König Ottokars Glück und Ende Trauerspiel in fünf Aufzügen
Chapter 1
Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
This Etext is in German.
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KÖNIG OTTOKARS GLÜCK UND ENDE
von FRANZ GRILLPARZER
Trauerspiel in fünf Aufzügen
Personen:
Primislaus Ottokar, König von Böhmen Margarethe von Österreich, Witwe Heinrichs von Hohenstaufen, seine Gemahlin Benesch von Diedicz, Milota und Zawisch, die Rosenberge Berta, Beneschs Tochter Braun von Olmütz, des Königs Kanzler Bela, König von Ungarn Kunigunde von Massovien, seine Enkelin Rudolf von Habsburg Albrecht und Rudolf, seine Söhne Friedrich Zollern, Burggraf von Nürnberg Heinrich von Lichtenstein und Berthold Schenk von Emerberg, Österreichische Ritter Der alte Merenberg, Friedrich Pettauer und Seyfried Merenberg, steirische Ritter Herbott von Füllenstein Ortolf von Windischgrätz Ottokar von Hornek Merenbergs Frau Paltram Vatzo, Bürgermeister von Wien Der Bürgermeister von Prag Ein kaiserlicher Herold Der Küster von Götzendorf Der Kanzler des Erzbischofs von Mainz Elisabeth, Margarethens Kammerfrau Ein Kammerfräulein Kunigundens Abgeordnete der deutschen Wahlversammlung
Böhmische, österreichische, steirische, kärntnerische Landesherren und Kriegsleute.
Erster Aufzug
Im Schlosse zu Prag. Vorzimmer der Königin. Rechts und links Seitentüren, deren erstere zu den innern Gemächern führt. Vor derselben, Wache haltend, Seyfried von Merenberg, auf seine Partisane gestützt.
Frau Elisabeth mit einer andern Kammerfrau tritt aus dem Zimmer der Königin.
Elisabeth. Lauf, Barbara! lauf schnell nach Meister Niklas! Die Königin scheint wohl, doch trau ich nicht.
(Ein Diener ist gekommen.)
Elisabeth. Hast du den Balsam? Gut, gib her, mein Freund! O unglücksel'ger Tag! O arme Frau!
(Der alte Merenberg kommt.)
Merenberg. Wie geht's der Königin?
Elisabeth. Verwunderlich! Doch tut sie sich Gewalt, das sieht man wohl.
Merenberg. Wer ist bei ihr?
Elisabeth. Der Graf von Habsburg, Herr! O daß ich das erleben müssen! (Ab ins Zimmer der Königin.)
Merenberg. Sohn!
Seyfried (der gedankenvoll, auf seine Hallbarte gestützt, dagestanden hat). Ihr, Vater?
Merenberg. Hast du schon gehört?
Seyfried. Ja wohl!
Merenberg. Und sagst dazu?
Seyfried. Ich glaub's nicht, Vater!
Merenberg. Wie?
Seyfried. Nein, Vater! Und bin so ergrimmt darob, Daß ich den Lügnern mit der Hallbart hier Den Kopf einschlagen möchte, allgesamt.
Merenberg (zurücktretend). O weh, mein Sohn! schlag deinen Vater nicht! Denn ich glaub's auch.
Seyfried. Ihr auch?
Merenberg. Ich weiß, mein Sohn!
Seyfried. Wie? so ein Herr, ein Ritter, so ein König, Und täte schlimm an seinem eignen Wort, Die Frau verlassend, die ihm angetraut? Hab ich nicht knabenweis bei ihm gedient, Und war er mir ein Muster, Vorbild nicht Von jedem hohen Tun?
Merenberg. 's wird keiner bös, Der nicht, bevor er's ward, erst gut gewesen!
Seyfried. Und was ich Löblichs tat und Gutes dachte, An ihn hielt ich's und an sein adlig Walten, Gar tief beschämt ob des zu großen Abstands. Er hat die letzte Zeit mich schwer gekränkt, Ich durft' nicht mit ihm in die Ungarschlacht! Denn seht, er denkt wohl, daß ein alt Gefühl Für Berta noch von Rosenberg--Ihr wißt ja!-- O hätt' ich das aus seinem Leben fort, Den einz'gen Fleck, im andern steht er rein!-- Doch glaubt! sie haben ihn dazu verleitet, Die Rosenberg! Der Vater--pfui des Kupplers!
