König Heinrich der vierte. Der Zweyte Theil, der seinen Tod, und die Crönung von Heinrich dem fünften enthält.

Part 4

Chapter 43,661 wordsPublic domain

Hastings. Hat der Prinz John Vollmacht von seinem Vater, sich auf alle Bedingungen, worauf wir schlechterdings bestehen mögen, einzulassen, und den Vergleich einzurichten, wie es ihm und uns gefallen mag?

Westmorland. Das ligt in dem Namen unsers Generals; mich wundert, wie ihr eine so überflüßige Frage thun möget.

York. Wenn dieses ist, Milord von Westmorland, so nehmt dieses Papier; es enthält alle unsre Beschwerungen: Wird allen hierinn erwähnten Puncten abgeholfen, uns und allen unsern Anhängern, gegenwärtigen und abwesenden, der Pardon in gehöriger Form ertheilt, und eine vollständige Sicherheit unsrer Freyheit und unsers Eigenthums für's Künftige gewähret werden; so sind wir bereit die Waffen niederzulegen, und in unsre gesezmäßige Ordnung wieder einzutreten.

Westmorland. Ich will es dem Feldherrn überbringen. Gefällt es euch, Milords, so wollen wir im Gesicht unsrer beydseitigen Armeen wieder zusammen kommen, um entweder die Sache gütlich zu enden, (welches der Himmel geben wolle!) oder die Schwerdter sogleich herbeyzuruffen, die den Ausschlag geben müssen.

York. Wir sind es zufrieden, Milord.

(Westmorland geht ab.)

Dritte Scene.

Mowbray. Es ist etwas in meinem Busen, das mir sagt, unser Friede werde unter keinerley Bedingungen Bestand haben.

Hastings. Besorget das nicht; wenn wir unsern Frieden unter so ausgedehnten und vortheilhaften Bedingungen erhalten, als diejenige, worauf wir schlechterdings bestehen wollen; so wird er so feste stehen, als ein felsichtes Gebürge.

Mowbray. Gut; aber alle diese Bedingungen werden uns doch nie das Zutrauen des Königs geben; wir werden immer mit einem Auge beobachtet werden, das voraus geneigt ist, uns schuldig zu finden; und die schlechteste Ursache, der eitelste Schatten eines Verdachts wird das Andenken dieser That wieder aufweken. Unsre künftige Treue mag den flammenden Eifer der Märtyrer haben, sie wird doch immer zu kalt befunden werden; und das argwöhnische Auge des Vorurtheils wird in unsern Verdiensten selbst Entwürfe neuer Verbrechen sehen.

York. Nein, nein Milord; glaubt mir, der König ist dieser allzugrossen Schärfe und dieser nagenden Besorgnisse selbst überdrüßig; er hat gefunden daß jeder Argwohn, dem er durch den Tod ein Ende macht, zween Grössere in den Ueberlebenden erwekt. Er wird also seine Schreibtafel rein auswischen, und, um seiner gegenwärtigen Ruhe willen, die Erinnrung vergangner Unruhen von sich entfernt halten. Denn er weiß allzuwol, daß er dieses Land nicht so genau ausjäten kan, als seine argwöhnische Gemüthsart es wünschte. Seine Feinde sind so sehr mit seinen Freunden zusammengewurzelt, daß er keinen Feind ausreuten kan, ohne zugleich einen Freund zu entkräften. So daß dieses Land, wie ein böses Weib, das seinen Mann so sehr aufgebracht hat, ihr Schläge anzubieten, indem er schlagen will, ihm sein Kind entgegen strekt, und dadurch die beschloßne Züchtigung in seinem aufgehobnen Arm zurük hält.

Hastings. Ueberdem hat der König an den neulichen Verbrechern alle seine Ruthen abgenuzt, so daß es ihm izt sogar an Werkzeugen zur Züchtigung fehlt; und seine Macht, wie ein Löwe dem die Klauen benommen sind, zwar drohen, aber nicht fassen kan.

York. Es ist in der That so; seyd also versichert, mein lieber Lord Marschall, daß wenn wir mit dem König nur erst recht ausgesöhnt sind, unser Frieden, wie ein gebrochnes Glied das wieder eingerichtet worden, nur desto stärker werden soll.

