Part 4
Kommt ein weißes Mädchen, nein, kein Mädchen, kein Mensch ... ein Gedanke, ein Gottgedanke, der Gedanke der Erlösung, der Gerechtigkeit, der Freiheit, des Vaterlandes ...
Und steht so vor dem König ... das Ewige, das Heilige, das Unendliche selbst ...
Und doch ... nur ein Mädchen ... ein junges, weißes Weib ...
In der winzigen Garderobe, rechts vom Schauspieler, auf der Frauenseite, wartete Mutter Buchner ihrer berühmten Tochter. Sie hatte es sich zwar nicht versagen können, sich von einem Eckplatz des Parketts aus an Jucundas Spiel, den neidisch-ehrfurchtsvollen Blicken der Bekannten, dem Jubelsturm des Publikums zu weiden; aber am Anfang des zweiten Aktes, das wußte sie, trat Jucunda nicht auf, und da drängte es sie in die Garderobe ihres Kindes, um ihr Zofendienste zu leisten. Ach, am liebsten wäre sie ja von Ort zu Ort mitgereist ... Wenn ein Mädchen so ungeheuer viel Talent hatte ... und so gut gewachsen war -- na, man wußte ja, von wem sie das hatte! -- und so heißblütig -- ach Himmel, man war ja selber auch mal jung gewesen! -- Das war ja ganz selbstverständlich, daß die Mannsbilder hinter so einer her waren wie verrückt -- da hätte man ja doch als Mutter eigentlich auf Schritt und Tritt aufpassen müssen ... Aber da war ihr Alter, der Herr Rat ... der konnte ja nicht leben ohne seine Doris ... Na, solange das Kind in Leipzig war, sollte es wenigstens fühlen, was man an einer Mutter hat ... Und kaum war der Vorhang nach dem ersten Akt gefallen, da flog -- während das Publikum noch immer tobte, die Gardine auf und nieder tanzte, die Darsteller sich immer und immer wieder süß lächelnd verneigten -- flog Mutter Doris aus dem Zuschauerraum zu dem bekannten Pförtchen, das nur denen vom Bau sich öffnet, hastete die steinerne Treppe hinauf in das winzige, von Schminke, Puder und Menschendunst geschwängerte Kämmerchen und wendete das gewärmte Hemd, das auf der Heizung bereit hing ... Denn wie ihre Jucunda schwitzte bei so'ner großen Szene, das war schon nicht mehr schön ... Von Kopf bis zu Füßen mußte sie die Unterwäsche wechseln jedesmal, wenn irgend Zeit blieb ... Freilich, wie das Mädchen sich auch ins Zeug legte ...
Und nun kam sie -- kochend, dampfend, wie aus dem Backofen ... fiel in den Frisierstuhl und streckte alle Viere von sich ... Frau Doris umarmte sie zärtlich und drückte ihr einen begeisterten Mutterkuß auf die triefende Stirn ...
»Schinderei, verfluchte!« pustete Jucunda. »Wie aus dem Wasser gezogen ist man -- und das schon nach dem ersten Akt! Schnell, Muttel, die Lappen runter und frische Wäsche! Ich komm' ja um!«
In der Tür der Garderobe drängten ein paar Kollegen nach, der Heldin des Abends die Hand zu drücken. Alle mochten sie das stramme junge Ding leiden, das mit seinen achtzehn Jahren so resolut durch diese schminkestarrende Welt stapfte, als sei sie darinnen geboren und nicht in einem engbrüstigen Leipziger Spießermilieu ...
»'raus!« befahl Mutter Doris. »Alles 'raus! Meine Tochter wünscht alleene zu sein!«
Und rasch vollzog sich die Verwandlung. In kräftiger Frische, schweißgebadet, stieg der derbe Mädchenleib aus den klatschnaß zusammensinkenden Hüllen, wurde von sorglicher Mutterhand mit lauen Güssen überspült und in die frischen gewärmten Unterkleider gesteckt. Die Garderobiere, ein verknittertes, verhutzeltes Weiblein, stand müßig daneben und träumte von der goldenen Zeit, als auch sie einmal am Stadttheater zu Stallupönen erste Naive gewesen und von den Leutnants der Garnison mit billigen Buketts und falschen Schmucksachen überschüttet worden war ... Dann aber mußte sie eingreifen, denn über das weiße Gewand des Bauernmädchens wurde nun die wuchtige Rüstung geschnallt und mit einem Dutzend Riemen und Oesen befestigt -- darauf verstand Mutter Doris sich denn doch nicht. Inzwischen aber schwatzten die Frauen ohn' Unterlaß:
»Gott, war das ein Spektakel zum Aktschluß! Namentlich da hinten im Parterre!« sagte Jucunda und warf das langflutende braune Gelock über die Rüstung zurück.
