Komödiantinnen: Roman

Part 19

Chapter 193,637 wordsPublic domain

»Weißt Du, Thumser, vor einer solchen Affäre ist das einzig Richtige, sich so zu betragen, als sei gar nichts Besonderes los. Um Gottes willen, bloß sich nicht hinsetzen und ein halbes Dutzend Abschiedsbriefe schreiben: an die Eltern, an den Schatz, an die Erbtante, und wer weiß an wen sonst noch. Das hat ja gar keinen Zweck. -- Mein Gott, so'n bißchen Knallerei! Ja, wenn Du jedesmal Dein Testament machen wolltest, wenn Du Dich in Lebensgefahr begibst, dann müßtest Du es von Rechts wegen machen, so oft Du vor die Tür gehst! Ueberall kann Dir ein Dachziegel auf den Schädel fallen. Und wenn Du in Deiner Bude und im Bette bleibst, kann schließlich die Decke einstürzen ...«

Des Korpsbruders rheinischer Leichtsinn hatte Hans Thumser über die Abendstunden hinweggeholfen. Man war auf der Kneipe gewesen, hatte Quodlibet gespielt und den blödesten Bierulk betrieben. Dann hatte Volkner ihn mit auf seine Bude geschleift, ihm großmütig sein Bett abgetreten und sich dann selber auf dem Kanapee einlogiert. Von dort herüber drang jetzt sein melodisches Schnarchen. Na ja, der hatte gut schnarchen!

Vorher aber, vor dem Einschlafen, hatten die zwei noch einen besonderen Trall ausgeheckt: Volkner hatte seine Geige genommen, und beide waren sie vor die Kammertür von Volkners bejahrter Hauswirtin gezogen und hatten ihr ein Ständchen gebracht, indem sie zu sanft hinschmelzender Violinbegleitung das schöne Lied gesungen hatten:

Seh ich ein Haus von weitem, Wo ein lieb Mädel träumt, Sing ich zu allen Zeiten Ein Lied ihr ungesäumt. Und wird's im Fenster helle, Sei es auch noch so spat: So weiß ich auf der Stelle Wieviel's geschlagen hat.

Erst als die Pantoffeln der Alten von drinnen gegen die Tür knallten, hatten sie Ruhe gegeben und waren dann beide auch sofort eingeschlafen.

Volkners Bude befand sich im ersten Stock des Hauses, das an der Kleinen Fleischergasse dem Cafébaum direkt gegenüber lag. Und der Lichtschein der Laterne, die neben dem Eingang des Restaurants stand, war es, der Hans Thumser geweckt hatte. Er tastete nach seiner Taschenuhr und stellte im matten Reflex des Deckenlichts fest, daß es zwei Uhr war.

Auf halb fünf war der Korpsdiener zum Wecken, auf viertel sechs der Wagen bestellt. Um viertel sieben sollte der erste Schuß fallen ... also noch zwei und eine halbe Stunde Schlaf und vielleicht noch vier und eine viertel Stunde zu leben ...

Die ganze vorige Nacht hindurch hatte Hans Thumser wie ein Sack geschlafen. Die nötige Bettschwere hatte er sich ja schon vor dem Zusammenstoß mit Pilgram angezecht. Der gestrige Tag war in beständiger Unrast hingegangen, und so kam jetzt in nächtlicher Stille zum erstenmal Ordnung in den Wirrwarr der Gedanken, die um das Schicksal der kommenden Morgenstunde flatterten.

Also sterben vielleicht ... und warum denn eigentlich? Nun, die Antwort war sehr einfach: Ein anderer war Hansens Ehre zu nahe getreten, hatte ihn tätlich aufs schwerste beleidigt, dafür galt es eben die standesübliche Sühne zu fordern.

Schön! Das klang ja ganz vernünftig. Aber schließlich ... eine Beleidigung hatte doch irgendeinen Grund, ein Motiv. Was hatte er Pilgram denn eigentlich zuleide getan? Was hatte er begangen, daß Pilgram ihn wie einen ehrlosen Buben behandelt hatte? Nun, das eine war ja klar: Pilgram war eifersüchtig, er bildete sich ein, er selber, Hans Thumser, sei sein Nebenbuhler bei Jucunda, und zwar ein begünstigter. Ein begünstigter? Ach, du lieber Gott ...!

