Komödiantinnen: Roman

Part 15

Chapter 153,589 wordsPublic domain

»Das hätt' ich mir weiß Gott auch nicht träumen lassen, daß ich meinen Spaziergang in so angenehmer Gesellschaft beenden würde. -- Und Sie? Finden Sie es nicht doch viel netter, zu zweit hier im Schnee zu waten, als einsam da unten in der dreckigen Pleiße zu paddeln? -- Sehen Sie mal, wie hübsch sich drüben das Gezweige von dem roten Himmel abhebt! Da kann man's wahrhaftig sehen, wie helle die Leipziger sind -- sogar der ganze Himmel ist hell über dem guten alten Biernest ... Aber nu sagen Sie doch auch mal was, Fräulein! oder haben Sie Ihre Stimme da unten im Wasser gelassen? Das wäre doch schade. Ich denke mir, Sie müssen sehr niedlich plaudern können ... Soll ich Sie vielleicht noch einmal erleuchten und mich auch, damit Sie sehen, daß Sie es mit einem ganz ordentlichen Kerl zu tun haben? Sie haben doch am Ende nicht gar Angst vor mir?«

Und horch!

Da klang's auf einmal aus der Dunkelheit neben seiner Schulter, leise wie ein Taubengirren:

»Angst ... ach nein -- wie könnte ich Angst vor Ihnen haben, Sie sind ja so gut zu mir --«

»Hurra! sie kann wieder reden!« jauchzte der Bursch. »Herrlich! herrlich! Und nun -- nun sagen Sie mir's mal gleich, wohin ich Sie bringen darf? Denn nach so einer Strapaze gehören kleine Mädchen ins Bett ... Auch ein Glühwein könnte nicht schaden. Also -- wohin soll's gehen? Heraus damit!«

Leise nannte das Mädchen seine Adresse. Unwillkürlich schmiegte sie sich fester in den führenden, schützenden Arm. Ihr war, als sei ihr noch nie so wohl gewesen, so geborgen wie in diesem Augenblick. Das Dasein, das ihr vor einer Viertelstunde noch schal und wertlos erschienen war, nun glomm es wieder auf in ihr voll Sehnsucht nach neuem Erleben, voll Dankbarkeit, noch da zu sein, die eigene Wärme siegen zu fühlen über die eisige Nässe, der sie sich anvertraut -- das ferne Leuchten zu sehen über der Stadt, wo die Menschen hausten, wo das Leben brandete, wo man Komödie spielte -- aß und trank, lachte und küßte ... Gott, welch ein Wahn, welch eine Raserei war doch nur über sie gekommen und hatte sie da hinuntergetrieben --?

Ach leben -- nur leben. Besser, sich prügeln lassen vom Schicksal, besser, sich auf und ab wirbeln lassen zwischen Glückseligkeit und Tränen, Tränen und Glückseligkeit, als dies kalte Nichts da unten.

»Ich danke Ihnen,« stammelte sie. »Ich danke Ihnen!«

Und lustig schwatzend von den gleichgültigsten, törichtsten Dingen, als seien sie zwei alte Bekannte, die sich beim Spaziergang begegnet, stapften die zwei Menschen fürbaß durch den knietiefen Schnee.

»Haben Sie warme Backen?« fragte der Student. »Au! Teufel ja, die brennen ja wie ein Oefchen -- und die Hände? Ziehen Sie doch die nassen Handschuhe aus, das gibt ja Rheumatismus -- richtig, die sind wie zwei Eiszapfen. Da weiß ich Rat, wir werden uns schneeballen. Los! Greifen Sie zu, ich laufe voraus. Daß Sie mir aber nicht wieder auskneifen und in die Pleiße spazieren!«

Nein -- Asta hatte keine Sehnsucht mehr nach der Pleiße. Sie bückte sich, griff mit den erstarrten Händen in die lockere Masse, die alles überlagerte -- und klatsch, da flog ein raschgeformter Ball dem riesigen Begleiter vor die Brust, daß es nur so knallte ... Und lachend, rennend, prustend, wie zwei Kinder, tollten die zwei den Weg entlang.

