Komet und Erde: Eine astronomische Erzählung
Part 6
Städte und Völker hatten sich geändert. Viele waren verschwunden, andere neu erstanden. Es war ganz klar, die Menschheit hatte einen großen Schritt weiter getan. Ob aber vorwärts oder rückwärts? Der Komet, der doch ein scharfer Beobachter war, glaubte zu der Annahme Grund zu haben, daß die Menschheit nicht rückwärts gegangen war. Aber nicht allein der Mensch hatte sich mit allem, was mit ihm in näherer Beziehung steht, geändert; es schienen sich auch in der Natur Umwandlungen vollzogen zu haben, die nicht ausschließlich dem Zahn der Zeit zuzuschreiben waren. Die Wälder waren zurückgedrängt und bedeckten nicht mehr den ungeheuren Raum, den sie ehemals eingenommen hatten. Von Menschenhand angelegte Wasserläufe hatten sich in die natürlichen Flußsysteme eingeschoben. Sümpfe waren ausgetrocknet und die Meeresufer schienen geschützt. Das Land war mit weißen Linien durchschnitten und an den Hügeln bauten sich terrassenförmig Dörfer auf. Gewerbtreibende Städte erhoben sich an den Ufern großer Ströme und ließen ihren Grund von den rasch dahinströmenden Wellen benetzen; Gärten und Parkanlagen umrahmten die Gruppen menschlicher Wohnungen. Man mußte es wohl bekennen: diesem kleinen Teil der Erdkugel hatte der Mensch das Siegel seiner Gegenwart aufgedrückt.
Aber ... und wo gibt es kein »Aber«? ... noch immer hörte der Komet auf der Erde Waffengeklirr. »Auch jetzt noch! Leider!« rief er aus. »Fast muß ich glauben, daß den Erdenleuten das Kriegführen zur Gewohnheit geworden ist. Die armen Menschen! Und dabei ist ihr Planet doch keineswegs häßlich. Warum schlagen sie in den sie entwürdigenden Kriegen einander tot? Kann es etwas Schöneres geben, als unter der lachenden Sonne in Frieden zu schaffen? Ob sie denn überhaupt wissen mögen, was sie tun?«
In den stillen und unendlichen Tiefen des Weltenraumes ist das Gefühl für Entfernungen aufgehoben, und Organe, die imstande wären, auch den schwächsten Ton zu vernehmen, könnten sich durch den unendlichen, unfühlbaren Äther verständlich machen. Alles ist relativ, die Stärke des Tons sowohl als die des Lichts. Wenn die Kometen nach den entlegenen Wüsten ihrer größten Entfernung kommen, verlangsamen sie ihren Gang, als ob sie in den Tiefen des Raumes dem Unbekannten ein aufmerksames Ohr schenken wollten. Man will sogar wissen, daß sie manchmal, ebenso wie in ein fernes Land Verbannte, sich leicht aneinander schließen, sich durch den unermeßlichen Raum ihre Gedanken mitteilen und daß sie sich die Langeweile der Einsamkeit und der Finsternis durch eine Unterhaltung über die Natur der Dinge und das Schicksal der Wesen, die sie auf ihren Reisen gesehen haben, zu verkürzen suchen. Vor einigen Jahren traf unser Komet in der Einöde jenseits des Neptun den Halleyschen Kometen, der, wenn er auch nicht ganz so vornehm und berühmt wie unser Held ist, sich doch immerhin bedeutend über den Durchschnitt der gewöhnlichen Kometen erhebt. Die beiden Reisenden gingen sofort daran, ihre Erinnerungen und Erlebnisse miteinander auszutauschen.