Mowbray. Ich wünsch' es. Hier kommt Milord von Westmorland zurük. (Westmorland zu den Vorigen.)

Westmorland. Der Prinz ist nicht weit von hier; gefällt es euch, Milords, mit seiner Durchlaucht, in gleicher Entfernung von beyden Armeen zusammen zu kommen?

Mowbray. Milord von York, so gehet dann in Gottes Namen voran.

York. Gehet ihr voran, und grüsset seine Durchlaucht: Milord, wir kommen.

Vierte Scene. (Prinz John von Lancaster tritt auf.)

Lancaster. Mir ist angenehm, mein Vetter Mowbray, euch hier anzutreffen; guten Tag, mein lieber Lord Erzbischoff, und so euch, Lord Hastings, und allen. Milord von York, ihr hattet ein weit bessers Ansehen, wenn euch eure Heerde, von der Gloke versammelt, umzirkelte, voller Ehrfurcht eure Erklärung des heiligen Texts anzuhören, als izt in dieser Gestalt eines eisernen Mannes, in der ihr eine Rotte von Aufrührern mit der Trummel aufreizet, um das Wort in Schwerdt, und Leben in Tod zu verwandeln. Der Mann, der das Herz eines Monarchen hat, und im Sonnenschein seiner Gewogenheit reift, wie viel Böses, wenn er die Macht des Königs mißbrauchen wollte, wie viel Unheil könnte er im Schatten eines solchen Ansehens anrichten? So ist es mit euch bewandt, Lord Bischoff. Wer hat nicht davon gehört, wie tief eure Einsicht in die Bücher des Himmels ist? In unsern Augen seyd ihr der Sprecher in seinem Parlament; wir glauben die Stimme des Himmels selbst zu hören, wenn wir euch hören; wir sehen euch als den Canal an, durch den die Gnaden des Himmels zu uns fliessen, und durch den wir ihm unsre Bitten vortragen. O! wer muß nicht glauben, daß ihr das ehrwürdige Ansehen euers Amts mißbraucht, und gleich einem treulosen Günstling, den Namen euers Fürsten zu Ausübung böser Thaten gelten macht? Ihr habt unter einem verstellten Eifer für die Sache Gottes, die Unterthanen seines Statthalters, meines Vaters, aufgewigelt, und sie, beydes gegen den Himmel und gegen ihn, in diesen Schwarm hier zusammen getrieben.

York. Gnädigster Herr, ich bin nicht gegen euern Vater hier; sondern, wie ich bereits dem Lord von Westmorland sagte, die Verwirrung dieser Zeiten treibt uns zusammen, und gruppiert uns in diese ungeheure Form, um unsre Sicherheit zu erhalten. Ich sandte Eu. Durchlaucht die besondern Puncte, worinn wir uns beschwert befinden, und womit wir bey Hofe mit Verachtung abgewiesen worden sind. Daher dieser Aufstand, der durch Gewährung unsrer gerechten Forderungen augenbliklich wieder gestillet werden kan, um zahm und unterwürfig sich zu den Füssen der Majestät hinzulegen.

Mowbray. Wo nicht, so sind wir bereit, unser Glük bis auf den lezten Mann zu versuchen.

Westmorland. Gefällt es Euer Durchlaucht, ihnen darauf zu antworten, in wie fern ihr ihre Artikel genehmiget?

Lancaster. Ich genehmige sie alle, und gestehe sie alle zu; und hier schwör ich, bey dem ehrenvollen Blut von dem ich stamme, meines Vaters Absichten sind mißgedeutet worden, und es sind einige um ihn, die seinen Willen und seine Autorität mit einer übertriebnen Schärfe gelten gemacht haben. Milord, diese Beschwerden sollen schleunig gehoben werden, bey meinem Leben! sie sollen. Wenn ihr hiemit zufrieden seyd, so entlaßt eure Truppen, wie wir mit den unsrigen thun werden; und laßt uns hier zwischen beyden Heeren uns umarmen, und auf unsre wiederhergestellte Freundschaft trinken, damit ihrer allen Augen diese Pfänder unsrer Aussöhnung mit nach Hause tragen mögen.

