Part 14
Wer mochte erwartet werden? Ein paar Kolleginnen oder Kollegen ... oder? -- Valentin wußte, daß der Erbprinz keine Vorstellung versäumte, in der Jucunda auftrat, er hatte bei jeder Premiere unter den Riesenschleifen der Lorbeerkränze die Farben von Nassau-Dillingen erkannt. Also zum mindesten war Seine Durchlaucht nicht mehr in der Ungnade ...
Merkwürdig: der gewohnte Arbeitsfriede wollte heute nicht kommen. Immer lauschte der Kandidat auf Stimmen da drüben, in der ingrimmigen, quälenden Hoffnung, sie möchten recht behalten, jene ekelhaften Vermutungen, die sich immer deutlicher in ihm emporreckten: der Erwartete möchte der Erbprinz sein ...
Und endlich schlug die Glocke im Hausflur an. Valentin Pilgram fuhr in die Höhe, schlich zur Tür und lauschte. Dabei überkam ihn brennende Scham: was war aus ihm geworden, daß er das Tun und Treiben anderer Menschen zu beschnüffeln und zu bespitzeln gelernt hatte? Das war doch früher nie gewesen ...
Und horch -- die Stimme eines jungen Mannes ... aber das näselnde, gequetschte Organ des Prinzen war's nicht, es war eine frische, klangvolle Stimme ... es war ... Hans Thumsers Stimme ... Ach -- also der!
Er hörte ganz genau, wie Mutter Kanzleirätin den Besuch zur Stube der Tochter führte, wie sie anklopfte, wie des Mädchens volltöniger Alt das Herein ertönen ließ, wie sie lebhaft und freudig den Besucher begrüßte, wie jener verbindlich und bewegt erwiderte.
Das Blut stieg dem Lauscher ins Hirn, in die Augen -- die Gedanken quirlten einander überstürzend empor und machten ihn schwindeln. Also er --! Wundervoll! wundervoll! Wie das alles sich zusammenfand, wie die vagen Vermutungen, die greulichen Phantasien der letzten Wochen sich nun zu festen, zweifelsbaren Schlüssen zusammenfügten! Nun freilich -- nun war's ja klar, wie der Frankenzirkel und Hans Thumsers Initialen auf jenen Bogen geraten waren, der Jucundas Absagebrief trug! Man hatte es verstanden, ihn beiseite zu schieben -- hatte seine schnelle Ritterschaft lächerlich zu machen gewußt, um seine eigenen Chancen zu verbessern! Freilich, daß man mit einer solchen Gemeinheit auf dem Gewissen den Mut nicht gefunden hatte, den Hintergangenen, den an die Wand Gedrückten in seiner Einsamkeit zu besuchen -- kein Wunder schließlich! Und auch heute hatte man den Weg zur Tür des einstigen Korpsbruders nicht gefunden, obwohl man unter einem Dache mit ihm war! Also so etwas gab's -- so viel Infamie barg sich hinter der zur Schau getragenen Besonderheit, der phantastischen Eigenart des Reimedrechslers! -- -- Na warte, Bursche!
Valentin Pilgram hatte kein Talent zum Lauscher an der Wand. Er schlich an seinen Schreibtisch zurück, vergrub den Kopf in den Händen und wühlte sich in das krause System des römischen Erbrechts hinein. Aber die Buchstaben hüpften vor seinen Augen, die Sätze verwirrten sich, führten sinnlose Tänze auf, und etwas Unwiderstehliches zog ihm immer wieder die geballten Fäuste von den Ohren ... Da drüben klapperten die Tassen, plätscherte munteres Gespräch ... kein Satz zu verstehen, höchstens einmal ein einzelnes Wort. Nun ein erregtes Lachen, nun Schritte durchs Zimmer, nun in raschem Wechsel Geplauder, ein Hinüber und Herüber von Scherz und Neckerei jetzt und nun von Rede, deren Sinn man nicht verstand, deren Klang aber deutlich genug von wachsender Vertraulichkeit, von innigem Austausch redete ... Ja freilich, der wußte besser, wie man mit Frauen, mit Künstlerinnen reden muß, um Eindruck zu machen!
