Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung
Chapter 1
E-text prepared by Carlo Traverso, Thomas Berger, and the Online Distributed Proofreading Team
KOMIK UND HUMOR
EINE PSYCHOLOGISCH-ÄSTHETISCHE UNTERSUCHUNG
VON
THEODOR LIPPS
Vorwort
Vor jetzt zehn Jahren habe ich in den "Philosophischen Monatsheften" eine Reihe von Aufsätzen über die "Psychologie der Komik" zu veröffentlichen begonnen. Teils eigenes Bedürfnis, teils der Wunsch anderer, hat mich zu einer Umarbeitung und Erweiterung dieser Aufsätze veranlasst. Daraus ist schliesslich dies Buch geworden.
Ich bezeichne den Inhalt desselben als "psychologisch-ästhetische Untersuchung". Dabei könnte das "psychologisch" überflüssig erscheinen. Eine ästhetische _Untersuchung_ ist immer psychologisch. Aber ich wollte mit diesem Ausdruck andeuten, dass es mir vor allem ankam auf die psychologische Analyse meines Gegenstandes, auf die breite psychologische Fundamentierung des Problems, auf die Einfügung desselben in den Zusammenhang mit angrenzenden, verwandten und allgemeineren psychologischen und ästhetischen Problemen.
Darüber trat ein anderes Interesse zurück. Ich habe darauf verzichtet, den Humor oder die künstlerische Verwendung des Komischen weiter, als es die Natur der Sache erforderte, in die verschiedenen Kunstgattungen und Kunstrichtungen hinein zu verfolgen, oder gar bestimmte humoristische Kunstwerke im einzelnen zu analysieren. Es genügte mir, die verschiedenen Möglichkeiten, die Arten, Daseinsweisen und Stufen der Komik und des Humors allgemein aufgezeigt und in ihrer Wirkung verständlich gemacht zu haben. Jene mehr kunst- und litterarhistorische Aufgabe möchte ich gerne anderen, womöglich solchen, die dazu geschickter sind, überlassen. Ich hoffe aber freilich, dass für solche Arbeit das in diesem Buche Gebotene als die geeignete Grundlage erscheinen wird.
Ich gedenke noch mit besonderem Danke der Anregung, die ich bei Abfassung dieses Buches aus einem die Komik betreffenden Aufsatze _Heymans'_ in der Zeitschrift für Psychologie habe schöpfen können.
_Starnberg_, Mai 1898.
Th. L.
INHALT.
I. ABSCHNITT. THEORIEN DER KOMIK.
I. Kapitel. _Theorie des Gefühlswettstreites_. Heckers Theorie. Komik, Lust und Unlust.--Gefühl und Gefühlswettstreit.--Gefühl der Tragik und der Komik.--Gefühlskontrast.--Der Wechsel der Gefühle.--Schadenfreude und gesteigertes Selbstgefühl.
II. Kapitel. _Die Komik und das Gefühl der Überlegenheit_. Hobbes' und Groos' Theorie.--Gefühl und Grund des Gefühls.--Allerlei ästhetische Theorien.--Die Komik des Objektes und meine Überlegenheit.--Überlegenheit und "Erleuchtung".--Das Wesen der "Überlegenheit".--Zieglers Theorie.
III. Kapitel. _Komik und Vorstellungskontrast_. Kräpelins "intellektueller Kontrast".--Wundts Theorie.--Verwandte Theorien.
II. ABSCHNITT. DIE GATTUNGEN DES KOMISCHEN.
IV. Kapitel. _Die objektive Komik_. Kontrast des Grossen und des Kleinen.--Nachahmung und Karikatur.--Situationskomik.--Die Erwartung.--Die Komik als Grösse und Kleinheit _Desselben_.
V. Kapitel. _Objektive Komik_. _Ergänzungen_. Das komische "Leihen".--"Selbstgefühl in statu nascendi". Komik und Lachen. --Komik des "Neuen".--Komische Unterbrechung.--Positive Bedeutung der Neuheit.--"Verblüffung" und "Verständnis".