Freilich, an ihm selber hatte es ja nicht gefehlt ... Und wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht im Augenblick, als Jucunda anfing, gnädig zu werden, sehr gnädig -- -- wenn nicht der andere dazu gekommen wäre, dieser fade Laffe, über dessen blasiertem Geckenschädel der Nimbus einer Fürstenkrone schwebte?

Aber schließlich, es war doch ein Irrtum, wenn Pilgram sich einbildete, Thumser sei glücklicher gewesen als er selber.

Also ein Mißverständnis! Ein Wahn!

Aber da war noch etwas andres, das nicht stimmte: Was das nur mit dem Brief gewesen war, den Pilgram ihm vorgehalten? Offenbar ein Brief von Jucunda, ein Brief, in dem sie sein Eintreten für ihre Ehre mehr oder weniger verblümt abgelehnt hatte. Und dieser Brief hatte auf einem Briefbogen gestanden, der seine, Hans Thumsers, Initialen trug. Wie kam der Brief auf dieses Papier? Erst jetzt in der Stille der Nacht fand Hans Zeit, um über dies Phänomen nachzugrübeln ...

Und plötzlich stand ihm der Augenblick vor der Seele, wie er Jucunda und ihrer Mutter sein Zimmer zur Verfügung gestellt hatte, um sich auszusprechen. Natürlich, das war's ja! Da hatten die Frauen das Uriasbrieflein ausgeheckt und das liebliche Plänchen gleich realisiert. Sie hatten genommen, was gerade zu erreichen war, das Briefpapier des Mannes, der ihnen vertrauensvoll seine Behausung zur Verfügung gestellt ...

Pilgram aber, der hatte natürlich für die sonderbare Erscheinung sich eine ganz andere Erklärung in den Kopf gesetzt. Er mußte sich eingebildet haben, der Korpsbruder sei mitschuldig an der Abfassung des Briefes, habe ihn vielleicht sogar redigiert ...

Also Mißverständnis Numero zwei.

Schön! Zwei grobe Irrtümer in der Rechnung. Wenn man sich aber einmal in Pilgrams vermutliche Auffassung hineinzudenken versuchte, so konnte man ihm schließlich nicht so unrecht geben, wenn er bis aufs Blut gereizt war, wenn er den einstigen Korpsbruder infamer Gesinnung und Handlungsweise verdächtigte.

Und darum Mord und Totschlag! Darum zwei junge Leben vor die Mündung geladener Pistolen gestellt! War das nicht Wahnsinn? War es nicht noch in diesem Augenblick Pflicht, eine offene Aussprache herbeizuführen, den Irrtum aufzuklären?!

Aber bei dem Irrtum war es nicht geblieben. Er hatte eine schreckliche Folge gehabt: die rasche Tat, eine Tat, die nicht milder war denn ein Schlag mitten ins Angesicht des Feindes. Und auch zu diesem Schlag wär's ja gekommen, wenn nicht die Korpsbrüder dazwischen getreten wären.

Mißverständnisse und Irrtümer ließen sich aufklären -- die Tat war nicht ungeschehen zu machen. Der Kavalier, der von einem Kavalier einen Schlag erhält, muß blutige Sühne fordern. Das war das eiserne Gebot des Ehrenkodex, daran war nicht zu deuteln noch zu rütteln.

Und dann -- wer mochte den ersten Schritt tun? Machte der sich nicht verdächtig, als sei es nur die Angst vor der blauen Bohne, die ihn zur Aussöhnung geneigt machte? Würde man ihn nicht der Kneiferei zeihen?

Der Kneiferei? Nun, wer vierzehn Schlägermensuren mit Ehren bestanden hatte, brauchte der sich vor dem Verdacht der Kneiferei zu fürchten?

Halt! So eine Knipserei, das war doch was andres als das bissel Bestimmungsmensur mit Binden und Bandagen.

