König Heinrich der vierte. Der Erste Theil
Chapter 3
Lady. O mein liebster Lord, warum seyd ihr so allein? Wegen was für eines Verbrechens ist eure Gemahlin diese Nacht von ihres Harrys Bette verbannt worden? Sage mir, mein Liebster, was ist es, das dir deinen Appetit, dein Vergnügen und deinen Schlaf raubt? Warum heftest du deine Augen auf den Boden? Warum fährst du so oft auf, wenn du allein sizest? Warum hast du die frische Farbe deiner Wangen verlohren? Und warum giebst du mein Kleinod, meine Rechte an dich, der trübsinnigen Schwermuth preiß? Unter deinem unruhigen Schlummer hab ich an deiner Seite gewacht, und dich von Krieg und Schlachten murmeln gehört; du redtest mit deinem Pferde, oder rieffest, (Courage! Zum Treffen!) Du redtest von Ausfällen und Rükzügen; von Laufgräben, Zelten, Palisaden, Schanzen, Brustwehren, Carthaunen, Canonen, Feldschlangen, von Ranzionen der Gefangnen, und von erschlagnen Soldaten--Deine Seele war so sehr mit kriegrischer Arbeit beschäftigt, und hat selbst im Schlaf dich in eine so große Bewegung gesezt, daß grosse Schweißtropfen auf deiner Stirne gestanden, und die Muskeln deines Gesichts aufgelauffen sind, wie wir an Leuten sehen, denen vor allzuhastiger Bewegung der Athem zurück bleibt. O! was für schrekenvolle Zeichen sind das! Ihr habt irgend ein schweres Geschäfte vor euch, und ich muß es wissen, oder ihr liebt mich nicht. (Ein Bedienter kommt herein.)
Hot-Spur. He! ist Willhelm mit dem Paquet abgegangen?
Bedienter. Ja, Milord, schon vor einer Stunde.
Hot-Spur. Hat der Kellner diese Pferde vom Scheriff gebracht?
Bedienter. Eines, Milord, bracht' er eben izt.
Hot-Spur. Was für eines? Den Rothschimmel, mit den gestuzten Ohren, nicht wahr?
Bedienter. Ja, Gnädiger Herr.
Hot-Spur. Dieser Rothschimmel soll mein Thron seyn. Gut, ich will ihn gleich besteigen. (O Esperance!)* Führte ihn der Kellner in den Parc?
{ed. * Dieses französische Wort ist vermuthlich da, damit es die Lady Percy nicht verstehen solle.}
Lady. Aber höret, Milord--
Hot-Spur. Was willt du sagen, Milady?
Lady. Was führt euch dann weg?
Hot-Spur. Wie? Mein Pferd, Liebe, mein Pferd.
Lady. Weg mit dir, du tollköpfiger Affe! Eine Wiesel hat nicht so viel Spleen als ihr--Bey meiner Treue, ich will euer Geschäfte wissen, das will ich. Ich fürchte mein Bruder Mortimer geht damit um, seinen Anspruch gelten zu machen, und verlangt euern Beystand; aber wenn ihr geht--
Hot-Spur. Soweit zu Fuß zu gehen, würde mich müde machen, Liebe.
Lady. Kommt, kommt, ihr kleiner Papagay, antwortet mir geradezu auf das was ich euch frage. Ich breche dir deinen kleinen Finger ab, Harry, wenn du mir nicht die ganze Wahrheit gestehst.
Hot-Spur. Weg, weg, kleiner Kindskopf--Lieben! Ich liebe dich nicht, ich denke nicht an dich, Käthe; es ist izt keine Zeit mit Puppen zu spielen, und mit Lippen zu fechten. Izt ist es um blutige Nasen, und gespaltete Hirnschädel zu thun--Was sagst du, Käthe? Was willt du von mir?
Lady. Liebt ihr mich dann nicht mehr? In der That nicht. Gut, so thut es nicht. Denn wenn ich nicht mehr verdiene, von euch geliebt zu werden, so bin ich auch nicht werth, daß ich mich selbst liebe. Liebt ihr mich nicht? Nein, sag mir's, redst du im Scherz oder nicht?