Valentins Gedanken verwirrten sich. Es war ihm nun, als müsse Hans Thumser das alles mit diabolischem Raffinement ausgeheckt haben, was sich vollzogen hatte. Gewiß war er schon längst hinter Jucunda her -- war er's nicht gewesen, der die Idee mit dem Pferdeausspannen ausgeheckt -- und war er nicht an jenem Abend als des Erbprinzen Gast an seiner Seite im Theater gewesen? Gewiß hatte er auch in Erfahrung gebracht, mit welch geschmackloser Zudringlichkeit der Erbprinz und der Major sich bei Jucunda einführen wollten, und hatte schon damals sein Plänchen geschmiedet ... Alle Wut und Qual der letzten Wochen knäuelte sich zusammen zu einem einzigen, alles verdrängenden Gefühle der Empörung, des Ingrimms, der Rachelust ... ihn, diesen glatten Lächler, diesen geschmeidigen Buben, stellen ... züchtigen!
Aber nein -- das war nicht länger zu ertragen, dieser Zusammenklang der zwei Stimmen da drüben, der gehaßten und der ach ... in tausend Schmerzen geliebten! War er denn verdammt, all jenes Glückes Ohrenzeuge zu sein, das er für sich selbst nur in fernen Träumen zu ersehnen gewagt hatte? Und das dem Buben da drüben in den Schoß fiel. Nein, das nicht, das doch nicht! Fort, hinaus, in das Schneegetriebe da draußen, weg aus diesem dumpfen Zimmer, dessen Luft bis zum Ersticken angefüllt war mit vergangener und gegenwärtiger Gedankenqual!
Valentin Pilgram stand auf. Er warf seinen Winterpaletot um, stülpte den weichen, zerknüllten Filzhut auf den unfrisierten Kopf, nicht achtend, daß beide Kleidungsstücke seit Tagen nicht gebürstet, von dickem Staub umlagert waren. Er, der sonst so peinlich gestriegelte Korpsstudent, hatte seit Wochen sein Aeußeres schlimmer vernachlässigt als der armseligste Prolet unter den Kommilitonen ... Er griff nach dem wüsten Knotenstock, den er sich für fünfzig Pfennig in irgend einem Kram gekauft, seit er das silberbeschlagene spanische Rohr mit der Dedikation seines Leibburschen nicht mehr führen durfte ... und nun hinaus -- nur hinaus!
In der kurzen Stunde, seit der Jungschnee sich eingestellt, waren Bürgersteig und Straße mit fußhohen Schneemassen überschüttet. Mühsam bahnten sich die Fußgänger ihren Weg, trübselig stapften die Droschkengäule daher, wie schwarze Silhouetten schoben Menschen, Tiere, Gefährte einander vorüber, die ersten Laternen äugelten mit trübem Blinzeln durch den Flockennebel, der ohn' Unterlaß herniederwogte. Von weißen Kanten eingesäumt, reckten sich die finstern Fronten der alten Barockpaläste zu beiden Seiten der engen Straße. Jedes Geräusch war eingesogen von den weichen Polstern des Grundes, den stiebenden Flockenmassen, welche die Luft verhängten.
Der junge Gesell, der mit aufgeschlagenem Rockkragen, die Hände in den Manteltaschen vergraben, verloren und ziellos durch die Straßen pendelte, hielt es nicht aus inmitten des lautlosen Lebens, das sich schattenhaft an ihm vorbeidrängte. An der Thomaskirche vorüber, deren schwarzer Giebel sich droben in dem weißen Dunst verlor, pendelte er auf den Ring hinaus, wo die Zweige der Baumreihen, des Gebüschs unter der Wucht ihrer weißen Last sich bogen und knackten. Zur Linken stieg das finster dräuende Massiv der Pleißenburg in die silbernen Schwaden, das Rund des Turmes hob sich als riesiger Schattenriß von den Lichtfluten um den Roßplatz und Königsplatz ab. Und nun der winterstille, menschenleere Johannispark! Hier ließ sich aufatmen, hier wurde die Brust freier. Hier klärte sich das Gedankenchaos ...
