Part 5
»Ne, gnädiges Fräulein, das könnt' ich nu gerade nich sagen,« erklärte Valentin. »Ich bin eben doch, wie mein Korpsbruder Thumser sagt, ich bin doch ein Banause. Schiller? Ich weeß nich ... es ist mir doch zu viel Schmalz an der Brühe ... Wenn Sie nicht gewesen wären, gnädiges Fräulein, ich glaube nicht, daß ich wäre bis zum Ende dageblieben ...«
»Schämen Sie sich!« zürnte das Mädchen.
»Ja -- 's tut mir selber leid, daß ich so wenig Verständnis habe für die sogenannte Kunst ... Sehen Sie ... ich stamme aus einer alten Juristen- und Beamtenfamilie ... bei uns zu Hause ist nie von was anderm die Rede gewesen wie von Dienst und Vorgesetzten und Karriere machen und Orden kriegen und Gesetzesnovellen ... und das Theaterspielen und Musikemachen und Bilderklexen und Verseschmieren -- nee, davon hat man bei uns nie was wissen wollen. Aber was Arbeit und Pflicht und Gehorsam ist und Gewissenhaftigkeit und Treue ... das ist mir eingepaukt worden von Kindesbeinen an ... und nicht nur mit der Moralpredigt, sondern mit dem guten Beispiel, dem nachahmungswürdigen Vorbild ...«
»Das is sähr scheen, wenn man das von sein' Elternhause kann sagen --« meinte der Kanzleirat. »Prost, Herr Pilgram -- Ihre Herren Eltern sollen leben.«
Andächtig tat Pilgram Bescheid. Aber Jucunda war des trockenen Tones satt:
»Erzählen Sie mir lieber von heut abend -- erzählen Sie mir, wie ich Ihnen gefallen habe! Sie können's ruhig ein bißchen dicke machen ... Sie haben ja gar keine Ahnung, wieviel Honig und Weihrauch unsereins vertragen kann nach so einer gewonnenen Schlacht ...«
»Aber Jucunda -- so schäme Dich doch! Was soll denn Herr Pilgram von Dir denken?«
»Na -- nichts als was wahr ist! Daß ich eine ganz eitle, verwöhnte Komödiantin bin! Nicht wahr, Herr Pilgram, so denken Sie doch! Nur heraus damit ...«
»Gnädiges Fräulein, ich denke an nichts andres als an den Augenblick, wo Sie zuerst herauskamen ... Wir waren zu spät gekommen, aus dem S. C., wissen Sie? da muß man aushalten -- und als wir kamen, hatte der erste Akt schon angefangen ... und ich langweilte mich und dachte: na ja, Schiller ... und überlegte, was für ein Aufsatzthema mein alter vermickerter Professor auf Prima in Dresden wohl aus diesem ersten Akt herausgeschlagen hätte: Würde Johanna d'Arc ihr Vaterland auch errettet haben, wenn Karl der Siebente anstatt mit den Engländern mit den Deutschen Krieg geführt hätte? oder so ähnlich ... Und da -- da kamen Sie -- und auf einmal wurde alles wahr und richtig und interessant und ... na ja eben schön ... mit einem Wort ...«
»Ich seh's kommen, daß se Dich noch ganz närr'sch werden machen, Jucunda --« kicherte der Kanzleirat.
»Ach ja ... macht mich nur ruhig närrisch, Kinder -- es ist ja so schön, gefeiert zu werden ... und begraben zu werden unter Lorbeer und Rosen -- und die Pferde ausgespannt zu kriegen ... hören Sie, Herr Pilgram -- die Idee, die war wohl von Ihnen?«
»Ehrlich gestanden, nein -- so leid mir's tut -- aber den glorreichen Einfall, den hat mein Korpsbruder Thumser gehabt ...«
»Schade -- sonst hätten Sie wahrhaft'gen Gott 'nen Kuß gekriegt dafür --«
Der Kanzleirat drohte der Tochter lächelnd mit dem Finger.
»Säh'n Se, Herr Pilgram, wie se Ihn' schon überschnappt?«
Und er ließ frische Gosefluten in die Gläser kluckern.