Merenberg. Denk was du willst, nur eines halt für wahr: Die Königin muß fort, und sie und ihre Diener, Das Ärgste haben sie, das Äußerste zu scheun.
Ich geh noch heute heim nach Merenberg, Auf meiner Väter Schloß, auch du mußt fort!
Seyfried. Wie, Vater?
Merenberg. Du! dies törichte Vertrauen Soll dich nicht selber an das Messer liefern. Du folgst mir nach, zum Schein; allein in Bruck Harrt dein ein treuer Knecht mit frischen Pferden, Und während man dich bei dem Vater glaubt, Eilst du nach Deutschland auf verborgnen Pfaden. Die Königin will sich ans Reich nicht wenden Mit ihrer Not; ich aber will's, hilft Gott! Ich will nicht sehn die Tochter meines Herrn Von Haus und Land vertrieben, ohne Schutz. Du gehst nach Frankfurt, und dies Schreiben gibst du (Er öffnet das Koller, in dem der Brief steckt) Dem Erzbischof von Mainz. Allein man kömmt, Wir sind bewacht, (indem er sich von ihm entfernt) Verschwiegenheit und Eile! Ein Tag zuviel ist dreißig Jahr zuwenig!
(Benesch von Diedicz und Milota kommen.)
Benesch. War nicht Herr Zawisch hier?
Seyfried (indem er sich abwendet). Ich sah ihn nicht!
Benesch. Er ritt doch nur ins Schloß!
Milota. Sei ruhig, Bruder!
Benesch. Was ruhig? Sieh, ich bin's! Der König wagt's nicht! Heiß ich nicht Rosenberg? Ist unser Haus Im ganzen Lande nicht das mächtigste? Und er sollt's wagen? Solchen Schimpf? Ha, Possen! Doch soll's heraus, wer das Gerücht ersann; Ich will ihn treffen, so--und so--und so! Bis in das vierte Glied!
(Berta von Diedicz kommt.)
Benesch. Ha, Närrin, du? Was willst du hier? Geh fort, auf dein Gemach!
Berta. Ich kann nicht bleiben, rastlos treibt's mich um. Sie eilen durch das Schloß und flüstern sich Entsetzliches mit scheuen Blicken zu. Sagt, Vater, ist es wahr?
Benesch. Das fragst du mich? Geh fort! von hier!
Berta. O Gott! wo find ich Menschen? (Indem sie auf Seyfried losgeht, zurückfahrend.) Ihr, Merenberg? Euch sollt' ich eher meiden, Vor allen Euch; und doch, Ihr seid ein Mensch! Ich hab Euch schwer beleidigt, Merenberg, Doch rächt Euch jetzt nicht, jetzt nicht! Seht mich knien. (Sie kniet.) Sagt, ist es wahr?
Seyfried. Was, Berta?
Berta. Ist es wahr? Des Königs Eh' getrennt!
Seyfried. Der Vater sagt's.
Berta. Die andern sagen's auch!--und er vermählt-- Zu späte Scham, ist jetzo Zeit zu schämen? Vermählt von neuem sich mit--
Seyfried (mitleidig). Nicht mit Berta Von Rosenberg!
(Sie drückt mit einem Ausruf ihr Gesicht an den Boden.)
Benesch (zu Seyfried). Wer sagt's Euch?--Her zu mir!
Milota (auf sie zugehend). Kommt, Nichte, kommt! Hier ist kein Platz für Euch!
Berta. O Seyfried, schütze mich!
Seyfried. Mit Gunst, Herr Milota! Wenn Ihr es wagt, die Hand an sie zu legen, So stoß ich Euch die Partisan in Leib. (Die Hallbarte gesenkt.)
Benesch. Und wenn ich selbst--!
Seyfried. Mir gleich!
Benesch. Verweigerst du dem Vater Sein Kind?
Seyfried. O hättet Ihr sie doch verweigert, Sie läge jetzt nicht stöhnend vor uns da, Daß mir das Herz im Innern um sich wendet!
Benesch. Wir hätten sie wohl dir vermählen sollen?
Seyfried. 's war besser, Herr, als jetzo solche Schmach!
Benesch. Mein Kind!
Seyfried. Zurück! Mir hat sie sich vertraut, Und ich weiß Anvertrautes zu bewahren!
Benesch. So soll mein Schwert!
Seyfried. Laßt sein! Du aber fürcht dich nicht!
(Zawisch tritt ein und bleibt beim Eingange laut lachend stehen.)
