Part 20
Nun löste sich aus der Gruppe der drei die hagere Gestalt eines alten Herrn in Gehpelz und Zylinder los, der mit langen Sätzen über die klirrenden Schollen voranstelzte. Immer hastiger ward sein Gang ... ward zum Lauf ...
»Donnerwetter!« schrie da Volkner plötzlich, »sieh doch nur, Pilgram -- Dein alter Herr!«
Die Aerzte hatten sich ins Mittel gelegt und die Umarmung der wiedergefundenen Freunde getrennt, um sich ihres Patienten zu bemächtigen und die verletzte Schulter genauer zu untersuchen.
Nun hob Valentin Pilgram den Kopf, alles wich zurück, so daß die Gruppe der Herankommenden frei wurde -- und Pilgram erkannte seinen Vater ...
Schon war der Präsident heran, ergriff mit beiden Händen die Rechte des Sohnes, die sich ihm entgegenstreckte. Mit zuckenden Augen, mit zuckenden Lippen standen Vater und Sohn einander gegenüber.
»Ihr verfluchten Bengels!« sagte der alte Herr, »was macht Ihr für Geschichten?«
»Etwas zu spät bist Du doch gekommen, lieber Papa -- Du siehst, der Fall ist bereits erledigt!«
»Ich wollt's Euch auch geraten haben! Schlimm genug, daß es so weit gekommen ist! Na, was hat's denn abgesetzt?«
»Ach, nicht der Rede wert,« lachte der Junge und zwang den grimmigen Schmerz nieder, der von dem verletzten Gelenk aus durch den ganzen Oberkörper fraß.
»Nun, und Du wunderst Dich gar nicht, daß ich hier bin?!«
Valentins Blicke hatten die Gestalt des jungen Weibes erkannt, das nun herankam in Begleitung eines dicken Herrn. An diesen ritt der Gendarm heran und machte ihm in dienstlicher Haltung eine Meldung, während das Mädchen mit glühenden Backen und strahlenden Augen nähertrat, um dann ein paar Schritt vor den Herren plötzlich tiefbefangen stehen zu bleiben.
»Die da, nicht wahr?« fragte Valentin den Vater.
»Jawohl, die da ... zum Dank für ... vorgestern!«
»Ach, ich glaube, es war ihr weniger um mich zu tun ...« sagte Valentin Pilgram und suchte das Auge des wiedergefundenen Freundes.
Aber der hatte keinen Blick für ihn. In tiefer Erschütterung, regungslos starrte er zu der hellen Gestalt hinüber, die über die weißen Schollen herangeschwebt kam wie ein Frühlingshauch. Als sie nun aber stehen blieb, da sprang er ihr entgegen, die Hände weit ausgestreckt. Da hob auch sie ihm die Hände entgegen, und er ergriff sie und drückte sein glühendes Gesicht hinein.
Erbprinz Heribert hatte nach seiner Rückkehr vom Morgenritt wie gewöhnlich von neun bis zwölf das Kolleg besucht und war dann in seine Wohnung im Hotel Hauffe zurückgekehrt, um mit Major von Gorczynski zu frühstücken.
»Nun, Durchlaucht, wie war's?« Der Major hob das Portweinglas.
»Danke, ganz nett.«
»Nur ganz nett?!«
»Ach, wissen Sie, lieber Gorczynski, ich glaube, das ist eine von den ganz Gerissenen ... die sichert sich =vorher= -- verstehen Sie?«
Der aufwartende Lakai brachte auf silbernem Brett eine Besuchskarte. Der Prinz las:
=Pilgram= Senatspräsident am Königlichen Oberlandesgericht Dresden.
»Haben Sie gesagt, daß wir beim Frühstück sind?«
»Zu Befehl, Durchlaucht, aber der Herr bittet dringend um eine Unterredung.«
»Schön -- ins Empfangszimmer.«
Als der Bediente verschwunden war, reichte der Erbprinz seinem Erzieher die Karte hinüber.
