Part 2
«Ich sinne nicht. Ich warte auf Theo.»
«Wartest du lange?»
«Ja, aber er kommt nicht.»
«Ich will dir helfen. Du weißt, daß der Ochse kommt, wenn man von ihm spricht?»
«Freilich.»
«Also laß uns von Theo sprechen.»
Hans und Kurt sprechen von Theo, damit der Ochse kommt.
Aber er kommt nicht.
«Du, unser Sprechen ist für die Katz'. Theo kommt nicht.»
«Nein, er kommt nicht.»
Theo kommt.
Hans und Kurt brechen gleichzeitig in die Worte aus: «Siehst du, er ist _doch_ ein Ochse!»
«Wer?» fragt Theo.
«Du!» lautet die fröhliche Antwort.
Theo ist vom Gegenteil überzeugt.
VON DEM MANNE, DER AUSZOG, ERDBEEREN ZU SUCHEN UND PFIFFERLINGE MIT HEIMBRACHTE
EINE sehr schöne Geschichte.
Von mir.
Und außerdem eine sehr kurze Geschichte.
Aber auch kurze Geschichten können schön sein.
Ich liebe die kurzen Geschichten, die schön sind.
Dies ist eine.
Wenigstens meiner Meinung nach.
Also: ein Mann ging in den Wald, um Erdbeeren zu suchen. Sogenannte Walderdbeeren.
(Weil sie im Walde wachsen!)
Aber er fand keine.
Aber Pfifferlinge fand er.
Einen ganzen Sack voll.
Er ging heim mit seinem Sack voller Pfifferlinge oder Pfefferlinge.
In Sachsen sagt man «Gehlchen».
Die Sachsen müssen immer eine Extrawurst haben.
Na, und die schmorte er sich.[1]
Und aß sie.
Und die schmeckten sehr gut.
[Footnote 1: Die Pilze, meine Verehrten!]
In Sachsen sagt man «schmeckten sehr _schön_».
Die schmeckten also sehr schön.
Und da freute sich der Mann schrecklich und vergaß völlig, daß er in den Wald gegangen war, um Erdbeeren zu suchen.
* * * * *
Das ist die ganze Geschichte.
Ist sie nicht schön?
DIE WAHRHEIT
UM es ganz aufrichtig und ehrlich zu sagen, so halte ich -- menschlich -- jeden beliebigen Kaufmann für tausendmal wertvoller als irgendeinen Künstler.
Man wird mir diesen Satz nicht glauben -- um so weniger, als ich heftig beteuere, ihn durchweg ernst zu meinen.
Aber: ich halte zehn gute Kaufleute, Gott straf mich, für tausendmal wichtiger -- menschlich -- als einen halben Gymnasiallehrer.
Auch diesen Satz wird mir niemand glauben.
Nun denn, ganz aufrichtig und ehrlich: ich halte weder Kaufmann noch Lehrer für wichtig, geschweige denn für wertvoll. Den Künstler erst recht nicht.
Dies ist voller Ernst und mein letztes Wort in dieser Sache. Punktum.
KEIN SCHÖNRER TOD IST AUF DER WELT . . .
ALS es 418 (418!) Tage lang, 418 Tage lang hintereinander, 418 Tage lang ununterbrochen hintereinander geregnet hatte, 418 Tage lang geregnet hatte, waren alle Wesen des Lebens überdrüssig.
Und der hochbetagte Bibliothekar Stibulke sprach zu seiner Frau:
«Rosa, weißt du was, wir ersäufen uns!»
Das war aber gar nicht mehr nötig; denn -- siehe -- in demselben Augenblicke wurde das Ehepaar von den eindringenden Fluten hinweggespült.
