Komet und Weltuntergang

Part 6

Chapter 63,316 wordsPublic domain

Wenn der Komet der Schauplatz eigener intensiver elektrischer Prozesse war; wenn in der Sonnennähe außer der wachsenden Sonnengravitation auch die eigenen elektrischen Wirkungen der Sonne sich immer mehr merkbar machten; wenn die Kometenelektrizität und die Sonnenelektrizität gleichartig waren und somit dem Gesetz unterlagen, daß gleichartige Elektrizitäten sich abstoßen: so erhielt man zunächst als Basis überhaupt eine abstoßende Macht. Nahm man nun Kometenteilchen von einer Feinheit der Stoffzerstreuung an, daß diese elektrische Abstoßung die Gravitation in ihnen überbieten mußte, so ließ sich eine abstoßende Fortbewegung im Gegensatz zur Schwererichtung konstruieren, die diese Teilchen als »Schweif« senkrecht von der Sonne aus dem Kern und seinen Wolken in die Planetenräume hinausjagte.

Zöllner hat ähnliche Gedanken später zu einer großen Theorie ausgebaut. Heute kann man sie in der veränderten Symbolsprache moderner Elektrizitätsanschauungen ausdrücken, ohne daß doch das Grundbild, scheint es, dabei ein wesentlich anderes würde. Gewisse leise Schwierigkeiten sind stets in der Art geblieben, wie man sich die volle Übermacht der elektrischen Abstoßung über die Gravitation denken sollte.

Inzwischen ist in neuester Zeit aber noch eine andere sinnreiche Erklärung aufgetaucht, wie man sich bei Annahme ungemein winziger und zerstreuter Teilchen eine solche Abstoßung auch in größter Sonnennähe vorstellen könnte.

Die Schweifmaterie, sagte ich, erscheint so fein und so weitmaschig verpulvert, daß sie durchströmendes Sternenlicht für uns nicht ablenken kann. Aber es fragt sich, ob sie selber gerade in solchem Zustande nicht durch das Licht, das Sonnenlicht in ihrer Sonnennähe, dahingetrieben werden müßte.

Ein ganz alter Kometengedanke kommt hier noch einmal zu Ehren, den fast drei Jahrhunderte Physik verschüttet hatten. Der Satz, den Seneca schon schreibt: »Die Kometenschweife fliehen vor den Sonnenstrahlen«, hatte dem großen Kepler zu denken gegeben. Konnten es nicht die Lichtstrahlen der Sonne selber sein, die den Schweif vor sich herjagten?

Nach der Physik jener Zeit war das »Licht« etwas Körperliches in dem Sinne, daß von der Lichtquelle aus dabei beständig wirkliche winzige Körperchen in den Raum hinausgeschleudert wurden. Jede Kerzenflamme bombardierte uns so mit ihren Lichtkörperchen. Die große Sonne aber entsandte fortgesetzt einen wahren Hagel dieser Art um sich her. Wo diese Körperchen auf einen Widerstand, auf andere, entgegenstehende Körper stießen, da mußten sie prallend einen Stoß, einen Druck ausüben.

Nun, sie waren winzig. Bei irgendwie größeren Dingen im Raum konnte dieses liliputanische Lichthändchen nicht viel wollen. Wenn ich meine Hand einer Kerzenflamme näherte, so fühlte ich den Lichtgegendruck gar nicht, geschweige denn, daß er meine Hand beiseite drücken könnte. Aber wenn man sich entsprechend winzige Einzelkörperchen, etwa ganz, ganz feinen Staub, dachte, auf die einzeln grade so ein Lichtteilchen anprallen konnte, so war doch recht gut denkbar, daß diesmal das Stäubchen vor dem Stäubchen wirklich etwas rückwärts wich.