Aber allmählich fielen dem alten, hageren Männchen, das sein ganzes Leben in der muffigen, überhitzten Luft der Königlichen Justizbureaus zugebracht hatte, die geröteten Aeugelchen zu. Er verabschiedete sich und humpelte ins Schlafzimmer.
Auch Mutter Doris fiel allmählich ab.
»Nu, Herr Pilgram, wie denken Sie über's Schlafengehen?«
»Gibt's nich!« erklärte Jucunda. »Wenn Du müde bist, Mamachen, kriech in Gottes Namen in die Posen ... Ich bin noch nicht fällig, und Herr Pilgram wird mir Gesellschaft leisten, bis meine Nerven ausgezappelt haben ...«
Und die jungen Menschen waren allein. Es wurde still, ganz still ringsum. Von der Katharinenstraße klang ab und an noch das schläfrige Geklapper eines heimwärts trottenden Droschkengauls ... Vom nahen Rathausturme meldeten die Glocken mit hallenden Schlägen Viertelstunde um Viertelstunde ... sonst nichts mehr. Leipzig schlief.
»Erzählen Sie mir mehr von sich!« sagte Jucunda und legte sich mit behaglichem Gähnen in die gestickten Schoner des grünen Plüschsofas zurück. »Aber nicht so was Langweiliges vom Korps und von Ihren Fechtereien und vom Examen und so! Was Schönes ... was Interessantes!«
»Ach, gnädiges Fräulein -- ich bin ein schrecklich uninteressanter Mensch ... ich schäme mich ordentlich, ich werde ganz klein, wenn ich mein Leben mit Ihrem vergleiche.«
»Na, aber Sie müssen doch irgend was Besonderes erlebt haben ... Waren Sie denn nie verliebt? Haben Sie nie ein Mädchen geküßt?« Sie zündete an dem Rest ihrer Zigarette eine frische an, pustete eine dicke Rauchwolke zu Valentin hinüber und schielte durch den Qualm hindurch neckisch blinzelnd zu ihm hin.
Valentin Pilgram wurde verlegen. »Hm ... ich weiß nicht recht, was ich da antworten soll ... als Künstlerin wissen Sie doch jedenfalls schon manches vom Leben ... und wissen, was wir jungen Männer, Studenten und so -- wie soll ich mich nur ausdrücken?«
»Na, daß Ihr gerade keine Tugendspiegel seid ... Euch mit Kellnerinnen und ... so 'ner Sorte von Weibsbildern herumtreibt ... Herr Pilgram, ich bin ein Leipziger Kind, das alles ist mir nichts Neues. Aber -- sowas zählt doch hoffentlich nicht?«
»Nein -- Sie haben ganz recht ... es zählt nicht ... Sehen Sie, man betrinkt sich ja auch zuweilen mal ganz stumpfsinnig ... so ähnlich ist das ...«
»Und -- sonst? Sonst haben Sie noch gar nichts ... erlebt? Niemals eine richtige ... eine Leidenschaft ... ein Gefühl, daß Sie so richtig die Zügel aus der Hand verloren haben? Daß es mit Ihnen durchgegangen ist wie ein wildes Pferd, so zuck, zuck, hoppla, hopp, über Stock und Stein, nur vorwärts, ins Weglose, ins Nichts -- nur vorwärts ... komme was wolle?!«
Hingerissen hing Valentins Blick an den flackernden Augen, dem zuckenden Munde des Mädchens. »Ach nein ... gnädiges Fräulein ... so was hab' ich nie erlebt ... ich glaube auch, so was kann mir nie passieren ... dazu sind wir Pilgrams viel zu korrekt ... viel zu gewissenhaft ...«
»Schade --« sagte Jucunda. »Ich denke mir, das müßte schön sein ...«
»Das ... glaube ich auch ...« sagte Valentin langsam. »Schön ... und schrecklich ...«
»Wie wär's, wenn wir nun schlafen gingen? Ich fange doch allmählich an, abzufallen ...«
»Schade!« sagte nun der Student. Seine Augen überflogen noch einmal die weiße Gestalt, die sich in so fester, straffer Leiblichkeit abhob von dem verschlissenen Samt, auf dem sie ruhte, beide Ellbogen nach vorn emporgewinkelt, die Hände nach rücklings um die Lehne des Sofas geklammert.