»Seit meinem letzten Besuche habe ich die Erde sehr verändert gefunden,« begann der größere und ältere von beiden. »Man arbeitet dort unten sehr rasch, und es will mir scheinen, daß eines meiner Jahre so lang ist wie dreitausend der ihrigen, und daß in dieser winzigen Spanne Zeit neunzig verschiedene Generationen geboren werden und sterben könnten. Welch Unterschied doch zum Neptun, auf dem ich seit sechstausend Jahren auch nicht ein Jota sich habe ändern sehen.«
»Mit Verlaub, mein verehrter Kollege,« entgegnete der andere. »Auch meine Jahre vergehen viel schneller als die Eurigen, denn während ich einen Umlauf um unsere herrliche Königin, die Sonne, vollende, haben die Erdbewohner erst fünfundsiebzig ihrer Jahre verlebt, und um die Wahrheit zu gestehen, muß man zugeben, daß man während dieses kurzen Zeitraumes auf der kleinen Erde Zeit findet, viel zu bauen und niederzureißen. Glaubt es mir, werter Kollege, ich bin über den Leichtsinn der Erdbewohner nicht weniger erstaunt als Ihr es seid.«
»Unter uns gesagt, diese Leute scheinen mir entweder sehr oberflächlich oder sehr tätig zu sein. Seitdem es Menschen auf der Erde gibt, verändert sie sich zusehends. Früher, bevor diese Geschöpfe erschaffen waren, kann ich mich erinnern, zwanzig und auch dreißig Reisen gemacht zu haben, ohne daß ich große Änderungen auf der Erdoberfläche bemerkt hätte. Aber seit fünf Jahren« (der Komet meinte fünfzehntausend Jahre) »haben sie es gelernt, in ihrem Lande zu bauen, niederzureißen, zu graben, Dämme aufzuschütten und es in einer Weise umzugestalten, als ob sie damit ein reines Gaukelspiel aufführen wollten.«
»In welchem Erdenjahre waret Ihr zum vorletztenmal da?«
»Mein lieber junger Freund, wenn ich mich recht erinnere, mögen dies dreißig irdische Jahrhunderte her sein. Ich kenne ihren Kalender zu wenig, um die Zeit genau angeben zu können. Ich war gerade damals in meinem zweihundertfünfundvierzigsten Jahre, denn ich zählte fünfundvierzig Jahr, als ich die Erde zum erstenmal bemerkte, und seit jener Zeit bin ich zweihundertmal an ihr vorbeigekommen.«
Der kleine Komet, der sehr gut zu rechnen verstand, hatte ohne große Mühe sofort herausgefunden, daß dieser vorletzte Besuch keinesfalls später als um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts vor Beginn der christlichen Zeitrechnung stattgefunden haben konnte. Häufigere Besuche auf der Erde hatten ihn mit der dortigen Art, die Jahre vor und nach Christi Geburt zu zählen, vertraut gemacht. Und er konnte sich eines Lächelns nicht enthalten, wenn er an die Verwunderung seines ehrwürdigen Gefährten über die Veränderungen dachte, die sich seit jener Zeit auf der Erde vollzogen hatten. Da er gern erzählte und sich seinem vornehmeren Kollegen angenehm machen wollte, gelüstete es ihn, die Unterhaltung fortzusetzen und seine persönlichen Beobachtungen über die Bewohner der Erde zum besten zu geben. Sein Kamerad bemerkte dies.
