Komödiantinnen: Roman

Part 2

Chapter 23,446 wordsPublic domain

Nun war man »draußen«. Mitten im tiefschattigen Buchenwald ein wuchtender Eichbaum, sonst von tiefem Dämmerfrieden umwirkt, heut umbraust von einem bunten, farbentollen Leben. Die wilden Völkerschaften, die inmitten moderner Gesittung ein mittelalterliches Reckendasein führten bei Waffenklirren, rauhem Sang und schäumenden Kannen, die Franken und die Neo-Borussen, die Westfalen und Meißner und Thüringer, hier hatten sie sich Stelldichein gegeben zur allwöchentlichen feierlichen Rauferei. Und diesmal, als am ersten Bestimmtage des Semesters, war alles in besonders gehobener Stimmung. Die alten Bekannten in den verschiedenen Korps begrüßten sich hinüber und herüber, mit besonderer Herzlichkeit jene, die bereits einmal oder gar mehrmals die Klinge gekreuzt hatten -- wesentlich zeremonieller schon jene, denen heute der blutige Gang bevorstand. Alles war in Wagen gekommen, die nun als langer Park auf der Chaussee aufgefahren waren, stets bereit, mit den Paukanten in Windesschnelle davonzusausen, wenn die weithin aufgestellten Schnarrposten die Annäherung von Pickelhauben und grünen Waffenröcken melden sollten. Alles war im »Bummel« gekommen, das heißt im Hut, die Couleur in der Tasche; nun wurden schleunigst Mützen und Bänder angelegt: gar lustig flimmerten auf dem bunten Tuch, der dreifarben-gestreiften Seide, die Sonnentupfen, die durchs braune Laubdach sich niederringelten. Und bald stand das erste Paar bereit: Pilgram, Franconiae Erster, gegen den stämmigen Zweitchargierten der Meißner.

Und nun -- heiho! Gellende Kommandorufe hinein in die lauschende Stille, widerhallend an den schlanken, weißleuchtenden Buchenstämmen ... und nun: klirr, klirr der helle Klang, wenn Eisen scharf auf Eisen traf, im Wechsel mit dem dumpfen Knall der flachen Hiebe, die über Stulp und Schädel krachten -- heiho! uralte Reckenlust am tollen Raufen, am harten Widereinander der jugendlichen Kräfte ...

Jähes Halt der Sekundanten, Pause, Blut rinnend hüben über die schmalen, herrischen Züge des Frankenseniors, drüben über die feisten Speckbacken des Fechtchargierten der Meißner ... und wiederum Kommandos, hageldichte Hiebe, Stahl auf Stahl ...

Und dann war's plötzlich aus: der Meißner hatte seine Abfuhr weg, eine lange Quart, fast unpariert, überm linken Ohr. Und in die blutbeschmierte Bandage mußte nun Hans Thumser hinein.

Schon stand er dem verhaßten Borgmann gegenüber, schon faßten die Gegner einander fest ins Auge, schon flogen die Klingen in die Auslage, kauerten die Sekundanten wie sprungbereite Katzen zu ihrer Kämpfer Seiten -- da entstand eine Bewegung unter der lauschenden Korona. Auf dem weichen Waldboden scholl ein dumpfes Klackern wie von Huftritten, und auf dem schmalen Pfade, der am Wiesensaum entlang sich zog, flitzten zwei Reiter heran -- aber nicht die Grünröcke der Gendarmen -- Zivilisten waren's, ein Herr und eine Dame. Hans Thumser sah, wie alle Köpfe sich wandten -- doch ihm blieb nicht Zeit -- nur einen grauen Schleier sah er wehen von einem hohen, schwarzglänzenden Seidenhut; sah etwas Lichtes, Klares darunter, hell abgehoben vom dämmernden Waldgrund -- und dann --

»Auf die Mensur -- bindet die Klingen!«

»Gebunden sind --!«

»Los!«

Und nun alles Leben in Aug und Handgelenk hinein sich krampfend -- und ein Wille nur -- sich wehren -- und treffen! treffen --!!

»Halt!«

»Halt --!!«

Und auch hier schon nach dem ersten Gange helle rote Bäche rinnend über weiße Stirnen, zernarbte Wangen ...