»Natierlich -- das gloob' ich ooch!« erwiderte die Mutter und strich mit glättendem Kamme bedächtig durch die krause Mähne der Tochter. »Da sitzen doch die Herren Studenten! Was die trampeln kenn'! Gott soll mich bewahren! 's ganze Parkett war Dir doch eene Staubwolke! Und =unserer= is ooch dabei -- wirscht mer's glauben?«
»Wer? Der unverschämte Mensch aus dem Eckzimmer?«
»Freilich, der! Un gezogen is er noch lange nich!«
»I nee so was!« lachte Jucunda.
»Eegentlich is mer'sch ganz lieb, daß er noch nich weg is,« sagte Mutter Doris. »Immerhin er is der Erste Scharschierte vons älteste und angesehenste Korps in Leipz'g ... Un so lang als ich denken kann, hab' ich immer Korpsstudenten bei mir wohnen gehabt -- 's wär doch sehr unangenehm für mich gewäsen, wenn er wär' mit'n großen Krach von mir fortgegangen -- leicht hätt's kenn' passieren, daß die ganzen Korps mich hätt'n in'n Verruf getan -- damit sin se immer sehr fix bei der Hand, wenn ma een' von ihn' mal schief angekuckt hat ... Unser Nachbar Wunderlich, der Mützenmacher, der kann e Wertchen davon erzählen ... Der hat mal een' von die Korpsstudenten, der absolut nich wollt' zahl'n, nu, dem hat er en groben Brief geschrieben -- und iebermorgen war er schon im S. C. Verruf -- das kost'n an sechshundert Mark jährlich!«
»I herrjemerschnee!« lachte Jucunda, »das hätt' ich wissen sollen, daß unser Student so ein großes Tier ist! Da hätt' ich durch meine Grobheit ja beinahe Deinen Geschäftsbetrieb ganz bösartig geschädigt! Na, hoffentlich kommst Du noch mal mit 'nem blauen Auge davon! Uebrigens, Muttel, wenn ich mich recht erinnere, so hast Du den einflußreichen Jüngling auch nicht gerade mit Glacéhandschuhen angefaßt ...«
»Nu, ich hab' mich eben lassen hinreißen,« sagte Frau Doris. »Weeßte, wenn eener mir mit mein' Goldkinde tut anbinden -- hernach weeß'ch mich nich zu beherrschen -- reinweg wie ene Furie werd' ich Dir dann!«
»Muttel!« sagte Jucunda zärtlich und legte einen Augenblick lang das lockenumflutete Haupt an den mächtig wallenden Mutterbusen.
In diesem Augenblick trat Franz Burg herein, der Oberregisseur, in der klirrenden Rüstung des englischen Oberfeldherrn, in einer Maske so voll schrecklichen Ingrimms, daß Jucunda hell auflachte:
»Donnerwetter, lieber Freund -- mit Ihrem Konterfei kann man ja die Pferde scheu machen!«
»Himmel -- für die guten Leipziger muß man eben ein bißchen dick auftragen ...«
»Schön,« sagte Jucunda, »werd' ich mir merken. Passen Sie mal auf, Meister, wie ich jetzt loslegen werde!«
»Aber gefälligst mit einem vernünftigen Stimmansatz, und nicht wieder so aufs Organ loswüsten wie im ersten Akt! Ihnen geht's zu gut, Kindchen, Sie werden mir zu üppig ... In einem Alter, wo andre Kolleginnen froh sind, wenn sie einmal ein Servierbrett mit Kaffeegeschirr hereinbringen dürfen, toben Sie schon abendfüllend durch ganz Deutschland -- da muß ja so ein achtzehnjähriger Verstand aus dem Leim gehen ...«
»Ach, lassen Sie mich doch ...« Jucunda reckte den herrlichen Körper, daß alle Niete und Scharniere der Rüstung knackten ... »Lassen Sie mich doch, lieber Freund ... Es ist ja so schön ...«
Franz Burgs Augen schimmerten hinter den grimmigen, rotgrauen Brauen in einem ganz seltsam weichen Licht ... Sie glitten über die schlanke, waffenblanke Gestalt, wie ein Streicheln.
