Komödiantinnen: Roman

Part 13

Chapter 133,739 wordsPublic domain

»Es wird so sein,« sagte Jucunda. Ihre Stimme war weich, ihre blauen Augen hingen an den braunen des Knaben. Soviel lebendige Dichter hatte sie nun schon gesehen in ihrem Leben: was waren das alles für reservierte, verbrauchte, zermürbte, grauköpfige Herren gewesen -- wie hatten sie gezittert hinter den Kulissen, wenn ihre Stücke vom Stapel gingen, da draußen -- wie hatten sie ängstlich auf den Applaus gelauert, wenn der Vorhang sank, wie hilflos sich hinausziehen lassen ins blendende Rampenlicht, um sich linkisch und schweratmend nach dem schwarz gähnenden Zuschauerraum hin zu verneigen, wo das Publikum über das Schicksal ihrer Schöpfungen entschied! -- Dieser hier war noch ganz Poet, er wußte noch nichts von all dem Gräßlichen, das auf ihn wartete hinter den grauen Schleiern, die seine Zukunft verhüllten, ihn trennten von diesem schauderhaften Leben des angstvollen Ringens um Erfolg, um Gold und Lorbeer, in das sie selbst, die Achtzehnjährige, schon so tiefe Blicke hineingetan. In ihm sprudelten noch ganz ungetrübt die heiligen Quellen der Phantasie, darinnen Sonn' und alle Sterne sich spiegelten ...

Einen Augenblick war's ganz still im Zimmer -- der Tee wurde kalt in den Tassen, und sein Duft mengte sich mit dem Rosenhauch, mit den blauen Wölkchen der Zigaretten, die durch die Stube kräuselten. Von der Straße her fiel der erste Laternenschein in die umdunkelte Stube und ließ die goldigen Schriften der Kranzschleifen matt aufglimmern. -- Mit langsamen Bewegungen stand Jucunda auf, um Licht zu machen.

»Nicht doch,« wehrte Hans -- »nicht Licht machen ... es ist so schön so.«

»Aber anders ist es besser!« sagte Jucunda mit leisem Lächeln und entzündete die Lampe. Und wieder ließ sie sich in das Sofa fallen und neigte den flechtenbeschwerten Kopf auf die Lehne zurück.

Wie seltsam das doch war --! Sie kannte so viel Männer von Geist und Rang ... wie kam's, daß ihr heut zumut war wie nie zuvor --? War's die Kraft, die ungebrochene, die ihrer selbst noch unbewußte, die sie ahnte in den Tiefen dieser empor sich ringenden Seele? War's die edlere Rasse, die sie witterte, sie, das Kind einer enggebundenen Welt, einer Welt ohne Schwung und Größe? Sie war Künstlerin genug, dies alles zu ahnen, was in dem jungen Menschen da vor ihr wirkte und wallte ...

Und Hans fragte sich immer wieder im stillen, ob das denn wahr, ob das denn möglich sei ... ob das Leben wirklich so schön sein könne, so maßlos reiche Gaben spende ...

Still war's. Von der Katharinenstraße heraus klapperten behäbig trottende Pferdehufe, der Schritt der Fußgänger, die von ihrer Arbeit heimwärts steuerten.

»Wie gut,« sagte Jucunda, »daß ich heut abend mal ausnahmsweise nicht spiele, so gehört uns diese Stunde wenigstens ganz!«

»Und wehe dem, der kommen wollte sie uns zu stören -- Sie wissen das alles ja gar nicht -- Sie wissen nicht, was das alles mir bedeutet, was Sie mir bedeuten -- ich weiß es selber erst seit wenig Augenblicken. Ich denke zurück an zwei Abende meiner Jugend, die der Wendepunkt waren, ich fühle es nun. Ihr spieltet daheim, in dem alten engen Stadttheater an der Rathausbrücke -- Sie waren eben entdeckt worden, ein märchenhaft aufleuchtender Stern -- und ich, ein sehnsüchtiger Primaner droben auf dem zweiten Rang im »Wallenstein« -- Sie drunten als Thekla mit der Laute in den rotsamtnen Vorhang geschmiegt, weißleuchtend abgehoben von dem riesigen Glasfenster, durch das die sternlose Nacht hineingähnte. Sie sangen Ihr Lied, Sie wissen's ja -- Sie singen's übermorgen wieder -- Und wissen Sie, wie ich Sie empfand? Sie waren die leuchtende Seele des gigantischen Gedichts, Sie waren die Schönheit, die versinken muß unterm erbarmungslosen Schritte des Schicksals -- Sie waren die Tugend, die zermalmt wird von den geifernden Kinnbacken des Verbrechens, Sie waren ... das Ideal, das waren Sie ... ach! und Sie sind's mir geblieben. Jetzt fühl' ich's, daß Sie immer mit mir gegangen sind in den zwei Jahren -- und nun, ist's möglich! Nun sitze ich Ihnen gegenüber, könnte Ihre Hand erreichen, wenn ich's wagte, darf in Ihre Augen sehen und fühlen: das Geschick meines Lebens ist über meinem Haupt.«

Seine Stimme zitterte -- die braunen Augen leuchteten, der Atem flog.

»Und dennoch --« sagte Jucunda langsam, großäugig -- »und dennoch haben Sie Asta Thöny geküßt.«

»Ja, Jucunda, ich habe Asta Thöny geküßt. -- -- Wie soll ich Ihnen das erklären -- sie war die erste, die kam, damit ist alles gesagt. Sie hat mich genommen, weil alles in mir nach der Erfüllung lechzte, die nur Jucunda heißen durfte. Ach! so ist's wohl stets im Leben, daß man sich bescheiden muß und dankbar sein, wenn man Kupfer bekommt für Gold. Das andere, das ganz große Glück, das gibt's ja nicht, das darf's ja gar nicht geben -- denn gäb' es das, wir wären Götter und nicht Menschen ... und Götterschicksal erträgt sie ja wohl nicht, diese arme, irdische Seele, dieser schwache, tönerne Leib. -- Und doch, ich fühl's: daß ich das habe tun können, daß ich, Ihr Bild im Herzen, die andere umarmt habe, das hat mich Ihrer unwert gemacht und unwert auch all dessen, was ich mir an eigenem Wert und Werden erträumt habe. Ja, Jucunda, ich habe Asta Thöny geküßt -- und nun muß ich ja wohl auch gehen, nicht wahr?«

Er war aufgestanden, gesenkten Auges stand er neben ihr. Da griff sie nach seiner Hand:

»Du lieber, süßer, dummer Junge, Du ... Hans Thumser, kleiner dummer Bub, komm, sei vernünftig, setz' Dich mal her zu mir aufs Sofa. Ja, es ist schade, lieber Freund, daß Sie so zu mir kommen -- aus den Armen der andern. Aber vielleicht bin ich selber dran schuld ... warum habe ich Sie nicht erkannt beim erstenmal, da wir uns sahen? Ich, ich bin in Ihrer Schuld, ich war in Wirklichkeit die Dumme ... die Blinde ... Doch was tut's, das alles? Ich will, daß es nicht gewesen sein soll -- und es ist fort -- ich wisch' es aus, ich streiche den Namen Asta Thöny von der Tafel Deines Lebens ... Und nun ist nichts mehr da als ich, nicht, mein Hans?!«

»O nichts, nichts als Du --!« stammelte er und sank neben dem Sofa in die Knie. Seine glühende Stirn sank in ihren Schoß, ihre weißen Hände glitten über seine braunen Locken. -- Da richtete er sich auf, irren Auges, die Wangen feucht, und sah sie an, so ganz Inbrunst, Ergebung und Verlangen, daß es sie niederzog zu ihm. Sie umschlang seinen Nacken, ihre Lippen hingen über den seinen.

In diesem Augenblick wurde heftig an die Tür geklopft. Die beiden jungen Menschen fuhren empor -- das war nicht wahr, das durfte nicht sein ... aus solchem Traume gibt's kein Erwachen, eh er zu Ende geträumt ist. Und doch -- es klopfte abermals.

»Jucunda, darf' ich 'rein kommen?« klang Frau Buchners fette Stimme.

Die beiden Kinder richteten sich auf. Die mühevoll eindressierte Haltung, sie versagte nicht in diesem trauervollsten Augenblick. Im Nu saß Hans Thumser auf seinem Stuhl, ganz Korpsstudent, ganz korrekter junger Gentleman -- und sie, ihm gegenüber, auf dem Sofa, ganz Dame, ganz Komödiantin:

»Bitte, Mama ...«

Frau Buchner trat ein, mit einem Lächeln des Triumphs auf den Lippen. Ein wenig stutzig sah sie von einem zum andern, doch ihr prüfender Mutterblick fand keine Spur, die Besorgnis erregt hätte.

»Nu, Jucunda, was sagste nu?« Mit spitzen Fingern hielt sie eine Visitenkarte in den Bereich der Lampe, eine vielzackige Krone darauf und darunter die Worte:

Heribert Hans Herwig, Erbprinz von Nassau-Dillingen

»Was?« rief Jucunda, »er ist draußen?«

»Ei, herrjemerschnee! Ne so was -- ne so was ... Natierlich ist er draußen -- in höchsteigener Person! Soll ich 'n 'rinlassen?«

Mit einem Blick hatte auch Hans Thumser die Schrift auf der Karte entziffert, der zweite flog mit schreckhafter Spannung zu Jucunda hinüber.

Und -- sie? Das Gesicht, das ihm eben geleuchtet hatte wie der Genius seines Lebens selbst, es hatte den Ausdruck völlig gewandelt: ein dünnes Lächeln befriedigter Eitelkeit spielte um die schmalen, herrischen Lippen, die Augen flackerten einen Augenblick in unstetem Sinnen, die Stirn hatte sich gekraust. Aber schon war der kurze Kampf zu Ende:

»Selbstverständlich, Mama. Sie haben ja wohl nichts dagegen, Herr Thumser, wie? Der Herr ist ja doch ein Korpsbruder von Ihnen.«

Mit einem Ruck war Hans Thumser emporgeschnellt:

»Dann verzeihen Sie wohl, wenn ich mich empfehle, mein gnädigstes Fräulein -- ich wünsche nicht zu stören.«

»Aber ich bitte Sie, was heißt stören? Wir könnten ja so nett zu dreien ...«

Starr und förmlich verneigte sich der Student:

»Adieu, meine Damen.«

Er griff nach seiner grünen Mütze, die auf einem Stuhl an der Tür lag, dem spanischen Rohr mit Silberbeschlag, das daneben lehnte, und schritt hinaus.

Im engen Korridor stand der Erbprinz, in Ueberrock und spiegelnden Lackschuhen, den Zylinder in der Hand, die Scherbe im Auge. Sein Gesicht wies den Ausdruck blöder Verblüffung. Mit einer kurzen Verneigung stürmte Hans Thumser an ihm vorüber und ließ die Korridortür ins Schloß fallen.

12.

Vor ihrem Bett war Asta Thöny in die Knie gesunken und hatte geweint, wie nie zuvor in ihrem Leben -- und doch, wieviel Tränen waren schon über ihre vergangenen Tage geflossen ... Wie teuer hatte sie die flüchtigen Augenblicke des Glücks erkaufen müssen, zwischen denen nichts gewesen war als Kampf -- Kampf mit zusammengebissenen Zähnen -- Hunger und Verzicht -- Abschied und Sehnsucht ... Und nun war's wieder einmal tief, tief dunkel geworden um sie her ...

Sie sprang in die Höhe. Die eingeschlossene Luft in dem engen Stübchen preßte ihr die Brust zusammen -- sie riß das Fenster auf: da draußen auf der Sophienstraße noch immer das Flockentreiben und all die Fenstersimse der schwarzen Häuserzeilen schon weiß überlagert, die Straßen drunten wie versunken unter der weißen Last -- die aufgespannten Regenschirme bestäubt, die Hutkrempen, die Mäntel schneebepudert. Da hinein, in dies wehmütig tolle Treiben hatte sie mit dem Liebsten schwärmen wollen -- da hinein zog's sie nun, die glühenden Augen zu kühlen, die schneidende Luft in tiefen Atemzügen in die schmerzende Brust zu saugen.

