gut, doch als der Habsburg Auf eins hervorbrach mit den schweren Reitern Und alles floh, was ungrisch fluchen kann, Und in die March, daß ihre Zottelbärte Wie Schilfgras aus gedämmtem Wasser ragten-- Wo ist der Habsburg? Hei! beim reichen Gott, Er hielt sich wohl! Sonst ein gar stiller Mann, Doch wenn er angreift, wie der böse Teufel. Wo ist Graf Habsburg?

Diener. Sollen wir ihn rufen?

Ottokar. Laßt nur!--Als das der Ungarkönig sah, Da braucht' er keines Dolmetsch weiter mehr. Mit beiden Händen fuhr er sich ins Haar Und zog sich feindlich. Ei, dacht' ich mir, Herr, Spart Euch die Müh', wir können das viel besser. Doch ist er Freund uns jetzt und Bundsgenoß, Da muß man Gutes nur und Liebes sprechen! Nun, seid ihr endlich fertig? (Er steht auf.) Hut und Mantel! Und wie steht's hier bei Euch, Herr Bürgermeister? Habt Ihr indes geträumt?--Der Hut da drückt. (Da der Diener zögert.) Zum Teufel, einen andern Hut!--Wie also? Die Mauer auf dem Wischehrad ist fertig?

Bürgermeister. Ja, gnäd'ger Herr!

Ottokar. Die Moldaubrücke auch?

Bürgermeister. Nur gestern ward der letzte Stein gefügt.

Ottokar. Ja, weil ihr wußtet, daß ich heute kam! Den Deutschen, die ich sandte, Sachsen, Baiern, Ward schon die untre Vorstadt eingeräumt?

Bürgermeister. Verzeihet--

Ottokar. Ist's geschehn?

Bürgermeister. Eu'r Hoheit--

Ottokar. Ja?

Bürgermeister. Noch nicht.

Ottokar. Warum nicht? Gottes Feu'r! Warum nicht?

Bürgermeister. Wir wollten noch einmal Eu'r Hoheit angehn, Eh' wir vertrieben so viel treue Böhmen--

Ottokar. Vertrieben! Was vertrieben! Wollt' ich das? Sie sollten nach Chrudim, dort waren Äcker Und Baugrund ihnen dreifach angewiesen, Und dreifach alle Kosten der Versetzung. Doch aus der Vorstadt sollen sie heraus. Sie sollen, müssen! Müssen, Gottes Donner! Ich weiß wohl, was ihr mögt, ihr alten Böhmen: Gekauert sitzen in verjährtem Wust, Wo kaum das Licht durch blinde Scheiben dringt; Verzehren, was der vor'ge Tag gebracht, Und ernten, was der nächste soll verzehren, Am Sonntag Schmaus, am Kirmes plumpen Tanz, Für alles andre taub und blind; So möchtet ihr: ich aber mag nicht so! Wie den Ertrinkenden man faßt am Haar, Will ich euch fassen, wo's am meisten schmerzt; Den Deutschen will ich setzen euch in Pelz, Der soll euch kneipen, bis euch Schmerz und Ärger Aus eurer Dumpfheit wecken und ihr ausschlagt Wie ein gesporntes Pferd. Ihr denkt der Zeit, Da eure Fürsten saßen an dem Herd Und einen Kessel führten in dem schnöden Wappen; Ich bin kein solcher, straf mich Gott! (Man hat ihm den Mantel umgegeben.) Seht her! Der Mantel ward in Augsburg eingekauft. Das Gold, der Samt, die Stickerei, das Ganze, Könnt ihr das machen hier in eurem Land? Ihr sollt! bei Gott, ihr sollt! Ich will euch's lehnen-- Mit Köln und Wien, mit Lunden und Paris Soll euer Prag hier stehn in einer Reihe! Die Länder, die euch herrisch sonst gehöhnt, Ich habe sie bezwungen mit dem Schwert: Der Ungar flieht, der Baierfürst hält Ruh', Und Österreich, die wackre Steiermark Und Portenau und Krain und Deutschlands Eger, Ich habe sie vereinigt meinem Reich. In alle Fernen trug ich Böhmens Namen, Aus allen Fernen tönt zurück sein Ruhm. Wie meine Väter konnt' ich ruhig schlafen, Euch lassen schlafen, so wie eure Väter; Für wen hab ich's getan? Für euch! Doch sollt ihr nach, des geb ich euch mein Wort! Hin auf des Berges Mitte stellt' ich euch, Und nun klimmt weiter oder brecht den Hals! (indem er sich abwendet.) Daß mir die Deutschen in die Vorstadt kommen.