»Lieber Kollege,« begann er, »Ihr müßt doch über den Gegenstand, von dem wir sprechen, viel besser als ich unterrichtet sein. Ihr seid viel öfter als ich der Erde nahegekommen, und Ihr könnt ihre Geschichte besser verfolgen. Ist der Stand der Dinge, wie ich ihn auf meiner letzten Reise« (er meinte im Jahre 1811) »auf der Erde gesehen habe, unmittelbar auf den gefolgt, der sich meinem Auge bei meinem vorletzten Durchgange« (also zur Zeit des Trojanischen Krieges) »darbot? Zwischen diesen beiden Daten scheint mir doch eine große Lücke zu liegen, und ich glaube, Ihr könntet mir darüber hinweghelfen.«
»Seit Eurem vorletzten Besuche«, erwiderte dieser, »bin ich vierzigmal in die Nähe der Erde gekommen, und, wollt Ihr es mir glauben? jedesmal habe ich Veränderungen auf der Erde wahrgenommen. Die Menschen leben auf ihrer Weltkugel eine so kurze Zeit, daß es wohl schwerlich viele gibt, die sich rühmen dürfen, mich bei zwei meiner aufeinander folgenden Erscheinungen am Himmel leuchten gesehen zu haben, ja die meisten Menschen haben mich auch nicht ein einziges Mal gesehen. Und dabei«, fuhr er in traurigem Tone fort, »ist mein Jahr doch vierzigmal kürzer als das Eurige. Von meinen verschiedenen Erscheinungen auf der Erde erinnere ich mich, nach der irdischen Zeitrechnung, derjenigen im Jahre 12 vor Christi Geburt, dann 837, 1066, 1456, 1531 und 1759 nach Christi Geburt am deutlichsten, weil Ereignisse, deren unschuldige Ursache ich werden sollte, mich in hohem Grade bewegten. Wenn es Euch interessiert, will ich Euch gern mehr davon erzählen. Es wäre mir dies ein um so größeres Vergnügen, als ich ja nur selten Gelegenheit habe, davon sprechen zu können.«
Da unser Komet sich ganz außerordentlich für alle menschlichen Angelegenheiten interessierte, und da ihm in der tiefen Einöde des Weltenraumes, die sie jetzt durchflogen, die Gesellschaft seines jüngeren Gefährten ganz willkommen war, so hörte er dessen Bericht mit gespanntester Aufmerksamkeit zu.
Und nun erzählte ihm dieser, wie im Jahre 12 vor Beginn unserer Zeitrechnung im chinesischen Reiche, unter der glorreichen Herrschaft der Han, die auf die Dynastie der Tsin gefolgt waren, auf Befehl des Kaisers der Fong-siang-chi, der kaiserliche Astronom, den Kometen beobachtet und in ihm einen neuen Beweis für den Zorn des Himmels auf Tsin-chin-hoang-ti erkannt hatte, weil dieser, noch nicht zufrieden damit, daß er die vom Kaiser Wu-wang auf dem »Turm der Geister« errichtete Sternwarte hatte einäschern und außerdem vierhundertfünfzig der gelehrtesten Weisen des Reiches hatte enthaupten lassen, bei Todesstrafe anbefohlen habe, innerhalb vierzehn Tagen sämtliche über Moral, Philosophie, Astronomie und Geschichte handelnde Bücher zu verbrennen; wie ferner der kaiserliche Astronom dem Fürsten anempfohlen habe, ebenso wie es ja im Winter zu geschehen pflegte, sich in den zur Linken gelegenen Saal des Schwarzen Palastes zu begeben, und durch ein dem Gotte Hiuen-ming dargebrachtes Opfer symbolisch eine neue Ära für Kunst und Wissenschaft einzuleiten; wie dann der Tatsung-pe die Mandarinen, ebenso wie zur Zeit der letzten Sonnenfinsternis, um den kaiserlichen Thron versammelt hatte, um dem Gestirn zu huldigen, und wie ganz China zwei lange irdische Monate hindurch auf den Beinen geblieben war. Er erzählte weiter, wie im Jahre des Heils 837 Ludwig der Fromme, der Sohn und