Part 9
Und nach der Tortur dieser letzten Viertelstunde, nach all dem Ekel, der Zukunftsbangigkeit, die in ihr aufgequollen war beim Bericht der Mutter -- kam da auf einmal eine wunderbare Gelassenheit über das Mädchen. Pah -- was konnte ihr geschehen?!
Inzwischen hatte Mutter Doris sich von ihrem ersten Schreck erholt.
»Nee, weeßte, Jucunda, ich versteh Dich nich, wahrhaft'gen Gott, ich versteh Dich nich. Erscht stellst Du Dich an wer weeß wie sähre, daß De so än Brief kriegst, un ... un das andre ... un nu kommt der, der Dir's geschickt hat, und holt sich's wieder ab -- un nu is ooch wieder nicht recht -- -- un ich hab' Dir doch bloß die scheißliche Geschichte woll'n vom Halse halten ... nee, nee, so was! Das hätt' ich wissen sollen, dann hätt' ich dem dicknäsigen Herrn ganz einfach gesagt: kommen Se gefälligst wieder, wenn Fräulein Jucunda Buchner derheeme is -- mich geht's nischt an!«
»Hättest Du das man getan, Mutter ... Ich hätte dem Herrn schon beigebracht, wie man mit Jucunda Buchner spricht -- das kannst mir glauben! Ach -- aber es ist ja alles egal ...«
Sie reckte sich ... ein harter Glanz kam in ihre Augen ... Noch eine knappe Stunde, und die Rampenlichter flammten auf, und sie tauchte hinein in ihren blendenden Schimmer -- und von jenseits, aus dem dunkel gähnenden Zuschauerraum, dampfte die Vergötterung der anderthalb Tausend ihr entgegen ...
»Was wirscht De denn nu anfangen?« fragte Mutter Doris ganz halblaut. »Wo der Herr Major doch verlangt hat, Du sollst machen, daß der ... der Herr Korpsstudent seine ... seine Aufforderung zum Duell ... daß er die zurück tut nähm'!«
Jucunda versank in einen Wirbel der Gedanken. Das Bild des jungen Gesellen stieg in ihr auf, der so viel für sie getan ... aus einem ritterlichen Empfinden heraus, das so einfach, so natürlich war, daß Jucunda es wohl verstehen mußte, würdigen konnte in seiner schlichten, starken Mannhaftigkeit ... Und nun sollte sie selber von ihm verlangen, daß er den kühnen, verhängnisvollen Schritt, den er zu ihrem Schutze getan -- rückwärts tun sollte ... Sie war in einer Luft groß geworden, in die immerfort, aus den Stübchen der Mieter ihrer Eltern in die gute Stube da hinten mit den grünen Plüschmöbeln, in die Träume ihres eigenen Mädchenkämmerleins hinein -- die romantischen Vorstellungen und Begriffe von korpsstudentischem Schneid, von Burschenehre hineingeweht waren ...
O sie wußte ganz genau, was es für den weiland Ersten Chargierten der Franconia bedeutete, aus dem Korps auszutreten, um einen Prinzen, der an offiziellen Kneipabenden die grüne Mütze anlegte, zum Säbelduell fordern zu können ... und was es nun erst bedeuten mußte, wenn sie ihm zumutete, seine Forderung zurückzunehmen, ohne daß eine Sühne erfolgt war ... ohne selbst eine formelle Bitte um Entschuldigung ... denn als eine solche konnte doch der Besuch des Majors, seine unverblümten Drohungen, die Erlistung des Briefes und des Geldes aus der Hand der hilf- und ahnungslosen Mutter unmöglich aufgefaßt werden ...
Immerhin -- hier war der Ansatzpunkt. Die Sache mußte dem Studenten so dargestellt werden, als habe der Major den Auftrag gehabt, eine Bitte um Verzeihung im eigenen Namen und im Namen seines prinzlichen Zöglings zu überbringen ... als ob er diese Bitte auch tatsächlich überbracht habe ... und wenn sie, die Beleidigte, sich mit dieser Genugtuung einverstanden erklärte, dann war ja doch wohl für ihren Beschützer kein vernünftiger Grund mehr, seine Forderung aufrecht zu erhalten ... und alles in schönster Ordnung ...
