Komödiantinnen: Roman

Part 7

Chapter 73,464 wordsPublic domain

Sporenklirrend ging der Prinz -- den militärischen Gästen zu Ehren war er heut in der Uniform seiner Sophiendragoner -- in den Salon hinüber, dessen konventionelle Hoteleleganz durch ein paar erlesene Stücke aus dem erbprinzlichen Schloß Beauregard eine Art persönliche Note empfangen hatte.

Herr Borgmann verneigte sich tief. Unter seiner schwarzen Kompresse waren Stirn und Nase erblaßt vor feierlicher Erregung.

»Durchlaucht ... ich bedaure unendlich ... furchtbar peinliche Mission ...«

»Darf ich bitten, Platz zu nehmen?«

Stotternd entledigte sich Herr Borgmann seines Auftrages.

»Hören Sie mal, mein Verehrtester -- das ist ein Witz ... aber ein fader!« sagte der Erbprinz. »Einen Augenblick ... ich werde Herrn von Gorczynski rufen lassen, der ist ebenfalls beteiligt ...«

Er klingelte und befahl, den Major zu bitten.

»Nehmen Sie mir die Frage nicht übel, Herr Borgmann -- ist bei Ihrem Herrn Auftraggeber vielleicht eine Schraube los?«

»Ich bedaure, als Kartellträger eine Kritik an dem Inhalt meines Auftrages ... weder selbst ausüben noch ... entgegennehmen zu dürfen ...«

»Sehr korrekt!« lobte der Erbprinz. »Sie haben ganz recht -- verzeihen Sie. Aber ich bin einstweilen dermaßen baff ... So was hab' ich denn doch nicht für möglich gehalten.«

Und zu dem eintretenden Major mit einem boshaften Schmunzeln:

»Nun sagen Sie mal, mein Verehrtester -- was haben Sie uns da denn eigentlich eingebrockt? Wir werden gefordert! Wir sollen uns prügeln -- weil wir den perversen Wunsch geäußert haben, mit der Jungfrau von Orleans zu soupieren!«

Der Major begriff nicht -- mußte erst völlig aufgeklärt werden -- und dann platzte er hell heraus ... Der Prinz stimmte ein, auch Borgmann glaubte aus schuldiger Höflichkeit mitlachen zu müssen ...

»In der Tat, die Sache ist zum Wälzen,« sagte der Prinz -- »aber Teufel auch, wie bringen wir diesen rabiaten Burschen, den guten Pilgram, zur Ruhe? Wie die ganze verfahrene Karre wieder ins Gleis? Ich danke für einen Skandal ... die Sache muß unbedingt in aller Stille arrangiert werden.«

»Durchlaucht,« sagte der Major, »ich bin natürlich schuld. Ich habe unsre ... hm, hm ... unsre vollkommen harmlose Soupereinladung scheinbar doch ein bißchen zu herausfordernd stilisiert ... ich übernehme selbstverständlich jede Verantwortung. Zunächst werde ich zu Fräulein Buchner hinfahren, mich als den Schreiber des ... verhängnisvollen Zettels bekennen ... und für mich, als den allein schuldigen Teil -- die Verzeihung dieser ... nun der jungen Dame erbitten. Damit dürfte dann wohl die Angelegenheit vollkommen erledigt sein -- nicht wahr, Herr Borgmann?«

»Hm ... ich will's hoffen,« meinte Herr Borgmann etwas kleinlaut. »Wenn ich den Fall richtig taxiere, ist mein Herr Auftraggeber in ... na, in gewissen ... heiligen ... Gefühlen gekränkt ... die bei etwas temperamentvollen jungen Leuten leicht eine ... etwas explosive Form annehmen ...«

»Ach so -- Koller nennt man das ja wohl,« näselte der Erbprinz. »Ja ... aber wenn ein solcher -- hm ... pathologischer Zustand gemeingefährlich wird, dann muß eben eine Radikalkur versucht werden. Aeh -- die Sache ödet mich ... Ich wünsche, lieber Herr von Gorczynski, daß Sie die Angelegenheit völlig ins Reine bringen, verstehen Sie mich?«

»Gewiß, gewiß, Durchlaucht, ich werde es an nichts fehlen lassen ...« hastete der Major beflissen.