»Gott, war das ein Tag!« sagte das Mädchen. »Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen! Aber das Hübscheste daran war doch, daß ich Sie nun kenne, Nachbar ... daß ich Sie Grobian doch ein bißchen gebändigt habe ... nicht wahr? Und daß wir zwei nun allein noch übrig sind von all dem Trubel und Trara ... was? Ist das nicht nett? Aber Sie sagen ja gar nichts?«
»Was ... soll ich sagen?« stotterte der Student. »Ich ... sehe Sie an ... und denke, daß morgen ... morgen das alles vorbei ist ... daß Sie morgen wieder die allgefeierte Jucunda Buchner sind ... und ich ... irgendein simpler, gleichgültiger Rechtskandidat ... der Ihnen nichts sein kann ... nichts für Sie tun ... Ihnen nichts bedeutet als eben ein Stück Publikum ... einer von den Tausenden, die Ihnen allabendlich zujubeln, ohne daß Sie sie kennen, mehr für sie übrig haben als ein geschäftsmäßiges Lächeln, wenn der Vorhang sich noch einmal hebt ...«
»Wer weiß!« sagte Jucunda mit einem gnädigen Blick. »Vielleicht, daß ich doch einmal einen ... einen Ritter brauchen kann ... dann will ich mich an diese Stunde erinnern ... und Sie rufen ... Soll ich?«
»Gnädiges Fräulein ...« sprach Valentin Pilgram heiser ... »Das wäre mehr Gunst vom Schicksal, als ich Mut habe zu hoffen ...«
Sie reichte ihm die feste, warme Hand. Er küßte sie ... ehrfurchtsvoll, als sei es einer Fürstin Hand ... und ging.
Als er die Tür zu seinem Kämmerchen hinter sich geschlossen, stand er einen Augenblick im tiefen Dunkel, regungslos. Ihm war's, als drehe sich alles um ihn im Wirbel. Und der reckenhafte Gesell, der zweiundzwanzigmal dem Schläger und fünfmal dem Säbel Stirn und Brust geboten, fühlte ein rätselhaftes Grauen vor etwas Kommendem, dem er keine Deutung wußte ... das im Dunkel hockte und ihn ansah mit den blauen, hellen, befehlenden Augen, von denen er fühlte, daß er ihnen gehorsam sein müßte, was immer sie ihm gebieten würden.
5.
Die zwölf halben Liter Tucher, die Hans Thumser nach dem Jucunda-Rummel auf der Kneipe noch in seine ausgepichte Fuchsmajorskehle gepumpt, hatten die Erregung der zappelnden Nerven untergekriegt und für die nötige Bettschwere gesorgt -- zum Anfang wenigstens. Aber dennoch -- als der Student plötzlich aus dumpfen, wirbelnden Träumen in die Höhe fuhr, so daß der kaum verheilte Schädel krachend gegen die Rückwand seines Bettes bumste -- da war es noch stockfinster, und wie er ein Streichholz entzündete, wies die Uhr halb vier ...
Und wieder Dunkelheit und Schweigen, und im Herzen schwirrend und rumorend viel hundert Bilder, viel tausend Farben und Klänge ...
Wo soll es hin, das alles?! Was will's von dir, dies tolle, glühende Leben?!
Da horch ... ein seltsamer Laut ... ein zager, verzitternder ... von irgendwoher aus dem Dunkel ... und wieder ... und wieder ... derselbe bang verschwebende Klageton ...
Weinen ... Weinen einer Frauenstimme -- ganz leise, mühsam unterdrückt ... von Tränen umschleiert ... erschütternd ...
Nun scheint's zu verstummen ... horch -- kein Laut mehr ... doch nein -- nur heftiger jetzt die wimmernde Klage ...
Um Gott -- das ist -- da nebenan -- das ist ... Asta Thöny ...
Tränen ... Tränen in Frauenaugen -- entsetzlicher Gedanke für einen Jüngling, einen tatensehnsüchtigen, weltgläubigen -- wer konnte glücklich sein, ach nur ruhig sein, nur schlafen -- wenn ein Mensch, ein Mädchen weinen mußte?!