(Kanzler tritt ein und nähert sich dem Könige.)

Ottokar. Was ist?

Kanzler. Die Königin, wie Ihr befahlt.

Ottokar (wieder zu den Bürgern gewendet). Auch das noch, das noch, seht, um euretwillen! Was einem jeden Mann das Teuerste, Die Ruh' im eignen Haus, hab ich gestört, Um eure Ruh', um eurer Kinder Ruhe. Damit nach meinem Tod mein Reich nicht erblos, Mein Werk das Spiel nicht werde innern Zwists, Hab ich von Margarethen mich getrennt, Die keines Erbens Hoffnung mehr gewährt, Und neuer Bande Wechsel mich gefügt. (Zur ganzen Versammlung sich gewendet.) Ja, ja, ihr Herrn, damit ihr's alle wißt: Zur Festigung des nur geschloßnen Friedens Hat König Bela mir die Hand geboten Von Kunigunden, seinem Enkelkind, Des Herzogs von Massovien einz'gen Tochter. Da nun seit lang die Bischöfe des Reichs Mich warnten meiner Eh' mit Margarethen; Wie denn auch manches sonst dagegen spricht: Denn erstens ist sie alt und unfruchtbar, Kein Erbe läßt sich mehr von ihr erwarten; Dann ist sie mir verwandt in--was weiß ich, In welchem und wievieltem Grad, und endlich-- Allein wozu noch lange eins und zwei; Denn erstens, zweitens, drittens: bleibt's dabei! Die Königin wird kommen, Handfest unterzeichnen, Die Schenkung wiederholen ihrer Lande, Und des zu Zeugen seid ihr hier versammelt. (Er besteigt den Thron.)

Der Kanzler (der seine Papiere auf demselben Tische ausgebreitet hat, an dem vorher der König saß, tritt nun, mit einer Urkunde in der Hand, in die Mitte des Saales). Nun Ruh' in Ehrfurcht ist des Königs Wille!

(Margarethe, in einen nachschleppenden Mantel gekleidet, die Krone auf dem Haupte, tritt, von Habsburg und Merenberg begleitet, von Frauen gefolgt, ganz im Vorgrunde links auf.)

Kanzler. Erlauchte Frau und Königin Margrethe, Von Östreich Herzogin und Steiermark, Des weiland röm'schen Königs Heinrich Witwe, Derzeit vermählt mit Böhmens hohem Herrn. Wer führt das Wort in Eurer Gnaden Sache?

Margarethe. Ich selbst! (Ablehnend zu Merenberg, der vorgetreten ist.) Laßt nur, Herr Merenberg!--Ich selbst! Allein will ich des Zornes Makel tragen Und reden, so wie leiden, ich allein!

Kanzler. Ist Euch bekannt--?

Margarethe. Ich weiß!

Kanzler. Nun denn, mit Gott! Es hat ein heil'ger Send, zu Wien versammelt, Im Vorsitz Guido, Kardinal-Legats, Des Titels von Sankt Laurenz in Lucina, Zu Recht gesprochen ob dem Eheband, Das Euch verbunden unserm gnäd'gen Herrn; Und in Betracht, daß Ihr im vierten Grad, Durch Bela, Ungarns König, und durch Geysa, Als leiblich naher Brüder Kindeskinder, Gedachten unserm gnäd'gen Herrn verwandt; In weiterm Anbetracht, wie vorgekommen, Daß Ihr nach Eures ersten Herren Tod, Des hochbelobten röm'schen Königs Heinrich, Euch nicht mehr zu vermählen ein Gelübd' Zu Trier getan, im Katharinenstift--

Margarethe. Es war kein feierlich Gelübd'!

Ottokar. Hier steht's! Fahrt fort!

Kanzler. Als hat--

(Trompeten von außen.)

Ottokar. Was ist?

Ein Diener. Die Stände, Herr, Von Österreich sind in die Burg gezogen, Den Fürstenhut des Landes bringen sie.

Ottokar. Hierher! Sie kommen als gelegne Zeugen!

(Die Stände von Östreich, den Herzogshut auf einem Kissen vor sich hertragend, treten ein.)

