Komödiantinnen: Roman

Part 16

Chapter 163,558 wordsPublic domain

»Füchse! Ich komme Euch den elften und zwölften Halben!«

»Lasset nicht die Jugendkraft verrauchen, In dem Becher winkt der goldne Stern! Honig laßt uns von den Lippen saugen, Lieben ist des Lebens süßer Kern! Ist die Kraft versaust, Ist der Wein verbraust, Folgen, alter Charon, wir Dir gern!«

-- so verscholl das hellaufrauschende Lied ...

»_Silentium_ -- schönes Lied _ex_! Ein Schmollis den Sängern!«

Da trat der Korpsdiener ein. Das glänzende Bemmchengesicht verstört, fassungslos. Er schlich sich zu dem ragenden Stuhl des Ersten heran, flüsterte mit vorgehaltener Flosse seinem jungen Herrn etwas ins Ohr, das diesen stutzen und auffahren machte. Einen Augenblick sann Volkner nach -- dann flüsterte er dem Korpsdiener zu:

»Es ist gut -- sagen Sie's Herrn Thumser -- er mag hinausgehen.«

Mit scharfen Blicken verfolgte Volkner den Gang des Korpsdieners, der sich nun mit so lächerlicher Behutsamkeit, als tripple er auf Eiern, hinter den Stühlen seiner Herren entlang zum Fuchsmajor schob und auch diesem seine Botschaft zuraunte:

»Entschuld'gen Se, Herr Thumser -- da draußen is Sie nämlich der Herr Pilgram -- der läßt Ihn' bitten, ob Se nich mächten so freindlich sinn und gomm'n een Augenblickchen auf'n Flur -- er hat 'n ä wicht'ge Mitteilung zu machen!«

Ganz deutlich sah Volkner, wie Thumser zusammenschrak, hastig aufsprang, einen Augenblick nachsann, dann mit einem fragenden Blick die Erlaubnis erbat, die Kneiptafel zu verlassen. Nachdem Volkner Gewährung genickt, bat Thumser den ihm zunächst sitzenden Korpsburschen, ihn in seinem Amt als Vorsitzender der Fuchsentafel eine Weile zu vertreten. Dann raffte er sich zusammen und schritt aufrecht, doch blaß, mit zusammengezogenen Brauen zur Tür hinaus.

Als er mit dem Korpsdiener durch das anstoßende Konventszimmer schritt, flüsterte der Alte ihm zu:

»Se missen nämlich wissen, Herr Thumser, es is Sie schon vor eener Viertelstunde eene sähre hiebsche, junge Dame dagewesen und hat mich gefragt, ob der Herr Pilgram mächte uff der Kneipe sinn. Nu, da hab'ch ihr natierlich nur kennen sagen, daß der Herr Pilgram ieberhaupt nich mehr wirde uff Kneipe komm' -- und da is se denn wieder abgemacht. Ich kann Ihn' nur sagen, Herr Thumser, sähr ä hiebsche Dame is es gewesen! Nobel, püh, ich kann Ihn' sagen, Herr Thumser --!«

Hans Thumser war einen Augenblick stehengeblieben. Wirre Vermutungen schossen hin und wider. Pilgram --? Und eine Dame, die nach Pilgram fragte? Was für unwahrscheinliche Begebenheiten -- auch nicht den Schimmer eines Verständnisses fand Hans.

Wer konnte die Dame sein, die Pilgram auf der Frankenkneipe vermutete --? Was wollte Pilgram von ihm selber --?!

Nun -- man würde ja hören ... Und abermals straffte Hans den Nacken und öffnete die Tür zum Korridor.

Herzklopfend, von Glut und Frost hin und wider geschüttelt, war Asta Thöny vor dem Cafébaum aus der Droschke in den weichen Schnee gesprungen, der nun schon fußtief Bürgersteig und Fahrdamm der schmalen Gasse überzog. Ob ihr Retter wohl schon drüben sein mochte?

Hell erleuchtet glänzten die Fenster des ersten Stocks in das schummerige Dunkel der Straße hinaus, während die ragenden Fronten der geschwärzten Gebäude ringsum nur noch wenige matte Lichtspuren zeigten. Auf der Kleinen Fleischergasse wohnte nur bescheidenes Bürgertum, da ging man früh zur Rast.