Hot-Spur. Komm, willt du mich reiten sehen? Wenn ich zu Pferd bin, dann will ich schwören, daß ich dich unendlich liebe. Aber hörst du, Käthe, du mußt mich nicht weiter ausfragen, wohin ich gehe; noch Muthmassungen anstellen, warum? Wohin ich muß, muß ich, und um es kurz zu machen, diesen Abend müssen wir scheiden, liebste Käthe. Ich weiß daß du verständig bist, aber doch nicht verständiger als Harry Percy's Weib. Du hast Muth, so viel ein Weibsbild haben soll; und an Verschwiegenheit übertrift dich gewiß kein Frauenzimmer in der Welt. Ich zweifle also keinen Augenblik daran, daß du nichts sagen wirst, wenn du nichts weißst; und in so weit hab' ich ein vollkommnes Zutrauen zu dir, meine süsse Käthe.
Lady. Wie? In so weit?
Hot-Spur. Nicht einen Zollbreit mehr. Aber hörst du, Käthe, wohin ich gehe, sollt du auch gehen. Heute will ich abreisen, und morgen sollst du mir folgen. Bist du nun zufrieden, Käthe?
Lady. Ich muß wohl.
(Sie gehen ab.)
Siebende und achte Scene. (Der Schauplaz verwandelt sich in das Wirthshaus zum Bären-Kopf in East-Cheap.) (Ein paar unübersezliche Scenen, im Geschmak der trübsten Hefen der pöbelhaftesten Canaille, zwischen dem Prinzen Heinrich, Poins, Franz, dem Kellerjungen, und dem Wirth. Folgende Stelle ist das Beste davon.)
Prinz Heinrich. Ich hab, glaub' ich, auf einmal alle Launen im Leibe, die jemals Launen gewesen sind, seit den alten 'Tagen des guten Großvater Adams bis auf das Säuglings-Alter dieser gegenwärtigen zwölften Stunde Mitternachts. Und doch bin ich nicht von Percy's Humor, dieses Eisenfressers aus Norden, der mir sechs oder sieben Duzend Schotten zum Frühstük todt schlägt, und wascht dann seine Hände, und sagt zu seiner Frauen: Der Henker hole dieses ruhige Leben! Ich habe ja nichts zu thun. "O mein süsser Harry", sagt sie dann, "wie viele hast du heute todt geschlagen?" Gebt meinem Rothschimmel zu trinken, sagt er, und antwortet ihr eine Stunde drauf ganz kaltsinnig, ihrer vierzehn, oder so was, eine Kleinigkeit--Ich bitte dich, ruf mir den Falstaff herein; ich will den Percy machen, und der verdammte Schweinsbraten soll die Dame Mortimer, sein Weib, agiren. Ruft den Schmeer-Bauch herein!
Neunte Scene. (Falstaff, Gadshill, Bardolph und Peto zu den Vorigen.)
Poins. Willkommen, Jak; wo bist du gewesen?
Falstaff. Daß die schwere Noth alle feige Memmen, sag ich, und die Kränke oben drauf; und Amen! Gieb mir ein Glas Sect, Junge--Eh ich diese Lebensart fortseze, will ich Fuß-Soken nähen, und sie wieder fliken, wenn sie brechen. Daß die Pestilenz alle feige Memmen! Gieb mir ein Glas mit Sect, Schurke. Ist denn keine Tugend mehr in der Welt?
(Er trinkt.)
Prinz Heinrich. Hast du den Titan nie ein Stük Butter küssen gesehen? und wie es von den zärtlichen Sachen, die er ihm sagte, wegschmolz? Wenn du's gesehen hast, so sieh' diese Composition.
Falstaff. Ihr Galgenschwengel, hier ist ja Kalk* in diesem Sect; es ist doch nichts als Schelmerey in spizbübischen Leuten; aber eine Memme ist noch ärger als ein Glas Sect worinn Kalk ist. Eine nichtswürdige Memme!--Geh deines Wegs, alter Jak, stirb wenn du willt; wenn Tapferkeit, wahre Tapferkeit nicht auf dem ganzen Erdenrund vergessen ist, so bin ich ein Pikling. Es leben nicht drey brave Männer ungehangen in England, und einer von ihnen ist fett, und wird, Gott helf ihm, nach gerade alt--eine böse Welt, sag ich! Ich wollt' ich wär' ein Weber**; ich könnte Psalmen singen, und Lieder wie man's haben wollte. Daß die Pestilenz alle Memmen, sag ich!