Und während der Paukarzt mit dem Wattebausch in Hansens klaffende Stirnwunde tupft, vernimmt des Fechters Ohr ganz deutlich aus der Mitte der Umstehenden die Worte:

»Das ist die Buchner!«

Und eine andere Stimme fragt:

»Und der Herr -- wer ist das?«

»Das ist Franz Burg -- der Heldenspieler ...«

Inzwischen hat der Paukarzt seine Untersuchung beendigt; er lächelt:

»Weiter!«

»Herr Unparteiischer -- von unserer Seite kann's weitergehen ...«

Aber drüben bei den Neo-Borussen scheint man noch nicht so recht im Klaren ... na, wenn Hans Thumser auch schließlich wird dran glauben müssen: auch Herr Borgmann hat sein Teil bekommen, scheint's!

Er lugt umher: dort halten sie, die Reiter, unterm Eichbaum und spähen neugierig hinüber ... Ja, das glaub' ich, ihr Komödianten -- so etwas bekommt ihr nicht alle Tage zu sehen -- hier schwingt man die Waffe nicht nur zum Spiel -- und was hier Stirn und Wange färbt, ist wirkliches Blut, nicht Schminke ...

Und dies schmale, feine junge Gesichtchen -- das ist ... Thekla -- das ist Johanna von Arc?!

Nun werden auch die Neo-Borussen wieder munter:

»Herr Unparteiischer, von unserer Seite kann's weitergehen!«

»_Silentium_ -- Pause _ex_!«

»Auf die Mensur -- bindet die Klingen!«

Jucunda! betet irgend etwas in Hans Thumsers Seele. Er fühlt, wie alle Sehnen sich straffen.

»Gebunden sind!«

»Los!«

Und zweimal, dreimal schmettert Hieb auf Hieb -- und:

»Halt!«

»Halt!«

»Herr Unparteiischer, bitte drüben nachzusehen und einen Blutigen zu konstatieren!« ruft Valentin Pilgram, Hansens Sekundant, wilden Triumph in der Stimme -- sich aufrichtend, zischt er seinem Paukanten ins Ohr:

»Du -- das ist Rest!!«

»Rest? Bei wem? Bei mir?« fragt Hans Thumser ganz verdutzt.

»Ne -- da drüben -- bei Borgmann! Teufel auch, Thumser -- der Durchzieher -- so was darfste öfters schlagen!«

Was? Er -- Hans Thumser -- er hätte den S. C. Fechter -- --? Donnerwetter!

An des Gegners Stirn klaffte ein breiter roter Spalt, aus dem zwei feine warme Strahlen spritzten --

»'raus!« sagt drüben der Paukarzt.

»Herr Unparteiischer, wir erklären die Abfuhr!«

Borgmann stampfte vor Wut mit dem Fuß, als der Paukarzt von hinten mit kräftigem Griff seine Stirn zusammenpreßte und ihn herumdrehte. Was half's?

»_Silentium_ -- Neo-Borussia erklärt Abfuhr nach anderthalb Minuten!«

Als Hans Thumser sich aus dem Schwall der Glückwünsche seiner Korpsbrüder losmachte und Ausschau hielt -- war das Reiterpaar verschwunden.

»Gratuliere!« sagte Erbprinz Heribert. »Fabelhaft, lieber Thumser, meine vollste Bewunderung! Haben Sie übrigens die Buchner gesehen?! Vollkommen tadelloses Mädchen ...«

2.

Wenn Hans Thumser auf ein Glück wartete, so machte die Ungeduld ihn krank, verdarb ihm jede Minute mit zehrender Sehnsucht. So war es schon immer gewesen, solange er sich seiner erinnern konnte. Die letzten Wochen vor dem Weihnachtsfest, vor dem Beginn der Sommerfrische waren ihm stets eine endlose Tortur gewesen ... Und als er später begonnen hatte zu empfinden, daß nur die Stunden wahrhaft lebenswert seien, in denen er mit einem gewissen braunbezopften Menschenkind unter einem Dache weilen durfte ... da war alles, was zwischen diesen Stunden lag, nur wie ein unermeßlich langer, böser, dumpfer Traum und Alpdruck gewesen ...