Heinrich von Lichtenstein (als Wortführer). Es hat dein tapfres Schwert, erhabner Fürst, Entschieden in dem Streit mit Ungarns König, Wer Herr soll sein in unserm schönen Land. Geendet ist der blutig schwere Zwist, Und leichten Herzens wiederholen wir Die Huld'gung, die erst jetzt in voller Kraft. (Zu Margarethen gewendet.) Vor allem aber dir, erlauchte Frau, Dem edlen Sproß des alten Heldenstammes, Der ruhmvoll lang ob Österreich gebot--

Ottokar. Laßt das nur sein und stellt euch ruhig hin! Statt neuer Huld'gung denkt auf alte Treu' Und haltet's einmal, statt es zweimal zu versprechen! (Zum Kanzler.) Fahrt fort!

Kanzler. Als haben sie zu Recht erkannt, Daß solches Bündnis länger nicht bestehe, Erklären es für null und aufgehoben. Die Schenkung, die Ihr früher habt gemacht An Euern Herrn mit Eures Stammes Erbe, Sie bleibt in Kraft, und Ihr seid aufgefodert, Sie noch einmal, der Form nach, zu bestät'gen. Euch angewiesen wird, als Leibgeding, Die Stadt von Krems, das Polan rings um Horn Und Grevenberg von unsers Herren Gnade.

Margarethe. Habt Ihr geendet?

Kanzler. Ja, erlauchte Frau!

Margarethe. Ich könnte manches noch entgegensetzen!

Ottokar. Wozu? Es bleibt der Spruch in Kraft.

Margarethe. Doch unterwerf ich mich!

Ottokar (vom Throne steigend). Nun gut, was mehr?

Margarethe. Und geh von hinnen, wie man es begehrt--

Ottokar (auf sie zugehend). Mich freut, daß ich Euch klug und billig finde; So hab ich Margarethen stets gekannt Und stets geachtet Euch als eine solche. Es ist ja nicht der Jugend wilder Kitzel, Der gärend feur'ge Drang nach Neuerung, Was mich Euch meiden heißt; es ist mein Land, Das in mir Ehen schließt und Ehen scheidet. So hoch ein Mensch mag seine Größe setzen, So hoch hat Ottokar gesetzt die seine. In Böhmen herrsch ich, bin in Mähren mächtig; Zu Östreich hab ich Steier mir erkämpft, Mein Oheim siecht, der Kärnten nach mir läßt. (Vertraulich und leiser.) Im nahen Ungarn hab ich meine Hand, Die Großen sehn auf mich, die Mißvergnügten; Es will mir Schlesien wohl, und Polen schwankt, Wie sturmgepeitscht ein Schiff, in meinen Hafen. (Wieder lauter.) Vom Belt bis fern zum Adriat'schen Golf, Vom Inn bis zu der Weichsel kaltem Strand Ist niemand, der nicht Ottokarn gehorcht; Es hat die Welt seit Karol Magnus' Zeiten Kein Reich noch wie das meinige gesehn. Ja, Karol Magnus' Krone selbst, Sie dünkt mich nicht für dieses Haupt zu hoch. Nur eines fehlte noch; nur eins und--alles: Der Erbe, der's empfängt aus meiner Hand. Den Giebel setz ich auf an meinem Bau; Margrethe, weiß ich, wird mir's nicht mißgönnen.

Margarethe. Ich gönn Euch alles, gönn Euch mehr als mir! Auch ist's mein Vorteil nicht, es ist der Eure, Was mich noch einmal warnend sprechen heißt. Geliebt es Euch, so folgt mir nebenan--

Ottokar. Sprecht immer hier; nur unter Königen Ist Ottokar der König, nicht allein. Die hier gehorchen--

Margarethe (schnell). Doch wie lange, Herr? Das ist's, woran ich warnend mahnen wollte! (Näher zu ihm tretend.) Die Länder all, das Erbe meines Hauses, Sie wurden Euch durch Margarethens Hand. Weiß Gott, ich scheide gern! Doch wie ich scheide, Schwingt wieder Aufruhr zischend seine Fackel, Und gegen Euch--

Ottokar. Seid Ihr 'ne Bäckersfrau, Die ihren Altknecht freit auf ihr Gewerb', Und fürchtet Ihr, sie kommen, von der Stadt, Und nehmen mir's, sobald die Herrin fort? (Halb gegen die Stände gewendet.) Ich halte sie, seht Ihr? mit dieser Hand-- Sie sollen sich nur regen, wenn sie's wagen!

