Part 5
Wiederholt hatte man aber schon beobachtet, daß solcher Schnuppenregen in periodischen Abständen sich mehrfach wiederholte. Die Idee lag nahe, daß unsere Erde gelegentlich immer wieder da ein größeres kosmisches Staubgewölk passiere, das sich selber um die Sonne bewege und bei jeder Kreuzung den luftigen Feuerzauber erneue. Lose wie solche Wolke sein mußte und selber bei jedem Durchgang um ein gut Teil ihrer Staubpartikelchen geschmälert, konnte man natürlich hier keine so sichere Gewähr erwarten, wie bei anderen Himmelsgebilden; wie denn wirklich eine Wolke der Art, die im 19. Jahrhundert dreimal in ziemlich genauen Abständen von je 33 Jahren die Himmelsfreunde ergötzt hat, zuletzt, beim vierten Mal, so gut wie ganz wieder ausgeblieben ist. Die Wölkchen von fern schon im ganzen zu sehen und so etwas schärfer zu kontrollieren, dazu waren sie offenbar auch durchweg zu dünn; es ging uns eben wie dem einzelnen mit einem Mückenschwarm, den man zumeist auch erst summen hört, wenn man mit dem Kopf durchgeht.
Kein Zweifel jetzt: eine solche ebenso amüsante, wie harmlose Staubwolke hatte uns auch in dem Moment eingehüllt, da wir die alte Bahn des Bielaschen Ungeheuers schnitten und die Gefahr bestand, daß wir eines der »Jungen«, in die sich sein Kern aufgelöst, in der Schnittstelle anrempeln könnten. Ein Beobachter glaubte sogar die in der Kometenbahn weiterziehende Wolke noch auf einen Moment als Ganzes in direkter Kometengestalt gesehen zu haben, doch ist das strittig geblieben. Daß aber eine kosmische Wolke, die sich als Sternschnuppenregen äußerte, im Moment in der Kometenbahn gestanden hatte, konnte nicht strittig sein.
Die Sache war wirklich sehr eindeutig.
Der Kopf des Bielaschen Kometen hatte sich vor uns wolkenhaft aufgelöst. Im Moment, da wir hinter ihm durchschnitten, gerieten wir in eine kosmische Sternschnuppen-Wolke. Wir hatten einfach einen der Fetzen des Biela-Kerns passiert!
Ganz dem Bilde entsprechend, das die Auflösung früher geboten hatte, war dieser Fetzen loses Material. Da es sich bei jener Auflösung um echte Kerntrennung gehandelt hatte und nicht etwa bloß um Verlieren von Hüllnebeln oder Schwanzmaterial, mußte es Kernmaterial sein. Kometenschwänze liefen ja auch nicht in der Bahnlinie von Kometen selber, sondern nur Kernköpfe; in der Bahnlinie aber hatten wir die Wolke getroffen. Wir hatten also Kometen-Kernmasse erlebt, einen »Zusammenstoß« mit ihr erlebt, und es war ein absolut harmloser Sternschnuppenregen geworden!
Es gibt wenige astronomische Wahrscheinlichkeitsschlüsse, bei denen alle Teile so glatt ineinander passen, wie hier.
Die Sache hat aber noch eine Probe auf ihr Exempel erfahren. Am 27. November 1885 berührte die Erde abermals die alte Biela-Bahn an einer Stelle, die der Komet im alten Sinne diesmal einige Zeit nachher hätte durchsausen müssen.
Und wiederum ging eine ungeheure Sternschnuppenwolke gerade über den Fleck.
Wieder regnete es stundenlang in pompösestem Schauspiel bei uns Sternschnuppen. Aus dem Scheitelpunkt der Andromedagegend flammten den Berichten nach ganze »Raketengarben« nieder. An einzelnen Orten zählte man über 40000 Schnuppen in einer knappen Stunde, zeitweise fünf pro Sekunde und mehr. Feuerkugeln in allen Farben waren dabei, die Lichtstreifen blieben vielfach längere Zeit hell stehen, sich wirbelnd windende und zerreißende Schnuppen wurden beobachtet. Es war eine Pracht über alle Maßen.