Himmel -- vielleicht ist sie krank geworden -- Agnes Sorel, die kätzchenweiche, mit dem süßen, rosigen Hals, den dunklen, flirrenden Augensternen ... windet sich in Schmerzen ... und niemand hört sie, niemand steht ihr bei, denn sie ist nicht ein gehegtes, umsorgtes Haustöchterlein wie Hansens Schwestern daheim -- sie ist ganz allein auf der Welt -- einsam, schutzlos, hilflos ...
Gott, wenn das doch enden wollte! Das ist ja nicht zu ertragen, diese hilflose Klage ... Aber was kann man tun?
Sich melden -- seinen Beistand anbieten ...
Aber -- könnte das nicht -- mißverstanden werden? Nachdem er nun einmal die dummen, zudringlichen Verse hinübergeschickt? Und einen so wohlverdienten, ach, eigentlich noch viel zu schmuck bebänderten Korb gekriegt?
Aber -- wenn sie nun wirklich leidend wäre -- Hilfe brauchte -- gewiß, sie würde nicht böse werden ...
Oder -- wenn man Mutter Ach weckte -- und ihr mitteilte, das Fräulein scheine nicht wohl zu sein?
Aber -- wenn's nun gar nichts Ernstes wäre -- vielleicht nur eine Laune, eine kindische Gereiztheit -- was weiß ich -- dann hätte man um nichts und wieder nichts den schnarchenden Schlummer der ehrsamen Wittib gestört ... und es gäbe gar noch eine Szene, nachts um halb vier ...
_Enfin_ -- was geht's mich an? Decke über die Ohren und weiter dachsen!
Ja, wenn das so ginge! Die Phantasie hebt an zu spielen -- dringt durch die Finsternis, die Tapetenwand und malt in rosigen Farben das Bild des einsam weinenden Kindes da drinnen ... und ach, das bange Schluchzen dringt auch zum verbarrikadierten Ohr ...
Mut! Es muß!
»Gnädiges Fräulein --?« ganz leise, kaum geflüstert ...
Das Weinen geht weiter, still und bitter ...
»Gnädiges Fräulein --?«
Auf einmal ist's still da drüben -- Finsternis und lastende Stille ringsum ...
»Verzeihen Sie, mein gnädiges ... Fräulein ... ich ... hörte ... ich ängstige mich ... Sie möchten nicht wohl sein ... Hilfe brauchen ... darum hab' ich mir die Freiheit genommen ...«
Noch immer alles still ... offenbar ist man böse ...
»Gnädiges Fräulein ... ich ... ich will nicht weiter beschwerlich fallen ... Sie wissen nun, daß jemand zur Hand ist, wenn's not sein sollte ... Wenn Sie also nichts weiter von sich hören lassen -- dann -- na dann darf ich ja wohl annehmen, daß ... daß alles in Ordnung ist ... und dann werd' ich also in Gottes Namen weiterschlafen!«
Auf einmal ein Laut ... kein Weinen ... auch kein Wort ... etwas andres ... etwas Silbern-Zwitscherndes -- ein ganz feines, ersticktes Kichern ...
»Ach so --!« sagte der Student völlig beruhigt. »Na, denn gut' Nacht, mein gnädiges Fräulein, und sei'n Sie nicht böse!«
Und krachend warf er sich auf die rechte Seite, fest entschlossen, nun aber auch _a tempo_ --
Da horch! Noch einmal ein Lachen, nun aber hell, übermütig -- und dann die Stimme, die girrende, die streichelnde der Agnes Sorel:
»Aber bitte ... ich muß ja doch danken für die gute Meinung! Aber sei'n Sie ganz ruhig -- mir fehlt wirklich nix -- ich hab' nur so ein bissel für mich geweint -- das kann doch vorkommen -- gelt?«
»Na -- wenn's weiter nichts ist ... ich hab' ja solch einen Schrecken bekommen ...«
»O -- das tut mir leid -- ich hab' Sie so friedlich -- na ja, so friedlich schnarchen gehört -- da hab' ich gedacht: den störst du nicht ... und da hab' ich halt ein bissel geweint ... Nehmen Sie's nicht übel, es soll nicht wieder passieren ...«
»Aber bitte -- von meinetwegen -- ich weiß ja jetzt, daß es nichts weiter zu bedeuten hat, wenn Sie einmal nachts weinen -- da werd' ich mich also künftig auch nicht mehr drum aufregen ...«
»Ach du lieber Gott -- zu bedeuten hat's schon was ...«
»Hm ... also doch?! -- -- Können Sie mir's nicht sagen?«
»Ach ... so durch die Tür hindurch ...«
Jetzt fingen Hans Thumsers Hände denn doch ein bißchen an zu zittern. Er suchte nach einer Antwort ... fand keine ... Himmel! Meine unsterbliche Seele für einen Einfall ...
