Komet und Erde: Eine astronomische Erzählung

Part 2

Chapter 23,512 wordsPublic domain

Wenn man, unter dem Schatten einer Palme gelagert, die üppige, in Farbenpracht erglühende Landschaft Afrikas betrachtet, mag es wohl vorkommen, daß man einschlummert und dann plötzlich aus einem düstern Traum aufschreckt, um sich inmitten der fruchtbarsten Landschaft zu sehen. Ganz ebenso erging es unserem Kometen, als er nach dem Abschied von der unansehnlichen Erde von Träumen umfangen, erst in der Nähe des prächtigen Saturn erwachte. Er verlangsamte seinen Weg und mit größerer Aufmerksamkeit als je vorher betrachtete er diese wunderbare Welt -- die dadurch entstandene Verzögerung in seiner Umlaufszeit verzeichnen die Astronomen des Neptun als »saturnale Störung« --. Und als er an diesem großen und schönen Weltkörper vorbeifuhr, da glaubte er wirklich aus einem bösen Alpdrücken erwacht zu sein.

Was war die Erde neben diesem prächtigen Stern? Die Erde! Eine winzige, unscheinbare Kugel, auf der das Leben sich gerade zu regen begann und sich in Formen kleidete, von denen zu reden kaum erfreulich war; eine chaotische Masse, deren verschiedene Elemente untereinander vermischt blieben, kurz -- ein reines Nichts. Denn als der Komet sich umwandte, konnte er bei der ungeheuer großen Entfernung die Erde nur noch als einen schwarzen Fleck vor der Sonne erkennen. Das mag es auch entschuldigen, daß die Erde bei dem Kometen ins Vergessen geriet und daß ihm eine geringfügige Schöpfung, wie es unser Planet damals noch war, gleichgültig blieb.

Zweites Kapitel.

Umwälzungen auf der Erde.

Die Gleichgültigkeit, die der Komet der Erde gegenüber bewahrte, war so stark und andauernd, daß er dreiundzwanzigmal in seine Sonnennähe kam, ohne daß er es sich einfallen ließ, auch nur einen einzigen Blick auf den kleinen Erdball zu werfen. Und wäre nicht ein ganz merkwürdiges Ereignis eingetreten, das ihn ganz ohne seine Absicht zwang, der Erde ein wenig Aufmerksamkeit zuzuwenden, so würde er sie wohl noch länger unbeachtet gelassen haben.

Als der Komet zum vierundzwanzigsten Male in ihre Nähe kam -- es war dies gegen das Jahr Fünfhundertvierunddreißigtausendfünfhundertundvierundsechzig vor Christi Geburt -- führte ihn sein Weg sehr dicht an der Erde vorbei, denn die beiden Gestirne kreuzten sich auf ihren Wegen, und zwar so nahe, daß die Erde während fünf Tagen und fünf Nächten in dem neblichten Schweife des Kometen blieb. Der Schweif gab dem Kometen eine Ausdehnung von achtunddreißig Millionen Meilen, vom Kopfe bis zur äußersten Spitze gemessen, und er bildete eine ungeheure Nebelfläche, die einige hunderttausend Meilen in der Breite maß. Im allgemeinen ist dies die Gestalt des Schweifes der Kometen; die Fläche ist mehr oder weniger ausgeweitet und nähert sich bisweilen auch der Fächerform. Infolge der großen Abstoßungskraft des Sonnenlichtes ist die Atmosphäre von einer außerordentlichen Dünne. Die Hitze löst alle Teile des Kometen, die dafür empfänglich sind, und was sich während der langen Entfernung des Kometen von dem Feuerherde der Sonne verdichtet hatte, verflüchtigt sich. Diese verflüchtigten Teile, die von nur sehr geringem Gewichte sind, nehmen aber sehr viel Raum ein und suchen sich vom Kern des Kometen, der auf sie eine nur schwache Anziehung ausübt, zu entfernen. Wie groß auch ihre Ausdehnung sein mag, ihr Gewicht beträgt nicht viel, und man könnte ganz gut ein Stück von der Größe der Notre-Dame-Kirche oder der Pariser Sternwarte aus ihnen herausschneiden und es wie eine Luftblase verschlucken.