Und so bedrückend, so angstumschnürt wälzten sich auch die Tage dahin, die Hansens Mensurtriumph noch von der Eröffnungsvorstellung des Meininger Gastspiels schieden. Er saß inmitten seiner Korpsbrüder, schwatzte und trank mit ihnen wie immer, ließ ihre Lobesbezeigungen mit der gleichen Gelassenheit über sich ergehen wie den boshaften Spott der Neider, es sei nur ein »Schweinedusel« gewesen, daß er den S. C. Fechter hinabgetan habe ... Er ließ auf offizieller Kneipe seine Füchse in die Kanne steigen, daß sie quietschten, und schrieb morgens bei Windscheid und Binding im Kolleg mit einem ganz ungewohnten, krampfhaften Eifer nach, als steure er auf ein Prädikatexamen los -- -- und all dies Tun blieb seiner Seele so fern, so fern ...

Manchmal fragte er sich, ob er wohl bei ganz gesundem Verstande sei -- ob es nicht eine fixe Idee, ein krampfhaftes Wahngebilde sei, das ihn so grenzenlos hungern ließ nach -- nach einem Nichts, einem Spiel, dem flüchtigen Schattenbilde eines Dichtertraums ... Und dann wieder genoß er mit einer phantastischen Seligkeit sein Wesen, das ihn vom wachen Leben hinweg so unwiderstehlich in luftige Spukwelten drängte ...

Nur die Stunden zählten wenigstens halb, die er am Fenster seiner Bude verbrachte, hinüberstarrend zur nüchternen Front jener Gebäude an der langweiligen Sophienstraße, hinter denen der kahle Bau des Carolatheaters sich barg. Dort war um die Vormittagsstunden ein lebhaftes Kommen und Gehen. Früh um neun begannen die Proben, natürlich nur für die neuangeworbene Statisterie, denn für die Solo-Rollen »standen« selbstverständlich alle Stücke des Repertoires. Aber die stattliche Schar des »Volkes«, die in jeder Stadt aufs neue zusammengebracht und gedrillt werden mußte, die wimmelte heran, füllte die sonst stille Straße mit Lachen und Geschwätz ... braunäugige Töchter kleiner Bürgersleute, stellungslose Ladenfräulein und Kommis, Stadtreisende und Konservatoristen -- vor allem aber Studenten, Studenten von jener Sorte, die der Waffenstudent eigentlich nicht mitrechnete, und die trotzdem die weitaus überwiegende Mehrzahl der akademischen Bürgerschaft bildete: die »Finken«, auch »Bummler« genannt, obwohl sie natürlich weit weniger bummelten als die jungen Herren in Mützen und Bändern ... gar zu gerne hätte Hans Thumser sich mit ins Gewühl der Statisten gemengt, um als »Volk« oder »Friedländischer Soldat« oder als römischer Quirite sich an den großen, festlichen Unternehmungen zu beteiligen, die da drüben vorbereitet wurden ... Und eines Tages hatte er sich's getraut, vor den Ersten hinzutreten mit der Bitte:

»Sag' mal, Pilgram, wie ich höre, wirken eine ganze Menge Studenten in den Vorstellungen der Meininger als Statisten mit -- hättest Du was dagegen, wenn ich da ebenfalls mittäte?«

Der Erste sah den Fuchsmajor mit einem Blick an, als bäte dieser um Erlaubnis, silberne Löffel zu stehlen.

»Hör mal, Du, Dein Kopfschmiß von Sonnabend eitert wohl nach innen, he?!«

Also damit war es nichts ... und so mußte man sich denn begnügen, von weitem zuzuschauen, wie die glücklicheren Kommilitonen, frei des korpsstudentischen Zwanges, nach Schluß der Probe froh erregt, mit glühenden Köpfen, lebhaft diskutierend dem Eingangstor des Theaters entströmten, um die namenlosen Kneipen aufzusuchen, in denen sie nach eigener Wahl und entsprechend der Rücksicht auf die Dimensionen ihres Monatswechsels verkehrten. Und inmitten dieser Beneidenswerten kamen auch die Helden und Heldinnen aus der Probe -- natürlich mußten ja auch sie wenigstens die Massenszenen immer wieder aufs neue mit probieren ...