»Ja ... so durch die Tür ... das geht natürlich nicht recht ...«
Endlich ... das erlösende Wort: da ist's:
»Aber ... wenn ich Ihnen ... morgen früh ... einmal ... meine nachbarliche ... Aufwartung machen dürfte ...«
»Hm ... morgen früh?!« Es klang so gedehnt ... so ... nach einem leisen Bedauern ... ach nein ... das war ja doch ... da mußte Hans Thumser sich doch wohl ... verhört haben ...
»Morgen früh? Da hab ich ja Probe von zehn bis zwei ... Da müssen Sie schon morgen nachmittag kommen ... zum Tee um fünf, wenn Sie mögen -- gelt?«
O Gott ... solch eine Einladung ... zum erstenmal in diesem jungen Leben einem so schönen ... so ... verlockenden ... Mädchen gegenüber ... mit ihr allein ... Gibt's denn so etwas?! Ist das denn möglich?!
»Nu -- Sie antworten ja gar nicht?« klang's ganz leise. »Sind Sie am Ende gar -- schon wieder eingeschlafen?«
»Aber mein gnädiges Fräulein -- wie können Sie nur denken ...«
»Also Sie kommen? Das ist schön. -- Na, nu wollen wir aber auch ... gut Nacht, Sie -- Sie Füchschen Sie!«
»Bitte -- Fuchsmajor!« rief Hans Thumser fast laut vor Selbstbewußtsein. »Also ... wenn's denn sein muß -- gut Nacht, Agnes Sorel!
Auch jenseits der Loire liegt noch ein Frankreich, Wir gehen in ein glücklicheres Land, Da lacht ein milder, nie bewölkter Himmel, Und schöner blüht das Leben und die Liebe!«
Ja! Wenn man so ein phänomenales Versgedächtnis hat! Und seinen Schiller _intus_!
»Donnerwetter -- allerhand Achtung!« kicherte es von drinnen. »Da möchte man ja wahrhaftig -- aber nein -- jetzt wird geschlafen -- gut Nacht, Herr Fuchs=major=!«
Tiefe Stille ... Dunkelheit ... und zitternde Sehnsucht ... zitternde Hoffnung ...
Hans Thumser fand keinen Schlaf. Zu toll rumorte die Jugendbangigkeit in seinen Gliedern ...
Er lauschte, ob er wohl noch einen Laut vernähme von da drüben ... aus der Märchenwelt der Träume ... aber alles blieb stumm ... und endlich vernahm er durch den lastenden Frieden der Nacht geruhig schwellende, leise Atemzüge ...
Sie schlief ...
Da streckte sich auch Hans Thumser mit einem langen Seufzer ... und versank.
6.
Valentin Pilgram war erst spät aufgestanden. In wüstem Halbschlaf, von tollen Träumen gequält, hatte er die Nacht verbracht. Nun saß er über seinem Drogenwelt-Geruch und knuffte die vier Klassen der Gradualerbfolge der Novelle 118 in den schmerzenden Schädel hinein.