SERENISSIMUS JAGT SCHMETTERLINGE
SERENISSIMUS jagt Schmetterlinge. Für seine Sammlung. -- Hat eine Schmetterlings-Sammlung. -- Lauter Schmetterlinge. Und Käfer. -- Und Briefmarken. -- Alles durcheinander. -- Auch Strumpfbänder. Weibliche. -- Souvenirs. -- Namentlich Strumpfbänder. -- Nebenbei auch einige Schmetterlinge. -- Zwei oder drei. -- Oder einen? -- Ja, _einen_. Einen einzigen. Tja. Aber einen ganz seltenen! -- Ein Mistpfauenauge. Oder so ähnlich. Ganz drolliges Viech. -- Sieht aus wie en Käfer. -- Tja. -- Ist auch en Käfer. Heißt genau genommen Mistpfauenkäfer. -- Oder so ähnlich. -- Oder Mistkäfer. -- Ja: Mistkäfer. -- Geschmacklos. -- Warum nich Guanokäfer? Oder Kloakenkäfer? -- Tja. -- Ein entzückender Kloakenkäfer. -- Schillert in allen Farben. -- Täuschend imitiert. -- Sieht aus wie echt. Wie wenn er lebte. -- Tja. -- War ooch teuer genug! Zierte Lisas Strumpfbänder, die Katze. -- _Zwei_ waren es sogar. Eigentlich. Ursprünglich. -- Na, der _eine_ ist gerettet. -- Apartes Andenken. An die verflossene Lisa. -- Saßen auf dem Strumpfband, die beiden Käfer. Oder vielmehr: auf _den_ Strumpfbändern. Auf jedem einer. -- Lisa mußte zweie haben. -- Dolles Weib. T, t, t, t. -- Viel Geld gekostet. -- Tja. -- Na, egal. -- War die Sache wert. -- Süßer Käfer. -- Hat Karriere gemacht. -- Nach unten. -- Bis in den Rinnstein. -- Ooch en Kloakenkäfer geworden. Oder Mistkäfer. -- Hähä, blendender Witz. -- Jaja, feines Köppchen! -- Tja. -- Na, wolln ma sehn, was sich tun läßt.
Serenissimus stelzt über ein Stoppelfeld. Das Schmetterlingsnetz in der Hand.
Er will seine Sammlung bereichern.
Schmetterlinge jagen ist sein neuster Sport.
Serenissimus ist passionierter Schmetterlingsjäger.
Absolut einwandfrei edles Weidwerk.
Totschick! -- Heissa, hussa!
Serenissimus stelzt über das Stoppelfeld. Mit sagenhaft elastischen Schritten.
Einem Schmetterling ist er auf den Fersen.
Einem Sauerkohlweißling.
Der schillert so angenehm rötlich.
Vielleicht gar en Rotkohlweißling?
Oder en Sauerkohlrötling?
Vertrackt schwierige Kiste, Schmetterlinge jagen.
Die Tiere flattern in der Luft herum.
Sind gar nich en bißchen zutraulich.
Na, wern den Kerl schon kriegen!
-- Serenissimus stelzt über die Stoppeln. Dem Weißling hinterher.
Da geschieht etwas durchaus Unerwartetes.
Eine Dampfwalze kommt in rasendem Tempo auf Serenissimus zugeschossen. Wie ein Pfeil.
Serenissimus, der bei _einem Haare_ den Weißling im Netz hatte, springt -- juchopps -- mit einem Fluch beiseite.
Himmelherrgottspappedeckel, Klabund und Wolkenbruch!!
-- -- -- Die Dampfwalze prescht wie besessen an dem verdatterten Ferschten vorüber . . . .
Da bemerkt Serenissimus dort, wo die Dampfwalze ihren Weg genommen hat, einen rotgelben Tupfen: den zu Brei gequetschten Sauerkohlrotweißling.
Er hebt ihn auf und steckt ihn ins Netz.
Das Netz schultert er und geht heim. Serenissime.
_So fing Serenissimus seinen ersten Schmetterling._
* * * * *
Daraus geht hervor: Um einem Serenissimo dienstbar zu sein, scheuen die himmlischen Gewalten weder Kosten noch Mühe.