»Schön ist's, das glaube ich -- Sie sind eben ein Sonnenkind, Langbeinchen!« So nannte er sie noch immer, aus jener Zeit, wo sie als blutige Novize wegen ihres knabenhaften Wuchses immer die Pagen hatte spielen müssen ... Jetzt freilich wäre das nicht mehr zu machen gewesen -- sie war ein Weib geworden ...
»Na also -- Sie sind fertig ... Nun halten Sie aber Ruhe, bis Sie geholt werden ... Und nicht zu toll mit dem Organ aasen, verstanden? Adieu, Langbeinchen!«
»Adieu, Sie Bester!«
Ein Blick so voll dankbarer Zärtlichkeit, daß der grimme Talbot rasch das Visier herunterklappte ... Und durch die Augenlöcher klang sein Knurren:
»Also fang'n mer an!«
Er rasselte von dannen. Jucunda warf ihm ein halbes Dutzend Kußhände nach.
»Aber Jucunda!« rief die Mutter ganz entsetzt.
»Ach laß doch, Muttel! Einmal ein Mensch beim Theater, ein einziger, der selbstlos gütig ist -- einen lehrt, einem vorwärts hilft, ohne gleich -- --«
Der zweite, der dritte Akt waren vorübergebraust, mit Schlachtgetöse und Siegesjubel und Sterbegrauen ... und hatten geendet mit der naiv-gewaltigen Szene, in der Johannas tragisches Geschick sich wendet: der Fluch ihrer übernatürlichen Sendung sich wider sie kehrt. Das Herz der Jungfrau hat mit Entsetzen sein Mädchentum empfunden ...
Große Pause nun -- alles strömte hinaus in die schmalen, schlechtbeleuchteten Gänge, das dürftige Foyer des dumpfen winkligen Hauses ...
Und da oben fanden sich die beiden Franken, ihr fürstlicher Konkneipant und sein Erzieher. Die Herren begrüßten einander mit dem gewohnten starr offiziellen Gesicht, dem korrekten Händeschütteln der hoch gewinkelten Arme ... Keiner mochte verraten, wie sehr er gepackt war.
»Ganz nett -- wie?« näselte der Erbprinz.
»Na ja ... Aber immer dies ewige eintönige Pathos, das hält kein Pferd auf die Dauer aus!« schnarrte Pilgram.
»Wie fanden Sie die Buchner?« fragte nachlässigen Tones der Prinz.
»Na -- mein Himmel -- spielt eben Schiller!« erwiderte der Rechtskandidat.
Hans Thumser blieb stumm. Ihm standen Erregung und Entzücken bis an den Hals -- die Tränen, die er mühsam hatte unterdrücken müssen, preßten ihm die glühenden Augen. O Gott -- so Erhabenes, so Ungeheures erlebt zu haben ... Und dann den gelassenen Weltmann mimen zu müssen mit zwanzig Jahren ... Was war das für eine Jugend? Sie schämte sich aller jugendlichen Empfindungen ... der Begeisterung, des Glaubens an das Große, das Weltbezwingende ...
Und schnell vollendete sich's nun. Wie ward es Valentin Pilgram zumut, als er nun im festlich geputzten Saale zu Reims die Verse erklingen hörte, die er neulich so schmählich unterbrochen?