Da klopfte es heftig an die Tür seiner Bude, und im selben Augenblick, noch eh er: herein! hatte rufen können, schoß auch schon die Frau Kanzleirätin herein, im geblümten Morgenrock, dessen Schleppe hinter ihr drein waberte, in schleifenbesetztem Häubchen, unter dem die grauen Strähnen des ungeordneten Haares hervorlugten:
»Ach herrjeses, Herr Pilgram, Herr Pilgram, kommen Se doch nur mal schnell -- 's Kind hat ja en Weinkrampf -- ach es is gräßlich! Kennten Se nich gehn und en Doktor holen? Ich hab ja keen' Menschen nich im Hause ...«
Valentin schoß in die Höhe. »Einen Weinkrampf? Um Gottes willen, was ist denn passiert?«
»Ä Rosenbukett is gekommen, groß wie ä Turm ... un dabei ä Brief, ne, so was von einer Unverschämtheit is überhaupt noch gar nich dagewäsen ...«
»Ist sie denn ohnmächtig? Kann ich vielleicht helfen? Darf ich zu ihr hinein?«
»I du mein Himmel, Herr Pilgram, se is noch im Neglischee ... na aber, ä Kinstlerin -- ä Kinstlerin sieht ja schließlich ooch im Neglischee ganz anständ'g aus ... kommen Se nur, Herr Pilgram, helfen Se!«
Aus der geöffneten Tür kam ein warmer Strom von Rosenduft ... und Rosen überall, ein Rosenschwall, ein Rosenwald ... betäubend duftende, schon leise welkende Rosen ... dazwischen die eigentlichen Blumen der Saison: Dahlien, Astern, Erika ... und inmitten, auf eine Chaiselongue hingeworfen, in leidenschaftlichem Schluchzen -- sie ...
Ein riesiges Arrangement von Rosen und Chrysanthemen, in Manneshöhe, lag umgestürzt auf dem Boden -- daneben ein aufgerissenes Kuvert mit aufgeprägtem Wappen, ein zerknitterter Bogen schweren Elfenbeinbriefpapieres, und -- -- zwei Hundertmarkscheine ...
Auf dem Tisch aufgereiht die Karten der Spender der übrigen Blumenherrlichkeiten -- Jucunda war offenbar eben beschäftigt gewesen, den Gebern zu danken, prompt und akkurat, wie es zu den geschäftlichen Pflichten einer vielgefeierten Künstlerin gehört ... da war =das da= gekommen ...
Frau Buchner hob das Briefchen auf, glättete es und hielt es Pilgram hin. »Da läsen Se's -- und sagen Se, ob so was meeglich is -- so eene Gemeinheit --!«
Jucunda hatte sich beim Klang der Stimme ihrer Mutter aufgerichtet ... nun tupfte sie rasch mit dem nassen Tüchlein die Tränen von den glühenden Augen, ordnete das wirre Haar und verfolgte mit gierigen Blicken Valentins Gesichtsausdruck, während er das Briefchen durchflog ...
Valentin Pilgram las ... und eine dunkle Zornesflamme schlug über sein feierliches Gesicht.
»Halunken!« knurrte er.
Er las weiter -- nun wendete er das Blatt und sah nach der Unterschrift ... und plötzlich wurden seine Züge ganz starr, und seine Hände ballten sich zur Faust. Dann las er zu Ende ... ließ das Blatt sinken und starrte die Schauspielerin an mit Augen, in denen Schreck, fassungs- und ratlose Bestürzung stand.
»Sie ... kennen, scheint's, die Herren --?« fragte die Kanzleirätin.
»Es scheint, fast -- ja ... entsetzlich fatal ...«
»Am Ende gar -- Korpsbrüder von Ihnen --?«
»Hm -- wenn's richtige Korpsbrüder von mir wären -- denen wollt ich die Flötentöne schon beibringen!! -- aber so ...«
»Aber -- Sie kennen die Absender?«
»Ich ... fürchte ... ich kenn' sie ... von Dillingen ... von Gorczynski ...« Und mit heftig stammelnden Worten erklärte er den Damen, wer es sei, den er hinter diesen Namen vermuten müsse ... und in wie naher Beziehung diese Herren zu seinem Korps, zu ihm selbst standen ...
»Da sehen Sie's!« sagte Jucunda. »Ein Erbprinz! Ein Fürst! das muß man eben einstecken ... nicht mal verklagen kann man so 'n großes Tier -- sonst engagiert einen kein Hoftheater mehr ... ganz wehrlos und schutzlos ist man ...«
Und wiederum flossen die Tränen über das weiße, herrische Gesicht ... und auch die Mutter, vom herzbrechenden Weinen der Tochter angesteckt, schluchzte nun los. Um die Wette weinten die Frauen.
Es arbeitete heftig in Valentin Pilgrams festem, offenem Gesicht.
»Nein,« sagte er plötzlich hart und stand mit einem Ruck auf. »Schutzlos? Das sind Sie nicht. Guten Morgen, meine Damen.«
»Wohin, Herr Pilgram? Was haben Sie denn? Was ist Ihnen?« rief Jucunda und hielt den Studenten am Aermel seines Bratenrockes fest.