Margarethe. Umringt seid Ihr mit Argen und Verrätern!

Ottokar. Lehrt Ihr den Ottokar die Seinen kennen? Ich gehe meinen Gang, was hindert, fällt.

Margarethe. Ihr steht am Abgrund, glaubt mir, Ottokar!

(Wiederholte Trompetenstöße.)

Diener (kommt). Die Landesherrn von Steiermark sind unten Und bitten, daß du gnädiglich sie hörst.

Ottokar. Laßt sie herein!--Ihr seht wohl, Margarethe, Die Unglücksprophezeiung trifft nicht ein!

(Die Stände von Steiermark treten ein, den Herzogshut vor sich her auf einem Kissen.)

Der Wortführer (indem er vor Margarethen das Knie beugt). Erlauchte Frau!

Margarethe (ablehnend). Nicht mir!

Ottokar. Zu mir, mit Gunst! Der König ist, der Königinnen macht! Schweigt immerhin, ich weiß schon, was ihr wollt. Ich hab eu'r Land den Ungarn abgestritten Und werd es wahren gegen jedermann; Auch gegen euch, wenn's irgend etwa not. Stellt euch nur hin und wartet ruhig ab. Im übrigen betrachtet mich genau, Damit ein andermal ihr gleich beim Eingang wißt, Vor wem ihr habt zu knien.

(Die Steirer stellen sich in eine Linie mit den Östreichern, dem Throne gegenüber, die Träger der Kronen voran.)

Ottokar. Nun noch zum letzten! Habt Ihr die Handfest hier, Herr Kanzellar, Die Schenkungsurkund' von der Fürstin Landen?

Kanzler. Ich nicht; die gnäd'ge Frau.

Ottokar. Habt Ihr sie, Margarethe?

Margarethe. Im Schrein verschlossen meiner Hauskapelle Liegt sie verwahrt.

Ottokar. Nun gut, ich sende drum!

Margarethe. Noch hat kein menschlich Aug' des Schreines Inhalt, Den Schatz gesehn, den mir sein Schloß bewahrt. Bei meines Heinrich teurem Abbild liegt sie, Bei meiner beiden Kinder Totenhemd, Beim Schreckenspfeil, den an der Leitha Strand Man blutig zog aus meines Bruders Herzen. Erlaubt Ihr, geh ich selbst!

Ottokar. Wie's Euch gefällt.

(Trompeten und Jubelgeschrei von außen.)'

Diener (kommt). Ach, gnäd'ger Herr!

Ottokar. Was ist?

(Die Landesherrn von Kärnten, Ritter und Bauern bunt gemengt, treten auf, den Herzogshut vor sich auf dem Kissen.)

Ottokar. Wer sind die?

Margarethe. Soll ich?

Ottokar. Ich bitt Euch drum!--Ihr seht, ich bin beschäftigt! Noch mehr der Kronen?

(Margarethe geht ab.)

Diener. Gnäd'ger Herr, der König Von Ungarn reitet ein--

Ottokar (auf den Kronenträger zugebend). Wer seid ihr, Leute?

Wortführer der Kärntner. Der Herzog Kärntens, Euer Gnaden Oheim--

Ottokar. Ist er gestorben?

Kärntner. Ja, erlaubter Herr, Und kraft des Erbvertrags mit Euer Gnaden Fällt Euch das Land, die Herzogskrone zu.

Ottokar. Betrauern mag ihn, wer sein Land nicht erbt! Seid mir willkommen, meine wackern Kärntner! Fügt eure Krone dort zu jenen beiden Und laßt mich freun des königlichen Anblicks.

(Die Kärntner stellen sich in die Reihe der andern Stände).

Ottokar. Man lärmt ja noch! Was ist?

Diener. Ich sagt' es ja! Der König Ungarns, Herr, ist eingeritten. Mit ihm Gesandte von dem Reichsvereine, Den Doppeladler tragend vor sich her, Und alles ruft--

Von außen. Heil Ottokar, dem deutschen Kaiser!

Die im Saale. Heil Ottokar, dem deutschen Kaiser, Heil!

Ottokar (im Vorgrunde). Nun Erde, steh mir fest! Du hast noch keinen Größeren getragen! (Er eilt in den Hintergrund, dem Ungarkönig entgegen.)