Wir sagten, daß die Erde fünf Tage und fünf Nächte lang in dieser Dunsthülle blieb. Man wird vielleicht erstaunt sein, daß nach einer solchen Begegnung unser Planet noch existiert, aber noch mehr wird man wohl erstaunen, wenn wir erwähnen, daß die zu jener Zeit lebenden Wesen von dieser Begegnung gar nichts merkten. Es hätte also wenig Zweck, bei diesem Kapitel von der Möglichkeit eines Zusammenstoßes der Erde mit einem Kometen lange zu verweilen; wir wollen indessen hören, welcher Meinung namhafte Astronomen hierüber sind.

Einer der bedeutendsten[2] unter ihnen glaubte, daß die Kometen viel schwerer seien, als man auf Grund früherer Hypothesen bis dahin anzunehmen wagte. »Die Meere ergießen sich aus ihren bisherigen Becken,« sagte er, »um auf einen neuen Äquator zuzuströmen. Eine große Zahl von Menschen und Tieren wird in dieser neuen allgemeinen Sintflut ertrinken oder infolge des heftigen Stoßes, dem der Erdball ausgesetzt ist, umkommen. Ganze Arten von Tieren werden vollständig vernichtet werden. Alle Denkmäler menschlichen Fleißes werden zugrunde gehen. Solche unheilvolle Folgen müßte der Zusammenstoß mit einem Kometen nach sich ziehen.« -- »Wenn der Schweif eines Kometen mit der Erde zusammenträfe«, urteilt ein anderer,[3] »oder wenn ein Teil des Stoffes, aus dem sich dieser zusammensetzt, in den Tiefen des Weltalls auseinanderginge und infolge seiner Schwerkraft auf die Erde herniederfiele, dann würden die damit verbundenen Ausdünstungen bei Tieren und Pflanzen recht empfindliche Wirkungen hervorbringen. Denn es ist sehr wahrscheinlich, daß Gase, die aus so weit entfernten und so seltsam beschaffenen Welten zu uns kommen, die überdies noch im höchsten Grade erhitzt sind, für alles, was sich auf der Erde befindet, verhängnisvoll werden und dort die größten Verheerungen anrichten müßten«. Und ein Dritter[4] meint: »Schon bei der gegenseitigen Annäherung zweier solcher Körper müßten sich ohne Zweifel große Änderungen in ihrem Laufe vollziehen, sei es, daß diese Änderungen durch die gegenseitige Anziehung herbeigeführt würden, sei es, daß die Gase, die sich zwischen ihnen befänden, unter zu hohen Druck kämen. Das mindeste, was eine derartige Annäherung zuwege bringen müßte, wäre eine Verschiebung der Achse und der Pole der Erde. -- Ohne Zweifel stellen die Schweife der Kometen ungeheure Ströme von Ausdünstungen und Gasen dar, die infolge der Wirkung der Sonnenhitze aus dem festen Kern des Kometen entwichen sind. Ein Komet könnte mit seinem Schweif so nahe an der Erde vorbeigehen, daß wir in dem feurigen Strom, den er mit sich schleppt, ertrinken, oder in der Atmosphäre, die ihn umgibt und die von derselben Beschaffenheit ist, umkommen müßten. Bei ihrem Herannahen an die Sonne haben einige Kometen einen so hohen Hitzegrad erreicht, daß sie erst in fünfzigtausend Jahren sich abkühlen können. Welche Wirkung würde diese Hitze nun auf die Erde ausüben? Sie würde in Asche zerfallen oder in eine glasige Masse verwandelt werden. Der Schweif allein würde die Erde mit einem feurigen Strom überschwemmen und ihre sämtlichen Bewohner vernichten, genau so wie ein Haufen Ameisen in kochendem Wasser umkommt, das man über ihn gießt.«[5]