Alles in Ordnung? Nein ... Jucunda war ein viel zu klarer Kopf, als daß sie die Folgen des Geschehenen nicht zu Ende gedacht hätte ...
Also er zieht seine Forderung zurück, und dann? Nun dann ist er, auf gut deutsch gesagt, der unrettbar Blamierte ... Er ist aus dem Korps ausgetreten und hat ein Mitglied des Korps gefordert -- die Forderung ist zwar nicht zum Austrag gekommen, aber die unsühnbare Feindschaft zwischen den beiden jungen Männern besteht -- sie können nicht mehr auf der Kneipe zusammensitzen, nicht mehr die gleichen Farben tragen ... Und da das Korps seiner ganzen Tradition nach, um seiner Beziehungen zu Hof, Behörden, Gesellschaft willen den Prinzen nicht fallen lassen kann, so wird eben Pilgram dran glauben müssen ... Er hat sein Band verloren, ist ausgeschieden aus dem Kreise der Freunde seiner Jugend ... All das tapfere Ringen, Mensuren, Chargen, verbummelte Semester umsonst ...
Das alles wußte Jucunda und wurde sich im angestrengten Nachsinnen weniger Minuten über all diese Folgen klar, mitleidslos gegen sich und ihn ...
Und wieder meinte sie sein hartes, herrisches Gesicht zu sehen, wie es weich, selbstlos, opferfreudig aufglühte um ihrer Ehre willen ...
»Sie haben weinen müssen -- -- -- das sollen sie mir bezahlen, die zwei ...«
Wie gut, wie tapfer, wie ... heldenhaft seine Worte, seine Tat ... und nun?!
Hieß das nicht ... ihn schmählich verleugnen ... wenn sie nun zurückwich, sie ... und dadurch seiner Tat den ritterlichen Glanz raubte ... sie zu einer Narrensposse, zu einem Dummenjungenstreich erniedrigte?
Aber ... ihre eigene Zukunft? Ihre Karriere? War das nicht alles, alles das, was der Major ihrer Mutter angedeutet hatte ... waren das nicht alles Wahrheiten?!
Einen Augenblick lang war sie geneigt, das alles in den Wind zu schlagen ... Pah ... Engagement in Frage gestellt ... Bericht gegen sie beim Hof in Meiningen ... War sie nicht Jucunda Buchner? Brauchte sie die Hoftheater? Oder brauchten die Hoftheater -- sie?!
Ach nein ... So stand es doch nicht ... Man war nicht immer achtzehn Jahre, nicht immer eine neue Entdeckung, eine Sensation, eine Mode ... Jucunda wußte schon viel, viel zu viel von den brutalen Gesetzen der Macht, der Laune, des Glücks, des Wechsels, welche die schillernde Welt regierten, in der es ihr bislang so herrlich, so unverdient und unfaßbar glänzend gegangen ... sie dachte an ihre alte, verknitterte Garderobiere, die auch einmal eine vergötterte junge Liebhaberin gewesen war -- freilich nur am Stadttheater in Stallupönen, aber je höher der Anstieg, um so grimmiger die Gefahr, um so steiler und zerschmetternder der Sturz ... Nein, beim Theater konnte sich niemand erlauben, nur auf sein Talent, seine eigene Kraft und Persönlichkeit zu bauen und die Gunst der Mächtigen, der Brotgeber leichtsinnig zu verscherzen ... Niemand konnte sich das erlauben, auch Jucunda Buchner nicht ...
Er ... oder ich -- -- so stellte sich schließlich die Frage ... und waren da die Chancen nicht doch zu ungleich? Schließlich ... ersparte sie nicht auch ihm durch ihren Entschluß, ihn fallen zu lassen, das größere Opfer, das noch ausstand? Das Risiko eines, nein zweier Zweikämpfe mit schweren Waffen, unter den schärfsten Bedingungen? Ersparte sie ihm nicht den definitiven, den viel größeren, gar nicht wieder gut zu machenden Skandal?!