York. Ich nehme euer Fürstliches Wort für die Abstellung dieser Beschwerden.

Lancaster. Ich geb' es euch, und will es behaupten; und hiemit trink ich Eu. Gnaden zu.

Hastings (zu Coleville.) Geh, Hauptmann, und kündige der Armee diese Friedens-Zeitung an; laß sie ihren Sold haben und gehen; ich weiß, es wird ihnen angenehm seyn. Beschleunige dich, Hauptmann.

(Coleville geht ab.)

York. Auf euer Wohlseyn, Milord von Westmorland.

Westmorland. Ich werde Eu. Gnaden Bescheid thun, und wenn ihr wißtet, wie viele Mühe ich angewandt habe, diesen Frieden zu Stande zu bringen, ihr würdet desto muntrer trinken; aber ich werde künftig Anlas haben, euch meine Freundschaft deutlicher zu zeigen.

York. Ich seze keine Zweifel in sie.

Westmorland. Es erfreut mich. Auf eure Gesundheit, Milord und Vetter Mowbray.

Mowbray. Die Gesundheit die ihr mir wünscht, käme sehr gelegen, denn es wird mir plözlich etwas übel.

York. Vor schlimmen Zufällen sind die Menschen gemeiniglich munter, und Bangigkeit ist oft der Vorbote einer glüklichen Begebenheit.

Westmorland. Seyd also munter, Vetter, weil diese plözlichen Anstösse von Bangigkeit von so glüklicher Bedeutung sind.

York. Glaubt mir, es ist mir ungemein leicht ums Herz.

Mowbray. Desto schlimmer, wenn eure eigne Regel wahr ist.

(Man hört ein Freuden-Geschrey.)

Lancaster. Der Friede ist angekündigt; horcht! wie sie froloken.

Mowbray. Nach einem Sieg würde das angenehm getönt haben.

York. Ein Frieden ist die glüklichste Art von Erobrung; beyde Theile sind dann überwunden, und keiner verliehrt.

Lancaster (zu Westmorland.) Geht, Milord, und entlaßt auch unsre Armee.

(Westmorland geht ab.)

Und wenn es euch gefällt, mein lieber Lord, so wollen wir die Truppen bey uns vorbeyziehen lassen, damit wir sehen, mit was für Leuten wir uns hätten messen sollen.

York. Geht, Lord Hastings, und laßt sie hier vorbey ziehen, eh sie auseinander gehen.

(Hastings geht ab.)

Lancaster. Ich hoffe, Milords, wir werden diese Nacht beysammen ligen.

Fünfte Scene. (Westmorland kommt zurük.)

Lancaster. Nun, Vetter, warum bleibt unsre Armee stehen?

Westmorland. Die Officiers, welche den Befehl, Stand zu halten, aus Eu. Durchlaucht Mund haben, wollen nicht gehen, bis sie den Befehl dazu von Euch selbst bekommen würden.

Lancaster. Sie kennen ihre Schuldigkeit. (Hastings kommt zurük.)

Hastings. Milord, unsre Armee ist bereits zerstreut: Gleich jungen noch unbejochten Stieren rennten sie gegen Ost, West, Süd und Nord davon; oder wie, wenn die Schule aus ist, die Schul-Jungens in wimmelndem Gedräng hervor stürmen, und jeder seinem Haus oder seinem Spielplaz zuspringt.

Westmorland. Eine gute Zeitung, Milord Hastings, für welche ich dich, Verräther, und euch, Lord Erzbischoff, und euch, Lord Mowbray, sämtlich als des Hochverraths schuldig in Verhaft nehme.

Mowbray. Ist das ein erlaubtes und rechtschaffnes Verfahren?

Westmorland. War es euer Aufstand?

York. Brecht ihr eure Treue so?

Lancaster. Ich versprach euch keine; ich versprach euch, daß diesen Beschwerden abgeholfen werden sollte, worüber ihr klagtet, und bey meiner Ehre, ich will es mit der christlichen Sorgfalt halten. Ihr aber, Empörer, empfangt den Lohn eurer Thaten. Der Ausgang eurer thörichten Unternehmung entspricht der Unbesonnenheit ihres Anfangs-- Laßt unsre Trummeln rühren, verfolgt die zerstreuten Flüchtlinge, der Himmel, nicht wir, hat an diesem Tag einen unblutigen Sieg für uns erfochten--Man sorge davor, daß diese Verräther bis zu ihrem Todes-Urtheil wol verwahret werden.

