Part 8
»Erzählen soll ich Ihnen ... meine Damen? Ach ... ich hab' nichts erlebt, was des Erzählens wert wär' in solch einem Augenblick ... aber ... das darf ich ja wohl sagen, nicht wahr? daß ich sehr glücklich bin ... Ich denke an gestern abend ... ich habe Sie beide gesehen und bewundert und beneidet um das Glück Ihres Berufs ... den Menschen das Schöne zu offenbaren ... und nun sitz' ich hier ... Ihnen gegenüber ... seien Sie mir nicht böse, wenn das mir zu Kopf steigt und ... mich dumm und stumm macht ... Sie nennen mich noch immer Dummser, gnädiges Fräulein ... und das stimmt, ich bin auch ein dummer Bub, das fühl' ich, jetzt, wo ich mit Ihnen zusammensitzen darf ... Nein, ich kann Ihnen nichts erzählen ... ersparen Sie es mir, mich mit Konversationmachen abzuquälen ... erlauben Sie mir nur ... da zu sein ... und Sie anzuschauen ... und zu fühlen, ja bis ins Tiefste zu fühlen, wie schön das ist ... was für ein Glück das ist!«
»Aber warum machen Sie sich selber so schlecht?« sagte Jucunda und sah ihn groß an -- »Sie sprechen gar nicht übel ... im Gegenteil -- ich meine, ich hätte noch niemals einen Menschen so sprechen gehört ...«
»Du --?« sagte Asta, »daß Du mir dem Jungen nicht zuviel Komplimente machst! Das ist =meiner=, verstehst Du mich? Aber Du mußt immer alles für Dich haben ... die Blumen -- die Kränze -- die ausgespannten Pferde -- die Verehrer, alles muß sie allein haben! Und so was redet von Freundschaft und Kollegialität! Schämen sollten S' Ihnen, mein Fräulein!«
Hans wurde glühendrot. »Ach, meine Damen, machen Sie sich nur immer über mich lustig ... ich weiß ganz genau, wie wenig ich Ihnen sein kann. Nur das eine muß ich Ihnen sagen: Sie ahnen gar nicht, was dieser Tag für mich bedeutet ... Sie können sich wohl nicht vorstellen, wie barbarisch und rauh dies Leben ist, das wir jungen Dächse so führen auf deutschen Hochschulen ... Und seit gestern ist's auf einmal bunt und licht und ... groß und ... schön um mich her ... seit ich Sie beide kenne ...«
»Gott, wie süß er ist -- gelt, Jucunda?« sagte Asta und streichelte dem Studenten mit einer raschen, zärtlichen Bewegung ganz leise und flüchtig die glühende, narbenzerrissene Wange. »Nur mehr so Schönes, nur mehr! So was kann man gar nicht genug hören!«
»Ach -- Sie scherzen wieder, Gnädigste --« sagte Hans. »Sie sind weit schönere Worte gewohnt ... Sie verkehren am Hof -- inmitten von Geist und Grazie ... die Dichter, deren Werke Sie verkörpern, huldigen Ihnen ...«
»Der hat Ahnung, gelt?« lachte Asta halb verschmitzt halb schmerzlich zu ihrer Kollegin hinauf, in deren Arm sie sich drückte.
»Nein, Herr Thumser,« sprach Jucunda langsam, »Sie haben doch wohl eine etwas -- na sagen wir mal zu ideale Vorstellung von unserm Leben ... Glauben Sie mir nur, es gibt nicht viel Männer, die so zu reden wissen, daß es einem wohltut ...«
»Gewiß, ich glaub's -- so verwöhnt, so anspruchsvoll wie Sie sein müssen ... denn so jung wie Sie sind, Sie sind berühmt, alles liegt Ihnen zu Füßen, Sie kommen wie das Schicksal ... wehe dem, der Ihnen verfällt ...«
Ein Schatten war bei diesen Worten über die enthusiastischen Züge geflogen, die flammenden Augen hatten sich verdunkelt.
Jucundas Stirn hatte sich langsam zusammengezogen.