Nun hielt Kepler zwar den Kometen schon für ein kosmisches Gebilde, aber doch für eine recht lose Wolke. Und wenn nun von dieser Wolke ein Teil im Schweif wirklich gerade vor den Sonnenlichtstrahlen zu fliehen begann: warum sollte es sich da nicht um allerfeinste Teilchen dieser Kometenwolke handeln, die wirklich und wahrhaftig von dem feinen Hagel der Lichtkörperchen dieser Sonne in die Flucht geschlagen wurden? Klein, sehr klein müßten die Kometenteilchen ja dann wohl sein; aber sonst ging die Sache unverkennbar nett, vorausgesetzt, die Lichttheorie mit ihren Körperchen war richtig.

Allerdings war die Gravitationslehre damals noch nicht wissenschaftlich scharf entwickelt, man übersah die Macht selbst noch nicht genügend, der diese Wirkung die Stange halten sollte. Das sollte erst Newton nachholen. Newton selbst aber war wieder der Keplerschen Idee nicht hold, obwohl er an der Lichttheorie in dieser Form noch festhielt.

Wenig später fiel aber dann auch diese ganze Lichttheorie dahin: man faßte das Licht jetzt überhaupt nicht mehr als ein Aussprudeln eigener Lichtkörperchen, sondern entschied sich für eine Wellenbewegung im Äther. Und damit schien der alte Gedanke völlig antiquiert. Ein solches Wellenschaukeln konnte wohl nichts von der Stelle rücken, auch das kleinste Stäubchen nicht.

Euler war der einzige, der im 18. Jahrhundert warnte. _Irgend_einen Druck, meinte er, müßten doch auch solche Lichtwellen ausüben. Es sollte aber noch weit über hundert Jahre dauern, bis einer auch nur darauf wieder zurückkam.

Maxwell tat es tief im 19. Jahrhundert, bei Gelegenheit seiner Revision der ganzen Wellenlehre. Auch ihm schien die Annahme eines solchen »Strahlungsdrucks« wieder unvermeidlich, doch hielt er ihn noch für unmeßbar winzig, so daß auch jetzt die alten Fragen noch nicht wieder eigentlich akut wurden.

Wider Erwarten ließ sich die Messung indessen nachher bewerkstelligen. Für entgegenstehende Stäubchen oder Tröpfchen von gewisser Größe konnte der Strahlungsdruck (der des Lichtes, wie der jeder andern Strahlung) wirklich nicht belanglos sein.

Der bekannte schwedische Physiker Svante Arrhenius legte sich in diesem Punkte dann endlich auf genaues Rechnen.

Er kam zu dem Resultat, daß ein solches Stoffteilchen in der Nähe der Sonne bei dem Gewicht etwa von Wasser einen Durchmesser von rund dem Sechshundertstel eines Millimeters haben müsse, um vom reinen Strahlungsdruck so in seinem Fall nach der Schwere (also auf die Sonne los) gehemmt zu werden, daß es frei und einsam schwebend still stand. Das kleine Händchen der Strahlung hielt in dem Falle der Riesenfaust der Gravitation, die sonst alles zur Sonne riß, mitten im offenen Raum die Wage!

Ging man von da ab dann bei solchem Gegenstäubchen noch im Durchmesser herunter, so begann der Strahlungsdruck allen Ernstes das Stäubchen der Gravitation zum Trotz von der Sonne fortzutreiben.

Bei dem Sechstausendstel eines Millimeters war dieser Gegendruck unter Umständen schon zehnmal so stark wie die Gravitation. Unaufhaltsam wurde das winzige Stäubchen in die Planetenräume hineingetrieben.

Arrhenius hat sehr hübsch ausgemalt, wie das weitere Schicksal eines solchen Schiffleins, das der Lichtdruck dahinbewegt, bei ungestörten Verhältnissen verlaufen müßte.

Das Licht fließt und fließt und drängelt sein Schifflein unaufhaltsam weiter. Wenn ein solches Stäubchen die Erdbahn passierte, so würde es durch den Lichtdruck der Sonne noch immer so bewegt werden, daß es schon nach 20 Tagen den Zwischenraum, der die Erdbahn von der Bahn des Mars trennt, durchschwommen hätte. Nach 80 Tagen überschritte es die Jupiterbahn, nach 14 Monaten die des Neptun. Wenn fremder Strahlungsdruck es nicht in Windstillen und Gegenwind seiner Richtkraft brächte, müßte es nach 9000 Jahren das nächste Fixsternsystem bei jenem Doppelstern Alpha im Sternbilde des Zentauren erreichen.