Einen kurzen Blick warf sie in den Spiegel und sah ihre Lider, ihr ganzes Gesicht fieberisch gerötet. Sie suchte den dichtesten Schleier, den sie hatte, und knüpfte ihn fest ums Gesicht. Dabei fiel ihr Auge auf die schönen neuen pelzgefütterten Glacéhandschuhe. Sie waren ganz verdorben vom Strom ihrer Tränen ... ach, wie gleichgültig das war.

Nun war sie drunten auf der Straße -- wie dunkel es schon war um diese frühe Nachmittagsstunde -- wie sie emporblickte, lag's über den Dächern wie eine graue Decke, aus der es unablässig niederrieselte. Im Nu trug auch sie die Livree des Winters.

Den wirbelnden Flockenschauern entgegen stapfte sie gen Westen, kreuzte die Zeitzer Straße und überschritt auf schmalem Brückchen den Mühlgraben ... In den Wald hinaus, nur fort von den Menschen, fort aus der Stadt -- in die Einsamkeit, dahin, wo sie hatte einsam sein wollen mit ihm. Nun dehnte sich zur Rechten die endlose Schneefläche der Rennbahn, und vor ihr stand der Wald, ein schwarzer Saum, weiß überzackt. Unter der Schleußiger Brücke gurgelten gelb und angeschwollen die trägen Pleißefluten -- ohn' Unterlaß sanken die leuchtenden Flocken in die schmutzigen Gewässer und wurden eingeschluckt -- wie der Schwall des Lebens Wesen um Wesen verschluckt. Den schmalen Pfad schlug sie ein, der hart am Ufer drüben aufwärts führte zu den graulich aufragenden Eichenschäften, dem Gewirr des Ufergestrüpps, dran jedes Zweiglein schon seine feuchte weiße Last trug ... Und wirr durcheinander, wie die stäubenden Flocken, jagten ihre Gedanken. Gott, wie grenzenlos allein sie doch war auf der Welt: Tochter eines kleinen Gerichtsbeamten in München, war sie von der strengen katholischen Rechtgläubigkeit und engen Spießbürgersittsamkeit ihrer Eltern um jener ersten Liebschaft willen, die sie einem schmucken Leutnant von den Chevauxlegers in die Arme geweht hatte, aus Haus und Heimat verstoßen worden. Das Gräflein hatte brav an ihr gehandelt. Ihre berufliche Ausbildung, ihren ersten Schatz an Kostümen verdankte sie seiner Freigebigkeit. Und dennoch hatten am Ende der Abschied, die Tränen, die Verlassenheit gestanden ...

Und nun: die kleinen Engagements in Nürnberg, in Regensburg, in Augsburg. Immer umringt von einer Verehrerrotte, die nichts von ihr wollte als immer das gleiche -- das eine -- für die sie niemals eine Seele, ein Mensch, eine Künstlerin gewesen war, sondern immer nur eine hübsche Schale, ein Spielzeug, ein Zeitvertreib, eine Sklavin ... Und endlich das große Glück: ein einziges Mal ein Mensch, der sie ernsthaft nahm, Franz Burg, der Meininger Oberregisseur, der sie entdeckte ganz hinten im Ensemble eines Mittelstadtbühnchens. Und nun: Engagement, kleine Rollen, mittlere Rollen, Erfolg -- Karriere. Karriere? Ach, du lieber Gott! Bis zu den Sternen war man nicht gekommen -- immerhin, man war geborgen, man konnte sich ausruhen, konnte arbeiten -- stand inmitten eines großen, künstlerischen Treibens, brauchte sich nicht mehr wegzuwerfen, zu verkaufen.

Aber ach, verdorben war man nun doch einmal, konnte nicht mehr leben ohne Küsse, ohne Rosen, ohne Liebesbriefe, ohne Zärtlichkeiten ... Und so flog man doch auch jetzt immer noch aus einem Arm in den andern, blieb ein Spielzeug -- blieb der rasch vergessene Kamerad flüchtiger Taumelstunden ...