VI. Kapitel. _Die subjektive Komik oder der Witz_. Abgrenzung der subjektiven Komik.--Verschiedene Theorien.--Begriffsbestimmung und verschiedene Fälle.--Witzige Handlungen.--Verwandte Theorien.--"Verblüffung und Erleuchtung" beim Witz.
VII. Kapitel. _Das Naiv-Komische_. Die Theorien.--Die drei Arten der Komik.--Möglichkeiten des Naiv-Komischen.--Kombination der drei Arten der Komik.--"Verblüffung und Erleuchtung" beim Naiv-Komischen.
III. ABSCHNITT. PSYCHOLOGIE DER KOMIK.
VIII. Kapitel. _Das Gefühl der Komik und seine Voraussetzung_. Komik als "wechselndes" oder "gemischtes" Gefühl.--Die Grundfarbe des Gefühls der Komik.--"Psychische Kraft" und ihre Begrenztheit.--Genaueres über die "psychische Kraft".--"Aufmerksamkeit". "Psychische Energie".--Die besonderen Bedingungen der Komik.
IX. Kapitel. _Das Gefühl der Komik_. Gesetz des Lustgefühls.--"Qualitative Übereinstimmung" als Grund der Lust.--"Quantitative Verhältnisse".--Gefühl der "Grösse".--"Grösse" und Unlust.--Gefühl des "Heiteren".--Das überraschend Grosse.--Das überraschend Kleine. Die Komik.
X. Kapitel. _Das Ganze des komischen Affektes_. Umfang und Erneuerung der komischen Vorstellungsbewegung.--Rückläufige Wirkung der psychischen "Stauung".--Hin- und Hergehen der komischen Vorstellungsbewegung.--Das Ende der komischen Vorstellungsbewegung.--Einzigartigkeit des komischen Prozesses.
XI. Kapitel. _Lust- und Unlustfärbung der Komik_. Primäre Momente der Lust- und Unlust.--Qualitative Übereinstimmung und quantitativer Kontrast.--Ausserkomische Gefühlsmomente.--Besonderheit der naiven Komik.
IV. ABSCHNITT. DIE UNTERARTEN DES KOMISCHEN
XII. Kapitel. _Die Unterarten der objektiven und naiven Komik_. Stufen der objektiven Komik.--Situations- und Charakterkomik.--Natürliche und gewollte Komik.--Possenhafte, burleske, groteske Komik.
XIII. Kapitel. _Die Unterarten der subjektiven Komik_. Allgemeines.--Der Wort- oder Begriffswitz.--Die witzige Begriffsbeziehung.--Das witzige Urteil.--Die witzige Urteilsbeziehung.--Der witzige Schluss.
V. ABSCHNITT. DER HUMOR.
XIV. Kapitel. _Komik und ästhetischer Wert_. Allgemeines über "ästhetischen Wert".--Erkenntniswert und ästhetischer Wert.--"Verständnis" des Kunstwerkes.--"Kunstwert".--Die Komik als "Spiel".--Arten von Gegenständen des Gefühls überhaupt.--Der Wert der Komik kein ästhetischer Wert.
XV. Kapitel. _Die Tragik als Gegenstück des Humors_. Die Tragik als "Spiel".--Tragik und "ästhetische Sympathie".--Volkelts ausserästhetische Begründung der Tragik.--Das Specifische des tragischen Genusses.--Weitere ästhetische Wirkungen des Konfliktes.--Ästhetische Bedeutung des Bösen.
XVI. Kapitel. _Das Wesen des Humors_. Lazarus' Theorie.--Naivität und Humor.--Humor und "psychische Stauung".
XVII. Kapitel. _Arten des Humors_. Die Daseinsweisen des Humors.--Humor der Darstellung.--Stufen des Humors.--Unterarten des Humors.--Die humoristische Darstellung und der Witz.