Ja, es mußte gehandelt werden. Die ganze Fülle der verhängnisvollen Ereignisse, die Valentin Pilgram aus seines Lebens sicher vorgezeichneter Bahn so jählings hinausgeschleudert in ein uferloses Nichts, das alles drängte zu einer entladenden, entlastenden Tat. Und diesmal würde seinem Vorsatz Erfüllung werden -- diesmal würde er nicht wie Don Quichotte gegen die Windmühlenflügel anrennen, um alsbald entsattelt an der Erde zu zappeln, ein Spott der Welt ... Diesmal würde er den waffengeübten Arm zum sicher treffenden Schlag zu brauchen wissen, mitten in des Feindes Fratze!
Des Feindes! -- es gab ja nur den einen! In ihm schien dies aberwitzige Schicksal der letzten Wochen Gestalt angenommen zu haben -- in jenem jungen Burschen, der sich jetzt gewiß von Jucundas Lippen den Dank holte für eine ganze Kette von Niederträchtigkeiten und Bübereien. Ihn züchtigen -- ja das war's! Das forderte die Stunde!
Und dann? Was kam dann?! Dann würde man sich gegenüberstehen, Aug' in Auge, den Lauf der Waffe auf des Feindes Herz gerichtet ... das war dann das Gottesgericht ... Dann würde sich's zeigen, wer von ihnen beiden weichen müsse von dieser Welt, die nicht Raum mehr hatte für sie beide ...
Und ... dann?!
Hans Thumser sollte fallen. Er wollte es. All die eiserne Willenskraft, die bis zu dieser Stunde sein junges Leben vorwärts getrieben, er würde sie in das kleine Stückchen Blei hineinlegen, das des Feindes Herz finden sollte. Das war dann die Sühne, das war die Wiederherstellung der heiligen Weltordnung, welche von den Gesetzen der Ehre regiert wird, der Ehre, deren Ritter er gewesen war, und die jener andere mit Füßen getreten hatte ... jener andere, der heut noch das dreifarbene Band um die Brust trug, das er, der Getreue, eingebüßt hatte dank jenem sinnlosen Schicksal, dem er unterlegen war bis heut. Aber dies stumpfsinnige, brutale Schicksal, es sollte nicht Meister bleiben in der Welt, solange er noch Kraft hatte, den Hahn einer Pistole abzudrücken ...
Und dann?! Er wußte den Gesetzesparagraphen zu nennen, dem er dann verfallen war; die Höhe der Strafe, welche seiner wartete. Das war ja wiederum der groteske Unsinn dieser Zeit, daß die Gesetze des Staates das Recht der Selbsthilfe dem Manne versagten, der am Heiligsten seines Lebens gekränkt war: an seiner Ehre ... Dieselben Gesetze, die den Beleidiger der Ehre mit Strafen von kindischer Winzigkeit bedrohten ...
Immerhin -- lieber zwei Jahre lang als Gefangener auf dem Königstein, lieber das, was liberale Zeitungsschmierer einen Duellmord nannten, lieber das alles, als dieses zermürbende Gefühl der Ohnmacht, der Wehrlosigkeit gegen menschliche Infamie und den Aberwitz des Fatums!