Nein, da war nichts zu wollen, dafür war man Korpsstudent! Der andere, der war an allem schuld. Der hätte die Aussprache herbeiführen müssen vor der Tat. Daß er dem Freund, dem Korpsbruder aus drei Semestern eine ehrlose Gesinnung überhaupt zugetraut, das war die eigentliche Beleidigung, das war die Schmach, die nur mit Blut abgewaschen werden konnte. Die Worte, die Handlungen, die aus dieser abscheulichen Unterstellung erwachsen waren, die waren schließlich nichts anderes als der zufällige Ausdruck für einen Verdacht, der auch ohne Wort und Schlag ins Herz der Ehre traf.

Nein, es gab keinen anderen Ausweg -- und so würde man morgen früh aufeinander losknallen »bis zur Kampfunfähigkeit«.

Und nun kamen die Gedanken an daheim. An Eltern und Geschwister -- nein, das ging ja doch nicht, einen solchen Gang zu tun, ohne sich vorher von den liebsten Menschen verabschiedet zu haben. Wenn er nun fiel -- wie sollten sie diese wirre, dunkle Geschichte verstehen? Sie würden doch nachforschen, würden wissen wollen, was denn eigentlich geschehen war, wie es hatte so weit kommen können -- und dann war's zu spät. Dann war sein Mund, der allein Licht in die Wirrnis hätte bringen können, verstummt. Sein Tod würde den Lieben ein düsteres, grauenhaftes Rätsel bleiben.

Also das geht nicht. Hans wird aufstehen und einen langen, langen Brief an die Geliebten daheim schreiben. Ihnen alles erzählen, ohne Verschweigen, auch das Glück -- die landläufige Moral nannte es ja wohl ein sündiges Glück --, das er in Asta Thönys Armen genossen, auch die verworrenen Dränge, die ihn zu Jucunda getrieben. Alles, alles wird er berichten, und so wird wenigstens Klarheit liegen über seinem schauerlichen Ende ...

Ob sie ihn verstehen werden daheim? Mein Himmel, der Vater ist doch auch einmal jung gewesen ...

Und in Gedanken entwarf Hans Thumser den Wortlaut seiner Beichte. Immer eindringlicher, immer inbrünstiger vertiefte er die Schilderung seines Seelenzustandes, immer heißer und drängender formte er seine Bitte um Verständnis, um Vergebung, um ein Gedenken ohne Groll. Und über all dem Sinnen und Grübeln war er plötzlich versunken und verschwunden und wachte erst wieder auf, als Volkner ihn wach rüttelte, und die schlampige Alte, die sie beide gestern abend angeserenadet, in Nachthaube und Nachtjacke, grimmigen Gesichts und knurrenden Mundes den Kaffee auf den Tisch setzte.

Nun war's zu spät, nach Hause zu schreiben. Nun blieb's doch bei Volkners Theorie.

Die trockenen Semmeln von gestern wollten nicht in die Kehle, der glühheiße Bliemchenkaffee blieb fast unberührt. Ein Glück, daß Volkner mit ein paar Tafeln Schokolade und einem besseren Schnaps versehen war.

Geschäftig bediente er den Korpsbruder, wie man um einen Kranken, um einen Sterbenden sich müht. Und dabei fühlte Hans Thumser ganz deutlich, daß der andere sich im tiefsten Innern höchst mollig fühlte bei dem Gedanken: Gott sei Dank, daß ich selber nicht derjenige welcher bin!

Um Punkt halb sechs knallte drunten die Peitsche des Kutschers. Die jungen Männer machten sich bereit.

Im Schauer des dämmrigen Morgens fuhr Hans Thumser fröstelnd zusammen, als sie vor die Tür traten, als sein Blick auf die eingeschnurrte Gestalt des Korpsdieners fiel, der übernächtig auf dem Bock neben dem Kutscher hockte und auf den Knien einen schmalen, schwarzpolierten Kasten trug ...

Nebeldurchdunstet lagen die Straßen. Das Weiß des frischen Schnees war längst in ein kotiges Braun verwandelt, das der Frost der jüngsten Nacht mit tausend Rauhreifkristallen überzogen hatte. Ringsum erwachte das Leben der großen, fleißigen Stadt der Arbeit.