»Vermutlich der Vater meines ... äh ... meines Kollegen!«
»Kollegen?! Wieso?«
»Na, weil der auch auf die Buchner reingefallen ist. Kommen Sie mit, lieber Gorczynski -- für alle Fälle.«
Hoch aufgerichtet, die Ordensrosette im Knopfloch seines Ueberrocks, erwartete der alte Herr den jungen Fürsten. Des Umgangs mit hochgestellten Persönlichkeiten gewohnt und seiner guten Sache sicher, neigte er sich mit gemessenem Selbstbewußtsein.
»Sehr erfreut -- Herr Präsident, was verschafft mir die Ehre? Darf ich bekannt machen? Herr Major von Gorczynski -- Herr Präsident Pilgram. -- Stört Sie die Gegenwart meines Begleiters, Herr Präsident?«
»Ich bitte, Durchlaucht.«
»Bitte Platz zu nehmen, meine Herren.«
»Durchlaucht, ich komme im Interesse meines Sohnes Valentin, den Sie kennen!«
»Ich habe die Freude.«
»Durchlaucht wissen, daß mein Sohn aus dem Korps Franconia ausgetreten ist, um Ihnen gegenüber für eine Dame eintreten zu können, von der er annahm, daß Sie, Durchlaucht, ihr -- --«
»Hm ...« machte der Erbprinz, »ich weiß.«
»Durchlaucht haben die Güte gehabt, diese Angelegenheit in ritterlicher Weise beizulegen. Trotzdem hat das Korps Franconia aus Rücksicht auf Durchlaucht davon Abstand genommen, meinen Sohn in die Reihen seiner Mitglieder wieder aufzunehmen.«
»Allerdings ...« sagte der Erbprinz. »Das habe ich mir wohl so gedacht -- aber wenn ich mir eine Zwischenbemerkung erlauben darf, Herr Präsident: die Geschichte war mir höchst fatal ... und ich habe mich seitdem vom Verkehr bei dem Korps fast völlig zurückgezogen ... Es war mir kolossal peinlich ... verstehen Sie, Herr Präsident?«
»Ich begreife sehr wohl,« sagte der Präsident ruhig. »Die jungen Herren haben wohl eine zu geringe Meinung von Euer Durchlaucht wohlwollendem Verständnis für die korpsstudentische Auffassung gehabt, sonst hätte sich doch wohl ein Ausweg finden lassen, um meinem Sohn die wohlverdiente Ehre der Zugehörigkeit zu dem Korps -- zu dessen Alten Herren ich, beiläufig bemerkt, auch selber zähle -- wiederum zu verschaffen. Oder täusche ich mich, Durchlaucht?«
»Ne, ne, mein verehrter Herr Präsident. Sie haben in der Tat vollkommen recht ... Wenn's nach mir gegangen wäre ... aber man hat mich ja gar nicht gefragt. Mir für meine Person wär's ja doch zehnmal angenehmer gewesen, wäre die ganze Geschichte diskret behandelt worden. Aber man hatte ja die Sache dermaßen übers Knie gebrochen ... ich stand vor einem _fait accompli_ ... und da hielt ich's für das beste, mich um gar nichts mehr zu bekümmern. Das werden Sie begreifen, nicht wahr, Herr Präsident?«
»Ich begreife vollkommen, Durchlaucht. Ich sehe aber auch, daß ich mich in meinen Vermutungen über Eurer Durchlaucht Ansichten von der Sache in keiner Weise getäuscht habe: und darum komme ich jetzt mit der formellen Bitte, die der Zweck meines Besuches ist: wollen Durchlaucht die große Güte haben, durch meinen Mund dem Korps Franconia mitteilen zu lassen, daß einer Rückgabe des Bandes an meinen Sohn Ihrerseits nichts im Wege steht?«
»Aber mit dem größten Vergnügen, Herr Präsident! Ich bin ja höchst erfreut, daß die fatale Geschichte endgültig aus der Welt kommt ...«
»Ich danke ehrerbietigst für diese Gnade, Durchlaucht. Ich glaube, sie ist an keinen Unwürdigen verschwendet! Da Sie nun aber in so überaus verständnisvoller Weise meinem Vorschlage entgegengekommen sind, so darf ich wohl auch noch eine andere Begebenheit erzählen, die mit der besprochenen nicht ganz ohne Zusammenhang ist, und die glücklicherweise ebenfalls eine Wendung zum Besseren genommen hat?«