{ed. * Sir Richard Hawkins, einer von der Königin Elisabeth See-Capitains, sagt in seinen Reisen S. 379: "Seitdem die Spanischen Secte in unsern Wirtshäusern so gemein sind, die in der Zubereitung mit Kalk vermischt werden, um sich länger zu erhalten, beklagt sich unsre Nation über Stein, Wassersucht, und eine Menge andrer Krankheiten, von denen wir nichts wußten, eh der Gebrauch dieser Weine so sehr überhand nahm. Ausserdem vergeht kein Jahr, daß nicht zwey Millionen Cronen dafür aus unserm Lande gehen etc." Dieses leztere war in der That ein wesentliches Übel. Aber daß Kalk den Stein verursachen soll, muß wohl nur ein Vorurtheil des guten ehrlichen alten Mannes gewesen seyn, indem in einem weit weisern Alter ein altes Weib ihr Glük damit gemacht hat, uns zu zeigen, daß Kalk eine Arzney gegen den Stein sey. Warburton.}
Prinz Heinrich. Was giebts, Wollsak! was brummt ihr?
Falstaff. Ein Königs-Sohn? Wenn ich dich nicht mit einem Dolch von einem Span aus deinem Königreich hinaus jagen, und alle deine Unterthanen wie eine Heerde wilder Gänse vor dir her treiben will, so will ich meine Tage kein Haar mehr an meinem Kinn tragen. Ihr, Prinz von Wales?
Prinz Heinrich. Wie, du H**sohn von einem diken Flegel, was hast du denn?
Falstaff. Seyd ihr nicht eine Memme? Antwortet mir auf das, und Poins hier?
Prinz Heinrich. Du Wanst, wenn du mich eine Memme nennst, so bist du des Todes.
Falstaff. Ich hätte dich eine Memme geheissen? Eh will ich dich zur Hölle gehen sehen, eh ich dich eine Memme heissen wollte; aber tausend Pfund wollt' ich drum geben, wenn ich so geschwinde lauffen könnte, wie du. O! was das betrift, eure Schultern habt ihr so gerad als ihr's wünschen könnt, ihr bekümmert euch nichts darum, euern Rüken sehen zu lassen. Nennt ihr das, euern Freunden den Rüken deken? Daß die Pest ein solches Rükendeken hätte! Gebt mir ein Glas Sect. Ich will eine H** seyn, wenn ich heute noch einen Tropfen getrunken habe.
Prinz Heinrich. O du Schurke! du hast ja dein Maul kaum abgewischt, seitdem du das leztemal getrunken hast.
Falstaff. Das ist all eins.
(Er trinkt.)
Daß die Pest alle feige Memmen, dabey bleib ich!
Prinz Heinrich. Was willt du denn damit?
Falstaff. Was ich damit will? hier sind unser vier, die diesen Morgen tausend Pfund geraubt haben.
Prinz Heinrich. Wo ist das Geld? Wo ist es?
Falstaff. Wo es ist? Zum T** ist es, genommen ist es uns worden; ihrer hundert gegen uns arme viere.
Prinz Heinrich. Was sagst du, ihrer hundert?
Falstaff. Ich will ein H*f*t seyn, wenn ich mich nicht zwey Stunden lang mit einem Duzend von ihnen herumgehauen habe. Es ist ein Mirakel, daß ich davon gekommen bin. Ich bin achtmal durch mein Wamms gestossen worden, viermal durch die Hosen, mein Schild ist durch und durch gehauen, und mein Schwerdt hat Scharten wie eine Hand-Säge, (ecce signum.) Ich habe mich nie besser gehalten, seitdem ich ein Mann bin. Hätten's andre auch so gemacht! Daß sie die Pest, die Memmen! --Laßt sie reden; wenn sie mehr oder weniger sagen als wahr ist, so sind sie Schurken, und Kinder der Finsterniß.
Prinz Heinrich. Redet, ihr Herren, wie gieng es dann her?
Gadshill. Wir vier machten uns an ihrer zwölf ungefehr--
Falstaff. Sechszehn wenigstens, Milord.
Gadshill. Und banden sie.
Peto. Nein, nein, gebunden wurden sie nicht.
Falstaff. Du Raker, sie wurden gebunden, einer nach dem andern; wenn's nicht so ist, so will ich ein Jude seyn, ein hebräischer Jude.