»Wie das Schicksal?« fragte sie, »wie meinen Sie das?«
»O ... ich dachte an ... eine gewisse Geschichte ... eine sonderbare, aufregende Geschichte ... von der Sie doch wohl auch wissen müssen ...«
»Sie ... meinen ... die Sache ... mit Herrn Pilgram? Von der wissen Sie also auch schon?«
»Ich weiß ... selbstverständlich weiß ich ... wir sind ja doch Korpsbrüder ...«
»Eine ... Sache?« fragte Asta ganz erstaunt. »Was hat's gegeben? Hast mir ja doch gar nichts davon erzählt, daß es was gegeben hat? Heraus mit der Geschichte!«
»Ich möchte ... eigentlich überhaupt nicht davon sprechen ...« meinte Jucunda.
»Und ich ... ich halte mich ebenfalls nicht für berechtigt ...« setzte Hans befangen hinzu.
»Schöne Sachen sind mir das!« zürnte Asta. »Ich bring' Euch zwei zusammen, und schon habt Ihr Geheimnisse miteinander, und ich werd' ausgesperrt und hab 's Zuschau'n! Na wartet -- jetzt kommt der Tee mit dem Kuchen, hernach setz' ich Euch vor die Tür und ess' alles alleinig!«
Jucunda hatte einen Moment sinnend den Rauchwölkchen ihrer Zigarette nachgestarrt. Es war dämmrig im Zimmer geworden. Frau Wehe kam mit dem Tee, dem Gebäck, zündete die Petroleum-Hängelampe über dem Tische an, und hell gleißten nun die drei jungen Gesichter auf dem Hintergrunde der abgenutzten Stube, die rasch in völliges Dunkel versank.
Als die Wirtin gegangen, sagte Jucunda langsam: »Ich verstehe, daß Sie sich über die ... Angelegenheit ... die bewußte ... nicht gern aussprechen. Aber Sie werden begreifen: ich bin ziemlich gespannt. Sie wissen schon drum ... also die Sache kommt doch, scheint's, wirklich an die große Glocke. Ich bin ja schließlich doch ein bißchen beteiligt ... Wollen Sie mir nicht sagen, was inzwischen eigentlich passiert ist?«
»Hm ... wenn unsre ... gütige Gastgeberin gestattet, daß wir uns in ihrer Gegenwart über ... eine Sache unterhalten, die sie nicht ... in die wir sie nicht einweihen dürfen?« »Na macht schon, macht schon ...« maulte Asta, »Ihr brennt ja darauf, Eure Geheimnisse auszutauschen ... ich ess' Kuchen.« Und wütend bissen ihre blinkenden Zähne in einen braunlächelnden Mohrenkopf.
»Also kurz ... Er ... ist aus dem Korps ausgetreten ... und hat die ... die bewußten beiden Herren auf Säbel ohne ohne gefordert ... Genügt Ihnen diese Andeutung?« fragte Hans.
»Hm ... und mehr ... wissen Sie also noch nicht?«
»Noch nicht.«
»Immerhin ... also der Skandal ist fertig. Schöne Bescherung ...«
»Hol Euch der Satan, Kinder, Ihr macht eins aber wirklich neugierig wie eine Ziege!« sagte Asta und ließ die kuchenstopfenden Finger sinken. »Säbelforderung -- Skandal ... und dabei habt Ihr Euch vor einer halben Stunde erst kennen gelernt vor meinen sehenden Augen ...«
»Gott, warum soll man's ihr schließlich nicht erzählen?« meinte Jucunda. »Morgen weiß es ganz Leipzig ...«
»Hast einmal wieder was, womit Du Dich kannst int'ressant machen, Jucunderl? Gott, das Mädel hat einen Dusel! Daß es um Dich geht, soviel hab' ich schon heraus ... Also es werden zwei sich die Köpf' entzweischlagen Deinetwegen ... hernach schauen die Leut' unsereins überhaupt nicht mehr an ... und so ist's in allem! Schon wie's heißt -- Jucunda! Wie kommt bloß ein Vater auf die Idee, so ein Wurm 'Jucunda' zu taufen? Als ob er damals schon geahnt hätt', daß das Kind einmal wird unters Theater gehen! Sag' doch, Mädel -- wo kommst an so einen Namen, so ein' ausgefall'nen?«