Und nun erzählte der Präsident in knappen Worten von dem Renkontre der beiden einstigen Korpsbrüder und seinem blutigen Austrag. Die Motive des Zusammenstoßes ließ er unberührt. Er konnte sich wohl vorstellen, daß der Erbprinz den Zusammenhang auch so durchschauen würde ... und darin hatte er sich nicht getäuscht. Als er geschlossen hatte, erhob sich der Erbprinz und streckte seinem Besucher die hagere Hand hin:
»Ich danke Ihnen, Herr Präsident, Ihre Geschichte soll mir eine Lehre sein ... gewisse Leute sind anscheinend ... äh ... mit Vorsicht zu genießen. Was meinen Sie, lieber Gorczynski? Na, ich werde mir's merken!«
»Gestatten Durchlaucht nochmals meinen ehrerbietigsten Dank.«
»Aber ich bitte, mein verehrter Herr Präsident -- nur ich habe zu danken, nur ich ... Sie haben mir einen größeren Dienst geleistet, als Sie vielleicht ahnen. Grüßen Sie Ihren Sohn, oder noch besser: sagen Sie ihm, ich hoffe heute abend auf der Frankenkneipe mit ihm auf gute Freundschaft anzustoßen ... Doch halt! Vorher müssen wir noch einmal ins Theater ... Nicht wahr, lieber Major? Heut ist ja die Abschiedsvorstellung der Meininger, das dürfen wir uns doch nicht entgehen lassen ... Aber nachher, nicht wahr, Herr Präsident, dann treffen wir uns im Cafébaum!«
»Ich hatte gleichfalls vor, das Theater zu besuchen, Durchlaucht, wenn ich mir die Bemerkung gestatten darf -- und zwar mit meinem Sohn und unserm Korpsbruder Thumser. Die Verletzung meines Sohnes ist ja freilich nicht ganz unbedeutend: das linke Oberarmbein ist in Höhe des unteren Ansatzes des Oberarmkopfes getroffen, die Kugel ist im Knochen stecken geblieben, konnte aber mit Leichtigkeit entfernt werden.«
»Sehr erfreulich zu hören, Herr Präsident. Also auf Wiedersehen heut abend, nicht wahr?«
Um zwölfeinhalb Uhr fuhr der alte Pilgram am Cafébaum vor, stieg die Stufen zur Frankenkneipe hinan und wurde vom Korpsdiener in das Konventszimmer geführt, wo Franconias Korpsburschen bereits zum C. C. versammelt waren.
Ehrerbietig begrüßte die Schar der Studiosen den Alten Herrn, der sofort beim Eintreten eine grüne Mütze, die der Korpsdiener ihm dargereicht, auf seinen grauen Schädel gestülpt hatte.
Volkner bat Platz zu nehmen und eröffnete den C. C. Er erteilte dem Alten Herrn Pilgram das Wort. Dieser berichtete über seinen Besuch bei dem Prinzen und entledigte sich seiner Mission.
Mit strahlenden Gesichtern vernahmen die Korpsburschen die frohe Botschaft.
Unmittelbar, nachdem der Alte Herr geendigt, sprach der Senior:
»Ich stelle den Antrag, dem früheren C. B. Pilgram, gewesenen Zweiten, Ersten, Ersten das Band zurückzugeben. Wünscht jemand zu dem Antrage das Wort?«
Alles schüttelte den Kopf, aus jedem Auge strahlte helles Glück. Hans Thumser aber schämte sich nicht, daß ihm zwei Tränen über die frischen Wangen rollten. Unfähig jeden Wortes, reichte er dem Präsidenten über den Tisch hinüber die Hand.
Und nun saßen sie im Carolatheater, auf einer der vordersten Parkettreihen. Präsident Pilgram inmitten der beiden jungen Gesellen, zur Rechten sein Sohn: er trug den linken Arm in der schwarzen Binde, fest im Gipsverband verschient, den Rock nur lose über die linke Achsel gehängt, den Aermel leer. Ueber die rechte Schulter aber, über die Weste und die schwarze Binde zog sich das grün-gold-rote Band.