Gadshill. Wie wir nun theilten, so überfielen uns sechs oder sieben frische Männer.
Falstaff. Und banden die andern los, und da kamen die übrigen.
Prinz Heinrich. Wie? Fochtet ihr dann mit ihnen allen?
Falstaff. Mit Allen? Ich weiß nicht was ihr Alle nennt; aber wenn ich nicht wenigstens mit fünfzig von ihnen fochte, so will ich ein Büschel Rettiche seyn. Wenn ihrer nicht zwey oder drey und fünfzig an dem armen alten Jak waren, so sey ich keine zweybeinichte Creatur.
Poins. Der Himmel verhüte, daß ihr keine von ihnen ermordet habt!
Falstaff. Gut, das kan er nun nicht mehr verhüten. Ich habe zween von ihnen gepfeffert; zween, das kan ich sagen, hab' ich bezahlt, zween in Schetter-Röken. Ich will dir was sagen, Hal; wenn ich dich anlüge, so spey' mir ins Gesicht, nenn' mich einen Gaul; du kennst meine alte Manier im parieren; so lag ich, und so führt ich meine Klinge; vier Schurken in Schetter fielen über mich her, wie gesagt.
Prinz Heinrich. Was, viere? Du sagtest eben, es seyen nur zween gewesen.
Falstaff. Viere, Hal, viere sagte ich.
Poins. Ja, ja, er sagte viere.
Falstaff. Diese viere fielen mich alle von vornen an, und stiessen tapfer auf mich zu; aber ich machte nicht viel Federlesens, sondern faßte auf einmal alle ihre sieben Klingen mit meinem Schild auf; so--
Prinz Heinrich. Sieben? Es waren ihrer ja nur viere diesen Augenblik.
Falstaff. In Schetter.
Poins. Ja, ja, vier in Schetter-Röken.
Falstaff. Sieben, bey meinem Bauch, oder ich bin ein H*f*t.
Prinz Heinrich (leise zu Poins.) Ich bitte dich, laß ihn machen, es werden noch mehr draus werden.
Falstaff. Hörst du mich, Hal?
Prinz Heinrich. Ja, und versteh dich auch, Jak.
Falstaff. Gut, gut, es ist auch werth daß man aufhorche; diese neun Kerle in Schetter, wovon ich dir sagte--
Prinz Heinrich. So, schon wieder zween mehr--
Falstaff. Wie sie sahen, daß ihre Klingen abgebrochen waren, fiengen sie an zurük zu weichen; aber ich gieng ihnen mit Händen und Füssen zu Leibe, und in einem Gedanken, lagen sieben von eilfen im Gras.
Prinz Heinrich. Das ist entsezlich. Eilf Männer von Schetter aus zween!
Falstaff. Aber da führte mir der T** drey mißgezeugte Schurken in Kendal-Grün auf den Rüken, die auf mich zuwalkten; denn es war so dunkel, Hal, daß du deine Hand nicht hättest sehen können--
Prinz Heinrich. Diese Lügen sind so dik und fett als du selbst bist. Wie, du kleyen-hirnichter Wanst, du H**sohn von einem unflätigen, schmuzigen Schmeer-Bauch--
Falstaff. Wie? Bist du toll, bist du toll? Ist es nicht die Wahrheit, die Wahrheit?
Prinz Heinrich. Wie konntest du denn sehen, daß diese Leute in Kendal-Grün gekleidt waren, wenn es so dunkel war, daß du deine Hand nicht sehen konntest? Komm, laß sehen wie du das machtest; was sagst du hierzu?
Poins. Nun, Jak, wie machtet ihr das, sagt einmal.
Falstaff. Wie, ihr wollt's mit Gewalt wissen, mit Gewalt? Nein, und wenn ich auf dem Strappado wäre, oder auf allen Foltern der ganzen Welt, ich wollt' euch nichts sagen, wenn ihr's mit Gewalt wissen wolltet.