»Ich werde Ihnen Genugtuung verschaffen!«
»Sie -- mir? Nein, Herr Pilgram, das ... das geht nicht ... Sie werden ja die entsetzlichsten Unannehmlichkeiten haben ... werden sich womöglich gar um meinetwillen -- nein, das will ich nicht -- das sollen Sie nicht, Herr Pilgram!«
»Nee, nee, Herr Pilgram!« sprudelte auch die Frau Kanzleirätin, »das dürfen Se nich machen! Das kenn' wir ja gar nich von Ihn' verlangen! Das dürfen wir ja gar nich von Ihn' annähm'!«
»Seien Sie ohne Sorge meinetwegen!« sagte Valentin und reckte sich zu seiner ganzen Länge. »Ich bin Manns genug, so eine Affäre standesgemäß zu erledigen.«
»Nein, Herr Pilgram, das dulde ich unter keinen Umständen! Wie kämen Sie denn dazu, sich für mich ... ich bitte Sie, was gehe ich Sie denn überhaupt an?«
Da sah der Student das schöne Mädchen mit einem Blick an, vor dem sie die Augen niederschlagen mußte in Schreck und stolzem Machtgefühl zugleich. Gott, war das entsetzlich ... war das berauschend schön ... was sie da so jäh, so unerwartet erlebte ...
»Erinnern sie sich noch an ... gestern abend?« sagte der Jüngling. »Was Sie mir da versprochen haben?«
»Ach ... das war so leichtsinnig daher geredet ...«
»Von =mir= nicht!«
Ach ... wie süß das war ... dies Bewußtsein, daß ein Starker, ein Kühner sich einsetzt für dich ...
Aber nein ... das durfte nicht sein ... mit Blitzesschnelle flogen die Bilder von hundert schrecklichen Möglichkeiten an ihrem Geiste vorbei. Er war doch wohl Jurist -- seine Karriere würde er sich ruinieren -- sein Examen zunächst ... und wer weiß -- zwar Prinzen -- die schlugen sich ja wohl nicht -- aber der Major ... ein Offizier ... ein Duell ... Himmel, und der junge Mensch hatte ja doch Eltern daheim ... und schließlich -- auch sie selber konnte eigentlich keinen Skandal gebrauchen ... was wohl Franz Burg dazu sagen würde ... und ihr gnädiger, gütiger Herr daheim in Meiningen ...
»Herr Pilgram -- das darf nicht sein! Ich bitte Sie, wenn Sie wüßten, wie oft unsereine so etwas erleben muß -- wenn man da jedesmal Krach machen wollte! Die Herren haben's ja wahrscheinlich gar nicht so schlimm gemeint -- haben sich wohl gar nichts dabei gedacht --«
»Sie haben ... weinen müssen ...« sagte Valentin Pilgram durch die Zähne ... »das sollen sie mir bezahlen ... die zwei.«
Und mit sanftem Druck machte er die große, schlanke Hand los, die seinen Rockärmel noch immer gefaßt hielt, küßte sie ehrerbietig und ging zur Tür.
»Ach -- die dummen Tränen --« rief Jucunda -- »das macht nichts, die sitzen einem Mädchen ja so lose ... sehen Sie, ich lache ja schon wieder ... ich lache ja doch --«
Und sieh: da liefen ihr wirklich aufs neue die heißen, hellen Tropfen über die glühenden Backen ... sie schluchzte wie ein Kind:
»Ich will aber doch nicht -- Sie sollen nicht, Herr Pilgram --!«
Der war schon aus der Tür, schritt in seine Bude hinüber, riß die neuste grüne Mütze vom Nagel und stülpte sie auf den Schädel. Nahm sein silberbeschlagenes spanisches Rohr und ging zum Flur ... klinkte mit hartem Ruck die Pforte auf und stieg mit hallenden Tritten die Treppen hinab. Aus der steinumschnörkelten Pforte des altersgeschwärzten Barockhauses trat er auf die belebte Katharinenstraße, ging den Markt hinunter am Ladengewimmel des Rathausparterres vorbei und stolzierte grimmigen Schrittes die Grimm'sche hinab.