Zawisch. Ha, ha, ha, ha!
Benesch (der sich rasch umgewendet hat, da er Zawisch erblickt). Bist du's? Dich sendet Gott!
Zawisch. Was kämpft ihr denn, ihr hochgesinnten Jäger, So wutentzündet um des Bären Fell? Herr Petz trabt wohlgemut durch Berg und Tal Und weist euch seinerzeit wohl noch die Pranken. Schön Mühmchen, grüß Euch Gott! (Zu Seyfried.) Und Ihr, Herr Weidmann! Hebt Eure Feder und seht nicht so kraus; Ich bin kein Wild für Euch!
Benesch. Nun sag, erzähle!
Milota. Ja, Neffe, sprich!
Zawisch. Erzähle! Sprich! Ei, was denn?
Benesch. Der König--
Zawisch. Hat die Ungarn derb geschlagen, Bei Kroissenbrunn; (gegen Milota) Ihr, Ohm, wart ja dabei!
Benesch. Wer fragt um das?
Zawisch. Der Friede ist gemacht: Auf Österreich--
Benesch. Nicht doch!
Zawisch. Auf Steiermark--
Benesch. Willst du mein spotten?
Zawisch. Nu, was wollt ihr denn?
Benesch. Des Königs Ehe--
Zawisch. Ei, die ist getrennt!
Benesch. Die Handfest ausgefertigt?
Zawisch. Und besiegelt. Die Königin geht heute noch nach Wien. Von da--
Benesch. Und spricht man nicht?--Verdammt!--Mit wem-- (Gegen Berta hin.) Regst du dich noch?--Mit wem der König?--
Zawisch. Ah! Mit wem er sich zum zweitenmal vermählt? Ei, mit wem anders denn, als dort mit jener, Mit Eurer Tochter? Ihr habt's schlau gekartet! Erst führtet Ihr das Mädchen still ihm vor, Geschmückt! man konnte kaum was Schöners sehn! Dann halft der Armen Mangel Ihr an Witz Mit Euerm eignen nach. Was sie da Reden führte! Die Königin von Saba kann nicht besser! Zuletzt--nu, was weiß ich, was alles noch! Kurz, er ist ganz berückt, und gebt nur acht, Er kommt zur Stund' und freit um ihre Hand.
Berta (aufspringend). Zu ihr, zu ihr! zu ihren Füßen sterben! (Ab in der Königin Gemach.)
Zawisch. Ha, ha, ha, ha!
Merenberg. Herr Zawisch!
Zawisch. Lustig! lustig! Wir wollen auf des Königs Hochzeit tanzen! (Zu Seyfried.) Ihr habt ja auch vordem um sie gefreit? Weiß Gott! ich glaub, einmal zu Nacht, bei Wein, Gefiel mir selbst ihr rot und weiß Gesicht! Nu, gebt mir Eure Hand, Herr Bundesbruder! (Seyfried wendet sich ab.)
Milota. Wozu das tolle Wesen? Grad und kurz: Mit wem vermählt der König sich?
Zawisch. So kurz Als Eure Frage soll die Antwort sein! Mit Kunigunde von Massovien, Des Ungarkönigs Nichte.
Benesch. Gift und Pest!
Zawisch. Ihr wolltet selbst des Königs Eh' getrennt, Habt jahrelang euch weidlich drum bemüht; Sie ist getrennt--und er freit Belas Nichte.
Benesch (mit der Hand vor der Stirn). Verraten, hintergangen! Schändlich, schändlich!
Zawisch. Pocht nicht so hart an der Gedanken Tor, Wenn's früher schloß, macht jetzo doch nicht auf!
Benesch. Jetzt spottest du, und hast es selbst gebilligt!
Zawisch. Gebilligt, ich? den Unsinn, die Verrücktheit!
Benesch. Ja, du, und du!
Milota. Weil du Gewißheit vorgabst!--
Benesch. Bringt mir sie her, das Mädchen bringt mir her! Sie soll nicht leben! Sie und ich! Oh!--Oh!
Seyfried (herüberrufend). Schmäht Ihr das Mädchen? Schmähet auf Euch selbst! Wer hieß Euch glauben, daß für Eure Tochter Des Königs, ihres eignen Königs Hand--
Zawisch. Das ließ' sich allenfalls noch glauben, Herr! Ein Merenberg wär' toll, dächt' er an so was; Doch wir, die aus der Weltstadt Roma stammen, Von den Patriziern, die den Erdkreis beugten, Und, als Ursini, noch dem Throne stehn zunächst, Auf dem Sankt Peters Macht ob Herrschern herrschet; Wir mögen wohl nach Fürstenkronen trachten, Und eine Rosenberg mag kühn und frei Dem Besten sich vermählen dieser Erde: Auch--ha, ha, ha, ha, ha!
