Kleinstadtkinder: Buben und Mädelgeschichten
Part 9
Inzwischen hatte aber die Wirtin der »Fröhlichen Einkehr« den Kaffee gebracht, und Fräulein Helene rief nach den Kindern. Die kamen auch schnell herbei, nur Jantge fehlte; wo war sie denn? Man rief und suchte; hell tönten die Kinderstimmen durch die Stille, Frau Vogeler, die Wirtin, kam auch und half suchen, und sie war es, die Jantge fand.
Die Kleine saß noch immer still neben dem Buben und lauschte dessen Flötenspiel, sie hatte das Rufen gar nicht gehört. Sie schrak zusammen, als die ernste Frau im schwarzen Kleid sie bei ihrem Namen rief.
Der Knabe ließ still seine Flöte sinken; traurig fragte er die Kleine: »Mußt du schon fort?«
Da tönten schon ganz nahe Wendelins und Anne-Martes Stimmen: »Jantge, Jantge, wo bist du?«
»Hier!« rief Jantge. Sie sprang eilig auf und wollte davonlaufen, aber dann kehrte sie plötzlich um, eilte auf den fremden Buben zu und flüsterte errötend: »Ich danke schön!« Und weg war sie.
Frau Vogeler aber ging mit dem Knaben Hand in Hand still dem Hause zu. Als sie beide durch den Garten schritten, sagte Jantge, die schon im fröhlichen Kreise unter der Linde saß: »Das ist der Junge, der so schön gespielt hat!«
»Dann ist wohl das Töchterchen der Frau gestorben,« sagte Fräulein Helene sinnend. »Arme Mutter!«
»Du mußt den Ziegenbock sehen,« rief Severin, für den das Schönste an der »Fröhlichen Einkehr« der schwarze Ziegenbock war. Er ärgerte sich ordentlich, daß die Kleine immer von dem fremden Jungen und seinem Blasen sprach. Kaum hatte er den letzten Bissen gegessen, da rief er auch schon wieder: »Komm Jantge, ich zeig' dir den Ziegenbock!«
»Aber bleibt nicht lange,« ermahnte Fräulein Helene.
»Wir wollen auch mit,« riefen die andern, und heidi setzten sich alle in Bewegung, um das Wunder des Hofes, den Ziegenbock, anzuschauen. Es war dies freilich leichter vorgenommen als ausgeführt; weder auf dem Hof noch im Stall war der Ziegenbock zu sehen. Daß solche Tiere mitunter auch im Garten spazieren gehen, daran dachten die Kinder nicht, und betrübt kehrten sie wieder um.
Und gerade als Jantge an der Türe des Gemüsegartens vorbeiging, kam Herr Ziegenbock heraus. Ob er sich über das kleine Mädchen erschrocken hatte, ob er sich über ihr lustiges Springen ärgerte, wer konnte das wissen, jedenfalls benahm sich der Ziegenbock so unnütz und abscheulich, daß Severin ihn seitdem viel weniger bewunderte.
Mit gesenktem Kopf lief er auf Jantge zu, und ehe die Kleine wußte, wie ihr geschah, flog sie in einem weiten Bogen kopfüber in das Gras.
Wer sich nun erschrak, das war der Ziegenbock. Die Kinder brüllten so kräftig los, daß der schwarze Unhold entsetzt entfloh; bis in seinen Stall hinein lief er, dort blieb er mucksstill vor Schreck stehen.
»Jantge ist tot,« jammerte Brigittchen. »Jantge, Jantge, der Ziegenbock, der Ziegenbock!« gellte es heulend und klagend durcheinander.
Aus dem Garten kamen die Geschwister Fröhlich angerannt, aus dem Hause die Wirtin, eine Magd und der kleine Junge, und alle riefen sie: »Was ist geschehen, was ist geschehen? Jantge, was fehlt dir?«
»Gar nichts,« sagte die Kleine auf einmal ganz freundlich und stand auf. Sie hatte sich nur ein bißchen erschrocken, sonst tat ihr nicht eine Fingerspitze weh.