XVIII. Kapitel. _Der objektive Humor_. Unentzweiter Humor.--Satirischer Humor.--Ironischer Humor.
I. ABSCHNITT. THEORIEN DER KOMIK.
Die Psychologie der Komik kann ihre Aufgabe auf doppeltem Wege zu lösen versuchen. Komisch heissen Gegenstände, Vorgänge, Aussagen, Handlungen, weil sie ein eigenartiges Gefühl, nämlich eben das Gefühl der Komik in uns erwecken. Das Wort "komisch" will, allgemein gesagt, zunächst nicht wie das Wort "blau" eine Eigenschaft bezeichnen, die an einem Gegenstände angetroffen wird, sondern die Wirkung angeben, die der Gegenstand auf unser Gemüt ausübt. Freilich muss dieser Wirkung irgendwelche Beschaffenheit des Gegenstandes zu Grunde liegen. Insofern dies der Fall ist, heisst dann auch die Beschaffenheit selbst oder der Träger derselben komisch.
Darnach scheint der naturgemässeste Weg zur Bestimmung des Wesens der Komik, dass man erst jene Wirkung feststellt, also das Gefühl der Komik in seiner Eigentümlichkeit zu begreifen sucht, um dann zuzusehen, welche Besonderheiten der Gegenstände diese Wirkung nach psychologischen Gesetzen ergehen können, bezw. wie sie dieselbe ergeben können.
Daran müsste sich natürlich die Probe auf das Exempel anschliessen, d. h. es müsste festgestellt werden, inwiefern die thatsächlich gegebenen Arten des Komischen diese Besonderheiten an sich tragen.
Andererseits hindert doch nichts, auch in anderer Weise die Untersuchung zu beginnen. Das Gefühl der Komik ist ein so eigenartiges, dass wir im gegebenen Falle kaum zweifeln können, ob wir einen Gegenstand, ein Verhalten, ein Ereignis, eine Gebärde, Rede, Handlung unter die komischen zu rechnen haben. Darauf beruht die Möglichkeit, zunächst von diesen _Gegenständen_ auszugehen. Wir fassen dieselben ins Auge, analysieren sie, vergleichen die verschiedenartigen Fälle, variieren die Bedingungen, und gelangen so zu den Momenten, auf denen die Wirkung beruhen muss. Auch hier ist dann eine Probe erforderlich. Wir müssen uns überzeugen, ob diese Momente auch nach allgemeinen psychologischen Gesetzen die komische Wirkung hervorbringen können, bezw. wiefern sie dazu fähig sind. Darin ist dann die Analyse des Gefühls der Komik schon eingeschlossen.
Diese beiden Wege unterscheiden sich nicht hinsichtlich dessen, was zu leisten ist, sondern lediglich hinsichtlich des Ausgangspunktes. Offenbar hat aber der zweite Weg insofern einen Vorzug, als man dabei von vornherein in den Gegenständen der Komik einen sicheren Halt hat. Im Übrigen wird individuelle Neigung und Befähigung die Wahl des Wegs bestimmen, oder zum Mindesten darüber entscheiden, ob die eine oder die andere Weise der Untersuchung vorherrscht.
I. KAPITEL. THEORIE DES GEFÜHLSWETTSTREITES.
HECKERS THEORIE. KOMIK, LUST UND UNLUST.
Achten wir auf die Geschichte der Psychologie und Ästhetik des Komischen in unseren Tagen, so sehen wir den ersten jener beiden Wege am entschiedensten eingeschlagen von _Hecker_ in seiner "Physiologie und Psychologie des Lachens und des Komischen", Berlin 1873. Dagegen tritt die andere Weise deutlicher hervor bei _Kräpelin_, dem Verfasser des Aufsatzes "Zur Psychologie der Komik" im zweiten Bande von _Wundts_ "Philosophischen Studien". Hiermit habe ich zugleich diejenigen Arbeiten bezeichnet, die bisher--abgesehen von den Aufsätzen, als deren Umarbeitung und Erweiterung diese Schrift sich darstellt--, mit der Psychologie der Komik am eingehendsten sich befasst haben.