Der Gedanke hat an sich seine Größe. Er lehrt, wie Materie in stäubchenhaft winzigster Zerstreuung beständig von unserer Sonne zu allen ihren Planeten, ja in ferne Fixsternsysteme getrieben werden könnte.

Wenn ein Planet wie unsere Erde feinsten Staub irgendeiner Art gelegentlich selber aus seiner Atmosphäre verlöre, so müßte auch er an solchen Weltfahrten teilnehmen, einfach, weil das Sonnenlicht auf ihn scheint.

Mancherlei Perspektiven könnten hier auftauchen, die trotz der grenzenlosen Raumesöden, die Sonne und Planeten, Sonnen und andere Sonnen trennen, ein beständiges geheimes Hin- und Herfluten kleinster Stoffteilchen denkbar machen.

Immer freilich gilt die Transportmöglichkeit nur von _sehr_ kleinen Stäubchen. Durch Verminderung des Gewichts (z. B. für allerzarteste Rußflöckchen) könnte man sie noch beweglicher machen. Aber der minimale Durchmesser müßte bleiben. An Körperchen vom Durchmesser eines solchen Sechstausendstels eines Millimeters wären 470 Billionen nötig, um auch nur ein Kubikzentimeter Wasser zu bilden. Immerhin wäre man noch nicht auf der Grenze der Moleküle. So weit dürfte man aber auch gar nicht gehen. Denn ein Molekül ist _so_ winzig, daß das Händchen des Lichtes (bildlich gesprochen) es gar nicht mehr umfassen kann. Dort versagt also der Strahlungsdruck von neuem: reine Moleküle fallen nach der Gravitation genau so wie schwerere Staubteilchen.

Von hier ist nun bloß ein einfacher Schritt (und Arrhenius hat ihn sofort selbst getan), um auf die alte Grundidee Keplers vor den Kometenschweifen zurückzukommen.

Die meteorische Kernwolke des Kometen folgt der Gravitation, stürzt also gegen die Sonne. Eine gewisse Auslese ihrer losen Stoffteilchen aber, die gerade jener kritischen Größe entspricht, wird, je näher das Ganze der Sonne kommt, immer energischer vom Strahlungsdruck dieser Sonne erfaßt und als Schweif umgekehrt aus der Hauptmasse fortgetrieben werden müssen.

Arrhenius denkt in der größeren Kernnähe und bei den kürzeren Schweifen besonders an vereinzelt schwebende Kohlenwasserstofftröpfchen der angesetzten Größe. Bei ihrer Kondensierung sollen elektrische Prozesse, die als solche wieder die Sonne in der Kometenwolke erzeugt, mitwirken, also die gleichen Vorgänge, in deren Gefolge dann auch die abwirbelnde Schweifmaterie noch auf weite, weite Strecken hin wie phosphoreszierend aufglimmt. Für die ganz langen, schier endlosen Schweife dagegen nimmt er nur noch feinste Rußteilchen als eigentliches Objekt des Strahlungsdruckes an, die durch Verkohlung solcher Kohlenwasserstofftröpfchen entstanden sind und bei einem überaus geringen Gewicht mit einer Abstoßungskraft dahinbewegt werden können, die die Schwerewirkung der Sonne um das Vierzigfache übertrifft.