(Indes tritt der alte Merenberg zum Schenk von Emerberg, der ganz im Vorgrunde links, der äußerste unter den östreichischen Ständen, steht.)

Merenberg (leise). In dieses Tuch gewickelt ist ein Brief, Gib ihn an meinen Sohn, er weiß darum. Ich geh nach Merenberg. Und heiß ihn eilen! (Er läßt das Tuch mit dem Briefe fallen und entfernt sich. Emerberg hebt es auf.)

(Der König von Ungarn tritt auf mit Gefolge.)

Ottokar (ihm entgegen). Erlauchter Herr, und Vater, will es Gott!

Bela (zurücktretend). Bevor ich rede, laßt erst diese sprechen!

(Die Gesandtschaft des Reichstages tritt vor.)

Erster Abgesandter. Des Heil'gen Röm'schen Reichs gemeine Fürsten, Zu Frankfurt auf der Kaiserwahl versammelt, Sie senden uns an dich, o Fürst von Böhmen. Die Augen haben sie nach dir gewendet, Die einen Kaiser suchen für das Reich. Doch ziemt uns nicht, als Herren den zu wählen, Der unsre Wahl wohl gar zurückeweist: Drum sollen wir dich fragen, hoher Herr, Ob, wenn der Wahltag dir die Krone beut, Dem Reiche du dich unterziehen werdest? Verweigr' es nicht! es geht ein alter Spruch: Des Reiches Adler werde Ruh' erst finden Im Nest des Löwen; wohl, großmüt'ger Löwe, (er ergreift ein Schild mit dem Sinnbilde des Löwen, das an den Stufen des Thrones lehnt, und hebt es in die Höhe) Nimm auf den Adler, der verloren fleugt, Und schirm ihn stark gen alle seine Feinde!

Ottokar. Ha, was ist das? Wer hat mir das getan? Das ist der weiße Löwe nicht von Böhmen! Der Löw' ist rot!

Rudolf von Habsburg (der zur Seite des Thrones rechts im Vorgrunde gestanden hat, vortretend). 's ist Habsburgs Löwe, Herr! Der Schild ist mein! Ich legt' ihn, kommend, ab.

Ein zweiter der Abgesandten. Ihr seid der Graf von Habsburg?

Rudolf. Ja, der bin ich!

Zweiter Abgesandter. In Böhmen hier?

Rudolf. Vom Kreuzzug kehr ich heim.

Ottokar. Genug!--Ihr harret, mein Herr Abgesandter, Bis man Euch wieder ruft! (Zum König Bela gewandt.) Mein edler Fürst! Nun ruft die Pflicht mich doppelt her zu Euch!

Bela. Zuerst stell ich Euch meine Kinder vor. Hier Ladislaus, der Erbe meines Throns, Und hier ein anderer.

Ottokar. Hat König Bela Der Enkelsöhne mehr?

Bela. Ihr argwohnt nicht? Man weiset dich zurück!

Kunigunde. Und doch war ich's, Die Euch am meisten wünschte zu gefallen! Nehmt Ihr mich unter Eure Krieger auf? (Sie wirft den Reitermantel und ungarischen Kalpak weg und steht als Weib gekleidet da.)

Zawisch (der auf der linken Seite des Saales, nicht weit von ihr steht, laut). O schöner Krieger!

Kunigunde (umgewendet). Ha, wer spricht?

Ottokar (zornig). Wer sprach?

Zawisch (gleichfalls umsehend). Von dorther schien's, vom Winkel her zu tönen!

Kunigunde (rasch). Ihr wart's--wohl nicht. Ihr würdet nicht so frech, Da ich so nahe stand, mir sonst es leugnen!

Mein König, Ihr verzeiht die Überraschung. Sie wollten erst mich vor den Toren lassen, Doch trieb's mich, hier zu sein, und also kam ich.

Rudolf (der sich wieder in den Vorgrund rechts gestellt hat). Der rücksichtslosen, rohen Übereilung!

(Die Königin Margarethe kommt mit Schriften.)

Ottokar (mit einer Bewegung gegen sie hin). Jetzt ist nicht Zeit!

Margarethe (sich am Sessel haltend). O Gott! Wer bringt mich fort!

Merenberg (vortretend). Der Königin zu Hilf'!

Ottokar. Wer rief Euch, Herr? Wer hieß Euch weichen dort von Eurem Platz? Ihr habt Euch einmal unnütz schon gemacht! Dorthin!