Nachfolger Karls des Großen, sich in einem dunklen Winkel der Burgterrasse vor ihm auf die Knie geworfen und ihn gefragt habe, welche Botschaft ihm der Komet vom Himmel brächte; wie dann statt des stummen Kometen des Kaisers geistliche Würdenträger geantwortet hätten und der fromme Kaiser die drei Jahre, die er noch zu leben hatte, damit verbrachte, Dome zu erbauen, reiche Abteien zu stiften, große Klöster zu errichten und Kirchen und Schulen mit reichen Mitteln auszustatten. Ferner erzählte er, wie im Jahre 1066 Wilhelm der Eroberer in der ganzen Normandie habe ausrufen lassen: »~Nova stella, novus rex~« (»Ein neuer Stern, ein neuer König«); wie er sich den Kometen zum Führer auserkor und unter seiner Führung England eroberte. Auf der berühmten Stickerei in der Bibliothek der Stadt Bayeux kann man dies noch heute sehen; das Werk stammt von der Königin Mathilde, der Frau des Eroberers. Sie bildete die bedeutendsten Szenen der Eroberung ab und verewigte dabei auch den Kometen, wie er über einer Gruppe von vielen Leuten steht, die Kopf und Hände zu ihm erheben. Und weiter berichtete der Wandergefährte unseres Kometen ganz ausführlich, wie im Jahre 1456 Christen und Muselmanen, die miteinander im Kriege lagen, in seiner Gestalt ein flammendes Schwert erkennen wollten, das am Himmel ausgesteckt worden sei, um ihnen das schrecklichste Unglück anzukündigen. Mohammed II., in dessen Besitz Konstantinopel bereits übergegangen war, hatte geschworen, daß er sein Pferd auf dem Altar der Sankt Peterskirche in Rom tränken werde, und auf dem Wege dahin belagerte er Belgrad. Als nun die Gestalt eines feurigen türkischen Schwertes am Himmel erschien, sah der Papst Calixt III. alle seine schlimmen Befürchtungen in Erfüllung gehen. Der Komet schilderte weiter, wie der Papst in seinem Zorn Gestirn und Türken feierlich verfluchte, wie er sodann das Angelus, ein Gebet, das beim Klange der Glocken gesprochen werden sollte, angeordnet habe, und wie dann jenes große Belgrader Blutbad begann, das ohne Unterbrechung zwei Tage lang dauerte, und bei dem die Franziskaner-Mönche mit keiner anderen Waffe als einem Kruzifixe in der Hand »in der vordersten Reihe standen und zum Papste flehten, er möge die himmlische Erscheinung beschwören, daß sie ihren verhängnisvollen Einfluß auf ihre Feinde ausübe«. Der Komet fuhr in seinem Berichte fort und erzählte, welche ganz andere Wirkung sein Erscheinen im Jahre 1531 hervorgerufen hätte. Luise von Savoyen, die Mutter Franz' I., hatte drei Tage vor ihrem Tode eine außerordentliche Helle in ihrem Zimmer bemerkt. Sie ließ den Vorhang hinwegziehen, und von dem Anblick des Kometen ganz betroffen, rief sie aus: »Ein solches Zeichen gibt der Himmel nicht für gewöhnliche Menschen. Gott hat es nur für uns Große der Erde vorbehalten. Schließt das Fenster! Es ist ein Komet, der mir den Tod anzeigt, wir wollen uns darauf vorbereiten!« Weiter erwähnte der Komet, daß von seinem Erscheinen im Jahre 1682 seine astronomische Registrierung datierte. Denn bei seinem Vorübergang in diesem Jahre wurden seine Elemente berechnet und festgestellt, daß er derselbe Komet sei, der in den Jahren 1531 und 1607 an der Erde vorübergezogen war. Dem berühmten Astronomen Halley war es vorbehalten, ihn der Wissenschaft einzuverleiben und ihm seinen Namen zu geben, und für das Jahr 1759 kündigte Halley sein abermaliges Erscheinen an.