Wie leicht der Versuch, das Gefühl der Komik in seiner Eigenart zu begreifen, ohne dass man von vornherein an den Gegenständen der Komik einen festen Halt sucht, in die Irre führen kann, zeigt _Hecker_ deutlich. Er meint das Gefühl der Komik zu analysieren. Statt dessen dekretiert er es.
Für Hecker ist das Gefühl der Komik ein "beschleunigter Wettstreit der Gefühle" d. h. ein "schnelles Hin- und Herschwanken zwischen Lust und Unlust". "Von einem Punkte aus sehen wir plötzlich und gleichzeitig zwei verschiedene unvereinbare Gefühlsqualitäten (Lust und Unlust) in uns erzeugt werden." Dass sie von einem Punkte aus und darum gleichzeitig erzeugt werden und doch unvereinbar sind, dies bedingt nach _Hecker_ den Wettstreit. In diesem Wettstreit würde die schwächere der beiden Qualitäten unterdrückt werden, wenn eine erhebliche Verschiedenheit der Gefühle hinsichtlich ihrer Stärke bestände. Eine solche besteht aber nach _Hecker_ nicht. Die konträren Gefühle sind von "annähernd gleicher Stärke". Daraus ergiebt sich die Notwendigkeit des Hin- und Hergehens. Dasselbe wird zum schnellen Hin- und Hergehen, zum beschleunigten Wettstreit in diesem Sinne, wegen der Plötzlichkeit der Wirkung. Das Gefühl der Lust, das ursprünglich dem der Unlust nur die Wage hielt, erscheint in diesem plötzlich erzeugten Wettstreit durch Kontrast gehoben, so dass in der schliesslichen Gesamtwirkung die Lust überwiegt.
Den Inhalt dieser Erklärung sucht _Hecker_ zu stützen, indem er auf das Phänomen des Glanzes verweist. Wenn dem einen Auge eine schwarze, dem andern an derselben Stelle des gemeinsamen Sehfeldes eine weisse Fläche dargeboten wird, so ergiebt sich unter Umständen das Gesamtbild einer glänzenden schwärzlichen Fläche. Die beiden monokularen Bilder können, so wie sie sind, nicht an derselben Raumstelle gleichzeitig gesehen werden. Sie können wegen der Selbständigkeit, welche sie besitzen, auch nicht einfach zu einem Mittleren, also zum Bilde einer grauen Fläche verschmelzen. Sind keine Bedingungen vorhanden, welche das eine der Bilder vor dem andern bevorzugt sein lassen, so fehlt endlich auch die Möglichkeit, dass das eine durch das andere auf längere Zeit verdrängt werde. So bleibt nach _Hecker_ nur übrig, dass die Wahrnehmung zwischen beiden mit grosser Schnelligkeit hin- und herzittert; und dies Hin- und Herzittern, meint _Hecker_, sei der Glanz.
In gleicher Weise nun sollen auch annähernd gleich starke Gefühle der Lust und Unlust, die gleichzeitig gegeben sind, nicht nebeneinander bestehen, noch zu einem mittleren Gefühle verschmelzen können, sondern zu schnellem Wechsel genötigt sein. Und in diesem Wechsel soll das Gefühl der Komik bestehen.
Scharfsinnig ausgedacht mag diese Theorie erscheinen. Schade nur, dass sie gar keinen Boden unter den Füssen hat. Dem Physiologen _Hecker_ erscheint die Analogie zwischen Gefühl der Komik und Wahrnehmung des Glanzes als eine vollständige. Ich sehe in _Heckers_ Meinung nur ein Beispiel dafür, wie leicht es demjenigen, der mit der Eigenart eines Gebietes wenig vertraut ist, begegnet, dass er Erscheinungen, die diesem Gebiete angehören, mit Erscheinungen von völlig heterogener Natur in Analogie setzt und aus dieser Analogie zu erklären meint. Dass auch _Heckers_ Erklärung des _Glanzes_ keineswegs einwandfrei ist, soll dabei nicht besonders betont werden.