Und wieder »passierte« dabei nichts; auch nicht ein Stück Meteorstoff ist nachweislich dabei bis zu uns heruntergestürzt, alles flammte auf und starb zugleich wieder im Feuerwerk.
Zum zweitenmal hatten wir ein Stück Kometenkern erlebt und wieder gefahrlos. Das Ungeheuer, das uns fressen sollte, war ein brillanter Feuerwerker, sonst nichts.
Seither scheint es, als habe selbst diese größere Wolkenbildung in der Bielabahn ganz aufgehört, das Sternschnuppenmaterial scheint sich mehr oder minder regellos verzettelt zu haben. Damit standen wir möglicherweise jetzt wirklich auch bei einem realen Kometentod.
Das gibt aber bei diesem wunderbaren »Fall Biela« noch wieder für sich zu denken.
Kometenkerne sind also nichts Ewiges. Eben weil sie wolkenhaft lose Gebilde sind, können sie nicht nur in ihrem wilden Lauf zwischen den Planeten im ganzen bald so, bald so abgelenkt, sondern sie können auch bei dieser Gelegenheit (zum Beispiel durch Macht des Riesen Jupiter oder auch sonst) in sich selbst angebrochen, zerstückelt, ja endlich völlig verpulvert werden. Je verwickelter ihre Bahn besonders in die engeren Planetenbahnen hinein verknotet ist, desto wahrscheinlicher muß solches Los (Biela ist redendes Exempel) werden. Je größer das Stadium der Materieverzettelung, desto harmloser müssen sie aber für diese Planeten selbst werden. Es erscheint da etwas wie der Schatten einer am Ende seit alters fortgesetzt tätigen Regulierungsmaschine. Die Planeten machen immerzu frisch eintretende Kometen ungefährlich, um sie endlich ganz aufzureiben, zu töten, und diese Selbstregulierung wächst im gleichen Maße rein mechanisch, je enger ein solcher Komet ihnen auf den Hals rückt und mit verhedderten, gekreuzten Bahnen droht. Die Sache sieht wie eine doppelte Versicherung aus, wobei aber die überhaupt und zu Beginn doch schon lose Wolkennatur der Kometenköpfe allgemeine Voraussetzung auf beiden Seiten bleibt.
Die Idee, daß alle Kometen sich zuletzt auflösen müßten, hatte übrigens schon Kepler zu einer Zeit, da er noch gar nicht an wirkliche geschlossene Kometenbahnen zwischen den Planeten dachte. Er ging dabei vom Schweif aus, den die Kometenkerne in der Sonnennähe entwickelten. Auch hier schon schien ihm durch jene eigenartige Sonnenkraft, die abstoßend wirkte, fortgesetzt Materie des Kerns auf Niemehrwiederkommen in den offenen Raum hinausgeblasen zu werden, und das mußte doch endlich die Quelle erschöpfen. »Ich halte dafür,« sagt der immer vorahnend scharfsinnige Mann wörtlich, »daß der Kometenkörper sich verwasche, verändere, auseinandergezogen und zuletzt vernichtet werde, und daß, wie die Seidenwürmer durch das Herausspinnen ihres Fadens, so auch die Kometen durch das Ausströmen ihres Schweifes aufgezehrt und endlich dem Tode überliefert werden.« Der Gedanke ist an sich ein durchaus folgerichtiger und würde erst recht gut gerade zu dem passen, was der »Fall Biela« lehrt. Dabei mag er uns aber überhaupt auf das Problem des Schwanzes zurückführen.
Wenn der Kometenkern wirklich nur aus mehr oder minder losem Meteoritenstoff in wolkenhafter Anhäufung besteht: was ist dann der Kometenschwanz?