»Ach -- das ist einfach genug ... da war eine alte Tante, die eine Beamtenpension zu verzehren hatte und so schöne uralte Möbel und Bilder gehabt hat aus der Goethezeit ... um die sind alle Verwandte herum gewesen erbschleichen ... aber meine Eltern haben den Vogel abgeschossen und mich nach ihr getauft ... das hat sie so erschüttert, daß sie mir den ganzen Krempel vermacht hat ...«
»Ach -- und nun hast Du das ganze schöne Zeugs?«
»I Gott bewahre -- verkauft hat's mein Vater und für mich in einem Sparkassenbuch angelegt ... und davon sind mein Studium und meine modernen Kostüme bezahlt worden -- paar Groschen werden wohl auch noch da sein, denk' ich ...«
»Ja schaust, was Du für ein Glückskind gewesen bist ...« Astas Augen irrten in die Ferne, ein ganz fremder Ausdruck von Bitterkeit und Ekel umschattete das pfirsichweiche Oval. -- »So eine Tante wenn ich gehabt hätt', meinetwegen hätten s' mich Eulalia mögen taufen! Ich hab' das alles allein müssen schaffen, so gut oder -- so hundsfött'sch wie's hat gehen mögen ... Dabei wird man ein armes, gerissenes, mit allen Hunden gehetztes Wildkatzerl allenfalls ... und wenn man ein bisserl Talent hat, hernach wurschtelt sich eins am End' auch noch rechtzeitig in die Höh' ... aber eine Priesterin, vor der die Menschen sich platt auf den Bauch schmeißen, eine Jungfrau von Orleans wird man nicht auf die Art!«
Mit herablassender Zärtlichkeit streichelte Jucunda die zierliche Kollegin. »Ich sollte meinen, Asta, Du könntest noch ganz zufrieden sein mit Dir -- nicht wahr, Herr ... Gott, dieser lächerliche Name -- schon wieder hab' ich ihn verschwitzt --«
»Herr Dummerle!« half Asta ein, und um die schmerzlich verzogenen Lippen huschte schon wieder der Schalk.
Hans Thumsers Blicke wanderten rastlos von einer zur andern. Welches Glück, daß er den goldenen Apfel des Paris nicht zu vergeben hatte!
Und Valentin Pilgram? Und die Affäre? Schon längst wieder versunken ... kaum die Oberfläche des Gesprächs hatte sie gekräuselt, die Geschichte von dem wackren Gesellen, der um dieses achtzehnjährigen Weibes willen sein Blut, sein Schicksal aufs Spiel gesetzt hatte -- als Dank für ein paar freundliche Worte, die sie ihm geschenkt ...
Dieser Gedanke tauchte dann und wann flüchtig auf in Hans Thumsers Denken -- aber die Gegenwart, die nie erlebte, der beiden jungen, blutjungen und doch schon aller Machtmittel ihres Geschlechtes kundigen Geschöpfe verdrängte das Bild des Korpsbruders, das heut morgen in so lichtem Heroenglanze gestrahlt hatte.
»Sagen Sie, Herr Thumser, was studieren Sie eigentlich?« fragte Jucunda.
»Gott, was studier' ich? Die Geheimnisse des S. C. Paukkomments -- die Kunst, eine Tiefquart unter der steilsten Auslage hindurch in die Nasenspitze des Gegners zu dirigieren ...«
»Das glaub' ich nicht ... so sehen Sie nicht aus, als ob das alles wäre, was Sie treiben ...«
»Na ... meine kümmerlichen Versuche, mich mit der Juristerei anzufreunden, werden Sie mir doch wohl kaum am Gesicht ansehen können?«
»Das nun schon gar nicht! Nein, es steckt noch etwas andres hinter Ihnen --«
»Soll ich's verraten?« fiel Asta ein -- »ich weiß es nämlich ...«
Und mit ihrem Spitzbubenlächeln, das Köpfchen tief auf die weiche Schulterlinie geneigt, fing sie an zu rezitieren:
»Ich bin ein junger Korpsstudent, Die Schuhe Lack, der Rock patent, Korrekt und schick an mir ist alles -- Im Portemonnaie nur --«
»Halt! Gnade!« rief Hans und legte seine Hand beschwörend auf Astas runden Unterarm -- von dessen Wärme süße Schauer in seine Fingerspitzen, seine Arme, sein Blut hinüberströmten.