»Aber dein Kleid!« rief Anne-Marte.
Das sah nun freilich bös aus; das Röckchen war zerrissen, die weiße Bluse beschmutzt. »Es ist mein allerbestes,« klagte Jantge, »wenn das Urgroßmutter sieht!«
»Sei nicht traurig,« tröstete Fräulein Helene, »wir werden schon Rat schaffen. Schlimm ist nur, daß deine Kleider ganz naß sind; o weh, du bist ja gerade in eine Pfütze gefallen!«
»Ich kann dem Kind ein Kleid leihen,« sagte da Frau Vogeler leise und traurig. »Ich hab' genug Sachen von meiner Marie. Komm mit hinein, Kleine, und weine nicht um deine Sachen.«
Fräulein Helene folgte mit Jantge der Wirtin, die andern blieben draußen und besprachen voller Eifer und mit viel Geschrei den Fall Ziegenbock und Jantge.
Drinnen aber, in einem großen, altmodisch eingerichteten Zimmer, das ein wenig dämmerig war von dem Schatten, den die alten Linden über die Fenster warfen, öffnete Frau Vogeler eine alte Truhe. Sie nahm ein blaues Kleid daraus, das mußte Jantge anziehen, und es sah aus, als wäre es eigens für sie gemacht. So ein wunderfeines Kleid hatte Jantge noch nie besessen, wie eine Prinzessin kam sie sich darin vor und staunend beguckte sie sich. Aus den Augen der Wirtin aber rannen Tränen, schwere Tränen, und Fräulein Helene, die dies sah, flüsterte liebevoll: »Arme Frau«. Dann sagte sie freundlich: »Geh nun hinaus, Jantge, aber nimm das Kleid in acht!«
Und wieder sagte Jantge, wie vorher bei dem Spiel des Knaben, ein wenig verlegen zu der Frau: »Ich danke schön!« Dann ging sie hinaus, und draußen vor der Türe stand der kleine Flötenspieler und sah sie an und sagte: »Du siehst wie Marie aus!«
»War Marie deine Schwester?« fragte Jantge.
Der Bube nickte; dann murmelte er: »Ich heiße Karl!«
»Komm mit, Karl,« bat Jantge, und ganz zutraulich ging der Kleine mit ihr und saß dann unter den andern Kindern, denen Doktor Fröhlich etwas von der Linde erzählte. Er sagte, daß diese ein uralter heiliger Baum sei, der einst der Göttin Frigga oder Freia geweiht war. Kaiser Karl der Große habe einst überall in seinen Landen Linden anpflanzen lassen, und seitdem sei die Linde eigentlich so recht der Schutz- und Schirmbaum des deutschen Hauses geworden.
»Erzählen Sie uns eine richtige Lindengeschichte,« baten die Mädels, doch da kam schon Fräulein Helene mit der Wirtin aus dem Hause, es war Zeit, den Heimweg anzutreten.
»Komm' bald wieder,« bat Karl, als Jantge von ihm Abschied nahm.
»Ich kann nicht, ich gehe weit fort,« sagte die Kleine. »Aber das Kleid!« rief sie plötzlich erschrocken.
»Ich hole es mir ab,« sagte Frau Vogeler und strich sanft über Jantges rosige Wangen. »Ich komme in den nächsten Tagen in die Stadt, dann bringe ich dir dein Kleid wieder, es soll bis dahin rein und heil sein!«
»Auf Wiederseh'n, auf Wiederseh'n!« riefen die andern Kinder fröhlich, nur Jantge schwieg, sie wußte, sie kam so bald nicht wieder in die »Fröhliche Einkehr«.