(Merenberg tritt zurück.)

Margarethe (schwach). Nur fort!--Nimmt sich denn niemand an?

Rudolf von Habsburg. Hier ist mein Arm, erlauchte Königin! Stets war bei Habsburg der Gekränkten Schirm.

Ottokar. Und wer hat's Euch geheißen?

Rudolf. Kennt ein Heißen, Wer kein Verbieten kennt?

Ottokar. Ihr seid, vergeßt's nicht, In meinem Land!

Rudolf. Nicht länger, als ich will! Als freier Krieger focht ich Eure Schlachten, Um Lohn nicht, und den Dank selbst schenk ich Euch! Ich bin nicht Euer Mann.

Ottokar. Nicht von der Stelle, Bis der entschieden, dem Entscheidung ziemt!

Der zweite der Abgesandten (tritt vor). So will denn ich hier diese Fürstin schirmen! Der Kanzler ich des Erzbischofs von Mainz, Von ihm der Wahlgesandtschaft beigesellt, Damit ich höre, wo die andern reden. Erkennt Ihr mich, Graf Habsburg?

Rudolf. Nein, fürwahr.

Zweiter Abgesandter. Gabt Ihr nicht einst im Walde nah bei Basel Dem Priester, der das Allerheil'ge trug Zu eines Kranken Trost und, aufgehalten Vom wüt'gen Strom der Aar, am Ufer irrte, Das eigne Pferd, die Flut drauf zu durchsetzen?

Rudolf. Und dieser Priester--?

Abgesandter. Habt nicht später dann Den Erzbischof von Mainz Ihr treu geleitet Durch feindlich Land, durch Krieg und Brand und Tod, Als er nach Rom zog zu dem Heil'gen Vater? Des Bischofs Sekretär, auf sein Geheiß, War oft Euch nah und prüft' Euch im Gespräch; Vermöchtet Ihr ihn nicht mehr zu erkennen?

Rudolf. Seid Ihr's?

Abgesandter (zur Versammlung gewendet). Für diese Frau, als Reichesfürstin, Begehr ich frei und offenes Geleit. Herr Graf von Habsburg, gebt ihr Euren Arm, Wir wollen sie zur sichern Ruhstatt führen!

Im Namen denn des Heil'gen Röm'schen Reichs, Gebt Raum der Herzogin von Österreich! (Führt mit Rudolfen die Königin Margarethe ab.)

Ottokar. Bin ich eu'r Kaiser, sollt ihr anders sprechen!

Der erste der Gesandtschaft. Geliebt's Euch, Herr, uns Antwort zu erteilen?

Zawisch (sich vordrängend). Raubt ihr uns unsern König, unsern Herrn? Ist er nicht mächtig? was bedarf er euer? Wie Gott im Himmel, herrschet er auf Erden; Nur Sorgen und nicht Nutzen schafft das Reich, Laßt ihn und bietet Deutschen eure Gaben! Ihr gebt nur, weil ihr braucht! Laßt unsern Herrn!

Ottokar. Er spricht zum Teil ganz gut, Herr Abgesandter. Gar viel ist abzustellen in dem Reich, Gar mancher Trotz zu beugen und zu strafen; Ich seh wohl, euer Herr war euer Knecht. Ich bin ein reicher Fürst von Böhmen, Gott verhüte, Daß ich ein armer Kaiser wollte sein. Doch mögt Ihr harren, ob es uns gefällt, Vielleicht Euch günst'gre Antwort zu erteilen. (Zu Kunigunden gewendet.) Nun bin ich Euer, ganz mit Seel und Leib.

Zawisch. Es lebe Ottokar!

(Unter Trompetengetön.)

Zuruf von allen Seiten. Von Böhmen König! Herzog von Östreich!--Steier!--Kärnten!--Krain! Der Deutschen Kaiser! Lebe Ottokar!

(Der Vorhang fällt.)

Zweiter Aufzug

Offener Gartensaal, gegen den Hintergrund zu mit einem halbmannshohen Marmorgeländer geschlossen. Es wird angenommen, daß hinter demselben der Garten terrassenförmig abwärts geht. Im Vorgrunde zu beiden Seiten Türen, daneben Bildsäulen. Der Haupteingang ist zwischen den Säulen, links an der Balustrade.