Hans Thumser saß zur Linken. Ueber den alten Herrn hinweg aber schauten die Freunde sich immer und immer wieder in die Augen. Sie fühlten: so hatten sie sich noch nie gehört, so sich noch nie geliebt. Und diese Liebe, die würde nun bleiben fürs ganze Leben ...
Oft aber flogen ihre Blicke auch nach der zweiten Proszeniumsloge des Parketts vorn rechts hinüber. Da saß der Erbprinz, die Scherbe im fahlen Gesicht, und hinter ihm verschwanden die groben Züge, der wehende Schnurrbart des Majors im Dämmer des Logenhintergrundes.
Aber auf den blasierten Zügen des jungen Fürsten lag heute ein seltsames Leuchten, das noch niemand an ihm gekannt hatte. Und wenn sein Blick den Augen des alten und der beiden jungen Franken da unten im Parkett begegnete, dann lachte sein ganzes Gesicht so knabenhaft fröhlich, so jung und gut, als sei auch er ein x-beliebiges junges Studentlein und nicht der Erbe eines deutschen Fürstenthrones.
Ringsum aber drängte sich ganz Leipzig und füllte das Haus bis zum letzten Stehplatz droben auf der Galerie. Eine festlich dankbare Stimmung lag über der erregten Versammlung.
Fünf Wochen lang war dies Haus ein Tempelhaus gewesen. Fünf Wochen lang hatte man hier den höchsten Offenbarungen gelauscht, welche die edelste Blüte der zeitgenössischen Bühnenkunst geschaffen hatte im Bunde mit den erhabensten Genietaten der großen Szenenbeherrscher des Dramas der Weltliteratur. Und nun wollte man am letzten Tage noch einmal mit voller Seele, mit allen Sinnen genießen, wollte in sich aufnehmen die gigantischste Schöpfung der deutschen Tragödie: »Wallensteins Tod«.
Das Spiel begann.
Inmitten der Bilder seiner Gestirne stand der einsam-stolze Mann, über dessen Haupte schon die schwarzen Fledermausschwingen des Verbrechens, die Rabenfittiche des Todes rauschen. Am nächtlichen Himmel suchte er den Stern seines Lebens, der sich nun so bald verfinstern sollte ... Und in raschen, unfehlbaren Schlägen vollzog sich sein Geschick.
Der alte Herr aber da vorn im Parkett und seine beiden jungen Gefährten harrten ungeduldig des Augenblicks, da der Vorhang sich zum dritten Akt heben und die beiden Mädchengestalten auftauchen würden, die so tiefe Furchen in die Herzen, in die Geschicke der jungen Männer gezogen.
Und sieh -- nun erfüllte sich's.
Die Gardine rauschte empor; und es erschloß sich ein dunkler wuchtiger Saal mit Kamin, Gobelins, gepolsterten Bänken an den Wänden. Nach hinten stieg eine Treppe empor, im Bogen geschweift aus massivem, dunkelgebeiztem Eichenholz mit schwerem Renaissance-Geländer. Sie führte zu einer langen Galerie, die gegen die Bühne zu von einem riesigen, aus zahllosen kleinen Scheiben bestehenden Glasfenster abgeschlossen war.
Und wie verloren in dem weiten, angstdurchschauerten Raum saßen vorn rechts auf der Bank zwei Frauengestalten mit weiblichen Arbeiten beschäftigt, während eine dritte oben auf der Galerie stand und aus den Fenstern nach drunten spähte -- Wallensteins Schwägerin, die Schwester seiner Seele ...
Die zwei da unten aber -- die beiden jungen Franken, die kannten sie.
Scheu und wesenlos wie ein gutes, dienstbares Geistlein hockte Asta Thöny als Fräulein von Neubrunn neben der jungen, schönheitsstrahlenden Herrin.
Die aber saß weiß und blaß, den adligen Kopf in schmerzvoller Starrheit zurückgelehnt an die braune Täfelung.
Sie war die Schönheit, die versinken muß unterm erbarmungslosen Schritt des Schicksals, sie war die Tugend, die zermalmt wird von den geifernden Kinnbacken des Verbrechens, sie war die leuchtende Seele des gigantischen Gedichts, sie war ... das Ideal ...
