Part 2
Dann aber, rechts von dem strahlenden Auge des Abendsterns, jetzt ein zweites, ganz feines Himmelsgebilde. Wie ein phosphoreszierendes Federchen eben hingehaucht vor den blassen Kristall des abdunkelnden Himmels. Ein schwaches Sternchen, das aussah, als sei es an der freien Wölbung da oben ein Stückchen weit auf die Sonne zugekrochen und habe dabei eine feine Silberspur auf dem Untergrunde hinterlassen. Im Fernrohr erschien ein goldener Kern in einer weißlich verwaschenen Nebelhülle, nicht unähnlich einem ausgeschütteten rohen Ei; von dem floß jene Silberspur dann als langer Schweif aus, mit der starren Geradlinigkeit nicht eines Körpers, sondern viel eher eines breiten weißlichen Lichtstrahls. Nahm man den Kern als ein gelbes Schiffchen, das in einer Nebelwolke fuhr, so ergab sich mit großer Anschaulichkeit auch das Bild eines Scheinwerfers, mit dessen langem schleppenden Lichtbande die Gegend jenseits der Sonne von Bord aus abgesucht wurde.
Dieses höchst eigenartige Gebilde, das ein paar klare Abende lang die allgemeinste Aufmerksamkeit auf sich zog, um dann still wieder zu verschwinden, wie es gekommen, war der sogenannte Komet von Johannesburg. Bahnschaffner im fernen Kapland, wo Johannesburg mit Kapstadt durch eine Schienenlinie verknüpft ist, hatten von einem andern kommenden Kometen gehört und zuerst die Kunde verbreitet, daß jetzt wirklich ein Komet am Westhimmel glänze; es war aber nicht der erwartete, sondern ein ganz neuer.
Aus den ungeheuren Raumesfernen zwischen der Sonne und den nächsten Fixsternen kam dieser Komet herangewandert, wie ein Zugvogel in den Schleiern der Nacht kommt. Wie solchen Vogel wohl die jäh auftauchende Flamme eines Leuchtturms auf einer einsamen Klippe über den nachtverhangenen Wassern ablenkt, daß er sich wie gebannt vom Licht ihr nähern muß, so wirkte bei einer gewissen Nähe mit bestimmtem Zuge auch unsere Sonne auf den kosmischen Wanderer. Er stürzte nicht mehr geradlinig fort wie ein Stein, der in den unendlichen Brunnen der Raumesewigkeit geworfen war. Er bog aus, beschrieb eine Kurve um den Sonnenleuchtturm.
Im Ganzen war es nur eine kurze Episode. Eine Verbeugung ohne Verweilen. Sehr bald sollte ihn wieder die alte ungestüme Kraft des freifallenden Körpers in der offenen Raumesöde packen und davonstürzen lassen in den Brunnengrund des Alls. Aber in der kurzen Spanne, da der kosmische Zugvogel in einem raschen Bogen an der strahlenden Leuchtturmkuppel näher hinglitt, als wolle er sie wirklich einmal ganz umkreisen: in diesem flüchtigen Moment geschah es, daß von einer kleineren einsamen Klippe in der Nähe der großen der vorbeischwebende Vogel _gesehen_ wurde.
Diese Klippe empfing ihr Licht ganz von dem Leuchtturm. Auf ihr aber standen Hütten; Menschen wohnten dort. Und diese Menschen beobachteten vorübergehend den seltsamen Wanderer. Die Gelehrten erkannten in ihm etwas wieder, was man schon öfter beobachtet hatte, eine besondere Spezies kosmischer »Vögel«. Komet nannte man solche Gebilde seit alters; das Wort heißt Haarstern; also ein Stern, der hinter sich her ein langes silbernes Gelocke wallen läßt: den Schweif.
Es ist aber ein recht sonderbares Ding gerade um dieses Sternenhaar.
Wenn der Komet einsam da draußen, sonnenfern durch den unermeßlichen Brunnen des Raumes einfach fällt und fällt, besitzt er keinen Schweif. Er gleicht dann wirklich einem kleinen Sternchen gewöhnlicher Art, nur blasser, verwaschener. Etwas von einem Wölkchen hat er wohl immer, nur daß es jetzt noch ein rundes punkthaftes Wölkchen in kompaktester Zusammenziehung ist. Aber indem die engere Kurve an der Sonne vorbei beginnt, ändert sich da etwas.
Das Kernköpfchen hat sich im Bann dieser Sonne, wie gesagt, bequemt, eine kleine Reverenz zu machen. Aber dabei ist es jetzt vielfach wirklich, als werde etwas in seiner Frisur unruhig. Wie Haar, das sich sträubt, wogt seine Nebelhülle von dem eigentlichen Sternkopf empor. Erst ist es, als fasse die Magie der nahen Sonne sie stärker. Auf wallt sie gegen die Sonne hin. Aber alsbald auch scheint die Sonnenhand wieder abzuwinken. In der gesträubten Masse über dem Kometenhaupt entsteht ein Scheitel: rechts, links fließen für unsern Anblick die Nebelhaare des wunderlichen kosmischen Gesellen rückwärts gegen sein Hinterhaupt, entgegengesetzt zur Sonne, ab. Dort aber entfalten sie jetzt, als löse sich nochmals ein engeres Gewebe, erst ihre ganze Länge. Wie mit einem unsichtbaren Kamm strähnt die Sonne sie weit, immer weiter von dem Kometenkopf fort, bis sie als endloser Nebelschweif hinauswallen in den Raum, der die Sonnenklippe von den andern Klippen des Systems trennt. Immer aber weht dieser Schweif fort von der Sonne, so lange der Komet im ganzen seine Sonnenreverenz macht.
So entsteht jenes famose Bild eines kolossalen Scheinwerfers, der nach zähestem Gesetz nie auf die Sonne selber, sondern immer entgegengesetzt gerichtet werden muß. Und das eigentlich ist es, was für uns auf der fernen Erdenklippe die größeren Kometen zu einem so wunderbaren Schauspiel macht: dieser erst sich entwickelnde Schweif in der Sonnennähe, dieses plötzlich erst losgebundene und wie in einem magischen Sturm von der Sonne weggewehte Lockenhaar gerade in der Zeit, da doch im ganzen die anziehende Kraft dieser Sonne diesen Gesamtkometen so gepackt hat, daß er in kühnster Schwenkung ganz nahe an ihr vorbei muß; so nahe, daß dem Rechner bangt, ob es dem Kopf nicht gehen werde wie so manchem Zugvogel auf unserem Helgoland, der direkt auf Tod und Verderben bei zu kurzer Kurve wider die Kuppel des Leuchtturms selber prallt.
Der Komet von Johannesburg trat erst in unsere Schau, als er bereits in voller Pracht seines weithin wallenden Schweifes florierte. Wir hatten von unserm Klippenstande aus sein Herankommen zur Sonne und die Schweifentwickelung also selbst nicht beobachten können. Erst als die ganze Locke längst majestätisch dahinwogte, glänzte er plötzlich vor uns auf. Schon aber ging auch sein ganzes Sonnengastspiel damit zu Ende. Keinerlei wirkliche engere Gemeinschaft fesselte diesen Wanderer dauernd an unsern Leuchtturm. Frei sollte er jetzt wieder hinausfallen in den Brunnen der Unendlichkeit. Mit der Sonnennähe muß aber zugleich auch sein »Haarsträuben« wieder abnehmen, die erregten Nebellocken werden wie ermattet wieder sinken, der geheimnisvolle Zug, der die langen Strähnen von der Sonne fortjagte, muß im gleichen Verhältnis schwächer werden, wie der ganze Kometenkopf die Sonnenanziehung verläßt und selber wieder auf eigene Faust in die dunkle Weite strebt. Als wieder beruhigtes, gleichsam wieder ganz eingerolltes, ringsum geglättetes Sternköpfchen würden wir das seltsame Gebilde endlich verschwinden sehen, wenn wir ihm so lange mit unserm freien Blick folgen könnten.