Der Engländer Whiston war der erste, der den verschiedenen Kometen bestimmte verhängnisvolle Einwirkungen auf unsere Erde zugeschrieben hat. Den Kometen von 1680 sah er als die Ursache der Sintflut an und er behauptet, daß dieser Komet auf seinem Rückweg von der Sonne eines schönen Tages die Erde mit seinen feurigen und todbringenden Ausdünstungen überschütten werde und so ihren Bewohnern all das Unheil bringen würde, das ihnen für den Jüngsten Tag prophezeit ist; zu guter Letzt würde er den allgemeinen Weltenbrand entzünden, der unseren Planeten aufzehren müßte.

Anderseits versichert uns Newton, daß ein Komet ohne Kern, wenn er auch so groß wäre, daß er von der Erde bis zum Saturn reichte, doch in einem Würfel von fünfundzwanzig Millimeter Seitenlänge Platz finden könnte, wenn er auf denselben Grad verdichtet würde wie die atmosphärische Luft, die wir atmen. Neuere Forschungen über die Masse der Kometen haben ein Resultat ergeben, das auch die geringste Beunruhigung schwinden läßt. Wenn der größte Komet auf unsere Erde stürzen würde, könnte er keine andere Wirkung hervorrufen als etwa eine Mücke, die eine Lokomotive aufhalten will, und auch seine Gase können unsere Atmosphäre in keiner Weise beeinflussen.

Die Bewohner unserer vorsintflutlichen Welt brauchten aber die Begegnung, die ihnen drohte, um so weniger zu fürchten, als sie damals noch vollkommen im Wasser lebten und dort ihr Dasein fristeten. Die nur unter dem Mikroskop wahrnehmbaren Infusorien, die Fische und Amphibien merkten nichts von dem Vorgang.

Für unsere Erde war das Ereignis vielmehr von Vorteil, insofern als die Begegnung unseren erhabenen Reisenden aus seiner jahrtausendelang dauernden Gleichgültigkeit gegen sie riß. Der Durchgang des Erdballs, der nicht weit von seinem Kopfe erfolgte, übte auf seinen Geist, wenigstens vom irdischen Gesichtspunkte aus betrachtet, einen recht günstigen Einfluß aus. Er geruhte von der Kugel Kenntnis zu nehmen, die durch seinen Schweif hindurchpassierte. Man wird es gewiß glauben, daß die Erde, der ihre lange Einsamkeit wohl nicht kurzweilig gewesen sein mochte, den Augenblick des Durchgangs nicht verschlafen hat; und ein seltsameres Schauspiel als jetzt hatte sich dem Auge des Kometen noch nie geboten. Zwei steil abfallende Felsen schützten die Einfahrt zu einer Halbinsel, und auf diesen, hoch in die Wolken ragenden Felsen saßen als bizarre Gruppe zwei wunderlich aussehende, ungewöhnlich gebaute Geschöpfe, die sich, ohne eine Miene zu verziehen, unausgesetzt scharf ansahen.

Es waren dies der Pterodaktylus und der Ramphorynchus, zwei Arten von Fledermäusen in der ungefähren Größe eines Hammels, zwei lebende Sphinxe, die mit ihren ausgebreiteten Flügeln Bäumen mit lang herabhängenden Blättern glichen. Von diesem Anblick betroffen, rief der Komet seine Erinnerungen wach, und es fiel ihm ein, daß er schon vor dreiundsiebzigtausendfünfhundertundsechzig Jahren Gelegenheit gehabt hatte, diese kleine Kugel und ihre höchst sonderbare Bevölkerung wahrzunehmen.