(Sie gehen ab.)

Sechste Scene. (Ein Kriegs-Getümmel. Excursionen. Falstaff und Coleville treten auf.)

Falstaff. Wie ist euer Name, Sir? Von welchem Stand seyd ihr? Und von welchem Plaz, wenn ich bitten darf?

Coleville. Ich bin ein Ritter, Sir, und mein Nam ist Coleville vom Thal.

Falstaff. Gut, Coleville ist also euer Nam', ein Ritter ist euer Stand, und euer Plaz das Thal. Coleville soll immer euer Name bleiben, ein Verräther euer Stand, und ein Loch im Gefängniß euer Plaz; ein Ort das tief genug ist, damit ihr immer Coleville vom Thal bleibet.

Coleville. Seyd ihr nicht Sir John Falstaff?

Falstaff. Ein so braver Mann, Sir, als er, ich mag seyn wer ich will; wollt ihr euch ergeben, Sir, oder soll ich um euertwillen schwizen? Muß ich schwizen, so sind meine Schweiß-Tropfen die Thränen deiner Freunde, die deinen Tod beweinen. Zittre also so gut du kanst, und bitte um Gnade.

Coleville. Ich denke, ihr seyd Sir John Falstaff, und in dieser Meynung geb ich mich zu euerm Gefangnen.

Falstaff. Ich hab' eine ganze Schule voll Zungen in diesem Bauch und nicht eine einzige davon redt was anders als meinen Namen: Hätt' ich nur einen Bauch von etwas indifferenterm Umfang, ich wäre ohne weiters der activste Kerl in ganz Europa; mein Wanst, mein Wanst, mein Wanst ist mein Unglük--Hier kommt unser General. (Der Prinz John von Lancaster, und Westmorland treten auf.)

Lancaster. Die Hize ist vorbey, folgt ihnen nicht weiter, ruft die Unsrigen zurük, mein lieber Vetter Westmorland.

(Westmorland geht ab.)

Nun, Falstaff, wo seyd ihr diese ganze Zeit über gewesen? Wenn alles und jedes vorbey ist, dann kommt ihr. Diese Langsamkeit schikt sich nicht gut zu euerm Handwerk; bey meinem Leben, sie wird über lang oder kurz noch einmal einem Galgen den Rüken brechen.

Falstaff. Es solte mir leid thun, Milord, wenn es nicht so wäre; ich habe nie anders gehört, als daß Verweise und Demüthigungen der Lohn der Tapferkeit sind. Denkt ihr, ich sey eine Schwalbe, ein Pfeil oder eine Kugel? Kan ich armer alter Mann die Geschwindigkeit eines Gedankens haben? Ich eilte mit dem äussersten Punct des äussersten Grads der Möglichkeit hieher. Ich habe hundert und etlich und achtzig Postpferde zu Schanden geritten; und kaum war ich abgestiegen, so nahm' ich, so matt ich von der Reise war, in meiner reinen und immaculirten Tapferkeit diesen Sir John Coleville vom Thal, einen ganz furiosen Ritter und höchst furchtbaren Feind, gefangen: Doch was sag ich? Er sah mich, und ergab sich; so daß ich in Wahrheit mit jenem Haaken-nasichten Gesellen aus Rom da, dem Cäsar, sagen kan: ich kam, sah und siegte.

Lancaster. Das war eine blosse Höflichkeit von ihm daß er sich ergab, und ihr könnt euch kein Verdienst daraus machen.

Falstaff. Ich weiß nicht; hier ist er, und hier liefr' ich ihn aus, und bitte Eu. Durchlaucht, daß es mit den übrigen Thaten dieses Tages aufgeschrieben werden möge; oder bey G*** ich will eine eigne Ballade darauf machen lassen, und oben drüber mein Bild in Holzschnitt, und Colevillen wie er mir die Füsse küßt; wenn ich genöthiget werde, so was zu thun, und wenn ihr nicht alle wie verguldte Doppel-Pfennige gegen mich aussehen sollt, und ich am hellen Himmel des Ruhms euch nicht eben so weit überglänzen werde, als der Vollmond die Funken in einer heissen Asche, die nur wie Steknadel-Köpfe gegen ihn aussehen, so glaubt keinem Edelmann auf sein Wort. Laßt mir also mein Recht wiederfahren; laßt das Verdienst steigen.

Lancaster. Zum Steigen ist das deine zu schwer.

Falstaff. So laßt es scheinen.

Lancaster. Dazu ist es zu dicht.

Falstaff. Laßt es nur etwas thun, mein gütiger Lord, das mir wohl thut, und nennt es wie ihr wollt.

Lancaster. Ist dein Name Coleville?

Coleville. Ja, Milord.

Lancaster. Du bist ein berüchtigter Rebell, Coleville.

Coleville. Ich bin, Milord, was bessere als ich sind, die mich hieher führten; hätt' ich ihnen rathen sollen, ihr solltet sie theurer bezahlt haben, als ihr habt.

Falstaff. Ich weiß nicht, wie theuer sie sich selbst verkauften, aber du warst ein so gutherziger Geselle, und gabst dich gratis weg; und ich danke dir davor.

Siebende Scene. (Westmorland zu den Vorigen.)

Lancaster. Nun, habt ihr das Nachsezen gehemmet?

Westmorland. Unsre Leute sind wieder zurük, und warten nur auf Befehl, wegen der Gefangnen.

Lancaster. Sendet also Colevillen mit seinen Consorten nach York, ihr Urtheil unverzüglich zu empfangen. Blunt, führe sie ab, und sorge daß sie wol bewacht werden.

(Blunt geht mit Coleville ab.)

Und nun, Milords, will ich nach Hofe; ich höre, der König mein Vater ist krank; unsre Zeitungen sollen uns zuvorkommen, und ihr, Vetter, sollet sie seiner Majestät überbringen; vielleicht werden sie von beßrer Würkung seyn, als alle andre Arzneyen. Wir werden euch sobald als möglich folgen.

(Sie gehen ab.)

Achte Scene. (Verwandelt sich in den Palast zu Westmünster.) (König Heinrich, Warwik, Clarence und Glocester treten auf.)

König Heinrich. Nun, Milords, wenn der Himmel diesem Streit, der vor unsrer Thüre blutet, ein glükliches Ende macht, so wollen wir unsre Jugend in höhere Gefilde führen, und hinfort keine andre als geheiligte Schwerdter ziehen. Unsre Flotte ist ausgerüstet, unsre Macht beysammen, die Regierung in unsrer Abwesenheit ist bestellt, und alles ist so wie wir's wünschen; ausser daß wir uns ein wenig besser befinden sollten, und noch verziehen müssen, bis diese Rebellen zu paaren getrieben sind.

Warwik. Beydes, Gnädigster Herr, wird, wie wir nicht zweifeln, in kurzem nach Wunsch erfolgen.

König Heinrich. Humphrey, mein Sohn von Glocester, wo ist der Prinz euer Bruder?

Glocester. Gnädigster Herr, ich denke, er ist nach Windsor auf die Jagd gegangen.

König Heinrich. Mit was für Gesellschaft?

Glocester. Ich weiß es nicht, Milord.

König Heinrich. Ist nicht sein Bruder, Thomas von Clarence, bey ihm?

Glocester. Nein, Gnädigster Herr, er ist hier gegenwärtig.

Clarence. Was wünscht mein Gebietender Herr und Vater?