Asta trat auf das jenseitige Trottoir und spähte hinauf. Ab und an huschte droben schattenhaft der Umriß einer jungen bemützten Männergestalt vorüber. Durch die verschlossenen Doppelfenster drang Lachen, vielstimmiges Gespräch, Tabakwolken kräuselten zur Decke, Wappenschilder, Schläger blinkten an den Wänden -- sonst war nichts zu erkennen.

Es blieb nichts übrig: Asta mußte sich in das dunkle jahrhundertalte Gebäude hineinwagen, mußte fragen, ob droben Herr Pilgram schon eingetroffen. Mit versagendem Herzschlag kletterte sie die winklige, dunstige Stiege hinan, hielt einen Augenblick vor der Tür still, an der ein grün-gold-rotes Farbenschild angebracht war und ein längliches Porzellanschildchen mit der Aufschrift:

»Corps Franconia.«

Drinnen klang lauter nun Lärm und Gelächter. Was half's -- sie mußte es wagen ...

Eine schrille Klingel schlug an, Schritte tappten heran, ein ältliches, gerötetes, glattrasiertes Männergesicht lugte durch den Spalt und blinzelte befremdet, als es des ungewohnten Besuches ansichtig ward.

Mit stammelnden Lippen fragte Asta, ob Herr Pilgram schon angekommen. Verblüfft grinste der Türhüter und erklärte: Herr Pilgram gehöre nicht mehr zum Korps, er komme überhaupt nicht mehr.

Gottlob -- also jedenfalls noch nicht zu spät gekommen ...

Und Asta huschte wieder die Treppe hinunter, stapfte in den Schnee hinaus und patrouillierte auf dem jenseitigen Bürgersteig, frostgeschüttelt, erwartungfiebernd.

Ab und zu kam noch eine grünbemützte Jünglingsgestalt und bog in den schlechterleuchteten Flur des Cafébaums ein. Von Pilgram keine Spur! -- Ob er seinen Vorsatz aufgegeben hatte? Sie wußte ja nicht, was er eigentlich geplant hatte, aber etwas Grausames, etwas Wildes, etwas Schauerliches mußte es gewesen sein! Davon hatten seine Züge deutlich genug gesprochen. Und geduldig trippelte das Mädchen auf und ab, ohne einen Blick von dem schmalen Lichtspalt zu wenden, der durch die angelehnte Tür des Restaurants auf die Straße lugte.

Der Schneefall hatte aufgehört. In winterlicher Schwermut gähnte die menschenleere Straße. Und in die lautlose Stille, welche die abendliche Stadt überlagerte, klang nun von drüben ein munterer Burschensang, gedämpft durch die Doppelfenster, doch deutlich vernehmbar. Die Weise meinte Asta zu kennen, aber Worte dazu wußte sie nicht. Ach, da oben war er, der liebe, böse Junge ...

Schau! zur Rechten, vom Marktplatz her glitt lautlos ein riesiger Schatten heran, scharf abgezeichnet von dem weißen Grunde der Straße, vom gelben Lichthof, den die Laternen in die Nebel der Nacht zeichneten.

Er war's! Mit raschen Schritten steuerte er dem »Cafébaum« zu. Da schoß Asta über den schmalen Straßendamm, traf hart an der Tür auf Pilgram:

»Herr Pilgram -- ach, Herr Pilgram!«

Gesenkten Blickes war jener geschritten, nun schrak er zusammen bei der unerwarteten Begegnung.

»Ah -- Sie, mein gnädiges Fräulein? -- Ja, um Gottes willen, sind Sie denn toll? Warum nicht im Bett -- warum hier -- was soll das heißen?!«

»Ich hatte solch entsetzliche Angst, Herr Pilgram!«

»Angst? Was fällt Ihnen ein! Angst? Um wen?«

»Um Sie, Herr Pilgram, um Sie und ... ach! Sie wissen's ja ... um wen -- um wen noch. Herr Pilgram, ich bitte Sie -- ich flehe Sie an, was haben Sie vor gegen Herrn Thumser?«

Flehend hatte sie mit beiden Händen den linken Arm des Studenten umklammert.