Sodann erzählte der Halleysche Komet seinem älteren Bruder die Geschichte der Aufeinanderfolge der verschiedenen irdischen Reiche, und zwar vom Jahre 1254 vor Christi Geburt bis zum Jahre 1835 nach Christi Geburt, in welchem Jahre er zum letztenmal die Erde besucht hatte. Der große Komet war nicht wenig erstaunt, als er hörte, wie rasch sich auf der Erde neue Reiche bildeten und wie sie noch schneller wieder zerfielen. Was ihn aber am meisten, und leider auch am schmerzlichsten überraschte, das waren die Mittel, welche die Bewohner der Erde anwandten, um ihre Eroberungszüge gegeneinander ins Werk zu setzen. Eisen, Blut, die wildesten und ausgesuchtesten Grausamkeiten! Soviel Bosheit in so kleinen Körpern und in so gebrechlichen Wesen; solch übermütiger Eigendünkel bei den Großen und dagegen wieder solch angeborene Schwäche bei den Kleinen! Die Weltgeschichte schien ihm wenig erbaulich, und hätte er nicht in Wirklichkeit von seiner erhabenen Höhe aus die Schwächen der Menschheit verachtet, so hätten ihm bei dem schreckensvollen Bericht seines jüngeren Kollegen wohl mehr als einmal sozusagen seine langen Haare zu Berge gestanden.
Sie flogen weiter, und ohne daß sie es merkten, zogen sie am Neptun vorüber. Der Halleysche Komet fuhr in der Darstellung seiner Lebensschicksale fort:
»Während der fünfundzwanzig Jahre bis zu meinem Erscheinen im Jahre 1682 irdischen Stils hatte die Astronomie so große Fortschritte gemacht, daß der Forscher, der mir seinen Namen gab, mein Erscheinen für das Jahr 1759 voraussagen konnte. Hierin lag sicherlich keine geringe Kühnheit. Ihr wißt jedoch, daß ich mich nicht so weit wie Ihr in die Tiefen des Weltalls stürzen kann -- denn schon nach etwa 37 Jahren muß ich umkehren, während Ihr, Kollege, noch fünfzehnhundert Jahre lang Eure Reise fortsetzen könnt. Es ist Euch bekannt, daß ich mich jedesmal bis auf sechsunddreiviertel Millionen Meilen von der Erde entferne. Für uns will das nicht so sehr viel sagen; für die kleinen Bewohner der Erde bedeutet es aber eine unermeßliche Entfernung. Auf meinem Fluge werde ich bisweilen durch gewisse Bewohner des Weltenalls zurückgehalten, und wenn ich durch ihr Gebiet gehe, bin ich gezwungen, meine Bewegung zu verlangsamen. Die Herren von der Sternwarte müssen außerordentlich scharfe Augen haben, oder richtiger gesagt, mit einem fast übermenschlichen Ahnungsvermögen begabt sein. Denn als ich in das Gebiet des Jupiter kam, war ich ihrem Gesichtskreis schon längst entschwunden und konnte auch mit Hilfe ihrer schärfsten Fernrohre nicht mehr aufgefunden werden. Ich glaubte annehmen zu dürfen, ihrer Aufmerksamkeit entgangen zu sein. Aber damit war es nichts. Durch Jupiter verlor ich 518 Tage, und Saturn veranlaßte eine Verzögerung meiner Bahn um weitere 100 Tage. Nun gut. Alles dies war bis auf einen Monat berechnet, festgestellt und bekanntgegeben worden. Den Astronomen können wir nichts mehr verheimlichen.
Ein glücklicher Zufall fügte es, daß man auf mein erneutes Erscheinen bei der Erde schon fünfzehn Jahr vorher aufmerksam geworden war, und zwar durch den schönsten Schweif, den man je gesehen hat, einen sechsfachen Schweif, der jedoch, wie ich gleich bemerken will, nicht mir gehörte. Ihr habt sicherlich, lieber Kollege, neulich jenen Vaganten gesehen, der von einer Welt zur andern fliegt und nie wieder an demselben Ort sich sehen läßt. Seine Bahn ist so exzentrisch, daß er schließlich parabolisch geworden ist. Ganz gewiß ist es auch Euch nicht entgangen, daß er den herrlichen Schmuck von sechs Schweifen besitzt. Nun, im Jahre 1744 war er mein Vorreiter, und nach dem irdischen Kalender gilt er als der schönste Komet des achtzehnten Jahrhunderts. An dem Abend, als er zum erstenmal am Himmel stand, glaubte man, eine zweite Sonne ginge unter, so groß war der Glanz, den seine Schweife ausstrahlten.