Und nun ging es heimwärts durch den Wald. Die Sonne malte große, lichte Tupfen auf den Waldboden, als dächte sie, es wären noch nicht genug Blumen da. Dabei gab es so viel Maiblumen, daß selbst Wendelin fand, es sei doch ganz hübsch, einen Blumenstrauß zu pflücken.
Alle suchten mit großem Eifer, nur Jantge ging immer vorsichtig am Wegrand, damit das geborgte Kleid keinen Schaden nahm.
»Ich krieg' die meisten!« rief Anne-Marte. Sie hatte ihren Hut abgenommen und sammelte da hinein hurtig wie ein Vögelein, das Körner pickt.
»Tu dich nur nicht so!« riefen Jörgel und Severin.
»Pfui, seid ihr abscheulich!« rief Anne-Marte entrüstet und drehte sich um. Es hielt jemand ihren Hut fest, und sie dachte nicht anders, als es sei dies einer der Buben. Ärgerlich riß sie den Hut fort, und in weitem Bogen flogen die Maiglöckchen heraus, der Hut aber hing an einem weit vorstehenden, knorrigen Eichenast.
»Der hat dir die Blumen nicht gegönnt,« neckte Doktor Fröhlich. »Sieh mal, wie er aussieht, wie ein richtiges, verhutzeltes Waldmännchen!«
»Es ist abscheulich,« murrte Anne-Marte, doch schon kam Brigittchen herbei und tröstete: »Ich helf' dir jetzt suchen.« »Ich auch!« rief Jantge.
Und geschwind bekam Anne-Marte wieder einen großen Strauß zusammen. Es war aber auch Zeit, denn schon lichtete sich der Wald, und im Abendsonnenschein lagen Wiesen, Felder und dahinter die Stadt vor den Heimkehrenden. Mit Singen zogen sie alle lustig am alten Wartturm vorbei. Klaus Hippel schwenkte einen Pantoffel zum Fenster heraus über das schwebende Blumenbrettlein hinweg und begrüßte die Wanderer.
»Mutter Paulinchen soll Maiblumen haben,« sagten die Mädels, und geschwind gab jedes etwas von seinem Strauß; Brigittchen trug den Strauß hinauf, und lachend rief die Pantoffelmacherin den andern ihren Dank aus dem Fenster zu.
»Wenn Pfingsten schönes Wetter ist, dann gehen wir wieder spazieren, wer mitkommen will, ist eingeladen,« sagte Doktor Fröhlich beim Abschied.
»Ach, Pfingsten muß ja schönes Wetter sein!« riefen die Mädels und Buben, und dann liefen sie alle mit Schöndank und Gutenacht nach Hause. --
Drei Tage später saß Jantge wieder im Sonnenschein unter dem blühenden Fliederstrauch. Diesmal weinte sie zwar nicht, aber hell und froh wie Maienwetter war ihr Gesichtchen auch nicht. Sie strickte emsig ein paar Pulswärmer, dies sollte ihr Abschiedsgeschenk für die Urgroßmutter werden, denn diese fror trotz aller Maiensonne noch tüchtig. Fräulein Helene hatte der Kleinen die Wolle geschenkt und die Arbeit angefangen, und Jantge strickte, als säße die alte Dorothee daneben und strickte mit ihr Hund und Hase.
In ihrem Eifer merkte Jantge gar nicht, daß jemand auf sie zukam. Erst als ein dunkler Schatten auf ihre Arbeit fiel, sah sie auf. Vor ihr standen Frau Vogeler und Karl aus der »Fröhlichen Einkehr«.
Sie hatte gewußt, daß Frau Vogeler kommen würde, aber nun diese vor ihr stand, war es der Kleinen doch eine große Überraschung, und sie wußte nichts zu sagen als: »Es ist nichts an das Kleid gekommen!«
Da lächelte Frau Vogeler ein wenig; dabei sah sie so lieb und gütig aus, daß Jantge jede Scheu vor ihr verlor. »Ich will zu deiner Großmutter, Kind,« sagte die Frau, »Karl mag unterdessen bei dir bleiben, er hat sich sehr gefreut, daß er dich besuchen darf.« --
Während die Mutter in das Haus ging, erzählte Karl seiner neuen Freundin von der Fahrt nach der Stadt, von daheim, und daß er neulich den schwarzen Ziegenbock ausgescholten hätte.