Tatsächlich läßt ihn die Nähe der Sonne erst aus dieser Wolke herauswirbeln, wie Staub unter einem blasenden Luftzug wirbelt. Der nächstliegende Gedanke wäre also gewiß, wenn man von der Bielawolke kommt: auch er ist bloß feinstes Sternschnuppenmaterial, das irgend eine Sonnenkraft noch einmal besonders aus der Kernwolke fortpafft. Natürlich, wenn es so ist, muß diese Wolke sich in Keplers Sinn auch davon schon bei jedem Sonnenumlauf etwas mehr verzetteln und verlieren, diesmal meist direkt abseits von ihrer Bahn, also wohl gänzlich auf Niemehrwiederfinden.
Für uns heute wäre aber aktuell gerade diese Erklärung das allerwichtigste. Denn wir hängen für die kritische Nacht vom 18. zum 19. Mai ja nicht an Biela, sondern an Halley. Und das bedeutet: nicht Kopf, sondern Schwanz.
Der Halleysche Komet liegt ganz offenbar seit langer Zeit so, daß er mit seinem Kopf gerade _nicht_ allzu eng ins Gedränge der mittleren Planetenbahnen kommt. Deshalb würden sie ihn in jenem Sinne auch seit mindestens zweitausend Jahren noch nicht in diesem Kopfteil auseinandergerissen haben. Was an ihm aber, eben wegen dieser dauernden Kopfstärke, nun für uns momentan bedenklich wird, das ist die Produktivität dieses Kopfes in der Schwanzbildung. Dieser Schwanz und nicht der Kopf soll zum Termin über uns wegfegen. Nach dem Fall Biela erscheint es aber so gut wie unmöglich, daß der Kopf eine kompakte harte Stoßmasse ist, wie viel weniger also der Schweif. Was wir auch hier erwarten müßten, wäre fortgewirbelte Sternschnuppenmaterie, die, in unsere Erdbahn übertretend und uns umwirbelnd, tatsächlich auch eine Art »Fall Biela« schüfe: einen mehr oder minder starken Sternschnuppenregen ohne alle Gefahr.
Unsere Erfahrungen seit 1835 widersprechen aber selbst dem bei dem Schweif noch als »zuviel«. Dazu sind allerdings wieder weitere Tatsachen auch über den Fall Biela hinaus nötig, Tatsachen, die zuallernächst noch einmal mitten in den großen Chok und Schreck vor jeglicher Kometenbegegnung gerade hineinführen.
In die letzten sechsundsiebzig Halley-Jahre fällt die Entdeckung der Spektralanalyse.
Wir haben mit ihr bekanntlich eine Methode gewonnen, die uns unter Umständen aus dem Licht direkt ablesen läßt, was für ein Stoff in der Lichtquelle brennt. Das Licht wird mit Hilfe eines mehrseitig geschliffenen Glases, eines Prisma, zerlegt und in dem entstehenden Farbenbande (Spektrum) zeigen sich gewisse charakteristische Unterschiede je nach den verschiedenen leuchtenden Substanzen, die ein solches Urteil in sehr vielen Fällen ermöglichen. Auf diesem Wege haben wir Aufschluß gewonnen über die Gase, die in der äußeren Hülle der Sonne und der anderen Fixsterne glühen, wie über den leuchtenden Stoffinhalt ferner Nebelflecke. Wir können aus dem Spektrum entnehmen, ob auf solchem entlegenen Weltkörper glühende Gase leuchten oder festere Stoffe in Weißglut. Die Gase sind dann infolge ihrer in allen Einzelfällen höchst charakteristisch angeordneten bunten Linien im Spektrum meist aufs treffsicherste mit irdischen, uns direkt zum Vergleich zugänglichen zu identifizieren.
Diese sinnreiche Methode wurde nun auch auf die Kometen angewandt, soweit solche in der Zeit disponibel waren.