Eine ... Enttäuschung ... eine schmerzliche Wunde für sein jugendlich enthusiastisches Empfinden bedeutete es ihm, wenn sie sich zurückzog ... mehr doch nicht ... Für sie aber stand ihre ganze Zukunft, ihre Zukunft als Künstlerin wie ihre materielle Existenz auf dem Spiele ...
Gab es da eine Wahl?
Und letzten, allerletzten Endes: Hatte er das alles nicht sich selber zuzuschreiben? Hatte sie ihn um seinen Schutz -- gebeten?! Nein, das hatte sie nicht getan, mit keinem Wort, keinem Blick ... Er hatte sich zum Verteidiger ihrer Ehre aufgeworfen ... Hatte sich eigentlich, wenn man es einmal mit einem etwas scharfen Ausdruck bezeichnen wollte, aufgedrängt ... Und hatte sie nicht alles Mögliche versucht, ihn von diesem unerbetenen Opfer abzuhalten?! Aber er war ja fortgestürmt, als ging's um seine eigene Ehre, um sein Leben ...
Jucunda stand am Fenster, noch immer regungslos. Und hinüber, herüber schossen die Gedanken, anklagend und entschuldigend ...
Mutter Doris saß ganz still und gedrückt in ihrem Kanapee ... Daß sie eine furchtbare Dummheit gemacht, als sie das verhängnisvolle Briefchen aus der Hand gegeben ... das war ihr nun völlig klar ... Ihre spießbürgerliche Verschlagenheit sagte ihr ja nun selber, daß man aus solchen Beweisstücken Kapital hätte schlagen müssen ... Selbstverständlich nicht im materiellen Sinne -- o nein, so etwas hatte man ja gottlob nicht nötig ... Aber man kann doch nie wissen, wozu man ein solches Zettelchen einmal gebrauchen kann ... So etwas läßt man sich doch nicht ganz umsonst aus den Fingern drehen ...
Und dies Bewußtsein: die einzige Waffe, die ihre Tochter besaß, blöde, gedankenlos aus der Hand gegeben zu haben -- das machte sie klein und stumm ...
Jucunda schloß unterdessen ab. Ganz kühl, ganz klar hatte sie alles abgewogen. Nein, es ging nicht ... Sie konnte sich nicht, wider ihre innersten Lebensinteressen, von dem Don-Quichotte-Streich des jungen Burschen durch dick und dünn fortschleppen lassen ... Losketten mußte sie das Schiff ihres Glücks von der toll und steuerlos dahinrasenden Fahrt des überheizten Dampfers, der sie so mir nichts dir nichts ins Schlepptau genommen ...
Und doch ... und doch ...
'Sie haben weinen müssen ... Das sollen sie mir bezahlen ... die zwei ...'
Wenn man -- diesen Ton, diesen Blick nur los werden könnte ...
Pah ... Es =mußte= sein ...
Und schließlich und endlich -- wer war Herr Pilgram?! Ein gleichgültiger junger Mensch, von dem sie nichts wußte, als daß er sie einmal sehr grob in ihrer Arbeit gestört ... sich für diese Grobheit dann freilich sehr manierlich entschuldigt ... und eine Abendstunde mit ihr geplaudert hatte ... in der sie, das wußte sie ganz genau, ihm nicht die leiseste Andeutung einer Sympathie gemacht hatte, die sie ja auch nie empfunden hatte ... Denn schließlich, sie machte sich ja doch nicht das mindeste aus ihm ... Er war ein kreuzbraver, aber doch durchaus alltäglicher Geselle ... Ja, wenn noch etwas in ihrem Herzen sich geregt hätte bei dem Gedanken an ihn ... die Ahnung von etwas Besonderem ... wie sie es eben, vor einer halben Stunde, so deutlich gefühlt hatte im Gespräch mit ... jenem andern grünbemützten Studenten, in dessen Zimmer sie jetzt stand ... der so schöne Verse machen konnte und so seltsam verhaltene Worte reden... in dem irgend etwas gärte und brodelte, das ihrem eigenen Wesen und Wollen auf eine geheimnisvolle Weise verwandt war ...