Schon war des einsamen Wanderers Hutkrempe von einem dichten Schneekranz umlagert. Nasse Schauer sprühten ihm um die glühenden Wangen, eisige Tropfen rieselten ihm über Hals und Nacken. Er achtete es nicht. Den Kopf tief in den Schultern vergraben, stolperte er fürbaß. Schon lag der Park hinter ihm, mechanisch verfolgte er den nächsten Pfad, der hart am Saume des rechten Pleißeufers zwischen den reckenhaften Schäften der hochstämmigen Eichen und dem dürren Gestrüpp der Erlen entlang führte. Als sein Blick zufällig die gelben Fluten der gurgelnden Pleiße streifte, stieg mitten in sein finsteres Brüten hinein ein lachendes Bild heiterer Jugendlust:
Die S. C.-Kahnfahrt nach Connewitz, welche die Leipziger Korps in jedem Sommersemester gemeinsam unternommen hatten ...
Wann war doch das gewesen? Vor einer Ewigkeit ... in einem andern, versunkenen Leben ... Damals hatte die Welt in tausend Farben geleuchtet, hatten bunte Mützen und grellfarbige Bänder geblinkt, heiter abgehoben vom dunklen Grün der Ufersäume, vom Blau des klaren Himmels, das sich in den freundlichen Wellen des Flusses spiegelte ... Flüchtig, wie es herangeweht, zerstob das Bild, und wieder war nichts als der schneestarrende Wald und drunten die blaugraue Flut und ringsum Dämmerung und lastende Einsamkeit. Nur drüben, am jenseitigen Ufer, wohl zwanzig Schritte vor Pilgram, ging noch ein anderer einsamer Mensch, ein schwarzer, formloser Schatten, vorüberhuschend vor dem silbernen Reif, der den ganzen Wald, der alle Welt überflitterte.
Und wieder tauchte Valentin Pilgram tief in den schaurigen Abgrund seiner Grübeleien.
Wie, wenn es nun anders kam? Wenn das Gottesgericht gegen ihn entschied? Nun dann war eben alles aus -- und er brauchte doch wenigstens nicht mehr zu leben auf einer Welt ohne Sinn ...
Aber -- die daheim --?! Die Eltern, deren Stolz er war, er wußte das ... Der eifrige Vater, der in rastloser Arbeit zu einer der obersten Stellungen in der Königlich sächsischen Rechtspflege emporgestiegen war und in den zwanzig Jahren rüstiger Arbeit, die noch vor ihm liegen sollten, noch höher zu steigen hoffte? Er, in seiner starren Rechtlichkeit, seiner tadellosen Korrektheit der Art des Sohnes so innig verwandt? Nie hatten Vater und Sohn voreinander Worte zu machen gebraucht von dem, was sie beide längst wußten: daß sie Menschen einer Rasse, eines Wesens waren, würdige Glieder einer uralten Familie hochangesehener Gelehrten, Geistlichen, Beamten, die stets eine Zierde der Stadt, des Staates gewesen waren ... und die gute Mutter, ein Mensch, so recht zur Ergänzung dieses Schlages geschaffen, ohne starke Persönlichkeit, voll tiefsten Respekts gegenüber dem Gatten und dem Sohne, denen sie sich allzeit als freudige und nützliche Dienerin untergeordnet hatte, entsprechend den Traditionen der ehrbaren Geschlechter, aus denen auch sie entsprossen war, und die allzeit aufrechte Säulen der Ordnung und Tüchtigkeit gewesen waren. Die Schwestern, von der Mutter nach ihrem Vorbilde erzogen zu braven Gattinnen für diese ehrenfeste Art Männer, wie das Vaterland sie immer gebraucht hatte und, will's Gott, immer brauchen würde ... und nun -- ein Sohn im Duell gefallen ... in einem Duell, in dem eine Rolle, eine wenn auch noch so entfernte Rolle immerhin ... eine Schauspielerin ... gespielt hatte? War das nicht wider den Stil der Familie? wider alle Gewohnheit ihrer Daseinsführung?
Nein, das war es nicht. Untadelig war, was immer er getan, seit Jucunda Buchners Bild emporgetaucht war in seinem jungen Leben, das nichts als Ehre gewesen war. Untadelig ... Und so würde er's vor jenem ernsten Gange für die Lieben daheim aufzeichnen, würde für jeden seiner Schritte die Motive, die Handlungen angeben, die Zeugen benennen. Und so würden die Seinen des Gefallenen mit tiefer und reiner Trauer ohne Groll und ohne Scham gedenken können, ja mit Stolz als eines Menschen, der auch diesem absurden Spiel dämonischer Mächte gegenüber geblieben, was er stets gewesen: ein Mensch ihrer Art ...