Den Rockkragen hochgeschlagen, dampfenden Atems schritten die Männer, huschten die Frauen einher, jeder an sein Geschäft. Schwarz und finster reckten sich die Fronten der alten Straßen, deren Häuser sich im Laufe der Jahrhunderte aus eleganten Wohnpalästen in dumpfe, mit Affichen überladene Geschäftshäuser verwandelt hatten.

Aber die Nebel sanken, von Osten wuchs die junge Tageshelle. Erste, schüchterne Sonnenstrahlen spielten droben um die Giebeldächer, ein Tag voll winterlicher Herrlichkeit flammte herauf.

Nun wurden die Anlagen durchquert. Weißleuchtend zackte sich das Gewirr der umreiften Aeste ins junge Blau.

Ivo Volkner aber und Hans Thumser studierten eifrig den S. C.-Pistolen-Komment, der in einem handschriftlichen Exemplar auf ihren Knien lag, und zündeten eine Zigarette an der anderen an.

Ganz kühl und geschäftsmäßig sprachen sie immer und immer wieder den vorgeschriebenen Gang der Mensur durch, um später auch nicht den leisesten Schnitzer zu begehen.

Endlich aber hielt es Hans Thumser nicht mehr aus. Er schob das schwarzgebundene Heft zurück, riß das frostbeschlagene Wagenfenster auf, atmete in tiefen Zügen die Morgenfrische und sog mit brennenden Augen das Bild der Morgenwelt in sich hinein.

Und eine wilde Sehnsucht kam über ihn -- Sehnsucht nach all dem Unsagbaren, das von da draußen in seine Seele hineinflutete, nach all dem unendlich Schönen des Lebens, das er doch kaum mit erstem Erwachen des Begreifens gegrüßt ... und das doch schon tausend Vorahnungen künftiger Glücksmöglichkeiten in ihm geweckt hatte. Ach, Glücks=möglichkeiten=?! Nein, er =war= ja schon glücklich gewesen!

Asta Thöny! klagte es in seiner Seele. Gott! so undankbar konnte man sein? An sie hatte er noch gar nicht gedacht ... Daß er von ihr sich verabschieden mußte, das war ihm nicht einmal in den Sinn gekommen ... Und doch -- wieviel hatte sie ihm geschenkt! Wie unsäglich gut war sie zu ihm gewesen, und er ... er hatte sie achtlos beiseite geschoben. Und das letzte, das er von ihr gesehen, waren bittere Tränen gewesen.

Zu spät ... Nun mußte das Schicksal seinen Gang gehen. Nun blieb nur noch eins: der Feindeskugel die Brust zu bieten und die Stirn dem wahllosen Walten des Geschicks.

Und doch, wie schön die Welt! Wie reich, was sich barg hinter den weißen Nebelschwaden, die das Kommende verhüllten. Wie selig selbst dieser Augenblick ahnungsvollen Grauens ...

Und Hans Thumsers Seele fühlte sich leben in diesem Augenblick. Leben, wie sie nie zuvor gelebt ... In langen, schmerzvollen Zügen trank sie das Glück des Augenblicks hinein. Das Glück, noch da zu sein, noch ein paar schmerzvoll süße Minuten lang die tiefe Wonne des Daseins atmen zu dürfen.

In einem billigen Zimmer des Hotel de Russie -- dritter Stock nach hinten hinaus -- hatte Valentin Pilgram sich einquartiert und die halbe Nacht mit Briefeschreiben zugebracht. Erst nach Mitternacht hatte er sich aufs Bett gestreckt und ein paar Stunden hingedämmert ...

Nun marschierte er auf dem Reitweg, der erst rechts, dann links der »Neuen Linie« durch das Streitholz führte, dem Kampfplatz entgegen, ein einsamer Wanderer ...

Er hatte sich nicht entschließen können, die letzten Augenblicke in Gesellschaft seines ihm tief unsympathischen Sekundanten Borgmann zuzubringen, mit dem er zweimal die Klinge und noch viel öfter in hitzigen Debatten des S. C. das Schwert des Wortes gekreuzt.