König Heinrich. Nichts als Gutes für dich, Thomas von Clarence. Wie kommt es, daß du nicht bey dem Prinzen deinem Bruder bist? Er liebt dich, und du sezest ihn bey Seite, Thomas; du hast einen bessern Plaz in seinem Herzen als deine Brüder, trage Sorge dazu, mein Sohn, du kanst dereinst nach meinem Tod die Mittels-Person zwischen ihm und deinen Brüdern seyn, und ihnen wichtige Dienste thun. Verabsäume ihn also ja nicht; und verscherze den Vortheil seiner Liebe nicht, durch den Schein der Kaltsinnigkeit, oder, als wenn du dich nichts um ihn bekümmertest. Er ist gütig und freundschaftlich gegen diejenige, die er ihm ergeben sieht; er hat Thränen für andrer Leiden, und eine immer offne Hand zur Wohlthätigkeit. Allein, wenn er gereizt wird, ist er lauter Feuer, launig wie der Winter, und gäh wie ein Windsstoß an einem kühlen Morgen. Man muß sich daher nach seiner Gemüthsart richten lernen. Tadelt ihn wegen seiner Fehler, jedoch mit Ehrerbietung, wenn ihr sehet daß er bey guter Laune ist; aber wenn er aufgebracht ist, so gebt ihm Plaz, bis seine Leidenschaft, wie ein zu Grund sinkender Wallfisch, durch ihre eigne heftige Bewegungen sich entkräftet hat. Lerne diß, Thomas, und du wirst ein Schirm deiner Brüder seyn, ein goldner Reiff, der sie zusammenbinden wird, damit das vereinigte Gefäß ihres Bluts, wenn es, wie vielleicht begegnen kan, durch den Gift heimlicher Aufstiftungen in Gährung gesezt wird, nicht lek werde, und sollt' es gleich stärker würken als Aconitum oder rasches Schieß-Pulver.

Clarence. Ich werde mir angelegen seyn lassen, seine Liebe zu verdienen.

König Heinrich. Warum bist du nicht zu Windsor bey ihm, Thomas?

Clarence. Er ist nicht zu Windsor; er speißt in London zu Mittag.

König Heinrich. Und wer ist bey ihm? Kanst du mir's sagen?

Clarence. Poins, und seine andern gewöhnlichen Begleiter.

König Heinrich. Der fetteste Boden trägt das meiste Unkraut, und er das edle Bild meiner Jugend, ist ganz damit überwachsen; Ursache zu einem Kummer, der sich über mein Leben hinaus erstrekt. Das Blut weint aus meinem Herzen, wenn ich mir die regellosen Tage, die verderbten Zeiten vorstelle, die ihr sehen werdet, wenn ich einst bey meinen Voreltern schlafe: Denn wenn seine wilde Schwelgerey keinen Zügel mehr hat, wenn Wuth und schäumendes Blut seine Räthe sind, wenn Macht und schlimme Sitten sich vereinbaren; oh, mit was für stürmenden Schwingen wird er seinem Fall und Verderben entgegen stürzen.

Warwik. Mein Gnädigster Herr, ihr mißkennt ihn in diesem Augenblik. Der Prinz studiert nur seine Gesellschafter, wie eine fremde Sprache; will man die Sprache besizen, so ist nöthig daß man auch das unanständigste Wort ansehe und lerne; wenn man's aber einmal versteht, so weiß Eu. Majestät, daß es zu keinem andern Gebrauch kommt, als daß man es kennt und verabscheut. So wird es der Prinz, zu seiner Zeit, mit seinen Gesellschaftern halten, und die Kenntniß die er von ihnen hat, wird eine Art von Modell oder Maasstab seyn, woran er den Werth beßrer Leute messen wird.

König Heinrich. Selten macht die Biene ihren Waben in ein Todten-Aaß.--Wer kommt hier? Westmorland?

Neunte Scene. (Westmorland tritt auf.)

Westmorland. Heil, Gnädigster Herr, und neues Glük, zu demjenigen, so ich anzukündigen komme! Prinz John, euer Sohn küßt eure königliche Hand; Mowbray, der Bischoff Scroop, Hastings und die übrigen haben die Straffe eurer Geseze erfahren, kein einziges aufrührisches Schwerdt ist mehr entblößt, und der Friede treibt seine Oliven allenthalben hervor. Die Art und Weise und den ganzen Zusammenhang der Umstände, wie alles dieses geschehen ist, geruhe Euer Majestät mit beßrer Musse aus dieser Relation zu ersehen.

(Er übergiebt ein Papier.)

König Heinrich. O Westmorland, du bist ein Sommer-Vogel, der mitten im Winter den aufgehenden Tag ansingt. (Harcourt zu den Vorigen.) Seht, noch mehr Neuigkeiten.