Nein ... Herr Pilgram war ... irgendein Herr Pilgram ... war nichts und niemand ... Herr Pilgram hatte sich in ihr Leben eingedrängt ... man würde ihn mit möglichster Schonung, doch unmißverständlich wieder hinauskomplimentieren müssen ...
»Es ist gut, Mutter ...« sagte Jucunda und wandte sich ruhig um. »Ich will Herrn Pilgram schreiben ... jetzt gleich ... er soll seine Forderung zurückziehen ... Den Brief kannst Du ihm hernach -- wenn wir aus dem Theater nach Hause kommen -- dann kannst Du ihm den Brief auf die Stube legen ... Hoffentlich ist er nicht zu Hause, wenn wir kommen -- sonst -- na sonst mußt Du ihm den Brief eben geben.«
»Na, das is verninft'g von Dir, Mädchen!« seufzte die stattliche Frau und atmete tief auf, daß die Korsettstangen knackten. »Hier, mache nur schnell ... Da is ja der Schreibtisch, und Briefpapier liegt ooch genug herum -- gleich setz' Dich und schreib'! Kannst Dich ja hernach bei dem Herrn entschuld'gen ...«
Jucunda ging zum Schreibtisch des Studenten hinüber, fand Briefbogen, entdeckte aber, daß sie sämtlich oben in der linken Ecke den Zirkel des Korps Franconia und darunter das Monogramm des Eigentümers trugen. Da drehte sie kurz entschlossen einen Bogen herum und schrieb auf die Rückseite:
»Leipzig, den 31. Oktober 1888.
Sehr geehrter Herr!
Ihr ritterliches Eintreten für mich hat den gewünschten Erfolg gehabt: die beiden Herren, die mir diesen abscheulichen Brief geschickt haben, haben mündlich bei mir um Entschuldigung gebeten. Ich bin über diese Lösung hocherfreut und danke Ihnen innigst für Ihren gütigen Beistand, ich weiß wohl, daß Sie mir ein großes Opfer gebracht haben. Nun ist der Zweck Ihres Handelns erreicht. Bitte tun Sie mir nun auch den Gefallen und nehmen Sie so bald als möglich Ihre Herausforderung zum Duell zurück, damit nicht noch weitere Unannehmlichkeiten entstehen.
Ich bin mit der nochmaligen Versicherung meines aufrichtigen Dankes
Ihre ganz ergebene J. B.«
In einem Zuge, ohne Besinnen, hatte Jucunda geschrieben: Nun überlas sie die Zeilen und wunderte sich, wie klar und einfach und selbstverständlich das alles klang. Und darum wunderte sie sich noch viel mehr, weshalb ihr nur so übel dabei zumute war. Sie hatte ja doch recht, tausendmal recht ... Es war eine so klare vernünftige Lösung -- es konnte ja doch schlechterdings nicht anders gemacht werden ...
'Sie haben weinen müssen ... Das sollen sie mir bezahlen, die zwei ...'
Das war ja doch eigentlich ein Unsinn ... Was gingen ihn, den fremden jungen Mann, ihre Tränen an? Was berechtigte ihn, für diese Tränen Sühne zu fordern? Da war irgend etwas, das stimmte nicht ... ein Fehler, ein Gedankenfehler ... Und aus diesem Fehler war alles entstanden ...
Dennoch ... Sie fühlte es ganz deutlich: Um das törichte, unbesonnene Handeln des Jünglings war etwas Leuchtendes, etwas, das den Taten des Mädchens von Orleans verwandt war ... Und es war wie in Talbots Worten, des eisigen Vernünftlers, dessen hundeschnäuzige Kriegsmathematik vor dem frommen Wahn der Jungfrau zusammenbrach:
»Unsinn, du siegst ... und ich muß untergehn ...«
Und während Jucunda Buchner den Brief kuvertierte und die Adresse darauf schrieb:
»Herrn Stud. Pilgram«
-- seinen Vornamen entsann sie sich auf der Visitenkarte gelesen zu haben, die er an seine Tür genagelt hatte, aber er wollte ihr nicht einfallen -- als sie so schrieb, da empfand sie es ganz deutlich, ganz unabweisbar, daß sein Tun gut und groß gewesen war ... und ihres frostig und häßlich und gemein ...