Und noch ein andres heimliches Fest blühte für Hans Thumser innerhalb seiner bescheidenen vier Wände, die glücklicherweise so dünn waren, daß sie manch ein Geräusch durchließen von jener geheimnisvoll lockenden Welt, die hinter ihnen sich barg: das Klappern zierlicher Pantöffelchen, das Rascheln seidener Röcke, keckes Mädchenlachen und halblautes Geschwätz, wenn Kolleginnen drüben zum Besuch kamen ... Aber noch immer war's ihm nicht geglückt, seine Nachbarin von Angesicht zu Angesicht zu sehen.

Inzwischen baute Hans in seinem Herzen ein seltsam Kirchlein auf: droben war ein feierliches gotisches Heiligtum, in dem Jucunda Buchners weiße Gestalt auf ernstem Altare stand, von Weihrauch und Kerzengeflacker umspielt ... darunter aber, tief unter der Erde, barg sich eine dämmrige romanische Krypta, in der tolle Orgien verbotener, heidnischer Kulte nächtens gefeiert wurden vor einem üppig lächelnden Götzenbild -- seine Züge waren nicht genau erkennbar -- verschwammen im hüpfenden Fackellicht, das durch den Raum dunstete ...

Aber Hänschen Thumser war nicht der Mann des tatenlosen Zuwartens. Es mußte etwas geschehen, die dumpfe Qual dieser sehnsüchtigen Tage zu verkürzen. Aber was? Immer wieder mündeten seine Pläne in die Erkenntnis, daß man einem jungen verwöhnten Mädchen -- und eine Schauspielerin konnte man sich ja doch nicht anders vorstellen als jung und verwöhnt, nicht wahr? -- daß man solch einem Liebling der Götter und Menschen nur nahen könne mit gebenden Händen ... und seine Hände waren leer ... der Monatswechsel heidt -- knapp noch das Nötigste für die letzten Tage vorhanden ...

Auf einmal -- welch glorreicher Gedanke! Hänschen Thumser konnte ja etwas, das am Ende doch nur die wenigsten unter Asta Thönys Verehrern -- gewiß hatte sie unzählige -- reiche Bankiersöhne und Gardeleutnants und -- na und solche Leute mit unerschöpflichen Portemonnaies -- aber gewiß konnten solche Leute meistens eines nicht, oder wenigstens nicht so gut wie Hänschen Thumser -- nämlich =dichten=!

Juchhe! Hänschen hat kein Geld, um kunstvolle Blumenarrangements zu kaufen -- aber wunderschöne Verse kann er machen! -- Also los! ein Blatt aus dem Kollegheft gerissen und gereimt auf Deuwel komm heraus!

»Ich bin ein junger Korpsstudent, Die Schuhe Lack, der Rock patent -- Korrekt und schick an mir ist alles --«

lauter unbestreitbare Wahrheiten! aber nun kommt der Haken.

»-- im Portemonnaie nur haust der Dalles --«

So -- immer frisch heraus mit dem sauren Bekenntnis, dann weiß Asta auch gleich, wie sie mit mir dran ist -- was sie von mir zu erwarten hat -- und was nicht ...

»Doch da das Schicksal über Nacht Zu Budennachbarn uns gemacht --«

(Ach du liebes, gnädiges Schicksal du!)

»-- müßt' ich Dich eigentlich begrüßen, Und Rosen legen Dir zu Füßen -- Wie gerne würd' ich mich erdreisten -- Doch leider --«

Alle Wetter: das wird ja ein prachtvoller Reim:

»-- kann ich mir's nicht leisten ...«

Nun ein zweites offenes Bekenntnis:

»Noch kenn' ich Dich, Du Schelmin, nicht, Sah nicht einmal Dein Angesicht -- Nur --«

Gott, bleiben wir doch schon bei der Wahrheit:

»-- hab' ich morgens früh gesehn Vor Deiner Tür zwei Schuhchen stehn -- So winzig, duftig, elegant --«

Hans! du imponierst mir! So viel edle Dreistigkeit hätt' ich dir gar nicht zugetraut -- aber freilich: auf dem Papier, und mit einer schützenden Scheidewand dazwischen -- -- Aug' in Auge würde das Debüt wohl etwas kümmerlicher ausfallen, wie? -- Aber weiter, weiter -- einen Reim auf »elegant« -- pah, Spielerei!