»Ach -- sieh da -- Verse -- und von Ihnen?« fragte Jucunda. »Also ein junger Schiller -- oder Goethe? Sieh da!«
»Ach Gott -- diese elenden Knittelreime -- wenn man nichts Besseres könnte ...«
»Oh -- das ist aber nicht hübsch von Ihnen, daß Sie sich meinetwegen so wenig angestrengt haben --« sagte Asta. »Na, was können Sie denn Besseres? Heraus damit!«
»Jawohl, Herr Poet, eine Probe Ihrer Kunst!«
Hans Thumser ließ sich nicht lange bitten. Er sann einen Augenblick nach. Dann richtete er sich unwillkürlich etwas auf, ein feierlicher, strahlender Ausdruck kam in seine Züge; und in tiefinnerer Bewegung sprach er:
»Abgründe klaffen rechts und links Von meinem schwindelschmalen Pfade, Und hinter mir schleicht stumm die Sphinx -- Doch über mir geigt Engelsgnade. Ich aber will nachtwandlerkühn Den Gratgang bis ans Ende wagen, Und hell durchsonnt von Morgenglühn Der Harfe gold'ne Saiten schlagen!«
»Ah ... bravo ... das ist wirklich ein Gedicht ...« sagte Jucunda. »Sieh da -- wer hätte das hinter diesem wandelnden Modejournal gesucht ...«
»Oh ... seh' ich aus wie ein wandelndes Modejournal?«
»Na, so seht Ihr Korpsstudenten doch alle aus ...«
»Gott ja -- es braucht ja nicht jeder Poet auszusehen wie die Jünglinge aus dem Café Größenwahn -- von denen mir ein Berliner Korpsbruder neulich erzählt hat.«
»Nein, da haben Sie recht,« sagte Jucunda. »Die Sorte kenn' ich auch -- aus der Zeit unseres Gastspiels am Viktoriatheater ... ich denke mir, der junge Goethe ist hier in Leipzig auch so etwa wie ein wandelndes Modejournal herumgelaufen, während seine Kollegen lange fettige Haare und schmutzige Hemdkragen trugen ... Sieh da -- also so schaut ein junger Dichter aus ... alte kenn' ich ja schon diesen oder jenen, aber das waren alles sehr verschlissene, sehr diplomatische, sehr nüchterne und ... ernüchternde Herren ... Sie sind nicht nüchtern, Herr Thumser, Sie laufen wie in einem ewigen Rausch herum -- wenn Sie auch noch so schneiderelegant aufgemacht sind ...«
»Ja, das ist wahr!« sagte Hans lebhaft. »Ewiger Rausch! Sie haben recht! Ich bin immer wie betrunken von ... von all dem Herrlichen um mich her -- von all dem Neuen und Gewaltigen, das jede Stunde bringt! Ist nicht die Welt ein einziges, ungeheures Wunder? Und so ein armes Menschenherz viel zu klein und eng, um das alles zu fassen? Und wenn man's nun so erleben darf, die Schönheit, die Kunst, die Poesie leibhaftig vor sich zu sehen ... wie in Ihnen, Jucunda Buchner ...«
Die braunen Augen hingen an den blauen, die blauen an den braunen -- mit hochaufgerichteten Leibern saßen die jungen Menschen einander gegenüber, und Ströme des Lebens rauschten von einem zum andern.
Jucunda fühlte sich wachsen in dieser naiven Bewunderung eines Menschen, in dem ihr weiblicher Instinkt die gärenden, schäumenden Kräfte witterte ... und Hans Thumsers gläubiges Märchenherz erblickte in dem weißen, vom Schöpfer in einer Künstlerlaune so edel ausgeformten Gesicht die fleischgewordene Schönheit, herabgestiegen vom Himmel, um ihm, dem Werdenden, die Fülle zu offenbaren ...
Auf einmal fuhren beide herum: ein Ton, ein erstickter, war in ihre Versunkenheit gedrungen -- ein Ton, den Hans schon einmal vernommen zu haben meinte: der Ton eines bittren, unbezwinglichen Weinens ...
Asta Thöny hatte den Kopf in die Finger gedrückt, die Hände auf die Knie gepreßt ... ganz in sich zusammengekauert saß sie da, die zierlichen Schultern zuckten, aus dem Nest der schwarzen Flechten hatten sich ein paar glänzende Locken gelöst und rollten über den weißen Nacken ...