Vor Jahren schon und ohne jede Rücksicht auf die Idee des Strahlungsdrucks hatte nämlich der Astronom Bredichin aus den verschiedenen Schweiflängen der einzelnen Kometen verschiedene Grade der dabei wirkenden Abstoßungskraft zu errechnen gesucht und war dabei für die längsten, am geradlinigsten von der Sonne abgekehrten Schweife auf weit höhere Ziffern als für die kurzen, dicken und sozusagen nur widerwillig gekrümmten gekommen. Ganz folgerichtig riet auch er dabei schon auf verschiedene Substanzen in diesen Abstoßungsklassen, und wenn (wie es wiederholt beobachtet worden ist) ein und derselbe Komet (z. B. der herrliche Donatische von 1858) mehrere ungleich lange und ungleich gerade Schwänze in der Sonnennähe von sich abwirbeln ließ, so schloß er, daß hier verschiedene disponible Kernmaterien sich je nach ihrer verschiedenen Schwere bald mehr, bald weniger dem Abstoßungsdruck entsprechend angeordnet hätten. Das fügte sich jetzt sehr hübsch in Arrhenius' Erklärung ein.

Für unsern praktischen Fall mit dem Halleyschen Kometenschwanz im Mai aber würde es gerade das Entscheidende werden; geht doch hier nicht ein kurzer Kernschweif, sondern gerade recht das fernste Ende eines langen Millionenmeilenschwanzes über uns fort; im Sinne von Arrhenius bekämen wir also wohl nur noch solche allerfeinsten Rußpartikelchen wie vom Schlotqualm eines endlos fern an uns vorbeifahrenden Dampfschiffs ab.

Wie Arrhenius sich die Sache denkt, kann man sich direkt im Experiment vormachen.

In einer nach unsern Kräften luftleer gepumpten Sanduhr (einem alten Stundenglase) läßt man etwas Schmirgelpulver, vermischt mit in Rotglut vorher verkohlten Sporen eines Bovistpilzes von oben nach unten durchlaufen. Gegen den niederrieselnden feinen Staubstrahl richtet man jetzt von der Seite her das durch eine Linse konzentrierte Licht einer elektrischen Bogenlampe. Das schwerere Schmirgelpulver fällt einfach der Gravitation nach abwärts, ohne sich um den Lichtdruck zu kümmern. Die absinkenden Kohlestäubchen dagegen werden eben von diesem Lichtdruck abgelenkt und in langem Schweif zur Seite getrieben. Im engen Bilde erscheint, was der Komet als _ungeheures kosmisches Experiment_ in seinem luftleeren Weltraum uns nach Arrhenius auch nur vormacht! Dem Schmirgel gleich fällt die meteorische Staubmasse des Kernes nach dem Gravitationsgesetz zur Sonne. Die feinen Rußpartikelchen fliehen dagegen unter dem Lichtdruck dieser Sonne als Millionen Meilen langer Schweif dahin.

Auf jeden Fall führen die verschiedensten Wege, wie man sich die Abstoßung denken mag, alle unerläßlich auf eine Schweifmaterie von ganz außerordentlicher Winzigkeit und Zerstreuung des Inhalts.

Keine leiseste Theorie existiert, die solche Abstoßung, sei sie nun elektrischer Natur oder Strahlungsdruck, auch nur noch auf solchen feinen Meteorstaub, wie er in unsern Sternschnuppen verpufft, anwendbar dächte. Es muß sich um eine noch viel, viel minutiösere Stoffauslese handeln.

Kein Gedanke, daß sich etwa ein einheitlicher dicker Giftqualm einschmuggeln könnte, der unsere ungeheure, rasend schnell vorbeibewegte und in ihren tieferen, dichteren Schichten, in denen wir atmen, wie eine Art hygienischen Watteschutzes um die Erde gewundene Atmosphäre völlig durchsetzen könnte.

Keine entfernteste Möglichkeit heißer Dampfstrahlen etwa aus glühendem Wasserstoff oder Eisendämpfen, die der Komet nach Art der Sonnenprotuberanzen zu uns herüberschleudern könnte. Der ungeheure Sonnenball selbst hat wahrlich andere Explosivmittel und Stoffmaterialien als solches Kometenwölkchen zur Verfügung, er wirft unter Umständen wirklich glühende (wenn auch stofflich sehr dünne) Wasserstoffgarben in die Höhe, die siebzigtausend Meilen ansteigen können; keine dieser Sonnenprotuberanzen könnte aber auch nur die Bahn des innersten Planeten, des Merkur, bedrohen, der immer noch rund sieben Millionen Meilen über der höchsten Protuberanz dahinzieht. Um aus einem Kometenschweif eine glühende Wasserstoffprotuberanz zu machen, müßte man den zur Sonne so schwachen Kometenkern aber Garben werfen lassen bis zu zwanzig Millionen Meilen. Das Unsinnige liegt schon so zutage, abgesehen von all den andern Gegengründen.