Das erste feste Resultat war, daß vom Kometen bei seiner Sonnenannäherung nicht bloß einfaches Sonnenlicht zu uns herüberglänzt, das er zurückwirft wie unsere Erde oder die Venus oder der Mars, ohne selber etwas dazu zu tun. Außer solchem reflektierten Licht leuchtet der Komet durchweg noch mit etwas Besonderem, etwas Eigenem. Aus diesem Eigenlicht würde sich also eventuell etwas über seine stoffliche Beschaffenheit ablesen lassen, und in der Tat glückt das.
Im Kometen leuchten Gase, und zwar in immer verstärktem Maße, je näher er der Sonne kommt. Und zwar sind es Gase, deren Spektrum eine Identifizierung mit bestimmten, uns auf der Erde gut bekannten Stoffen ebenfalls möglich macht.
In erster Linie kommt der Stoff in Betracht, der in unserm irdischen Petroleum brennt, nämlich Kohlenwasserstoff. Ferner konnten Kohlenoxyd, Cyan und reiner Wasserstoff nachgewiesen werden. Endlich zeigten einige Kometenköpfe in den Momenten, da sie außerordentlich nah an der Glutoberfläche der Sonne vorüberglitten, unverkennbar deutlich das gelbe Licht des Natriums, also des verdampfenden Kochsalzes, und merkbar zuletzt auch Eisendämpfe.
An sich können diese Befunde nicht überraschen.
Wenn der Kometenkopf eine Wolke aus Meteorsubstanz ist, so muß diese Substanz unter der Einwirkung der Sonnenglut notwendig anfangen, Gase auszuhauchen, ja in nächster Sonnenbegegnung geradezu bis auf ihren schwersten Metallgehalt (Eisen) zu verdampfen.
Die Stoffe, die sich dabei zeigen, vor allem Kohlenwasserstoff und Natrium, treten mit ihrem charakteristischen Spektrum genau so hervor, wenn man einen zu uns herabgefallenen Meteorstein künstlich erhitzt. Auch wenn man den spektroskopischen Apparat auf unsere allnächtlichen Sternschnuppen richtet, kann man öfter die unverkennbare gelbe Linie des Natriums aufleuchten sehen, die vorblitzt im Moment, da der feine Meteorstaub in solcher Schnuppe völlig verdampft.
Die engere Art allerdings, wie in der Sonnennähe des Kometenkopfes das Kohlenwasserstofflicht gelegentlich von dem Natriumlicht ausgelöscht wird, kann man nur nachmachen, wenn man in geschlossener erhitzter Glasröhre durch ein Gemisch von Kohlenwasserstoff und verdampfendem Natrium einen elektrischen Strom leitet. Man muß also noch die Hilfserklärung machen, daß auch in dem Kometen elektrische Prozesse tätig sind.
Und das gibt sogar wieder eine sehr gute Ergänzung ab zur Erklärung des sonst seltsamen Umstandes, daß Kometen sich schon bei einer Entfernung von der Sonne wenigstens schwach selbstleuchtend zeigen, wo eine wirkliche Erhitzung ihrer Substanz bis zum eigentlichen Glühen von seiten der Sonne höchst unwahrscheinlich wird; hier wirken in ihnen eben rein elektrische Entladungen, die als solche schon Licht erzeugen.
So zwanglos nun alle diese Dinge sich in jenes andere Bild fügen, so steckt in ihnen doch plötzlich auch ein neues Angstmotiv.
Wenn aus dem Kometenkern Kohlenwasserstoff, Kohlenoxyd, Wasserstoff, Natrium, Cyan, Eisen verdampfen, so würden wohl auch im Schweif ganz besonders solche Dämpfe abqualmen müssen. Unter den genannten Stoffen sind aber böse Sachen für den Fall, daß dadurch eine derbe Erdberührung statthätte.
Kohlenoxyd und Cyan sind hochgradig giftig und würden, in größeren Massen plötzlich in unsere Erdatmosphäre hineingedampft, schlechterdings alles organische Leben vernichten.