Da war der eine gekommen, dies grasgrüne Studentlein, das so ganz, ganz anders war als alle die frühern ... Was war's eigentlich gewesen, was ihn von ihnen unterschied? Er hatte sie genommen, sie hatte sich ihm gegeben, genau wie's immer gewesen war -- nur eines war anders gewesen -- ach, sie wußte es wohl, der Klang seiner Rede war's, die schäumende Flut von klingenden, schwingenden Worten, in denen seine Zärtlichkeit, sein Rausch sich ausströmte über sie hin -- ach nein -- auch noch ein andres. All die andern, die sie gekannt hatte, waren erfahrene, abgebrühte, blasierte Burschen gewesen -- diesem einen, sie wußte es, hatte sie das erste Glück des Lebens gebracht. Sie hatte träumen dürfen, ihm etwas zu sein, etwas, das nicht verfliegen könnte mit dem Rausch der flüchtigen Erfüllungsstunden ... Und nun, nun war auch das ein Trug, ein Wahn gewesen ...

Tief gesenkten Hauptes schritt das einsame Mädchen fürbaß. Und wie ein fernes Brausen klang weit, weit hinten das Treiben der großen Stadt, gedämpft durch die rastlos niedersinkenden Flockenmassen. Und in der Nähe schien jeder Schall des Lebens erstorben -- nur der eigne Schritt knirschte leise im lockren Teppich, der die Welt überzog. Und zur Linken glucksten die gelben Wasser. Unter der nassen Last lösten sich die letzten gelben Blätter von den Wipfeln und sanken schwer und matt wie dunkle Schattengebilde inmitten des weißen Geriesels nieder, lagen ein paar Sekunden als schwarze Flecken auf dem leuchtenden Grund und wurden dann schnell verschüttet und begraben ... Und Asta sann in die Zukunft -- was hatte sie noch zu hoffen? Zu den höchsten Höhen der Kunst, dorthin, wo die strahlende Rivalin stand, ach, dorthin würde sie sich niemals emporschwingen. Nur die Niederungen waren ihr bestimmt, die wenigen Jahre, bis Jugend und Anmut verweht sein würden -- und was dann? -- Und was inzwischen? -- Immer nur Neid und Enttäuschungen ... Ab und an, wenn einmal eine neue Rolle neue Hoffnung brachte, ein verzweifeltes Emporraffen, ein neues zähneknirschendes Einsetzen der ganzen Kraft -- dem, ach, doch immer wieder das Versagen, das Ermatten, die Erkenntnis der Begrenztheit des eigenen Wesens und Könnens folgen müßten, wie noch stets bisher.

Und wo war dann Trost als in neuen Umarmungen, in neuen Tändeleien, ohne Glauben, ohne Hoffnung, ohne Sinn?

Nein, wenn sie nicht einmal diesen einen dauernd hatte fesseln können, wenn selbst dieser eine, in dessen Leben sie am Anfang der Liebe gestanden, wenn sie nicht einmal ihn länger hatte binden können denn auf ein paar Wochen, dann war sie doch wohl gar nichts wert. Nicht einmal als Liebchen, nicht einmal als Weibchen! Und das nun immer und immer wieder erleben müssen, hatte das einen Zweck? -- Ließ sich das ertragen?

Und doch, etwas in ihr bäumte sich auf gegen diese Verneinung ihres ganzen Daseins. War sie denn wirklich so ein Nichts, so ein Püppchen ohne Existenzberechtigung, ohne Lebenswert? Ach nein ... nur den falschen Weg war sie gegangen -- nein -- nicht gegangen: gestoßen war sie worden von dem aberwitzigen Schicksal. Damals, als sie sich von dem blinkenden Rock, der gleißenden Grafenkrone ihres ersten Galans hatte blenden lassen, als sie ihren einzigen Besitz, ihr Mädchentum, einem eitlen, egoistischen Jungen hingeworfen hatte, ohne zu denken, ohne zu fragen wohin, wozu -- damals war sie aus dem Gleise geworfen worden ... Irgendwo in der Welt lebte doch gewiß ein braver, schlichter Mensch ihres eigenen Standes, des Standes, in dem alle ihre Instinkte wurzelten, dem hätte sie in Bescheidenheit und Treue Gesellin und Helferin werden müssen. Das wäre dann ein Leben gewesen, für das ihre Kräfte gereicht hätten, in das sie Sonne, Glücksgenügen hätte zaubern können für ein ganzes Erdendasein. -- Nun hieß sie eine Künstlerin, ohne ein Künstlermensch zu sein ... Nun sollte sie gestalten, ohne in sich die Fülle der Gesichte zu tragen ... Sollte die Schöpfungen von Dichtern verkörpern, ohne selbst ein Stück Dichterin zu sein ...