Das elektrische Glühen der unendlich feinen Schweifmaterie wird man sich auch nur als einen beständigen schwachen Ausgleich zwischen den winzigen Einzelteilchen denken müssen im Sinne des Aufleuchtens der außerordentlich verdünnten Materie in unsern Geißlerschen Röhren.

Es ist ja erstaunlich, in was für Stadien der Verdünnung sich kosmische Körper offenbar befinden können, ohne doch die Fähigkeit des Leuchtens und die Wirksamkeit für unsere Spektralapparate zu verlieren.

Jeder hat von den echten Nebelflecken gehört, ungeheuren Gebilden, in denen leuchtende Gasmassen sich über unfaßbar riesige Gebiete des Raumes ausdehnen. Diese Nebelflecken geben trotz ihrer enormen Entfernung so viel Licht, daß wir sie photographieren können; einzelne, wie der Orionnebel, erscheinen schon in kleinen Fernrohren als imposantes Objekt. Im Spektroskop erkennt man sehr gut auch noch die hellen Linien der Gassubstanzen, die da glühen, und man darf daraus mit Sicherheit auf Wasserstoff, Stickstoff und Helium schließen.

Die ältere Annahme hielt nun auch solchen Nebelfleck für ein echtes höllenhaftes Glutmeer, in dem unsere Erde augenblicklich verpuffen würde wie eine Sternschnuppe. Neuere Astronomen denken dagegen genau umgekehrt an Gase, die leuchten, weil sie so außerordentlich _verdünnt_ sind und bei sehr _niedrigen_ Temperaturen im kalten Raume schweben. Auch hier mag man irgendein elektrisches Glühen vermuten, für das Gase gerade in diesem Zustande besonders geeignet erscheinen. Über die wirklich kolossale Verdünnung kann aber bei den Raumverhältnissen in diesem Falle kein Zweifel sein.

Arrhenius berechnet in einem Nebelfleck, dessen Gas den vielfachen Raum der Neptunbahn einnähme, die Dichte des Gases nur auf ein Billionstel der Dichte unserer Luft. Und doch erscheint der Nebel, in fernen Fixsternräumen schwebend, noch als Lichtgebilde für uns und gibt Stofflinien im Spektralapparat ganz wie ein Komet, der relativ dicht neben uns um unsere Sonne geht!

Dem Laien pflegt durch die allgemein verbreitete Kant-Laplacesche Bildungstheorie die Vorstellung ganz besonders geläufig zu sein, daß unser eigenes Sonnensystem mit all seinen Planeten und Monden einst auch eine einheitliche gashafte Nebelmasse dieser Art gebildet habe, wobei die jetzt zur Sonne und ihren Planeten und Monden geballte Materie sich bis über die Neptunsbahn einheitlich lose ausgedehnt hätte. Scheiner hat gerade das aber gelegentlich auch einmal exakt durchgerechnet, und er hat als Resultat bekommen, daß unsere Atemluft an der Erdoberfläche 240000 Millionen mal so dicht sei, als diese anfängliche Nebelmaterie höchstens gewesen sein könne. Das sogenannte Vakuum unter unsern Luftpumpen, das wir gern stolz als »leeren Raum« bezeichnen, stellt im guten Falle erst ein Hunderttausendstel unserer Luftdichte dar. Man bekommt hier einen Begriff, was wirklich leerer Raum hieße.

Bei jenem 240000 Millionstel unserer Luft stehen wir tatsächlich noch bei realen Körpern, die selbständig leuchten und ein Lichtspektrum geben, das ihre Elemente verrät! Erst weit jenseits dieser Werte würde aber die Welt des Lichtäthers selbst beginnen, auf deren Wellendruck Arrhenius seine Kometenteilchen in den Schweifen dahinsegeln läßt.