Schon schatteten die dunklen Fronten der Vorstadthäuser in das silberne Flockengeflitter hinein. Nun galt's sittsam und verständig nebeneinander durch die Straßen zu schreiten, in denen nur wenige schneebepuderte Gestalten unter weißbezuckerten Regenschirmen hastig und lautlos ihren Behausungen zustrebten.

Als aber der erste Laternenschein dem wandelnden Paar die Gestalt des Partners zeigte, schrie das Mädchen plötzlich auf:

»Um Gottes willen, Sie sind ja in Hemdärmeln! Sie werden sich den Tod holen!«

»Ach! keine Spur!« lachte der Student. »Ich glühe nur so! vorwärts, nur vorwärts!«

Jeder Vorüberwandelnde stutzte, als er das seltsame Schauspiel sah, daß ein junger Mann barhäuptig und hemdärmelig neben einer elegant bepelzten Dame herschritt.

Rasch war Valentin des Anstarrens, des Stehenbleibens satt. Auf der Zeitzer Straße rief er eine Droschke an, deren schneebepackter Gaul mühselig und dampfend dahin keuchte. Und nun war nach wenigen Minuten die Sophienstraße erreicht, die Hausnummer, die das Mädchen angegeben.

Es kostete Mühe, in den nassen Kleidern die Treppe hinan zu kommen, den Korridorschlüssel zu finden.

Mit Ueberraschung bemerkte der Student, daß es die wohlbekannte Wohnung war, in der Mutter Ach schaltete, sie, die ganze Generationen von Franken beherbergt hatte. Sie, bei der jetzt jener andere wohnte, dem Valentin Pilgram in ingrimmiger Einsamkeit eine fürchterliche Vergeltung geschworen ...

Starr vor Entsetzen stand die behäbige Witwe, als im matten Schein des Flurlämpchens ihre Mieterin vor ihr stand:

»Ei, herrjemerschnee! ne so was -- ne so was ... Was hab'ns denn nur gemacht, Freilein? ... Und wer is denn das? -- Weeß Knebbchen, das is Sie ja der Herr Pilgram! Herr Pilgram, is es meeglich?! Nu komm' Se doch bloß mal in die Stube 'nein -- ich wer' gleich Feier machen -- und Tee wer' ich 'n kochen, i nee so was, nee so was.«

Bei dem Namen Pilgram hatte das Mädchen gestutzt. Höher noch flammte ihr glühendes Gesicht. Stumm klinkte sie ihre Stubentür auf und huschte hinein. Die Tür ließ sie offen in dem dunklen Gefühl, daß ihr Retter einen Anspruch auf die behagliche Wärme habe, die ihr von drinnen entgegenschlug.

Doch der folgte ihr nicht -- starr hingen seine Augen an dem weißen Kärtchen, das an der Stubentür befestigt war.

»=Das= -- sind Sie?« fragte er mit zusammengebissenen Zähnen.

»Ja, das bin ich -- kommen Sie doch herein -- wärmen Sie sich.«

Zögernden Schrittes trat der Student näher. In scheuem Staunen musterten sich die beiden jungen Menschen, das Hirn von wirren Gedanken durchkreuzt ...

Frau Wehe hastete herein, rannte geschäftig zum Feuer, um frische Kohlen aufzuschütten.

»Nu sagen Se bloß, Herr Pilgram, was haben Se denn angefangen alle zwei? Wer looft denn bloß in so en' Wetter hemdärmlig 'rum und mit bloßem Koppe?! Und naß wie de Katzen seid 'r alle zwee! Da soll wer anders draus klug wer'n!«

»Das Fräulein ist spazierengegangen an der Pleiße, hat im Dunkeln den Weg verfehlt, ist ins Wasser gefallen, ich habe sie herausgezogen,« erklärte Pilgram hastig.