Und er ging nun ernstlich ans Werk, sich die Erde recht genau anzusehen. Auf den ersten Blick erkannte er, daß die äußere Gestaltung der Oberfläche sich ganz auffallend verändert hatte, daß sich in dem großen Ozean, der vorher die ganze Erde bedeckte, nunmehr bereits kleine Kontinente gebildet hatten, und daß eine noch immer sehr üppige Vegetation ihre Herrschaft über den Erdball jetzt mit einem schon ziemlich bedeutenden Tierreich zu teilen hatte. Auch die Gestalt, die diesem Tierreich eigentümlich war, fiel ihm sofort auf, und er war darüber in nicht geringem Grade erstaunt. Bei seinem letzten Besuche hatte er in der Hauptsache nur Muscheln entdecken können, und jetzt erregten seine Aufmerksamkeit -- Krokodile, aber Krokodile von jeder Gestalt, von jeder Farbe, von jeder Größe. Auf dem Festlande, im Meere, hoch in den Lüften, waren Krokodile, Eidechsen und andere Reptilien zu sehen, hier solche mit Flossen, dort andere mit Flügeln, kurz, eine Unmasse von Krokodilen.

Er ließ seinen Blick forschend auf die Ebene und das Gebirge schweifen und die ungeheure Menge der riesenhaften Saurier an seinem Auge vorbeiziehen. Da waren die verschiedenen Ichthyosaurusarten, der ~I. communis~, der ~I. intermedius~, der ~I. platyodon~, der ~I. tenuirostris~ usw. usw. Einige maßen dreißig Fuß in der Länge. Ganze Herden dieser Reptilien schwammen im offenen Meer wie heutzutage die Walfische; oben, an ihrem Kopfe, und zwar wagerecht liegend, trugen sie Augen, die einen Fuß lang und so gebaut waren, daß sie nach Belieben entweder als Fernrohr oder als Mikroskop benutzt werden konnten. Bewaffnet waren sie mit einem vorzüglichen Gebiß, und wenn sich das Maul auftat, maß die Öffnung des Rachens mehr als drei Fuß, und es zeigten sich zwei Reihen von hundertundachtzig Zähnen. Die Wirbelsäule setzte sich bei ihnen aus hundert Wirbeln zusammen und ermöglichte ihnen die gelenkigsten und biegsamsten Gliederbewegungen. Er sah ganze Scharen von Plesiosauriern sich vom Ufer ins Meer stürzen. Es waren dies mit den geschilderten Arten verwandte Reptilien, die aber zu gleicher Zeit von der Schlange den unverhältnismäßig langgestreckten, dünnen Hals, von den Vierfüßlern den Rumpf und von den Walfischen die Flossen hatten. Er sah in gefährlichen Zusammenrottungen die furchtbaren Poekilopleurusarten mit ihren gewaltigen Krallen und ihren spitzen Zähnen, ferner die Hyleosaurier, die Cetiosaurier, die Stenosaurier und die Streptospondylen. Auch die Teleosaurier, jene Freibeuter der vorsintflutlichen Meere, bemerkte er. Er sah ganze Scharen von Pterodaktylen in die Lüfte aufsteigen, jener riesigen Fledermäuse, deren entsetzlicher Rachen sechzig drohende Zähne zeigte, und die ihr Leben damit verbrachten, daß sie von einem Baum zum anderen, von einem Felsen zum anderen flogen. Auch die mit Pflanzen bewachsenen Höhen setzten durch ihr düster-ernstes Aussehen den Kometen in recht große Verwunderung. Da waren dicke Stämme von großen Schachtelhalmen, langes Schilfrohr, riesenhafte Farnkräuter, Nadelhölzer, die unserer Tanne ziemlich ähnlich waren, und schlanke Pandangen (~Pandanus~) mit ihren hoch über den Boden aufragenden Luftwurzeln.