Um nicht mit dem Wagen zusammenzutreffen, war er vom Fahrdamm abgebogen, auf den Reitweg hinüber, auf dem um diese Morgenstunde noch keine Begegnung zu befürchten war. Er sah nicht die Pracht des jungen Tages, fühlte nicht die Schönheit des Daseins, die ringsum tausend Wunder winterlicher Herrlichkeit erblühen ließ. Er fühlte nichts als seinen Haß -- sah nichts als die Gestalt des Gegners, wie sie nun gleich vor ihm stehen würde, ein sicheres Ziel dem stählernen Druck seiner Hand, dem unbeirrbaren Blick seines Auges.

Da ließ ein Geräusch ihn aufschauen, ein Geräusch, das rasch sich näherte. Pferdegetrappel war's, gedämpft durch den Schnee -- nur wenn die Hufe ab und an gegen die harte Eiskruste stießen, die den Boden überzog, dann gab's einen klirrenden Ton. Der hatte ihn geweckt.

Da vorne, in den silbernen Nebeln, die noch über der Pleißeniederung lagerten, tauchten, schattenhaft abgehoben vom umgoldeten Himmel, zwei Reitersilhouetten auf: ein Herr und eine Dame. In raschem Trabe näherten sich die schnaubenden Gäule.

Valentin Pilgram konnte keines Menschen Blick ertragen in diesem Augenblick. Er trat rasch hinter den mächtigen Schaft einer Eiche und ließ die Reiter vorüberflitzen. Im letzten Augenblick erkannte er sie: es waren Jucunda und der Erbprinz.

Es war ihm, als hätte er einen Stoß vor die Brust erhalten. Er taumelte, starrte ein paar Sekunden wie ein Blödsinniger hinter den enteilenden Schatten her. Noch klang Jucundas übermütiges Lachen, des Prinzen näselnde Stimme in sein Ohr:

»... mal sehen, ob der Generalintendant meines alten Herrn für ein Gastspiel in diesem Winter ...«

Das waren die Worte, die er aufgefangen ...

Ha ha! -- ha ha ha ha ha --!! Das also war das Ende! Darauf lief es hinaus!

Während er zum Todesgange schritt mit jenem andern, der ihm der Glückliche gewesen war bis zu diesem Augenblick ... In derselben Stunde ... pfui Deubel! pfui Deubel!

In dumpfer Betäubung trottete er weiter.

Wo war der blindwütende Haß, der ihm den Nacken gestählt, die Sehnen gestrafft? Verweht -- verflattert, wie die weißen Nebelschwaden um die rauhreifumsilberten Kronen der Bäume zerwehten.

Und plötzlich ward er sich des grausamen Wahnsinns bewußt, der in all den Geschehnissen lag, die er selbst ins Rollen gebracht, und die nun abschwirrten, wie ein gräßlich zermalmender Mechanismus, unhemmbar, unwiderstehlich.

Da blinkte schon der Lauf der Pleiße ... da vorn tauchte aus den Morgendünsten der Umriß eines Wagens auf, der sich im Schritt gen Süden bewegte, und hinter ihm klang das Rollen eines zweiten Wagens.

Er beschleunigte den Gang, er mochte sich nicht überholen lassen, weder von seinem Sekundanten noch von der ... andern Partei.

Nun hatte er die »Linie« erreicht, verfolgte sie einige hundert Schritte weit gen Osten ... und sieh, da öffnete sich rechts eine weite Lichtung: die Heiderwiese ...

Am Wegekreuz hielt der Wagen, der vor ihm gefahren war. Er sah, wie drei männliche Gestalten ihm entstiegen und durch den Schnee ins Innere der Lichtung hinein wateten. Das waren die andern: Hans Thumser, Volkner, der Korpsdiener.

Valentin Pilgram blieb am Chausseerand stehen und wartete auf seinen Sekundanten. Nach wenigen Minuten war der Wagen heran. Ihm entstiegen Herr Borgmann im grellkarierten Winterpaletot, sehr zeremoniös, platzend vor Feierlichkeit, und Graf Schmettow, der Meißner-Senior, der als Unparteiischer zu fungieren hatte, verkatert, die Scherbe im Auge. Und ferner der alte Sanitätsrat Dr. Collwitz, der sich als zweiten Paukarzt einen seiner Assistenten mitgebracht hatte. Einen jüngeren, bebrillten Herrn mit langflutendem blonden Vollbart. Dieser wurde als Doktor Köllicker vorgestellt.