»Gott soll mich bewahr'n!« schrie Frau Wehe. »Nu aber mal schnell ins Bett mit dem Kind! -- Und Sie, Herr Pilgram, Sie gehen nebenan zum Herrn Thumser und nehm' sich Wäsche und Kleider, versteh'n Se mich?! Am besten wär's schon, Sie legten sich einfach da nebenan ins Bette! Herr Thumser wird schon nich beese sinn! Und dann koch' ich Euch Tee oder Grog, 'ne paar Wärmepullen unter de Decke, ich wer' schon machen!«

»Nein!« schrie da Asta Thöny. »Herr Thumser, nein -- das geht nicht -- der darf nichts davon wissen ... der auf keinen Fall!«

»Ach Quatsch!« rief die stämmige Wirtin. »Ihr holt Euch ja den Tod alle zwee, da gibt's nischt zu reden -- machen Se fort, Herr Pilgram, in's Bette mit Ihn' --!«

Mit angstvollen, flehenden Blicken hingen des Mädchens Augen an den erstarrten Zügen ihres Retters, seiner finster zusammengekrausten Stirn. -- Sie schwieg, sie wußte, daß sie nicht länger bitten durfte, wo es um seine Gesundheit ging, vielleicht um sein Leben ...

Heiser fragte da Valentin Pilgram:

»Thumser? Warum darf der nicht wissen --? Kennen Sie Thumser?«

Tief senkte das Mädchen den Kopf, stand regungslos, schauerte plötzlich in Frösten zusammen. Auch der Student schwieg. In wirrem Grübeln, in finstrem Forschen gingen seine dunklen Blicke zwischen dem zitternden Mädchen, der hilflos, verständnislos dreinglotzenden Frau hin und wider.

»Kennen Sie Hans Thumser, gnädiges Fräulein?« fragte er noch einmal, hart und befehlend. Ein Verdacht reckte sich dräuend in ihm auf. So phantastisch, so aberwitzig, daß der Verstand sich sträubte, ihn zu formulieren ...

Asta antwortete nicht. Sie sank immer tiefer in sich zusammen. Und plötzlich knickte sie in die Knie, ihre Arme fielen auf einen Stuhlsitz, das Köpfchen mit den triefenden, zerzausten Flechten glitt in die silbernen Falten des Pelzwerks, das sich um ihre Glieder schmiegte, und ein jähes Schluchzen durchrüttelte die hingeworfene Gestalt.

Valentin Pilgram begriff ... Das fehlte noch, das war das letzte ... Und die ganze, kochende sinnverwirrende Wut, die den Nachmittag über sein Inneres verwüstet, schlug in roter Lohe aus den Tiefen seines Wesens empor, stieg ihm in die Augen, in die Stirn, in die Fäuste. --

»Der Hund --! Ah, der Hund!« knirschte er. »Sorgen Sie mir gut für das Fräulein, Frau Wehe! Adieu!«

Er stürzte hinaus. Die Stubentür, die Korridortür krachten hinter ihm ins Schloß.

Asta Thöny war emporgefahren. Blitzschnell schloß sich die Gedankenkette: Also der da, ihr Retter, das war Valentin Pilgram -- er, den sie kannte aus Hansens Erzählungen, von dem sie wußte, wie er in jähem Zorn sich zur Sühne für eine Schmach gedrängt, die ihrer großen Kollegin widerfahren ... Und nun, nun stürmte er von hinnen, unvollkommen bekleidet wie er war, schäumend vor Wut, wie sie ihn mit einem letzten Blick gesehen. Und sein letztes Wort war eine gräßliche Drohung für Hans Thumser gewesen. Für ihn, von dem er nicht einmal in dieser Not trockene Kleider hatte annehmen wollen.

Das bedeutete Gefahr -- Todesgefahr für den geliebten, den treulosen Jungen --!

Todesgefahr --! Noch meinte sie den stählernen Druck des Armes zu fühlen, der sie aus dem kalten Flutengraus gerissen, der sie so sicher und brüderlich heimgeleitet.

Wehe dem, der diesem Arm verfiel.

Nein, nein ... das nicht, das nicht! Um diesen Preis gerettet zu sein, nein, das nicht ... o Gott, das nicht --!

»I herrjemerschnee, Fräulein Thöny, was hat er denn nur, der Herr Pilgram, was hat er nur?« stammelte Frau Wehe.

»Still, still!« winkte Asta ab. »Lassen Sie mich einen Augenblick.« Und hastig sann sie, wo Hans Thumser nur stecken könne in diesem Augenblick ...