»-- daß gleich mein Herz in Flammen stand --«

-- nein, das ist doch zu billig, zu abgeschabt:

»Da gab es Funken -- Flammen -- Brand!«

Ja, es ist eine alte Sache: Verse werden immer am besten, wenn man ganz geradezu ausspricht, was wirklich passiert ist:

»Und seitdem träum' ich wahnbetört, Von dem, was da hineingehört --«

Ist das nicht ... doch ... gar zu unverschämt?! Ach was, mehr wie hauen kann sie schließlich nicht!

»Willst Du mir's auf den Nacken setzen, Mir wär's ein sklavisches Ergetzen --«

-- ne, das ist ein falscher Ton -- von der Sorte sind wir doch nicht! --

»Ach, dürft' ich's einmal -- einmal küssen -- Wirst mir's schon noch -- erlauben müssen -- O welche süße Phantasie -- Und ach -- probiert hab ich's noch nie -- --«

Hans überlas das Geschriebene. Himmel, ist das schnurrig, wenn's auf einmal so in einem zu dichten anfängt! Ein ganz andrer Mensch kommt da plötzlich zum Vorschein als der, den man so im Leben darstellt ...

Hatte er das wirklich geschrieben, er, der wohlerzogene Beamtensohn, der geschniegelte, korrekte Korpsstudent, der künftige Richter des Volkes?!

Ach, und es gefiel ihm so gut -- daß er's ganz hastig und mit fliegenden Fingern ins Reine schrieb und kuvertierte ... dann stülpte er die grüne Mütze auf, lauschte, ob seine Nachbarin daheim sei ... und da er keinerlei Geräusch hörte, klinkte er im Vorbeigehen sachte die Tür zum Nebenstübchen auf und sah --

Sah durch den Spalt eine zierliche Mädchengestalt in weißem Unterrock und weißem Frisiermantel schlafend aufs Sofa hingestreckt ... ein schwarzes Wuschelköpfchen ... und über den Rand des Sofas guckten ein paar schwarzbestrumpfte Füße, an denen zierliche rote Halbpantöffelchen baumelten ...

Und schon hatte er mit einem Ruck den Briefumschlag mit seinen unverschämten Versen mitten in die Stube geschleudert, die Tür mit hartem Knall zugeklinkt -- und flog nun die Stufen hinunter -- die grüne Mütze war ihm in den Nacken gerutscht, seine Wangen brannten, und draußen zog er mit seinem spanischen Rohr einen Durchzieher durch die Luft, daß es nur so pfiff.

Wie in Hans Thumsers unoffiziellem Herzen, so war auch in Valentin Pilgrams korrekter Chargiertenseele Revolution ausgebrochen, und auch die um einer Zimmernachbarschaft willen. Aber diese Revolution war doch von einer ganz anderen Sorte und gipfelte in der Erklärung, die der Senior in energischem Tone an die Frau Kanzleirat Buchner abgab: er kündige hiermit seine Bude und werde sofort ein andres Quartier suchen, wenn man den ruhestörenden Lärm und groben Unfug da nebenan nicht abzustellen die Mittel finden würde ...

Und das war so gekommen:

Valentin Pilgram stand im sechsten Semester. Er war bereits zwei Semester in Berlin inaktiv gewesen und nur nach Leipzig zurückgekehrt, weil er als Königlich sächsischer Untertan sein Referendarexamen in Sachsen ablegen mußte. Er war auf dringendes Bitten des C. C. zu Anfang des Semesters noch einmal wieder aktiv geworden und hatte die erste Charge interimistisch übernommen, weil kein anderer geeigneter Korpsbursch für diesen Posten da war, und der Vertreter des Marburger Kartellkorps, der die erste Charge später definitiv bekommen sollte, doch erst einmal in Leipzig und im Korps warm werden mußte. Interimistisch bekleidete dieser junge Herr die zweite Charge. Und so teilte Pilgram mit seiner ganzen feierlichen Gewissenhaftigkeit seine Zeit zwischen dem Korps und der Vorbereitung fürs Examen. Und in der letzteren war er nun plötzlich und gründlich unterbrochen worden durch ein grollendes Getöse, das aus der Nachbarkammer in seinen Studienfrieden hinüberklang, aus der Nachbarkammer, in der, wie er gelegentlich mit halbem Ohr vernommen hatte, die Tochter seiner Hauswirte, die herzoglich meiningische Hofschauspielerin Jucunda Buchner, für die Dauer des Gastspiels ihres Ensemble einquartiert worden war. Mitten in die Lektüre der Windscheidschen Drogenweltweisheit war da plötzlich eine sonore Altstimme hineingeklungen, zunächst in sachtem, murmelndem Repetieren, dann aber in selbstvergessen wildem Ausbruch:

»Und =einer= Freude Hochgefühl entbrennet, Und =ein= Gedanke schlägt in jeder Brust --«

Da war der reckenhafte _candidatus iuris_ mit einem Wutknurren aufgefahren ... aber umsonst: die sonore Stimme drinnen grollte weiter -- sänftigte sich nun zu herzbeklommener Klage:

»Doch mich, die all dies Herrliche vollendet, Mich rührt es nicht, das allgemeine Glück, Mir ist das Herz verwandelt und gewendet, Es flieht von dieser Festlichkeit zurück ...«

Aber bald schrillte sie wieder auf mit jähem Wehlaut, daß sich vor Wut und Entsetzen dem Rechtskandidaten die Gedärme umkehrten.

»Sollt' ich ihn tö--öten? Konnt' ich's, da ich ihm Ins Auge sah? I--h--n tö--ö--öten? Eher hätt' ich Den Mordstahl auf die eig'ne Brust gezückt!«

Das war zuviel! Der Student riß einen seiner Lederpantoffeln von den Füßen und pfefferte ihn krachend gegen die Nachbartür.

Einen Augenblick verblüffte Stille -- doch o weh -- sein Warnsignal war offenbar nicht verstanden worden -- schon nach wenigen Sekunden setzte das Gegroll und Gewimmer drüben wieder ein:

»Und bin ich strafbar, weil ich menschlich war? Ist Mitleid Sünde?«

»Nee!« brüllte Valentin Pilgram. »Mitleid is keene Sinde nich! Haben Sie ruhig Mitleid mit mir und halten Sie den Mund -- ich muß lernen!!«

Einen Augenblick war drüben alles stumm -- todesstarres Schweigen. Und plötzlich fauchte ... ja fauchte, anders war's nicht zu nennen -- keifte -- ja man muß schon sagen, keifte die sonore Stimme von nebenan:

»So? Lernen müssen Sie? Na -- ich auch ... stopfen Sie sich Watte in die Ohren!« Und noch dreimal mächtiger und markerschütternder grollte nun der majestätische Alt:

»Ist Mitleid Sünde? Mitleid! Hörtest Du Des Mitleids Stimme und der Menschlichkeit Auch bei den andern, die Dein Schwert geopfert?!«

Da sprang Valentin Pilgram wütend auf, riß den Klingelzug, daß es schrill durch den Flur gellte, und als die stattliche runde Frau Kanzleirätin ganz entsetzt ins Zimmer schoß, schnauzte er sie an:

»Was ist das für ein gottverfluchter Spektakel daneben? Wenn das nicht in fünf Sekunden aufhört, zieh' ich!«

»Erlooben Se mal, mei gutester Herr Pilgram!« entrüstete sich die behäbige Dame im geblümten Morgenrock sehr energisch. »Se wissen, scheint's, nich so recht, mit wäm Se's zu tun ha'm! Das is Se nämlich meine Tochter, die große Jucunda Buchner von die Meininger -- die Jungfrau von Orleans!«

»Und wenn je die Jungfrau Maria selber wär' -- hier verlang' ich meine Ruhe, versteh'n Se mich, Frau Kanzleirat?! Ich hab' diese Bude gefälligst zum Studieren gemietet -- versteh'n Se? Wir sind Se hier nich im Theater!!«