»Und Sie, Herr Borgmann? Ich rechne auf Ihre Mitwirkung zu einer absolut geräuschlosen Beilegung!«

»Durchlaucht wollen versichert sein, daß ich mein möglichstes tun werde!«

Mit kurzer Verneigung schritt der Prinz an den beiden Herren vorüber und überließ sie ihrer Ratlosigkeit. Auf dem Wege zum Speisesalon brach er in ein schallendes Gelächter aus.

So eine gerissene Katze -- bringt's fertig, einen Prinzen, einen Prinzenbegleiter und einen langen Laban von Schlagetot vor ihren Reklamewagen zu spannen ... und sowas ist achtzehn Jahre alt und spielt weißgewaschene Tugendengel dermaßen überzeugend, daß einem ganz kniefällig dabei zumute wird ... Na, warte Du, Dich zähm' ich mir noch mal, Du süße, weiße Bestie Du -- das lohnt doch noch der Mühe!

»Sie, lieber Aldringen, geben Sie mal 'n Glas Pommery -- aber etwas lebhaft, bitte!«

7.

Major von Gorczynski hatte beschlossen, den Stier bei den Hörnern zu packen. So etwas Blödsinniges war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert! Eine Soupereinladung an eine Bühnenprinzessin, die mit einer Säbelforderung seitens eines Korpsstudenten beantwortet wird! Und noch dazu eines Korpsstudenten, von dem man mit positiver Bestimmtheit weiß, daß er allem, was Theater und Theaterweiber heißt, weltenfern steht! Das war zu abgeschmackt ... Was konnte nur vorgegangen sein, das diese ausgefallene Konstellation ermöglicht hatte! Das mußte man herausbekommen ... Und das Einfachste war, man ging gleich vor die rechte Schmiede ... Mit dem Mädel war jedenfalls noch am ehesten fertig zu werden ... Absolut geräuschlose Erledigung hatten Durchlaucht verlangt? Herr von Gorczynski kannte sich jedenfalls mit Mädeln noch besser aus als mit dieser rauf- und trinkfesten Männerjugend in Band und Mütze, deren Begriffe und Sitten so was mittelalterlich Unkontrollierbares an sich hatten ... Also auf zu Jucunda!

Frau Kanzleirätin Buchner öffnete selbst die Tür und war nicht wenig entsetzt, als ein nicht mehr ganz junger, höchst eleganter und -- hm! -- pikfein parfümierter Herr in Gehrock, Zylinder, hechtgrauen Glacés an der Entreetür stand und Fräulein Jucunda Buchner zu sprechen wünschte ...

»Fräul'n Buchner is aus -- tut m'r unendl'ch leid ... Aber wenn ich was kennte bestell'n -- ich bin die Mutter.«

Herr von Gorczynski musterte die stattliche, rundliche Frau mit Kennerblick. Es war nachmittags um vier, aber die ... Dame war noch immer in Morgentoilette ... geblümter Schlafrock und Schleifenhäubchen ... Also aus so einem ... Milieu entstammte das Dämchen, für das der Sohn eines hohen sächsischen Justizbeamten Korpsband und Karriere in den Wind schlug ... Hm ... Das vereinfachte die Situation allerdings außerordentlich. Herr von Gorczynski war auf eine feingebildete Familie gefaßt gewesen ... Vielleicht Justiz, Universität, ein Predigerhaus ... Und nun ... Na, wenn man mit so etwas nicht geräuschlos fertig werden sollte ...