Ach so -- Mittwoch -- offizielle Kneipe ... Ach, sie kannte den Wochenkalender des Korps in- und auswendig. Also im Cafébaum, auf der Frankenkneipe ... Und da ... da würde ja auch der Rächer ihn suchen ... nein -- das nicht ... o Gott, das nicht --

Und mit einem Ruck stülpte sie das Barett wieder auf, klappte den Kragen des Pelzjacketts in die Höhe, und triefend und schlotternd, wie sie war, rannte sie an der verblüfften Wirtin vorüber, flog die halbdunkle Stiege hinunter, stand auf der Sophienstraße ...

Drüben fluteten dichte Menschenströme, vom Glast der Laternen des Carolatheaters überstrahlt, vom Flockengestiebe silbern umflittert, in die dunkel gähnenden Pforten des Kassenflurs hinein.

Gott sei Dank, »Piccolomini« --! Asta war dienstfrei. In die erste Droschke, die drinnen ihre Fracht abgeladen hatte und aus der dunklen Ausfahrt herausrumpelte, sprang Asta hinein, rief im Einsteigen dem Kutscher zu:

»Kleine Fleischergasse, Cafébaum, so schnell das Pferd laufen kann -- einen Taler Trinkgeld sollen Sie haben, wenn's rasch geht!«

Der Wagenschlag klappte, der Kutscher schlug die Peitsche dem Gaul um die dampfenden Flanken, und durch die dunklen, schneeverwehten Straßen schwerfällig von dannen rollte das Gefährt.

13.

Auf der Sophienstraße geriet Valentin Pilgram in den Schwall der Theaterbesucher hinein, der zum Carolatheater drängte.

Ach so -- ha, ha! natürlich, da spielte man ja Komödie, heut' wie alle Abende!

Und Jucunda Buchner natürlich wieder der Stern des Abends, der Zielpunkt aller Blicke, die Sehnsucht aller Herzen! Ja gewiß: wie er sich durch die Menge schob, auf allen Lippen das leise, andächtig hingesprochene: Die Buchner ... die Buchner ...

Der lange Gesell, der im tollen Schneetreiben hemdärmelig und barhaupt sich durch die Menge zwängte, machte alles stutzen, alle Hälse sich wenden.

»Nanu, was hat denn der? Das is wohl ä Verrickter am Ende! Schutzmann! he, Schutzmann! Nähmen Se'n doch feste, den Langen da!«

Nein -- so ging's nicht weiter. Er erwischte eine Droschke, warf sich hinein, befahl Katharinenstraße zweiundzwanzig. Er konnte ja auch unmöglich so auf Korpskneipe erscheinen, sie hätten ihn da wohl auch für wahnsinnig gehalten -- hätten sein Rächeramt, seine heilige Mission, die beleidigte Ehre des grün-gold-roten Bandes wiederherzustellen, für einen Ausfluß des Aberwitzes genommen. Und dann: es schüttelte ihn. Fieberglut und Frostschauer tobten abwechselnd durch seine Reckenglieder.

Herrgott! Dieser alte Klepper wollte gar nicht vom Fleck.

Und doch -- es wurde geschafft. Er flog die Treppe hinauf, langte keuchend oben an. Als er den Schlüssel suchte, taumelte er -- das Fieber verwirrte sein Hirn. Kaum gelang es ihm, den Schlüssel einzustecken -- so leise er konnte, drehte er um, schlich sich auf Zehenspitzen durch den dunklen Flur, machte drinnen Licht -- erschrak, als er sein fahles Gesicht im Spiegel sah mit den stieren Augen, den rotfleckigen Wangen.

Einerlei -- nur fort, nur es zu Ende bringen!

Er riß die triefenden, dunstigen Kleider vom Leibe, die schweißnasse Wäsche, zog sich vom Kopf bis zu Füßen frisch an, schauerte zusammen in der Siedeglut, die ihn durchrann. Er fühlte sich plötzlich müde zum Sterben -- das aufgeschlagene Bett zog ihn magnetisch an. War's nicht das beste, da hineinzukriechen, die Decke über die Ohren zu ziehen und unterzusinken in bleiernes Vergessen ...?