Das Erlebnis dieses Johannesburger Kometen ist, wie gesagt, nur eines unter vielen. Wenn noch einmal das Gleichnis des Zugvogels gelten soll, so muß aus den Tiefen des Raumes zu unserer Sonne herauf ein unablässiger Wanderstrom solcher Vögel erfolgen. In dichtem Zuge kommen sie, schweben an, umkreisen die Leuchtklippe unseres Systems halb und entschweben wieder, einer nicht endenden Kette himmlischer Wildgänse gleich, in deren beständigem Zuge durch die Äonen der Zeit das momentane Abbiegen, die kleine Halbkurve vor dem Hemmnis der Sonnenklippe durchweg nur ein winzigstes Intermezzo ist.
Durchweg; doch nicht immer. Es gibt Fälle, wo der Wanderer dauernd gefesselt wird.
Denken wir uns im Bilde der Wildgans einen Vogel, der bei zu tiefem Fluge nicht einer einzelnen Klippe begegnet, der er in einer Kurve ausweichen kann. Er soll in ein Gewirre himmelhoher Schären geraten; wo er hin will, sperren ihm neue Klippenzacken den geraden Weg; ratlos beginnt er um die Hauptklippe zu kreisen. Das ist nach Lebensanalogie gedacht. Streng bloß auf Schwereverhältnisse umgesehen, bedeutet es für den Kometen, daß er bei seiner Kurve zu eng in die gesamten Anziehungslinien eines Systems, wie es unser Sonnensystem darstellt, sich hineinverheddert hat. Dieses System ist ja ein unendlich verwickelter Zugapparat. Von allen Seiten zerrt und drängelt es da. Eine gewisse zu kühne Kurvenwendung zur Sonne: und der Komet rollt nicht mehr über sie hinaus, sondern muß auch auf der andern Seite in eine Kurvenbiegung hinein. Die Halbkurven schließen sich aneinander zum gestreckten Kreis: der Komet ist gefangen von der Sonne.
Nun muß er dauernd gleich den schon vorhandenen Planeten um die große Leuchtklippe kreisen. Die alten Planeten selber helfen ihn dabei gründlich abfangen. Speziell unser System ist darin bedenklich für solche Eindringlinge, daß es eine leise Neigung zu dem hat, was bei andern am Fixsternhimmel sichtbaren vielfach offen proklamiert ist, nämlich zur Bildung eines Doppelstern-Systems. Der Planet Jupiter vor allem ist so groß, daß er neben der Sonne wirklich schon fast eine Art Nebensonne spielt, mit der zusammen im Kräftespiel die Zugverhältnisse eines Doppelsterns beginnen. Der Jupiter wird, sobald ihm ein Komet zu nahe kommt, auch schon zum gefährlichsten Beuger und Ablenker. Im Engeren wie als Gesamtaddition wirken aber auch alle andern Planeten schon mit. Kurz: in so und so viel Fällen wird es dem Kometen unmöglich, wieder loszukommen. Aus der flüchtigen Reverenz wird eine Vasallenschaft. Mag er noch so regellos, ohne allen Anschluß an die alten Verträge der Glieder gerade dieses Systems hineingeplatzt sein; mag er rückwärts laufen in der Richtung, wo alle Planeten vorwärts gehen; mag er mit seiner Bahn sozusagen auf dem Kopf der andern stehen; mag er in der Not einen Kreis zur Sonne als Bahn bekommen haben, der das schier unmöglichste an Kreisstreckung duldet; mag er bei jedem Sonnenumlauf alle Planetenbahnen schneiden mit einer Kühnheit, die alle Urverträge hier geradezu zum Spott macht: mitlaufen muß er zunächst auf gut Glück um die Sonne, wie die Planeten es allgemein vertragsmäßig tun. In geschlossener Bahn, die nach gewisser Zeit allemal wieder in sich selbst zurückführt.