In diesem Augenblick trieb ein Windstoß dem einsamen Wanderer einen heftigeren Guß prickelnden Schnees ins Gesicht und scheuchte ihn aus seiner Versunkenheit auf. Es war fast völlig finster geworden, und Valentin Pilgram entschloß sich zur Stadt zurückzukehren. Seine Entschlüsse waren gefaßt, klar vor ihm lag der Weg, den seine Pflicht ihn gehen hieß. Zu was noch länger ziellos durch die Einsamkeit streifen? Daheim waren die Bücher ... und in wenig Tagen würde das Examen beginnen ... und Ruhe würde ja nun auch geworden sein daheim. Heut abend waren wieder die »Piccolomini« -- Jucunda würde schon im Theater sein ...
Schon war Valentin Pilgram im Begriff kehrtzumachen, da fiel sein Blick zum jenseitigen Ufer, und er sah im letzten Dämmerschein etwas Unbegreifliches:
Kaum noch in matten Umrissen erkennbar, lag drüben die Sommerwirtschaft »Zum Wassergott«. Dort hatte er nach manchem Spaziergange mit Korpsbrüdern die Hitze des Marsches an einer Gose gekühlt und dem munteren Treiben der sonntäglichen Kähne auf dem Flusse zugeschaut. Und seitlich, an der Treppe, wo die Fähre anzulegen pflegte, stand ein Mensch, eine Frau. Auch sie nur ein grauer Schatten vor dem Dunkel, das unter der Galerie lastete. Und dieser Mensch tat nun etwas ganz Sonderbares: dieses Weib legte seine Kopfbedeckung ab -- es schien eine Pelzmütze zu sein -- und zog das Jackett aus, schob beides zusammengefaltet nach hinten in das Dunkel und stieg nun die Treppe hinunter bis dicht ans Wasser. Und nun -- -- in jähem Schrei entlud sich Valentins Entsetzen!
Schon in der nächsten Sekunde aber reagierte ganz automatisch sein Instinkt auf das grauenhafte Schauspiel, das sich bot. Mit einem Ruck riß er die Knöpfe seines Paletots und seines Rockes auf, schleuderte beide Kleidungsstücke mit einer jähen Bewegung in den Schnee und war mit einem Satz am Ufersaum, mit einem zweiten schoß er in die gelbe Flut hinaus. -- Die markerschütternde Kälte des Wassers lähmte eine Sekunde lang seine Glieder wie sein Hirn, im nächsten Augenblick aber durchschoß ihn ein siedender Feuerstrom. Jeder Nerv, jeder Muskel spannte sich an wider das eisige Grauen -- Arme und Beine strafften sich, mit heftigen, ruckartigen Stößen setzte er sich zur Wehr gegen die zähe Umklammerung des kalten Elements, in dem er trieb. Er schwamm, er wußte sein Ziel. Ueber der fernen Stadt lag ein roter Schwaden, dessen Widerschein sich in den träge hingleitenden Fluten spiegelte. In diesem matten Perlmutterglast glitt eine dunkle Masse, auf die schwamm er zu. Wenig Stöße, dann war's getan. Er griff in ein nasses Bündel Kleider hinein, fühlte warme Menschenglieder, umspannte eine schlanke Gestalt. Kaum spürte der wehrlose Körper die fremde Berührung, da zuckte er in aufbäumendem Entsetzen zusammen, krümmte sich, warf sich hin und her in den Eisstrudeln, welche die hintreibenden Leiber umquirlten. Doch nicht umsonst hatte der Student seine Muskeln in der harten Zucht des Fechtbodens gestählt und ihre Kraft in mehr denn zwanzig Waffengängen erprobt. Mit eisernem Griff umschlang er das zarte Figürchen, rang die strampelnden Arme nieder und lenkte mit heftigen