Milota (der sich gesetzt hat). Verdammt sein Lachen!
Zawisch. Die Tochter rast, der Vater rauft sein Haar, Und wir beweisen unsern alten Adel! Und wär' er älter als der Engel Fall, Der König winkt, und knall! liegt er am Boden.
Benesch. Doch eh' ich falle, Rache! (Milota anfassend.) Rache, Bruder!
Milota (der aufsteht). Ich sann soeben und gedenk zu handeln!
Zawisch. Regst du dich auch, vierschröt'ger Milota? Ei ja, da muß der König nun wohl zittern!
Benesch. Wenn du--wenn du dich unsrer Sach' entziehst, Bist du kein Rosenberg; ein Schurk'! Nicht wahr?
Milota. So ist's!
Zawisch. Ei ja! Wie führen wir's denn aus? Beim nächsten Kirchgang drück dich an den König Und tritt ihm auf den Fuß. Das schmerzt verzweifelt, Und so bist du gerächt!
Benesch. Er spottet unser? Mein Kopf! Mein Kopf!--Er ist kein Rosenberg!
Milota. Komm, Bruder, laß uns gehn! Wer lachen kann Bei seines Hauses Schmach, verdient--
Zawisch. Halt, Freund! Wer seid ihr denn, ihr beide, daß ihr schmäht? Die ihr auf offner Straße Rachepläne Zu tauben Wänden schreit und--offnen Ohren! Verschwört euch auf dem Markt und treibt im Zimmer Aufruhr! Herr Merenberg, nicht wahr, das nenn' ich Leute? Der Rausch des Zorns ist wie ein andrer Rausch: Das beste Mittel ist die frische Luft. Drum fort ins Freie, meine werten Herrn! Brennt unser Haus und können wir nicht löschen, So laßt uns wenigstens die Hände wärmen. Der König ist mein Herr, und damit holla!
Milota (ihm näher tretend). Fast glaub ich, Freund, du denkst mehr als du sprichst. Sag, wofür hältst du uns?
Zawisch (laut). Für wackre Leute: Was man verschweigt, erratet ihr auch nicht; Errietet ihr's, ihr könntet's nicht verschweigen! Es öffnet sich die Tür der Königin, Sie kommt, mit ihr der Großalmosenier, Der Graf von Habsburg. Laßt uns gehn, Wir wollen sie nicht in der Hora stören. (Ziehn sich zurück.)
(Die Königin tritt aus ihrem Zimmer mit Rudolf von Habsburg. Hinter ihr zwei Diener, die Bertan ohnmächtig in einem Lehnstuhl heraustragen. Daneben Frau Elisabeth, die sie unterstützt.)
Margarethe (im Auftreten gegen die zurückweichenden Rosenberge). Da gehn sie hin; wie dunkle Wetterwolken, Die, wenn sie sich entleert, nach Aufgang ziehn. (Gegen Berta gewendet.) Bringt sie in ihr Gemach und sorgt für sie, Nach wenig Augenblicken komm ich selbst.
Rudolf. Beinah zu viele Sorgfalt, gnäd'ge Frau! (Berta, von Verwandten umgeben, wird fortgebracht; auch beide Merenberge entfernen sich.)
