Komödiantinnen: Roman

Part 12

Chapter 123,606 wordsPublic domain

»So, meine Herrschaften, nun fangen wir richtig zu probieren an! Also bitte, Kürassiere von der Bühne, die Soloherrschaften an ihre Plätze!«

Und abermals stand die harrende Schar der Eisenreiter im Hintergrunde zu Füßen der schmalen Holztreppe versammelt -- und abermals klang's von drinnen herrenhaft in grollendem Erzklang:

»Terzky!« »Mein Fürst!« »Laß unsre Regimenter Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen, Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend.«

Und Gruppe auf Gruppe erhielt ihr Stichwort, Gruppe auf Gruppe klirrte die Treppe hinauf, strudelte die Galerie entlang, ergoß sich in den Saal hinab ...

Als aber Gruppe sechs aus dem Finster der Bühnentiefe die Treppe hinanstieg, sah Hans Thumser, daß Pilgram doch noch vorhanden war. Seine riesige Gestalt, sein hartes Herrengesicht standen vortrefflich zu der blanken Wehr -- aber kein Blick für den einstigen Korpsbruder ...

Was er nur haben mochte? -- Das war doch Kinderei, so offiziell zu tun.

»Also Gruppe sieben!« zischte der Inspizient. »Los! Los!«

Und Hans Thumser keucht die schmalen Stufen empor, stößt wie die Kameraden rauhe gurgelnde Töne aus, stutzt droben am Treppenrande, stutzt und verstummt ...

Aber nicht nur, weil es so probiert ist ... Im gelben Lichte der Proberampe sieht er drunten Jucunda Buchners schmales Prinzessinnengesicht ... aber jetzt nicht mehr wie vorhin, von Lachen und Schelmerei gerötet -- nein, nun ist sie plötzlich Thekla, das verzweifelnde Kind, das Liebe, Glück, Leben versinken sieht in den eisenschäumenden Wogen des Schicksals. So abgrundtief, so herzdurchbohrend der Ausdruck des Schmerzes auf ihren tränengefurchten Wangen -- Hans Thumser kann den Blick nicht lassen von diesem Bild adligen Grams ...

Aber die Masse der Kameraden schiebt ihn vorwärts -- und plötzlich fühlt er keinen Boden mehr unter seinen Füßen, er strauchelt, schlägt krachend nach vorn, alle Glieder knacken -- tausend Feuerräder kreiseln in seinem Hirn -- ein lauter Aufschrei übertönt das Knacken und Klirren der hundert Eisenringel, die seine Glieder umschlossen halten und im Sturz in Schulter und Schienbein sich hineinzwängen -- und dann nichts mehr.

Eine hilflose Masse, so war des Studenten Körper die fünfundzwanzig Stufen der Freitreppe hinuntergekollert, anfangs noch ein wenig aufgehalten durch die Schienbeine seiner Vordermänner, dann aber, als alles instinktiv zur Seite sprang, ganz hemmungslos. Nun lag er bleich, mit geschlossenen Augen am Fuß der Treppe. Die Sturmhaube war ihm vom Kopf gefallen und in weiten Sprüngen ihm voran in den Saal hineingehüpft. Einen Augenblick hatte alles vor Schrecken erstarrt gestanden, nun sprangen fünf, sechs der nächststehenden Kürassiere zu und richteten den schwerfälligen Körper auf.

Durch den Wall der Geharnischten aber drängte sich Jucunda Buchner hindurch. Sie hatte den Jüngling straucheln und vornüber stürzen gesehen und in dem Augenblick sein Gesicht erkannt, ohne daß sie gleich wußte, woher. Nun kniete sie neben dem aufgerichteten Oberkörper des Studenten nieder, umfaßte seine Schultern und legte seinen zerschundenen Kopf behutsam auf ihr Knie. Und da schlug Hans Thumser die Augen auf -- und in diesem Augenblick wußte Jucunda, wo sie diesen leuchtenden Blick schon einmal gesehen hatte -- der junge Poet ... er, neben dessen »schwindelschmalem Pfade Abgründe klafften rechts und links« -- nun, in einen dieser Abgründe war er nun glücklich hineingeplumpst ... freilich, es schien ihm ganz gut bekommen zu sein, denn mit einem zufriedenen Lächeln schloß er die erstaunten Augen, reckte sich ganz behaglich und machte sich's ordentlich bequem auf dem weichen Kissen, auf das er sich gebettet fühlte.