Ein solcher Komet, den die Sonne zu irgendeiner Zeit einmal aus dem großen Brunnenabgrund des freien Raumes eingefangen hat, ist nicht der Johannesburger; wohl aber ist es der andere, der seit kurzem in aller Welt Munde ist, der berühmteste, denkwürdigste Haarstern unserer ganzen menschlichen Kultur überhaupt: _der Halleysche Komet_; benannt nach dem großen englischen Mathematiker und Astronomen Edmund Halley, geboren zu Haggerston bei London 1656, nach einem Leben voll intensivster Arbeit und glänzendstem Erfolge als Beobachter, als Rechner, als Weltreisender im Dienste astronomischer und magnetischer Spezialuntersuchungen, zuletzt als Direktor der weltberühmten Sternwarte zu Greenwich gestorben 1742.
Als jene schlichten Entdecker im Januar den Johannesburger Kometen auffanden, meinten sie, er sei selber der Halleysche. Bis dorthin also war bereits die große Sensation gedrungen, die gegenwärtig bei uns die breitesten Wellen schlägt. Etwas ganz Ungeheuerliches, so hören wir, soll sich nämlich in diesem Jahre (1910) mit dem Halleyschen Kometen zutragen.
Der Separatvertrag, zu dem dieser Halleysche Komet seit seiner Aufnahme in unser System vom Gesetz der Schwere gezwungen wurde, lautete auf eine Umkreisung der Sonne in (rund gerechnet) je 76 Jahren. Umkreisung ist dabei aber nicht so zu verstehen, daß der Komet in einem echten mathematischen Kreise laufen müßte. Er verfolgt nur eine Bahn, die nach Art des Kreises wieder in sich selbst zuletzt zurückläuft. Im übrigen hat sie die Gestalt eines langgestreckten Eies. Ihre eine Ecke ragt bis über die Bahn des äußersten uns bekannten Planeten, des Neptun, vor, ihre andere biegt dagegen noch weit innerhalb unserer Erdbahn ganz nahe um die Sonne herum. Alle 76 Jahre muß der Komet also einmal bis über die Neptunbahn hinaus und einmal zwischen dem Abstande der Erdbahn und der Sonne durchschweifen. Da er immer langsamer bummelt, je mehr er sich in dieser Zeit von der Sonne entfernt, bleibt er aber den größten Teil der 76 Jahre in den entlegeneren Regionen, so fern von uns, daß wir ihn von der Erde aus gar nicht wahrnehmen können. Wie ein Rennpferd in einer ungeheuer ausgedehnten Arena entzieht er sich selbst dem mit Ferngläsern bewaffneten Blick der Insassen unserer Erdenloge, die so relativ nahe dem einen Ende des Zirkus, der Sonne, liegt. Und erst ganz dicht vor dem Termin, da für die Sonnenecke die 76 Jahre wieder einmal abgelaufen sind, sehen wir ihn jedesmal plötzlich auftauchen. In rasendem Tempo stürmt er dann daher, um in vollem Galopp die Sonnensäule zu nehmen.
Seit man die Ziffer seines Umlaufs im Ganzen kennt, ist es diese kurze Spanne je im 76. Sonnenjahre, wo man die Ferngläser nach der Gegend, von wo er kommen kann, zu richten beginnt. Und man wußte nun längst schon, daß mit der Wende von 1909 zu 1910 dieser Termin wieder einmal eingetreten sei. Das wilde Roß mußte auftauchen. Und es ist aufgetaucht, programmäßig wie je.
Zuerst nur im stärksten Fernrohr; dann bereits im schwächeren; endlich an der Grenze des bloßen Auges; binnen kurzem wird es jeder mit freiem Blick genießen können, obwohl innerhalb gewisser Grenzen der Pracht; denn gerade der Halleysche Komet ist zwar, wie gesagt, der denkwürdigste aller Kometen, aber er hat deshalb nie zu denen allerersten Ranges an Schönheit der himmlischen Entfaltung gehört.