Margarethe. Sie selbst ist kaum so schlimm, nur schwachen Geistes, Und töricht eitel, das hat sie verführt. Doch ihre Vettern, ihre Anverwandten, Der starre Milota, der Geifrer Benesch, Und Zawisch, jener Schlimmste wohl von allen, Mit Reichtum, Macht und Hoffnung auf den Thron-- Ja, so weit ging der Übermüt'gen Stolz-- Verlockten sie das leichtbetörte Kind. Seit lange sah ich sie, die bösen Engel Des Königs, meines Herrn, verstohlen reißen An den nur allzuschwachen Banden, die Kaum Ottokarn noch fesselten an mich. Ich hörte, wie sie seinen Wunsch nach Erben, Nach angebornen Folgern seines Throns, Mit heuchlerischem Mitleid listig nährten.-- Ein Wunsch, gar wohl verzeihlich einem König! Doch was soll Erbrecht, das aus Unrecht stammt? Sie waren es, die dieser Ehe Trennung Mit unermüdlicher Geschäftigkeit Und ohne Auftrag fast des Königs trieben; Denn eine ihres Hauses hofften sie Zu setzen auf der Böhmen Herrscherthron: Die Arme, die jetzt mit dem Wahnsinn ringt! Wie oft war sie an Festen mir genüber, Mit Schmuck bedeckt, des Hofes Schwall um sie; Indes ich einsam saß mit meinem Gram. Der König Augen nur für ihren Reiz Und Ohr für ihren Wunsch, des Mundes Dräun Zur Schmeichelei herabgestimmt für sie. Sie aber froh und stolz und überselig, Wohl gar verächtlich blickend hin auf mich. Da fühlt' ich Mitleid mit dem armen Opfer Und nahm mir vor, am Tage ihres Falls Ihr mild zu sein und hilfreich ihrem Unglück. O Ottokar, wie viel nimmst du auf dich!
Rudolf. Vergeßt nicht ob der Unbild an der Fremden Der eignen, größern Unbild, gnäd'ge Frau!
Margarethe. O glaubt nicht, daß den König ich entschuldige! Fern sei von mir, daß ich je Böses lobe! Er handelt unrecht, unerlaubt an mir, Und sagen will ich's ihm, tret ich vor ihn. Bin ich nicht jung; ich hab es nie verhehlt! Hat Gram der Züge Reiz mir ausgelöscht; Er sah mich ja, bevor er um mich warb! Vermißt er Munterkeit an mir und Scherz; Wer hieß den Muntern denn zur Freite gehn Bei der unsel'gen Königin der Tränen, Zum Grab gebeugt durch all der Ihren Tod? Seitdem mit diesen Augen ich gesehn, Im grausen Kerker von Apulien, Den röm'schen König Heinrich, meinen Gatten, Des harten Friedrich allzu weichen Sohn, Von nahverwandten Händen liegen tot, Und tot die beiden hoffnungsvollen Kleinen, Die ihm mein Schoß, seitdem verschlossen, trug; War Lust ein Fremdling dieser öden Brust, Und Lächeln floh entsetzt von meinen Lippen, Die Gram und Schmerz mit seinem Siegel schloß.
Was gibt man an als unsrer Trennung Grund? Den ersten weiß ich: ich bin kinderlos Und ohne Hoffnung, je ein Kind zu säugen; Weil ich nicht will, weit mehr noch als nicht kann! Das wußte Ottokar, als er mich freite, Ich sagt' ihm's, und er nahm es für genehm; Denn auf mein reiches Erb' von Österreich War da sein Sinn gestellt und seines Vaters, Des ländersücht'gen König Wenzeslav. Was will der König also? Kinder, Erben? Ein Bettlerkind säß' besser auf dem Thron, Als Königssöhne, die das Unrecht zeugte!
Was gibt man weiter an, als fernern Grund?
Rudolf. Verwandt seid Ihr in unerlaubtem Grad.
Margarethe. Man hat in meiner Jugend mir erzählt Von einem Bela wohl und einem Geysa, Die Brüder waren, Töchter hatten und Nach Österreich und Böhmen sie vermählten In Väter Väterszeit. Der König spottet! Es sind die Fürstenhäuser alle sich verwandt, Und solchen Grads Erlassung fällt nicht schwer. Auch hat man anfangs dessen nicht erwähnt!
Rudolf. Erinnrung kam mit der gelegnen Zeit!
Margarethe. Glaubt nicht, daß mich bekümmert, fortzugehn, Daß es mir leid tut um des Hofes Ehren! O könnt' ich jetzt, in diesem Augenblick, Weit hinter mir der Krone Glanz und Pracht, Nach Haimburg hin, in meiner Väter Schloß, Allwo ich saß nach meines Gatten Tod Und sein und meiner Kinder Fall beweinte! Der König sende heute noch mich fort, Ich will ihm danken, wie ich nie gedankt! Doch soll er mir die Ehe nicht betasten, Beflecken nicht das Band, das uns vereint, Und so der jüngstverfloßnen Jahre Lauf Zum Greuel machen und zum Ärgernis!