Thatsächlich ist freilich auch nach _Heckers_ Darstellung die Analogie zwischen Glanz und Komik keine vollständige. Der beschleunigte Wettstreit wird beim Glänze einfach daraus abgeleitet, dass die entgegengesetzten Qualitäten sich die Wage halten, während beim Gefühl der Komik das plötzliche Auftreten des Kontrastes als wesentlich erscheint.
Aber davon wollen wir absehen. Wichtiger ist, dass die Grundvoraussetzung der ganzen Theorie irrig ist. Das Gefühl der Komik gehört der Linie zwischen reiner Lust und reiner Unlust an. Aber es erfüllt in seinen möglichen Abstufungen die ganze Linie, so dass es stetig einerseits in reine Lust, andererseits in reine Unlust übergeht. Wenn jemand eine anerkannte Wahrheit in witziger Form ausspricht, so spielend und doch so unmittelbar einleuchtend, wie es der gute Witz zu thun pflegt; wenn durch einen solchen Witz niemand verletzt oder abgefertigt wird; dann ist das Gefühl der Komik, das sich daran heftet, zwar durchaus eigenartig, hinsichtlich seines Verhältnisses zu Lust und Unlust aber mit den reinsten Lustgefühlen, die uns beschieden sind, vergleichbar. Wenn andererseits ein Mann sich wie ein Kind beträgt, jemand, der wichtige Verpflichtungen mit viel Selbstbewußtsein übernommen hat, im letzten Momente sich feige zurückzieht, so kann ein Gefühl der Komik entstehen, das von reiner _Unlust_ sich beliebig wenig unterscheidet.
Auch hier darf freilich das Moment der Erheiterung nicht fehlen, wenn wir das Gebahren noch komisch oder "lächerlich" nennen sollen. Aber eine bestimmte Stärke desselben ist dazu nicht erforderlich. Denken wir uns dies Moment schwächer und schwächer, so geht das Lächerliche nicht sprungweise, sondern allmählich in das Verächtliche oder Erbärmliche über.
Das Gleiche gilt von dem "Hohnlachen", mit dem der Verbrecher, der am Ende seiner nichtswürdigen Laufbahn angekommen ist und alle seine Pläne hat scheitern sehen, sich gegen sich selbst und seine Vergangenheit wendet. Auch hierin steckt noch jenes Moment der Erheiterung. Zunächst aber spricht aus diesem verzweiflungsvollen Lachen eben das Gefühl der Verzweiflung, also des höchsten seelischen Schmerzes. Und dieser Schmerz kann sich steigern und die Fähigkeit sich darüber zu erheben und der Sache eine heitere Seite abzugewinnen, sich mindern. So lange dies letztere Moment nicht völlig verschwindet, ist der Verbrecher sich selbst lächerlich, also Gegenstand einer, wenn auch noch so schmerzlichen Komik.
GEFÜHL UND "GEFÜHLSSWETTSTREIT".
Das Gefühl der Komik, das steht uns fest, ist nicht durch ein bestimmtes quantitatives Verhältnis von Lust und Unlust gekennzeichnet. Darüber hätte _Hecker_ schon der einfache Sprachgebrauch belehren können, der ein Lachen bald als lustig, fröhlich, herzlich, bald als ärgerlich, schmerzlich, bitter bezeichnet.
Es können aber auch umgekehrt Lust und Unlust, die "aus einem Punkte erzeugt" sind, recht wohl sich annähernd die Wage halten, ohne dass doch, sei es das Gefühl der Komik, sei es der Wettstreit entsteht, der nach _Hecker_ die Komik machen soll.
Lust und Unlust sollen nicht nebeneinander bestehen und sich zu einem Gesamtgefühl vereinigen können. Und warum nicht? Wegen der Analogie des Glanzes? Aber diese Analogie wird Lust und Unlust schwerlich verhindern, ihren eigenen Gesetzen zu gehorchen.