Prinz Heinrich. Es ist Zeit dem Spaß ein Ende zu machen. Wißt also, diese blutreiche Memme hier, dieser Bett-Druker, dieser Pferd-Rüken- Brecher, dieses Gebürge von Fleisch--
Falstaff. Weg mit euch, ihr Hunger-Darm, ihr Aal-Haut, ihr dürre Kalbs-Zunge, ihr Ochsen-Ziemer, ihr Stok-Fisch--O wenn ich nur einen längern Athem hätte!--Was ist dir noch mehr ähnlich? Ihr Ellen-Maaß, ihr Fiddelbogen-Futteral, ihr langer Rauf-Degen--
Prinz Heinrich. Gut, verschnauffe eine Weile, und fahre hernach fort; und wenn du dich in niederträchtigen Gleichnissen erschöpft hast, so höre mich nur dieses sagen.
Poins. Horch auf, Jak.
Prinz Heinrich. Wir beyde sahen euch viere ihrer viere angreifen, ihr bandet sie, und bemeistertet euch ihrer Baarschaft; nun gebt Achtung wie es weiter gierig. Wir beyde fielen hierauf über euch viere her, jagten euch auseinander, und nahmen euch eure Beute weg; so ist's und wir können sie euch hier im Hause zeigen. Und ihr, Falstaff, ihr trugt eure Kutteln so leicht weg, mit einer so behenden Hurtigkeit, und brülltet so kläglich um Gnade, und renntet und brülltet in einem fort, so gut als ich jemals ein Stierkalb brüllen hörte. Was für ein Sclave bist du, deinen Degen so zu zerhaken wie du gethan hast, und dann zu sagen, es sey vom Fechten gekommen? Was für eine Ausflucht, was für eine Lüge, was für eine Höle kanst du ausfündig machen, dich vor dieser offenbaren, unläugbaren Schande zu verbergen?
Poins. Komm, laß es uns hören, Jak. Wie willst du dir nun hinaushelfen?
Falstaff. Bey G**, ich kannte euch so gut, als der so euch gemacht hat. Wie, hört ihr, meine Herren, hätt' ich den präsumtiven Erben umbringen sollen? Hätt' ich meine Hand an den Cron-Prinzen legen sollen? Wie, du weißst, daß ich so tapfer als Hercules bin; aber der Instinct hielt mich dißmal zurük; der Löwe greift niemals den Cron- Prinzen an: Der Instinct ist ein mächtiges Ding. Aus Instinct ward ich eine Memme, und ich werde mein Lebenlang deßwegen von dir und mir nur eine desto bessere Meinung haben; denn das beweißt unleugbar, daß ich ein tapfrer Löwe bin, und daß du der ächte Cron- Prinz bist. Aber, bey G**, Jungens, es freut mich, daß ihr das Geld habt--Wirthin! riegle die Thüre; wache die Nacht durch, und bete Morgens. Hey da, ihr lustigen Brüder, Jungens, Gold-Püpchens, sagt, wie wollen wir uns lustig machen? Wollen wir eine Comödie (ex tempore) spielen?
{ed. ** In der Verfolgung der Protestanten in Flandern unter Philipp dem 2ten, brachten diejenigen die bey dieser Gelegenheit nach England kamen, die Wollen-Manufacturen mit. Diese waren Calvinisten, welche jederzeit durch ihre Neigung zum Psalmensingen sich unterschieden haben. Warburtun.}
Prinz Heinrich. Ich bins zufrieden--und der Inhalt soll dein Davon lauffen seyn.
Falstaff. Ah!--nichts mehr hievon, Hal, wenn du mich lieb hast.
Zehnte Scene. (Die Wirthin kommt herein und meldet dem Prinzen, daß ein Herr von Hofe da sey, der auf Befehl des Königs mit ihm sprechen wolle. Falstaff wird abgeschikt zu hören was er wolle.)
Eilfte Scene. (Falstaff kommt zurük, und bringt die Zeitung von dem Aufstand, den Percy, Northumberland, Douglas, und Glendower, im Norden von England erregt, und daß der Prinz auf morgen zum König, seinem Vater, beschieden sey. Dieses giebt zu einer kleinen Comödie von der pöbelhaftest-bürlesken Art Anlas, worinn Falstaff den König macht, und den Prinzen wegen seiner unanständigen Lebensart und lüderlichen Gesellschaft ausschilt, jedoch mit Ausnahme des einzigen Falstaff, von dem er viel Gutes sagt. Der Prinz behauptet, Falstaff habe den König nicht recht gemacht, übernimmt diese Rolle selbst, läßt Falstaffen den Prinzen seyn, und sagt alsdann eben so viel böses von Falstaff als dieser vorhin Gutes von sich selbst gesagt hatte. Folgendes mag zur Probe dienen:)
Prinz Heinrich (in der Person des Königs.) Ich höre grosse Klagen über dich.