»So ... Sie sind die Mutter ... Na da ist es vielleicht am besten, ich unterhalte mich erst mal ein wenig mit Ihnen ... Major von Gorczynski ist mein Name.«

Frau Doris fühlte, wie ihr das Herz in die flanellenen Unterhosen rutschte. »Ja, aber ... Sie sehen, Herr Major ... Ich bin Sie ja doch gar nich angezogen ...«

»Bitte, das macht nichts ... Was ich Ihnen zu eröffnen habe, das können Sie auch unangezogen hören. Also wenn ich bitten darf -- oder wünschen Sie meine Erklärungen auf dem Hausflur entgegenzunehmen?«

»Ach nee ... Aber gewiß nicht, Herr Major ... Bitte treten Sie ein ... in die gute Stube ...«

Herr von Gorczynski überflog mit demonstrativer Geringschätzung die verschlissene Herrlichkeit des Buchnerschen Salons. Dann setzte er sich mit einer gewissen Vorsicht, als fürchte er, der Samtfauteuil könne unter ihm zusammenbrechen, in den grünen Plüsch und sah die vor Erregung fiebernde Frau mit durchdringendem Blick an.

»Sie werden sich wohl ungefähr vorstellen können, weswegen ich komme, Frau -- Buchner!« begann er scharf. »Nicht wahr?«

Frau Doris' Kinnbacken schlotterten. Da hatte man die Bescherung! Und ihr Rat war fern ... Und das Kind ... Und sie mußte den ersten Ansturm des Schicksals ganz allein aushalten, von Gott und aller Welt verlassen ...

»Nu ja, nu nee ... denken ... kann ich mersch am Ende ...«

»Na also: Um's kurz zu machen: Ihr Fräulein Tochter hat eine Einladung, wie sie in der ganzen Welt Abend für Abend an tausend und abertausend Kolleginnen Ihrer Tochter ergeht -- die hat sie damit beantwortet, daß sie mir und ... meinem jungen Freunde, in dessen Namen ich mit unterzeichnet hatte, eine Forderung auf schwere Waffen hat überbringen lassen. Darf ich mich zunächst erkundigen, in welchen Beziehungen der ... junge Herr, der sich zum Beschützer Ihrer Familienehre aufgeworfen hat, zu Ihrer Tochter steht?«

»Aber ich bitt' Ihn', Herr Major -- in gar keener Beziehung. Er wohnt hier im Haus ... zur Miete ... un da is er ... ganz zufäll'g is er dazu gekommen, wie meine Tochter een Weinkrampf hat gekriegt, als das Bukett ist angekommen ... un der Brief ... un ... un das Geld ...«

Hm ... das Geld ... und ... ein Weinkrampf ... verdammt peinliche Vorstellung ... aber was war zu machen ... man mußte oben bleiben.

»So ... also in gar keinen Beziehungen ... verehrteste Dame, Sie haben keinen dummen Jungen vor sich, dem Sie Lederstrumpfgeschichten aufbinden können. Ich will also mal annehmen, der junge Herr ist der ... Bräutigam Ihrer Tochter ...«

»Ne, ne, wahrhaft'gen Gott nich -- aber gar keene Ahnung ... e junger Student, ne, ne, wie kenn' Se nur so was denken ... So was hat meine Jucunda wahrhaft'gen Gott nich neetig!«

»Hm ... also nicht ... Na dann wollen wir's dahingestellt sein lassen, welcher Art das ... Verhältnis zwischen den beiden jungen Leuten ist ...«

Jetzt hatte Frau Doris sich denn doch gefunden. Die Ehre ihres Hauses, ihres Mädchens --? Ne, ne, damit durfte man denn doch nicht spaßen ...

»Heer'n Se, Herr Major,« rief sie zitternd, doch mit Entschiedenheit, »das muß ich mir denn doch ganz ergäbenst verbitt'n! Meine Tochter hat kein ... kein Verhältnis nich!«

»In dem Sinne, in dem Sie das Wort verstanden zu haben scheinen, habe ich es durchaus nicht gebraucht ... und verbitte mir meinerseits eine derartige Auslegung meiner Worte! Nun aber zu Ihrem Fräulein Tochter! Hat sie -- und haben Sie als Mutter -- oder wenn Ihr Mann noch unter den Lebenden ist --«

»Allerdings -- mein Mann ist der Kanzleirat Buchner -- ein königlicher Beamter ...« warf Frau Doris ein, »Ritter des Albrechtkreuzes zweiter Klasse ...« Sie richtete sich ordentlich auf an all diesen ehrenvollen Tatsachen.