Aber nein -- das ging ja nicht. Die Mission! die Mission ... Abrechnung mußte gehalten werden. -- Sauber mußte die Welt wieder werden ... Der Schandfleck mußte weg ... Und mit fliegenden Händen kleidete er sich an. Taumelte abermals, als er die Stiefel anziehen wollte, biß die Zähne zusammen, bezwang die todgleiche Erschlaffung.

Als er vor dem Spiegel die Halsbinde zu schlingen versuchte, versagten die Hände. Da knüpfte er nur die Enden in einen wüsten Knoten, stülpte statt des Hutes, der draußen an der Pleiße geblieben, eine schwarzseidene Mensurmütze auf, hing statt des Winterpaletots, den er ebenfalls im Schnee gelassen, einen dünnen Sommerhavelock um ... und nun fort -- fort ...

Er warf einen Blick auf die Uhr -- dreiviertel neun, gerade recht. Die offizielle Kneipe mußte eben begonnen haben, und bis zur Kleinen Fleischergasse waren's ja nur zwei Minuten.

Halt! Einen Stock brauchte man noch, man konnte nicht wissen ...

Nun, so mochte es schon das silbern beschlagene spanische Rohr sein, die Dedikation seines Leibburschen. Daß er kein Recht mehr hatte, dieses Stück zu führen, das mit dem Zirkel Franconias geschmückt war, was verschlug's in dieser Stunde --?! Es war eben doch ... ein Stock ...

Noch einer war an diesem Nachmittage bis tief in den endlosen Novemberabend hinein draußen im Schnee umhergeirrt: Hans Thumser.

Als er aus Jucundas Zimmer gestürzt, an dem verblüfften Erbprinzen vorüber, da war es auch ihm unmöglich gewesen, es auszuhalten zwischen den hastenden Menschen, den keuchenden, dampfenden Droschkengäulen, in den engen, finstern Straßen, unter den blinzelnden Laternen.

Er war ins Rosental geraten und stundenlang durch die schweigende Einsamkeit des schneeverwehten Parks geirrt.

Ha! ha! Also so lief die Karre! Freilich, freilich! Wenn Fürstengnade winkte, was galten da ein paar armselige Studentlein ...? Denen spielte man eine nette kleine Komödie vor: Hilflose, beleidigte, schutzbedürftige Unschuld dem einen, glühendes Verständnis, tiefinnige Seelenharmonie dem andern ... Und dann -- dann ließ man einfach im rechten Augenblick den Vorhang fallen, und ein neues Stück fing an.

Komödie -- Komödie -- jedes Wort, jeder Blick, nichts als Reminiszenzen aus abgespielten Stücken, nichts als der Nachhall erlogenen, erheuchelten Gefühls ... Komödie ... Komödie ... Komödie --!

War das nicht Strafe? War dieser Abfall, diese Blamage, die fressende Scham -- da drinnen -- war das alles nicht verdient?! Hatte nicht auch er selber leichtherzig den Vorhang fallen lassen über einem lieblichen Spiel voll erster Seligkeit, voll flammender Glut und reizender Tändelei, das die vergangenen Wochen seinem jungen Leben beschert hatten?

War er besser als jene Jucunda? Er, der danklos und roh die Gesellin so köstlicher Entzückungen beiseite geschoben, um diesem gleißenden Phantom nachzujagen, das heute vor seinen entsetzen Augen die Larve hatte fallen lassen?

Asta! Asta! Dich hatte ich. Du hast dich mir geschenkt ... und ich ließ dich los und rannte einem Irrwisch nach ...

Ja, Hans Thumser ging streng mit sich ins Gericht. Er kam sich so klein vor, so dummejungenhaft, so unwert alles dessen, was die vergangenen Wochen ihm in den Schoß geworfen. Eine jähe Sehnsucht kam über ihn, sich in Astas Arme zu flüchten, die Stirn an ihre Knie zu drücken und um Verzeihung zu betteln.

Und doch -- Knabentrotz und Knabenscham jagten ihn immer tiefer in die Schneewildnis hinein. Jetzt vor Asta hintreten und bitten: vergiß --?!

Sie würde sogleich begreifen, daß er -- nun, daß er eben ... abgefallen war bei Jucunda. Und würde sie dann nicht triumphieren, sich bedanken für das Vergnügen, ihn über seinen Abfall trösten zu sollen?