Und nun löste sich der allgemeine Schreck in ein befreites Aufatmen. Da schlug der Student die Augen abermals auf, und nun schien ihm das Komische seiner Situation bewußt geworden zu sein: mit einem Ruck richtete er den Oberkörper auf, sprang auch sofort auf die Beine und reckte die Knochen.

»Na? Kein edlerer Teil entzwei?« fragte der dröhnende Baß des Szenenleiters. Hans Thumser versuchte sich diejenige Stelle seines Körpers zu reiben, welche bei dem Fall am meisten in Mitleidenschaft gezogen war, aber das gelang ihm nicht -- sie war zu gut gepanzert ...

Nun brach ein endlos dröhnendes Gelächter aus, dazu rasselten die Rüstungen der Pappenheimer, die sich die eisenbewehrten Bäuche hielten. Am hellsten aber lachte Jucunda. In einer raschen Wallung trat sie auf den jungen Burschen zu und klopfte ihm mit beiden Händen die glühenden Backen.

»Dunnerwetter!« tönte da aus den Reihen der Kürassiere eine neiderfüllte Stimme. »Ich wär' nächstens ooch mal de Treppe 'nunner purzeln!«

»Na, ich dächte, nach diesem kleinen Zwischenfall probieren wir weiter!« rief Burg, »also alles zurück, meine Herrschaften, und noch einmal von vorne!«

Hans Thumser war's nun aber doch zumut, als klapperten alle seine Knochen einzeln und lose in dem großen Blechtopfe durcheinander, der sie einschloß -- und er bat um die Erlaubnis, sie wieder zusammenzusuchen.

Als dies gewährt worden war, trat er vorn an die Proberampe und kam neben Jucunda zu stehen. Die lachte ihn an und flüsterte ihm zu:

»Ich habe ja so lange nichts mehr von Ihnen gehört -- warten Sie nach der Probe auf mich -- ich möchte wissen, wie es Ihnen inzwischen ergangen ist!«

Da wurde es Hans Thumser klar, daß er wieder mal mehr Glück als Verstand gehabt hatte ...

Noch eine weitere halbe Stunde voll schwitzenden Bemühens -- dann war's geschafft. Und nun harrte der Student am Bühnenpförtchen seiner Göttin. Er drückte sich in den dunklen Schatten der Donnermaschine und ließ den Schwall der Geharnischten an sich vorüber strudeln. Und endlich kam sie -- kam nicht allein, sondern am Arm der majestätischen Kollegin Frau Anna Cederlund, welche die Gräfin Terzky spielte. Im ersten Augenblick verließ den Studenten der Mut ... Als aber die beiden ragenden Frauengestalten an ihm vorüberschritten, ohne ihn zu bemerken, da sprach's in ihm: Sei kein Narr! Und er schoß aus seiner Finsternis hervor, daß die Frauen ordentlich zusammenschraken.

»Gnädigste haben mich zu sprechen befohlen!«

»Ah, sieh da, Herr Dummerle! Nun? Was macht die Poesie? Gestatten Sie, Annerl -- Herr Studiosus Dummerle, dichtet -- hat immer die Nase in der Luft und purzelt deswegen mit Vorliebe die Treppen hinunter -- meine Kollegin, Frau Cederlund. Ja, also was fang' ich nun mit Ihnen an? Wissen Sie was? Sie könnten ja auch mal zu mir zum Tee kommen -- wollen Sie?«

»Darf es heute sein?« antwortete Hans Thumser.

»Aber warum denn nicht? Also um fünf -- soll's gelten?«

Hans Thumser konnte sich nur stumm verneigen -- tief, tief auf die schlanke Hand, die sich ihm entgegenstreckte -- und dann war's vorbei ...