Zawisch (tritt lachend auf). Ich bin verliebt! O weh, mein Herz ist fort! Ihr Leute, kommt zu Hilfe! Ha, ha, ha! Wie sie mich ansah mit dem schwarzen Blick, Die stolze Ungarin! Hilft alles nichts! Und schön ist sie, beim wunderbaren Gott! Ein adlig, wildes, reuterscheues Füllen, Den Zaum anschnaubend, der es bänd'gen soll.

Auch sonst geht alles, wie es Gott gefällt! Die Österreicher reißen tüchtig aus, Seit Margarethe fort, die Königin; Der eine rechts, der andre links, doch alle Nach Frankfurt auf die Kaiserwahl. Nu! nu! Sie legen dort wohl die Gesuche nieder, Daß man doch ja Herrn Ottokar erwähle!

Milota (von innen). Nur hier herein indes!

Zawisch. Wen bringt man da?

(Gewaffnete bringen Seyfried von Merenberg gefangen. Milota, ganz gerüstet, folgt, einen versiegelten Brief in der Hand.)

Milota. Der König ist noch beim Turnier?

Zawisch. Ja wohl! Sich da, Herr Merenberg? und so begleitet!

Milota. Sein Vater, der Verräter, sandt' ihn fort Mit diesem Schreiben an den Erzbischof Von Mainz. Er hatt' ihm Eile wohl geboten--

Seyfried. Ob er's gebot!

Milota. Allein der junge Herr, Da ihn sein Weg am Schloß vorüberführte, Wo Bruder Benesch haust mit seiner Tochter, Wollt' er noch einmal sehn sein altes Lieb; Doch fing man ihn und sendet ihn hierher.

Zawisch. So? Bei schön Mühmchen? Ei, bei Fräulein Berta?

Seyfried. Im heißen Fieber liege sie und rase, Ward mir gesagt. Ich wollte sie nur sehn, Nur wissen, ob sie lebt, und so gab ich Des Vaters Haupt und mich in ihre Hand. Tor, der ich war, verruchter, blinder Tor!

Milota. Hier ist der Brief, die Aufschrift an den Mainzer.

Seyfried. Herr Zawisch, seht, ich hab Euch nie geliebt! Für doppelsinnig hielt ich Euch und falsch, Doch sagt mein Vater, Menschen kennt' ich nicht; O zeigt mir, Herr, daß ich Euch nicht gekannt! Gebt mir den Brief, laßt ihn uns hier vernichten. Mit mir könnt Ihr beginnen, was Ihr wollt! Ich hab Euch sonst wohl auch schon Liebs getan. Als Ihr mit Euren Sippen da und Freunden, Wißt Ihr? im Vorgemach der Königin Gar sonderbare Reden einst geführt; Ich ging nicht hin und sagt's dem König an, Wie ich gekonnt, vielleicht wohl gar gesollt! Denn damals ehrt' und liebt' ich noch den König, Als meiner angebornen Fürstin Gatten Und meinen wahren, rechtgesinnten Herrn.

Zawisch. Hörst du, Freund Milota?

Milota. Wer achtet sein!

Zawisch. Der Brief ist richtig! (Er liest.) An den Erzbischof Von Mainz. Du bist verloren, guter Freund, Wenn dieser Brief dem König kommt zu Hand!

Seyfried. Herr, rettet mich!

Zawisch. Schon gut! schon gut! Die Leute sind vertraut? (Auf die Wache zeigend.)

Milota. O ja! Warum?

Zawisch (den Brief in der Hand wägend). Der Brief kann viel enthalten--oder wenig. Ein Tröpflein Gift vielleicht-- (Die Hand mit dem Briefe schnell auf den Rücken gelegt.) Ein Meer von Argwohn! (Zur Wache gekehrt.) Geht ihr nach Haus und grüßet Vetter Benesch.

Milota. Was tust du?

Zawisch. Geht ihr nur! (Gewaffnete ab.) Und du, mein Freund, Was gibst du mir, wenn ich dich diesmal rette?

Seyfried. Mein Leben--

Zawisch. Ei, behalt das nur für dich! Kannst du auch springen?

Milota. Zawisch!

Zawisch. Nun, so komm! Hier hast du deinen Brief; so, und nun spring!

(Er hat ihn ans Geländer geführt, Seyfried springt hinab.)

Milota. Wahnsinniger!

Zawisch. Hei, was der Junge läuft!

Milota. Ihm nach!