Beim Anblick dieses mehr unheimlich als schön wirkenden Panoramas wurde der Komet nachdenklich. Dreihundertfünfundsechzigmal sah er vor seinen Augen die Erde sich um sich selbst drehen, und dreihundertfünfundsechzigmal hatte er Gelegenheit, die gesamte Erdoberfläche zu überschauen. Da, plötzlich, ertönte ein furchtbares Krachen. Auf dem Grunde des Meeres hatte sich die Rinde der Erdoberfläche gespalten, und während aus den im Aufruhr befindlichen Eingeweiden der Erde wütende Flammen emporschossen, ergoß sich mit grauenhaftem Getöse das Meer in einen Abgrund, der sich plötzlich aufgetan hatte. Die oben geschilderten Ungetüme wurden von den Wogen der mit furchtbarer Gewalt daherströmenden Wasserfluten fortgerissen, und wütende Schreie ausstoßend, kamen sie darin um, während die geflügelten Reptilien mit unheilverkündendem Gekrächze so rasch als möglich durch die Luft zu entkommen suchten. Die Gestade entvölkerten sich, und die mit Elektrizität überladene Atmosphäre entlud sich in heftigen Blitzschlägen, die die Luft durchzuckten. Bald vermischte sich auch das dumpfe Rollen eines bisher noch nie gehörten Donners mit dem Toben und Brausen des Unwetters, und es schien, als ob eine ungeheure Umwälzung die gesamte Erdoberfläche zerrissen und gespalten hätte.

Unser Komet hatte leider seine Geringschätzung gegen unsere Erde noch immer nicht überwunden und er dachte gar nicht daran, unseren Planeten ernst zu nehmen. Seit Tausenden von Jahrhunderten war er gewohnt, an seinen Augen Welten vorbeiziehen zu sehen, die auf den Pfaden der Zivilisation schon weit vorgeschritten waren, wie das mit Neptun und Uranus der Fall war, andere, wie Saturn, waren eben auf der Höhe ihrer Entwicklung angelangt, und er konnte sie in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit überschauen; wieder andere -- Jupiter gehörte zu diesen -- bereiteten sich zu einer großartigen Entfaltung vor, und noch andere schließlich -- zu diesen zählte Mars -- befanden sich noch im Frühling ihres Lebens. Der Verkehr mit diesen der Erde überlegenen Planeten hinderte ihn vorläufig daran, dem Erdball eine gerechte Würdigung zuteil werden zu lassen, und so beharrte er in seinem Vorurteil und verfiel auch bald wieder in seine frühere Gleichgültigkeit.

Während er noch in seinen Träumereien befangen war, nahm die gewaltige Erdrevolution ihren Fortgang. Es erstand die Juraformation; bei ihrer Bildung wurden die Fundamente des Erdballs von Grund aus erschüttert, und die Erde bebte, als ob sie von einem heftigen Taumel befallen worden wäre. Die Meere ergossen sich in die brennenden Tiefen oder überströmten Gegenden, die durch die geologische Umwälzung eingesunken waren. Aus Quellen, die plötzlich im Schoße der Erde entsprangen, stiegen neue Meere auf, und Ebenen krümmten sich empor, ähnlich, wie man auf der Oberfläche des im Schmelzen befindlichen Metalls sich Luftblasen bilden sieht. Das flache Land machte neuen Gebirgen Platz, und dort, wo sich früher Berge und Hügel erhoben, dehnte sich jetzt eine kahle oder durch mannigfache Erhebungen unterbrochene Ebene aus. So hatte die Oberfläche des Erdballs sich ganz und gar geändert. Der Komet hatte auf seinem Fluge durch das Weltall die Erde noch nicht aus seiner Sehweite verloren, als ihm klar wurde, daß die Umwälzungen, deren Vorspiel für einen Augenblick seine Gedanken abgelenkt hatte, mit unvermindertem Ungestüm fortdauerten, und daß für die Erde eine neue Schöpfungsperiode begonnen hatte.

