Part 3
Ich bin eine kalte Wurst. Nichts tangiert mich.
Wenn ich mein Leben überdenke, so muß ich frank gestehen: Wurst sein, das ist das Schlimmste nicht. Mensch sein ist weitaus schlimmer!
Doch Kuh sein, das ist schöner als Wurst sein.
Das Allerallerschönste freilich war: Blume sein, Blume gewesen sein, Blume sein gedurft zu haben.
Mir war's verstattet.
[Footnote 2: Wer's glaubt.]
Ich war Blume, ich war Blume!
O Blumen, ihr seid glücklicher als Kuh und Wurst!
O Blumen, nichts auf Erden ist glücklicher denn ihr.
O Blumen -- --
* * * * *
Die Kuh ist besser dran als die Blume.
Denn während eine Kuh sehr wohl Blumen fressen kann, kann eine Blume nichts fressen.
Und eine Wurst kann auch nichts fressen: nicht Kuh, nicht Blume.
Kuh gewesen sein gedurft zu haben ist also -- mit Vorbehalt -- noch erhebender als Blume gewesen sein gedurft zu haben.
Ich wünsch' euch eine gute Nacht und mir, wieder Kuh werden zu dürfen.
MÄRCHEN
ES war einmal ein Frosch, der konnte sich gewaltig giften, wenn seine Frau zu ihm quakte: «I, sei doch kein Frosch!»
Infolgedessen quakte die Fröschin den Satz bei jeder Gelegenheit. Der Frosch getraute sich überhaupt nichts mehr zu äußern. Sagte er etwas, so mußte er als Antwort hören: «I, sei doch kein Frosch!»
Da raffte er sich auf und nahm seine Ehefrau ernstlich ins Gebet, sie solle es fürderhin gefälligst unterlassen, den albernen Satz zu quaken.
«I, sei doch kein Frosch!» stereotypte die Fröschin. Es war mit ihr nichts anzufangen.
Sie war in der Ehe verblödet.
Da verfiel der Frosch, der keiner sein sollte, auf einen Ausweg: Er kam seiner Frau mit der Redensart zuvor und apostrophierte sie, wo immer er ihrer ansichtig wurde, mit dem Satze: «I, sei doch keine Fröschin!»
Er antwortete mit nichts anderem als mit diesem Satze. Er sagte nichts als diesen Satz. Er verkehrte mit seiner Frau nur noch auf Grund und unter Zuhilfenahme dieses Satzes.
Die Fröschin zeigte sich der Situation nicht gewachsen und ersäufte sich.
Der Frosch war kein Frosch und holte sich eine andere heim.
_Moral_: Ihr Frauen, reizet eure Männer nicht zum Äußersten und lasset sie gewähren, selbst wenn sie Frösche sind.
AUF DER OALM, DOA GIBT'S EINEM ON DIT ZUFOLGE KOA SÜAND!
DIE weitverbreitete Meinung, auf der Alm gäbe es ka Sünd, hat ihren Ursprung in dem sprichwortgewordenen Liedertext: «Auf der Alm, da gibt's ka Sünd».
Selbstverständlich gibt es auf der Alm a Sünd.
Das wäre ja _noch_ schöner, wenn es auf der Alm ka Sünd geben täte!
Von ka Sünd kann gar keine Rede nicht sein.
A Sünd gibt's überall -- namentlich auf der Alm.
Ich möchte sogar so weit gehen, zu behaupten: Wenn es überhaupt a Sünd gibt, so vor allem auf der Alm.
. . . . . . . . . .
Plötzlich erschallt draußen unter meinem Fenster das Gerassel und Gebimmel der Feuerwehr.
Ich armer, schwacher Mensch unterbreche mein Schreiben und stehe eilends auf, um nachzusehen, wo es brennt.
. . . . . . . . . .
Es war weiter nichts.
Ein Pferd ist gestützt.
Ich kann also in meinem Schreiben fortfahren.
Aber ich habe, offen gestanden, nicht mehr die rechte Lust dazu und stecke es auf.
Ein ander Mal.
Der Zensor würde die Geschichte ohnehin gestrichen haben; denn es geht toll zu auf der Alm. _Ich habe Beweise._
PETERLE
Ein Märchen
PETERLE war ein gutes Kind und machte dennoch seinen Eltern großen Kummer.
Wie ist das möglich?