»Aber Verehrteste ... ich begreife faktisch nicht ... wie kommen Sie auf derartige Vermutungen?«

»Ach, ich weiß ... ich weiß ... Sie wollen sich rächen an Herrn Thumser! Ich weiß alles -- alles weiß ich ... Fräulein Buchner, meine Kollegin -- Sie sind für sie eingetreten damals ... und dann ... dann hat sie sich schlecht gegen Sie benommen ... und Sie, Sie hatten doch so viel für sie dahingegeben, nicht wahr, so war's doch? Und heut -- heut ist Herr Thumser bei Fräulein Buchner zum Tee gewesen, nicht wahr? ... Und Sie, Sie haben das gehört und sind wütend auf ihn -- weil Sie denken, er hat mehr Glück bei Fräulein Buchner als Sie nicht wahr? O, gestehen Sie's nur, es ist ja keine Schande -- und dann, dann haben Sie mich gefunden da draußen und denken, er hat mich auf dem Gewissen ... Sie sehen, ich weiß, ich weiß alles. Und nun, nun wollen Sie ihn -- ich weiß nicht, was Sie mit ihm machen wollen, aber etwas Schreckliches ist's gewiß. Sehen Sie -- Sie schweigen -- sehen Sie, ich habe alles begriffen, alles! Ist's nicht so?«

Mit zusammengekniffenen Lippen, die Augen fast geschlossen, regungslos hatte Valentin Pilgram den Schwall dieser bebenden Fragen über sich dahinschauern lassen. Mit grimmiger Scham fühlte er sich durchschaut, fühlte den geheimsten Trieb seines Wollens bloßgelegt, den er vergeblich mit dem lügnerischen Pomp eines Rächers verratener Ehre verhüllt hatte, und der doch nichts anderes war im letzten Grunde als der Neid des Verschmähten gegen den Glücklichen, als Eifersucht -- ganz ordinäre, banale Eifersucht ...

Doch nein, das war ja nicht wahr -- das durfte ja nicht wahr sein! Da oben klang der muntere Burschensang -- da oben tafelte die Runde derer, die sich Mitglieder des ältesten Korps der Hochschule nennen durften, die das grün-gold-rote Band tragen durften, das nur den Makellosen schmücken soll. Und in ihrer Mitte saß einer, der doppelten Verrats schuldig war: an dem Gefährten dreier Semester und an der Gesellin glückseliger Liebesstunden.

Und er --? Er hatte auf all das verzichtet, verzichten müssen um der Ehre willen. Hatte das einen Sinn? Durfte das so bleiben? Nein, beim Himmel, das sollte es nicht, solange es einen Valentin Pilgram gab. Wenn er denn schon selber die geliebten Farben nicht mehr tragen durfte, deren er doch wahrhaft würdig war wie einer, sollte dann der andere sich mit ihnen brüsten dürfen, der das Recht auf sie schmählich verscherzt hatte ...?!

»Herr Pilgram,« klang's da in schmelzendem Flehen neben ihm, »so sprechen Sie doch! Bitte, bitte, so sprechen Sie doch, habe ich nicht recht?«

»Mein verehrtes Fräulein,« sagte der Student, indem er seinen linken Arm der flehenden Umschlingung entzog, »ich bedaure, Ihnen über mein Tun und Lassen keine Rechenschaft ablegen zu können. Es mag sein, daß ich etwas Aehnliches, wie Sie denken -- nun, daß ich ... das gewollt habe ... und noch will. Wenn es so ist, so dürfen Sie überzeugt sein: ich weiß genau, was meine Pflicht ist ... Und darum muß ich Sie schon bitten, mich gewähren zu lassen.«

Da trat ihm das Mädchen in den Weg, legte beide Hände auf seine Schultern, brennende Augen starrten zu ihm empor, aus denen Tränen rannen, hell aufblitzend im matten Lichtstreifen, der aus der Flurtür in den Schnee der Gasse fiel:

»Nein -- nein, das dürfen Sie nicht! Mir zuliebe dürfen Sie's nicht ... Ja, es ist wahr, wegen dem da oben hab' ich heute das Leben wegwerfen wollen -- nun haben Sie mich gerettet -- aber wenn Sie ihm etwas zuleide tun, dann ist alles aus, dann hätten Sie mich nur lieber gleich da unten in der Pleiße lassen sollen ... Ich will nicht, daß ihm ein Leids geschieht um meinetwillen -- ich will's nicht -- und Sie, Sie dürfen's nicht -- Sie dürfen mich nicht wieder dahin zurückstoßen, woher Sie mich heut abend geholt haben -- nein! Herr Pilgram, das dürfen Sie nun und nimmermehr.«

»Gnädiges Fräulein,« sagte Valentin, »wenn es Sie beruhigen kann, so will ich Ihnen versichern: das, was jetzt gleich geschehen wird, war beschlossene Sache schon ehe ich Sie ... da draußen ... fand. Ich kann mich nicht darauf einlassen, Ihnen das alles so auseinanderzusetzen. Was Sie von mir denken mögen oder nicht denken mögen -- ich kann's bedauern, aber ich kann's nicht ändern. Das alles muß nun seinen Lauf gehen. Versuchen Sie nicht mich aufzuhalten, es hat keinen Zweck.«

Es sollte wohl nur ein sanfter Druck sein, mit dem die hageren Hände des weiland Frankenseniors die runden Gelenke der Schauspielerin von seinen Schultern lösten, doch er war unwiderstehlich, wie das Zupacken stählerner Zangen. Mit der gleichen unerbittlichen Gewalt, mit der er vor wenig Stunden des Mädchens Glieder der Flutenumschlingung entrissen, schob er sie nun zur Seite, wie ein willenloses Püppchen, und war mit zwei raschen Schritten im gähnenden Toreingang verschwunden.

Asta taumelte, als der Druck der gewaltigen Hände plötzlich nachließ. Dabei trat sie unversehens einen halben Schritt rückwärts, geriet mit dem Fuß in den lockeren Schneeaufwurf über dem Rinnstein, sank tief ein, strauchelte, fiel in die Knie, stieß einen Schmerzenslaut aus: sie mußte sich den Fuß verstaucht haben. Aber die heiße Angst um das, was werden mochte, jagte sie wieder empor. Sie humpelte mit schmerzverzogenem Gesicht zur Tür, stieß sie auf, lauschte hinein. Droben auf der Treppe waren Pilgrams Schritte schon verhallt. Nur das Burschenlied brauste noch immer weiter, klang und schwang durch das ganze altersmüde Gebäude. In dem kleinen Restaurant des Erdgeschosses zur Linken das schläfrige Stammtischgeschwätz, das Auftrumpfen der Karten, das Klappern der Biergläser. Asta schlich durch den Hausflur, hinkte mühsam die Treppe hinauf, stand wieder an der Tür mit dem Porzellanschildchen: Corps Franconia, legte das Ohr an die dünne Holzwand und lauschte.

Ganz deutlich dröhnte nun ein neuer Vers des feierlichen Liedes da drinnen, dazwischen halblaute Stimmen, es schien Pilgram zu sein, welcher im Flur mit dem alten Mann verhandelte, der sie vorhin an der Pforte beschieden. Aber dies leise Gespräch blieb unverständlich, dagegen war der Text des Liedes Wort für Wort zu verstehen. In frohem Trotz scholl die alte Jugendweise daher:

»Lasset nicht die Jugendkraft verrauchen, In dem Becher winkt der gold'ne Stern! Honig laßt uns von den Lippen saugen, Lieben ist des Lebens süßer Kern! Ist die Kraft versaust, Ist der Wein verbraust, Folgen, alter Charon, wir Dir gern!«

Und nun plötzlich war das Lied zu Ende, ein paar unverständliche, kommandoartige Worte klangen von drinnen, ein lustiger Aufschrei von vielen Stimmen, dann munter durcheinander schwirrendes Stimmengewirr. Einige Sekunden verflossen so: dann hörte Asta ganz deutlich, wie drinnen eine Tür heftig aufgerissen wurde und jemand in den Flur trat -- und jetzt klang drinnen gedämpft, doch klaren, festen Klanges des geliebten Jungen Stimme:

»Guten Abend, Pilgram -- Du hast mich zu sprechen gewünscht? Bitte, was steht zu Deinen Diensten?«

Da fühlte Asta, wie der Puls ihres Herzens aussetzte. Ganz fest preßte sie ihr Ohr an das glatte, ölgestrichene Holz, ihre froststarren Hände umklammerten krampfhaft den messingenen Türgriff, und in schlotterndem Lauschen vernahm sie jedes Wort, das drinnen gesprochen wurde, vernahm sie alles, was drinnen geschah ...