Man muß diese Vergleichsbilder kennen, wenn auf der einen Seite ein Forscher sagt, ein Kometenschweif erscheine ihm wie ein »leuchtendes Nichts« ... und auf der anderen Weltuntergangsängste umlaufen, die unter dem gleichen Gebilde sich ein Ding etwa wie eine weißglühende Stange vorstellen, die mit zerschmetternder Vehemenz gegen unsere Erde schlagen wird ...

* * * * *

Resümieren wir also noch einmal unser Los in der kritischen Nacht vom 18. zum 19. Mai.

Nach der vorläufig besten und neuesten Berechnung liegt die eigentlich bedeutsame Nachtstunde für uns in Deutschland _genau zwischen morgens 3 Uhr 22 Minuten und 4 Uhr 22 Minuten_. Sie gehört also nach unserer bürgerlichen Datierung bereits dem 19. Mai an, während der Astronom sie nach seiner Berechnungsart noch zum 18. Mai zählt. Über eventuelle Verschiebungen des engeren Termins werden im letzten Momente ja noch alle Zeitungen wie bei einer wichtigen Theaterpremiere berichten.

In dieser Stunde also geht der Komet genau zwischen der Sonne und unserer Erde durch. In Australien, in der Südsee und in Ostasien wird man direkt beobachten können, wie der Kometenkopf scheinbar in die Sonnenscheibe eintritt, um sie erst nach einer ganzen Stunde des Vorbeipassierens wieder zu verlassen.

Während dieser Stunde aber wird die Erde selbst durch den Kometenschweif gehen, und wenn dieser Schweif angetan wäre, wirklich unsere Atmosphäre mit irgend etwas Schrecklichem zu versetzen, so würde sich dieses Schreckliche dann alsbald unaufhaltsam durch unsern gesamten Luftkreis verbreiten müssen.

Was ist nun in Wahrheit zu erwarten?

Da uns nicht ein Kometenkopf berührt, sondern nur der Ausläufer eines Kometenschweifs, ist es nicht wahrscheinlich, daß wir direkt noch meteorischen Staub von der Stärke in unseren obersten Atmosphäreschichten erhalten, daß ein Sternschnuppenregen auftritt; schade, denn dieses Schauspiel wäre ebenso ungefährlich wie schön, und es lohnte, daß man eine Nacht darum aufbliebe.

Ausgeschlossen sind nach aller bestehenden Theorie sowohl katastrophenhafte Stoßerscheinungen, wie Gefahren durch explosible oder giftige Stoffe.

Denkbar wäre dagegen zu dem kritischen Termin eine bestimmte Sorte irdischer Feinwirkung, die wir diesmal zum erstenmal genau feststellen könnten, weil wir zum erstenmal die nötigen Apparate dafür zur Verfügung haben. Auch ihr geht jeder katastrophenhafte, uns und unsere Technik gefährdende Charakter ab, dagegen handelt es sich um die Möglichkeit von sowohl wissenschaftlich wie technisch wertvollen Feststellungen.

Es wäre nämlich immerhin möglich, daß der Kometenschweif gewisse feine _elektromagnetische Störungen_ auf unserer Erde hervorriefe.

Bekanntlich gibt es auf unserm Planeten höchst eigentümliche zeitweise Störungen und Stürme innerhalb der geheimnisvollen Kraftbetätigungen, die wir elektromagnetische nennen und deren Wirksamkeit wir erst in neuerer Zeit genauer zu erforschen und zu verwerten begonnen haben. Unsere Magnetnadeln geraten dabei in mehr oder minder lebhafte Unruhe. In stärkeren Fällen durchsausen gewaltige elektrische Erdströme die Oberflächenschicht des Planeten und bringen alle unsere Telegraphenleitungen für eine kurze Weile in heillose Unordnung, ja außer jeglicher brauchbaren Funktion. Zugleich wird bis in Gegenden, wo man an dergleichen nicht gewöhnt ist, eine völlig ungefährliche, aber sehr auffällige Lichterscheinung unserer Atmosphäre merkbar, die sich sonst auf eine gewisse Nähe der magnetischen Pole unserer Erde beschränkt: nämlich das sogenannte Polarlicht oder (für unsere Nordhalbkugel) Nordlicht.