»Na also! Haben Sie alle zusammen sich denn eigentlich nicht klar gemacht, was ein so ... rabiates Vorgehen denn eigentlich für Ihre Tochter ... vielleicht auch für Ihren Mann ... bedeutet? Ich nehme an, daß Sie bereits in Erfahrung gebracht haben, wer wir eigentlich sind -- wer sich hinter dem Namen von Dillingen versteckt -- hä? Wissen Sie das, Frau Kanzleirat Buchner?«

»Ja, ja, ich weeß -- ich weeß,« stammelte die geängstigte Frau und fuhr mit dem Rücken der fleischigen Hand über die feucht gewordene Stirn.

»Na also! Bilden Sie sich denn im Ernste ein, ein solcher Herr werde sich wegen ... wegen einer Lappalie von einem x-beliebigen jungen Menschen zur Rechenschaft ziehen lassen? Nee, verehrte Dame, die Sache kommt anders: Es möchte Ihrer Tochter vielleicht doch peinlich sein, wenn an ... eine gewisse Stelle ein Bericht über das ... eigentümliche Interesse erginge, dessen Ihre Tochter sich in -- hm! Studentenkreisen erfreut! Und wenn Ihre Tochter sich überlegt, daß ihr Kontrakt doch am Ende noch nicht lebenslänglich und unkündbar ist, und daß es sich wenig empfiehlt, sich die Gunst eines jungen Fürsten zu verscherzen, der einmal der Brotherr eines der größeren deutschen Hoftheater sein wird ... dann wird ihr am Ende klar werden, daß es ein bißchen übereilt von ihr war, eine kleine Unbedachtsamkeit -- ich gebe ja zu, daß es eine Unbedachtsamkeit war, Ihre Tochter ohne weiteres in eine Linie mit der Mehrzahl ihrer Kolleginnen zu setzen ... Aber deshalb gleich nach Blut -- nach Fürstenblut zu lechzen -- das scheint mir doch einigermaßen kindisch!«

Völlig zerschmettert hatte Frau Buchner die Suada ihres vornehmen Besuchers über sich ergehen lassen. Vor ihrem Auge tanzten hundert gräßliche Bilder ... Der gnädigste Herr in Meiningen hatte Jucunda seine Gunst entzogen -- ihr Vertrag war gekündigt ... Vergebens klopfte sie an die Pforten aller deutschen Bühnen ... Als »schwieriges Mitglied« wurde sie überall abgelehnt ... Das Elend lauerte, der Hunger ...

»Ne ... ne ... das is ja äne schreckliche Geschichte ...« stammelte sie.

»Nun, Sie scheinen ja Vernunft annehmen zu wollen. Ich empfehle Ihnen also, unverzüglich mit Ihrer Tochter Rücksprache zu nehmen: Sie soll ihren ... ihren jugendlichen Beschützer veranlassen, seine höchst törichte und kindische Herausforderung zurückzuziehen ... Damit dürfte die Angelegenheit eine für alle Beteiligten befriedigende Erledigung finden. Sind Sie dazu bereit?«

»Aber mit dem greeßten Vergniegen -- 's wird sich doch am Ende noch alles lassen ins reine bringen!« ächzte aufatmend die geängstigte Frau.

»Na also --« der Major erhob sich -- »ich rechne darauf, daß Sie Ihren mütterlichen Einfluß in diesem Sinne geltend machen. Meine Empfehlung an Ihr Fräulein Tochter ... und ... böse ... braucht sie uns nicht zu sein ... Die ganze Sache war vollkommen harmlos gemeint ... also ... adieu, Frau Kanzleirätin!«

Frau Buchner knixte ein übers andre Mal, während sie den Gast zur Entreetür geleitete.

Auf der Schwelle wandte der Major sich noch einmal um.