Ein Petroleumregen würde sich augenblicklich an der ersten Flamme hier unten zur fürchterlichsten Explosion entzünden und auch die Erde veröden; eine Feuerwelle wie im kleinen eine der brennenden Erdgasquellen von Baku müßte um unsern ganzen Planeten schlagen.
Eine hochgradige Erdversalzung würde ebenfalls ein schlechter Spaß sein. Eine Weile hielten vielleicht noch gewisse salzfestere Steppenpflanzen und jene Artemia-Krebschen, die in eingedickter Salzsohle leben können, stand; aber zuletzt würden auch sie in der allgemeinen Pökelrinde der armen Erde eingehen.
Dazu noch zwei weitere Möglichkeiten.
Entweder kämen im Kometenschweif noch direkt heißglühende Dämpfe zu uns, zum Beispiel ein konzentrierter Strahl Eisendampf aus dem in der Sonnennähe geschmolzenen und verdampften Meteoritenmaterial.
Oder es schlügen entsetzliche elektrische Entladungen mit allverheerenden Blitzen aus dem Schweif zu uns nieder, die der Menschheit im ganzen das Los eines jener Opfer auf den bekannten elektrischen Hinrichtungsstühlen der Nordamerikaner schüfen.
In allen Formen laufen gerade diese bösen Hypothesen heute wieder herum. Der Halleyschweif soll uns in der kritischen Stunde mit Cyan vergiften oder versengen oder zerblitzen, auch wenn sonst nur ein Sternschnuppenregen durch seine eigentliche Stoßsubstanz entstände.
Wir hätten die Wahl wie die Leute in Pompeji und Martinique. Der dicke Plinius selber erstickte bekanntlich bei jenem schrecklichen Vesuvausbruch, auch ohne einen Stein dabei an den Kopf zu bekommen; in Martinique gab es eine versengende Stichflamme alle Häuser entlang, die schnell wie ein Blitz zuckte; auch echte Blitze schlagen aber aus jeder Vulkanwolke. Eine angenehme Wahl um den gleichen Preis!
So hübsch auch das aber wieder einmal ausgedacht ist, um uns durchaus kometarisch tot zu kriegen: es hapert auch hier.
Jene Funde der Spektralanalyse sind an sich auf jeden Fall wichtig. In ihnen selbst steckt aber bereits ein merkwürdiger Fingerzeig nach ganz bestimmter Seite.
Der spektroskopische Nachweis gewisser Substanzen, wie Kohlenoxyd oder Natrium, in einer solchen fernen Lichtwolke gibt für sich noch keinen direkten Anhalt, wie _dicht_ der betreffende Stoff in der gesamten, doch offenbar so ungeheuerlich weit ausgedehnten kometarischen Wolke enthalten sei; er kann enorm verdünnt sein. Wenn der Stoff, wie zum Beispiel das Natrium, sich im Kometenkern bei dessen Sonnennähe erst sichtbarlich entwickelt und dann in einem Schweif von da abdampft, der mehrere Millionen Meilen lang und entsprechend als breites Lichtband ungeheuerlich dick in die Weite geht, so wird die stärkste Verdünnung, zumal gegen das Ende des Schweifs (also das, was uns bei dem Halleyschen Ungeheuer allein packen kann), die wahrscheinlichere werden. Wie weit wir das aber treiben wollen, dafür wird zunächst jene elektrische Erwägung schon bedeutsam.
Elektrische Leuchtprozesse der bezeichneten Art werden wir uns im allgemeinen nur bei einem Gebilde vorstellen können, dessen Substanz sich mindestens in den hierfür in Betracht kommenden Partikelchen in einem Stadium höchst beträchtlicher Verdünnung befindet. Gerade solche feinsten und allerfeinsten Partikelchen werden wir uns aber bei der allgemeinen Sachlage doch am liebsten im Schweif ausströmend denken.
