Komet und Erde: Eine astronomische Erzählung

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Komet und Erde.

Eine astronomische Erzählung

von

Camille Flammarion.

Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen

von

J. Cassirer.

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Einleitung.

Was wir hier erzählen wollen, ist kein Phantasiegebilde, das aus den Gefilden einer oft nur zu schöpferischen Einbildung hervorgegangen ist; vielmehr haben eingehende Studien das Material hierzu geliefert, und auf wissenschaftlichem Boden ist unser Bericht gewachsen.

Der Komet, den wir hier vorführen wollen und der uns die Grundlagen zu unserer Erzählung bieten soll, ist keine Mythe; er existiert, und Millionen von Menschen haben ihn über ihrem Haupte leuchten sehen, wie das Ende unserer Erzählung beweisen wird.

Die Daten seiner früheren Erscheinungen sind nicht willkürlich angenommen, sondern nach elliptischen Elementen berechnet worden; man kann den Berechnungen getrost Glauben schenken, denn diese Elemente sind den Astronomen wohlbekannt, und die bei ihnen überhaupt mögliche Fehlergrenze beträgt nicht mehr als ein Hundertstel.[1]

Auch in der Beschreibung der Gebiete, die unser kühner Reisender besucht, sind wir nicht planlos vorgegangen, sie beruht vielmehr zum Teil auf direkten Beobachtungen, zum Teil auf wissenschaftlichen Folgerungen.

Keine der erwähnten Erscheinungen, auch nicht die kleinste ausgenommen, ist erfunden. Nicht in das Blaue hinein haben wir unser Wort ergehen lassen, sondern es ist stets im Dienste der Wissenschaft und ihrer erhabenen Herrin, der Wahrheit, geblieben.

Aus solch festem Faden ist der Stoff gewebt, den wir jetzt das Vergnügen haben, vor unseren geneigten Lesern aufzurollen.

Fußnoten

[1] Astronomisch gebildete Leser werden sofort wissen, um welchen Kometen es sich handelt, wenn wir ihnen nachstehende Elemente nennen:

Τ = 1811, Septbr. 12. 26 π = 75° 1´ 0´´ Ω = 140° 25´ 1´´ ~i~ = 73° 2´ 43´´ ~q~ = 1.03542.

Als beinahe überflüssig könnten wir noch hinzufügen, daß die Entfernung des Kometen im Aphelium 421.02, seine halbe große Achse 208, seine Exzentrizität 0.9951 beträgt und daß seine Bewegung rückläufig ist.

Erstes Kapitel.

Erste Begegnung des Kometen mit der Erde.

Es mag im Jahre Sechshundertelftausendundneunundachtzig vor Christi Geburt gewesen sein, als der große Komet, der von den Bewohnern des Saturn schon fast seit hundertundvierzigtausend Jahren beobachtet worden war, einen winzigen Planeten entdeckte, der gegen achthundertmal kleiner war als der, den wir soeben genannt haben. Der neue Planet machte einen recht armseligen Eindruck: eine kleine Kugel, die sich ziemlich unbeholfen um sich selbst drehte, und die in dicke Rauchwolken eingehüllt war, welche von furchtbaren geologischen und atmosphärischen Umwälzungen, die sich in ihrem Inneren vollzogen, Kunde gaben. Für Menschen war sie gänzlich unbewohnbar.

Der Komet, dessen Schweif nicht weniger als vierzig Millionen Meilen Länge besaß, dessen noch nicht fester Kern fünftausendvierhundert Meilen im Durchmesser maß und dessen Strahlen sich auf vierhundertsechsundachtzigtausend Meilen Ausdehnung in der Breite erstreckten -- heutzutage sind seine Dimensionen nur halb so groß, als sie damals waren --, der Komet, der sich bisher höchstens mit den Monden des Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun befaßt hatte und der immer nur unter der vornehmsten Gesellschaft des Firmaments umhergestreift war, sah sich beim Anblick unseres kleinen irdischen Gestirns seltsam und fast unangenehm überrascht.

Wenn sich auch unser Held der unendlichen Mannigfaltigkeit der Schöpfung bewußt war, so hatte er sich doch niemals vorstellen können, daß es auch solch kleine Weltkörper geben könnte. Er mußte unsere Erde mehrmals ansehen, bevor er seinen Augen glauben wollte, und erst, als er sich überzeugt hatte, daß jede Täuschung ausgeschlossen sei, ließ er sich herab, von dem Dasein der neuen Weltkugel Kenntnis zu nehmen. Die niedrige Stellung, die diese unter den Gestirnen des Himmels einnahm, erschien in den Augen des Kometen noch geringer. Indem er sich in seine kometarische Majestät hüllte, flog er stolz an dem kleinen neuen Sprößling der Schöpfung vorüber, wobei er den Kopf abwandte. Seinen strahlenden Schweif aufrichtend, nahm er dann seinen alten Weg wieder auf, um stolz seinen glänzenden Flug durch die Tiefen des Weltalls fortzusetzen.

So gehen -- leider nur zu oft in der Welt -- die Großen an den Kleinen, die Mächtigen an den Schwachen vorüber. In ihrem Hochmut erkennen sie den Wert des Kleinen nicht und ihre Verblendung macht sie ungerecht. Als ob Geschöpfe, denen Schönheit und Anmut abgeht, nicht auch Kinder derselben Natur wie sie und Glieder derselben großen Familie wären!

Man muß indessen zugeben, daß unsere Erde für diejenigen, die sich über ihre Bedeutung in keiner Täuschung befinden, wie wir, eine recht kleine Welt ist. Unser Patriotismus für unsere »Mutter Erde«, so berechtigt er auch an sich sein mag, läßt sie uns größer und bedeutender erscheinen, als sie es in der Tat ist, und die Wanderer, die den Himmelsraum durchfliegen, mögen es durchaus nicht begreifen können, daß wir davon so viel Wesens machen.

Der Komet, einer der schönsten, wenn nicht überhaupt der schönste unseres gesamten Sonnensystems, kommt nicht näher an die Sonne als die Erde heran: Zwanzig Millionen Meilen. In seiner Bahn beschreibt er eine Ellipse, und sobald er in die Gegend kommt, in der wir uns befinden, kehrt er in einem großen Halbkreise wieder um. Mit einer Schnelligkeit von vierhundert Meilen in der Minute eilt der himmlische Wanderer zu den Grenzen des Sonnensystems und kreuzt dabei die Bahnen sämtlicher darin kreisender Welten. Als ob es ihm leid tue, sich von der Sonne mit ihrer leuchtenden Krone entfernen zu müssen, verlangsamt er seinen Flug, je weiter er sich von ihr entfernt. Bis auf acht Milliarden dreihundertundsiebzehn Millionen Meilen Entfernung von der Sonne führt ihn seine Wanderung; soviel beträgt sein Aphelium, seine Sonnenferne. In diesen unfaßbaren Tiefen des Weltenraumes hat sich seine Schnelligkeit sehr verringert, und sie ist nicht mehr größer als die des Windes, das heißt, einige Meter in der Sekunde. Seine Kurve schließt sich jetzt von neuem, und er kehrt zu dem leuchtenden Tagesgestirn zurück, dessen Scheibe in dieser ungeheuren Entfernung allmählich so an Größe abgenommen hat, daß sie nur noch als ein kleiner Stern zu erkennen ist. Aus dieser erschreckenden Entfernung noch ruft ihn die Sonne, und der Komet hört ihre Stimme. Er wendet sich um und von seinen Polhöhen aus stürzt er sich auf die Sonnenbahn, wobei er es sorgfältig vermeidet, zu nahe an Jupiter und Saturn heranzukommen. Seine Schnelligkeit vergrößert sich zusehends, sie wächst und wird ungeheuer, heiß und gewaltig wie das Verlangen, und von neuem fliegt er der Sonne zu, die auf alle Planeten solch wunderbare Anziehung ausübt. Nach einer Reise von fünfzehnhundert Jahren erreicht er wieder sein Perihelium, seine Sonnennähe. Sein leuchtender Schweif, der immer blasser geworden war, je weiter sich der Komet von der Sonne entfernte, und der schließlich vollständig verschwunden war, kommt wieder zum Vorschein und wächst in dem Maße, in dem sich der Komet dem Mittelpunkt der Sphäre nähert. Seine Gestalt nimmt an Umfang zu, ebenso sein Schweif an Pracht und Glanz. Es ist gleichsam so, als ob ein hoher irdischer Würdenträger vor seinen Herrscher treten soll und zu diesem Behufe seine mit Gold und Edelsteinen reich geschmückten Festkleider anlegt. Der Komet hat das Gebiet der Königin des Lichtes betreten, und vor den erstaunten Augen entfaltet er majestätisch die Reize seiner Schönheit und seiner prächtigen Gewandung.

Als im Jahre Sechshundertachttausendeinhundertvierundzwanzig vor Christi Geburt das leuchtende Gestirn auf seiner Wanderung wiederum in die Gegend kam, in der sich unsere Erde bewegt, wurde seine Aufmerksamkeit von neuem auf diesen kleinen meergrünen Ball gelenkt, und es gewann es nicht mehr über sich, ihn unbeachtet zu lassen. Große Personen interessieren sich ja oft für Kinder, und auch der Komet hielt es nicht unter seiner Würde, Beobachtungen über die Erde anzustellen; er wollte gern wissen, bis zu welchem Grade sich auf solch unscheinbarer Kugel wohl das Leben entwickeln könnte.

Es traf sich insofern recht gut, als gerade damals der Komet ein volles Jahr lang in Sicht der Erde blieb und eine vorteilhafte Stellung für ihre Beobachtung einnahm; aber dies vermochte ihn doch nicht von der entgegengesetzten Richtung seines Umlaufs abwendig zu machen, die ihn wieder fortführte.

Anstatt wie alle Planeten und fast alle Begleitsterne unseres Sonnensystems sich von Osten nach Westen zu bewegen, bewegt sich unser Komet von Westen nach Osten, also gerade entgegengesetzt. Diese konträre Bewegung machte die Beobachtung zwar schwieriger, aber gerade dadurch wurde sein Forschungseifer noch mehr angespornt, und während der zwölf Monate, während deren die Erde in seinem Gesichtsfelde blieb, ließ er keinen Tag und keine Nacht unbenutzt für seine Beobachtungen vorübergehen.

Was er bereits vorher geahnt hatte, fand er jetzt bestätigt, nämlich, daß dieser kleine Sproß von einer Welt für vernunftbegabte Wesen noch unbewohnbar war. Langsam drehte sich der Weltkörper um sich selbst; der Wechsel von Tag und Nacht brachte auf ihm keine Wirkung hervor, denn die ungeheure Hitze, die er aus seinem Innern ausstrahlte, war um vieles größer als die, die er von der Sonne empfing. Übrigens würden auch die Nebel, die Gase und die Rauchwolken, die ihn einhüllten, den Sonnenstrahlen gar keinen Zutritt gewährt haben. Je mehr sich der Komet der irdischen Welt näherte, desto größere Mühe gab er sich, die Beschaffenheit ihrer Oberfläche zu erkennen; aber da er eine solch armselige Welt noch nie gesehen hatte und sich darüber nicht klar zu werden vermochte, welchem Zwecke ein solch dürftig ausgestatteter Planet wohl dienen könnte, wartete er, bis ein lichter Punkt in der Atmosphäre den Sonnenstrahlen erlauben würde, hindurchzudringen, um den Schauplatz einigermaßen zu beleuchten. Das traf endlich zur Zeit der Sonnenwende ein. War es aber die Winter- oder die Sommersonnenwende? Die Geschichte berichtet hierüber um so weniger, als es in jenen entlegenen Zeiträumen noch keine Jahreszeiten auf der Erde gab, und als es infolge der großen Eigenhitze der Erde sozusagen im tiefsten Winter ebenso heiß war wie im vollsten Sommer. Gleichviel an welchem Tage es gewesen sein mag, der Komet mußte vor Erstaunen fast aufschreien, als er endlich die Oberfläche der Erde deutlich unterscheiden konnte.

»Eine Welt von Muscheln!« rief er.

Er hatte sich nicht getäuscht. Die Erde befand sich damals in dem Stadium ihrer Entwicklung, das man als Sekundärzeit bezeichnet; die Triasformen bildeten sich, und es war die Zeit der Muschelkalkformation. --

Einige Millionen Jahre vorher hatte sich die Erde, die damals eine noch ganz flüssige Kugel war, allmählich abgekühlt, und große Wasserbäche waren auf sie herniedergestürzt; der Rauch, die Gase, die Wolken, die von der Erde aufstiegen, gingen die verschiedenartigsten Verbindungen miteinander ein und hinterließen ihre Spuren auf der noch glühenden und unfesten Kugel. Gewaltige Umwälzungen erschütterten die in stetem Aufruhr befindlichen Fundamente der neugeschaffenen Welt, und furchtbares Toben und Brausen ließen das aufgeregte feurige Erdinnere nicht zur Ruhe kommen. Der Gewalt des in unausgesetzter Tätigkeit befindlichen Feuerherdes fiel die ganze Erdkugel zum Opfer. In diesem riesigen Laboratorium hat die Natur die chemischen Gemische vorbereitet, aus denen die feuerspeienden Berge, die Lava-Eruptionen, die aus der Erde aufsteigenden heißen Quellen usw. hervorgegangen sind. In derselben Weise, wie man im Schmelztiegel auf geschmolzenem Blei, das im Begriff ist, zu erkalten, sich ein Häutchen bilden sieht, bildete sich um den Erdball eine Kruste, und die beständigen Zuckungen ließen allmählich nach.

Auf diese Entwicklungsperiode -- die Primärzeit -- während der es auf der Erde noch kein lebendes Wesen, weder Tier noch Pflanze, gab, folgte eine Übergangszeit, die so weit zurück liegt und so ungeheuer lange dauerte, daß kein menschlicher Geist sich von ihr eine Vorstellung machen kann. In dieser Periode war es, daß sich die ersten Keime zur Bildung lebender Wesen gestalteten, und unter unablässigen Wallungen und Änderungen der immer noch nicht erstarrten Erdoberfläche erschienen die ersten Pflanzen: Algen und Seetang, und auch auf dem Grunde des Meeres zeigten sich die ersten lebenden Gebilde: Korallen und Polypen.

Noch später überzogen sich die Sümpfe der Urzeit mit einer endlosen Pflanzendecke, und mit ihr hatte das Reich der Pflanzen seine glänzende und prächtige Herrschaft angetreten. Als erster Regent des Erdballs entfaltete es all seine Reichtümer und Schätze, und die Erde sah keine Zeit mehr wiederkehren, in der sie eine solche Fülle pflanzlicher Formen und Gestalten bevölkerte. Es waren Pflanzen von höchst einfachem Bau und kunstlosen Formen, solche, die weder Blüten noch Früchte trugen, aber von gewaltiger Stärke und kolossaler Höhe waren. Mit ihrem Grün überdeckten sie jede Lagune, jede Bank, jede Landzunge, auf welche das weite Meer nicht seine Herrschaft ausgedehnt hatte. Die Erde sah aus wie ein einziger Ozean, der mit grünen Inseln durchsetzt war. Baumartige Farne, Kalamiten, Sigillarien und zahlreiche andere Arten stritten sich um den Vorrang auf den Inseln. Aus jener Epoche rührt die Bildung unserer Steinkohlen her, mit der wir heute unsere Zimmer heizen, jener ungeheuren, in längst entschwundenen Zeiten abgelagerten Pflanzenschichten, die wir jetzt ans Tageslicht bringen. Ihre Bildung geschah etwa eine Million Jahre vor der Zeit, in der unsere Geschichte anfängt. Von da an hat sich die Entwicklung des irdischen Lebens fort und fort vervollkommnet, und niemand vermag zu sagen, ob es schon seinen Gipfel erreicht hat.

Als sich der Komet der Erde näherte, hatte er nur Muscheln wahrnehmen können. Trotzdem die schaffende Welt es an gutem Willen nicht hatte fehlen lassen, war es ihm doch nicht möglich gewesen, etwas anderes zu erkennen. Das Meer nahm noch die gesamte Oberfläche der Erde ein, wie es ja heutzutage noch drei Viertel von ihr bedeckt. Damals gab es noch kein Festland, sondern nur Inseln und Sümpfe. König der Schöpfung war damals eine Art Seeschnecke, ein Kopffüßler, ein ganz harmloses Tier.

Dieses unschuldige Geschöpf, das wohl kaum ahnen mochte, daß es eines Tages nach Jupiter Ammon getauft werden würde, herrschte also als unumschränkter Souverän im Königreich des Neptun: »Der Dreizack des Neptun ist das Zepter der Welt«, sagt Lemierre. Kein Engländer könnte dieses Zepter mit größerem Rechte in Anspruch nehmen, als diese kleinen Tiere, von denen wir sprechen. Wie heutzutage jene Molluskenart, die unter dem Namen »Nautilus« bekannt ist, sah man sie in ihrem weißen oder vielfarbigen Nachen auf der Oberfläche des Meeres dahintreiben; große und kleine, in allen Gestalten; ganze Flotten von ihnen schwammen auf den Wassern, ihrer Beute nachstellend. Man sah sie rasch und zierlich dahinschießen, sich kreuzen, sich ausweichen, sich überholen, ganz so, als ob sie eine Regatta aufführten. »Man« sah sie; dieses »man« bedeutet den Kometen, denn außer ihm gab es keinen Zuschauer, der sich an diesem urweltlichen Schauspiel hätte ergötzen können. Überall Einsamkeit und Schweigen ...

Unser Komet, der nicht wenig überrascht war, nur Muscheln zu sehen, Muscheln im Meer, Muscheln auf der Erde und überall nur Muscheln, erging sich in Mutmaßungen, wozu denn überhaupt die Erde eigentlich geschaffen sein mochte. »Es ist und bleibt ein großes Geheimnis,« sagte er sich, »daß man für derartige Wesen eigens eine Welt geformt hat.« Er versuchte sich vorzustellen, über welche geistige Kraft diese Geschöpfe wohl verfügen mochten, wie weit ihre Fähigkeiten gingen, ob sie wohl denken konnten usw. Trotz der Geringfügigkeit und Unansehnlichkeit des Erdballs konnte sich sein Geist doch nicht zu dem Glauben aufschwingen, daß dieser kleine Weltkörper nur dazu geschaffen sein sollte, um Mollusken zur Wohnung zu dienen. Er sah sich die verschiedenen Lebewesen genauer an, und es fielen ihm die Geselligkeit der Miesmuscheln und die Geschicklichkeit der Schildkröten, deren erste Exemplare gerade zum Leben erwachten, wohl auf. Er ließ die verschiedenen Arten der Mollusken: die Kopffüßler, die Bauchfüßler, die Blattkiemer, und wie sie alle heißen mögen, vor seinen Augen vorbeimarschieren; auch die Rankenfüßler (~Cirripediae~), die weder Kopf noch Füße noch Arme haben, übersah er nicht. Aber in dieser ganzen Gesellschaft fand er niemand, dem er die heilige Gabe der Vernunft zutrauen konnte.

Seiner fruchtlosen Nachforschungen müde geworden, kehrte der Komet um, und ebenso wie in unendlich späterer Zukunft der ewige Jude, so dachte er, während er weiterging, und er ging weiter, während er dachte, bis plötzlich ein furchtbarer Schrei die Luft erzittern machte. »O,« rief der Komet aus, »da ist er wahrscheinlich, der König der neuen Welt. Ich danke dem Himmel dafür, daß er mich ihn noch vor meiner Abreise hat sehen lassen.« Er wandte sich um, und in der Tat -- er war da!

Ein mißgestaltetes Ungeheuer von schwärzlicher Farbe, kolossalem Bau, höckrichter Haut, mit einem sehr langen Krokodilsrachen, der am Halse eines Nilpferdes befestigt zu sein schien, ein Ungetüm, dessen Vorderbeine anscheinend verkürzt waren, während seine Hinterbeine ebenso lang wie die eines Kamels waren, schleppte sich unbeholfen zu dem Rande eines Sumpfes hin.

»Schön ist er zwar nicht,« sagte der Komet zu sich, »aber Schönheit ist ja nur Geschmackssache, ein bedingter Begriff, der nichts Absolutes an sich hat. Das also soll der Herr der Erde sein -- im Reiche der Blinden ist ja der Einäugige König -- und die Ammoniten sind dann die Fürstinnen des Meeres. Er scheint im allgemeinen auf dem Lande zu leben und auf gute Sitten nicht viel Wert zu legen. Er ist einfältig, bescheiden und häßlich, mit einem Wort, für die Welt, in der er lebt, vollkommen passend. Gleichviel, ich hätte es mir niemals träumen lassen mögen, daß es auch solche Schöpfungen geben kann, aber es nutzt nichts, es noch weiter leugnen zu wollen. Das Labyrinthodon ist das einzige Tier, welches die Macht hat, auf dieser Welt das Zepter zu führen, also ist es auch ihr König. Das also ist das erste Auftreten der Majestät! Macht geht vor Recht!« Er erging sich in seinem Selbstgespräch noch des weiteren in Betrachtungen im Sinne etwa der Darwinschen Lehre von der geschlechtlichen Zuchtwahl, aus der folgert, daß der Beweisgrund des Stärkeren auch immer der bessere ist.

Durch das Erscheinen dieses irdischen Ungeheuers war unser Komet doch einigermaßen aus seiner gewohnten Ruhe gebracht worden, und noch immer träumend setzte er seine Rückreise fort, die ihn bis an die Grenzen des Sonnensystems führte. Weder bemerkte er hierbei, mit welcher Schnelligkeit er selber dahinschoß, noch auch, wie rasch sich die Weltkörper, die er unterwegs traf, fortbewegten. Erst als er sich in der Nähe des Saturn befand, kam er wieder recht zum Bewußtsein.

Die glänzende Pracht und der Reichtum einer Zivilisation, die Jahrhunderte voller Arbeit hervorgerufen hatten, umgaben dieses strahlende Gestirn. Auf ihm wohnten die Fruchtbarkeit und der Friede. Schon wenn man näher an diese Welt herankam, fühlte man, daß hier das Leben wogte. Es war schon unendlich lange her, daß der Saturn aus den Finsternissen des Chaos emporgestiegen war und allmählich sich immer mehr vervollkommnet hatte. Wie einige jener glücklichen Sterblichen, die es wohl verdienten, daß sie den Geist der Natur begriffen und in ihre erhabenen Geheimnisse eindrangen, gelehrt haben, steht die Entfernung der Planeten von der Sonne mit ihrem Alter in einem ursächlichen Zusammenhange. Die entferntesten sind gleichzeitig die ältesten und die in ihrer Entwicklung am weitesten vorgeschrittenen.