»Apropos -- soweit ich unterrichtet bin, hat man bei Ihnen besonders daran Anstoß genommen, daß meinem Briefchen ein ... ein kleines Geschenk ... in barem Gelde ... beigelegt war. Vermutlich haben Sie diese ... diese kleine Aufmerksamkeit ... in Verwahrung genommen?«

»Allerdings ... das hab' ich ... in meine Wirtschaftskasse hab' ich die Scheine eingeschlossen ... Jucunda wollte sie zur Post bringen, aber ... sie wollte sich erscht noch nach Ihrer ... genaueren ... Adresse erkundigen ... Na un von dem Wege, da is se noch nich zurück ...«

»Na, dann kann ich ihr ja den Gang ersparen ... Wenn Sie's mir gleich aushändigen wollten ... und vielleicht --« ganz harmlos, nachlässig wurde das hingelegt -- »vielleicht händigen Sie mir auch gleich das Briefchen mit aus, das die Gemüter so sehr erregt hat -- und damit wäre ja dann alles in schönster Ordnung ...«

»Gewiß, gewiß, Herr Major -- das hab' ich ooch ... alles kenn' Se kriegen -- ich bin ja froh, wenn ich's aus 'm Hause hab ...«

Teufel auch ... das war mehr, als ich gehofft habe! schmunzelte der Major, als er mit seinem Raube die halbdunkle Stiege hinunterknarrte.

Unten im Hausflur zog er den Brief hervor, entzündete ein Streichholz und ließ das _corpus delicti_ in Flammen auflodern. Die beiden Scheine aber, die er beim Empfang nur nachlässig in die Westentasche geschoben, barg er nun sorgfältig in seinem Portefeuille. Es waren immerhin zweihundert bare Mark ...

Und dann ging er zu Aeckerlein hinüber und bestellte eine Flasche Heidsieck.

8.

Als Hans Thumser inmitten seiner Korpsbrüder das Theaterrestaurant verließ und über den sonnenflimmernden Augustusplatz, die mittäglich durchhastete Grimmaische Straße nach dem Baarmannschen Lokal am Markt hinüberspazierte, wo das Korps speiste -- da wirbelte ihm der Kopf dermaßen vom Fieber des Erlebens, daß die erregten Gespräche der Freunde nur wie aus weiter Ferne zu ihm herüberklangen. Und doch disputierte er selber eifrigst mit ... Es war ja kein Ende zu finden des Ueberlegens und Projektierens -- wie alles kommen würde -- ob man sich nicht übereilt, ob Pilgram, ob das Korps richtig gehandelt, ob sich nicht eine minder schroffe Lösung des Konflikts hätte finden lassen ... Wie der Erbprinz sich stellen würde ... und schließlich doch auch der Hof in Nassau-Dillingen ... was der für Weisungen erteilen würde ... und was all der welterschütternden Schicksalsfragen mehr noch waren.

Und dabei immer der heimlich bohrende, süß erregende, wonnesam beklemmende Hintergedanke an ... heut nachmittag ...

Und so in Wirrnis und Ahnung verrannen die Stunden ... Jetzt ward alles andre verdrängt durch das Mitgefühl mit Valentin Pilgrams Schicksal, des Korpsbruders, der so ganz anders geartet war, mit dessen Wesen das eigene niemals harmonisch hatte zusammenklingen wollen ... und dessen starkgemute Jungmännlichkeit dennoch die lebenshungrige Seele fest in ihren Bann geschlagen hatte -- längst eh dies opferstolze Einsetzen seines ganzen Daseins für ein fremdes Mädchen, das Kind einer andern Welt ... eh' diese Tat sein Bild in eine fast heroische Sphäre emporgehoben ...

Und dann wieder schwirrten mit scheuem Flügelschlage die Gedanken um das eigene Hoffen und Bangen ...

Und seltsam: Astas und Jucundas Bilder, sie rannen zusammen in der Seele ... Wer war's eigentlich, der ihn erwartete heut um fünf? War's nicht jener Dämon, der in seines Korpsbruders Leben so verhängnismächtig hineingegriffen? Jucunda! Jucunda! Der Name klang aus allen Gesprächen, die in der Runde hin und wider flogen ... Daß es überhaupt eine Asta Thöny gab, das wußte ja nur einer von seinen Freunden, und dieser eine -- der war fern ... war ausgeschieden aus dem Bunde, dem sein ganzes Herz gehörte, für dessen Farben er in siebenundzwanzig Waffengängen sein junges Herzblut vergossen ... ausgeschieden um jener andern willen ... und selbst dieser eine hatte sie doch nur auf der Bühne gesehen -- ahnte nicht, daß sie mit Hans Thumser unter einem Dache wohnte ... konnte nicht ahnen, daß sie heimlich nächtens in ihre Kissen weinen und dann plötzlich lachen konnte, so girrend, so atemversetzend.