Und wie ein Begnadeter stolperte Hans Thumser die hallenden Steintreppen zur Rüstkammer hinauf, um sich aus einem Pappenheimer wieder in einen Fuchsmajor zu verwandeln. Zwei Minuten aber, nachdem das Eisenpförtchen, das vom Bühnenraum zum Garderobenumgang führte, hinter ihm zugeklappt war, löste sich aus dem Dunkel der Kulissen noch eine zweite Kürassiergestalt los. Die einsame Glühbirne, die am Inspizientenpulte brannte, beleuchtete ein finstres, verzerrtes Jungmännergesicht unter dem tiefschattenden Doppelschirm der Sturmhaube: es war das Gesicht des weiland Ersten der Franconia.

11.

Asta Thöny war ein wenig eingenickt nach dem bescheidenen Mittagsmahl, das Frau Wehe ihr aufgetischt. Nun fuhr sie empor, flog ans Fenster, steckte den glühenden Kopf hinaus und klatschte jubelnd in die Hände, als sie die ersten Schneeflocken durch das mürrische Grau der Sophienstraße wirbeln sah ...

Köstlich! köstlich! Würde das ein fröhliches Streifen werden mit dem geliebten Jungen durch dies wattige Weiß hindurch an der graulich gurgelnden Pleiße entlang! Sie wußte, wie gut ihr die prachtvolle Sealskingarnitur stand, das splendide Andenken ihres Rittmeisters in Gera ... Und nun schmückte sie sich nach Herzenslust für den Leipziger Freund. Ob er wohl schon daheim war? Sie klopfte an die Wand -- keine Antwort. Na, er würde schon nicht auf sich warten lassen, um vier Uhr hatte er ja versprochen sie zum Spaziergang abzuholen. -- Aber es wurde vier -- und kein Hans Thumser! Na, vielleicht war er schon längst zu Hause und lag drüben auf seinem Kanapee in den geliebten Nachmittagsschlaf versunken. Sie hatte eine Tüte Pralinees für ihn gekauft, sie kannte seine schwache Stelle. Die steckte sie in die Jackettasche, hüpfte zur Tür hinaus und pochte an die seine; da keine Antwort kam, klinkte sie auf -- und richtig -- da lag er auf dem Sofa, lang hingestreckt, in Hemdsärmeln, das blinkende Korpsband über der Weste. Auf Zehen schlich sie heran und hielt ihm die duftende Tüte unter die Nase. Da schlug er blinzelnd die Augen auf, lachte sie fröhlich an und breitete die Arme aus -- mit einem leisen Jauchzen warf sie sich hinein.

Nachdem sie sich satt geküßt, richtete sie sich stramm auf und befahl:

»So, nun antreten zum Spaziergang!« (Die militärischen Allüren ihrer jüngsten Vergangenheit saßen ihr noch in den Gliedern.)

Aber statt des erwarteten Entzückens trat in Hans Thumsers Züge plötzlich eine peinliche Befangenheit, und ein Erröten stieg ihm langsam in die Augen.

»Nun, was ist Dir?«

»Liebes Kind, ich bin trostlos ... Spaziergang ist nicht.«

»Was ist das? Was fällt Dir ein!«

»Ja ... ich ... ja ... ich ... es tut mir entsetzlich leid ... aber ... wir haben heute nachmittag C. C. ...«

»Das ist abscheulich, Hans! Wie kommt denn das, was ist denn los?! Und ich hatte mich doch so gefreut, habe mich so hübsch für Dich gemacht, das hast Du Ungeheuer überhaupt noch gar nicht bemerkt!«

»Ob ich das bemerkt habe! ... aber -- es tut mir riesig leid, Du weißt, das Korps spaßt nicht.«

Asta sah, daß er ihren Blick vermied -- lügen hatte er noch nicht gelernt.

»Du, das mit dem C. C. das ist geschwindelt, da steckt was andres dahinter! Beichte!«

»Aber nein ... ganz wahrhaftig, Kind, wir haben C. C., Du kannst Dich drauf verlassen.«

»Sieh mich an, Hans --! Siehst Du, Du kannst es nicht --«

»Aber ja ... ich kann's.«

Nein wahrhaftig, er konnte es nicht.