DAS ZIMMER
LINKS eine Wand. Rechts eine Wand. Vorn eine Wand. Hinten eine Wand. Oben die Decke. Unten die Diele. -- In der linken Wand eine Tür, in der rechten Wand zwei Fenster, in der vorderen Wand nichts, in der hinteren Wand nichts. -- An allen vier Wänden Tapete. -- In der Mitte der Diele ein Tisch, darauf eine Vase. Um den Tisch drei Stühle. An der rechten Wand zwischen den Fenstern ein Büchergestell. An der linken Wand über der Tür ein Haussegen. An der vorderen Wand ein Ofen, ein Waschtisch, ein Bett, ein Spiegel. An der hinteren Wand ein Sofa, ein Schreibtisch mit Lehnsessel, ein Schrank; über dem Sofa ein großes Bild. An der Decke eine Lampe.
Dies ist ein Zimmer. --
Was ist ein Zimmer? -- Ein Selbstmordmotiv.
Öde, kahl, ekel. -- -- --
Laß an den Fenstern Gardinen anbringen, und in der Dämmerstunde stell auf den Tisch die duftenden Reseden: -- das Zimmer ist traut und wohnlich.
Und liegt ein sündhaft schönes Weib im Bett, der Teufel hole dich, wenn du das Zimmer nicht mit Lust beziehst.
HAND UND AUGE
(Ein Reise-Erlebnis)
_Personen_: Die anmutige Dame Der stattliche Herr
_Ort_: Eisenbahn-Abteil 2. Klasse
DER Herr: «Darf ich das Fenster öffnen?»
Die Dame: «Ja.»
Der Herr: «Stört es Sie, wenn ich eine Zigarette rauche?»
Die Dame: «Nein.»
Der Herr: «Darf ich fragen, wohin Ihre Reise geht?»
Die Dame: «Ja. Nach Danzig.»
Der Herr: «Wie sich das trifft! Ausgerechnet nach Danzig fahre auch _ich_!»
Der Herr: «Ist es Ihnen unangenehm, mit mir im selben Abteil fahren zu müssen?»
Die Dame: «Nein.»
Der Herr: «Fahren Sie gern Eisenbahn?»
Die Dame: «Nein.»
-- --
Ein Gespräch kommt nicht zustande.
Es ist frostern im Abteil. Die Dame ist zugeknöpft. Der Herr versucht es mit einem Gewaltmittel:
«Schauen Sie», spricht er, «ich hab' ein Glasauge!» und nimmt sein linkes Auge heraus.
Die Dame taut auf: «Ach!? -- Ist das echt?»
«Jawohl -- es ist ein echtes nachgemachtes Auge.»
«Gott, wie goldig!»
«Nicht wahr?»
«Und _ohne_ das Auge sehen Sie gar nichts?»
«Nein, nicht das mindeste.»
«Und _mit_ dem Auge?»
«Sehe ich auch nichts!»
«Ja, ist denn das Auge nicht durchsichtig?»
«Doch -- aber womit sollte ich hindurchsehen?»
«Haben Sie das Auge verloren?»
«Ja -- ein Fräulein hat es mir mit der Hutnadel ausgestochen.»
«Wie gemein!»
«Ich habe mich gebührend gerächt.»
«Inwiefern?»
«Ich habe das Fräulein geheiratet.»
Die Dame rückt ab und knöpft sich wiederum zu. Der Herr hat seinen Reiz zur guten Hälfte verloren. Er ist verheiratet!
Der Herr steckt sein Auge ein.
Die Dame -- nach langer Pause --: «Sie tragen ja gar keinen Trauring?»
«Nein, warum? Ich bin ja nicht verheiratet.»
«Sie sagten doch . . .»
«Ein Scherz.»
«Aber das falsche Auge ist doch wenigstens _echt_, wie?»
«Völlig echt, meine Gnädige.»
«Darf ich es mal sehen?»
«Mit Vergnügen.»
Der Herr reicht der Dame das echte falsche Auge. Die Dame nimmt es in die linke Hand.
Sie faßt das Auge scharf ins Auge und spricht:
«Es ist täuschend imitiert. Besser als diese meine linke Hand.»
«Was ist mit der Hand?»
«Sie ist künstlich. Aus Marmor.»
«Seltsam. Ein falsches Auge in falscher Hand!»
«Ich finde das weniger seltsam, als wenn ein echtes Auge in einer echten Hand läge.»
«So? Wäre das seltsamer?»
«Es wäre nicht nur seltsamer, es wäre _unmöglich_.»
«Es ist nicht unmöglich. -- Mein Auge ist kein Glasauge. -- Das Auge ist mein wirkliches, echtes Auge.»
Die Dame läßt erschreckt das Auge fallen.
Das Auge blickt die Dame wehmutig an.
Die Dame greift gerührt mit ihrer Linken nach dem Auge -- -- -- die Hand füllt sich mit Leben, Blut durchrinnt sie, Puls klopft auf.
Das Auge zwinkert bedeutsam.
Der Herr sieht die marmornen Finger der Dame sich regen; «Ihre Hand, Gnädige, scheint lebend zu sein!»
Die Dame krümmt die Finger -- und ist selbst betroffen über die Verwandlung.
Sie streicht mit der Rechten über das Auge in ihrer Linken, und das Auge schläft ein.
Der Herr nimmt es und steckt es in seine Höhle zurück.
Die Dame kann nicht anders, sie drückt einen Kuß auf das Auge.
Der Herr küßt der Dame die linke Hand.
Das Auge öffnet sich und blickt dankbar.
Die Linke der Dame streichelt die Wange des Herrn.
«_Danzig_ --!»
TROPFEN AUS HEITERM HIMMEL
AUF der Wiese steht ein Greis und will eine Kneippkur machen.
Er ist barfuß und barhaupt.
Über ihm hängt ein wunderschöner, blauer, wolkenloser Himmel.
Der Greis hält Ausschau nach einer Kuh, die fern am Waldrande Bedürfnis über Bedürfnis verrichtet.
Da tropft dem Greis etwas aufs Haupt.
Ein dicker Tropfen.
Der Greis greift mit der Hand auf seinen Schädel und wischt den Tropfen ab.
Dann lugt er auf zum Himmel.
Der Himmel glänzt in seidiger Bläue.
«Wie?» denkt der Greis, «ein Tropfen aus heiterm Himmel?»
Und er begibt sich von dem Flecke, auf dem er gestanden, weg und pflanzt sich anderswo auf.
Daselbst hält er wiederum Ausschau nach jener bedürfnisstrotzenden Kuh.
Er steht nicht lange -- der Greis --, so kleckt ihm ein zweiter Tropfen aufs Haupt.
Aufschauend zum Himmel, wundert er sich ins Fäustchen und wischt sodann den nassen Tropfen sich vom Schädel.
Der Himmel lacht. Mit Recht.
«Wenn das so weitergeht,» denkt unser Greis bei sich, «das kann ja gut werden!»
Und er bleibt stehen, wo er steht.
Er will herauskriegen, wo die Tropfen herkommen; auch will er wissen, ob ihrer noch mehr herunterklecken.
Abermals wendet er sein Augenmerk nach jener fladenden Kuh und vergißt über sie das Tropfen.
Es währt nur kurze Zeit, so tropft dem Greis ein dritter Tropfen auf den Kopf.
Der Greis runzelt die Stirn und betrachtet den Himmel. Der thront unschuldig und engelisch-rein über der Szenerie.
Der Greis legt sich ins grüne Gras und läßt den Himmel nicht aus dem Auge.
Es kleckt kein Tropfen mehr vom Himmel.
«Aha,» denkt sich der Greis, «dies geschieht, weil ich Obacht gebe».
Und er paßt auf. Er wendet keinen Blick vom Himmel.
* * * * *
Auf der Wiese liegt ein Greis. Er hat eine Kneippkur machen wollen, aber er muß aufpassen, ob es tropft. Er ist überzeugt, daß in dem Augenblicke, wo er den Himmel außer acht läßt, ein Tropfen ihm aufs Haupt kleckt.