Mit einer Schnelligkeit von ungefähr vierzigtausend Meilen in der Stunde, oder neunhundertsechzigtausend Meilen an einem Tage, setzte der Komet seine Reise fort. Diese Schnelligkeit, mit der er seine Reise angetreten hatte, verminderte sich, je weiter er sich von seinem Ausgangspunkte entfernte, und drei Monate, nachdem er aus dem Bannkreise der Erde entschwunden war, bot sich dem himmlischen Wanderer eines der seltsamsten Schauspiele dar. Zu damaliger Zeit kreisten zwischen der Umlaufsbahn, die der Mars beschreibt, und derjenigen des Jupiter verschiedene Planeten, die ursprünglich einen Ring gebildet hatten, der sich in der Zwischenzeit, die zwischen dem Entstehen des Jupiter und dem des Mars liegt, von der gemeinschaftlichen Mutter aller Planeten, der Sonne, losgelöst hatte. Anstatt nun, wie es bei allen anderen Planeten der Fall gewesen war, sich in _eine_ Weltkugel umzuwandeln, hatte dieser sonderbare Weltenring eine ganze Menge neuer Weltkörper aus sich heraus entstehen lassen, die sämtlich so eigenartig und zerbrechlich wie er selbst waren. Wie alle anderen Planeten drehten sich auch diese Weltkugeln um die Sonne, wie diese hatten auch sie ihre Jahre, ihre Jahreszeiten und ihren Wechsel von Tag und Nacht. Als nun der Komet, der über die gewaltsamen Veränderungen auf der Erde noch in Nachdenken versunken war und gerade darüber philosophierte, welches Geschick wohl einst dem ganzen Weltenall bevorstehen werde, sich der Bahn des größten unter diesen kleineren Planeten näherte, kam diese immerhin gewaltige Kugel, die sich mit einer Geschwindigkeit von neuntausend Meilen in der Stunde vorwärts bewegte, in gerader Linie auf ihn losgestürzt; sie mußte auf den Kometen an dem Punkte auftreffen, an welchem er ihre Bahn zu kreuzen im Begriffe stand. Ein Zusammenstoß schien ganz unvermeidlich -- da, wenige Augenblicke vor der drohenden Katastrophe explodierte dieser Himmelskörper wie eine Bombe. Gase stiegen auf und verbanden sich mit den im Schweife des Kometen vorhandenen, und man konnte sehen, wie etwa zehn einzelne Teile sich loslösten und selbständig ihre Reise durch den Weltenraum fortsetzen. Es ereignete sich hier ein Weltuntergang, und zwar hatte der zerstörte Himmelskörper zweifellos ein frühzeitiges Ende gefunden, das schon lange Zeit in seinem Innern wirkende Kräfte mußten hervorgerufen haben. Die Katastrophe fand in einer Entfernung von achtundsechzig Millionen zweihundertundsechzehntausend Meilen von der Sonne statt. Vielleicht haben wir hier den Ursprung jener kleinen, nur durch den Refraktor wahrnehmbaren Planeten Ceres, Daphne, Thisbe, Sirona und Arduina zu suchen, welche sämtlich 2.77 von der Sonne entfernt sind, wenn man die Entfernung der Erde von der Sonne als Einheit nimmt. Es sieht fast so aus, als ob diese kleinen Gestirne Jahr für Jahr einmal den Ort wiedersehen müssen, an dem jenes furchtbare Naturereignis stattfand, das sie für immer trennen sollte.

Hier fand unser Komet seinen Weg nach Damaskus und hier vollzog sich in seinem Geiste eine dauernde Wandlung. Hier war es, wo er für die Erde jene Sympathie faßte, von der er seitdem stets beseelt geblieben ist. Es ist wohl möglich, daß er ohne diese erschütternde Katastrophe noch lange in seiner Gleichgültigkeit gegen die Erde verharrt hätte. Aber auch bei ihm zeigte sich, was man schon so vielfach beobachtet hat: es bedarf nur eines plötzlichen Anlasses, um selbst starke Charaktere umzuwandeln. Das Gefühl wohlwollender Anteilnahme, wie es im allgemeinen die Mächtigen der Welt den Kleinen entgegenbringen, war es, das angesichts dieser Katastrophe schmerzliche Erinnerungen an die Erde in ihm wachrief. Einen Augenblick lang fürchtete er auch für das Dasein der Erde! Arme Erde! Wenn die furchtbare Umwälzung, die auf ihr vor kurzem begonnen hatte, ihr verhängnisvoll werden und sie daran zugrunde gehen sollte, bevor sie überhaupt noch geboren war! Wie würde sie sich in den schweren Kämpfen behaupten können, die sie noch zu bestehen hatte? Ob sie Kraft genug besaß, die Krisis zu überwinden und ihr Dasein zu verteidigen? Ob es ihr wirklich beschieden sein mochte, für immer solch wilden und grausamen Geschöpfen ungastlichen Aufenthalt zu gewähren?