Schon sehr frühen Beobachtern und späteren, kritischeren immer mehr ist nämlich aufgefallen, wie dünn doch dem reinen Anblick nach schon die Schweifmaterie aussehe. Seneca wußte schon (und es werden es also wahrscheinlich schon die Pythagoreer und die alten Babylonier gewußt haben), daß man durch diese ungeheuren Leuchtbänder durch und durch sehen könne bis auf die dahinter schimmernden Sterne. Bessel und Struve haben das mit den feinsten Messungen dahin präzisiert, daß man faktisch auch nicht die geringste Ablenkung des Lichts bei solchen durchscheinenden Sternen im Kometenschweif nachweisen könne.
Das ist gewiß eine ganz außerordentlich frappante Sache. Bei unserem Erdmond vermißt man, wenn ein Stern seinem Rand nahe kommt, ebenfalls jede Spur einer solchen Lichtbrechung, und man zieht den Schluß daraus, daß der Mond noch keine Atmosphäre haben könne, die auch nur ein Tausendstel von der Dichtigkeit unserer irdischen besitze. Die allgemein auch in Laienkreisen verbreitete Annahme, daß der Mond absolut »luftlos« sei, gründet sich auf diesen Schluß. Ein Mensch würde also, in solchen Kometenschweif versetzt, zunächst überhaupt wegen kompletten Luftmangels für seine Lunge _ersticken_.
Dabei sieht man aber in den dickeren Kometenschweifen ganz bestimmt durch eine Lichtwolke von vielen tausenden (bis zwanzigtausend) Meilen Tiefe. Zwanzigtausend Meilen tief ein dauerndes Lichtglimmen, durch das für uns der Anblick der Schweifdicke entsteht: und doch auf dieser ganzen Strecke kein Stoff, der auch nur dem Tausendstel unserer Erdluft entspräche! Man ahnt, um was für homöopathische Verdünnungen der Stoffe es sich hier handeln muß, einerlei, ob das nun gefährliche oder ungefährliche Stoffe für unsere Lebensprozesse sein sollen.
Schon der französische Akademiker Babinet hat also auch das Wort geprägt vom »sichtbaren Nichts«, als das solcher Kometenschweif sich allen gröberen chemischen Sondierungen gegenüberstellen müsse.
Olbers dachte sich die einzelnen Schweifteilchen so weit und einzeln zerstreut im allgemeinen Äther der Planetenräume herumschwirrend, wie auf unserer Erde unendlich feine Wasserteilchen in gewissen von fern glänzenden Nebeln weit getrennt schweben, Nebeln, die doch in Hinsicht der Strahlenbrechung des Lichts und anderer Wirkungen sich nicht im mindesten anders verhalten als pure Luft. Als eine Art Äthernebel ginge der Kometenschwanz vor uns dahin, nur von weitem wie ein neckendes Phantom dem Auge sichtbar, beim Versuch des Ergreifens aber (und wäre die greifende Hand auch nur der Lichtstrahl) völlig unfaßbar gleich den Gespenstern des Märchens.
Hier aber muß sich jetzt noch ein Gedanke einmischen, der von einer dritten Seite in die gleiche Richtung lenkt.
Was treibt denn überhaupt die Schweifmaterie von der Sonne fort?
Was bewirkt eben das, was uns heute mit dem Halleyschen Kometen in Berührung bringen soll, wenn sein Kopf zwischen uns und der Sonne steht?
Der Kometenkopf, mag er selber auch ein noch so leichtes Meteoritenwölkchen sein, dessen Stoff auch bereits in sehr weiter Zerstreuung schwebt, folgt als Ganzes doch unabänderlich noch dem allwaltenden Gesetz der Schwere, der Riesin Gravitation. Jedes beliebige meteorische Einzelstäubchen, das als Sternschnuppe bei uns verpufft, tut das ja noch, warum nicht er? Wäre es nicht der Fall, so hätte die Sonne ja nie über ihn Macht gewinnen, seine Bahn zu sich heranbeugen, ja ihn unter Umständen (wie bei dem Halleyschen Gebilde) in die Verträge ihrer festen Vasallen mit hinein schmieden können. Als absoluter Gravitationssklave stürzt solch ein gefangener Kern wie der Halleysche allemal wieder in seinem 76. Jahr an uns vorbei zur Sonne hin und in wirbelnder Jagd ganz nahe um sie herum.