Und alles vollendete sich nun.
Mit unerhörter Wucht stampfte das Fatum daher und ließ den Lügenbau der friedländischen Größe zusammenkrachen. Blatt um Blatt sank hernieder von dem ragenden Baum, bis er einsam stand, entlaubt, doch herrlich in seinem starren Trotz.
Und nun kam jene gewaltigste aller Szenen, die Valentin Pilgram und Hans Thumser als Pappenheimer Kürassiere mitprobiert hatten, und der sie nun als Zuschauer nur lauschen durften, wie damals, als Hans, ein scheuer Primaner, sie zum erstenmal erschaut, dahinten, weit in der Heimat -- im Barmer Stadttheater, auf dem Eckplatz des zweiten Ranges.
Zwischen den zwei eisengeharnischten Männern, dem fürstlichen Vater rechts, dem ritterlich prangenden Geliebten links stand das unglückselige, geopferte Mädchen. Vor die grausame Pflicht gestellt, zu wählen zwischen Gehorsam und Liebe.
Und sie wählte den Gehorsam ... Mit den unschuldig reinen Händen riß sie die Liebe aus ihrem Herzen und stieß sie von hinnen ... in den unerbittlichen Schlachtentod ...
War das Jucunda Buchner? War's das junge Ding von achtzehn Jahren, mit dem die zwei schlanken Burschen da unten an einem Tisch gesessen, in einer Stube? Um derentwillen sie heut morgen in der Frühe des leuchtenden Wintertages einander mit der Pistole in der Hand gegenüber gestanden hatten, während sie mit einem gefürsteten Knaben über Feld ritt, nur von dem einen Gedanken erfüllt, ein Gastspiel am Hoftheater in Nassau-Dillingen für den nächsten Winter herauszuschlagen?
Nein, sie war es nicht. Ihre sterbliche Hülle war's! Und doch auch die nicht mehr. Auch die verwandelt, erhöht, durchleuchtet, durchseelt von der geheimnisvollen Flamme, die tief drinnen in ihr loderte, unerklärlich, unbegreifbar ... der heiligen Flamme, die, solange sie loderte, alles überstrahlte, alles verzehrte, alles verklärte, was irdisch, was menschlich, was gewöhnlich, was häßlich war an ihr ...
Horch, schon brandete von draußen der Schwall der Pappenheimer heran ... Schon klang die wilde Feuerweise des Reitermarsches, der zu Kampf und Tode lud ...
Und nun -- nun tobte der rasselnde Schwall die Stiegen hinauf, stapfte in die Galerie hinein, daß die Scheiben klirrend barsten, strudelte die Treppe hinunter, überschwemmte in immer erneuten Güssen blinkender Wogen die ganze Bühne ... entblößte Schwerter, haßflammende Blicke ...
Und inmitten die zwei jungen Menschen, -- neben dem todgeweihten Manne das todgeweihte Weib, die weiße, unschuldig leuchtende Gestalt, das tief gesenkte, sterbensmatte Haupt.
Und nun, nun ist der grausame Kampf zu Ende gekämpft. Aus dem Arm der Geliebten reißt Oberst Max sich los.
»Bedenket, was Ihr tut. Es ist nicht wohlgetan, Zum Führer den Verzweifelten zu wählen. Ihr reißt mich weg von meinem Glück, wohlan, Der Rachegöttin weih' ich Eure Seelen! Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben, Wer mit mir geht, der sei bereit, zu sterben!«
Und mit hochgereckten Armen stürzt er sich hinein in die eisenschäumende Woge. Die brüllt hell auf, schäumt gischtend empor, schlingt ihn hinunter, reißt ihn von hinnen. Die Treppe hinauf strudelt der gärende Schwall -- noch einmal taucht der wehende Helmbusch, der silberne Harnisch auf ... versinkt aufs neue in den gleißenden Fluten. In den wütenden Jubel der todestrunkenen Schar gellen die wirbelnden, erzenen Rhythmen des Reitermarsches ...
Da unten, da vorn, bricht das verlassene Kind vor des starren Vaters eisenumschienten Knien zusammen ... es erfüllt sich das tragische Los des Schönen auf der Erde ... Das Edle sinkt ... Das Ideal verweht ...