Die Dämmerung kam. Immer schauriger ängstete die Stille um sie her, und lichtlos wie die nebelverhangene Waldeinsamkeit ringsum lagen Zukunft und Leben. Eine grenzenlose Müdigkeit kam über das verlassene Kind -- eine Sehnsucht nach Schlaf ohn' Erwachen. Und in der lastenden Stille, in die sie sich hineingesogen fühlte, war nun ein Laut nur noch: das einlullende Rieseln und Rauschen der gelben Gewässer neben ihrem Pfad, die so erbarmungslos die weißen Flocken einschluckten in ihren gurgelnden Schwall. Ach! wer auch so eine weiße Flocke wäre, so rasch und völlig versinken, zergehen könnte ...

Aber schreckhafte Gesichte drängen sich vor -- wie schauervoll müßte das Ende sein, wären diese Flocken nicht fühllos, wären sie nicht der Flut wesensgleich, die sie verschlang? Du aber, Asta, du bist ein junges, heißes Menschenkind, du wirst nicht leicht und sanft dich auflösen und verschmelzen mit den Gewässern, die meerwärts rollen da unten. Du wirst dich quälen müssen, alles in dir wird im letzten verzweifelten Ansturm noch einmal nach dem Leben in Glanz und Licht verlangen, dem du verwandt bist, in dem du dich umgetrieben, zwar oft in Tränen und Verzweiflung, doch bisweilen auch in Schauern von Seligkeit ...

Und dennoch, eine Stille wird kommen nach der kurzen Qual -- eine lange, tiefe, wunschlose Stille.

Und noch ein Gedanke kam, der Furcht und Grauen schuf: Asta war in römischer Frömmigkeit erzogen, der Kinderglaube war nie ganz versiegt in ihrer unbewehrten Seele. Wenn's nun wahr wäre, was man sie gelehrt hatte von ewiger Verdammnis, von einem Wiedererwachen zu unnennbarer, unendlicher Qual? Ach nein, das war doch wohl nur Märchen und Kinderschreck -- ach nein -- wenn erst die Glut hier drinnen verloschen war, wenn die Glieder, die so heiß gefiebert hatten im Ueberschwang der Daseinswonne -- wenn sie erst so kalt und leblos geworden waren wie drunten die strömende Flut, dann war's aus und vorbei, dann kam nichts mehr -- kein Glück mehr und kein Schrecknis.

Da stieg aus den falben Nebeln, die mählich den Fluß überlagerten, ein niedres Gebäude empor, eine hölzerne Wirtschaftsbaracke, grau gestrichen, hart bis an die Strömung des Flüßchens herangeschoben, mit einer Galerie, die über das Ufer vorsprang. »Zum Wassergott« lautete die Inschrift auf dem getünchten Wirtshausschild. Im Sommer mochte hier zur Abendstunde muntres Treiben herrschen, friedliche Philisterbehaglichkeit -- nun lag das kleine Anwesen kläglich verödet, ganz versunken in trostloses Schweigen.