»Aber Kind -- was ist Dir nur?« fragte Jucunda und legte den Arm um die Hüften der Kollegin.
Aber die schüttelte die Umschlingung ab, sprang auf, eilte zum Fenster hinüber und lehnte den hochgehobenen Arm, die tiefgesenkte Stirn an die Scheiben ...
»Aber ... was ist Ihnen denn nur, gnädiges Fräulein?« stammelte Hans Thumser.
»Ach, geht mir doch -- laßt mich doch in Ruh, Ihr zwei! Poussiert doch miteinander, so viel Ihr Lust habt -- aber nicht in meiner Gegenwart!«
»Aber Kind!« sagte Jucunda, stand auf, sah Hans an mit einem Blick, der für die Kollegin um wohlwollende Nachsicht zu bitten schien, wie für ein törichtes, verzogenes Kind, und trat zu ihr ans Fenster.
»Ach, gehen Sie doch, Buchner -- lassen Sie mich! Es ist ja immer dieselbe Geschichte! Alles müssen Sie für sich haben, alles belegen Sie mit Beschlag -- alles muß zu Ihren Füßen liegen, keiner andern gönnen Sie was! Den Jungen da, den hab' ich nun entdeckt -- und kaum hab' ich ihn eingeladen, schon sind Sie da, als wenn Sie's gewittert hätten -- und gleich geht's los, das alte Spiel -- nur Jucunda Buchner redet, man sieht nur sie, man hört nur sie, man vergafft sich nur in sie, nichts existiert auf Gottes weiter Welt, nichts und gar nichts, als einzig und immer wieder Jucunda Buchner!«
»Herr Thumser, ich bitte Sie um Ihr unparteiisches Zeugnis!« sagte Jucunda ruhig, ganz beherrschte Weltdame -- »ist das nun gerecht, wie diese Dame mich behandelt? Habe ich auch nur den geringsten Versuch gemacht, Sie -- wie hat sie gesagt? -- mit Beschlag zu belegen? Haben wir nicht vollkommen harmlos geplaudert alle drei? Und auf einmal aus heitrem Himmel diese Explosion? Habe ich das verdient, Herr Thumser? Bitte, sprechen Sie.«
In tödlichster Verlegenheit hatte Hans Thumser diesen Ausbruch, dieses Zwiegespräch der Kolleginnen über sich ergehen lassen. Er suchte vergebens nach der rechten Antwort auf Jucundas Frage.
»Gnädiges Fräulein ...« stammelte er zuletzt, »verzeihen Sie, wenn ich auf Ihre Frage nicht antworte. Wir sind beide Fräulein Thönys Gäste ... Ich bin untröstlich, daß ich Ihr Mißfallen erregt habe, Fräulein Thöny ... ich darf Ihnen zwar versichern, daß es keineswegs meine Absicht war, Sie irgendwie zu ... wie soll ich sagen? ... zu vernachlässigen ... Wenn ich dennoch ... es an der schuldigen Rücksicht habe fehlen lassen -- so bitte ich tausendmal um Entschuldigung ...«
Asta Thöny antwortete nicht. Sie stand noch immer am Fenster ... der Schein der Straßenlaternen von drunten umrandete ihre dunkle Silhouette mit einem silbernen Streif -- den weißen Batist, den zarten Flaum des Armes, die Flimmerlöckchen des schwarzen Haars. Wie das Kabinettstück eines der holländischen Kleinmeister sah das aus.
Jucunda und Hans blickten einander an -- der Jüngling in ratloser Befangenheit, das Mädchen gelangweilt, mit verdrossenem Achselzucken ...
In diesem Augenblick erklang draußen eine heftige, erregte Stimme, die Jucunda auffahren machte:
»Na, Gott sei Dank und Lob -- endlich also! G'sucht hab' ich das Mädchen durch die halbe Stadt ... nee so was, nee so was!«
Die Tür sprang auf, und eine massive Frauengestalt füllte den Rahmen -- Frau Wehe verschwand fast ganz hinter dem roten, schwitzenden Gesicht, das von den Samtschleifen, den Seidenbändern eines schwarzen Kapothutes eingesäumt war -- hinter den mächtigen Schultern unterm perlbesetzten Samtcape ...