Sagen wir es kurz: Der ganze _Hecker_'sche Wettstreit der Gefühle ist ein psychologisches Unding. Es giebt in uns gar keine "_Gefühle_", die mit einander in Wettstreit geraten könnten, sondern von vornherein immer nur ein _Gefühl_, genauer: eine so oder so beschaffene Weise, wie uns zu Mute ist, oder wie wir "_uns_" fühlen. Fühlen heisst _sich_ fühlen. Alles Gefühl ist Selbstgefühl. Dies ist eben das Besondere des Gefühls im Gegensatz zur Empfindung, die jederzeit Empfindung von Etwas, d. h. Empfindung eines von mir unterschiedenen Objektes ist. Ich fühle mich lust- oder unlustgestimmt, ernst oder heiter, strebend oder widerstrebend.
So gewiss nun ich in meinem Selbstgefühl mir nicht als eine Mehrheit erscheine, so gewiss giebt es für mich nicht in einem und demselben Momente nebeneinander mehrere Gefühle. Dies hindert nicht, dass ich an dem Gefühl oder Selbstgefühl eines Momentes mehrere _Seiten_ unterscheide, so etwa, wie ich auch an einem Klange, diesem einfachen Inhalte meines Bewusstseins, verschiedene Seiten, nämlich die Höhe, die Lautheit und die Klangfarbe unterscheide. Aber diese verschiedenen Seiten sind eben doch nur verschiedene Seiten eines und desselben an sich _Einfachen_.
Ich fühle mich etwa in einem Momente lustgestimmt. In der Lust aber liegt zugleich ein gewisser Ernst. Andererseits ist damit ein Streben oder Sehnen "verbunden". Dann habe ich doch nicht drei Gefühle, so wenig ich drei Töne höre, wenn mein Ohr eine Tonhöhe und mit ihr "verbunden" eine bestimmte Lautheit und eine bestimmte Klangfarbe vernimmt. Sondern ich fühle Lust, aber die Lust ist nicht Lust überhaupt, sondern Lust von eigentümlich ernster Art. Und wiederum ist diese ernste Lust nicht ernste Lust überhaupt, sondern zugleich Lust mit einem Charakter des Sehnens. Oder umgekehrt gesagt, das Sehnen oder Streben ist ein lustgestimmtes und ernstes.
Dem entspricht auch der eigentliche psychologische Sinn der Lust. In dem einen Gefühl giebt sich mir jedesmal der _Gesamtzustand_ meines psychischen Lebens, der immer nur einer sein kann, in gewisser Art unmittelbar kund. Oder genauer gesagt: Es giebt sich mir darin eben die--freie oder gehemmte--_Weise_ kund, _wie_ sich die mannigfachen Vorgänge und Regungen in mir zu einem psychischen Gesamtzustande vereinigen. Nichts ist unrichtiger als die Vorstellung, dass jemals ein Gefühl, so wie Gefühle in uns thatsächlich vorzukommen pflegen, an einer einzelnen Empfindung oder Vorstellung oder auch an einem einzelnen Komplex von solchen, hafte. Nichts ist unzutreffender als die Lehre vom "Gefühlston" einer Empfindung oder Vorstellung, wenn damit eine solche Meinung sich verbindet.
Dies schliesst nicht aus, dass dennoch ein Gefühl an bestimmten einzelnen Empfindungsinhalten oder Komplexen von solchen in gewissem Sinne "haften" könne und als an ihnen haftend sich uns darstelle. Wir müssen nur wissen, was wir damit meinen und einzig meinen können. In dem gesamten psychischen Leben eines Momentes sind nicht alle Elemente psychisch gleichwertig. Sondern die einen treten beherrschend hervor, die anderen treten zurück. Und es treten in aufeinanderfolgenden Momenten bald diese bald jene Elemente hervor oder zurück. Damit ändert sich auch das Gefühl. Es gewinnt jetzt diesen, jetzt jenen Charakter. Es wandelt sich etwa, indem ein bestimmter psychischer Inhalt, eine bestimmte Empfindung oder Vorstellung, hervortritt, ein Gefühl, das Lustcharakter besass, in ein unlustgefärbtes, und diese Färbung wird immer deutlicher, jemehr jener bestimmte Inhalt hervortritt. Dann kann ich sagen, es hafte diese Unlustfärbung meines Gefühles, oder auch: es hafte ein Gefühl der Unlust an diesem Inhalte. Das einheitliche oder einfache Gesamtgefühl bleibt dann doch durch den psychischen Gesamtzustand bedingt. Nur ist zugleich eben dieser psychische Gesamtzustand vorzugsweise durch jenen bestimmten, in ihm hervorstrebenden _Inhalt_ bedingt.
Darnach giebt es auch keinen Wettstreit der Gefühle. Man muss in Wahrheit etwas anderes meinen, wenn man diesen Ausdruck gebraucht. Und was man einzig meinen kann, das ist der Wettstreit der _Vorstellungen_, an denen verschiedene Gefühle im oben bezeichneten Sinne des Wortes "_haften_". Ein solcher Vorstellungswettstreit besteht ja thatsächlich. Es geschieht nicht nur, wie oben gesagt, dass Vorstellungen hervortreten, andere zurücktreten, sondern das Hervortreten einer Vorstellung bedingt das Zurücktreten anderer. Und damit vollzieht sich zugleich, wie gleichfalls bereits bemerkt, ein Wechsel der Gefühle, genauer ein Wechsel in der "Färbung" _des_ Gefühls.
Nehmen wir aber jetzt versuchsweise an, auch _Hecker_ wolle eigentlich von einem Wettstreit der _Vorstellungen_ reden. Dann erscheint doch der Irrtum, in dem _Hecker_ sich befindet, nicht geringer. Nach _Hecker_ müssten Vorstellungen, die "von einem Punkte aus", also gleichzeitig erzeugt werden, in Wettstreit geraten, also sich wechselseitig verdrängen, wenn oder weil sie eine entgegengesetzte Färbung des Gefühles bedingen. Aber dies trifft nicht zu. Der Vorstellungswettstreit hat an sich mit dem Gegensatz der Gefühle gar nichts zu thun.
Vorstellungen geraten in Wettstreit einmal, weil sie einander fremd sind, d. h. in keinem Zusammenhang miteinander stehen; zum anderen, zugleich in anderer Weise, weil sie miteinander unverträglich sind, also sich wechselseitig ausschliessen. Vorstellungen nun, die von einem Punkte aus erzeugt sind, können, eben weil sie von einem Punkte aus erzeugt sind, einander niemals völlig fremd sein. Sie sind es um so weniger, je mehr sie von einem Punkte aus erzeugt sind. Und ob Vorstellungen sich ausschliessen oder nicht, dies hängt keineswegs von den an ihnen haftenden Gefühlen ab. Die Vorstellungen, dass ein Objekt jetzt hier, und dass dasselbe Objekt jetzt dort sich befinde, schliessen sich aus. Dies heisst doch nicht, dass die eine Vorstellung von Lust, die andere von Unlust begleitet sei. Und umgekehrt: Die Vorstellung, dass ein Objekt eine schöne Form und zugleich eine hässliche Farbe habe, vertragen sich vortrefflich miteinander, obgleich die schöne Form Gegenstand der Lust, die hässliche Farbe Gegenstand der Unlust ist.
Geraten aber Vorstellungen, die von einem Punkte aus erzeugt und einerseits von Lust, andererseits von Unlust begleitet sind, nicht miteinander in Wettstreit, so ist auch kein Grund zum Wechsel des Gefühles. Sondern es entsteht ein einziges in sich gleichartiges Gefühl, in dem beide zu ihrem Rechte kommen.
GEFÜHL DER TRAGIK UND DER KOMIK.
Hierfür giebt es allerlei Beispiele, auf die _Hecker_ hätte aufmerksam werden müssen. Psychologie ist doch nicht ein Feld für blinde Spekulationen, sondern für die Feststellung von Erfahrungsthatsachen, und für sichere Schlüsse aus solchen.