Asta trat ans Geländer und sah, wie die gelbe Flut in quirlenden Strudeln um die schneeverwehte Treppe rauschte, an der sonst das Fährboot anlegen mochte. Und nun zu denken, daß man morgen so gefunden würde, weit, weit unten irgendwo, entstellt, zerzaust, aufgedunsen -- -- Aber ... das ging einen ja dann nichts mehr an, das fühlte man ja doch nimmer. Dann mochte die Welt laufen, wie sie wollte. Dann mochte der kleine Hans Thumser vor Jucunda Buchner auf den Knien rutschen und um die Gunst betteln, die Asta ihm, ach, allzu wohlfeil, allzu willfährig gewährt. Dann mochten sie Komödie spielen, solange es ihnen noch Spaß machte, sich abzuquälen für die undankbare Bande im dunkeln Parkett -- ach! und wie dankbar war man doch gewesen, wenn die mal ein bißchen mitgegangen waren, wenn man ab und an sich hatte vorlügen dürfen, man sei auch wer, man habe auch die Kraft in sich, die da hinten zu packen und durch und durch zu rütteln, wie die paar es konnten, die paar Echten, die paar Großen ... Ja, spielt nur, spielt nur Komödie -- auf den Brettern und im Leben. Lügt Euch Gefühle vor und laßt Euch welche vorlügen, glaubt daran oder tut doch wenigstens so, als glaubtet Ihr. Denn auch Du hast ja gelogen, kleiner Hans Thumser, als Du unter Küssen und Tränen mir schwurst, ich habe Dir das Glück geschenkt. Ich weiß es ja nun, Du hast in meinen Armen immer nur an die andre gedacht. Ob Du's bei ihr finden wirst, das Glück, das sogenannte Glück? Ob Du es überhaupt jemals finden wirst im Leben? Ich will Dir's gönnen, kleiner Hans, denn ich habe Dich sehr lieb gehabt -- ich will Dir's gönnen, kleiner Hans -- ich aber -- ich tu nicht mehr mit, ich habe genug ...

Einen spähenden Blick noch warf Asta in die Runde. Es war nun fast ganz dunkel geworden und nichts ringsum, als das sachte Sinken der weißen Kristalle, hinter denen die schwarzen Stämme ragten, finster und stumm. -- Ob es wohl lange dauern würde? Ob es sie noch einmal emportragen würde an die Oberfläche? Hoffentlich würden die nassen Kleider sie rasch in die Tiefe ziehen. Es war nicht schade drum, sie hatte sich für einen Fußmarsch im Schnee zurecht gemacht. Das bissel Flitter, was daheim herumlag, dafür würde sich schon irgendeine Verwendung finden: nur das schöne Sealskinjackett und das Barett und der Muff dazu, das war doch zu schade für die Pleiße! Irgendein Armes mochte das hier finden und es verkaufen und sich einen guten Tag dafür machen ... Sie zog die kostbaren Hüllen ab und legte sie sorgfältig zusammengefaltet unter das weitvorspringende Holzdach der Wirtschaftsveranda, wo sie einigermaßen vor dem Schnee geschützt waren. Nun schauerte sie fröstelnd zusammen im Nebelhauch der Waldtiefe. Gott -- und daß nun niemand, niemand morgen weinen wird, wenn sie's hören, wenn's in der Zeitung steht, wenn zum letzten Mal von Asta Thöny was in der Zeitung steht -- ach, allzu viel Schönes hat nie dringestanden über Asta Thöny -- und keiner wird weinen, nicht ein einziger von all den vielen, vielen, die mich geküßt und mir von Liebe geschwatzt haben, nicht einer. Auch Du nicht, Hans Thumser, ach, auch Du nicht ...

Und sachte wie die weißen Flocken in die träge ziehenden Fluten niederglitten, so sachte ließ Asta Thöny sich niedergleiten von der schneeverwehten Treppe an der Holzveranda des Restaurants »Zum Wassergott« ...

Valentin Pilgram war nachmittags gegen halb vier von dem Repetitor nach Hause gekommen, um sich in das gewohnte, besinnungslose Arbeiten hineinzustürzen, mit dem er nun schon seit Wochen sich zu betäuben gewohnt war.

Als er durch den dunklen Korridor schritt, kam die Frau Kanzleirätin aus der Küche mit einem Brett voll Teegeschirr und ging zu Jucundas Stube hinüber. Verlegen erwiderte sie seinen Gruß; wie die Tochter, so wich auch die Mutter dem Zimmerherrn aus, wo irgend möglich, seit jenem verhängnisvollen Morgen ...

Als sich die Tür zu der Stube der Schauspielerin öffnete, sah Valentin Pilgram mit einem Blick, daß dort Vorbereitungen für den Empfang eines Besuches getroffen wurden: festlich gedeckt glänzte der Tisch, sorgfältig waren die Blumenspenden der letzten Abende arrangiert, kurz, alles verriet ein nahes Fest.