Sie schwatzten beide miteinander wie die allerbesten, allerältesten Freunde, und die Zeit lief ihnen dahin, als hätte sie Siebenmeilenstiefel an.
Inzwischen saß drinnen im Spittelstübchen Frau Vogeler neben der Urgroßmutter und erzählte der Alten von ihrem Kind, das im Winter gestorben war. Die kleine, verwaiste Jantge, die draußen unter dem Fliederbusch mit Karl schwatzte, wußte nicht, daß in dieser Stunde für sie wie eine Wunderblume ein großes, großes Glück aufblühte. Der alten Urgroßmutter aber rannen heiße Freudentränen über die Wangen: »Meine Jantge soll eine Heimat haben, ganz in meiner Nähe, welch' Glück!« sagte sie.
»Du sollst zu deiner Urgroßmutter kommen, Jantge,« rief Trine Tillmann in das fröhliche Plaudern der Kinder hinein. »Nä, guck mal, was hast du denn da for'n Jungen? Der ist ja wohl reinweg vom Himmel runter gefallen, nä, so was!«
Die Kinder lachten über die Verwunderung der Alten, und lachend kamen beide in das Zimmer der Urgroßmutter. Da hörte Jantge denn von dem großen Glück, das ihr widerfahren sollte. In der »Fröhlichen Einkehr« sollte sie eine Heimat finden. Die Wirtsleute wollten sie zu sich nehmen, und sie sollte des kleinen Karl Schwester werden. Helene Fröhlich hatte von Jantges Armut und Verlassenheit gesprochen, als Frau Vogeler ihr von ihrem toten Töchterchen erzählte. »Das Fräulein Fröhlich ist eine, die gern alle Menschen froh machen möchte,« sagte die Frau dankbar, »na, meinst du, Jantge, ob du bei uns auch froh sein wirst?«
Da jubelte Jantge auf, und Karl jubelte mit, es war ihnen beiden, als ständen sie mitten unterm brennenden Weihnachtsbaum. Die Urgroßmutter und die Mutter nickten: »So war es gut.«
Ein Viertelstündchen später lief Jantge mit ihrem neuen Bruder zu Fröhlichs, zu Anne-Marte und Jörgel, zu Brigittchen und den Bäckerbuben, um Abschied zu nehmen, denn sie sollte gleich mit in die neue Heimat kommen. »Es ist ja nicht weit,« sagten die Kinder tröstend zu einander, »wir besuchen dich bald.« »Zu Pfingsten,« rief Severin, dem es gar nicht gefiel, daß Jantge fort sollte.
»Wenn es nicht regnet,« sagte Martin, der dabei stand.
»Pfingsten regnet's nie,« brummte Wendelin, und recht laut und patzig schrie er Jantge noch über den ganzen Kirchplatz nach: »Pfingsten auf Wiedersehen!«
»Wenn's nicht regnet,« sagte Martin und lachte sich eins.
Durch den Wald, durch den sie neulich gewandert war, fuhr Jantge am Nachmittag der neuen Heimat entgegen. Ihr kleines Herz war voll Dankbarkeit und Freude, und Frau Vogeler dachte, als sie die strahlenden Blauaugen sah: »Es ist gut, daß ich das Kind in unser Haus geholt habe!«
Vor der »Fröhlichen Einkehr« stand der Wirt und rief den Ankommenden einen heiteren Gruß entgegen. Als er Jantge aus dem Wagen hob, schaute er ihr prüfend in das Gesicht, und dann rief auch er: »Frau, es ist gut, daß du das Kind geholt hast. Willkommen daheim, mein Mädel, Gott segne deinen Eingang!«
Der kleinen Jantge war es zu Mute wie einem Vöglein, das sein Nest verloren hatte, und das eine liebe, weiche Hand sacht wieder in ein Nestlein legt, eins, in das warm die Sonne hineinscheint. Nach acht Tagen sagten alle Leute im Hause »unsre Jantge!« Die Kleine selbst dachte, wie Klaus Hippel von seinem Turm, daß es wohl auf der weiten Welt keinen schöneren Ort geben könnte als das alte Haus am Waldrand.