Aber gleichzeitig macht sich mit dieser seiner Sonnenannäherung auch etwas von hier aus schlechterdings Rätselhaftes geltend, nämlich eben das Abströmen des Schweifes vom Kern direkt von der Sonne fort.
Die Schweifmaterie _widersteht_ der Gravitation!
Auf sie wirkt die Sonne nicht ziehend, wie auf den Kern, sondern umgekehrt abstoßend.
Treibt den Kern die Gravitation wie ein unhemmbarer Sturm so nah wie seine Eigenbewegung nur irgend zuläßt an die Sonne heran, so wirkt diese gleiche Sonne auf den Schweif wie ein Gegenwind, der ihn senkrecht fortwirbelt!
Schon eine ganze Weile, ehe der Kometenkopf seine größte Sonnenannäherung erreicht hat, macht sich dieser Gegenwind, wie bereits erzählt ist, geltend, der Schweif beginnt von ihm abzuwehen, wie Korn aus einem undichten Sack, der als Ganzes senkrecht nach der Schwere fällt, dessen ausfliegende Frucht aber zugleich ein Konträrwind lang hinter ihm fortwirbelt.
Dieses Abströmen ist auch mit der Hitze, die in Sonnennähe auf die Meteoritenwolke des Kerns wirkt, nicht erklärt. Mag diese Hitze Kohlenwasserstoffe aus den einzelnen Meteorteilchen vorlocken, mag sie auch allmählich einen Teil ihres Salzinhalts verflüchtigen und in gelben Flammen verbrennen, mag sie endlich gar Eisenteile dort so verdampfen, daß wir es dicht an der Verdampfungsstelle spektroskopisch wahrnehmen können, obwohl der Kern in solchem höchsten Moment selber stets weit, weit von uns entfernt ist und Sonnennähen erlebt, die wir niemals mitmachen können: das alles kann bei ihm jedenfalls nur aufsteigende Wolken auf seiner Sonnenseite erzeugen, wie wir sie ja auch tatsächlich dann sehen. Daß aber schon ganz früh eine gewisse Kernmaterie sich sonnenabgekehrt einem phosphoreszierenden Schatten gleich von diesem Kern hinterwärts über Millionen von Meilen auszugießen beginnt; daß selbst jene Hitzewolken immerfort eine Tendenz zeigen, fontänenhaft rückwärts mit gewissen ihrer Teile auch in diesen Ausguß wieder abzufließen: das erklärt an sich die Hitze so wenig wie die Gravitation. Auf diese »gewissen Teile«, diese »gewisse Kernmaterie« muß noch ein aparter Bann für sich wirken.
Ein Bann, der der Gravitation entkommt: es liegt wahrlich schon für die allgemeinste theoretische Erwägung nahe, auch hier nur an _allerfeinste_ Teilchen zu denken, Teilchen, für die das Bild auch nur eines meteorischen Staubkorns, das einzeln an unserer Atmosphäre bei der Berührung als helle Sternschnuppe aufglänzen könnte, _außerordentlich viel zu derb_ wird.
Eine erste Theorie hat auch hier an elektrische Wirkungen gedacht.
Bessel, als er 1835 eben bei dem vorletzten Erscheinen des Halleyschen Kometen das Wunder der Wolkenbildung und Schweifablenkung dort zum erstenmal genau studierte, war schon darauf gekommen. Er sowohl wie sein Freund Olbers und ihr gemeinsamer großer mathematischer Berater Gauß sahen klärlich ein, daß es sich um eine Abstoßungskraft zwischen gewissen feinsten Kometenteilchen und der Sonne handeln müsse, und man hatte für solche Abstoßung zunächst nur eine einzige Naturwirkung zur Verfügung, nämlich die bekannten Abstoßungserscheinungen gleichartiger Elektrizitäten.