Falstaff (in der Person des Prinzen.) Sakerlot! Gnädigster Herr, sie sind alle erlogen--
Prinz Heinrich. Du schwörst, unartiger Bube? Von nun an komm nimmer vor meine Augen! Du gehst einen verderblichen Weg; es ist ein Teufel, der dich jagt, ein Teufel in Gestalt eines fetten alten Manns; eine Tonne von einem Mann ist deine Gesellschaft. Wie, schämst du dich nicht mit diesem Weinfasse umzugehen, mit diesem zusammengeballten Klumpen von Bestialität, mit diesem ungeheuren Kessel voll Sect, mit diesem ausgestoßen Felleisen von Kutteln,--diesem ehrwürdigen Laster, dieser grauen Büberey, diesem Vater Spizbuben, dieser bejahrten Eitelkeit? Wozu ist er gut, als Sect zu kosten und auszutrinken? Worinn ist er nett und manierlich, als einen Capaunen zu zerlegen und aufzuessen? Worinn hat er Verstand als in Ränken? Wozu braucht er seine Ränke als zu Bubenstüken? Worinn ist er ein Lotterbube als in allen Dingen? Und worinn ist er löblich als in nichts?
Falstaff. Wen meynt Euer Majestät?
Prinz Heinrich. Diesen ruchlosen schändlichen Verführer der Jugend, Falstaff, diesen alten weißbartigen Satan.
Falstaff. Milord, den Mann kenn' ich.
Prinz Heinrich. Das weiß ich wol.
Falstaff. Aber wenn ich sagte, daß er ein schlimmerer Mann sey als ich selbst, so sagt' ich mehr als ich weiß. Daß er alt ist, davon zeugen leider! seine weissen Haare; aber daß er, mit Respect vor euch zu sagen, ein H**jäger sey, das läugne ich schlechterdings. Wenn Sect und Zuker etwas unrechtes ist, so helf G** den Schlimmen! Wenn alt und aufgeräumt seyn, eine Sünde ist, so kenn' ich manchen alten Wirth, der verdammt werden müßte; wenn fett seyn, Haß verdient, so müßten Pharaons magre Kühe liebenswürdig seyn. Nein, Gnädigster Herr, verbannet Peto, verbannet Bardolph, verbannet Poins; aber den guten alten Jak Falstaff, den wakern Jak Falstaff, den ehrlichen Jak Falstaff, den tapfern Jak Falstaff, und desto tapfrer, da er, wie man nicht läugnen kan, der alte Jak Falstaff ist, den verbannt nicht aus Harry's Gesellschaft: Wolltet ihr den guten diken Jak von mir verbannen, so verbannet eben so mehr die ganze Welt von mir-- ([Diese unvollkommne Probe, (denn man hat dennoch einige Blümchen auslassen müssen) wird den Leser vermuthlich geneigt machen, dem Uebersezer in Absicht der Falstaffischen Scenen Vollmacht zu geben, darüber nach eignem Belieben zu schalten. Man muß ein Engländer seyn, diese Scenen von Engländern spielen sehen, und eine gute Portion Pounsch dazu im Kopfe haben, um den Geschmak daran zu finden, den Shakespears Landsleute gröstentheils noch heutiges Tages an diesen Gemählden des untersten Grads von pöbelhafter Ausgelassenheit des Humors und der Sitten finden sollen.]) (Bardolph und die Wirthin lauffen erschroken herein, und melden, daß der Scheriff mit der Wache vor der Thüre sey, und das Haus durchsuchen wolle. Prinz Heinrich übernimmt es ihn abzufertigen, nachdem er Falstaffen und den übrigen befohlen, sich zu verbergen.)
Zwölfte Scene. (Der Scheriff kommt mit einem von den Fuhrleuten der Beraubten, und fragt nach Falstaffen, welchen er beschuldigt, den Raub begangen zu haben. Der Prinz antwortet ihm ganz ernsthaft, und also in reimlosen Versen (denn Shakespear ist, wie wir wissen, ein genauer Beobachter des Decorum,) der Mann sey nicht hier, indem er ihn Geschäfte halber ausgeschikt habe; er giebt aber dem Scheriff sein Ehrenwort, daß er ihn bis morgen Mittags stellen, und wenn es sich finde, daß er den Raub begangen, der Justiz überlassen wolle. Der Scheriff nimmt hierauf seinen demüthigen Abschied, und der Prinz erklärt sich gegen Peto, daß er den Beraubten ihr Geld mit Wucher wieder zurükgeben, morgen nach Hofe und von da zu Felde gehen, sie aber allerseits mit sich nehmen, und bey der Armee anständig unterbringen wolle.)