Ich sagte Euch wohl schon, daß ich bei jeder Wiederkehr zur Erde dort immer etwas Neues in den Sitten, Gebräuchen und dem Geist der Völker gefunden hätte. Niemals hat sich mir jedoch diese Beobachtung lebhafter aufgedrängt als bei meinem letzten Besuche. Den Teil der Erde, den ich 1759 besuchte, sollte ich 1835 wieder sehen. Noch genauer als vorher hatte man die Verzögerung berechnet, die ich bei Jupiter, Saturn und Uranus erleiden mußte, ja, man hatte mir sogar den Weg vorgezeichnet, den ich auf meiner Rückkehr durch den Himmelsraum zu nehmen hatte. Am 20. August 1835 sollte ich am Stern ζ im Sternbild des Stiers vorübergehen, am 28. zwischen den Zwillingen und dem Fuhrmann stehen, am 21. September im Fuhrmann sein, am 3. Oktober im Luchs, am 6. im Großen Bären, am 13. in der Krone, am 15. zwischen Herkules und Schlange, am 19. im Ophiuchus, am 16. November beim Stern η desselben Sternbildes und am 26. Dezember beim Stern Antares im Skorpion. Und was gewiß viel heißen will, von dieser mir so weise vorgezeichneten Marschroute brauchte ich nirgends abzuweichen. Aber, ich versichere Euch, niemals in meinem Leben und auch auf keiner anderen Welt habe ich so viel Umwälzungen und einen solchen Umschwung der Geister kennen gelernt, wie bei meinem letzten Besuch der Erde. Um Euch die Wahrheit zu gestehen, ist mir dies sehr nahe gegangen und ich bin darüber so traurig geworden, daß meine Betrübnis den Bewohnern der Erde nicht entgangen sein kann.[9] Was hat man auf der Erde von 1759 bis 1835 gemacht? Welche Umwälzung hat sich bei den Menschen vollzogen? Je mehr ich über die Ursachen und das Wesen dieser Neuerungen nachdenke, desto mehr gerate ich ins völlig Dunkle. Auch der Komet Karl V. scheint sich darin verloren zu haben.«
»Der Komet Karl V.? Was hat es mit dem für eine Bewandtnis?«
»Ach, entschuldigt, verehrtester Kollege, ich vergaß vollständig, daß Ihr über die irdischen Ereignisse nicht genügend unterrichtet seid. Karl V. war ein Kaiser von Deutschland, der seine Krone niederlegte, als im Jahre 1556 einer unserer leuchtenden Brüder, der bis dahin sicherlich keine Ahnung von der Existenz der Erde hatte, zufällig in ihre Nähe kam. Es ist dies derselbe Komet, der nach Ansicht der Erdbewohner schuld an der Sintflut tragen und später beim Tode Cäsars geleuchtet haben soll. Aller dreihundert Jahre sollte er wiederkommen, also auch 1856. Aber er mag wohl inzwischen den dummen Hochmut der Großen der Erde kennen gelernt haben, die sich einbilden, daß sie im Mittelpunkt des ganzen Weltalls stehen -- genug, er hat dieser kleinen, eitlen Welt Valet gesagt und ist in ein anderes Sonnensystem geflogen. Er befindet sich jetzt im Gebiet des Polarsterns, und die Menschen können auf ihn warten; er kommt nicht wieder. Um jedoch den Faden unserer Unterhaltung, die durch diesen Muster-Kometen eine kleine Ablenkung erfahren hat, wieder aufzunehmen, wiederhole ich, daß ich mich in Mutmaßungen darüber erging, welches die Ursachen der großen Änderungen sein mögen, die sich während meiner Abwesenheit von der Erde in der europäischen Gesellschaft vollzogen haben.«