Beinstößen dem nahen Ufer zu. Die nassen Kleider legten sich wie stählerne Klammern um seine Beine, der Druck der Schuhe machte die Füße schwer und hilflos, doch mit wildem Ungestüm zwang der Wille jedes Hemmnis nieder, den Frost, den Verzweiflungskampf der zuckenden Glieder, die er mit seinen Armen umschloß. Nach wenigen Sekunden fühlten die Füße Grund, Schlammgrund, doch er hielt. Nun packten beide Arme mit unwiderstehlichem Griff das leichte Körperchen um Hüften und Knie -- noch ein kurzes, heftiges Ringen, dann griff die Linke einen tiefniederhängenden Weidenast, die Rechte schleifte die zappelnde Last durch die gurgelnden Wellen. Nun spannten beide Arme noch einmal sich an und hoben mit hartem Ruck den gefangenen Leib in die knackenden Büsche der Uferböschung hinein. Nun klang ein wimmerndes Stöhnen, nun keuchten klagende Laute wie eines kranken Kindes Stimme:
»Lassen Sie mich doch ... o bitte ... bitte, lassen Sie mich doch los!«
»Ne -- gibt's nich!« keuchte der Student. Mit letzter versagender Kraft würgte er sich selber durch die schneeüberstäubten Zweige des Ufergestrüpps hindurch, zog den Körper der Geretteten vollends hinauf und ließ ihn in den lockeren Schnee gleiten, weil die ausgepumpten Muskeln nichts mehr hergaben. Schwarze Finsternis ringsum -- nichts hörte Valentin, als das raschelnde Keuchen der eigenen Lungen, das ratternde Hämmern des eigenen Herzschlages und dazu aus der geheimnisvollen Dunkelheit zu seinen Füßen das wimmernde Schluchzen einer Mädchenstimme -- immer nur dies wimmernde Schluchzen, dies hilflose Greinen.
»Lassen Sie mich doch los ... o bitte, bitte ... lassen Sie mich doch!«
»Ne,« keuchte Valentin Pilgram, »das können Sie nun wirklich nich ... von mir ... verlangen, Verehrteste ... ich hab' mich dermaßen für Sie ... abgeschunden ... jetzt lass' ich Sie nich wieder ... in die nasse Sauce da!«
Mit der Ueberwindung der Gefahr war ein grimmiger Humor über ihn gekommen. Er richtete sich auf, reckte die stählernen Glieder, schlug ein paar mal die Arme über der Brust mit kräftigem Ruck zusammen, um sich gegen die Frostschauer zu wehren, die sich in seine Haut einfraßen. Dann bückte er sich zu der Geretteten, bekam das schlanke Figürchen um die Taille zu fassen und setzte es mit einem energischen Hub auf die Beine.
»So, nun bleiben Sie gefälligst stehen ... aber nein, kommen Sie mit mir, wir rennen zum »Wassergott« zurück ... das macht warm ... Sie haben ja da meines Wissens Ihre Oberkleider gelassen, die holen wir ...«
Dabei versuchte er die Dunkelheit zu durchdringen, um etwas von den Zügen der Gesellin dieser seltsamen Begebenheit zu erkennen. Umsonst -- nur etwas Nasses, Zitterndes hielt er in seinen Armen, dessen Wärme langsam die eisige Nässe der Hüllen durchdrang, die um ihre Glieder schlotterten. Die zarte Gestalt wollte wieder in die Knie sinken, aber er raffte sie empor, zog sie herzhaft an seine Seite und zwang sie, in raschem Schritt durch den lockeren Schnee mit ihm den Fußpfad pleißeaufwärts zu verfolgen.
Dabei redete er ohn' Unterlaß auf das junge Menschenkind ein, das wankend und noch immer leise wimmernd an seiner Seite schritt.