Nach dem Mittagessen blieb das Korps beim Kaffee noch lange zusammen. Die Füchse wurden fortgeschickt, und immer und immer wieder in heftigen Disputen drehten und wendeten die Korpsburschen das Ereignis des Tages. Hans aber zog von Zeit zu Zeit heimlich die Uhr und zählte, wie eine Viertelstunde um die andere verrann von jenen, die ihn noch von dem größten Erlebnis seines jungen Daseins trennten ... Und einmal zog er heimlich auch sein Portemonnaie und stellte fest, daß er heute, am einunddreißigsten Oktober, noch fünfundachtzig Pfennige sein eigen nannte ...

Teufel auch! Wenn man die Farben eines Korps trägt, kann man unmöglich ohne ein bescheidenes Blümchen in der Hand bei einer Dame zum Tee antreten ... Und Hans Thumser pumpte sich von Volkner, der immer Geld hatte, eine Mark ...

Und endlich war's dreiviertel fünf ... Und wie ein Träumender strich Hans Thumser die Petersstraße hinunter, einen Busch rosa Dahlien, in Seidenpapier gewickelt, in der Hand ... Zu wem ging's? Zu Asta? Zu Jucunda? Er wußte es nicht ... es ging ... zu =ihr= ...

Und so war's fast eine Selbstverständlichkeit, daß er sie nun =beide= fand ...

Die Stube schwamm von Zigarettenrauch ... Und auf dem Sofa, eng aneinandergelehnt, zwei Mädchen ... die, die er zu suchen kam -- und die andere ...

»Ach Gott ...« lachte Asta in komischem Entsetzen auf, »Herr ... na wie heißen Sie noch? Herr ...«

»Thumser,« stotterte Hans und blieb ganz verdonnert an der Tür stehen.

»Richtig, Herr Thumser -- mein Zimmernachbar -- nicht wahr, Sie sind's doch? Mein Gott, Sie hatt' ich wahrhaftig total vergessen --«

»O bitte, dann will ich nicht stören,« sagte Hans und griff zur Tür.

Ein Kübel Eiswasser, einem glutgedörrten Saharawanderer jählings über den Nacken gegossen ...

»Aber nein! Stören! Weglaufen! Gibt's nicht!« Und das weiche Figürchen in der nicht ganz tadellos frischen Batist-Matinee sprang auf, stand vor dem schlanken Studenten, eine Hand, zart und warm wie ein sonnendurchglühtes Rosenblatt, legte sich auf die seine und zog ihn ins Zimmer.

»Nicht böse sein! Meine Kollegin ist mich besuchen gekommen, und da haben wir uns verschwatzt ... Ist's denn schon fünf Uhr? Himmel -- und wie's hier ausschaut! Frau Wehe! Frau Wehe! Schnell kommen Sie mal her und räumen S' ab! Gestattest Du, Jucunda? Mein Zimmernachbar, Herr Studiosus Dummler --«

»Thumser,« verbesserte Hans etwas pikiert.

»Pardon -- Thumser -- meine Kollegin Buchner -- die große Buchner, wissen S'!«

Jucunda grüßte stumm und königlich. Sie hatte die grüne Mütze, die drei Farben um die Brust des jungen Mannes wiedererkannt ...

»Ich weiß ...« sagte Hans. »Ich war gestern abend in der 'Jungfrau' ... und ich bin auch unter denen gewesen, die --«

»-- ihr die Pferde ausgespannt haben -- natürlich! Das nächste Mal, Sie Schlingel, spannen Sie mir die Pferde aus -- verstanden? Sonst ist's aus mit der guten Nachbarschaft!«

»Wird gemacht!« sagte Hans, der sich wiederfand. »Inzwischen darf ich wohl als bescheidene Entschädigung diese Blümchen ...«

»Ach -- das ist famos! Sehen Sie, Jucunderl, es wachsen heuer doch nicht alle Blumen bloß für Dich ...« Und sie drückte den Studenten in einen der verschlissenen, fettigen Damastfauteuils, welche Mutter Achs beste Bude verherrlichten.