Aber eine andere Kunde sichert ihm dafür gerade diesmal das allergrößte Interesse in der ganzen Kulturbreite des Menschenvolkes, das die Erdenloge füllt.
Bleiben wir einmal einen Moment bei dem Bilde des Zirkus. Hier sitzen wir in der Loge. Nahe vor uns steigt in strahlender Pracht die eine goldene Meta auf, die ragende Säule des diesseitigen Eckziels, um das der Renner oder das Gespann, was es nun sei, herumsausen müssen. Lange harren wir. Da endlich dampft eine dicke Staubwolke auf, es kommt, es kommt. Aber auf der goldenen Metasäule wird gleichzeitig etwas Besonderes inszeniert. Ein großer Ventilator ist dort in Kraft gesetzt, dessen schwirrende Drehräder den Staub des Wettrenners beständig von der blanken Meta selber wegblasen, daß er jenseits in weitem Zipfel in die Arena hinausschatten muß. Jetzt der höchste Moment: der Renner umsaust die Metaecke. Im Moment aber, da er unter brausendem Jubel genau zwischen der Goldsäule und unserer Loge durchpassiert, geht über uns die äußerste Ecke des senkrecht von der Meta fortgetriebenen Staubzipfels als flüchtiger Schleier weg.
Der Renner, der sich in rasendem Laufe heranstürzt, ist der Halleysche Komet. Die goldene Meta, die er nehmen muß, ist (nach Ablauf wiederum von 76 Jahren) die Sonne. Die Loge voll gespannter Beobachter nahe dieser Meta ist die Erde. Dicht gedrängt stehen sie in höchster Erwartung, viele mit Gläsern vor den Augen. Der Komet ist aufgetaucht, in eine geheimnisvolle Nebelwolke gehüllt. Je mehr er sich der strahlenden Sonne nähert, desto deutlicher ist es aber, als blase von dieser Sonne irgendwie etwas in den Dunst hinein und jage ihn in langem staubartigem Schweif beständig senkrecht von der Sonne selber fort weit in die Planetenarena hinaus. Und nun ein höchster Moment auch hier: der Komet passiert für eine kurze Spanne genau zwischen der umbogenen Sonnensäule und unserer Erdenloge hindurch. Jenes Etwas, das den Schweif des Kometen senkrecht von der Sonne abpustet, richtet seine Kraft für einen flüchtigen Moment genau auf uns. Und der Schweif ist so lang, daß er durch die ganze Arenabreite von dem dampfenden Renner aus bis zu uns tatsächlich herüberschleift: seine äußerste Spitze erreicht uns, streift uns, fegt über uns fort ...
Im Zirkus gibt es etwas Staubschlucken, Knirschen auf den Zähnen, Streichen mit dem Taschentuch. Die allgemeine Begeisterung über das große Schauspiel reißt rasch darüber fort. Wie aber wird das Bild hier weiter passen? Wie wird es werden, wenn der Schweif des Kometen wirklich über unsere Erde fegt?
Als Datum, an dem der Halleysche Komet eine Stunde lang zwischen Sonne und Erde durchpassiert, ist (falls nicht noch unberechnete Störungen der Bahn eintreten) die Nacht vom 18. zum 19. Mai dieses Jahres angesetzt.
Kurz vorher, um den 1. Mai, fegt der Kometenschweif aus viel größerer Nähe über die Venus. Falls den planetarischen Logen durch den kometarischen Staubwirbel ernsthaft ein Schaden geschehen sollte, würden wir also schon zu diesem früheren Termin den Effekt an der Venus studieren können. Wenn die Loge dort in äußerlich sehr grober Weise unter einem Sandsturm einstürzen oder durch sprühende Funken in Brand gesetzt werden sollte, so werden wir das auf jeden Fall mit ansehen, ehe es uns selber noch entsprechend geht. Feinere Wirkungen, die speziell nur das zarte planetarische Häutchen des Lebens betreffen würden (ob es ein solches auch auf der Venus gibt, wissen wir unmittelbar überhaupt noch nicht), ließen sich allerdings auch so nicht ablesen. Zum Beispiel, wenn der Staub so dick wäre, daß die Logeninsassen rein an ihm erstickten, ohne daß die Loge im Ganzen zusammenstürzte. Oder gar, wenn es sich um eine Art kosmischen Auto-Wettrennens handelte, bei dem die Schweifwolke, die über die Loge fortginge, aus derartig konzentrierten Giftgasen im Sinne hochgesteigerten Benzingestanks bestände, daß sie alle Zuschauer vergiftete.