Der Greis schläft darüber ein.
Er träumt, daß ihm ein Tropfen auf den Kopf kleckt. Er stellt sich anderswohin, und ein zweiter Tropfen kleckt. Er bleibt stehen, und ein dritter Tropfen kleckt. Da legt er sich ins grüne Gras und spannt auf den Himmel. -- Dies träumt der Greis.
Die Kuh möhkt plötzlich dicht bei ihm.
Davon erwacht der Greis, erhebt sich ächzend und begibt sich an die Kneippkur.
Ihm ist, als seien drei Tropfen auf seinen Kopf gekleckt.
Dies ist jedoch völlig unmöglich. Denn der Himmel ist blau, heiter und wolkenlos.
Hat der Greis geträumt?
DAS ALTER
_Personen_: Der gutgelaunte Vorgesetzte Der wie auf den Kopf gefallene Bewerber
DER Vorgesetzte läßt den Bewerber eintreten und ersucht ihn, Platz zu greifen. Es entspinnt sich eine Unterredung, die auf einem gewissen halbtoten Punkt stehen bleibt: Der Vorgesetzte möchte Einzelheiten aus dem Privatleben des Bewerbers wissen. Er fragt zuvörderst nach dem Alter. «Wie alt sind Sie denn?»
«Ich werde 32.»
«Wie alt Sie sind?»
«Ich werde 32.»
«Ich will nicht wissen, wie alt Sie _werden_; ich will wissen, wie alt Sie _sind_.»
Der Bewerber schweigt kopfscheu.
«Na wie alt _sind_ Sie denn?»
«Ich bin 31 gewesen.»
«Guter Mann, hm, wenn Sie 31 _gewesen_ sind, so sind Sie zur Zeit 32. Soeben behaupten Sie jedoch, Sie _würden_ erst 32.»
«Ja, das stimmt.»
«Nee, das stimmt nicht. Wenn Sie 32 _werden_, können Sie nicht 32 _sein_.»
«Nein, so nicht, -- ich bin nicht 32. Ich _werde_ 32.»
«Schön. Demnach dürften Sie 31 sein.»
«Ja natürlich. Ich bin 31!»
«Also Sie sind 31. -- Wann ist Ihr Geburtstag?»
«Am 5. April.»
«Das wäre heute in 6 Wochen?»
«Zu dienen.»
«Wie alt werden Sie heute in 6 Wochen?»
Der Bewerber, zaghaft und scheu: «32 . .»
«Richtig.»
«Ihr wievielter Geburtstag ist das?»
«Mein 32. selbstredend.»
«Durchaus nicht! -- Ihr 33.!»
«Das verstehe ich nicht.»
«Nein? -- Merken Sie auf: Als Sie zur Welt kamen, begingen Sie Ihren ersten Geburtstag. An jenem ersten Geburtstage waren Sie null Jahre alt. -- Als Sie Ihren zweiten Geburtstag feierten, vollendeten Sie das erste Jahr, d. h. Sie wurden am _zweiten_ Geburtstag _ein_ Jahr alt. -- Sehen Sie das ein?»
Der Bewerber, gänzlich verwirrt: «Oh ja!»
«Nun also. -- Sie _sind_ 30 _gewesen_, _sind_ 31, _werden_ 32 und feiern in Kürze den 33. Geburtstag.»
Der Bewerber bricht ohnmächtig zusammen.
Die Unterredung ist beendet.
ALLE WEGE FÜHREN NACH ROM
DIESES Sprichwort ist eine hundsgemeine Lüge.
Der Privatdozent Kladderosinenzagel mußte es am eigenen Leibe erfahren.
Er, den wir um der Kürze willen K. nennen wollen, machte sich an einem Ferientage auf die denn doch nicht mehr so eigentlich ganz naturfarbig genannt werden dürfenden Socken, um gen Rom zu fahrten.
