Part 6
Fünfte Scene. (Während daß Herr Silence und Sir John im Streit begriffen sind, wer den andern zu Boden trinken könne, kommt Pistol von London an, und unterbricht das Landjunkerische Bacchanal durch frohe Zeitungen vom Hofe, die er ankündiget, ohne gleich zu sagen, worinn sie bestehen. Dieses giebt unserm Autor Anlas zu einer kleinen spöttischen Parodie eines abgeschmakten Schauspiels vom König Cophetua, so vermuthlich damals noch von Marionetten-Spielern oder andern Comödianten von dieser Art gespielt wurde; endlich macht die Weisheit des Hrn. Schallow dem Mißverständniß auf folgende Art ein Ende:)
Schallow. Um Vergebung, Sir: Wenn ihr mit neuen Zeitungen vom Hofe kommt, Sir, so sind, wie ich's begreiffe, nur zwey Wege; entweder ihr müßt sie sagen, oder ihr müßt verschweigen. Ich bin unter dem König in einiger Autorität, Herr.
Pistol. Unter welchem König? Nichtswürdiger, sprich oder stirb!*
{ed. * Dieser Vers scheint wieder eine Parodie zu seyn.}
Schallow. Unterm König Heinrich!
Pistol. Heinrich dem vierten oder dem fünften?
Schallow. Heinrich dem vierten.
Pistol. So geb' ich dir einen T** für dein Amt. Sir John, dein zartes Lämmchen ist nun König. Heinrich der fünfte ist der Mann. Was ich sag' muß wahr seyn. Wenn Pistol lügt, so thut das, und prellt mich wie den prahlenden Spanier.
Falstaff. Was, ist der alte König todt?
Pistol. Wie ein Nagel in der Thür; das muß wahr seyn.
Falstaff. Auf, Bardolph, sattle mir mein Pferd. Herr Robert Schallow, such' dir ein Amt im Königreich aus, was für eins du willt, es ist dein; Pistol, ich will dich doppelt mit Ehrenstellen beladen.
Bardolph. O freundenvoller Tag! Ich wollte kein Ritter-Gut um mein Glük nehmen.
Pistol. Gelt! Ich bringe gute Zeitungen?
Falstaff. Tragt Herrn Silence zu Bette: Herr Schallow, Milord Schallow, sag nur was du seyn willst, ich bin Fortuna's Haushofmeister--Zieh deine Stiefel an, wir wollen die ganze Nacht durch reiten. O! süsser Pistol, sag mir noch mehr, und vergiß mit allem dem nicht, dich zu besinnen, was du gern hättest. Stiefel, Stiefel an, Herr Schallow. Ich weiß, der junge König schmachtet nach mir. Wir wollen Pferde nehmen, wo wir sie finden, die Geseze von England stehen izt zu meinem Befehl. Glüklich sind die, die sich meine Freunde nennen können; und weh dem Milord Ober-Richter!
Sechste Scene. (Verwandelt sich in eine Strasse von London.) (Die Wirthin und Dortchen Tear-Scheet, von Zween Bütteln geführt, treten auf.) (Eine kleine Scene, von der pöbelhaftesten und unanständigsten Art, die sich nicht übersezen läßt.)
Siebende Scene. (Ein öffentlicher Plaz nicht weit von der Westmünster-Abbtey.) (Zween Bediente von Hof die den Boden mit Binsen bestreuen.)
1. Bedienter. Mehr Binsen, mehr Binsen!
2. Bedienter. Die Trompeten haben schon zum zweytenmal geblasen.
1. Bedienter. Es wird zwey Uhr seyn, eh sie von der Crönung zurük kommen.
(Sie gehen ab.)
(Falstaff, Schallow, Pistol, Bardolph und der kleine Lakey treten auf.)
Falstaff. Steht hier, neben mich, Herr Robert Schallow, ich will machen, daß der König euch eine Gnade erweisen soll: Ich will ihn von der Seite anschielen, wenn er kommt, und gebt nur acht, was er mir für ein Gesicht machen wird--Komm hieher, Pistol, steh' hinter mich. O! wenn ich nur Zeit gehabt hätte, neue Livreen machen zu lassen, ich wollte die tausend Pfund dazu angewandt haben, die ich von euch borgte. Aber es hat nichts zu bedeuten, dieser schlechte Aufzug ist besser; er zeigt an, wie groß mein Verlangen war ihn zu sehen.
Schallow. Das thut es.
Falstaff. Es zeigt die Heftigkeit meiner Liebe an.
Schallow. Das thut es.
Falstaff. Meine Devotion.
Pistol. Das thut es, das thut es, das thut es.
Falstaff. Tag und Nacht zu reiten, und sich nicht einmal so viel Zeit zu nehmen, sich nicht einmal zu besinnen noch Geduld zu haben, ein weisses Hemd anzuziehen.
Schallow. Das ist gewiß!
Falstaff. Sondern so beschmuzt, wie man von der Reise kommt, dazustehen, und vor Begierde ihn zu sehen schwizen, an nichts anders denken, alles andre vergessen, als ob sonst nichts in der Welt zu thun wäre, als ihn zu sehen.
Schallow. So ist es, in der That.
Pistol. Mein Ritter, ich muß dir was sagen, daß deine edle Leber in Flammen sezen wird: Dein Dortchen, die Helena deiner edeln Gedanken ligt in tiefer Noth und in anstekendem Gefängniß, von schmuzigen mechanischen Händen weggeschleppt. Laß die Rache mit Alectos Schlangen-Haaren aus ihrer düstern Höhle hervorstürmen, Dortchen ist eingestekt. Was Pistol sagt, muß wahr seyn.
Falstaff. Ich will sie in Freyheit sezen.
Pistol. Da heulte die See; die Trompeten schallen.
Achte Scene. (Der König tritt mit seinem ganzen Gefolge auf.)
Falstaff. Heil dir, König Hal; Heil, mein königlicher Hal.
Pistol. Der Himmel schüze dich, du ruhmvolles Reis von königlichem Stamm!
Falstaff. Gott grüß dich, mein süsser Junge!
König Heinrich. Milord Ober-Richter, sprecht zu diesem thörichten Mann.
Lord Ober-Richter. Seyd ihr bey Sinnen? Wißt ihr auch was ihr redt?
Falstaff. Mein König, mein Jupiter; ich rede mit dir, mein Herz.
König Heinrich. Ich kenne dich nicht, alter Mann; bereite dich zu deinem Tode: Wie übel stehen graue Haare einem Narren und Pikelhäring an! Ich habe lange von einem solchen Mann geträumt, der so von Schwelgerey aufgeschwollen, so alt und so ruchlos war; aber da ich erwacht bin, verschmäh' ich meinen Traum. Sorge daß dein Bauch kleiner--zurük!-- und dein Werth grösser werde; laß dein Schwelgen; bedenke, daß das Grab seinen Rachen dreymal weiter gegen dich aufsperrt, als gegen andre Leute--Antworte mir keinen abgeschmakten Spaß auf diß; bilde dir nicht ein, daß ich das Ding bin das ich war; der Himmel weiß, und die Welt soll es gewahr werden, daß ich mein vormaliges Selbst von mir geworffen habe, und so will ich's auch mit meiner Gesellschaft machen. Wenn du hören wirst, ich sey wie ich war, dann komm zu mir, und du sollt seyn was du warst, der Vormünder und Pfleger meiner Auschweiffungen. Bis dahin verbann' ich dich, bey Straffe des Todes, dich und den Rest meiner Verführer, euch niemals unter zehn Meilen meiner Person zu nähern. Ich will euch den nöthigen Unterhalt reichen lassen, damit euch Dürftigkeit nicht nöthige böses zu thun; und so wie wir hören werden, daß ihr euch bessert, wollen wir euch, euerm Stand und eurer Tüchtigkeit nach, Befördrung geben--Sorget dafür, Milord, daß diesem unserm Willen nachgelebt werde. Weiter fort!--
(Der König und sein Gefolge gehen ab.)
Neunte Scene.
Falstaff. Herr Schallow, ich bin euch tausend Pfund schuldig.
Schallow. Ja, mein Seel, Sir John, und ich bitte euch, gebt sie mir wieder mit heim.
Falstaff. Das kan schwerlich seyn, Herr Schallow. Macht euch keine Gedanken hierüber; er wird in Geheim nach mir schiken; seht ihr, er mußte vor den Leuten so dergleichen thun. Seyd ohne Sorge wegen eurer Beförderung, ich will doch der Mann seyn, der euch groß machen soll.
Schallow. Ich kan nicht begreiffen wie das zugehen müßte, ausser wenn ihr mir euer Wamms gebt, und mich mit Stroh ausstopft. Ich bitte euch, guter Sir John, gebt mir nur wenigstens fünfhundert Pfund.
Falstaff. Sir, mein Wort ist eben so viel. Was ihr das hörtet, war nur Verstellung, ein Kunstgriff, wie ich sage; kommt mit mir zum Mittag- Essen; kommt, Lieutenant Pistol: kommt, Bardolph. Er wird heute Nacht bald nach mir schiken. (Der Lord Ober-Richter und Lancaster treten auf.)
Lord Ober-Richter (zu seinem Gefolge.) Geht, bringt Sir John Falstaffen in den Fleet. Nehmt seine ganze Gesellschaft mit.
Falstaff. Milord, Milord,--
Ober-Richter. Ich kan izt nicht reden; ich will bald mehr von euch hören. Führt sie fort.
Pistol (singt.) Si fortuna me tormenta, il sperare me contenta.)
(Sie gehen ab.)
(Lancaster und Lord Ober-Richter bleiben.)
Lancaster. Dieses Verfahren des Königs gefällt mir, es ist edel. Er will, daß seine gewohnten Gesellschafter mit allem Nöthigen versorgt seyn sollen; aber sie sind verbannt, bis eine bessere Aufführung sie mit der Welt ausgesöhnt haben wird.
Lord Ober-Richter. Das sind sie.
Lancaster. Der König hat sein Parlament zusammen beruffen Milord.
Lord Ober-Richter. Er hat.
Lancaster. Ich wollte wetten, daß wir, eh diß Jahr zu Ende ist, unsre bürgerlichen Schwerdter nach Frankreich tragen werden. Ich hörte einen Vogel so singen, dessen Musik, wie mich däuchte, dem König wol gefiel. Kommt, wollen wir gehen?
(Sie gehen ab.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Zweyte Theil von König Heinrich dem vierten, der seinen Tod, und die Crönung von Heinrich dem fünften enthält, von William Shakespeare.
Übersetzt von Christoph Martin Wieland.