Ich habe diese Krone nicht gesucht! Auf Haimburg saß ich, meines Grams gedenkend, Beinah dem allgemeinen Elend taub: Denn Brand und Raub verwüstete mein Land; Der Ungar hier, der Baier dort, der Böhme, Sie hausten mit dem Schwert in Österreich, Verderbend meiner Väter schönes Erbe. Da tagten sie, die Herrn, zu Triebensee, Wie sie dem Wesen einen Vogt gewännen, Und Boten sandten sie ins Meißnerland, Von dorther einen Fürsten sich zu holen, Konstanzias, der Babenbergrin, Sohn. Die Boten aber fing der König auf, Der damals herrscht' in Böhmen, Wenzeslav, Der Listige; und ließ nicht eher ab Mit Bitten, Drohn, Versprechen und Geschenken, Bis seinem Sohn, bis diesem Ottokar Der Herren Wahl, des Landes Herrschaft wurde. Der wollte, jener nicht; und neuer Krieg Durchflammte glühnder meines Landes Fluren. Da traten zu mir hin, auf Haimburgs Schloß, Die Landesherrn und klagten ihre Not. Ein Mittel als das einz'ge nannten sie: Des Stärksten Recht durch meines zu verstärken, Durch Ottokars Vermählung und die meine Mit Böhmen zu vereinen Österreich. Ich sagte: Nein! gedenkend meines Gatten, Der meine Treue mit sich nahm ins Grab. Da führten sie mich auf des Schlosses Söller Und zeigten mir das glutversengte Land, Die Felder nackt, die Hütten leer, die Menschen tot. Von Weibern, Kindern, Blutenden, Verletzten Sah ich mit Schaudern, heulend, mich umgeben, Zu mir um Rettung flehend, die's vermochte. Da wollt' ich alles und versprach es ihnen! Sie aber brachten Ottokarn zu mir, Mir ihn bezeichnend als den künft'gen Gatten. Mit schwarzem Aug' aus schwarzen Brauen blickend, Stand er in scheuer Ferne sinnend da-- Und maß, der Jüngling, mich, die Alternde. Allein des Landes Not bei mir gedenkend, Trat ich zu ihm und sprach ihn freundlich an; Und so ward ich sein Weib. Ich hab ihn nie geliebt; Ich dachte nie, ob ich ihn lieben könnte: Doch sorgt' ich still für ihn, und wie ich sorgte, Fand ein Gefühl sich mir im Innern ein, Das allen Schmerz der Liebe kennt, wenn auch Nichts von der Liebe Glück. So war's mit uns. Nun urteilt, ob Entfernung mich erschreckt. Ja, ich will gehn, doch bleibt die Ehe fest, Nichts ward verletzt, was ihren Bruch begehrte.
Rudolf. Von einem spricht man noch: daß Ihr zu Trier, Nach Eures Gatten, König Heinrichs Tod, Nicht mehr Euch zu vermählen feierlich gelobt. Doch ist's Erdichtung wohl!
Margarethe. Nein, das ist wahr! Es war kein feierlich Gelübd', kein solches, Das andre Bande kirchlich brechen könnte; Doch hab ich es gelobt--und hätt' es halten sollen!
Zu Trier lag ich im Gebet vor Gott, Und ew'ge Treu und ew'gen Witwenstand Gelobt' ich meinem Gatten, König Heinrich. Nicht Manneshände sollten je berühren Den kleinsten Finger mir, des Kleides Saum, Und selbst ein Weib nicht meine Lippen küssen, Die einst an Heinrichs teurem Mund geruht. Ja, ich gelobt's, und alles Unheil rief ich, Wenn ich's je bräche, nieder auf mein Haupt. Das Unheil, merk ich, tut, was seines Amtes. Nochmal, es war kein feierlich Gelübd'! Ich tat's nur mir und meines Heinrich Schatten! Doch war's Gelübd', ich hätt' es halten sollen!
Rudolf. Was, gnäd'ge Frau, soll ich dem König melden?
Margarethe. Wie rasch wir sind, an andern das zu tadeln, Was selber wir, wenn minder gleich, verübt! Sagt König Ottokar, Herr Graf von Habsburg: Das Ganze legt' ich ihm auf sein Gewissen, Was er entscheide, das sei mir genehm.
Rudolf. Ihr willigt ein?
Margarethe. Ich widerspreche nicht.
Rudolf. Doch man verlangt zugleich, daß ab Ihr tretet, Das Land von Österreich und das von Steier, Der Babenberger Gut.
Margarethe. Ich hab's getan.
Rudolf. Doch war es Schenkung um der Ehe wegen, Der Ehe Trennung hebt die Schenkung auf.
Margarethe. Ich will sie wiederholen.
Rudolf. Auch bedenkt, Daß jene Lande Reicheslehen sind, Dem Reich erledigt und nicht Euch gehörig.
Margarethe. So weit mein Recht geht, geb ich es dahin. Sagt das dem König, und zugleich: Er soll vor Unrecht sorglich sich bewahren; Denn auch das kleine rächt sich. So lebt wohl!
(Trompeten und Lärm auf der Straße.)
Der alte Merenberg (tritt ein). Der König kommt.
Margarethe. Gerechter Gott!--Ich will Zu stärken mich versuchen durch Gebet. (Sie entläßt die beiden durch eine Handbewegung und geht in ihr Gemach. Die andern auf der entgegengesetzten Seite ab.)
Thronsaal mit gotischen Bogen und Säulen. Der Thron an der zweiten Kulisse rechts. Im Vorgrunde zu beiden Seiten ein reichbedeckter Tisch mit einem Armstuhl.
Kriegerische Musik, Trompetensignale und Volkszuruf von außen. Böhmische Große und Krieger treten, vom Hintergrunde her, auf und stellen sich teils neben den Thron, teils gegenüber in Reihen. Links im Vorgrunde eine Deputation der Stadt Prag mit dem Bürgermeister an der Spitze. Die Mitte des Hintergrundes nimmt eine tartarische Gesandtschaft ein, Der Kanzler (tritt auf). Der König kommt!
Alle. Hoch lebe Ottokar!
Ottokar (tritt ganz gerüstet, jedoch ohne Helm, vom Hintergrunde her rasch auf). Habt Dank, ihr Herrn! (Er bleibt vor den tartarischen Gesandten stehen, die auf die Kniee niedergefallen sind.) Wer sind die Leute da?
Kanzler. Gesandte, Herr, des Khanes der Tartaren; Sie bringen Gruß und bieten Freundschaftsbund.
Ottokar. Heißt sie nur aufstehn!--Hört ihr? Auf vom Boden! Ein sonderbares Volk und sonderbar bewaffnet! Weist her den Säbel! (Er wiegt ihn in der Hand.) Viel zu krumm gebogen! (Er tut einen Hieb in die Luft.) Das nimmt dem Hieb die Kraft. Das müßt ihr ändern! Ein krummes Schwert mag angehn; doch der Kraftpunkt Soll mehr nach oben. Einer meiner Reiter Jagt euer zehn mit seinem breiten Schwert! (Er gibt den Säbel zurück.) Und sonst die Rüstung! Wozu soll der Haarschopf Da oben auf dem Scheitel? Für den Feind wohl? Der faßt sich seinen Mann, zieht ihn vom Pferde Und würgt ihn wie er mag. Wär' ich ihr König, In einer Nacht ließ ich sie alle scheren! Sie sollen gehn und morgen wiederkommen!
(Die Tartaren ab.)
Ottokar (im Vortreten). Nun, haben wir's euch recht gemacht, ihr Herrn? Vor Ungarn mögt ihr künftig ruhig schlafen; Wir haben sie gejagt.--Was gibt es sonst?
(Die Deputation der Stadt Prag ist vorgetreten.)
Ottokar. Wer seid ihr!
Bürgermeister. Rat und Bürgermeister, Herr, Von Eurer vielgetreuen Pragerstadt.
Ottokar. Was wollt ihr?--Ah!--Nur immer zu, ihr Herrn! Ich bin ermüdet, nehmt mir meine Waffen!
(Er wirft sich in einen Lehnstuhl links im Vorgrunde. Zwei Diener sind beschäftigt, ihn zu entwaffnen.)
Bürgermeister. Großmächtigster! Unüberwindlichster! Es drang zu uns die Fama deines Siegs, Und--
Ottokar. Füllenstein!
Füllenstein. Hier bin ich, gnäd'ger Herr! (Tritt vor.)
Ottokar. Wie hieß der Platz, wo wir die Ungarn jagten?
Füllenstein. Bei Kroissenbrunn.
Ottokar. Hans Narr, da war das Lager! Glaubst du, ich weiß den Ort nicht, wo ich stand? Ich mein den Platz des letzten Reiterangriffs, Der ganz entschied.
Füllenstein. Man nennt den Ort Marchegg, Weil in die Ecke dort die March sich wendet.