»Sollt' ich ihn töten? Konnt' ich's, da ich ihm Ins Auge sah? Ist Mitleid Sünde?!«
Was war denn das, was so heiß und fremd unter der linken Westentasche zuckte und hüpfte? Was war dieser geheimnisvolle Schmerz, dieser brennende, der durch Hirn und Glieder rumorte, wenn dieses Mädchen seine stählernen blauen Augen verloren in den dunklen Raum hinausschweifen ließ, in dem er saß, inmitten der proletigen Finken ringsum, die er verachtete, wie er alles verachtete, was nicht zu den Angehörigen eines hohen Kösener S. C. Verbandes zählte?! War es die Scham, daß er dies Mädchen, diese weiße, stolze Weibesgestalt da hinten, gekränkt, gestört in ihrem Studium -- sich benommen gegen sie wie ein Rauhbein, ein Knote ohne Kinderstube und Direktion!
Ja, das mußte es sein, das und nichts andres ... Er wird morgen früh seinen Bratenrock anziehen und seine beste Mütze aufsetzen -- wird sich feierlich durch die Frau Kanzleirätin anmelden lassen und förmlich und devotest um Verzeihung bitten ... Es ist männlich, begangenes Unrecht einzusehen und zu sühnen, und durch Revokation und Deprekation einer Dame gegenüber vergibt auch Franconiae gewesener Erster, Erster, Erster _ad interim_ sich nichts -- nein, ganz gewiß nicht!
Also das mach' ich! Gesegnet meine wüste Laune, gesegnet meine Examensnervosität ... So hab' ich doch wenigstens einen anständigen Grund, mich ihr vorzustellen, sie zu sehen, mit ihr zu sprechen ... Und ich werde mich dermaßen kavaliermäßig benehmen ... Ich werde ... Ueberhaupt ... Ich werde -- hol' mich der Teufel -- Eindruck werd' ich machen, so wahr ich Valentin Pilgram bin, Franconiae gewesener Erster, Erster, Erster _ad interim_!
Hans Thumsers Seele war aber zwiegeteilt, wie fast immer -- fast immer ... Noch einmal, in der zweiten Szene des vierten Aktes, kam die andere -- nach der er ein geheimes, lästerliches und süßes Schmachten verspürt hatte, nun sie so lange verschwunden war ... kam Agnes Sorel, stand neben der herrischen Gestalt Jucundas in ihrer kätzchenhaften Holdseligkeit ... schmiegte an Jucundas gepanzerten Busen die unverhüllte, die rosige lockende Brust ... O Hans Thumser, und denken zu müssen, daß diese Himmelswonne Nacht für Nacht neben deinem Knabenstübchen schläft, nur durch eine dünne Ziegelmauer von dir getrennt, in der es gar noch eine Tür gibt, die freilich verschlossen ist und mit einem Kleiderschrank verstellt ... O Hans Thumser, wie wirst du dies Bewußtsein ertragen, nun du sie kennst, sie gesehen hast mit deinen scheuen, brennenden Augen, ihr Bild hineingesogen in deine lechzende, lebenshungrige Seele ... Wie wirst du's ertragen?
Füchschen, die Trauben sind sauer ... So hat sie geschrieben. Ach, du Schelm, du böser, neckender Traumspuk du -- du warmes, weiches, nahes, fernes, weltenfernes Menschenkind -- --!
Still -- es erfüllt sich Johannas Geschick ... Vor dem Bannspruch des Vaters, der sie höllischer Blendekünste zeiht, verstummt sie ... verstummt vor dem Donner des Himmels ... flieht in Einsamkeit und Verzweiflung -- fällt stumm und wehrlos in die Hand der Feinde ...
Doch dann, in letzter, höchster Not, kommt noch einmal über sie die alte, magische Kraft: Sie zerreißt ihre Ketten, entrafft sich den entsetzten Feinden, trägt noch einmal das Banner der Jungfrau zum Kampf ... und dann, die Todeswunde in der Brust, von Siegesbannern überbauscht, läßt sie ihre reine Seele ins All hinüberströmen ...
O Dichter! Dichter! betet Hans Thumser -- großer, herrlicher mit Deiner wunderbaren Cherubseele -- einen Tropfen von Deinem Geist in mein junges Herz -- einen Flammenfunken von Deinem Himmelsfeuer!