»Nun sagen Sie bloß, meine Gnädigste, wie sind Sie auf die verrückte Idee gekommen, bei so schauderhaftem Wetter Schwimmversuche in der Pleiße zu machen? -- Dabei können Sie sich ja einen Schnupfen holen, den Sie in diesem Leben nicht mehr los werden. Denken Sie bloß, wenn ich nicht zufällig des Weges gekommen wäre ... Und noch dazu in Kleidern, das bringt ja nicht einmal ein Mann fertig, geschweige denn so ein kleines zartes Mädel wie Sie. -- Oder sind Sie gar eine junge Frau? Dann sagen Sie's mir, damit ich Sie richtig anrede ... kommen Sie, wir müssen schneller laufen ... damit wir warm werden, Sie zittern ja gottserbärmlich. Schade, daß der »Wassergott« zugemacht hat, ich wäre kolossal für einen Grog oder auch deren mehrere, Sie nicht auch?«
So schwatzte er drauf los, allerhand banales Zeug, was ihm gerade in den Kopf kam, und nahm mit Befriedigung wahr, daß das Wimmern schwächer und schwächer ward und schließlich ganz verstummte.
Und dann kam eine wilde Lust an dem unerwarteten Abenteuer über ihn, das in seine verzweifelte Stimmung hineingeplatzt war wie ein Weckruf zu neuem Leben ... Und immer brennender wurde in ihm die Neugierde, die Züge der Unbekannten zu sehen, in deren Schicksal er hatte eingreifen dürfen wie vom Himmel gefallen.
Als die beiden einen Augenblick verpusteten, griff er in seine Hosentasche und zog die Zündholzschachtel hervor, sie war ganz trocken. Die wenigen Sekunden, die er in dem nassen Element zugebracht, hatten nicht genügt, um seine Kleidung gänzlich zu durchfeuchten. Da ließ er ein Hölzchen aufflammen und sah mit jähem Entzücken, welchen holdseligen Fang er gemacht. Dabei weckte ihm das triefende, glühende Gesicht, von langen dunklen Haarsträhnen überhangen, unbestimmte Erinnerungen ...
Aber eine Scheu verbot ihm zu fragen ...
Und das Flämmchen verlosch, das angstvolle Gesicht, die hilflos blickenden Augen versanken wieder in der Finsternis. Nein, jetzt nicht fragen -- wie wund mußte diese arme flüchtige Seele sein ...
Da war der »Wassergott«. Valentin stapfte in die schneeverwehte Galerie hinein, aber die Gerettete ließ er dabei nicht los.
»Ne, ne, kommen Sie ruhig mit, Gnädigste, ich habe Angst, Sie möchten zu viel Geschmack an Ihren Schwimmkünsten gefunden haben ... und ob ich Sie zum zweiten Male da herausbrächte? Ich weiß wirklich nicht.«
In der Finsternis fand er die weichen, duftigen Pelzhüllen, ahnte voll Respekt, daß es sich um Kostbarkeiten handeln müsse, und hüllte seine Gefangene sorglich hinein. Sie wehrte sich nicht ...
Und nun der Heimweg. Durch das schneebepuderte Gitterwerk des dürren Waldes am jenseitigen Ufer leuchtete der Widerschein der fernen Stadt, der einen gelblichen Lichtbogen wie eine matte Aureole in die niederwallenden Schneenebel hineinzeichnete. Perlmutterfarben widerleuchtete sein Schein auf den friedlich meerwärts gleitenden Pleißefluten.
Das junge Blut, vom raschen Gang, von der fiebernden Erregung der Herzen aufgepeitscht, besiegte mählich die Frostschauer, die von den nassen Kleidern her die Glieder überrieselten. Und mit einem geheimnisvollen Gefühl brüderlichen Stolzes hielt der Student das zarte Figürchen umschlungen, preßte es an sich, wie um ihm abzugeben von der Siedeglut, die ihn durchpulste.
Noch immer schwieg sie, und wie ein Wasserfall redete Valentin auf sie ein: