Komet und Weltuntergang

Part 7

Chapter 73,315 wordsPublic domain

Wie man sich das nun im einzelnen ausmalen mag: jedenfalls gibt diese Kette offensichtlicher elektromagnetischer Zusammenhänge zwischen Sonne und Erde und ihre Wirkung bei uns einen _vagen_ Anhalt, was auch ein Kometenschweif als irgendwie elektrisch tätiger »Scheinwerfer« bei uns erzeugen _könnte_.

Nehmen wir an, auch er enthält elektrisch erregte Teilchen, so wäre es immerhin denkbar, daß auch sie bei ihrer Mischung mit unserer Erdatmosphäre, wenn denn sonst bei ihrer Winzigkeit absolut nichts, so doch einen gewissen »elektromagnetischen Sturm« erregten, also unsere Magnetnadeln ausschlagen ließen, unsern elektrischen Betrieb momentan durch unkontrollierbare Erdströme störten und (als sinnfälligsten Effekt) vielleicht bis in unsere dichtesten Kulturbreiten hinein brillante bunte Nordlichter aufflammen ließen.

Wenn ein besonders großer Sonnenfleck das kann, indem er uns vielleicht über zwanzig Millionen Meilen fort einen besonders langen elektromagnetisch geladenen, aber sonst für uns ganz unsichtbaren Koronastreifen zuschickt, bei dessen Berührung hier unten alles dieser Kraft speziell Untertane zittert, wie toll verkehrt klingelt und endlich den Himmel mit zuckenden magnetischen Strahlen rötet: warum soll _das_ nicht der Komet auch vielleicht vollbringen? Vielleicht! Bewiesen ist es natürlich nicht.

Möglich ist ja, daß solcher Komet in seiner Sonnennähe wie eine Art Konzentrierer und Kondensator der ausfließenden Sonnenkraft selber wirkt. Nach Arrhenius würde er massenhaft in nächster Sonnennähe elektrisch geladenen Koronastaub der Sonne direkt an sich ziehen und nachher im Strahlungsdruck konzentriert wieder auspulvern gegen die Planeten hin: hier wirkte er also tatsächlich wie eine Art Scheinwerfer für Sonnenenergie.

Es ist auch bereits behauptet worden, daß die Kometenschweife sich stärker entwickelten in Jahren der Sonnenflecken-Maxima, sei es, daß sie dann mehr direkten Eruptionsstaub der Sonne zu ihrem Eigenmaterial noch hinzuerhielten, sei es, daß die dann ohnehin stärker ausströmende elektrische Wirkung sie bloß auf stärkere Strecken hin zum elektrischen Leuchten brächte und so den Schweif größer erscheinen ließe.

Ein Grund aber, sich diese problematische elektromagnetische Wirkung abnorm groß vorzustellen, liegt jedenfalls wieder nicht in dem ganzen Sachverhalt.

Wenn es im höchsten Grade wahrscheinlich, ja so gut wie gewiß ist, daß wir früher schon so und so oft durch Kometenschweife hindurchgegangen sind (_jeder_ Komet, der für uns _vor_ der Sonne herging und einen _langen_ Schweif hatte, kommt ja historisch dafür in Betracht), so haben wir damals eben überhaupt nie etwas gemerkt (es sei denn Nordlichter, die man früher aber nirgendwo einzuregistrieren wußte und deshalb durchweg überhaupt nicht registrierte), einfach, weil unsere Technik noch nicht mit elektromagnetischen Feinapparaten arbeitete. Wie jung diese Arbeit ist, lehrt klärlich wohl die kleine Reminiszenz, daß bei der vorigen Wiederkehr des Halley-Kometen, 1835, eben zwei Jahre verflossen waren, seit zum erstenmal und zunächst rein als Privatexperiment zwei Göttinger Gelehrte, Gauß und Weber, zwischen der Sternwarte und dem physikalischen Kabinett ihres Göttingen eine elektrische Telegraphenverbindung primitivsten Stils hergestellt hatten.

Wichtig ist aber auf _jeden_ Fall, daß auf diese Symptome, und seien sie noch so geringfügig, _geachtet_ werde. Nicht als Angstobjekt, sondern als willkommenes kosmisches Experiment sollen wir diese Kometennacht verstehen und werten.

Von der schönen Treptower Volkssternwarte, die gewiß zu den edelsten Errungenschaften kulturell ersprießlicher Wissenschaft gehört, die wir in den 76 Jahren seit dem letzten Halley-Termin gewonnen haben, wird dabei besonders aufgefordert, es möchten doch in der Nacht vom 18. zum 19. Mai und tunlichst schon etwas vorher auf der Erde alle Versuche mit den Apparaten der elektrischen Wellentelegraphie unterbleiben, damit sich eventuelle elektrische Wirkungen des Kometen als solche von den fein gestimmten Empfangsapparaten ablesen ließen.

Und so gibt es noch mehrere andere Punkte, auf die auch gerade von dort her besonders aufmerksam gemacht worden ist als auf Dinge, die sorgsam zu beachten wären.

Ob eine abnorme Aufhellung des Himmels einträte.

Ob sich besondere bunte Dämmerungserscheinungen hinterher geltend machten, die auf das Eindringen allerfeinster Staubteilchen in unsere oberen Luftschichten deuten könnten.

Ob Änderungen an dem sogenannten Zodiakallicht, einem für gewöhnlich schon recht rätselhaften Lichtkegel, der sich gelegentlich am Abend- oder Morgenhimmel zeigt, merkbar würden.

Ob »leuchtende Nachtwolken«, d. h. ungewöhnlich silberglänzendes Cirrusgewölk, das in außerordentlichen Höhen schwebt und mit dem es auch irgend eine ganz aparte Bewandtnis zu haben scheint, sich gerade jetzt wieder sehen ließen.

Bei fast allen diesen Dingen kann auch jeder Laie registrieren helfen.

Auch wenn es nicht wahrscheinlich ist, daß der Kometenschweif selber diesmal vermehrtes Sternschnuppenmaterial liefert, so sollten doch auch Sternschnuppen und größere meteorische Feuerkugeln mit größter Sorgfalt nach Zeit und Ort aufgezeichnet werden, und es sollte das Material, auch wenn es wirklich noch so geringfügig erscheint, einer Sternwarte zugesandt werden.

Arbeit, kleine Arbeit gilt es da mitzutun. Aber aus solcher Arbeit, Stein um Stein und seien sie klein wie Meteorstäubchen, baut sich die Forschung, -- nicht aus vergänglichen Sensationen.

Ob ein vielleicht zu erwartender elektromagnetischer Kleinsturm auch auf unsere Witterung einen bescheidenen Einfluß haben könnte? Ob eine bestimmte jähe barometrische Luftdrucksänderung wenigstens ein _schwacher_ Hilfsanlaß zu dem einen oder andern etwas intensiveren lokalen Vulkanausbruch oder Erdbeben werden könnte?

Anhalt haben wir gerade dafür _nicht_.

Ein Einfluß jener elfjährigen Sonnenfleckenperiode auf unsere irdischen Witterungsverhältnisse ist _bisher_ nicht sicher nachgewiesen. Daß wir im ganzen heute auf eine Epoche stärkeren Vulkanismus wie (im Zusammenhang mit vielleicht wieder einsetzender Gebirgsbildung) stärkerer Erdbeben losgehen, ist an sich wahrscheinlich (daher Martinique, Messina und so weiter), es fragt sich aber durchaus, ob da der Barometerstand des Augenblicks wirklich im größeren Sinne mitspielen kann, und abermals fragt sich, ob elektromagnetische Erdstörungen nun wieder diesen Barometerstand beeinflussen.

Schließlich: hier überall könnten wir nur lernen, und wir _wollen_ lernen. Gibt die Kometenkrisis einen besonders heftigen Wettersturz, so wäre das eine lehrreiche Tatsache. Wahrscheinlich nach dem bisher Vorliegenden ist sie nicht, aber dieses »Vorliegende« ist stets nur ein »Vorbericht«. Unfehlbar ist sein Votum nie.

Ja: unfehlbar!

Hier wollen wir natürlich nicht ins Übertriebene fallen.

Alle Forschungsergebnisse bis heute sind nur ein Annäherungswert.

Es kann schlechterdings Unbekanntes geben, das die Erde, das Sonnensystem, die ganze Fixsternwelt in diesem Moment, da diese Zeile gelesen wird, in unfaßbaren Hitzegraden zu Gas verflüchtigt. Es kann. Die Forschung gibt ihre Argumente, zu mehr ist sie nicht verpflichtet. Der Arzt kann einen Menschen untersuchen und für kerngesund erklären und er kann im nächsten Moment am Herzschlag sterben. Die Erde kann im Moment, da wir auf den Kometen warten, durch eine unzusammenhängende Katastrophe, die von Alpha Zentauri über acht oder zehn Billionen Meilen zu uns herübergreift, vernichtet werden. Jeder von uns kann in Monte Carlo die Bank sprengen; damit zu rechnen ist aber nicht empfehlenswert, obwohl diese Wahrscheinlichkeit sicherlich sehr viel geringer ist, als daß eine Welt, die seit hundert und mehr Jahrmillionen ohne kosmische Katastrophe sich glatt weiterentwickelt hat, gerade uns Eintagsfliegen dieser lebenden Menschengeneration den Gefallen tun sollte, unterzugehen.

* * * * *

Herr Professor Semmler zu Halle um 1770 betonte (es ist erzählt), daß Kometen keinen direkten physischen Einfluß auf unsere Reiche, Republiken und Regierungen hätten, daß es hingegen dem beschaulichen Menschen frei stehe, sich bei ihnen das eine oder andere Erbauliche auch ohne besonderen Zusammenhang ins Gedächtnis zu rufen. Der Mann hat in einem Punkte recht.

Wenn wir heute beinah etwas betrübt hinzufügen müssen, daß es auch mit der neueren Sensation des Versengens, Vergiftens, Versalzens und Bombardierens seitens des Kometenschweifs aller menschlichen Voraussetzung nach nichts ist, so muß uns doch unbenommen bleiben, in der kommenden Kometenstunde das eine oder andere zu denken, das zwar keinerlei Zusammenhang mit dem Kometen da oben hat, aber an sich hübsch und nützlich zu denken ist in allen ernsten und guten Stunden.

Mögen wir ein Glas weihen in jenem Moment eben der rastlosen Arbeit, wie sie auch in diesem Ringen des Forschergeistes um die Kometenfrage so denkwürdig zum Ausdruck kommt.

Schließlich ist es doch diese Arbeit selbst, die auch in die dunkelsten Träume eines physikalischen Weltuntergangs den letzten Trost bringen würde.

Denken wir uns, daß ein solcher Untergang in unendlichen Fernen der Zeit, in Billionen oder Trillionen von Jahren, einmal eintreten könnte; nicht durch einen Kometen; aber vielleicht weil die Sonne in ihrem Lauf endlich den ungeheuren Raum doch durchmessen hätte, der sie heute von den nächsten Fixsternen trennt, und einen Zusammenstoß dort erlebte. Wenn wir sehen, was menschliche Geistesarbeit heute schon geleistet hat, so ließe sich, bei gleicher Weiterarbeit, wohl die Frage aufwerfen, was für Intelligenzwesen in jener fernen Zeit unsern Planeten oder unser ganzes System bewohnen würden, Wesen, die aus uns geworden wären, wie wir einst aus Amöben des Urstrandes uns heraufentwickelt haben, aber Wesen, deren Intelligenz und Technik so hoch über unserer heutigen ständen, wie ein Mensch heute über der Amöbe steht. Und es ließe sich fragen, ob diesen fernen Wesen ein solcher Zusammenstoß noch gefährlich werden könnte; ob sie nicht wirklich längst in realer Erfüllung jenes Wallaceschen Märchens vorher Mittel und Wege gefunden hätten, sich, wie vor der Erkaltung dieser Sonne, so auch vor ihrem berechneten Zusammenstoß irgend sonst wohin im All in Sicherheit zu bringen.

Der Gedanke läßt sich aber noch steigern. Sollte solche Möglichkeit nicht gegeben sein oder sollte lange vorher schon die Schicksalsparze den Sonnenfaden oder Erdenfaden abschneiden: auch dann hat die Idee der rastlosen Arbeit etwas Befreiendes.

Wohl wäre _unsere_ Arbeit zunächst zu Ende. Aber nicht die Arbeit der Entwicklung. Aus dem eingestampften, vielleicht wieder zum Nebelfleck verflüchtigten System würde neue rastlos wühlende Naturarbeit sich von neuem stufenweise emporringen, wieder bis zu Leben, bis zu Intelligenz. Und vielleicht würde dieses neue System auf sichereren Verträgen inmitten einer abermals gereinigteren Auslese des Harmonischeren, Passenderen, Angepaßteren beruhen und so eine längere Entwicklungsdauer haben als unseres.

Auch der wildeste Götterdämmerungstraum der Sage schloß immer wieder mit diesem ganz fernen, ganz blassen, aber doch wieder lichteren Bilde. Aus der Asche des Weltenbrandes stieg endlich, endlich doch wieder eine grüne Wiese, wo neue Götter, neue Menschen, gereinigt von der alten Schuld, die goldenen Kugeln wieder fanden und weiterspielten. Auch dem Blick des Naturforschers müßten sich die goldenen Kugeln im All immer wieder fügen aus jedem Zusammenbruch.

Denn das Naturgesetz und die Logik der Werdearbeit stürben in keinem dieser Brände mit.

Und auch ihm bleibt der große Gedanke Darwins, auf alles Kosmische erhöht, daß jeder Einsturz nur eine Stufe der Unvollkommenheit beseitigt, herausreinigt aus der unablässig wachsenden Allgemeinbalance, Allgemeinanpassung, Allgemeinharmonie.

Sie werden aber nichts mehr von uns wissen, diese Kommenden, diese Besseren, diese Geklärteren: so raunt der trübe Gedanke. Die jungen Götter der Sage, die wieder mit neuen goldenen Kugeln spielen, erzählen sich die Geschichte der alten Schuld, die im Weltenbrande gesühnt wurde, als ein wunderbares Märchen. Von uns wird nie wieder einer erzählen; von den eingestampften Opfern eines kosmischen Fortschrittsexperiments.

Vielleicht gibt es aber doch All-Träume, die selbst dem standhalten, wenn auch wir zu träumen wagen.

Im All geht in Wahrheit nichts verloren. Auch keine Form. Nichts, was einmal war. Unser Bild wandert noch nach Äonen mit Lichtpost zu fernen Sternen. Aber es lebt auch verborgen in allem folgenden fort. Wer die Formel weiß, kann es ewig aus seinen Wirkungen wieder zusammensetzen. Nur darum ist ja schon bei uns eigentlich Geschichte möglich. Darum beleben sich die alten Ichthyosaurier wieder vor unserm Blick. Geschichte ist der Triumph der geheimen Allgegenwart aller Dinge.

Auch Sehnsucht nach Geschichte, nach Aufdecken, Wiederfinden der Vergangenheit liegt aber von gewisser Stufe ab in aller Arbeit der Natur. Intelligenz muß immer wieder hierher lenken. Nun denken wir uns Intelligenz unendlich über unserer, die aus wenigen Formeln das ganze Farbenbild der Vergangenheit wieder ablesen, wieder erwecken könnte. Unendliche Zukunftsarbeit würde in diesem Sinne auch eine unendliche Rückwärtsarbeit werden. Ein unendliches Wiederfinden aller abgerissenen Fäden über noch so viel Weltenbrände hinaus. Was haben aber auch wir eigentlich schon mehr als das in unserm individuellen Leben, jeder von uns, innerhalb unserer eigenen Kultur: als ein rastloses Arbeiten im Augenblick, in dem gerade bei uns die große Naturflamme lodert; und ein Hörensagen von andern vor uns, die keiner mehr direkt sieht, eine Geschichtstradition von früheren, toten Generationen, denen die Fackel aus der müden Hand gesunken ist; das muß uns genügen und genügt uns doch zu frohem Tagesschaffen. Ob die Nacht zwischen dir und diesem oder jenem alten Forscher und Denker nun nicht bloß durch Menschengräber und Kinderlachen, sondern wirklich durch Weltenstürze und neue goldene Weltkugeln geht: was würde es ändern?

Hinter allem aber (darauf weihe auch dein Glas, sei es nun wirklicher Goldwein oder bloß Geistestrank) muß zuletzt doch das große Naturgeheimnis bleiben, mit seinem dunkeln Auge, das immer gleichmäßig auf uns weilt, das nie zuckt, was sich auch vollziehe. Es muß jeden einzelnen von uns über kurz oder lang aufnehmen. Stellen wir ihm auch die Menschheit anheim. _Wenn_ einer es je einmal zur Antwort bringt, kann das auch nur in der Linie unendlicher rastloser Arbeit geschehen. Dann löst diese Arbeit es aber rückwärts für uns alle mit. In diesem dunkeln Auge des Geheimnisses finden wir uns alle wieder ...

Das sind Gedanken, die jetzt mit dem Kometen wirklich nicht mehr zu tun haben, als daß auch sie etwas durch Neptunsweiten schweifen.

Bleiben wir näher. Sagen wir uns, daß dieses silberne Wölkchen da oben nun abermals seine 76 Jahre von uns fern weilen wird, uns so lange aus dem Gesichtskreise verlieren wird.

Nehmen wir ihn als alten Menschenfreund und alten Menschenkenner, diesen einsamen Weltenwanderer da droben, der schon so viel mit uns durchgemacht hat, so viel Menschenglauben und Menschentand hat zerschellen und immer doch (wir hoffen es) etwas saure Menschenarbeit hat triumphieren sehen. Was wird er finden, wenn er nach seinen 76 Jahren wiederkehrt?

Ein Glas dem Problematischen, das doch noch in all unserer Wissenschaft steckt. Ein Klang der einen großen Wahrheit, daß noch niemand ganz recht hat; daß noch keine unserer Weltanschauungen ganz recht haben _kann_; und daß zum _Glück_ noch keine ganz recht hat. Was wird er finden?

Wird unsere Naturforschung in 76 Jahren ganz zur äußerlichen Technik geworden sein, die sich von allen _tiefsten_ Denkwerten abgelöst hat? Oder wird sie den Anschluß gefunden haben, der für ihren höheren Menschheitswert der entscheidende sein muß: an eine echte idealistische Weltansicht? Oder ist das noch zu früh?

Werden wir einen neuen Humanismus erhalten, in dem auch die Naturforschung, die einst vergessen worden war, ihre Stätte findet, nicht als verrohende Macht, sondern veredelt, geläutert vom humanistischen Gedanken?

Und wird dieser erweiterte, verklärte Humanismus nicht beschränkt bleiben auf die Gelehrtenzelle, sondern eine wärmende Sonne werden für das ganze Volk?

Wird in 76 Jahren die Sternwarte, zu der wir jetzt wandern, um dieses kleine unheimliche Silberfederchen, das da im eisigen Raum treibt, anzustarren, eine ethische Erziehungsstätte sein?

Es ist die letzte Strandwelle des alten Glaubens, daß der Komet etwas prophezeien könne, was in solchen Fragen lebt. Er prophezeit aber nichts. Nur die Kraft und die Tat und die Arbeit prophezeien. Als die Menschheit _seine_ Wiederkehr prophezeite, da war sie bei der Arbeit, da taten die Dinge einen Ruck, da wurden sie größer.

Weltuntergang! Wir wollten trinken und küssen, alle Reserven auftrinken und aufküssen. Es braucht keine Reserven mehr, morgen ist Weltfeiertag.

Und nun soll das alles wieder nichts sein.

Ja wäre es nicht eigentlich doch eine Wohltat gewesen, diese Stimmung in der scheußlichen Langeweile unserer Zeit?

Wir arbeiten so heillos viel, wir haben das Recht, das Arbeiten auch einmal für einen Greuel zu erklären, zwischendurch.

Nun will uns die grämliche Wissenschaft auch das wieder nicht erlauben.

Im elenden Trott sollen wir wieder weiterschuften, immer mit kleinen Sparrationen, wie Südpolfahrer; Vorsicht, morgen ist noch ein Tag und die Woche hat noch fünf, hebt Reserven auf, Reserven für die Enkel und Urenkel.

Gewiß, auch das läßt sich sagen. Aber zuletzt ist es auch nur der uralte Kometen-Pessimismus, der selbst damit nicht zufrieden ist, daß die Welt _nicht_ untergeht ...

Und schließlich glauben wir doch alle nicht daran, wir Menschen von 1910, mit unserer Kraft und unserer Sehnsucht.

Nein. Laßt uns die heilige Kometenstunde (um denn endlich das darin zu finden, was von je wirklich das Grundgegenteil aller Kometengedanken gewesen ist) mit einem stillen Glas und vielleicht einem stillen Kuß auf schöne Lippen dem ewigen Wunder des Gedankens, der Liebe und der Schönheit weihen, dem unbesiegbaren Sonnenzauber dieser alten Welt, den keine kalten Sterne jemals haben bedrohen können.

Und dann ...?

»Worauf«, spricht ein alter Chronikschreiber, der das letzte Wort haben mag, (nachdem sie nämlich wieder einmal vergebens auf den Weltuntergang gewartet hatten) »Worauf alle wieder an ihre Arbeit gingen, als wenn garnichts geschehen wäre.«

Von _Wilhelm Bölsche_ erschien im gleichen Verlage

W. Bölsche, Das Liebesleben in der Natur. Eine Entwickelungsgeschichte der Liebe. Stark vermehrte und umgearbeitete Ausgabe. 2 Bde. 30.-35. Tausend. br. à M. 6.--, geb. à M. 7.50

_Neue Weltanschauung_: Das bekannteste Werk Bölsches erscheint jetzt in einer neuen zweibändigen Ausgabe und zu einem wesentlich _ermäßigten_ Preise, so daß es auch Kreisen zugänglich wird, denen die dreibändige Ausgabe zu teuer war. Daß der Verfasser bei der Neuausgabe alle Fortschritte der Wissenschaft berücksichtigt hat, braucht kaum bemerkt zu werden. Im Mittelpunkt der ganzen Darstellung steht der Grundgedanke, daß der Mensch mit seinem ganzen Wesen im Tierreich wurzelt, daß er ein Teil desselben ist, sich aus ihm im Laufe ungezählter Millionen Jahre historisch entwickelt hat. Der eigentliche Gegenstand des Buches ist eine allgemeinverständliche Darstellung der Zeugungs- und Entwickelungsverhältnisse im Tierreich mit Einschluß des Menschen. Bölsche beschränkt sich dabei nicht darauf, aus der umfangreichen Fachliteratur die einschlägigen Tatsachen herauszusuchen und zusammenzustellen, sondern er betrachtet diese Tatsachen lediglich als ein Gerüst, das seine oft weit ausgreifenden naturphilosophischen, künstlerischen und ästhetischen Ausführungen stützen soll. Da, wo mitunter -- nach Ansicht gewisser Leute -- sogar heikle Dinge berührt werden mußten, läßt der Verfasser auch den Humor zur Geltung kommen. Es ist gewiß keine leichte Aufgabe, für ein Laienpublikum eine solche Entwicklungsgeschichte der Fortpflanzung zu schreiben, und gar ohne Abbildungen.

W. Bölsche, Die Mittagsgöttin. Roman. 2 Bände. 4. Aufl. br. M. 7.--, geb. M. 9.--

_Velhagen & Klasings Monatshefte_: Ein Werk, reich wie das Leben selbst, vom frischesten Wirklichkeitshauch durchweht und doch zugleich von hoher Idealität erfüllt, eine Weltanschauungsdichtung im großen Stil. Humor und Tragik, Pathos und Pikanterie, Realistik und Romantik, Zartes und Derbes in buntem Gemenge, in sprießender Fülle. Charakterzeichnungen von einer Schärfe und Deutlichkeit in jeder Linie und psychologisch so vertieft, daß sie den Vergleich mit keinen anderen Gebilden der neueren Literatur zu scheuen haben. Und als Untergrund ein Mosaik von Großstadt- und Landschaftsschilderungen, in denen sich ebenso glänzend die Akribie des Naturforschers wie die Stimmungsgewalt des Lyrikers offenbart. Die Farbenpracht dieser Schilderungen hat etwas Berauschendes; nur hier und da wirkt die Überfülle des Details ermüdend und verwirrend. Berlin und der Spreewald bilden den Schauplatz des Romans; was diese packenden Gegensätze an Reiz und Inhalt bieten, das hat der Dichter so gut wie ausgeschöpft. Inhaltlich führt der Roman mitten in die Geisteskämpfe der Gegenwart. Seinen Stoff entnimmt er dem spiritistischen Treiben unserer Tage, aber Bölsche erfaßt den Gegenstand tief genug, um in dem Werke die gesamten Gegensätze des heutigen Weltanschauungskampfes widerzuspiegeln. Und dieser Kampf vollzieht sich nicht in einem Für und Wider von abstrakten Deduktionen, sondern in der Seele einer bedeutenden Persönlichkeit, die ein leidenschaftliches Streben nach Wahrheit erfüllt.

Essaybände von Wilhelm Bölsche

W. Bölsche, Naturgeheimnis. 8. Tausend. br. M. 5.--, geb. M. 6.50

_Weserzeitung_: Goethe und Haeckel -- wie oft hat Bölsche diese beiden großen Pioniere schon in seiner eigenartigen geistreichen Weise behandelt und auch im »Naturgeheimnis« bringt er sie wieder zusammen und läßt uns den Gleichklang vernehmen, der durch das Leben und Streben der beiden Forscher gegangen. Diesen volltönenden harmonischen Gleichklang, der aus einer großen Wahrheit hervorschauerte und ständig das Streben der beiden in wundervollen Rhythmen durchklang -- aus der »Grundwahrheit Goethes von der Einheit der Natur«. »Und in dieser Einheit liegt alles, auch das Schöne«. Zu neuen Welten sucht Bölsche neue Wege. In jenem selten gefundenen Gleichbesitz von naturwissenschaftlicher und dichterischer Befähigung erschließen sich ihm unendliche Weiten zu jenen fernen Weihnachtsinseln einer glücklicheren Zukunft, wie in den »Visionen auf dem Palatin«, oder in dem grandiosen »Gespräch mit der Peterskuppel«. Wie die Geheimnisse ihn dort umstellen, dort »wo so unsagbar viel Menschensehnsucht sich verblutet« und er sich dann durch alle die Weltirrungen und Wirrungen hindurchfindet an der Hand der großen Weltlogik und der Naturgesetzlichkeit. So weiht er schließlich die schönste Kuppel der Erde »einer lichteren Zeit, freieren Menschen mit reinerem Sinn«, einer ferneren Zeit, da die Forschung eine religiöse Tat und jeder echte Forscher ein Priester sein wird.

W. Bölsche, Vom Bazillus zum Affenmenschen. 10. Tausend. br. M. 5.--, geb. M. 6.--

_Aus dem Inhalt_: Bazillus-Gedanken -- Wenn der Komet kommt -- Das Geheimnis des Südpols -- Die Urgeschichte des Magens -- Ein lebendes Tier aus der Urwelt -- Der Affenmensch von Java -- Das Märchen des Mars.