»Also heraus damit! Was ist los?«

Sie stampfte mit den zierlichen Füßen auf, die in mächtigen pelzbesetzten Boots steckten.

Hans kämpfte einen Augenblick, dann sah er ihr gerade ins Gesicht mit dem Ausdruck eines trotzigen Buben, der sich auf einer Schandtat ertappt sieht:

»Die Buchner hat mich zum Tee geladen.«

»Das ist nicht wahr! Das darf nicht wahr sein!«

»Aber warum soll ich denn nicht auch mal zur Buchner zum Tee gehen?«

»Weil Du mir gehörst. Das gibt's nicht. Da wird nichts draus.«

»Ich hab's versprochen.«

»Dann bleibst Du eben einfach weg. Die Buchner weiß ganz genau, daß Du mein bist. Es ist eine Niedertracht von ihr -- ich laß mir's nicht von Dir gefallen!«

»Und ich laß mir's nicht von Dir gefallen, daß Du über mich verfügst, wie über ein Spielzeug.«

»Hans, so darfst Du nicht zu mir sprechen, das weißt Du auch, daß Du das nicht darfst! Du hast auch ein böses Gewissen dabei!«

Hans Thumser ging mit drei raschen Schritten ans Fenster und trommelte an die Scheiben. Wahrhaftig, sie hatte recht -- es war ihm hundeelend zumute -- nichts als Liebes hatte sie ihm getan, weit über Hoffen und Träumen hinaus hatte sie ihn glücklich gemacht ... und er -- er hatte immer über sie hinweg geträumt von der andern.

»Nun, hast Du Dich besonnen -- kommst Du mit mir?«

»Ich kann's nicht ... ich hab's versprochen.«

»Und mir? -- Wem hast Du's zuerst versprochen, mir oder ihr?«

»Aber Kindchen, das mußt Du doch einsehen ... daß das für mich -- wie soll ich sagen -- daß das für mich eine große Sache ist ... schließlich ist sie doch ... die Buchner.«

»Ach so -- und ich, ich bin nur die Thöny, die kleine Thöny, und sie die große Jucunda! Hansel, das wird Dir noch mal leid tun!«

Laut aufweinend stürzte sie hinaus ... die Schleppe ihres Pelzjacketts fegte die Pralineetüte vom Tisch, und alles kollerte in die Stube. Hans Thumser mußte aufsammeln. Dabei glühten seine Backen vor Scham. Es war wirklich hundsgemein von ihm, das herzliebe Mädel so ruppig zu versetzen -- er fühlte, er hatte sie bis ins Tiefste gekränkt. Mit hundert Gewalten zog's ihn hinüber, die Tränen von den schönen Augen wegzuküssen, die ihm so manche Stunde durchsonnt hatten ... und dann fiel sein Blick auf Jucundas Bild, auf das bronzene Heroinenprofil, das unterm Helm der Jungfrau so sieghaft leuchtete. -- Und er wußte, daß zehn Astas diese Stunde nicht aufwiegen würden, die ihm bevorstand.

Er lauschte -- wieder wie in jener ersten Nacht klang da drüben jenseits der Doppeltür und der beiden Kleiderschränke, die sie verbarrikadierten, das herzerschütternde Weinen ... aber diesmal nicht verhalten wie damals -- nein -- in wilder leidenschaftlicher Empörung. -- Und diese, diese Tränen hatte er auf dem Gewissen ...

Und das war so niederträchtig, so infam: daß man im tiefsten Grunde seiner Seele sogar noch etwas wie eine Genugtuung empfand über diese Tränen, die man selbst verschuldet hatte. War es nicht eigentlich ein verdammt stolzes Gefühl, daß man ein Kerl war, um den so heiße Mädchentränen fließen konnten?

Hans Thumser warf einen Blick in den Spiegel: also so sieht so ein verfluchter Gesell aus, um den ein Mädchen wie Asta Thöny -- Tausende würden ihn beneiden um so einen süßen Kameraden! -- um den so ein himmelsüßes Geschöpf sich quält?