Einen raschen Blick warf Hans Thumser in der Bude umher. Wild sah's aus ... auf dem Tisch noch die Reste des bescheidenen Mittagsmahls, Aepfelschalen und die zerknautschten Mundstücke abgerauchter Zigaretten trieben sich auf dem fleckigen Tischtuch herum ... und drüben auf dem Bette aufgestapelte Mullröcke und Spitzenhöschen, auf dem Schreibtisch ein zusammengerolltes Korsett, dazwischen unsaubere Hefte mit ausgeschriebenen Rollen und zerflederte Reclambändchen ...

Asta war diesem Blick gefolgt und sah den Ausdruck von Mißbehagen, der ununterdrückbar das schmissebedeckte tadellos rasierte Gesicht des korrekten und gepflegten Jünglings überzog.

»Bös schaut's aus da drin, gelt? Aber warten S' nur, ich schaff' schon eine Ordnung! Faß an, Jucunderl, Du bist ja schuld, daß ich so einen feschen, jungen Herrn in so einer Schlamperei muß empfangen! Und Sie, Frau Wehe« -- die noch immer hübsche, kugelrunde Wittib stand mit nachmittagschlafgeröteten Augen in der Tür -- »hinaus mit dem Abfall da! Und ein' Tee kochen S' uns, und Kuchen will ich seh'n und Schlagsahn' und was sich sonst gehört! Da haben S' ein Geld!« Und wie ein Irrlicht fegte das dunkellockige Mädchen in der Stube umher, hob den Bettbezug aus gewebter, leidlich defekter Spitze, das Ueberbett in die Höhe, stopfte die herumliegenden intimen Kleidungsstücke drunter und deckte mit einem Spitzbubenlächeln wieder zu, griff in die Nachttischschublade und warf ein paar Markstücke auf den Tisch, daß zwei, drei in die Stube kollerten und Hans Thumser sich bücken mußte, um sie wieder aufzulesen; griff dazwischen in die Zigarettenschachtel, schob ihren beiden Besuchern, sich selbst und schließlich auch der verlegen grinsenden Wittib eine Zigarette zwischen die Lippen:

»Da, Herr Dummser -- haben S' Feuer?«

Und da flimmerten auch die feuchten Lippen, die dunklen, flackernden Augen dicht vor Hansens Gesicht, loderten ihn an, während sie mit ihm zugleich am nämlichen Zündholz ihre Zigarette anbrannte ...

Inzwischen saß Jucunda stumm und königlich auf dem Sofa, ohne eine Hand zu rühren, und ließ ihre runden blauen Augen von einem zum andern leuchten. Und auch Hans Thumsers Blicke gingen hin und her, von dem Schalk zu der jungen Königin, von der jungen Königin zu dem rastlosen Schelm ...

Und endlich gab's Ruhe und so etwas wie Ordnung, und mit einem tiefen Aufseufzen warf Asta Thöny sich in das Sofa, kuschelte sich an Jucundas kräftige Schulter ... und nun sahen zwei Augenpaare, das blaue, das schwarze, den braunäugigen Studenten an ...

»So, Herr Dummser, nu erzählen S' uns was!«

Hans Thumser war des Umgangs mit weiblichen Wesen wenig gewohnt. Seine Schwestern waren um vier und fünf Jahre jünger als er, die zählten, samt ihrer Freundinnenschar, noch nicht mit, waren Gören, oder wie man daheim sagte, Blagen ... unfähig, die erhabene Größe eines Studenten, eines Korpsstudenten, eines Fuchsmajors richtig einzuschätzen. Und das Korps? Es lebte außerhalb der Leipziger Gesellschaft, war völlig durch Mensur und Kneipe absorbiert und kam höchstens auf dunklen und verschwiegenen Pfaden einmal mit verachteten Parias der Weiblichkeit in Berührung ...

Aber ... er war ein werdender Poet ... und der Zauber der Situation löste ihm die Zunge, gab ihm Worte, wie sie gesellschaftliche Routine nicht kennt ...