Nein -- das ging nicht. Das mußte man allein hinunterwürgen. Ha ha! Gab's nicht ein Mittel, die Qual dieser Beschämung, dieser fürchterlichen Blamage abzukürzen? Wozu war man denn Student -- Korpsstudent -- Fuchsmajor?! Und wozu heut abend offizielle Kneipe?

Ganz recht: besaufen werden wir uns! einen Eimer Bier in uns hineinpumpen, bis wir mitsamt der ganzen Corona der Füchse unterm Tisch liegen und den Himmel für 'nen Dudelsack ansehen. Hol' der Teufel die Weiber --!

Und morgen früh auf dem Fechtboden -- Filzmaske aufgesetzt, drauflos gedroschen, solange Arm und Schädel halten wollen --!

Kaum konnte Hans die Stunde der offiziellen Kneipe erwarten. Als er zum Cafébaum schlenderte, grinsten ihm von allen Anschlagsäulen die riesigen Lettern entgegen:

»Wallensteins Lager« »Die Piccolomini«

Pah! was für Hieroglyphen waren das eigentlich?! Was ging das alles ihn an? Pah, die Meininger! Pah! Schiller --!

Komödie ... Komödie!

Damit war man fertig, das mußte versunken sein und vergessen. -- Und was stand ganz unten am Rande des Zettels?

»Freitag: Wallensteins Tod« --?!

Ja, hatte man gestern nicht selbst probiert, sollte morgen früh wiederum probieren für die Komödie von übermorgen? Hatte man nicht im Eisenwams der Pappenheimer Kürassiere gesteckt und sich als Friedländischer Reitersknecht gefühlt, eine Stunde lang?

Lüge, alles Lüge ... äffisches Spiel mit längst verpulster Glut, längst verschütteter Leidenschaft -- Komödie das alles! Unwürdig des jungen sehnenden Menschentums, das man in allen Knochen fühlte, das leidend sich aufkrampfte gegen die Not der Stunde -- das nach wildem Rausch, nach taumelnder Betäubung sich sehnte, das sich selbst vergessen wollte und vergessen alles um sich her --!

Nein -- Hans Thumser wird niemals wieder Komödie spielen ...

Hans Thumser wird mehr nicht sein wollen, als er ist: ein ungarer, unfertiger Mensch, dessen verdammte Pflicht und Schuldigkeit das eine nur ist: zu lernen, zu arbeiten, sich zu stählen für die kommenden Kämpfe des wahren, des wachen Lebens. Morgen, morgen soll's beginnen -- heut aber: Bier her! Saufen bis zum Umsinken! Vergessen ... vergessen ... vergessen ...

Da war der »Cafébaum«. Da winkte vom Sims des ersten Stockwerks das dreifarbene Schild, schneeüberlagert. Und der steingemeißelte riesige Türke, der sich von dem feisten kleinen Putten die Mokkaschale kredenzen läßt, trug über seinem steinernen Turban einen doppelt so hohen aus Schnee ...

Nun die enge, muffige Stiege hinauf, nun die Klingel gezogen. Drinnen lärmten schon die Korpsbrüder, die sich zum gewohnten Zechgelage versammelten. Als der Korpsdiener öffnete, empfing den Ankömmling schon auf dem Korridor, wo rings die grünen Kneipjacken mit den rot und goldenen Schnüren an den Wänden hingen, lautes Hallo.

Volkner, der Senior, hatte geschwatzt: er war Hans Thumser begegnet, als dieser mit einem mächtigen, seidenpapierumhüllten Rosenstrauß in das Haus Katharinenstraße zweiundzwanzig hineingegangen war. Daß dieser Besuch nicht etwa dem früheren Korpsbruder Pilgram gegolten habe, das hatte der Blumenstrauß verraten. Wo also konnte Thumser gewesen sein als bei Jucunda Buchner? Halb mit Ulk und halb mit Neid empfing man den Glücklichen. Der Name Jucundas war ein bißchen verdächtig von dem Fall Pilgram her. Obwohl der weiland Senior sich bei den Besuchen der früheren Korpsbrüder hartnäckig über seine Beziehungen zu der Diva ausschwieg, hatten die Korpsbrüder doch allmählich herausbekommen, daß jenem sein ritterliches Eintreten für das gekränkte Mädchen wenig Dank eingetragen hatte ...