»Jucunda -- endlich ... Wenn Du wüßtest, was ich hab' müssen aussteh'n diesen Nachmittag Dir zuliebe ... Daß mich der Schlag nicht hat gerührt, das is mir ä blaues Wunder ...«
»Mutter -- Du?« sagte Jucunda langsam und ungnädig. Sie empfand dunkel, daß diese Erscheinung in schroffem Widerspruch stand zu dem mystischen Glanz, der, sie wußte es, von ihr ausging, wenn sie wollte, und wenn der Glückliche, der in diesem Glanze stand, die nötige Naivität besaß.
»Was ist denn passiert? Darf ich zunächst bekannt machen? Meine Kollegin Fräulein Asta Thöny -- Herr Studiosus -- na wie war's doch noch? Dummser, nicht wahr?«
»Thumser,« sagte Hans.
»-- meine Mutter, Frau Rat Buchner. Also was steht Dir zu Diensten, Mama?«
»Nu nee -- ich weeß nich recht, ich mecht wohl mal e Wertchen mir Dir alleene sprech'n, Jucunda ... Entschuldigen Se nur, meine Herrschaft'n -- aber kannste nich e bißchen mit mir uff de Straße 'nunter kommen, Kind?«
»O bitte, gnädige Frau, wenn Sie mit Ihrem Fräulein Tochter etwas unter vier Augen zu besprechen haben« -- fiel Hans Thumser ein -- »meine Stube ist nebenan, die steht Ihnen mit Vergnügen zur Verfügung -- darf ich Mutter Ach -- Frau Wehe, wollt' ich sagen, darf ich ihr Auftrag geben, daß sie Licht macht?«
Jucunda dankte mit einem Lächeln, kühl und hoheitsvoll, wie nie zuvor, als gälte es, den etwas befremdlichen Eindruck, den das Erscheinen ihrer Mutter gemacht, durch doppelt königliches Wesen wettzumachen. Und Hans und Asta blieben allein zurück.
Stumm war's im Zimmer, während jenseits der Tür, jenseits der beiden Kleiderschränke, die sie hüben und drüben verbarrikadierten, ein erregtes Flüstern anhob. In weißen Schwaden lag der Zigarettenqualm über dem Tisch, wob um die Hängelampe, ward von Wärmestrudeln in ihren Schirm hineingesogen und stieg um ihren Zylinder steil wie aus einem Schlot empor.
Ein weiches, brüderliches Gefühl zog Hans zu dem Mädchen hin, das noch immer schweigend am Fenster stand, vom Laternenlicht umsilbert, von stoßweis zuckendem Schluchzen den schlanken Leib geschüttelt.
»Fräulein Asta!« sagte er und trat ein paar Schritte auf sie zu; das Herz schlug ihm bis in den Hals. Nun war es da: er war zum erstenmal in seinem Leben mit einem Mädchen allein.
Sie antwortete nicht, nur heftiger flossen ihre Tränen beim Klang der gedämpften Stimme, die so erregt, so gütig ihren Namen sprach.
»Fräulein Asta,« sagte Hans noch einmal, »so wahr ich lebe, ich habe nicht daran gedacht, daß mein Benehmen Sie kränken könnte. Und Sie müssen mir's glauben, wenn ich Ihnen sage: es war reiner Zufall, daß ich ... daß ich mich mehrmals hintereinander mit meinem Gespräch nur an Fräulein Buchner gewendet habe -- ich weiß wohl, daß ich gesellschaftlich noch nicht sehr gewandt bin ... aber ... Fräulein Buchner ... Ihnen ... vorziehen ... daran hab' ich ja mit keinem Sterbensgedanken gedacht ... ich wäre doch auch ein Narr ... Sie ... Sie sind ja so ein ... so ein wundervolles Geschöpf ... Sie ahnen ja gar nicht, wie ich ... hingerissen gewesen bin ... gestern, wie ich Sie auf der Bühne sah ...«
Er lauschte, ob eine Antwort käme ... aber regungslos stand das Mädchen, Arm und Stirn an die Scheiben gepreßt, die von der Wärme ihrer Glieder mit einem feinen Nebel beschlugen. Und wie Hans sich zage, Schritt um Schritt, der Fensternische näher schob, fiel sein Blick auf die Sophienstraße: drüben, vorm Eingang des Carolatheaters, drängte sich schon wieder, noch weit über eine Stunde vor Beginn der Vorstellung, ein dichter Menschenhauf, des Augenblicks wartend, da die Kasse sich zur ersten Wiederholung der »Jungfrau« öffnen würde. Noch nicht vierundzwanzig Stunden waren vergangen, seit er Asta Thöny zum ersten Male gesehen ...