Von diesem Tage an interessierte er sich für die Erde, und ihr Schicksal ging ihm um so mehr zu Herzen, je unvollkommener sie in ihrer Entwicklung noch war. Oft überraschte er sich dabei, wie sich ganz unwillkürlich seine Gedanken mit dieser bescheidenen Schöpfung befaßten, und oft zog er, in seinen Gedanken tief bekümmert, an den glänzendsten Welten vorbei, ohne diese auch nur eines Blickes zu würdigen. Ja, es kam so weit mit ihm, daß ihm seine Reise durch den Weltenraum zu lang wurde. Dreitausendunddreiundsechzig und ein halbes Jahr von der Erde entfernt zu bleiben und nur höchstens achtzehn Monate in ihrer Nähe verweilen zu dürfen, schien ihm ganz außer Verhältnis zu stehen. Der kleine Erdball faßte schließlich in seinen Gedanken Platz und schien sich dort immer mehr befestigen zu wollen.

Mit Ungeduld erwartete der Komet das Herannahen des Sommers. Der Sommer-Sonnenstillstand bedeutet für die Kometen den Zeitabschnitt, in dem sie ihren Flug nach ihrem Perihelium richten, d. h. sich wieder der Sonne zuwenden und somit auch der Erde wieder nähern. Sobald er merkte, daß die Strahlen der Sonne immer wärmer wurden, und sehen konnte, wie ihre Scheibe sich mehr und mehr vergrößerte, wußte er auch, daß das Ende des Frühlings gekommen war. Kaum wurde er der Erde wieder ansichtig -- und zwar sah er sie bald vor der Sonne in Gestalt eines schwarzen, runden Fleckes, in Form einer Mondsichel oder eines Halbmondes, bald auf der rechten, bald auf der linken Seite des leuchtenden Gestirns -- als er auch mit Wohlbehagen merkte, wie seine Geschwindigkeit zunahm und er seinem sehnsüchtig erstrebten Ziele immer näher kam. In seinem schnellen Laufe erreichte er endlich die Erde, die er immer mehr liebgewinnen sollte, und schon am ersten Tage seiner Ankunft unterzog er seine kleine Welt einer genauen Betrachtung.

Er beobachtete das Erwachen der Tierwelt während der ganzen Sekundärzeit, von der Jura- und Liasperiode bis in die letzten Abschnitte der Kreidezeit. In einem Zwischenraume von dreitausend zu dreitausend Jahren konnte er verfolgen, wie die verschiedenen Arten, sowohl der Tier- als auch der Pflanzenwelt, sich langsam aber stetig weiter entwickelten. Da der Komet sich allmählich an die Umwälzungen, unter denen sich neue Ereignisse zu vollziehen pflegten, gewöhnt hatte; da er Zeuge gewesen war, wie große Fluten von Grund aus einzelne Teile der Erdoberfläche umgewandelt hatten; da er gesehen hatte, wie Kämpfe im Innern der Erde sich in Vulkanausbrüchen Luft machten, und wahrgenommen hatte, wie Gebirgsketten sich aus der Ebene erhoben und die Erdoberfläche bereits anfing, die Gestalt zu erhalten, die ihr in Zukunft eigentümlich sein sollte, wurde er auch allmählich ruhiger und fürchtete für die Erde die Folgen dieser Naturereignisse nicht mehr. Er glaubte schließlich, daß sie nur Konsequenzen eines unbekannten Gesetzes wären, und gewissermaßen Prüfungen, die der Erdkugel nur zum Nutzen gereichen könnten. So verfolgte er von einem seiner Jahre zum andern, wie sich das kleine irdische Kind in seiner Wiege weiter entwickelte.