Vorbei ... vorbei ...
Während die Gardine niederrauschte, legte der alte Präsident seine beiden Hände um die Schultern der jungen Männer zu seiner Rechten und seiner Linken:
»Kinder ... =jetzt= versteh' ich Euch ...!«
Am andern Morgen begleitete Hans Thumser seine Asta im Wagen zum Bayrischen Bahnhof. Das Leipziger Gastspiel der Meininger war zu Ende -- weiter rollte der Thespiskarren ... Schon übermorgen abend würde man im Gärtnerplatz-Theater in München mit »Jungfrau« eröffnen ...
Auf dem Bock thronte ein riesiger Reisekoffer. Vier Kisten mit Kostümen waren schon als Eilgut vorausgegangen.
Drinnen aber im Wagen lachten die zwei und machten die tollsten Witze. Das Herz war ihnen gar zu voll und gar zu schwer.
»Asta ...« sagte Hans mit einem Male im tiefsten Ernst, »-- ich bin ein dummer, grüner Junge ... und ein Habenichts dazu ... sonst sagte ich zu Dir: Laß uns zusammenbleiben ...«
»Du Dummerle!« schalt Asta heftig und gab ihm einen derben Klaps auf die Backe -- »Du bist doch wirklich ein riesengroßes Dummerle! So etwas darf man nicht einmal denken ... so ein feiner, nobler Junge wie Du ... und eine ... eine Landstreicherin wie ich ...«
Aber ihre Lippen zuckten bitter und sehnsüchtig dabei, und in den Augen schimmerte es verdächtig ...
»Pfui, Asta! Abscheulich, so von Dir zu sprechen! Von meiner ... meiner süßen Asta --!«
»Sag's noch einmal!« bat Asta. »Es klingt so schön ... und ich werd's ja doch niemals wieder hören ...«
»Niemals wieder?! So oft Du willst, Süße, so oft Du willst ... und so oft ... ich ... kann ...«
»Da hast Du's ja ... Du wirst nicht können, mein armes Dummerle ... und ich ... ich werde auch nicht wollen ... Es war so schön ... nun ist's zu Ende ... und das ist gut so. Für uns beide ... für mich auch ... Denn wenn's noch länger gedauert hätte ... dann ... dann wär ich am Ende doch nicht mehr von Dir los gekommen ...«
»Asta ... Asta ... So viel hast Du für mich getan ...«
»Ja siehst Du -- da hast Du wieder so recht mein ganzes Pech: alles, was ich für Dich hab' tun wollen, ist beim guten Willen geblieben ... Ich hab' Dich glücklich machen wollen ... und Du bist zur Jucunda gelaufen ... Ich hab' Dir das Leben retten wollen ... und bin zu spät gekommen ... Eh wir dazwischen kamen, hattet Ihr Euch schon vertragen ... So geht mir's immer -- --«
»Asta ... mein Mädchen ... ich ... ich hab' Dich ja so lieb ... so unsagbar lieb ... ich laß Dich nicht fort ... ich ... ich brenne durch ... Ich geh' mit nach München ... Ich frage Euren Herrn Burg, ob er einen Volontär brauchen kann ... Ich sollte meinen, zu einem Komödianten müßt' es doch auch bei mir reichen ...«
Asta tupfte die Augen mit ihrem Spitzentüchelchen, und die zuckenden Mundwinkel lachten schon wieder ihr lieblichstes Spitzbubenlachen.