Aber ihre Tränen waren versiegt: sie harrte, ohne sich zu rühren ... es war, als lausche sie ... als lechze sie, mehr zu hören ... mehr ...
Hans Thumser fühlte, wie alle seine Glieder nur ein einziges banges, verlangendes Beben wurden ... auch seine Stimme bebte heftig, als er weitersprach, ohne zu wissen, was er sagte ...
»Asta ... ich habe noch nie ... noch nie ein Mädchen berührt ... ich bin ein ganz dummer, dummer Bub ... Sie ... Sie müssen Geduld mit mir haben ... Wenn Sie ahnen könnten, wie mir zumut ist ... wie ich mich sehne ... ach, wie namenlos ich mich sehne ... ach, und ich hab' mich ja schon so gesehnt ... seit ich Sie gesehen hab' da drüben ... in Ihrer Schönheit ... und heut nacht, o Mädchen, wie haben meine Gedanken, meine Träume sich an Dich gedrängt ... hast Du das denn nicht gefühlt? nicht geahnt? Seien Sie doch nicht so stumm, sagen Sie mir doch, daß Sie mir verziehen haben ... mir ist ja so bang, so namenlos bang ist mir nach Dir ...«
Da wandte das junge Weib sich um ... Ihre duftenden Arme warf sie dem Knaben um den Nacken und überflutete ihm die Lippen, die Augen, den Hals mit dem schäumenden Strom ihrer Küsse.
»Also, Jucunda, Du weeßt nu, was die Glocke geschlagen hat ...« beendete drüben in Hans Thumsers Studentenbudchen Mutter Doris ihren Bericht über die schwerste Stunde ihres Lebens -- wie sie den Nachmittagsbesuch des Herrn vom Nassau-Dillingenschen Hofe genannt hatte. Sie thronte auf dem Kanapee unter den gekreuzten durchbohrten Mützen, den staubigen, verblichenen Bändern in ihrer ganzen schnaubenden, dampfenden Leiblichkeit ... Die Korsettstangen knackten unter den keuchenden Atemstößen der eingepreßten Lungen, die fleischige Hand wedelte ohn' Unterlaß mit dem feuchten Taschentuch den beperlten Hängebacken Erfrischung zu. Jucunda saß stumm in einem der geblümten Fauteuils, mit zusammengepreßten Lippen, das stolze Haupt ein wenig zurückgeneigt, die blauen Augen starr zur Decke gerichtet. Sie schwieg auch, als die Mutter ihren Bericht geendet und erwartungsvoll an den Zügen der Tochter hing.
»Nu rede Du aber gefälligst ooch en Ton!« polterte Mutter Doris schließlich heraus. »Ich mein', ich hätte mich nu genügend abgerackert für Dich!«
»Na, wenn Du meine Meinung denn wirklich hören willst, Mutter: Du scheinst mir eine märchenhafte Dummheit begangen zu haben.«
»I herrjemersch nee ... nu wird mer'sch aber doch zu tolle! Und was wär' das fier ä Dummheit, wenn's gefällig wär?«
»Wie Du den Brief hast herausgeben können, Mutter, das versteh ich einfach nicht ... das Geld, mag sein, obgleich mir's schon lieber wäre, ich hätte einen Postquittungsschein in Händen ... aber den Brief -- unglaublich einfach!«
Sie sprang heftig auf, stieß den Fauteuil mit einem Ruck zur Seite, daß er in seinen Grundfesten krachte, und rannte zum Fenster -- starrte hinaus, wie drüben vorher die zierliche Kollegin ...
Ach ... da drunten drängten sich die Massen -- eben war der Kassenflur geöffnet worden -- stießen sich, balgten, prügelten sich um den Vorrang ... wem galt das alles als ihr? Die alle da unten, hatten die einen anderen Gedanken als -- Jucunda Buchner?