Es lag an Peterle.
Peterle hätte nicht soviel träumen sollen, bei Nacht nicht und bei hellerlichtem Tag nicht. Peterle träumte, wo sie ging und stand; wo sie lag und saß. Sie träumte immerfort. Nichts war mit ihr anzufangen, kein vernünftiges Wort mit ihr zu reden. Sie spielte nicht die Spiele ihresgleichen; sie spielte nicht mit anderen und nicht für sich allein -- sie puppelte nicht einmal! Nein, von Puppen mochte sie gar nichts wissen.
Und was das Tollste ist: Peterle wollte durchaus ein Junge sein, obwohl sie doch ein Fräulein war. Sie behauptete, sie sei ein Junge namens Peterle, und damit holla! Sie und ein Mädchen -- haha! «Ich bin ein Junge» verkündete sie jedem, der es wissen wollte, und beharrte eigensinnig auf diesem ihrem Vorurteil.
Peterle hatte ihre lustigen Seiten. Nicht nur die, daß sie ein Junge sein wollte, sondern vor allem ihre Person, ihre «Erscheinung», ihr «Äußeres».
Peterle war winzig klein, aber dafür dick wie ein Moppel. Sie hatte eine kurze, umgestülpte Nase, zwei wasserblaue Guckaugen und einen verschmitzten Mund. Aber das Putzigste an ihr war die Frisur: sie trug die spärlichen, bindfadendünnen Zöpfchen in zwei Schnecken prätentiös über die Ohren geringelt! Und die Zöpfe waren strohgelb.
Und doch war sie den Eltern ein Persönchen -- Gegenstand kann man wohl nicht sagen -- argen Kummers.
Während andere Eltern prahlten und Stolzes voll die Taten, Antworten und sonstigen Äußerungen ihrer «aufgeweckten» Kinder zum besten gaben, empfanden Peterles Eltern schmerzliche Beschämung, wenn sie von ihrem Mädelchen nichts aussagen konnten als: «Sie träumt.»
Peterle tat nämlich nichts als Träumen. Stundenlang saß sie hinterm Ofen oder auf dem Boden und träumte für sich hin. Wovon sie träumte, das erfuhr kein Mensch; denn sie teilte sich nicht mit, sondern behielt alles fein im Herzen.
Aber sie war nun schon fünf Jahre alt und sollte über ein dreiviertel Jahr bereits zur Schule.
Noch hatte sie große Ferien. Waren die erst einmal verstrichen, diese sechsjährigen großen Ferien, dann stand es bös.
Ach, es würden trübe Zeiten kommen für Peterle; denn war sie erst schulpflichtig, mußte die Träumerei ein Ende nehmen.
Die Eltern wußten sich keinen Rat und hätten ihr Kind am liebsten der Schule ferngehalten.
Da erschien eines Tages -- und zwar an jenem, der jenem, an welchem sie ihr fünftes Lebensjahr vollendete, vorausging -- dem Peterle eine Fee. Keine großartige, sondern eine ganz gewöhnliche Fee, wie sie täglich dutzendweise den braven Kindern erscheinen.
Diese Fee stellte dem Peterle einen Wunsch frei. Sie dürfe sich zu ihrem morgigen Geburtstage etwas wünschen -- gleichviel was --, der Wunsch werde in Erfüllung gehen.
Peterle schwankte keinen Augenblick, obwohl sich tausend Wünsche auf ihre niedliche Zunge drängen wollten.
Sie wünschte sich das Schönste, das sie sich je hatte ersinnen können: Schnee. -- Sie wünschte sich Schnee. -- Sie wünschte, daß zu ihrem Geburtstage Schnee fiele.
Die Fee runzelte die Stirn, aber da sie sich keine Blöße geben wollte, sprach sie: «Es wird geschehen; was du wünschest. An deinem Wiegenfeste soll es schneen.»
Und verschwand, nicht ohne einen merklich holden Duft zu hinterlassen.
Klein-Peterle hüpfte nicht und tanzte nicht vor Freuden, sondern träumte weiter in sich hinein -- wenn auch in einer mäßig aufgeregten Erwartung und Neugier. Sie träumte dem Geburtstage entgegen.
Die Fee setzte schleunigst alle Hebel in Bewegung; denn es war kein Kleines, des Peterles Wunsch zu erfüllen und Schnee fallen zu lassen.
Es sei eine kurze Unterbrechung verstattet: _wann_ beginnt ein Geburtstag?
Zweifellos in der Sekunde, womit der Geburtstag selbst anhebt, mithin nach Ablauf der zwölften Stunde des Vortages.
Es hätte demzufolge unmittelbar auf den zwölften, mitternächtigen Glockenschlag desselben Tages, an dem die Fee bei Peterle vorsprach, zu schneen einsetzen müssen. Indes sind Feen und Kinder nicht so spitzfindig wie die Herren Juristen, die gewißlich zunächst untersucht haben würden, ob die Äußerung des Wunsches jenes Kindes namens Peterle (unvorbestraft, besondere Merkmale: prätentiöse Schnecken) die Bedingung in sich geschlossen habe, daß es den _geschlagenen Geburtstag_ oder nur _überhaupt_ am Geburtstage schneen solle usw., -- und daher zerbrach sich die Fee ihren anmutig geformten Kopf nicht über Dinge, die das Kopfzerbrechen nicht verlohnen, sintemal ihr aus der eigenen Jugend wohl bewußt war, daß für jegliches Kind der Geburtstag dann anfängt, wenn es erwacht und sich der Tatsache, daß heut' Geburtstag ist, bewußt wird.
Peterle erwachte erst gegen neun Uhr.
Ihr erster Blick fiel durch das Fenster auf die Straße hinaus.
Peterle jubilierte: Schnee!
Es schneete wirklich! Und zwar in glitzrigen, silbrigen Flöckchen, in zierlichen.
Peterle freute sich unbändig. Nicht, weil es schneete; auch nicht, weil die Fee den Wunsch erfüllt hatte, sondern, weil sie -- Peterle -- den Schnee (indirekt) _selbst_ «gemacht» hatte.
Es war _ihr_ Schnee, der da draußen fiel.
Sie ließ zu ihrem Geburtstage Schnee fallen.
Schnee -- zu ihrem Geburtstage!
Ihr meint, das sei nichts Besonderes?
Oho, da muß ich sehr bitten: das ist etwas ganz besonders Besonderes!
Peterle ist nämlich am elften Juni zur Welt gekommen.
Nun stellt Euch vor: an einem elften Juni schneete es!
War das nicht Grund genug für Peterle, sich des Schnees zu freuen und den ganzen Geburtstag am Fenster zu kauern und in den Schnee zu gucken?
Ich denke doch.
Peterle saß denn auch am elften Juni unerschütterlich am Fenster und war glücklich über den vielen, vielen Schnee, der da vom Himmel heruntergeschüttet wurde.
-- --
Es ist nichts mehr von Peterle zu erzählen. Sie hat ihren Schnee gehabt und weiter geträumt, bis sie zur Schule mußte. Und der Rohrstock des Lehrers erwies sich -- bezüglich der Träumereien -- als ein besserer Pädagog als die verhätschelnde Liebe der Eltern.
Es wäre vielleicht dem oder jenem Leser angenehm gewesen, wenn sich herausgestellt hätte, daß Klein-Peterle Fieber gehabt hätte und an ihrem Geburtstage (nach Erledigung der «Schnee-Vision») ein Englein geworden sei. Sozusagen: der «tragische» Tod eines Kindes.
Oh nein! Peterle hat kein Fieber gehabt -- und der Schnee war wirklicher, _echter_ Schnee.
Meine Eltern wohnten damals in derselben Straße wie Peterles Eltern, und ich bin Zeuge -- ich erinnere mich noch deutlich --, daß es im Jahre 18 . ., am elften Juni den lieben, langen Tag über ununterbrochen geschneet hat. Allerdings nur in _unserer_ Straße und sonst nirgends. Das war damals ein allgemeines Verwundern und Kopfschütteln in Klotzsche -- in Klotzsche hat sich der Schneefall begeben! --, und meine Eltern und wir alle haben nichts damit anzufangen gewußt, bis mir vierzehn Jahre später Peterle selbst von ihrem Geburtstagswunsche und der Fee berichtet hat.
Peterle ist nämlich meine Frau geworden. Aber eine Fee ist ihr nicht wieder erschienen. Ich glaube, daran bin _ich_ schuld.
IM FLÜSTERTONE
Abziehbilderbogen
(1)
EIN Huhn steht auf dem Hofe und sieht aus, als habe es die Hände in den Hosentaschen.
Es blickt mich hühnisch an -- mich, der ich schreibe, daß es aussieht, als habe es die Hände in den Hosentaschen.
Es weiß nicht, daß ich schreibe, es sähe aus, als habe es die Hände in den Hosentaschen.
Belassen wir es in seiner Nichtwissenheit!
(2)
Ein junger Mann, der zu den kühnsten Hoffnungen berechtigt, liegt im Bett und streckt die Füße über den Bettgiebel hinaus.
Er hat zweierlei Strümpfe an.
Einen schwarzen und einen grauen.
Ich habe dem nichts hinzuzufügen.
(3)
Ein Auto pfeilt durchs Dorf und zermalmt einen Mistkäfer, den die Sehnsucht nach Erlebnissen in die weite Welt getrieben hatte.
Ist es, frage ich, ist es nicht töricht, wenn Ernst Zwibinsky der Ältere erklärt, um den Mistkäfer sei es nicht schade, und er hätte ja doch früher oder später ein Ende gefunden?
Wie wenig hat jener Zwibinsky den Sinn des Lebens erfaßt!
Laßt uns ihn gemeinsam verachten!!
(4)
Johanna Würmchen, sechsundvierzig Jahre alt und äußerst unbescholten, erhebt sich Punkt zwölf Uhr mitternachts, um den Sonnenaufgang nicht zu verpassen.
Der Kalender steht auf Dezember.
Hätte sich Johanna um sieben Uhr erhoben, wäre vollauf Zeit gewesen, zum Sonnenaufgang zurecht zu kommen.
Ich bitte um ihre Adresse, Wiederholungen obiger Unangebrachtheit vermeiden zu helfen.
(5)
Der europäischen Kultur und ihrer Begleiterscheinungen über und überdrüssig, dampfte Pippin, Edler von Krachgehirn, gen Hinterafrika, um sich zu barbarisieren.
In Vitzpatuchpoma betrat er Land und drang urwaldeinwärts.
Nach drei Nachtmärschen erreichte er eine primitive Hütte, woselbst er sich niederließ und mit Wohlgefühl schwängerte.
Da erklang aus der Hütte ein Grammophon: «Puppchen, du bist . . .»
. . . von Jean Gilbert, obwohl er bloß Max Winterfeld heißt und im Automobil komponiert.
Pippin, Edler von Krachgehirn, zögerte keine Sekunde, sich von der allergiftigsten Schlange bebeißen zu lassen.
(6)
Hinaus mit den Fremdwörtern!
Das war die Losung und nicht die Parole.
Endlich waren sie alle hinaus.
Draußen ist es kalt.
Die Fremdsprachen weigern sich, die Überläufer mit den fremden Gesichtern aufzunehmen.
Nun stehen sie herum, die Ausgetriebenen, nicht Fisch, nicht Fleisch, zwiefältig mißhandelt, -- und verhungern.
Atze sie, deutscher Sprachverein, und laß den Frierenden wollene Strümpfe stricken!
(7)
Hier liegt die Tafel Schokolade.
Dort sitzt der Mensch und hat einen schmerzenden, hohlen Zahn. --
Darüber nicht zu lachen, ist der erste Schritt ins Christentum.
(8)
Der Laubfrosch Nepopomuk war ein gar sensibel besaitet Gemüt, hatte aber seinen Dickkopf für sich.
Kauerte, sofern Regen zu gewärtigen stand, auf der obersten Leitersprosse und blusterte sich in der grasigen Niederung seines Glashauses prophetisch auf, wenn sonnige Tage im Anzug waren.
Glaubt ihr, er habe damit die Dispositionen des großen Unbekannten, der jenseits der Wolken thront, über den Haufen geworfen?
Glaubt ihr das?
Meiner Treu, Der über den Wolken hat Wichtigeres zu tun, als Obacht zu geben auf kleine Nepopomuks.
Die Sonne scheint, und der Regen fällt -- ohne das Hinzutun irgendwessen.
(9)
Drehorganist Schrimpf, der mit Onkel Rübezahl auf du und du steht, mußte vom Gebirge ins Tal hinunter, geriet in eine Herberge und erblickte in dieser einen pompösen, wandverzierenden Buntdruck, der keinen Geringeren als Hindenburg darstellte.
In Politicis und auch sonst mangelhaft beschlagen, erkundigte sich Schrimpf, wer das sei.
In Dalldorf interniert wurde der Herr Drehorganist.
(10)
Dem Konstantin Funkelpunze kleckte es, eine zur Ehe hitzig entschlossene Maid aufzugabeln und daraus die Konsequenzen zu ziehen.
Die Ehe, die sich in welcher Hinsicht auch immer glücklich anließ, fiel buchstäblich ins Wasser, als der Dampfer, welcher den hochzeitsreisenden Funkelpunze benebst Gattin an Bord trug, havarierte und mit Mann, Maus, Kind und Kegel untersank.
Ein freundlicher Amerikafahrer fischte die junge, verheißungsvolle Ehe aus den Fluten und schickte sie mir per Flaschenpost.
Ich offeriere: Ehe, so gut wie ungebraucht, preiswert zu verkaufen.
(11)
Ein Schutzmann steht auf dem Altmarkte und teilt Gebärden aus.
Die Welt leert sich, der Schutzmann jedoch wankt und weicht nicht von seinem Posten.
Er berechtigt, wenn nicht alles trügt, zu der Frage, wozu er da ist.
Wozu, wozu, wozu ist der Schutzmann da?
Was ist überhaupt ein Schutzmann??
Ein Schutzmann, lieben Leute, ist dazu da, daß er da ist. Punktum.
DIE LORELEI
(Ein wirklich schönes Lied für den Loreleierkasten)
ICH weiß nicht, was es bedeuten soll, Daß ich so geknickt bin. Ein Märchen aus uralten Tagen, Das geht mir wie ein Mühlrad im Kopf herum.
Den Fischer in seinem kleinen Kahne Ergreift ein ganz wildes Weh; Er sieht die Felsenriffe nicht, Weil er zur Lorelei hinaufschauen muß.
Ich glaube, die Wellen verschlingen Den Schiffer mitsamt seinem Kahne. Und das hat mit ihrem Gesange Selbstverständlich die Lorelei bewerkstelligt.
OHNE ÜBERSCHRIFT
ALLES das, was der Berliner hundsgemeinhin «Natua» benennt -- o du bildschönes Wort! --, alles das machte Frühling.
Von dieser Veranstaltung sich auszuschließen brachte nicht übers eiweiche Herz der Skribifax H. R.
Er streifte die Krachledernen über, hängte eine sinnige Ader ein, vergaß des Bleistifts nicht, nicht des Papieres und kehrte seinen vier trockenen Pfählen den gerundeten Rücken.
In einem Forste angelangt, der den ausschweifenden Titel «Das Rosental» führt, sog er den würzigen Knofelduft ein, kurbelte sein Hirn an, drückte auf die Ader und brachte zu Papier folgende
_Abhandlung_:
A I Der Sachse sagt _nicht_: Dies dürfte der Fall _sein_. Der Sachse sagt: 's werd schon meejlich _sinn_. II Der Sachse sagt _nicht_: Ich werde um 8 Uhr zuhause _sein_. Der Sachse sagt: Um achte rum weer j heeme _sinn_. B I Der Sachse sagt _nicht_: Sobald wir angelangt _sind_. Der Sachse sagt: Wemmr da _sinn_. II Der Sachse sagt _nicht_: Die Eier _sind_ teuer. Der Sachse sagt: De Eier _sinn_ deier.
Wenn Sachsen -- echte Sachsen, ächte Sachsen, Kaffee-Sachsen, Gaffee-Sachsen, Kümmel-Sachsen -- gebildet scheinen wollen und sich einer schriftdeutschen, reinen Aussprache befleißen, so scheitern sie gern an dem knifflichen «_Sinn_».
Dem Sachsen gelingen die gebüldeten Sätze:
«Die Eier _sein_ deuer.»
«Wenn mir angegomm _sein_.»
Während der Berliner sich zu den Sätzen versteigen kann:
«Das dürfte der Fall _sind_.»
«Kann schon möglich _sind_.»
Ich persönlich möchte ebensowenig Sachse sind wie Berliner. Beide sein schlechter dran als der Süddeutsche, dem das neutrale _san_ zu Gebote steht. --
Bei dieser Gelegenheit will ich nicht verfehlen, eines Vorfalls zu gedenken, der sich in einem Leipziger Buchladen zugetragen hat:
Eine Dame sächsischster Observanz tritt ein und verlangt pfeilgrad das neue Buch von Franz Würfel.