»Ne, Hanserl -- das glückt Dir nicht ... Das können wir vor Deinen Herren Eltern nicht verantworten! Bleib Du, was Du bist ... ein Jurist ... oder ... werd' einmal ein Dichter, wenn Du kannst ... ich glaube, Du kannst -- -- und dann, in zehn oder zwanzig Jahren schreibst Du einmal ein Stück, das über alle Bühnen geht -- mit einer wunderhübschen Rolle für die komische Alte darin ... Und wenn Du dann auf Reisen zufällig einmal nach Krotoschin oder nach Stallupönen kommst und siehst an irgendeiner Bauernkneipe oder Scheune den Theaterzettel einer Schmiere kleben, die Dein Stück spielt, und hinter der Rolle der komischen Alten findest Du den Namen Asta Thöny ... dann setz Dich irgendwo unter das 'verehrliche Publikum' ... aber ganz, ganz weit hinten ... daß ich Dich nicht etwa erkenne ... und denk' daran, daß das alte, häßliche Weiblein da oben einmal in Deinen Armen gelegen hat ... vor langer, langer Zeit ... als Du noch jung warst und unberühmt und nichts weiter als ein Korpsstudent in Leipzig ... Gelt, Hans, Das tust Du --?«
Hans Thumser konnte nicht sprechen. Er küßte nur immer wieder die rosige, weiche Hand, die er zwischen seinen harten, waffengestählten Tatzen eingepreßt hielt, als wollte er sie zerdrücken.
Der Wagen hielt vor dem Abfahrtportal des Bayrischen Bahnhofs. Es war zehn Uhr morgens. In grellem Weiß standen die beschneiten Dächer gegen das satte Himmelsblau, das gleißende Sonnenlicht.
Auf dem Bahnsteig hielt bereits der Münchener Schnellzug. Für das Ensemble der Meininger waren auf Bestellung ein paar Extrawagen angehängt worden. Im Kassenflur, unter der Halle, wimmelte es von glattrasierten Männergesichtern, von lebhaften mit betonter Eleganz gekleideten Frauen. Riesige Koffermassen wurden in die Gepäckwagen verstaut ...
Daß Asta Thöny sich auf dem Bahnhof in Begleitung eines grünbemützten Studenten einfand, erregte keinerlei besondere Sensation unter ihren Kollegen und Kolleginnen. Derartiges war man von ihr gewohnt. Sonst war's meist eine Uniform ...
Die große Jucunda schritt mit spöttischem Naserümpfen an dem Paare vorüber, einen ungeheuren Strauß der wunderbarsten Rosen in der Hand, den ihr soeben ein prinzlicher Lakai überbracht hatte. Ja ... den Rosenstrauß hatte sie wohl ... aber keinen herzlieben Jungen zur Seite, der bei ihr hatte bleiben wollen bis zum letzten Augenblick ... Nur ihre Eltern gaben ihr das Geleit, Mutter Doris aufgedonnert im unglaublichsten Staat -- Vater Kanzleirat im abgeschabten Winterpaletot und zerbürsteten Zylinder, ein armseliger, hüstelnder Schatten neben den beiden mächtigen Frauengestalten.
Die übrigen Kollegen gingen mit diskret abgewandten Gesichtern an Asta und ihrem schmucken Begleiter vorüber.
Nur Franz Burg trat grüßend heran:
»Guten Morgen, Kleine ... Na -- ist das Ihr Dichter?«
»Ja, liebster Freund -- das ist er ...«
Burg lüftete lächelnd seinen Hut, nannte seinen Namen, streckte dem Studenten die Hand hin:
»Nun, ich sehe, Sie sind noch sehr lebendig ... Höchst erfreulich das.«
Mit korrekt eingewinkeltem Arm schlug Hans Thumser ein in Franz Burgs Händedruck und zog höchst offiziell die Mütze.
»Hm,« machte der Oberregisseur und musterte ungeniert das feierlich zurechtgefaltete Jugendgesicht -- »vorläufig ist noch nicht viel zu lesen auf der Physiognomie da ... aber wer weiß ... vielleicht stehen wir uns noch einmal an anderer Stelle gegenüber, und Sie legen mir ehrfurchtdurchfröstelt das Manuskript Ihres ersten Dramas in die Hand ... wer weiß! Dann wollen wir uns dieses Augenblicks erinnern ...«
»Und ich werde mich Ihres 'Wallenstein' erinnern, Meister -- -- einstweilen lassen Sie mich Ihnen dafür danken ...« sagte der Student ... und Franz Burg sah auf einmal mit Staunen, wie auf dem jungen Gesicht die feierlich korrekten Falten sich auflösten, wie aus den dunklen Augen eine heiße Flamme sehnsüchtiger Leidenschaft schlug. Da leuchtete auch sein Blick dem jungen Gesellen freundlich und ermunternd ins Gesicht.