Er, K., fußte auf dem Sprichwort: Alle Wege führen nach Rom.
K. wanderte, mit reichlichem Mundvorrate und einer leeren Thermosflasche ausgestattet, einen vollen Nachmittag lang.
Reiseziel: Rom.
Es führen aber mitnichten alle Wege nach Rom.
_Der Weg_, den K. einzuschlagen für ratsam befunden hatte, hörte plötzlich auf, ein Weg zu sein und verwandelte sich in eine Wiese, auf welcher notgedrungen sieben Kühe -- die Verkörperung der fetten Jahre -- sich an ihrem Anblicke und dem saftigen Grün weideten.
Und K. stand hinter einer Tafel, die von vorn zu besichtigen er nicht umhinkonnte.
Die Tafel bezog sich auf den Weg, welchen K. zurückgelegt hatte, und trug die Aufschrift: «Verbotener Weg».
In einem Lande, wo die Polizei so auf dem Damme ist wie in Deutschland, führt zwar mancher Weg nach Rom, aber er ist verboten.
K. mußte umkehren und sich des Planes, auf natürlichem Wege nach Rom zu gelangen, entschlagen.
«HÖHENLUFT»
Ein Roman aus den Tiroler Bergen von Paul Grabein
ist im Okt. 1916 als Ullstein-Buch -- 1 M.! -- erschienen. Ich habe das Buch gelesen -- unter Aufgebot größter Energie. Ein paar Worte darüber und dazu.
Die Personen des Buches sind:
Karl Gerboth, Maler, Hilde, seine Tochter, Franz Hilgers, Maler, Günther Marr, Leutnant.
Handlung: Franz hat seinen Jugendfreund Günther eingeladen. Günther leistet der Einladung -- Erholungsurlaub -- Folge. Auf Seite 19 trifft er, nach dem Dörfchen, in dem Franz wohnt, wandernd, eine Dame. Dies ist Hilde Gerboth. Sofort weiß man «alles», und es kommt auch tatsächlich «alles» so. Franz ist der einzige Schüler Karl Gerboths und Bräutigam eben jener Hilde, freilich, ohne daß diese darum weiß. Der alte Gerboth hat sich von der Welt zurückgezogen und schafft in aller Stille. Hilde wird von ihm behütet und betreut, daß es eine Art hat. Sie ist die Tochter einer Dame, die -- als Gattin Gerboths -- Temperament und etliches darüber hinaus besaß. Aus Angst, Hilde könne ihrer Mutter nachschlagen, läßt sie der alte Gerboth nicht von sich. Sie ist absolut naiv und ahnungslos. Sie weiß nicht Musik, Tramway, Kino, Theater, Börse, Bordell, Liebe, Geld, Börse (absichtlich 2 Mal) -- kurz: was Leben ist. Das weiß sie nicht. Sie ist 20 Jahre alt. Und Franz ist ein Schwächling, ein thraniger, limonadiger Hampelmann. Er muß kurz nach Günthers Ankunft verreisen. Infolgedessen Solo-Szene zwischen Günther und Hilde. Aussprache -- er schildert ihr die Welt und das Leben. Sie -- die Freiheit lockt -- verliebt sich in ihn. Sie will hinaus -- in die sogenannte Welt. Sagt's ihrem Vater. Der refüsiert. Hilde knickt zusammen. Günther trifft sie -- tatsächlich durch Zufall! (Ich glaub's! Wer noch?) -- ein zweites Mal. Er redet ihr energisch zu. Franz kehrt zurück (aber das ging fix!) und erfährt durch Günther selbst, daß er, G., Hilde liebt und überhaupt: daß was los war. Franz zum alten Gerock oder Gehrock oder Gerboth: Höre mal, so und so -- -- und Gerboth spricht gründlich mit seinem Töchting. Klamauk. Sie will Franz nicht. Sie will Günther. Und in die Welt hinaus. Bon. Am Tag drauf hält Günther um ihre Hand an beim alten Klopstock. Der sagt Nein. Da sagt Günther: Dann heirat ich Ihre Hilde gegen Ihren Willen. Bumms. Aber der Alte -- philosophisch! -- gestattet eine letzte Aussprache zwischen Hilde und Günther, worin sie ihm erklärt, er dürfe hoffen, wenn er vor sie hinträte.