»Wie wird mir? -- leichte Wolken heben mich -- Der schwere Panzer wird zum Flügelkleide -- Hinauf -- hinauf -- die Erde flieht zurück -- Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!«
Ein heftig gestammelter Dank an den Prinzen, ein feierliches Schütteln der korrekt eingewinkelten Hände mit ihm und dem Major, und dann hinaus -- hinaus in die herbstliche Abendluft ... O glühende Stirn, o glühendes Herz ...
Und nun -- warten -- sie noch einmal sehen, sie, »die alles Herrliche vollendet« ... nicht jene andre, das Kätzchen, den Spukgeist ... Nein, die eine, die weiße, die königliche ...
Warten auf sie -- sie warten ja alle ... Eine dichtgedrängte Schar, lauter blutjunges Volk. Konservatoristinnen und Ladenmamsellchen untermischt mit Primanern und Studenten ... Sie warten vor dem Portal, vor dem ein einziger Wagen noch hält, ein einziger, während all die andern mit ihrer Fracht schleierumhangener, kapuzenverhüllter Weiblichkeit von dannen donnern -- ein einziger Wagen, in dem, hüstelnd und frierend, ein bebrilltes Männlein hockt mit grauem Kragenbart: der Kanzleirat Buchner ...
Es dauert lange, dies Warten ... Aber Hans Thumser wartet nicht allein: An seiner Seite, geduldig fröstelnd, harrt der gestrenge Senior, ganz gegen jede Wahrscheinlichkeit und Psychologie ...
»Ne, Pilgram, wie =Du= mir heute vorkommst!«
»Na, was denn? Wieso denn?« knurrt der Erste. »Denkste vielleicht, Du hast die Kunstbegeisterung alleene gepachtet?!«
Und endlich -- endlich -- -- am Bühneneingang fliegen die Hüte, die Mützen von den Köpfen --
»Jucunda Buchner -- hoch! hoch!«
Voran schiebt sich eine derbe Matrone in uraltmodischer schleifenbesetzter Kapuze -- und dann kommt -- sie -- so mädchenhaft auf einmal, so spießbürgerlich schlicht ... Wie ein Backfisch schaut sie aus, so menschlich, so nahe ...
»Hoch! hoch!« brüllen die Studenten, juchzen die Mädels -- sie huscht vorüber, kopfnickend, so lieb, so einfach, so -- so fabelhaft nett -- sie schlüpft in die Wagentür, nickt noch einmal vom Fensterrand -- neuer Jubel --
Ach was -- längst nicht genug!
Eine neue, eine würdige Huldigung dem wundervollen Menschenkind!
»Kommilitonen!« ruft Hans Thumser und schwenkt die grüne Mütze, »Kommilitonen! Wir spannen ihr die Pferde aus, wir fahren sie im Triumph nach Hause!«
Ein Beifallsgeheul ist die Antwort. Und auf die Gäule stürzt sich der Schwall -- im Nu sind die Scheuenden, Schäumenden abgesträngt, der fluchende, peitschenschwingende Kutscher entwaffnet und vom Bock gezerrt ...
»Verrickt seid 'r! Alle mitenander seid 'r übergeschnappt! Der Deifel soll Euch hol'n!«
Und hundert Hände packen zu, langen nach der Deichsel, den Zugscheiten, den Strängen -- hundert Hände greifen in die Speichen -- hurra! Der Wagen rollt, rollt mit seiner vielgeliebten Fracht ... Und allen voran als Führer, den Hut auf dem Stock balancierend, den Stock im Takt schwingend wie ein Tambourmajor schreitet einer, der den Weg kennen muß: Franconiae gewesener Erster, Erster, Erster _ad interim_!
Und der Wagen rollt die Sophienstraße entlang, umdröhnt vom Jauchzen schönheitstrunkener, größeberauschter Jugend ... Rollt die Zeitzer Straße, den Peterssteinweg hinab, der Altstadt zu ... Und immer zahlreicher wird das Huldigungsgefolge hinter dem Triumphzug, den Jugend der Jugend, der Schönheit, der Kunst bereitet, immer betäubender schwillt der allgemeine Jubel:
»Jucunda Buchner -- hoch -- hoch Jucunda -- unsre Jucunda!«
4.
