Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.
Wilhelm Bölsche
Komet und Weltuntergang
Erstes bis siebentes Tausend
Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1910
Vorwort
Es besteht das Bedürfnis, in diesem Frühjahr den Weltuntergang infolge eines Zusammenstoßes der Erde mit dem Halleyschen Kometen zu proklamieren. Mehrere Menschen empfinden daraufhin den Wunsch, durchaus ethisch zu werden; andere meinen, daß nunmehr aller gute Wein, den die Menschheit auf Reserve angesammelt hat, ausgetrunken und alle schönen Mädchen abgeküßt werden müßten. Für diese an sich löblichen Bestrebungen können streng wissenschaftliche Grundlagen aus Anlaß vorliegender Kometentheorien zurzeit noch nicht in ausreichendem Maße gegeben werden. Das zu untersuchen und zu klären ist der Zweck des vorliegenden Büchleins, das übrigens auch _nach_ dem Weltuntergang noch mit Nutzen gelesen werden kann.
_Wilhelm Bölsche_
_Friedrichshagen_ Ostern 1910
Der Himmel rötet sich von einer nordlichtartigen Glut. In sprachloser Erstarrung stehen die Menschen. Es ist kein Nordlicht: es ist der Weltbrand. Walhalla brennt, und nun muß alles mit.
Wir alle kennen die Gewalt dieses Schlußbildes in Wagners Dichtung. Es ist der höchste Abschluß, den die Tragödie erreichen kann. Das Schicksal siegt, und mit dem Vorhang fällt die Welt.
Die Götter haben Schuld begangen, sie haben die heiligen Verträge gebrochen. Nun zieht der unerbittliche Urgrund der Dinge den logischen Schluß. Die Schuld muß gesühnt werden, also muß Walhalla brennen. Da unten aber steht das arme Häuflein Menschen und weiß: die da droben fallen, so müssen auch wir kleinen Kerle nach in den Weltenbrand. Die Walküre hat ihnen noch von der Seligkeit der Liebe gesungen. Aber das galt schon einem späteren, einem vielleicht einmal bleibenden Geschlecht. Was heute Mensch heißt, das muß mit in den schauerlichen Hochofen, der da oben zu glühen beginnt. Götterdämmerung! Die Menschendämmerung ist dann nur noch ein Anhängsel.
Immer, wenn ich das sah, haben mir diese Menschen leid getan, die mit als Opfer fallen, weil das Schicksal den Schluß zieht aus der Schuld derer da oben. Schon in der Ilias hat das so ergreifenden Ausdruck gefunden. Die da oben wirtschaften ins Tolle; sie haben einen ungeheuren Krieg inszeniert; die hier unten müssen bluten, und all ihr Heldenmut erreicht zuletzt doch nur, daß Patroklus sinkt und Hektor und schließlich auch Achilles.
Es ist aber ein eigentümliches Ding in der Welt: die Namen wechseln, aber die Mächte und die Nöte bleiben immer wieder die gleichen.
Im alten Babylon sind einst aus den Sternen Götter geworden. Für uns heute sind die antiken Götter wieder in Sterne eingegangen. Und doch hat sich die Situation wenig geändert.
Auch für uns, naturwissenschaftlich geschulte Menschen, Bewohner des fern im Sonnenraum mit dreißig Kilometer Geschwindigkeit in der Sekunde dahinsausenden Planeten Erde, moderne Menschen von heute, auch für uns bewegen sich auf der Weltenbühne immer wieder die drei Mitspielenden.
In der Tiefe das unergründliche Geheimnis der Natur. Diese dunkle Macht hinter Leben und Tod, der wir verdanken, daß überhaupt etwas ist; aus der wir aufblühen, in der wir versinken, wir, Sterne wie Menschen; die nicht lobt und nicht anklagt, die überhaupt nicht redet, die, wie Angelus Silesius singt, »ein ew'ge Stille« ist; aber die aus dem Unnahbaren dieser ewigen Stille vollzieht, und deren unerbittliche Waffe die ewige Logik ist, das ewige Kausalgesetz. Was getan ist, das zieht seine Folgen nach, unabänderlich.
Vor diesem absoluten Naturgrunde aber spielen sich zwei engere Szenen ab.
Im Raume schweben Gestirne. Sonnen um die Planeten kreisen. Unfaßbar lange Zeiten hindurch halten sie sich in geregelten Bahnen ohne Zusammenstöße. Auf uralten Verträgen scheint ihr Dasein über Äonen fort aufgebaut. Will man es weniger vermenschlicht ausdrücken, so mag man es Balancen nennen. Vielleicht sind sie in ganz grauen Tagen erst selber mühsam erworben worden, die Balanceverhältnisse etwa unseres Planetensystems. Als Ergebnisse unendlicher Kämpfe. Bis alles sich in natürlicher Auslese des Passendsten, des Harmonischsten endlich so zurechtgesetzt hatte, daß es nun auf lange Zeiträume hin wirklich hielt wie in einem ehernen Garantievertrag.
Erst jenseits dieser kosmischen Garantien tauchen dann die Menschen auf. Entwickelt in der Ruhe eines solchen Planeten, der jahrmilliardenlang ohne Stoß, ohne Katastrophe um seinen Sonnenschwerpunkt, seinen Vertragsmittelpunkt, jahraus jahrein friedlich kreiste. In gewissem Sinne selbständig, sind diese Menschen doch unlösbar gekettet an diesen oberen Zusammenhang. Mit ihrem Stern hängen sie in der großen Sternenbalance. Unablässig rollt die Erde sich mit ihnen um sich selbst, um die Sonne, mit dieser Sonne auf das Sternbild des Herkules los. Von überall her starren die Augen der anderen Oberwelten sie leuchtend an, wenn ihr Blick zum Himmel geht. Sie mögen für sich treiben, was sie wollen, diese Menschen da unten, kleine Götter spielen, gut sein oder schlecht; immer ist all ihr Spiel nur garantiert durch die Vertragstreue, die Harmonie, die Balancesicherheit derer da oben.
Und nun die alte Angst: wenn die dort einmal ihre Verträge brächen. Wenn Sterne gegeneinander liefen. Wenn unserer Erde kosmische Katastrophen drohten. Wenn diese heilige Himmelsruhe sich lockerte, sich löste. Das unerbittliche Schicksal der Logik, der Naturgesetzlichkeit würde auch hier den Schluß ziehen, ohne mit der Wimper seines schwarzen Rätselauges zu zucken. Seht ihr, wie der Himmel sich rötet. Ein Weltensturz kommt, eine Sternen-, eine Planetendämmerung. Ein kosmischer Störenfried bricht den uralten Erdvertrag. Weltbrand, und was seid ihr Menschen plötzlich da unten, mit müßt ihr in die Hölle, in den planetarischen Hochofen. Der Krieg der Götter ist entbrannt, und ihr müßt mit, der Held bei euch wie der Feigling, unerbittlich.
Andere Zeiten, andere Worte. Aber das gleiche Spiel, die gleiche Angst, das gleiche Mitleid bleibt mit den armen Menschen. Die Himmlischen inszenieren Troja und wir müssen brennen.
Eines ist aber doch nicht mehr gleich heute. Seit den Tagen Homers oder der Edda sind wir Menschen hier auf unserm irdischen Posten der großen Mysterienbühne unvergleichlich viel kühner, viel stolzer, viel selbstbewußter geworden.
In der Zwischenzeit liegt unsere eigentliche große Mündigerklärung zur technischen Erdherrschaft. Eine ganze Masse Dinge, die hier unten damals noch kleine Götter spielten, haben wir selber in die Hand genommen als gereifte, diesen Gewalten endgültig gewachsene Titanen. Poseidon wird in unserer Kultur ein derber Arbeiter, der Blitz muß unsere Apparate treiben. Wenn die Pest wütet, so zittern wir nicht mehr vor den Pfeilen Apollons, sondern wir wenden mit Erfolg Bakteriologie und Antiseptik an. Es ist auf dem Punkt, daß wir wirklich hier auf dieser Erdoberfläche mit dem, was hier noch an »Oberen« spukte, endgültig fertig werden. Prometheus siegt hier, wer kann daran nach den letzten Jahrhunderten der Technik noch zweifeln. Es ist eine heillose Arbeit gewesen und fordert noch eine heillose. Aber die entscheidende Wende ist überschritten. Es hat doch etwas wie ein Symbol (wenn es auch, das gehört zu den Resignationen des Lebens, im Moment der Lächerlichkeit ausgeliefert ist), daß der Fuß des Menschen sich jetzt auf den Pol setzt. Wenn das lenkbare Luftschiff darüber weg steuert, so wird auch die letzte Lächerlichkeit des »Objektteufels« vor der heiligen Stunde kapitulieren, wie immer.
Kleine Schlappen, die wir auf diesen Gebieten noch erleiden, zählen nicht. Gewiß: wir machen noch Dummheiten; wir bauen eine Stadt auf die Zuglinie sich verschiebender Landmassen und sie stürzt im Erdbeben ein; wir regulieren einen Strom nicht ausreichend und Paris steht unter Wasser. Das sind aber keine Weltuntergänge, sondern wir wissen eigentlich schon selber recht genau, worin wir es dabei versehen haben und wie es künftig besser zu machen wäre. Es ist alles eher als eine Utopie, daß wir zuletzt alle Ströme, die an Kulturstädten vorbeifließen, wirklich ausreichend regulieren werden, daß wir die besonders durch Erdbeben bedrohten Erdstellen abschätzen lernen und eventuell Häuser konstruieren werden, die auch einen derben Stoß aushalten.
Und noch um ein Schwereres ringen wir: das Raubtier Mensch zu zähmen in uns selber, Mensch mit Mensch uns zu vertragen (wir sind doch nun einmal die Brüder von der gleichen Schicht des großen Mysteriendramas), den heillos simpeln Gedanken uns endlich einzuprägen, den uns schon die ganze niedere Lebensentwicklung zuschreit, daß man sich besser liebt als frißt. Auch das geht noch durch seine Momente der Müdigkeit (die ethische Resignation kommt sooft wie die technische), aber durch bricht es doch zuletzt.
Was wir in all dieser heißen, inbrünstigen Arbeit brauchen, das ist bloß noch Zeit, noch Fortsetzung der Dinge bei uns, noch Folgen von Generationen, die weiter schaffen, wo wir die Axt sinken lassen. Der Einzelne: ja da muß auch manches resignieren; mindestens müssen wir ihn dem Geheimnis zuletzt überlassen. Aber das ist doch das immer wieder Befreiende, Erhebende, daß auch dieser Einzelne in seinen paar Lebensjahren immerzu in seinen besten Momenten in größeren Zusammenhängen der Menschheit wirken und gestalten darf, auf Dinge hin, die ihn überleben sollen, die fortleben sollen bei wieder jungen, wieder frischen, wieder neu blühenden Menschen. Ein Rächer soll aus unsern Knochen auferstehen, lautete das alte Wort; uns ist Rache nicht mehr so wichtig; wir erwarten einen Fortsetzer, einen Vollender, einen Benutzer unserer Arbeit.
Und doch sind wir Titanen der Erde machtlos gegen die da oben!
Wir haben ja angefangen, auch sie zu studieren, wie der kluge Odysseus anfängt, seine Götter etwas mit Schläue zu sondieren, zu diplomatisieren. Wir haben begonnen, die Sternverträge selber zu prüfen, die Balancen ängstlich durchzurechnen. Wir haben die Erde gewogen, ihre Schwungkraft gemessen, Sonnen- und Siriusweiten festgestellt, das himmlische Billardspiel der ganzen Planetenbahnen durchgeprobt auf seine Garantien. Aber eine unermeßliche Kluft trennt uns von jeder Möglichkeit, deshalb nun da oben selber mitzuspielen, selber einzugreifen.
Wenn sich da oben etwas verschiebt, das alle planetarischen Sicherheitsverträge zu bedrohen beginnt, so können wir's gerade zur Not kommen sehen: ändern aber können wir's nicht. Wenn die Erde in ihr Verderben rennt: _wir_ haben keine Macht, sie zu hemmen.
Es gibt eine höchst amüsante, wenn auch wissenschaftlich nicht gerade sehr tiefe Geschichte von Jules Verne, in der drei Menschen in einer Bombe aus Aluminium zum Mond sausen; aus Langeweile gehen sie während der Fahrt die Rechnungen vom Observatorium zu Cambridge noch einmal durch, die ihnen die Ankunft auf dem Mond garantieren sollen, und dabei stellen sie einen Fehler fest, der alles umschmeißt und ihnen Rücksturz und Verderben bedeutet; angenehme Entdeckung, während sie schon fliegen! Aber ganz genau so fliegen wir alle längst durch den Raum, und wenn irgendeine schauerliche Rechnung uns heute beweisen sollte, daß ein fremder Weltkörper sich geradlinig auf uns los bewegt mit einer Bahnlage, die absolut notwendig zu einer entsetzlichen Katastrophe führen muß, so sitzen wir zugleich genau so hilflos eingeschlossen in unserem Gehäuse wie die Helden Jules Vernes und müssen wahllos in unser Verderben fliegen.
Unsere wissenschaftliche Phantasie kann sich dabei heute schon recht reinlich vorstellen, was geschehen müßte, wenn ein einigermaßen großer und schwerer Weltkörper auch nur ganz nahe an uns herankommen würde.
Durch die Anziehung müßte eine unglaublich hohe Springflut bei uns entstehen, deren doppelter Wasserberg mit der Erddrehung rasch um unsern ganzen Planeten wanderte, alles in einer katastrophalen Sintflut ersäufend. Gleichzeitig würden alle unsere Vulkane in tobenden Eruptionen ausbrechen, da die vom Druck jäh entlasteten Lavaherde und Dämpfe der Tiefe alle zugleich hochquellen müßten. Das Einströmen der Flutwasser in diese Feueressen aber müßte Explosionen erzeugen, bei denen weite Landgebiete wie Trümmer eines platzenden Dampfkessels in die Luft flögen; die berühmte Explosion des Krakatau von 1883 an der Sundastraße, bei der auch der Ozean in den ausbrechenden Krater geflossen zu sein scheint und eine Dampfsäule von fünfzig Kilometer Höhe entstand, in deren Gefolge längere Zeit Änderungen der gesamten Erdatmosphäre (abnorme Dämmerungsfarben durch Beimischung feiner Vulkanasche) eintraten, wäre ein harmloses Kinderspiel dagegen.
Bei noch weiter fortschreitender Entlastung würden aber allmählich auch die tieferen Massen des Erdinnern unruhig werden. Man nimmt heute ziemlich allgemein an, daß der eigentliche Sitz des Magmas, das in unseren Vulkanen aufquillt, noch nicht in sehr großer Tiefe der Erdrinde sei. Was noch tiefer liegt, das wird durch den wachsenden ungeheuerlichen Druck der auflastenden Massen normalerweise so gebändigt, daß es gar nicht mehr bis zu uns aufbegehren kann. Nach gangbarer Hypothese liegen der Temperatur nach eigentlich gasförmige Stoffe gegen den Erdkern zu infolge des Drucks in einem Stadium, das sehr nahe der äußeren Erscheinungsform des Flüssigen oder gar Festen kommt. Eine plötzliche Erregung dieser sonst heilsam gedeckten Innensubstanzen würde erst das wirklich Grauenhafteste auslösen.
Man kennt ja die Geschichte jener kleinen Fische, die in der Tiefsee unter einem beständigen Wasserdruck bis zu tausend Atmosphären leben; in ihrer Tiefe sind sie hübsch körperlich auf diesen Druck eingestellt; wenn man sie aber plötzlich im Netz an die Oberfläche bringt, platzen sie jämmerlich auseinander. Jener Inhalt des Erdkerns würde entlastet sich ebenfalls als titanischer Explosivstoff bewähren müssen. Mit unhemmbarer Gewalt würde er losbrechen, die Erde würde statt einfacher Vulkanausbrüche Protuberanzen entwickeln nach Art jener fürchterlichen roten Eruptionen von glühendem Wasserstoff und Calcium, die viele Tausende von Kilometern hoch über die Oberfläche der Sonne emporzuspritzen pflegen. Eine wirkliche Berührung der Erde mit jenem zweiten Weltkörper würde, abgesehen von der dabei entstehenden mechanischen Umsatzwärme, durch direktes Zertrümmern der schützenden Deckschale der Erde endlich eine Gesamtexplosion dieser Kernsubstanz mit ihrer so lange verhaltenen Energie hervorrufen, die für unsere irdischen Verhältnisse geradezu als Götterdämmerung bezeichnet werden könnte.
Schon ein geringer Teil dieser Ereignisse würde aber genügt haben, das dünne schillernde Schleimhäutchen von der Erdrinde fortzusterilisieren, das wir (mit Einschluß des Menschendaseins) Leben nennen. Dieses Häutchen, in mancherlei Gestalt von Schleimtröpfchen protoplasmatischer Art über eine geringe Schicht der Erdoberfläche lose verteilt, ist seinem innersten Wesen nach zwar seit alters ein wahrer Ahasver und Proteus zugleich an Zähigkeit, wenn man ihm Zeit läßt, sich gegen äußere Bedingungen langsam einzustellen und raffinierteste Anpassungen fertigzubekommen. Es ist aber ebenso schwach, wehrlos, hinschmelzend wie eine Qualle in der grellen Sonne, hinsprühend wie eine Hand voll Spreu in der Flamme gegenüber jeder katastrophalen Bedrohung.
Ein paar Stichflammen, wie jene schauerliche von Martinique, die in einem Moment über dreißigtausend Menschen vernichtete, durch die Kontinente rasend, würden das Land sofort veröden, eine auch nur momentane Erhöhung der Meerestemperatur auf Siedehitze die Ozeane. Als letzte Überlebende dürften noch Sporen von Milzbrandbakterien, die hundert Grad trockener Hitze aushalten, und gewisse Algenpflanzen der heißen Quellen des Yellowstoneparks in Nordamerika eine Weile ausdauern, binnen kurzem aber natürlich auch ohne Erfolg. Der Mensch mit heutiger Technik wäre jedenfalls längst vorausgegangen im Tode.
Unwillkürlich verweilt der Gedanke auf dem Antlitz dieser Menschheit bei sich nähernder Gewißheit eines solchen Endes.
Es wäre eine letzte, furchtbar ernste Probe auf unsere geistige Kraft, auf den letzten Stärkeschatz, der sich angesammelt im Verlauf dieses wunderbaren, unwahrscheinlichen Märchens, das wir als Entwickelung der Menschheit und Menschenintelligenz auf dieser Erde haben.
Noch einmal würden sie wohl beide in letzter Kraft erscheinen, die beiden Gestalten, die um diesen Menschen immer wieder gerungen haben in all den Jahrtausenden seiner Geschichte: das alte Raubtier, das mit allen Mitteln die Erdherrschaft an sich riß, das von dem alten Kannibalenhügel von Krapina, wo sie noch Neandertalmenschen geschlachtet haben, bis auf unsere Zeiten immer auf einer roten Spur von Blut durch diese Geschichte gewandelt ist; und das ewige Sonnenkind, das aus der anderen Tiefe der Natur, aus der schon der Paradiesvogel den Sinn nahm, spielend seine Hochzeitslaube mit bunten Federn und Beeren zu schmücken, die Kunst zog, das auf Denken und hingebende Forschung, auf Weltanschauung, auf Liebe und Ethik loswanderte, als die großen Neuländer, die mehr waren als alle noch so hoch gesteigerte Raubtierkraft.
Die Energie brutaler Rücksichtslosigkeit würde sich noch einmal ausleben wollen, fast glücklich, daß sie endlich noch einmal alle Fesseln brechen kann, mit denen sie wenigstens die Kritik des verfeinerten Menschentums heute überall eingeengt hat; wie eine kleine Explosion notdürftig gebändigter, unter den Kulturdruck gestellter Innengewalten und Urgewalten des Menschen selber würde das schon bei dem Gedanken an den Untergang entlastet vorbrechen, ehe noch jene zerstörende Entlastung des Planetenkerns der Erde begönne.
Aus einer andern wieder entlasteten Schicht würde über Tausende und Tausende von uns die Gedankenwelt sich noch einmal als zäher Lavastrom ausbreiten, wie sie in ihrem typischsten noch lebenden Beispiel Sven Hedin kürzlich so anschaulich aus den Klosterstädten Tibets geschildert hat: jene absolute Einstellung des ganzen wirklichen Lebens auf die Welt eines geglaubten anderen, nachkommenden. Der Glaube, der Menschen veranlaßt, viele Jahre ihres Lebens in einer bis auf einen schmalen Spalt zugemauerten Zelle freiwillig zu verbringen und tagaus tagein, ob nun die Sonne draußen scheint oder Wolken die Dinge verfinstern, den ganzen Inhalt dieses Lebens auf das ewig gleiche mechanische Drehen einer Gebetmühle zu verwenden, im felsenfesten Vertrauen, daß so eine bestimmte Suggestion auf dieses Jenseits ausgeübt werde!
Umgekehrt würde für diesen fieberhaften letzten Moment aber zweifellos auch noch einmal das wie eine wirkliche Lösung, ein wirklicher Trost hervorblühen, was dem armen, ringenden, blutenden Einzelmenschen so unzählige Male immer wieder schon in diesem Leben geholfen hat: der göttliche Leichtsinn des Menschen mit all seiner Grazie und Liebenswürdigkeit; der heilige Leichtsinn, der sich, wenn unten die Pest als Schnitter durch die Garben geht und uns alle mähen wird, in eine lustige Halle setzt und Boccacciosche Märchen erzählt, dem Tode einen goldenen Becher zutrinkt aus dem Wein, den sonst erst die Enkel haben sollten, und von der heißen Lippe des schönen Mädchens geküßt wird, von dem ihn sonst alle heiligen und profanen Wasser dieser Erde auf ewig hätten trennen müssen.
Schließlich glaube ich aber doch auch noch an ein letztes kleines Häufchen von Menschen (Fazit des reinsten Entwicklungsgoldes der Menschheit heute schon, wenn es auch nur eine kleine Schar ist), die im Anblick des rot aufstrahlenden Himmels der Götterdämmerung das Beste aus all diesen wechselnden Zügen der Kraft nach bewähren würden ohne die Schlacken; die aus der eisernen Stärke des wilden Kämpfers, aus dem tiefsten Sehnen und Resignieren des echten religiösen Kerngehalts, wie aus dem sprühenden Trotz, der dem Tode zutrinkt, endlich den Heldenmut der freien Seele in diesem letzten Scheidefeuer sich schmieden würden, von dem des Dichters Wort gilt:
»Wenn etwas ist, gewalt'ger als das Schicksal, So ist's der Mut, der's unerschüttert trägt.«
... Auch ein solcher Mensch würde aber doch die ganze Trauer empfinden, die uns beim Tode eines Jünglings ergreift. Die Mummelgreise des blasierten Denkens lügen ja: die Menschheit ist noch nicht alt. Sie ist noch jung bis zur grünsten Dummheit. Sie wollte erst anfangen, wollte erst beginnen, etwas zu leisten. Erst eben fing eine endlose dunkle Naturarbeit an, in ihr einen Sinn zu bekommen. Nun ein glühender Hauch, und das alles soll wieder umsonst gewesen sein.
Vielleicht registrieren sie das Aufflammen der Erde auf einem andern Stern. Einmal wieder eine kleine kosmische Veränderung. Wer weiß, nach wieviel Zeit erst. Das Licht nimmt ja vierzigtausend Meilen in der Sekunde und braucht doch Jahrtausende bis zu den entfernteren Sternen unseres Milchstraßensystems. Dort schieben sich die Geschehnisse durch die verspätete Lichtpost immer weiter und weiter zurück. Wenn die Welt wirklich, wie der Kalender will, erst um 3761 v. Chr. erschaffen worden wäre, so müßte dieses merkwürdige Ereignis für unsere Gegend schon auf Sternen von mittlerer Entfernung jetzt noch unmittelbar beobachtet werden.
Nehmen wir an, es sei nicht zu einer vollkommenen Explosion des Erdinnern gekommen, sondern es hätten bloß die Springfluten und Basaltergüsse beim nahen Vorbeipassieren eines himmlischen Störenfriedes die Menschheit vernichtet, so wäre es denkbar, daß nach Äonen andere, mit weit erhöhter Technik wandernde Intelligenzwesen diesen toten Ball besuchten. Vielleicht, daß sie bei künstlichem Licht durch Schachte in die rätselhafte ungeheure Erstarrungsdecke des ehemals glühend ausgeströmten Basalts eindrängen, wie wir heute uns mit Fackeln hinableuchten lassen in die gespenstischen Räume des Theaters von Herkulaneum, über das einst die heißen Schlammströme des neu explodierenden Vesuv geflossen sind. Wie in jenem verschütteten Theater würde da und dort eine Stufe, ein Säulenrest, eine geköpfte Statue, eine Inschrift von der toten Menschheit zeugen und staunende Neugier, gemischt mit einem Gefühl des Grauens, wecken. Ein verklungenes Märchen, in der Nacht, der Tiefe versunken. Wie Atlantis, wie Vineta der Sage. Nicht einmal seine Glocken klingen mehr. Lava hält energischer im Bann als Wasser. Das ausgeträumte Märchen der Menschheit ...
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Lassen wir die Grauen und nehmen ein ganz aktuelles, überaus anmutiges Naturbild.
Die meisten von uns haben es in den letzten Tagen des Januar dieses Jahres genossen.
Nicht als Götterdämmerung, sondern in ihren gewohnten roten Abendfeuern ging die Sonne zur Rüste. In dem zauberhaften Farbenbogen, der aus duftigstem, durchsichtigstem Orangegelb, Mattgrün und ganz oben Violettblau sich noch eine Weile leise abklingend im Westen hielt, trat plötzlich hineinblitzend und dann rasch im eigenen Weißfeuer wachsend, bis sie als neuer Mittelpunkt das Ganze beherrschte, die Venus vor. Dieser schöne schneeweiße Planet, der uns so nahe ist und von dem wir doch so rein gar nichts wissen, weil ein ewiger dichter Wolkenschleier zäh das Geheimnis seiner Oberflächengestalt hütet.