Dritter Aufzug.
Erste Scene. (Des Archi-Diaconus von Bangor Haus in Wales.) (Hot-Spur, Worcester, Mortimer und Owen Glendower treten auf.)
Mortimer. Diese Versprechungen sind schön, die Partheyen zuverläßig, und unser Vorhaben voller Hoffnung eines glüklichen Ausgangs.
Hot-Spur. Milord Mortimer, und Vetter Glendower, wollt ihr nicht Plaz nehmen? Und ihr, Oheim Worcester--Der Henker hol' es! ich habe die Land- Carte vergessen.
Glendower. Nein, hier ist sie. Sezt euch, Vetter Percy, sezt euch, guter Vetter Hot-Spur: Denn wenn Lancaster euch bey diesem Namen nennen hört, dann erblassen seine Wangen, und mit einem emporsteigenden Seufzer wünscht er, daß ihr im Himmel seyn möchtet.
Hot-Spur. Und ihr in der Hölle, so oft er von Owen Glendower reden hört.
Glendower. Ich tadle ihn nicht; in meiner Geburts-Stunde erfüllte sich die Stirne des Himmels mit feurigen Gestalten und brennenden Meteoren; wißt, der ganze Erdball zitterte in seinen innersten Gewölben, wie eine Memme, als ich gebohren ward.
Hot-Spur. Das würd' er gethan haben, wenn in der nemlichen Stunde eurer Mutter Kaze Junge gehabt hätte, und ihr nie gebohren worden wäret.
Glendower. Ich sage, die Erde bebte wie ich gebohren ward.
Hot-Spur. Und ich sage, wenn die Erde das that, so dachte sie nicht wie ich, in so fern ihr euch einbildet, sie zitterte aus Furcht vor euch.
Glendower. Die Himmel waren lauter Feuer, und die Erde bebte.
Hot-Spur. Die Erde bebte also, weil sie den Himmel in Feuer sah, und nicht weil ihr gebohren wurdet. Die kranke Natur bricht oft in seltsame Paroxismen aus; die Erde wird zuweilen von dem unbändigen Wind, der in ihren Leib eingekerkert ist, mit einer Art von Colik gequält; er sträubt sich durchzubrechen, und schüttelt die gute alte Mutter so stark, daß hohe Schlösser und bemooßte Glokenthürme umstürzen. Wie ihr gebohren wurdet, so hatte unsre Groß-Mutter Erde eben einen solchen Anstoß von Bauchweh, und das war alles.
Glendower. Vetter, diese Reden würde ich nicht von vielen andern ertragen. Erlaubt mir euch noch einmal zu sagen, daß bey meiner Geburt die Stirne des Himmels voller feuriger Gestalten war; die Geissen rennten von den Bergen herab, und die Heerden auf den Feldern brüllten auf eine unnatürliche Art vor Schreken. Diese Zeichen deuteten an daß ich ausserordentlich seyn würde, und der ganze Lauf meines Lebens hat bewiesen, daß ich nicht in die Classe der gewöhnlichen Menschen gehöre. Wo lebt, innert den seebespühlten Grenzen von England, Wales und Schottland, der Mann der sich rühmen kan, mein Lehrmeister gewesen zu seyn? Und dennoch hab ich den Sohn eines Weibs noch nicht gesehen, der es in irgend einer Wissenschaft oder Kunst mit mir aufnehmen könnte.
Hot-Spur. Ich glaube selbst, daß niemand besser welsch redt--ich will zum Mittag-Essen.
Mortimer. Ruhig, Vetter Percy; ihr macht ihn noch böse.
Glendower. Ich kan die Geister aus dem Abgrund hervorrufen.
Hot-Spur. Das kan ich auch, und das kan jedermann; aber kommen sie, wenn ihr ihnen ruft?
Glendower. Wie, ich kan dich dem Teufel gebieten lehren.