»Se sollten Ihn' was schämen, Herr Pilgram, daß Se nich mal kenn'n bißchen Ricksicht nähm' auf Studium von eener gottbegnadeten Ginstlerin, wo ganz Leipz'g stolz drauf is!«

»Wenn eener ä Vierteljahr vor'm Examen steht, dann hört die Rücksichtnahme ergebenst auf!« brüllte Pilgram. »Ich muß ooch studieren, aber mei Studium is wenigstens geräuschlos! Wenn Se e gottbegnadetes Mädchen zur Tochter haben, die beim Studieren einen Schkandal macht, wo die Mauern von Jericho von könnten einstürzen, dann vermieten Se gefälligst keene Buden an Studenten nich!«

»Herr Pilgram -- wenn ich gewußt hätte, was für e ungeschliffener Mensch Sie sein kenn' -- nie wär'n Se mir ieber de Schwell gekomm', weeß Knebbchen!«

»Mamaa!« tönte da plötzlich der sonore Alt aus dem Nebenzimmer, »rege Dich doch bitte ja nicht auf, Mamaaa! Der Herr mag ruhig ziehen -- ich komme Deiner Haushaltungskasse für den Schaden auf!«

Frau Kanzleirat musterte den Studenten von oben bis unten mit einem Blick tiefster Verachtung. »Da heer'n Se's, Herr Pilgram! So benimmt sich e wahrhaft vornähmer Mensch! -- Also wenn Se zieh'n woll'n, ich hab Sie nich das mindeste dagegen -- lieber heut als morgen! Adieu, Herr Pilgram -- ziehen Se glicklich!«

Und die stattliche Dame rauschte hinaus mit der Würde einer Königin. Die Schleppe des geblümten, nicht mehr ganz saubern Morgenrockes waberte hinter ihr drein.

Valentin Pilgram aber blieb etwas benommen an seinem einsamen Studiertisch. Es war doch höchst fatal, nun so mitten in den Examensvorbereitungen das lieb gewordene Quartier gegen ein noch unbekanntes eintauschen zu müssen ... am Ende hätte er auch ein bißchen weniger hitzig sein können ... vielleicht mit einem guten Wort hätte sich die Sache viel besser einrenken lassen ... Aber das machte diese verfluchte Kandidatenstimmung, das Bangen vor diesem fahlen Gespenst, das am Ende der Studentenzeit hockte mit stieren Augen und sich ganz, ganz unmerklich immer näher heranschob ... da sollte der Teufel nicht nervös werden ... Was keine sausende Säbelklinge fertiggebracht hatte: das Schreckbild der drei Männer hinterm grünen Tisch hatte es erreicht: Valentin Pilgram hatte Angst ... und dieser Zustand, so ungewohnt, so unmöglich, der hatte ihn toll gemacht ... Eigentlich hatte er sich ja doch wirklich unqualifizierbar benommen ... es waren doch weibliche Wesen, beinahe Damen, mit denen er so gröblich umgesprungen ... zwar ein Kanzleirat war ein Subalternbeamter, und seine Frau gehörte nicht zur Gesellschaft ... und vollends eine Komödiantin ... aber wenn auch ... wenn auch ... Valentin Pilgram, ich glaube, dein Benehmen war durchaus nicht auf der Höhe der berühmten korpsstudentischen Direktion ... deren eifriger Hüter du selber so lange im C. C. gewesen ...

Valentin wartete mit Spannung, ob nicht alsbald da drinnen wieder der dunkeltönige Alt mit dröhnendem Jambenschwall einsetzen würde ... er wartete mit Spannung und Verlangen ... das Fortdauern der Störung wäre wie eine nachträgliche halbe Entschuldigung seiner Hitze gewesen ... aber er wartete umsonst. Alles blieb still darinnen. Er hätt' also triumphieren, den ertrotzten Arbeitsfrieden eifrig büffelnd genießen können ... aber seltsam ... die richtige Streberstimmung wollte nicht wiederkommen ...

Teufel auch, Valentin Pilgram, du hast doch nicht etwa einen »Moralischen«?