Und mit einem verwegenen Ruck stülpte er die grüne Franken-Mütze auf den braunen Schädel und ging zu Jucunda Buchner.

War's nicht eigentlich toll? Hans Thumser war in einer ganz niederträchtig vergnügten Stimmung, als er durch das wirbelnde Flockengestiebe den Peterssteinweg, die Petersstraße hinanschlenderte. Jedem Mädel guckte er verwegen, wie er's nie getan, unters Pelzbarett: Ja, wenn ihr wüßtet, ihr Leipziger Gänschen --! Eben hab' ich die Asta Thöny geküßt ... die von den Meiningern, ihr wißt doch! Und nun -- nun gehe ich zur Buchner ... und wer weiß -- wer weiß! So ein Kerl bin ich, verflucht nich noch mal!

Als er den schneebepuderten Marktplatz überquerte und in die Katharinenstraße einbog, fiel ihm plötzlich ein, daß er ja nun endlich den Weg zu Valentin Pilgrams Wohnung gefunden habe. Der arme Junge! Ob der wohl auch schon mal von Jucunda Buchner zum Tee geladen worden war? Wohl schwerlich -- und doch, was alles hatte der an dies Mädchen gesetzt ... und er --? Er hatte nichts getan, und alles fiel ihm in den Schoß. Teufel auch -- man war eben ein Poet, ein Götterliebling --! nischt wie verdammte Pflicht und Schuldigkeit vom Schicksal!

Ob er den armen Burschen wohl mal aufsuchte? Eigentlich hätte sich's gehört ... daß er gekränkt war, lag ja auf der Hand nach seinem Benehmen von heut morgen ... aber freilich ... erst zu Pilgram gehen und dann sich von ihm verabschieden mit der Erklärung, man sei zu Jucunda Buchner zum Tee geladen -- das war doch wahrhaftig mehr eine Kränkung, wie die Dinge nun einmal lagen, als die Erfüllung der längst geschuldeten Freundschaftspflicht. Also lassen wir's doch lieber ...

Glücklicherweise, im letzten Augenblick, fiel's ihm ein, daß er ja noch ohne Blumen war. Er fand eine Gärtnerei, wählte die herrlichsten Rosen, die es gab, und erschrak nicht im mindesten, als die Verkäuferin ihm fünf Mark abverlangte. Denn diesmal war's ja in der ersten Hälfte des Monats und nicht Ultimo, wie damals, als er mit dem gepumpten Markstück ein Dahliensträußchen für Asta erstand ... Und so bewaffnet bis an die Zähne kletterte er die wohlbekannten Stufen im dunklen Treppenhause empor und zog die gellende Klingel an der Korridortür des Kanzleirats Buchner.

Eine stattliche Frau öffnete ihm. Er erkannte in ihr sofort Jucundas Begleiterin von jenem ersten Triumphzuge wieder. Alle Wetter ja, seine Idee von damals hatte Schule gemacht ... das blitzte ihm so durch den Kopf, als er seiner Führerin durch den dunklen Korridor folgte, bis sie haltmachte und anklopfte.

»Bist Du es, Mutter?« tönte von drinnen die wohlbekannte Stimme ... die Stimme, die durch sein Wachen und seine Träume klang. So hatte sein junges Herz noch niemals an die Rippen gehämmert ... auch nicht bei Beginn des Abiturienten-Examens ... auch nicht vor der ersten Mensur.