Sich mit Jucunda Buchner einzulassen, das hatte also beinahe schon einen Beigeschmack von Komik und drohendem Hereinfall ...

Und dennoch ... der Duft des Lorbeers, der eine ganze Stadt berauschte, zog wie lichter Weihrauchdunst auch durch die Hirne, welche die grünen Mützen bedeckten ...

Der Schwall der Neckereien, die sich über Hans Thumser ergossen, ging ihm heiß in das siedende Blut -- immer wilder schwoll die sinnlose Saufstimmung in ihm empor.

»Füchse, _ad loca_!« brüllte er und nahm am unteren Ende der Kneiptafel Platz, auf dem hochlehnigen Stuhl, der in Eichenschnitzerei die Märchengestalt eines aufrechtstehenden Fuchses zeigte, in Cerevis, Couleurband und Kanonenstiefeln, den Vorderlauf mit einem Schläger bewehrt. Und um ihren jungen Herrn und Meister zur Rechten und zur Linken scharte sich die Fuchscorona, sieben junge Bürschlein, darunter vier Krasse, die erst seit ein paar Wochen der Zucht ihres Schulmeisters entronnen waren, um der noch viel gestrengeren des Fuchsmajors zu verfallen -- und drei Brander, Wangen und Nasen schon mit den ersten Dokumenten bewährten Mensurschneids verziert.

»Füchse, ich komm Euch den ersten und den zweiten Halben!« rief Hans Thumser und schüttete das volle Glas hinunter, das der Korpsdiener vor ihn hingesetzt.

Gleichzeitig beschied auch der Senior Volkner alles, was der Fuchtel des Fuchsmajors bereits entwachsen war, an das obere Ende der Kneiptafel: die Korpsburschen, die Inaktiven der Kartell- und befreundeten Korps, die sich in Leipzig studienhalber aufhielten und beim Korps verkehrten, und einzelne Alte Herren aus der Stadt, die sich dann und wann zu den Zusammenkünften des Korps einfanden.

Und nun entwickelte sich das altvertraute Bild: von allen Wänden schauten die Wappenschilder, die gekreuzten Fahnen und Schläger, die Ehrenhumpen und silberbeschlagenen Trinkhörner, die zahllosen jahrzehntealten Gruppenbilder, Silhouetten, Porträte der einstigen Mitglieder des Bundes auf die zechende und lärmende Schar herunter.

Mit zeremoniellem Anstand erhob sich der Erste:

»_Silentium!_ Wir trinken zur Eröffnung einer fidelen, offiziellen Kneipe unser Glas in Gestalt eines Schoppens Salamander! _Ad exercitium salamandri_ -- eins, zwei, drei!«

In langen Güssen kollerte der erste Ganze in die zechbereiten Mägen, rasselnd wirbelte der Salamander und endete mit einem krachenden Aufklappen aller Gläser auf die massive Eichenplatte der Kneiptische.

»_Silentium!_« klang da wieder die Stimme des Präsidenten: »Wir singen als erstes offizielles Lied auf Seite 159: Brüder, zu den festlichen Gelagen ...«

In rauhem, taktfestem Unisono schwoll das Lied durch den niedern Raum, in dem das Brandopfer der Pfeifen und Zigarren sich mystisch über der Sängerschar emporkreiselte:

»Brüder, zu den festlichen Gelagen Hat ein guter Gott uns hier vereint, Allen Sorgen laßt uns jetzt entsagen, Trinken mit dem Freund, der's redlich meint. Da, wo Nektar glüht, Holde Lust erblüht, Wie den Blumen, wenn der Frühling scheint.«

Und Hans Thumser fühlte beglückt, wie die dumpflastende Beklemmung der einsamen Spätnachmittagstunden von ihm abfiel, und in grimmigem Behagen stürzte er sich hinein in den schäumenden Strudel des Gelages, spürte, wie alles, was ihn so im Tiefsten erschüttert, verschwamm, versank, verflog -- und nichts mehr war, als der tolle Rausch der Stunde.