Am nächsten Tag reist Günther nicht ab, oh nein. Er kann nicht: eine richtige Lawine hat sich bemüht, herniederzugehen, und das ist ihr auch gelungen. Aber die gute Hilde, die irgendeinen Schafhirten hat retten wollen vom Hungertode, gerät mitsamst ihrem Freßkörbchen und dem Bernhardiner (aha!) in sie (die Lawinije) hinein.
Na, und Günther rettet sie selbstredend.
Na, und dann kriegen sie sich.
Na, und das ist ja die Hauptsache.
Das Buch schließt (auf Seite 253!) mit den Worten Günthers:
«Wagen wir es denn zusammen, Hilde!»
Und nun sind sie glücklich, und uns entpullert eine Träne.
Ich setze das Romänchen fort:
Am 12. Sept. 1916 fällt Günther in der Sommeschlacht (das Buch spielt nämlich direktemang im Weltkrieg).
Daraufhin begeht seine Frau einen ganz totsicheren Selbstmord.
Daraufhin kriegt ihr Vater einen geharnischten Schlaganfall.
Sela.
EHE
MANN und Frau faulenzen auf dem Diwan. Der Mann ist am Einschlafen. Die Frau wird von Halbträumen umfangen.
Eine Fliege summt.
Die Glocken einer fernen Kirche baumeln.
-- -- -- Der Mann ächzt, räkelt sich, fragt: «Sind das Glocken?»
Die Frau horcht. «Das sind doch keine Glocken. -- Das ist eine Fliege.»
«Unsinn. Das ist doch keine Fliege. -- Das sind Glocken.»
«Das ist eine Fliege.»
«Das sind Glocken.»
Beide horchen.
Der Mann: «Selbstredend sind das Glocken. -- Warum wird denn geläutet?»
Die Frau: «Ich werde doch Glocken von einer Fliege unterscheiden können! Ich höre keine Glocken. Das ist eine Fliege.»
«Das sind Glocken.»
«Wenn ich dir sage, das ist eine Fliege.»
«Herrgott, das sind Glocken. Das ist doch keine Fliege!»
«Das _ist_ eine Fliege!»
«Das sind _Glocken_!»
«Na, da bleib' bei deinem Glauben.»
«So etwas Dummes! Ich bin doch nicht verrückt. Natürlich sind das Glocken. -- Ganz deutlich.»
«Eine Fliege ist es.»
«Wo ich genau die einzelnen Glocken heraushöre.»
«Was _du_ alles fertig bringst. -- Ich höre bloß eine Fliege. -- Warum sollten denn jetzt die Glocken läuten?!»
«Ja, das möchte ich eben gerne wissen.»
«Du kannst dich drauf verlassen, das ist eine Fliege.»
Beide horchen.
Die Glocken haben aufgehört, zu summen.
Auch die Fliege läutet nicht mehr.
Der Mann denkt: Ekelhaft. So macht sie's immer. Bei jeder Gelegenheit. Da ist einfach nichts zu wollen. Zum Auswachsen. -- Eine Fliege! Lachhaft. -- Aber da kann sie niemand davon abbringen. Sie bleibt bei ihrer Fliege. Es ist eine Fliege. Und wenn die Glocken hier in der Stube vor ihrer Nase läuteten, -- -- es ist eben eine Fliege. Albern. Wenn sie sich etwas einbildet, bleibt sie dabei. -- Selbstredend waren es Glocken. -- -- -- Mir einstreiten zu wollen, daß es eine Fliege war . . . .
Er schläft.