Als der Triumphwagen endlich in der Katharinenstraße hielt, zog der alte Buchner den riesigen Hausschlüssel aus der Tasche und stieg als erster aus. Ein hundertstimmiger Jubel empfing ihn ...
»Das ist der Vater -- Jucundas Alter ist das -- Papa Buchner hoch! hoch!«
Ein Dutzend Hände waren ihm behilflich, hoben ihn über die Bordschwelle, ganz betäubt humpelte er durch die Gasse, die sich vor seinen Schritten öffnete, fand die Tür seines Hauses zu seiner Verwunderung bereits geöffnet und schlüpfte hinein, wie erlöst, daß er dem Getös entronnen ...
Und nun schob sich Mama Buchners massives Gestell aus der Droschke.
»Achtung, jetzt kommt Mamachen!« schrien kecke Stimmen. »Platz für Mamachen!« Geblendet vom grellen Licht der Gaslaterne, dicht neben dem finstern Hauseingang, verwirrt vom Stimmengewirr, dem Glanz blitzender Augen, dem Durcheinander winkender Hände, flatternder Tücher verfehlte Mutter Doris mit unbehilflich suchendem Fuß den Wagentritt und wäre gestürzt, hätte nicht ein sehniger Arm sie gefaßt und ihre schwerfällige Gestalt mit sicherem Griff aufs Trottoir, auf die Beine gestellt. Und gleich darauf fühlte sie ihre Hand in diesen sehnigen Arm hineingezogen, fühlte sich sicher und ritterlich der Haustür zugeführt -- sah dankbar zu ihrem Beschützer empor und -- sah in das verlegenheitglühende Gesicht ihres Mieters ...
»Gnädige Frau --« stammelte Pilgram.
Gnädige Frau --?! Es war das erstemal, daß ihr Student diese Anrede für die Frau Kanzleirätin fand ... sie war direkt erschüttert ...
»Herr Pilgram -- nee heer'n Se, das is aber hibsch von Ihn' ...«
»Darf ich Ihnen meinen aufrichtigen Glückwunsch zu dem Riesenerfolge Ihres Fräulein Tochter -- gnädige Frau? und zugleich auch meine Bitte um Entschuldigung wegen meines unqualifizierbaren Benehmens von vorgestern morgen --«
»Ach sei'n Se still, Herr Pilgram -- scheen war's ja grade nich ... Aber Sie haben's ja gut gemacht ... Also woll'n mer uns wieder vertragen! Aber wo bleibt denn 's Kind?«
's Kind war noch nicht abkömmlich. Sie mußte draußen die Dutzende von Händen schütteln, die sich ihr entgegenstreckten ... Und dabei liefen ihr die hellen Tränen nervöser Seligkeit über die Backen ...
»Dank ... tausend, tausend Dank!« Das war das einzige, was sie nur immer wieder stammeln konnte ...
Und endlich fiel die Pforte denn doch ins Schloß, während die begeisterte Jugend draußen weiter jubelte und tobte. Kanzleirat Buchner wollte abschließen, aber Valentin Pilgram kam ihm zuvor. Und dann entzündete er ein Wachsstreichholz und geleitete Mama Doris mit der Galanterie eines Oberhofmarschalls die knackenden Treppen des altehrwürdigen Baues hinan, der einstmals ein feierlich elegantes Patrizierhaus gewesen war ... Der Kanzleirat und die Heldin des Abends folgten.
Oben wollte sich Valentin verabschieden, um in seinem Zimmer zu verschwinden, aber Jucunda rief:
»Was? Sie wollen schon schlafen? Nee, gibt's nich! Muttel, mach' Licht in der guten Stube! Wir schwatzen noch eins! Und Du, Alter, rück' mal ein paar Pullen Gose heraus! Ich hab' einen Pferd'sdurst!«
Und sieh -- nach wenigen Minuten war's hell und mollig in der behaglichen Wohnstube, und während Mutter Buchner drinnen Bemmchen schmierte und Papa Kanzleirat Zigarren und Aschenbecher bereit stellte, sorglich aus den dickbauchigen Goseflaschen das bernsteingelbe bitterliche Naß in die hohen Stangengläser plätschern ließ, stand Valentin Pilgram voll nie gefühlter Empfindungen am Fenster, hinter Jucundas hoher Gestalt, die noch immer hinaus auf die Straße winkte und Kußhände warf, während von drunten, vom Straßendamm empor ohn' Ermatten das Begeisterungsgebrüll der Burschen tönte, die Taschentücher der Mädels flatterten ...