Pilgram dankte den Aerzten für ihr Erscheinen, die üblichen Redensarten wurden getauscht in gezwungen nachlässigem Tone, den der Ernst der Stunde mit frostigem Schauer durchzitterte. Dann stapften die Herren der Gegenpartei nach gen Süden.

Hinter ihnen schritt der Korpsdiener der Neo-Borussia, er trug einen mit gelben Messingknöpfen benagelten Koffer, der Instrumente und Materialien für die Aerzte enthalten mochte.

Valentin Pilgrams Blicke suchten den Gegner und erkannten die schlanke, geschmeidige Gestalt. Aber wohin war der Haß geschwunden, der ihn durch Wochen gemartert, wenn er Hans Thumsers bloß gedachte?! Er sah nur noch den Freund, den Korpsbruder aus drei Semestern.

Thumser hatte seinen Paletot abgelegt und stand mit offenem Jackett, über der Weste blitzte das grün-gold-rote Band.

Und dahin sollte man nun zielen, dahin das Todesblei entsenden?!

Und doch, es gab kein Zurück ... Und ob er wollte oder nicht, die grausame Farce mußte nun mit Anstand zu Ende gespielt werden ...

Und rasch und vorschriftsmäßig wickelte sich nun der Gang der Dinge ab. In genauestem Anschluß an den Wortlaut des Komments wurden nun die Plätze bestimmt, so daß das Licht gleichmäßig verteilt war; wurden die Waffen geladen, die Duellanten instruiert. Der Unparteiische schritt selber mit Riesensätzen seiner langen Storchbeine die Barriere ab und bezeichnete sie durch zwei niedergelegte Spazierstöcke, hüben und drüben. Noch zehn Schritt weiter jenseits wurden durch Kreuze, die in den Schnee geritzt wurden, die Plätze für die Duellanten festgelegt, die sonach durch fünfunddreißig reichlich bemessene Schritte voneinander getrennt waren.

Zuletzt nahmen die Sekundanten ihren Fechtern noch Brieftasche, Uhr und Geldbörse ab und geleiteten sie dann zu ihrem Platze. Dort übergaben sie ihnen die Waffen und traten dann jeder zwanzig Schritt zur Seite.

Der Unparteiische nahm seinen Stand zwanzig Schritte seitwärts von der Mitte der Schußlinie.

»Meine Herren!« sprach er mit schallender Stimme, »ich wiederhole noch einmal: ich zähle bis vier. Wenn ich eins! gezählt habe, dürfen Sie avancieren bis an die Barriere, bis vier müssen Sie abgeschossen haben. Herr Thumser, als der Beleidigte, hat den ersten Schuß. -- Bin ich verstanden?«

Mit stummem Nicken antworteten die Gegner.

Hochaufgerichtet stand Hans Thumser und sah übers schneeblinkende Feld. Endlos schien ihm die Entfernung, die ihn von dem Feinde trennte. Aber er wußte, daß sie sich rasch verringern würde, zusammenschrumpfen zu einem schrecklichen Aug' in Auge ...

Ein jähes Frösteln rann durch seine Gestalt, kaum konnte er das Klappern seiner Zähne bemeistern, kaum den Hahn der Pistole spannen ... Und nun noch ein Blick in die goldige Morgenwelt hinaus. Ein Blick in die Zukunft, die vor ihm versinken wollte wie der Tau einer Nacht. Und da überfiel ihn eine jähe, ingrimmige Wut auf den, der ihm das alles rauben wollte. Nein, sich wehren ... sich wehren bis zum letzten Atemzug! Ins Herz den Gegner treffen -- ins Herz! Wenn einer fallen soll, gut, so sei's der andere!!

»Eins!« scholl da schneidend scharf das Kommando des Unparteiischen.

Und nun war alles versunken, alles bis auf die hagere, starr emporgereckte Gestalt da drüben, die einst geliebte, nun bis in den Tod gehaßte ...

Wie fern sie war, wie klein ... und nun, nun kam sie heran, nun wuchs sie ... wuchs und wuchs ... und nun blieb sie stehen ... bot sich zum Ziel ...

Da raffte auch Hans Thumser sich zusammen. Mit hastigen Schritten schoß er vorwärts, bis seine Fußspitzen den Spazierstock berührten, der die Barriere bezeichnete.

»Zwei!« klang des Unparteiischen Stimme.

Hans Thumser hob die Waffe bis in die Augenhöhe, zielte auf des Gegners Brust, sah ganz deutlich, wie über dem Visier die breiten Schultern standen, das fahle Gesicht.

»Drei!«

Da drückte er los ...

Er sah den Gegner wanken, sah, wie die Rechte, welche bisher die Waffe gesenkt gehalten, eine rasche, zuckende Bewegung nach der linken Schulter machte. Dann aber fand der Taumelnde Halt, hob nun ebenfalls den Lauf, aber hoch bis über die Stirn, und schoß -- schoß hoch in die Luft ...

»Vier!« klang das Kommando des Unparteiischen.

In diesem Augenblick ließ Valentin Pilgram die Pistole fallen und griff mit der Rechten krampfhaft in das linke Schultergelenk hinein.

Doktor Köllicker sprang zu, riß Pilgrams Rock auf, das weiße Hemd wies Blutflecken, er zertrennte es mit raschem Zerren, untersuchte das verletzte Gelenk. Dann winkte er dem Sanitätsrat, der hinzutrat.

Auch Borgmann, der Sekundant, und Graf Schmettow eilten zu dem Verwundeten heran.

Der lächelte mit schmerzverzerrtem Munde. »Viel scheint's nicht zu sein, meine Herren. Von mir aus kann's weiter gehen!«

Aber der linke Arm hing kraftlos herunter, ein Versuch, ihn zu bewegen, mißlang.

Die Herren steckten in flüsternder Beratung die Köpfe zusammen. Die Forderung lautete bis zur Kampfunfähigkeit ... und die lag wohl nicht vor, obwohl das Schultergelenk schwer verletzt schien.

Hans Thumser trug's nicht länger. Der andere hatte, obwohl getroffen, seinen Schuß verloren gegeben. Was konnte das bedeuten? Doch nur dies eine: die Erkenntnis begangenen Unrechts.

Hans winkte seinen Sekundanten heran.

»Ich kann nicht mehr, Volkner -- geh und biete Satisfaktion an ...«

In derselben Sekunde scholl auf der Chaussee ein hastiges Hufegeklacker, und eine atemlose Männerstimme keuchte:

»Halt! Im Namen des Gesetzes: halt, meine Herren!«

Zwischen den Büschen des Wiesenrandes tauchte ein goldblinkender Helm auf, ein grüner Waffenrock, der braune Bug eines Pferdes, in rasendem Galopp gestreckt. Fünf Minuten später preschte der Reiter an der Gruppe der Herren vorüber, die sich um den Verwundeten zusammengeballt hatten, warf den Gaul herum, versuchte den Flankenzitternden, Schäumenden zum Stehen zu bringen.

Hans Thumser hielt sich nicht länger. In langen Sätzen übersprang er die fünfzehn Schritt, die ihn von dem Verwundeten trennten, streckte ihm die Hand hin:

»Komm, Pilgram -- das geht ja doch nicht mehr!«

Die Herren, die den Verwundeten umdrängten, hatten ihm Platz gemacht.

Aug' in Aug' standen die einstigen Freunde einander gegenüber, tauschten einen Blick, in dem mehr als Versöhnung lag ... Genesungsglück schimmerte darin, neue Hoffnung, neues Leben ...

Mit der heilen Rechten schlug Valentin Pilgram in Hans Thumsers Hand ein ... und auf einmal lagen die Jünglinge sich in den Armen.

Da klangen wiederum Hufschläge auf der Chaussee. Und sieh, ein Wagen hielt am Wiesenrand, ihm entstiegen zwei Herren und eine Dame, die mit hastigen Schritten über den schneebedeckten Wiesengrund herankamen.