»Hier ist der Herr, wo Du zum Tee hast eingeladen!«

»Herein -- nur herein!«

Die Tür sprang auf, und als dunkle Silhouette gegen die schimmernd weißen Vorhänge abgehoben, stand Jucunda. Mit ausgestreckten Händen kam sie ihm entgegen:

»Wie freue ich mich! -- Die Poesie bei mir zu Gast ... das ist das erstemal. Laß uns allein, Mutter.«

Hans warf einen Blick in der Stube umher. Tausend ja, hier sah's anders aus als damals bei Asta. Jucunda, das sah er sofort, hatte nicht vergessen, daß sie sein Kommen gewünscht -- alles war sorgfältig für seinen Empfang vorbereitet, der Tisch zierlich gedeckt und mit Rosen bestreut, die Teemaschine dampfte, Zigaretten, Zigarren standen bereit, eine gehäufte Schüssel Gebäcks. Und ringsum herrschte Ordnung, Sauberkeit, noch mehr: Schönheit ... oder doch wenigstens die deutliche Absicht sie hervorzuzaubern ... überall Blumenarrangements und Körbe lebender Pflanzen, an den Wänden die welkenden Lorbeerkränze mit riesigen langflutenden goldbedruckten, goldbefransten Atlasschleifen. Uebers Bett aber war ein hermelinbesetzter Mantel von Purpursamt königlich hingebreitet, und ein frischer Strauß tiefdunkelroter Rosen lag oben drauf. Alles war abgetönt mit einem naiven Sinn für Eleganz und Repräsentation.

Hans Thumser sah nicht, daß die Möbel abgeschabt, die Bezüge verschlissen waren, fühlte nicht, daß der Stuhl wackelte, auf den er sich setzte, der Tisch, auf dem das Teegeschirr brannte ... auch nicht, daß die Tassen gesprungen waren, und hier und da gar ein Henkel fehlte ... ihm war zumut, als sei er in einem Königsschloß, in einem Märchenpalast. Und wie eine Königin erschien ihm auch Jucunda. Sie trug ein lang hinschleppendes Spitzenkleid, das ihm vorkam wie eine märchenhafte Kostbarkeit -- er konnte ja nicht beurteilen, daß es maschinengewebte Spitzen waren, nur bestimmt auf die Entfernung zu wirken -- er war im Bann, im Traum. Und nur die eine Empfindung durchdrang ihn mit wohligen Schauern: hier war er erwartet, hier hatte man Staat für ihn gemacht, hier wollte man ihn ehren, ihn entzücken.

Er saß ganz still, als Jucundas große, schlanke Hände den Tee bereiteten, und sah nichts als das anmutige Spiel der elfenbeinfarbenen Arme, die aus den Spitzenärmeln hervorlugten:

»Erinnern Sie sich noch, daß wir schon einmal beim Tee zusammengesessen haben?«

»Wie können Sie fragen, gnädigstes Fräulein! Ich habe seitdem von nichts geträumt, als daß dies einmal kommen könnte ... dies, was jetzt ist.«

Jucunda stellte den dampfenden Tee vor ihn hin, sah ihn von oben her mit ironischem Lächeln an und fragte:

»Und Asta?! Haben Sie die Courage gehabt, ihr zu verraten, daß Sie heute bei mir sind?«

»Warum sollte ich nicht? Das ist doch nicht verboten!«

»Nun, und was sagte sie?«

Hans wurde rot. Ob Asta geschwatzt hatte? Ob Jucunda wußte, wie er mit ihr stand?

»Sehen Sie wohl,« lachte das Mädchen, »Sie können nicht antworten -- Sie haben Schelte bekommen --! Dacht' ich mir's doch.«

»Ich wüßte nicht, daß irgend jemand das Recht hätte mich zu schelten,« sagte der Student etwas kleinlaut und trotzig.

»Sagen Sie das nicht!« sagte Jucunda. »Wohltun verpflichtet -- oder ist die ... Episode schon zu Ende?«

»Welche Episode?«

»Fragen Sie nicht so dumm!«

Hans Thumser sah sich durchschaut. Aber wenn Jucunda doch wußte, daß Asta immerhin doch gewisse ... Ansprüche geltend machen konnte ... warum hatte sie ihn geladen, was wollte sie von ihm? Er richtete sich auf:

»Gnädiges Fräulein, ich glaube nicht, daß Sie mich zu sich gebeten haben, um mir klar zu machen, daß ich eigentlich wo anders hingehörte.«

»Da haben Sie recht,« lachte die Schauspielerin, »Sie sind nun einmal hier, nun seien Sie's auch ganz. Asta ist tot, es lebe Jucunda, nicht wahr?«

Sie streckte ihm die Fingerspitzen hin, er neigte sich darüber.