»So, Kind,« sagte Mutter Doris endlich, »nu mache schon Schluß, daß Du was zu essen und zu trinken kriegst ... Bitte, Herr Pilgram, nehmen Sie Platz!«
Valentin und Jucunda traten vom Fenster zurück. Jetzt erst fand das Mädchen Zeit, den jungen Gesellen zu mustern.
»Sie sind wohl einen halben Kopf größer als ich,« sagte sie anerkennend.
»Aber Sie -- Sie sind ... etwas ganz Besonderes ... eine ganz andre Sorte von Mensch als ... nu als wir gewöhnlichen Leute, wir simplen Rechtskandidaten ... und so was.«
»Erlauben Sie mal -- Sie sind doch auch was Besonderes ... Erster Chargierter des ältesten und angesehensten Korps in Leipzig ...« Sie wies auf einen Stuhl.
»Gott -- gnädiges Fräulein ... Wie können Sie so was überhaupt ... das sind doch Kindereien, wenn man's mit ... mit Ihrer Kunst vergleicht ...«
O Valentin Pilgram -- wer dir das gestern prophezeit hätte ... daß du so zu einer Komödiantin sprechen würdest ... daß die Heiligtümer deiner Seele so schnell verbleichen würden ...
»Na, nu nähmt mal gefälligst ä bißchen Platz, Kinder!« rief der Kanzleirat ...
Kinder --?! Es durchfuhr die beiden jungen Menschen ... ein seltsames, ahnungsvolles Gefühl ... Mit einem Male war Jucunda Buchner nicht die glückverwöhnte, reichbegnadete Künstlerin, sondern ein Backfisch von achtzehn Jahren ... und Valentin Pilgram nicht der Sohn des Senatspräsidenten am Dresdener Oberlandesgericht, nicht der Erste Chargierte eines wohllöblichen C. C. der Franconia, sondern ein Knabe von vierundzwanzig, in all seiner senioralen Würde doch noch immer ein junger, lebensunkundiger Novize des Daseins ...
Zwei blutjunge Menschen ... zwei Kinder ... beide gewachsen wie ein paar Tannen, beide jung, stark und heiß ...
»Kinder!« hatte der alte Mann gesagt ... Wie seltsam das die Seele traf ...
Beider Augen waren gesenkt, beider Stirnen glühten, als sie sich setzten ...
Man stieß mit den langschäftigen Gosengläsern an, Jucunda tat einen tiefen, herzhaften Schluck und biß dann nicht minder herzhaft in ihre Butterbemme.
»Donnerkiel!« sagte sie, »das tut aasig gut ...«
»Nu sagen Se, Herr Pilgram, wie sind Sie denn bloß in's Theater gekommen? Ich hab' gedacht, Sie haben gar nischt iebrig für die Kunst?« erkundigte sich Mama Buchner.
»Ja ... Frau Rätin,« sagte Valentin, »wie soll ich Ihnen das erklären? Sie haben nämlich recht ... Ich hab' wirklich nicht viel Sinn für die Kunst ... Ich -- nu ich war eben ... neugierig war ich -- auf meine Budennachbarin ...«
»Sehr schmeichelhaft!« lachte Jucunda und zündete sich eine Zigarette an. »Na und -- und was sagen Sie nu?«
»Gar nischt sag' ich --« bekannte der Student. »Wissen Sie ... zum Komplimente machen ... bin ich nicht maulgewandt genug ... ich kann nur sagen: dies war der schönste Tag meines Lebens.«
»Hehe -- da siehst es, Jucunda, was fier ä Kerle Du bist!« schmunzelte der Kanzleirat.
»Ach -- das geht doch nicht auf mich!« wehrte Jucunda ab. »Herr Pilgram ist eben von Schillers großer Dichtung so ergriffen gewesen ...«