Durch den realen Schweif eines fremden Weltkörpers, eines Kometen, soll die Erde gehen! Stoff eines weithin sichtbaren, offenbar riesengroßen kosmischen Gebildes soll von außen unsere Erde berühren. Es liegt doch eine seltsame Stimmung über diesem Moment. Wer hat das Gefühl nicht einmal gehabt: man geht in der vollkommenen Dunkelheit und zuckt plötzlich zusammen, aus dem Unsichtbaren scheint einen etwas zu berühren, eine Hand. Eine solche dunkle Hand aus dem All rührt an uns mit dem Kometenschweif. Wenn in der Nacht der Himmel sich rötete! Götterdämmerung ...
Wenn man die Garantien sich vergegenwärtigt, die sonst unsere Menschenloge im All schützen, so liegt die stärkste in den gewaltigen Entfernungen, die im allgemeinen die großen Weltkörper voneinander trennen. In rascher Bewegung, mit explosibeln Substanzen innerlich geladen wie Bomben, bildete jeder für den andern eine beständig brennende Gefahr, wenn eben nicht diese starken Abstände wären.
Scheiner, der ausgezeichnete Astrophysiker, hat das gelegentlich in ein anschauliches Bild gebracht. Denken wir uns die Sonne in den Größenverhältnissen der Domkuppel zu Berlin. Dann liefe der nächste Planet durch das Berliner Reichstagsgebäude. Die Venus schnitte durch Tiergarten und Humboldthain. Die Erde berührte den Bahnhof Tiergarten. Die Bahn des Mars läge bei Tempelhof, die des Jupiter über Spandau und jenseits Erkner. Saturn kreuzte Liebenwalde und Nauen, Uranus schon Wittenberg und Frankfurt a. O. Für den Neptun reichte Preußen nicht mehr überall. Er kreiste dicht vor Leipzig und schnitte Stettin und Magdeburg.
Nehmen wir in diesen Abständen Eisenbahn- oder Hochbahnlinien, so wird keiner an Zusammenstöße denken; es gibt keine Weichen, keine bedrohlichen Gleisdreiecke. Nun aber gar in dem gleichen Bilde die Entfernung der Sonne und dieses ganzen Systems bis zum nächsten Fixstern. Wenn der Blick das Firmament sucht mit seinem Sterngewimmel und man hört, daß der einheitliche bleiche Schein der Milchstraße bloß für unser Auge entstehe durch die Zusammendrängung unendlicher Sternmassen auf diesem Fleck, so kann die Frage kommen, ob in diesem rinnenden Silbersande nicht beständig Sternenstäubchen gegeneinander prallen müssen. Aber was für Räume liegen in Wahrheit zwischen diesen Punkten, die für uns wie wehender Silberstaub durch die Himmelsweite regnen! Wenn die Domkuppel die Sonne ist und der Neptun durch Magdeburg passiert, so ist der schöne Doppelstern Alpha im Sternbild des Centauren, unser nächster Fixstern, nahezu um das Doppelte der wahren Entfernung des Mondes von der Erde von dieser Domkuppel entfernt, also fast zweimal 51000 Meilen. Es hat etwas Schauriges, sich die lieben Lichtpünktchen da oben, die so dicht gereiht glänzen und vereint die hübschesten Sternbilder formen, gesondert zu denken durch solche kalten Abgründe des Raumes, in denen den Wanderer das entsetzlichste Gefühl der absoluten Öde ergreifen müßte. Und doch liegt eben in dieser Öde die große Garantie für uns. Sie ist der heilige Grenzrain, der die Karambolagen verhütet, sie schützt den Frieden der Gestirne.