Harcourt. Der Himmel bewahre Eure Majestät vor Feinden, und stehen Feinde gegen euch auf, so mögen sie fallen wie diejenige, von denen ich komme, euch Nachricht zu geben. Der Graf von Northumberland, und der Lord Bardolph, mit einer ansehnlichen Macht von Engländern und Schotten, sind von dem Scheriff von Yorkschire aufs Haupt geschlagen worden. Die nähere Umstände und Folgen dieser Action enthält dieses Paquet.

König Heinrich. Und warum müssen diese guten Zeitungen mich kränker machen? Kan das Glük keine unvermengte Gunst gewähren, und muß, wenn sie uns nichts als Gutes zu sagen hat, der angenehme Inhalt wenigstens in häßlichen Lettern geschrieben seyn? Entweder giebt sie einen guten Magen und nichts zu essen; oder sie stellt uns ein Banquet auf, und nimmt den Appetit hinweg. Ich sollte mich über diese gute Zeitungen erfreuen, und nun vergeht mir mein Gesicht, und mein Kopf wird mir ganz taumlicht. O! o! kommt näher--mir wird ganz übel--

Glocester. Der Himmel stärke Eu. Majestät.

Clarence. O mein königlicher Vater!

Westmorland. Mein Gnädigster Gebieter, richtet euch auf, ermuntert euch!

Warwik. Geduld, meine Prinzen; ihr wißt, diese Anstösse sind bey Sr. Majestät nicht ungewöhnlich. Tretet weiter zurük, gebt ihm Luft, er wird gleich besser werden.

Clarence. Nein, nein, er kan diese Bangigkeiten nicht mehr lange aushalten. Der langwierige Kummer, und die Unruhe seiner Seele haben die Mauer welche sie einschliessen soll, durchgearbeitet; und das Leben scheint allenthalben durch, und kan alle Augenblike ausbrechen.

Glocester. Das Volk erschrekt mich: Man spricht von allerley unnatürlichen Wunderzeichen und vaterlosen Mißgeburten; die Jahrszeiten haben ihre Sitten geändert, und es ist, als ob das Jahr einige Monate schlafend gefunden und sie übersprungen habe.

Clarence. Der Fluß ist dreymal ohne Ebbe angeschwollen, und alte Leute (die waschhaften Chroniken der Zeit) sagen, er habe eben das gethan, da unser grosser Anherr Eduard starb.

Warwik. Redet nicht so laut, Prinzen, der König erholt sich wieder.

Glocester. Dieser Schlag wird ganz gewiß sein Ende seyn.

König Heinrich. Ich bitte euch, hebt mich auf, und tragt mich in ein anders Zimmer: Sachte, ich bitte euch; sorget davor, daß kein Getöse gemacht werde, meine werthen Freunde, ausser irgend eine mitleidige, tröstende Hand, wollte Musik meinem schmachtenden Geiste zuflüstern.

Warwik. Ruft Musik in das Nebenzimmer--

König Heinrich. Sezt mir die Crone auf dieses Küssen hier.

Clarence (bey Seite.) Seine Augen sind hohl, und er verändert sich ungemein.

Warwik. Nicht so laut, nicht so laut.

Zehnte Scene. (Der Prinz Heinrich tritt auf.)

Prinz Heinrich. Wo ist der Herzog von Clarence?

Clarence. Hier bin ich, Bruder, voller Kummer.

Prinz Heinrich. Warum das? Warum habt ihr alle Thränen in den Augen? Wie stehts mit dem König?

Glocester. Sehr schlecht.

Prinz Heinrich. Weiß er die guten Zeitungen? Sagt sie ihm.

Glocester. Er alterirte sich ungemein, da er sie hörte.

Prinz Heinrich. Wenn er vor Freuden krank wurde, so wird er ohne Arzney gesund werden.

Warwik. Nicht so laut, Milords; liebster Prinz, redet leise; der König, euer Vater, hat einen Ansaz zum Schlaffen.

Clarence. Wir wollen in ein andres Zimmer gehen.

Warwik. Gefällt es Eu. Hoheit, mit uns zu kommen?

Prinz Heinrich. Nein; ich will mich hier sezen, und dem König wachen.

(Alle gehen ab, bis auf Prinz Heinrich.)