Hochaufgerichtet standen die zwei schlanken Jünglingsgestalten einander drinnen gegenüber in dem schmalen Flur, den nur eine schwelende Petroleumlampe erleuchtete. Rechts und links hingen Kneipjacken und Garderobenstücke an den Regalen, welche die Wände umzogen -- ein fader Dunst von altem Tabak und Bierneigen füllte den dumpfen Raum. Hinter der mittleren Tür, die zum Kneipzimmer führte, klang heftiges Stimmengewirr, das stiller und stiller ward. Offenbar war man drinnen aufmerksam geworden, daß hier draußen sich Ungewöhnliches vollziehe, wartete man gespannt, wie das wohl werden möchte.

Hans Thumser hatte Pilgram die Hand hingestreckt. Der übersah sie, griff stumm in die Brusttasche seines Rockes und reichte Hans Thumser einen Brief hin.

»Lies!« sagte er.

Hans ließ die erstaunten Blicke hin und wider gleiten zwischen dem Schreiben und dem, der es ihm gereicht, dann trat er in den Lichtbereich des mattglänzenden Flurlämpchens und erkannte, daß der Brief mit fahrigen, steilen Schriftzügen einer Frauenhand bedeckt war:

»Sehr geehrter Herr! Ihr dankenswertes Eintreten für meine Ehre hat schnell den gewünschten Erfolg gehabt. Die beiden Herren, welche mir zu nahe getreten waren, haben mündlich bei mir um Entschuldigung gebeten. Ich danke Ihnen innigst für das große Opfer, das Sie mir gebracht haben ...«

Verblüfft ließ Hans den Brief sinken:

»Was soll ich damit?« fragte er, »was geht das mich an?!«

»Dreh doch gefälligst einmal den Bogen um!« befahl Pilgram in ingrimmiger Ruhe.

Hans wandte den Bogen um und entdeckte mit grenzenlosem Staunen rechts an der unteren Ecke der vierten Seite, auf dem Kopfe stehend, seine Initialen und darüber den Frankenzirkel. Er drehte den Bogen um, und richtig: es war kein Zweifel, das war einer von seinen eigenen Briefbogen. Völlig verdutzt sah er den einstigen Korpsbruder an, um dessen festgeschlossene Lippen ein mattes Lächeln des Triumphes irrte.

»Von wem ist der Brief?« fragte Hans Thumser mit unsicherer Stimme.

»Spiel' mir gefälligst keine Komödie vor!« brauste Pilgram auf.

»Aber ich versichere Dir, ich habe nicht den leisesten Schimmer.«

»Pfui Deubel -- nicht mal den Mut hast Du ... Gib her den Brief! Und nun weiter! Warst Du heut' nachmittag bei Fräulein Buchner?«

»Aber ich verstehe faktisch nicht,« stammelte Hans. »Wenn ich Dir sage, daß ich auch nicht die entfernteste Ahnung habe --!«

»Ich frage Dich, ob Du heut nachmittag bei Fräulein Buchner warst? Gib Antwort -- oder ich mache kurzen Prozeß mit Dir!«

Nun richtete sich Hans denn doch aus der unsicheren Haltung verlegenen Staunens zu seiner ganzen Größe auf. Zwar reichte er nicht an die riesige Länge des einstigen Freundes, aber gleich straff emporgereckt stand er ihm gegenüber, sah ihm von unten frei und trotzig ins Gesicht, und funkelnd, wie zwei Säbelklingen in der Auslage, so blitzten das braune, das blaue Augenpaar einander an.