Neptun, der sechshundertundfünf Millionen Meilen von der Sonne entfernt ist, ist vor Milliarden von Jahrhunderten zuerst aus dem Sonnennebel hervorgegangen -- Uranus, der sich in einer Entfernung von dreihundertsechsundachtzig Millionen Meilen um den gemeinsamen Mittelpunkt aller Planeten bewegt, zählt ein Alter von mehreren hundert Millionen von Jahrhunderten -- Saturn, dessen Entfernung von der Sonne hundertzweiundneunzig Millionen Meilen beträgt, hat an seinem ehrwürdigen Haupte auch schon mehr als hundert Millionen von Jahrhunderten vorbeiziehen sehen -- Jupiter, dessen ungeheure Masse in einer Entfernung von hundertundfünf Millionen Meilen um die Sonne ihre Bahnen zieht, ist siebzig Millionen von Jahrhunderten alt. Mars zählt tausend Millionen von Jahren; von der Sonne ist er dreißig und eine halbe Million Meilen entfernt. Unsere Erde wandert in einem Abstand von zwanzig Millionen Meilen um die Sonne und ist aus ihrem glühenden Schoß vor hundert Millionen Jahren hervorgegangen. -- Erst fünfzig Millionen Jahre mögen es her sein, daß Venus sich von der Sonne getrennt hat; in einem Kreise von vierzehn und einer halben Million Meilen bewegt sie sich um die Sonne. Nur ein Alter von zehn Millionen Jahren zählt Merkur, dessen Entfernung von der Sonne gegen acht Millionen Meilen beträgt. Auch er hat in der Sonne seinen Ursprung genommen, dagegen ist der Mond ein Kind der Erde.

Unser wanderndes Gestirn war bei allen diesen Schöpfungen zugegen gewesen, und besser als jeder andere kannte es die himmlische Genealogie, aber wie es ja Personen von großem Wissen immer tun, suchte auch es stets, seine Kenntnisse zu vermehren, und sein ganzes Leben verbrachte es damit, Beobachtungen anzustellen. Saturn also, dessen Bahn der Komet jetzt entlang fuhr, befand sich in voller Blüte. Der Segen, den eine unter begünstigenden Umständen vorgenommene Arbeit gewährte, machte sich überall bemerkbar. Da sah man Binnenmeere, die mit zahlreichen Fahrzeugen bedeckt waren, die, in keiner Weise durch das flüssige Element behindert, rasch dahinfuhren; da gab es Häfen, in denen die Schätze aller Länder zur Schau gestellt waren. Kleinere Schiffe bevölkerten die Flüsse, und das Land war von einem engen Netz von Straßen durchzogen, auf denen hohe, prächtige Gefährte dahinrollten. In den blauen Lüften sah man eine ganze Flotte segeln, und hoch oben von Türmen stiegen weitere Luftschiffe empor, um ihren Weg nach den Gipfeln steil abfallender Berge zu nehmen. Hier hatte in der Tat der Geist die Materie überwunden, und das Reich der Saturnbewohner erstreckte sich von tief unten, vom Boden der Abgründe, bis hoch hinauf auf die Gipfel der Berge. Wie in einem unsichtbaren Gewebe vereinigten sich die Fäden dieses Organismus an einer einzigen Stelle. Betrachtete man diesen Weltkörper von seinen Polen aus, so bemerkte man ein ungeheuer großes System von Ringen, die über ihm in unermeßlicher Höhe ausgespannt waren, und bis zu denen doch die Luftschiffe emporstiegen. Außer der »inneren« Welt auf dem Saturn, wie wir sie nennen wollen, gab es noch eine andere, eine »äußere« Welt, die von der ersten vierundeinhalbtausend Meilen entfernt war und sich fünfundvierzigtausend Meilen weit erstreckte. Nur durch die Luft, die Atmosphäre, stand sie mit der »inneren« Welt in Verbindung. Jenseits dieser zweiten Welt, die einem Ringe gleich Saturn umschloß, konnte man noch acht andere Ringe erkennen, die Kreisen von orange oder grünlicher Farbe glichen und sich umeinander drehten. Der Geist und Scharfsinn der Saturnbewohner hatte diesen Weltkörper vollständig unter seine Herrschaft gebracht, und von seiner »inneren« Welt aus strahlte ihre Macht aus, um sich auf ihre »äußeren« Welten zu verbreiten.