»Da, Mutter, steck den Brief in Deinen Pompadour ... und jetzt« -- sie zog die Uhr -- »sieben bereits!« Donnerwetter! Jetzt revidierte der Inspizient drüben schon die Garderoben! Teufel auch -- höchste Zeit ins Theater -- »Vorwärts, Mutter!«
»Willste nich Deine Kollegin daneben abholen?«
»Na -- die wird wohl schon hinüber sein -- aber ich kann ja mal nachsehen ...«
Sie klopfte an die Tür des Nachbarstübchens, und da keine Antwort kam, klinkte sie auf. Die kleine Kammer lag dunkel und still. Nur durch die Fenster fiel der Schein der Gaslaternen von der Straße durch die Gardinen, malte ein paar große Rechtecke an die weißgetünchte Decke. Also Asta Thöny warf sich drüben bereits wieder in den steiflinigen Brokat der Agnes Sorel ...
»Sie ist schon hinüber -- und kommt doch erst im ersten Akt -- und ich muß schon zum Prolog 'raus ... Glücklicherweise nur das Bauernkleid ... Vorwärts, Mutter ...«
Das hatte sie freilich nicht sehen können oder wenigstens nicht gesehen in der Finsternis, daß auf dem Sofa noch einsam und regungslos der junge Student gesessen hatte, das Poetlein, um dessen »schwindelschmalen Pfad Abgründe klafften rechts und links ...«
Daß er noch immer da saß, seitdem das Mädchen sich aus seinen Armen gerissen ... Alle Glieder und das Herz wie mit Blei beschwert vor trunkener Zärtlichkeit, sein ganzes Wesen durchschauert von Erfüllungsglück ...
Jucunda schritt über den Hof, der mit Dekorationsstücken vollgepfropft war, die zum Schutze gegen den Regen mit Wachsleinwand verhangen waren -- stolperte über die Beine des ausgestopften schwarzen Pferdes, dessen Leichnam im dritten Akt so überzeugend die Stimmung des blutgedüngten Schlachtfeldes heraufbeschwor -- nahm dies Stolpern für ein gutes Omen, hastete weiter, so schnell, daß Mutter Doris in weitem Abstande hinter ihr drein schnaufte ... Und als sie nun das schmale Pförtchen aus Eisenblech öffnete, das zum Bühnenraum führte, als ihr der vertraute Dunst von Schminke, wirbelndem Staub und Menschenbrodem entgegenschlug, als sie den schlechterleuchteten Korridor, den halbdunklen Bühnenraum kreuzte, auf dem die Arbeiter eben den Prospekt zum Prolog anbohrten ... als sie dann die hallende Steintreppe hinanflog, in ihr Kämmerchen schoß, wo die zerknitterte Krausen herzklopfend ihrer harrte -- (»Ach Gottchen nee, gnäd'ges Fräulein, daß Se nu endlich kommen! Der Inspizient und der Herr Oberregisseur sind schon sechsmal mind'stens dagewäsen nach Ihn' fragen!«) als ihr weißes Gewand, als das blanke Eisen ihrer Rüstung, ihres Helmes aufgleißten im hellen Licht der Spiegellampen --
-- da fühlte sie, wie alles, alles abfiel, was dieser Tag ihr Fremdes, Verworrenes, unheimlich Störendes gebracht. Fühlte, daß sie noch dieselbe war wie gestern abend um diese Stunde -- dieselbe, die sie immer sein würde, so oft der Rausch des Komödienspiels, des Im-Spiele-Gestaltens über sie kam.
Sie riß die Taille ihres Straßenkleides ab, reckte die herrlichen Arme, schmetterte durch den Raum, daß die Wände wankten:
»Ins Kriegsgewühl hinein will es mich reißen, Es treibt mich fort mit Sturmes Ungestüm, Den Feldruf hör' ich mächtig zu mir dringen, Das Schlachtroß steigt, und die Trompeten klingen!«
Ja, es parierte, das erzene Organ ... vor dem sogleich die anderthalb Tausend da drunten erzittern würden ... Ja, sie war es noch, um derentwillen die alle da draußen vor allem doch gekommen waren -- die Heldin des Stückes, die Heldin dieses Abends ...