Keine der Bahnen unserer großen Planeten kreuzt eine andere. Nur bei den kleinsten Körpern des Systems, wie den durchweg winzigen Planetoiden, kommen Schnittpunkte der Bahnen vor; der eine oder andere solcher Zwerge durchbricht die Jupiterbahn, einer, der Eros, schneidet weit in die Marsbahn hinein. Aber gerade dieses unruhige Kleinvolk liegt doch wie im Ganzen gebändigt und in eine ungefährliche Ecke zusammengestrudelt an einer bestimmten Stelle des Systems aufgehäuft, anstatt frei zu schwärmen; speziell unsere Erde wandelt ihm schon sehr fern im wieder gereinigten Feld. Eine überaus günstige Stellung für die Balance des ganzen Riesenapparats nehmen umgekehrt die beiden Kolosse darin ein, Saturn und vor allem der Jupiter, der, wie gesagt, dem Ganzen fast den Charakter eines Doppelstern-Systems gibt. Man kann das ohne direkte Teleologie so ausdrücken, daß man sagt: die Balance des Ganzen war eben nur möglich bei solcher Einstellung, und nur als diese Lage sich endlich fand, erhielt das System endlich Dauer; das entspricht dem Darwinschen Gedanken von der Erhaltung des Passendsten aus vielen durchgeprobten Möglichkeiten; so lange sind die Dinge in Urzeiten vielleicht immer wieder zusammengebrochen, bis sich die einzig mögliche Dauerform endlich in dieser Anordnung herausgelesen hatte. Gegen die geschichtliche Deutung in diesem Sinne ist gar nichts zu sagen, aber das Resultat, das uns heute die glücklichste Stabilität der ganzen Flugmaschine unseres Systems garantiert, bleibt das gleiche für uns.
Alfred Russel Wallace, der alte Mitstreiter Darwins, hat gelegentlich ein dickes Buch darüber geschrieben, wie ausgesucht sicher für eine lange ungestörte Fortexistenz intelligenter Wesen doch gerade unsere Erde inmitten all dieser kosmischen Garantien sei. Mit den sinnreichsten astronomischen Einfällen und Aussichten hat er das durchgeführt. Herr Wallace ist, obwohl er selber seinerzeit der Mitbegründer jener Theorie der natürlichen Zuchtwahl war, heute der wunderlichen Ansicht, in uns Menschen steckten nicht nur höchstentwickelte Intelligenztiere unseres Planeten selbst, entwickelt hier in der jahrmillionenlangen ungestörten Ruhe dieses Planeten. Ihm sind die menschlichen Gehirne vielmehr Wohnstätten fernher gewanderter kosmischer Geister; aber diese Geister sollen sich eben die Erde ausgesucht haben als gesichertste Wohnstätte im All. Eine spaßhafte Idee an sich, die aber doch in der Phantasie eines kenntnisreichen und geistvollen Forscherkopfes dafür zeugt, _wie_ sehr sich die glückliche Raumlage der _Erde_ aufdrängt, von wo immer man an sie herangehe.
Auch wer in die Zukunft spekulieren will, sich denkt, daß dort einmal die Planetenbahnen sich änderten, daß die Sonne erkalten könnte, daß nach Tausenden vielleicht von Billionen von Jahren die Eigenbewegung der Sonne und der nächsten Fixsterne doch einmal zu einer uns mitreißenden Fixstern-Karambolage führen könnte (Dinge, die notabene alle heute nicht etwa bewiesen werden können, sondern im breitesten Spielraum des reinen Spekulationsvergnügens liegen), wird aus dieser bestehenden Lage doch mindestens noch eine Zukunftsgarantie für Frieden ohne Katastrophe auf viele Jahrmillionen hinaus zugeben müssen.