Die Frau denkt: Wenn es nicht zufällig mein Mann wäre, ich konnte ihn ohrfeigen. Das Schaf. Immer recht haben. Immer recht haben. Muß er. -- Ich höre deutlich die Fliege summen. Nein, es sind eben Glocken. -- -- Ich kann sagen, was ich will: er bleibt bei seinen Glocken. -- Jetzt, um die Zeit Glocken! -- -- -- So ein Schaf! -- -- -- Aber das ist jeden Tag so. -- -- -- Das Kamel . . . .
Sie schläft.
Sie träumt von einer Fliege, die hoch auf dem Kirchturme geläutet wird.
Der Mann träumt von Glocken, die ihm über das Gesicht krabbeln.
Ganz leise fängt die Fliege wieder an, zu summen.
Es klingt wie fernes Glockenläuten.
ICH BIN, ICH WAR
ICH bin eine Blume. Ich blühe auf der Heide.
Ich bin eine Blume und blühe auf der Heide.
Da kommt eine Kuh und frißt mich ab.
Nun bin ich eine Blume gewesen. Nun bin ich keine Blume mehr.
Wie bin ich traurig!
* * * * *
Ich bin eine Kuh und grase.
Niemand merkt mir an, daß ich traurig bin.
Grasen ist fade, Kuhsein ist fade; als Blume hatte ich es besser.
Aber muß man als Kuh nicht stoisch sein und tragen, was man aufgebürdet kriegt?
Geduldig sein und grasen und sich fassen, möh. --
Es ist schließlich gar nicht so traurig, Kuh zu sein.
Die Sonne scheint, die Wiese duftet, der Himmel bläut -- und da soll ich traurig sein?
Ich bin lustig.
Aber es ist nicht die Blumenlustigkeit, die mich durchglüht, es ist die Lustigkeit der Kühe.
Ich mache mutwillige Sprünge und möhe und muhe.
Die Welt ist schön, muh.
Muh, schön ist die Welt.
Und ich bin doch traurig!
(Ich war eine Blume!!)
-- -- --
Da kommen zwei vermummte Kerle. Die fackeln nicht lange: Einer packt mich hinterrücks und ringelt mir den Schwanz zusammen, das tut weh. Der andere schlingt mir eine Kette ums Gehörn und knufft mich. Sein Spießgeselle peitscht auf mich ein. Ich weiß nicht, was gehauen und gestochen ist.
(Einst war ich eine Blume.)
Man führt mich hinweg von meiner Wiese. Ade, du Wiese, ade!
-- -- --
In der Abendstunde erreichen wir ein Gehöft.
Einst war ich eine Blume, ich denke dran.
Blume bin ich nimmer; bin eine armselige, wehrlose Kuh, muh.
(Hilft mir der Stoizismus etwas?)
Rasch tritt der Tod die Kühe an: Eine Ledermaske mit einem bösen Stirnbolzen wird mir aufgestülpt -- -- -- ein Schlag, und ich stürze hin. Da hilft kein Muhen.
Mit einem Rohrstock pfählt man mir das arme Hirn. Das macht mich traurig. Oder lustig? Ich weiß nicht, ich glaube, ich bin tot.
Kuh bin ich gewesen.
Blume bin ich gewesen.
Ich entsinne mich wirr . . . es ist mir, ja . . . vor langer, langer Zeit -- war ich ein Falter. Aber ich weiß es nicht.
Daß ich Blume war, weiß ich mit Sicherheit. Ich lege meinen Huf dafür ins Feuer.
Es ist vorbei.
Bin weder Kuh noch Blume mehr.
* * * * *
Bin Wurst. Salamiwurst. Ich koste das Pfund 1.80 M.[2] Ich bin erstklassige Ware, elektrisch hergestellt.
Den Stoizismus habe ich behalten. Dennoch stimmt es trübe, Wurst sein zu müssen, wenn man Blume hat sein dürfen.
Ich bin mir Wurst. Ich nehme es hin. Muh. (Eigentlich dürfte ich als Wurst nimmer muhen. Ich nehme das Muh als anachronistisch zurück.)
Ich habe keine Freude mehr auf der Welt.