»Dieses Mal kann ich Euch vielleicht Aufklärung geben, mein lieber junger Freund. Wenn die Großen auch oft zu hoch gestellt sind, um das, was sich in den unteren Regionen zuträgt, nach Gebühr sehen und würdigen zu können, und dadurch in eine bedauerliche Unkenntnis geraten, so verstehen sie es anderseits infolge ihres überlegenen Urteils doch, aus diesen Vorgängen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das wenige, was ich gesehen habe, kann daher vielleicht dazu dienen, die Lücke in Eurer Vorstellung auszufüllen. Ich weiß nur, daß es im Jahre 1811 in Frankreich keinen »König von Gottes Gnaden« mehr gab, sondern einen Kaiser, und gerade in derselben Woche, in der ich bei der Erde ankam, wurde diesem Kaiser ein Sohn geboren. Vom März 1811 bis zum April 1812 blieb ich bei der Erde. Ich glaube erkannt zu haben, daß die Eroberungen des Kaisers und die Vergrößerung Frankreichs die Nachbarreiche in Angst und Schrecken versetzten, und was mich in meiner Annahme bestärkte, war der Umstand, daß der große Machthaber eine Armee von 450000 Mann aushob, um mit dieser halben Million nach den russischen Steppen zu marschieren. Was aus ihnen geworden ist, vermag auch ich nicht zu sagen, denn vom Juli 1812 ab konnte ich auf der Oberfläche der kleinen Erdkugel nichts mehr erkennen.«
Die Kometen sind gute Logiker. Indem sie sich einander mit ihren Erinnerungen aushalfen und die Erfahrungen, die sie bei ihren Beobachtungen der Erdbewohner gesammelt hatten, austauschten, waren sie imstande, sich unsere Geschichte aufzubauen. Sie verfuhren dabei ganz nach Vernunftschlüssen. Im Jahre 1759, so sagte der eine, gab es in Frankreich soziale Zustände, die in sich vollkommen morsch waren und auf die nun große Hämmer, Philosophen genannt, um die Wette loshieben. Im Jahre 1811, meinte der andere, gab es in Frankreich einen Kaiser und Kriegsrüstungen. Im Jahre 1835, nahm der erste wieder das Wort, hatte Frankreich einen konstitutionellen König und lebte in tiefstem Frieden. Mit diesen drei vorhandenen Tatsachen hatten sie sich in großen Zügen die Umrisse der französischen Geschichte geschaffen. Ihre Unterhaltung berührte in derselben Weise auch das Geschick der anderen Völker, denn die Kometen haben für eine Schar Ameisen keine größere Vorliebe als für die andere. Da aber diese Entwicklungen sich im großen und ganzen sehr ähneln und für uns, die wir doch keine Kometen sind, weniger Interesse haben, so verzichten wir darauf, diese siderischen Unterhaltungen hier wiederzugeben.
So hatten die beiden Forschungsreisenden im Weltenraum, die sonst gewohnt waren, sich nur mit großen Dingen abzugeben, die kleine Erdkugel, auf der wir uns befinden, nach allen Richtungen hin besprochen. Bald aber mußte der Halleysche Komet abbiegen, um in seiner Ellipse dem Aphelium zuzufliegen, während der majestätische Komet von 1811 in gerader Linie seine Reise fortsetzte, denn bis zum Jahre 3343 wird er sich von der Sonne entfernen, um dann in demselben Marschtempo wieder zu ihr zurückzukehren. In den unermeßlichen Tiefen des Himmelsmeeres mag er dann wohl Welten begegnen, die uns unbekannt sind, einstigen Welten, deren Sonne erloschen und die in grausigem Schweigen ihre kosmischen Ruinen und die Gräber versunkener Kulturen durch den unendlichen Raum tragen.
Fußnoten