Kaum stand sie im Bäuerinnengewand, die braunen Haare zu schlichtem Flechtenbau um das runde Haupt gelegt, da trat Franz Burg ein, im ledernen Koller bereits, doch noch ohne das rasselnde Blech drüber, noch ohne Maske:
»Nun, Langbeinchen? Das kennt man ja gar nicht von Ihnen, daß Sie mal zu spät kommen! Wie ist die Stimmung?«
»Prima prima!« lachte sie und leuchtete den Freund an.
»Nichts Neues in der Affäre?« fragte er leise.
»Nichts von Belang ... Ich denke, es renkt sich ein.«
»Oh!« Franz Burg zog die tiefschattenden Augenbrauen hoch -- »das wäre aber jammerschade ... Können Sie denn nichts dazu tun, daß die Geschichte mit dem nötigen Theaterdonner zum Klappen kommt?«
»Ach ... Ich bin froh, wenn sie aus der Welt ist ... Ich muß freien Kopf haben, freie Arme zum Arbeiten, zum Schaffen ...«
»Soll ich Ihnen mal was verraten? -- Ihr Erbprinz ist im Theater -- hat noch vor einer halben Stunde einen Levkoyen geschickt und eine Loge bestellen lassen ... Da alles futsch war, hat der Intendant die Direktionsloge zur Verfügung gestellt ...«
»Hm ... Das ist ja interessant ... Werde mir den jungen Herrn doch mal anschaun ...«
»Sie kennen ihn noch gar nicht?«
»Keine Ahnung ...«
»Na -- die Hauptsache ist: Er ist da -- jedenfalls ein Beweis, daß man nicht ungnädig ist ... Na, die Reklame haben Sie verscherzt, nun halten Sie sich wenigstens den hochgeborenen Verehrer warm ...«
Der Inspizient steckte den Kopf zur Tür herein:
»Fräulein Buchner -- bitte auf die Szene!«
»Also, Langbeinchen, wieder mal: Hals- und Beinbruch!«
»Danke, Meister!«
Mit Wohlgefallen sah Franz Burg der weißen, stolzen Gestalt nach. Künstlerblut! dachte er, kennt nichts als sich und ihre Arbeit ... Alles andre ist Dreck ...
Und Jucunda schritt die Treppe hinunter. Alles grüßte mit vertraulicher Höflichkeit, wenn sie vorüberging: die Friseure, die Bühnenarbeiter, die Statisten, die Volontäre ...
Und in ihrer Seele schwoll die unbändige Lust des Schaffens. Es schwang und klang in ihr von dröhnendem Jambenstrom und schmelzender Trochäenklage ... »Frommer Stab, o hätt' ich nimmer mit dem Schwerte dich vertauscht« ... Kaum konnte sie das Maß, die scheue, entrückte Gebärde für die Stimmung des Anfangs finden, da sie noch ein schlichtes Hirtenmädchen ist, von geheimen Stimmen, phantastischen Visionen geängstigt, doch ihrer Sendung noch ahnungsvoll unbewußt ...
Und endlich rauschte die Gardine empor, wogte drunten das Gebraus, das wohlbekannte, von Zettelknistern und Räuspern und Zurechtrücken, klappten die Sitze der Zuspätkommenden, tönte das leise Zischen der Gestörten ... Und all dies wirre Durcheinander verebbte nach und nach, und die große schaurige Stille ward, in die ihrer Partner Verse hineinklapperten, wie eine belanglose Ouvertüre, ein gleichgültiger Auftakt des Augenblicks, da sie die ersten Worte zu sprechen haben würde ... Ach, aber wie endlos lang dieser Auftakt! Die kamen ja heut wohl gar nicht vom Fleck, der alte Thibaut, ihre Schwestern, die Bräutigame -- biedre Chormitglieder, die heute ein paar Verse zu lallen hatten ...