Obwohl diese oft plötzlichen und für unsere modernen Verkehrsapparate mindestens momentan lästigen elektromagnetischen »Unwetter« zunächst durchaus irdische Phänomene sind (auch mit Einschluß des Nordlichts), so hat man doch allmählich gelernt, daß bei ihnen irgendein weiterer kosmischer Zusammenhang zweifellos auch noch besteht.

Sie fallen nämlich durchweg zeitlich genau zusammen mit bestimmten Erscheinungen auf der Sonne.

Die Sonne zeigt an ihrer Oberfläche gelegentlich gewisse Anzeichen, die auf eine lebhaftere eruptive Tätigkeit schließen lassen. Als sichtbarlichstes Gebilde gehören (in irgendeinem Zusammenhang, der an sich noch nicht völlig geklärt ist) hierher die Sonnenflecken. Diese Sonnenflecken treten in bestimmten Perioden stärker und dann wieder schwächer auf; bald ist die Sonnenscheibe von ihnen fast bedrohlich besetzt, bald wieder scheinen sie so gut wie ganz zu verschwinden.

Mit großer Sicherheit hat man nun eine elfjährige Periode dieser Art feststellen können, in der einmal eine Steigerung bis zu einem Maximum eintritt, dann aber wieder ein ebenso konsequentes Sinken folgt.

Ganz genau die gleiche elfjährige Periode beobachtet man aber auch in einem bestimmten Schwanken unserer Magnetnadeln. Hier _muß_ ein Zusammenhang bestehen.

Bei bestimmter Häufung und Größe einzelner Sonnenflecken wird dann auch eine unmittelbare Wirkung deutlich. Mit dem Auftreten des Fleckenfeldes auf der Sonne, ja noch enger genau mit dem Moment, da es sich innerhalb der Sonnenrotation gerade unserer Erde senkrecht gegenüberstellt, pflegt bei uns ein erhöhtes elektromagnetisches Gewitter (mit wilden Magnetnadel-Ausschlägen, abnormen elektrischen Erdströmen und starken Nordlichtern) einzutreten.

Die Sonne ist von uns rund 20 Millionen Meilen entfernt. Trotzdem ist es, als greife von ihr in solchem Moment etwas Unsichtbares wie ein Scheinwerferstrahl bis zu uns herüber und störe unsere Apparate.

Man hat wirklich an solche Wurfstrahlen gedacht. Bei den Sonnenfinsternissen sieht man einen sonst unsichtbaren Kranz ungeheurer Stoffstrahlen, die leuchtend weithin von der Sonne auszufließen scheinen, die sogenannte Korona. Es könnte sein, daß bei großen Eruptionen dort solche Strahlen stärker aufschießen und bei bestimmter Einstellung bis zu uns kommen. Unendlich feine Materie jedenfalls, haben sie nichts zu tun mit jenen erwähnten wirklichen glühenden Wasserstoff-Protuberanzen der Sonne, die nie entfernt so weit reichen könnten. Ihre einzige Wirkung, die sie bei uns tun können, ist offenbar nur eben jene ganz feine elektromagnetische, die sich in Magnetnadelschwankungen, Nordlichtern und (nur in unsern feinen Apparaten merkbaren) Erdströmen andeutet. Arrhenius denkt auch hier an feinste Stoffteilchen jener kritischen Größe, die, durch engere Sonneneruptionen zunächst hochgeschleudert und verstreut, dann zum Teil vom Strahlungsdruck bis in die Planetenräume hinausgetrieben und so auch bis zu uns gebracht würden. Die elektrische Ladung dieser Teilchen würde dann die Erdphänomene erklären.