Sie hat Franz Werfel schriftdeutsch aussprechen wollen.
Nachdem H. R. diese Abhandlung niedergeschrieben hatte, sprach er vernehmlich in die linde Frühlingsluft hinein (oder hinaus?):
«Ich lasse mich kreuzweise vierteilen, wenn Kurt Wolff sich dazu hergibt, diesen Bockmist drucken zu lassen.»
_Nachwort 1_:
Der Bockmist ist gedruckt worden.
Ihr habt ihn soeben gelesen.
_Nachwort 2_:
Es steht zu erwarten, daß H. R. als ein Mann von Wort sein Wort hält und sich vierteilen läßt.
_Nachwort 3_.
Man atme auf.
GESTERN NOCH AUF STOLZEN ROSSEN . . . .
JA also, ich weiß nicht, ach was, ich erzähl's. Theo von Quarre liegt seit dritthalb Stunden im Bette und kann nicht einschlafen, Deubel nich noch mal.
(Ich habe das Gefühl, als ob ich die Geschichte besser in den Papierkorb schleuderte. Erstens ist sie langstielig, und zweitens hat sie keinen Schluß. Was meinen _Sie_ zu dem Vorfalle?)
Theo steht auf (und denkt: «Wenn mich der Herr Verfasser man bloß noch eine Viertelstunde hätte liegen lassen, wäre ich todsicher eingeschlafen. Es ist scheußlich, über sich verfügen lassen zu müssen. Na, mir kann's ja Gottlieb Schulze sein, was der Verfasser mit mir vor hat») und zieht Reitdreß an. Erfahrungsgemäß macht ihn der à tempo schlapp.
Die Reitstiefel pumpern durch die nächtlichen Räume, ohne auf Quarre anders als belebend zu wirken.
(Hier mache ich einen Punkt. Ein Zaudern erfaßt mich. Soll ich fortfahren?)
Quarre kommt sich vor wie ein pikfrischer Maimorgen.
Stunden vergehen (und ich täte vielleicht besser, mir die störenden Zwischenbemerkungen zu verkneifen), und Theo von Quarre zieht schließlich Galoschen über die Reitstiefel (du meine Güte, soll das etwa «humoristisch» sein? Ich lache!) und müht sich keuchend, das widerspenstige Ich in aberhundert Kniebeugen schlaff zu machen.
Der Körper will nicht, gut, so soll der Geist.
Theo öffnet den Bücherschrank und greift sich Felix Dahns unverwüstlichen «Kampf um Rom». Darin tummeln sich so viele Eigennamen, daß der Geist, breitgequetscht, in wirrer Konfusion entfleucht.
(Sinnlose Gehässigkeit!) (Das schöne Buch!) (Dämliche Unterbrechungen.) (Halt's Maul!!) (Bitte fahren Sie fort:)
Aber auch die Lektüre verfängt nicht.
Theo schmeißt -- der Morgen, grau wie alle Theorie (wieso?), graut grau in grau herauf -- den «Kampf um Rom», komplett gebunden zum Vorzugspreise von 318 M., ein Barthaar eines echten Germanen gratis als Beigabe, _sehr_ geeignet zu Geschenkzwecken, sollte auf keinem Büchertisch fehlen, hinter den Bücherschrank und spricht: «Wenn das bloß der Verleger nicht erfährt!» (Plumpe Verdrehung; denn der Verfasser vorliegender Geschichte ist es, der dies denkt!) (Weiter im Texte:)
Durch das Geräusch schrecklings aufgemuntert (und ohnehin sowohl wie sowieso) erhebt sich Hermann aus den Federn, der treue Diener des Herrn von Quarre. (Trauriger Mangel an Phantasie! Warum muß der Diener «Hermann» heißen? Archibald ist bedeutend ansprechender!!) Er (Hermann) sieht bekümmert nach dem Rechten und findet seinen Gebieterich in wabernder Verzweiflung. (Ich würde, was mich anlangt, ein anderes Beiwort wählen als wabernd. Mich bedünkt es, als gäbe der Herr Verfasser sich wenig Mühe. Er wird mit einer Stunde Nachsitzen bestraft werden.)
Theo will schlafen und kann nicht. Und kann nicht!