»Nun, blaue Flecke von heute morgen?«

»An allen Gliedern!« gestand Hans. »Na, irgend etwas muß der Mensch doch schließlich tun, um eine solche Stunde zu verdienen.«

»O, seien Sie nur ruhig, man wird von Ihnen vielleicht noch mehr verlangen!«

»Verlangen Sie.«

»Was macht Ihr Korpsbruder Pilgram?«

»Mein ... früherer Korpsbruder, wollten Sie sagen.«

»Hm ... er tut mir so leid, aber ich habe ihm nicht helfen können, er hatte es gar zu eilig, sich in die Bredouille zu stürzen -- also, was treibt er? Erzählen Sie!«

»Ja, haben Sie ihn denn heute morgen nicht bemerkt?«

»Wo? doch nicht etwa auch unter den Kürassieren?«

»Gewiß! der Längste und Schönste unter den Pappenheimern.«

»Nein wahrhaftig -- er ist mir nicht aufgefallen! Er hat sich ja auch nicht so bemerkbar gemacht wie Sie!«

»Ja, es hat eben nicht jeder den Dusel, über fünfundzwanzig Treppenstufen Ihnen geradewegs vor die Füße zu kollern.«

»Wie denkt er denn über mich und -- über die ganze Affäre?«

»Das weiß ich nicht. Ich schäme mich es zu gestehen, aber ich sah ihn seitdem nicht mehr -- meine Schuld -- doch was will ich machen? Wenn ich nicht Franke bin, so bin ich Meininger, in jeder Stunde, Tag und Nacht. Ach, gnädigstes Fräulein, ich habe nie gedacht, daß es so etwas gäbe, daß man sich so ganz verlieren, so ganz vergessen kann! Ich lebe wie im Fieber -- mir ist, als hätte ich Flügel -- ich möchte tausend Augen, tausendfache Sinne haben, um all das festzuhalten, was in mir strudelt und braust. Was für Hexenmeister seid Ihr: alles, was ich ahnte, wenn ich in meinem Knabenstübchen die großen Dichter las, ist Leben geworden, Wirklichkeit, Erfüllung ... Und damit nicht genug, ich selber, ich schaue nicht nur, ich selber stehe mitten drin, in all dem Schwall -- ein Strom von Glück und Sehnsucht braust unter mir und wirbelt mich auf und nieder. Wo soll ich hin mit all dem Drang -- wo soll ich hin?!«

Lächelnd hob Jucunda die Hand und streichelte die glühenden Wangen des Jünglings, wie sie es heut morgen im Theater getan.

»Sie Dichter!« sagte sie, »Sie Dichter --! Lassen Sie es doch brodeln und gären, lassen Sie's doch! Machen Sie Gedichte daraus, schön wie das, welches Sie mir damals sprachen ... so schön und schöner noch!«

»Ja,« sagte er, »das will ich tun ... später einmal, später, wenn alles das vorüber ist ... denn ich weiß ja, es währt nicht ewig ... acht Tage noch, dann zieht Ihr fort ... und ich bin wieder, was ich war -- ein armes Studentlein, Franconiae Fuchsmajor, einer von Tausenden -- und um mich ist wieder nichts als Bier und klirrende Speere und Drogenwelt und die Dutzendgesichter meiner Kommilitonen -- o Gott! wie soll ich das ertragen! Ich weiß, ich werde irgendeine Dummheit machen -- ich laufe fort, in die weite Welt, dahin, wo Ihr seid -- wo Sie sind, Sie wunderbarer Mensch -- Sie Zauberin!«

»Das werden Sie nicht tun!« sagte Jucunda. »Ich weiß, daß Sie das nicht tun werden -- ich weiß, Sie werden dann stille Stunden der Besinnung haben ... es wird Ihnen werden, wie es denen gewesen ist, deren Verse, deren Szenen wir abends sagen und gestalten. Sie werden dichten -- glauben Sie's mir.«

»Ach, wenn das wahr wäre -- wenn das möglich sein könnte!«