»Ich frage Dich,« sprach er kalt gemessen, »was Dich berechtigt, mich in einem derartigen Ton zur Rede zu stellen?«

»Das weißt Du.«

»Nein, ich weiß es nicht. Ich wünsche es von Dir zu hören.«

»Ich verzichte darauf, Dir Aufklärung zu geben. Ich wiederhole Dir meine Frage -- willst Du antworten?!«

»Wer mich in diesem Tone fragt, bekommt keine Antwort!«

»Schön! Was wirst Du nun aber sagen, wenn ich Dir mitteile, daß in derselben Stunde, in der Du bei Jucunda Buchner warst, Fräulein Asta Thöny am 'Wassergott' in die Pleiße gesprungen ist --?!«

Da wurde Hans Thumsers fester Blick plötzlich stier und starr. Die Kinnbacken klappten herunter, langsam schob sich seine Rechte an der Brust empor, glitt tastend nach dem Achtzentimeterkragen.

»Das ist ... das ist nicht wahr!«

»Mein Ehrenwort, daß es wahr ist ... und Du weißt, scheint's, auch, wer sie hineingetrieben hat?!«

Da umklammerte Hans Thumser plötzlich mit beiden Händen des ehemaligen Korpsbruders Arm und stammelte, schlotternd vor Entsetzen:

»Sie ist tot?!«

Valentin Pilgram machte sich frei, trat einen halben Schritt zurück.

»Ich hatte das Glück sie zu retten ... bedank' Dich also bei mir, daß Du nicht als Mörder vor mir stehst.«

Ein stöhnender Laut, ein Jauchzen halb und halb ein Schluchzen brach aus Hans Thumsers Brust zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor:

»Erzähl' doch -- so erzähl' mir doch.«

»Nein,« sagte Valentin Pilgram hart, »Du hast Fräulein Thöny von Dir gestoßen -- es mag Dir genügen, daß sie lebt -- alles weitere geht Dich nichts mehr an.«

»Also was willst Du von mir?« schrie Hans Thumser, »sag' mir endlich, was Du von mir willst?!«

»Du sollst bekennen, daß Du ein elender, wortbrüchiger Bube bist ... Du sollst das Korpsband da abziehen ... Du verdienst nicht mehr, es zu tragen. Willst Du? Oder soll ich Dich dazu zwingen?«

Da straffte sich Hansens Gestalt aufs neue. Seine Fäuste ballten sich, als erwarteten sie den Angriff des Feindes -- ja, des Feindes, denn was in den blauen Augen drüben düster flammte, war Feindschaft -- Todfeindschaft ...

»Versuch's!« sagte er nur.

In diesem Augenblick ward die Tür zum Kneipzimmer hastig von drinnen aufgerissen, blendender Lichtglanz quoll hervor, und hinter der Tür, Kopf an Kopf, drängte sich das Korps: ein zu Tode erschrockenes Jungmännergesicht hinter dem andern, ganz hinten stand man auf Stühlen und Tischen, um das entsetzenerregende Schauspiel zu erreichen, wie da zwei Jünglinge, die einst die gleichen Farben getragen, auf Leben und Tod einander gegenüberstanden.

»Pilgram! Thumser!« schrie alles durcheinander, »um Gottes willen, was habt Ihr nur?!«

Gleichzeitig schlug mit gellendem Schrillen die Etagenklingel an, und gegen das Holz der Flurtür hämmerten matte Schläge, wie von einem zarten Kinderhändchen. Und wie ein Schrei klang draußen das wimmernde Flehen einer Frauenstimme:

»Herr Pilgram -- tun Sie's nicht, Herr Pilgram!«

Mit halbem Blick nur überflog Valentin Pilgram die hervordrängende Schar der einstigen Korpsbrüder ... dann, als sei er noch allein mit dem Gegner Aug' in Auge, wandte er sich wieder zu ihm und wiederholte:

»Also noch einmal: Gibst Du es zu, daß Du ein elender Schelm bist? unwürdig des Bandes, das Du trägst?«

Mit eisiger Festigkeit hielt Hans Thumser des Feindes haßsprühenden Blick aus.

»Geh!« sagte er, »das weitere findet sich morgen.«

In derselben Sekunde hatte Valentin Pilgram dem Gegner das Korpsband von der Brust gerissen und es zu Boden geschleudert. Nun holte seine Rechte weit aus, um ihm die Mütze vom Kopf zu schlagen. Im selben Augenblick aber warfen sich die Korpsburschen mit lauten Entsetzensschreien auf beide Gegner von hüben und drüben, trennten sie, alles schrie wie toll durcheinander:

»Pilgram, Du bist wohl wahnsinnig!«

»Zurück, haltet Ruhe, zum Teufel!«

»Was fällt Euch ein?!«

»Wir sind auf Korpskneipe!«

»Schmeißt ihn hinaus, er hat hier nichts mehr zu suchen!«

»Laß gut sein, Thumser, er wird Dir Satisfaktion geben, morgen findet sich alles -- morgen!«

Volkner, der Senior, brach sich Bahn durch die dicht zusammengekeilte Schar der jungen Männer.

»_Silentium!_« schrie er. »Ich bin hier der Herr im Haus. Tritt vor, Pilgram, was soll das, was fällt Dir ein? Dich hier einzudrängen und Dich an einem von uns zu vergreifen? Du weißt, Du hast kein Recht mehr, hier zu sein!«

Die Zucht vieler Semester, die eiserne Disziplin des Korps rief Pilgram zur Besinnung zurück.

»Du hast recht, Volkner,« sagte er. »Habt die Freundlichkeit mich loszulassen ... es wird nichts weiter passieren, verlaßt Euch drauf.«

Und ruhig und gemessen trat er vor den Senior:

»Verzeih mir -- ich hatte mich vergessen. Ich denke, Ihr verzichtet wohl alle auf eine weitere Aufklärung ... dafür ist ja das Ehrengericht da.«

»Allerdings,« sagte Volkner, »dafür ist ja wohl das Ehrengericht da.«

»Gut,« sagte Pilgram. »Ich bitte das Korps also nochmals feierlichst um Entschuldigung -- ich bin morgen vormittag bis ein Uhr in meiner Wohnung. Guten Abend.«

Alles wich zur Seite. Noch einmal maß Valentin Pilgram mit kurzem Blick der Todfeindschaft seinen Gegner, der schwer atmend, mit rotunterlaufenen Augen, doch völlig gefaßt inmitten seiner Korpsbrüder stand ... schritt zur Tür, riß sie auf.

Da bot sich ein unerwartetes Schauspiel: Auf der Schwelle kniete, tränenüberströmt, zusammengekauert, ein Mädchen im grauen Pelzjackett. Nun sprang sie auf die Füße, starrte mit angstverzerrten Zügen, blöden Blicks in den Korridor hinein, in dem Kopf an Kopf Grünbemützte sich drängten, warf sich dann jählings herum und floh wie gejagt die Treppe hinunter.

Und langsam, schwerfälligen Schritts ging Valentin Pilgram von dannen und ließ die Tür ins Schloß fallen.

14.

Asta hatte nicht schlafen können. Das Fieber hatte in dem zierlichen, doch kerngesunden Körperchen rumort -- doch der Gedankensturm, der ihr Hirn durchbrauste, der Drang zu leben, zu helfen, ihr armes bißchen Sein dafür einzusetzen, daß nicht unsagbar Entsetzliches geschähe -- dies inbrünstige Wollen hatte die heraufbrauende Krankheit niedergeworfen. Und früh um neun schon klopfte sie an Jucunda Buchners Tür.

Frau Kanzleirätin, noch in Nachtjacke und Unterrock, hatte hoch und teuer geschworen, Jucunda sei noch nicht zu sprechen. Asta Thöny hatte sich nicht abweisen lassen.

»Sie wird mir's danken, gnädige Frau!«

Aber Jucunda Buchner dankte nicht.

Aus unruhigen Morgenträumen voll ehrgeiziger Hoffnungen und ahnungsvoller Beklemmungen hatte das Pochen der Kollegin sie aufgeschreckt. Nun saß sie aufrecht im Bett, sehr ungnädiger Laune, kaum, daß sie der Besucherin einen Stuhl anbot. Sie liebte es nicht, sich unvorbereitet überraschen zu lassen.