Gesenkten Hauptes, stumm stand das Hirtenmädchen im Hintergrund ... Nur zuweilen hob sie zaghaft und scheu die großen Augen, ließ sie von einem zum andern flattern, als verstände sie die Sprache ihrer nächsten Menschen nicht mehr ... Und aus den verträumten Augen Johannas d'Arc spähte Jucunda Buchners ganz wacher, lauernder Sinn in den Zuschauerraum, dorthin, wo dicht an der Rampe links die Direktionsloge lag ... Die Lichter blendeten abscheulich -- dennoch konnte sie allmählich ganz vorn, matt angestrahlt vom Widerschein des hellen Bühnentages, zwei Gesichter erkennen: ein fahles, junges mit der blinkenden Scherbe im Auge -- und daneben ein verwettertes, tiefgebräuntes mit flatterndem Schnurrbart ... Also das waren die zwei -- »von Dillingen -- von Gorczynski« -- das waren die Schreiber des verhängnisvollen Briefchens -- die Spender des Rosenturms und der ... beiden ... blauen ... Lappen ...
Achtung jetzt! Bertrand kommt, den blinkenden Helm in der Hand, den »ein Bohemerweib« ihm aufgedrungen im Gewühl ... Gleich wird das Stichwort kommen ... Horch ... Die letzten Verse rannen hin:
»Da war das Weib mir aus den Augen schnell -- Hinweggerissen hatte sie der Strom Des Volkes, und der Helm blieb mir in Händen.«
In diesem Augenblick versank alles, alles ... Jucunda Buchner versank, und nichts mehr war als Johanna von Orleans ... Die schoß nun wie ein Meteor aus der scheuen Zurückgezogenheit vor, riß dem alten Bauern den Helm aus der Hand:
»Gebt mir den Helm!«
Erschrocken fragt der Alte:
»Was frommt Euch dies Gerät? Das ist kein Schmuck für ein jungfräulich Haupt!«
Und wie eine Fanfare jauchzt es aus der endlich entfesselten Brust der jungen Heldin:
»Mein ist der Helm -- und mir gehört er zu!«
Alles -- alles ist versunken -- nur eines wirkt und wogt: der große Rausch des Schaffens ...
Und Johanna wurde erst wieder Jucunda, als nach dem ersten großen Monolog die Gardine sank und gleich darauf, wie hinweggerissen vom Orkan des Beifalls, wieder emporrauschte ... als tausendstimmiger Jubelruf sie umbrandete ...
Da war Jucunda wieder da -- ganz wach, ganz klar ... Und sie neigte sich ... neigte sich zuerst mit tiefem Hofknix nach der Direktionsloge.
9.
Als Herr Borgmann Neo-Borussiae das Hotel Hauffe verließ und verloren, ziellos nach dem Augustusplatz hinüberschlenderte, kam er sich entsetzlich dumm vor. Was sollte er nun seinem Auftraggeber und Doppelgegenpaukanten ausrichten? Man hatte seine Forderung nicht angenommen, aber auch nicht abgelehnt ... Ein Witz ... aber ein fader ... Ist bei Ihrem Auftraggeber eine Schraube los? Rabiater Bursche -- ich danke für einen Skandal ... Koller ... Pathologischer Zustand ... Verlange absolut geräuschlose Erledigung ... Rechne dabei auf Ihre Mitwirkung ... Das waren so ungefähr die Schlagworte, die Herrn Borgmann noch im Gedächtnis hängen geblieben waren und nun in der korrekten Chargiertenseele einen tollen Tanz vollführten ... Ja, was sollte man auch einem Prinzen antworten, der von korpsstudentischer Direktion und Haltung keinen Schimmer hatte? Der eine so blutig ernste Sache wie eine Säbelforderung einfach behandelte ... wie ... na wie einen Hanswurststreich ... wie einen faulen Kalauer?!
Und das hatte man sich gefallen lassen? Man hatte Ja und Amen gesagt zu der ungeheuerlichen Zumutung, nach solch einem Affront auch noch an einer ... hm, hm! geräuschlosen Beilegung mitzuwirken?!