Sich bezechen, rät Hermann. Alkohol macht bleiernen Kopf.
Gut: Alkohol!
Theo gießt sich voll mit schweren Weinen, trockenen Sekten, süßen Schnäpsen und fühlt es, wie die Müdigkeit mit stumpfer Pranke ihm . . . (Ich hätte den Diener übrigens _doch_ Archibald nennen sollen!) (Der Satz bleibt ein Fragment.)
Kurzum: der Alkohol tut seine Wirkung. Theo stürzt in den ledernen Schlund eines Klubsessels und verlangt, zu rauchen. (Hier will ich mir die Klammer einmal verkneifen.)
Hermann trägt Zigarren herbei. (Wie finden Sie «Archibald»? Ist «Archibald» nicht primafeinfein gegen «Hermann»?)
Theo steckt sich eine Pappspitze in das markante Gesicht und zündet sie unter schwerer Mühe an.
Pfui Geier!
Aha, es ist keine Zigarre drin.
Soso. Theo zwängt einen importierten Zigarro in die Spitze und zündet eben diesen an.
Er brennt nicht. Er kann nicht brennen. Die Spitze ist nicht abgeschnitten.
Theo erkennt dies (Gottlob, der Autor vergißt, Klammern zu machen!) und schwappt zunächst «immer mal wieder» ein Glas hinter die Binde und fährt sodann fort, rauchen zu wollen. Er knipst die _Spitze_ ab (ja, hat denn die deutsche Sprache nur ein einziges Wort für Zigarrenspitze und Zigarrenspitze?) und bohrt die Zigarre in die _Spitze_ (also in die Pappspitze!). Hermann (immer noch Hermann? Ich denke, der Hermann ist längst geändert in Archibald!) reicht das Streichholz dar, und Theo _zieht_ -- ah -- famos -- hupp! -- fui Deibel! . . .
(Dies Fui Deibel wird ewig ungeklärt bleiben, da Theo über dem Fui Deibel einschlief. Ach so, das gehört ja gar nicht in die Klammer!)
Der Schlaf knebelt den Theo von Quarre beim Rauchenwollen, die Zigarrenspitze einschließlich der Zigarre (ohne Spitze) entschlüpft dem müden Munde . . . Theo schnarcht.
(Ei verfault. Jetzt sitz' ich in der Patsche! Wenn ich nämlich den Herrn von Quarre schon schlafen lasse, hat sich die ganze Geschichte erledigt, und ich kann einpacken. Ich muß ihn wohl oder übel wieder aufwecken, so unmotiviert dies auch ist. Du liebe Zeit, was ist im Leben nicht alles unmotiviert! Motivieren tun nur die modernen Schriftsteller. Das Leben hat solche Mätzchen nicht nötig. Ich fahre fort:)
Theo schrickt auf.
Die brennende Zigarre ist ihm auf die Hand geglitten und hat ihm ein Brandmal zugefügt. (Dann hätte er dies jedoch, bitte sehr, augenblicklich wahrnehmen müssen! Hier stimmt etwas nicht. Wollen wir darüber hinwegsehen, damit der Verfasser zu einem Ende kommt.)
(Übrigens finde ich das Ganze schwülstig erzählt.)
(Hier tritt eine große Unterbrechung ein. Der Autor muß unbedingt einen drängenden Brief beantworten. Sie gedulden sich bitte einstweilen!) -- -- --
(Der Brief ist geschrieben. Der Verfasser hat sich in der Zwischenzeit die Hände gewaschen und frisches Wasser auf seine Mühle gefüllt. Es geht weiter:)
«Ja, ist denn die vertrackte Geschichte noch nicht zu Ende?» fragt Theo und langt eine zweite Importe aus der Kiste.
(So etwas Mähriges! Wo ist der Telegrammstil?)
(Der Telegrammstil: «Hier!»)
(Der Verfasser: «Komm, hilf!»)
Importe No. 2, beschnitten, in Hülse gesteckt. Hülse greift nicht. Schon Zigarre drin. Schweinerei! Hülse in Ofen, Zigarre ohne Hülse in Mund. Verkehrt herum angebrannt. Verflucht! Dritte Importe . . . .
(Meine Herren, so geht das auf keinen Fall weiter. Die Sache ist völlig unverständlich. Telegrammstil, schieb ab!)