Und daß sie es noch heute findet, kann jeder sehen, der Einkehr hält in der »Fröhlichen Einkehr«.
Christoffel will ein König werden.
»Pfingsten regnet es nicht, es regnet nie zu Pfingsten,« sagte Wendelin jeden Tag, der das liebliche Fest näher brachte.
Aber es regnete doch, und wie!
»Strippen regnet es,« sagten die einen, die anderen sagten »Betteljungen.« Es floß und goß vom Himmel herab, als säßen oben am Himmelsrand sämtliche Engelein und schütteten das Wasser mit Mulden aus. Die Sonne schaute überhaupt nicht heraus, sie schien es vollständig vergessen zu haben, daß Pfingsten war, gewiß hatte die gute Dame ihren Taschenkalender verlegt.
Und alle Menschen machten bitterböse und trübselige Gesichter. Da lagen nun die neuen Sommerhüte, weißen Pfingstkleider und die Staatsanzüge, und niemand konnte sie anziehen. Und alle schönen Spaziergeh- und Spazierfahrpläne fielen plumps ins Wasser, weichten darin auf und konnten nicht mehr benützt werden. Und vor den Toren in den Kaffeegärten saßen die Wirte und schauten betrübt all die leckeren Festkuchen an, niemand würde kommen und sie aufessen.
Im Wald ärgerten sich die Bäume und die Blumen fast grün und blau. Der Regen rann und rauschte, und niemand würde kommen und sie alle in ihrer Frühlingspracht sehen. Die Vöglein, die sich die allerschönsten Jubellieder einstudiert hatten, ärgerten sich nicht minder, und alles schalt und schimpfte: »Der dumme Regen, so ein abscheulicher Regen. Der konnte doch auch noch drei Tage warten, so eilig war es gar nicht. Dummer Regen!«
»Es regnet Blasen, also hält der Regen auch noch morgen an,« sagte der Obergeselle Martin. Er hatte zwar immer zu Wendelin und Severin gesagt: »Es kann doch zu Pfingsten regnen,« nun es aber regnete, war er genau so brummig und schlecht gelaunt wie die anderen Leute.
Es war ein Jammer.
In ganz Neustadt wachten am Pfingstmorgen eigentlich nur zwei Menschen recht vergnügt auf, das waren die Pantoffelmachersleute in ihrem alten Turm.
»Wie das rauscht, Paulinchen,« sagte Klaus Hippel behaglich, als er erwachte, »es klingt wie ein Konzert.«
Und als die beiden Alten dann von ihrem Fenster in die graue, nebelverhüllte Ferne sahen, da sagte der Pantoffelmacher so recht von Herzen zufrieden: »Paulinchen, sieh nur, wie gut sich so ein Regenwetter von unserem Turm aus ansieht. Weißt du, das ist ein Wetter zum Geschichtenerzählen, ich lese dir nachher was von meiner Chronik vor! Dann haben wir beide einen rechten Festtag!«
Weil Doktor Fröhlich auch ein Dichter war, wie Klaus Hippel, dachte er auch, Geschichtenerzählen sei gut am verregneten Festtag, und flink fiel ihm auch eine Geschichte ein.
»Das abscheuliche Regenwetter,« klagten auch die fünf Schatzgräber. Ihre Gesichter hellten sich aber sehr auf, als pitsch, patsch, durch Wasserlachen und Pfützen die alte Dorothee über den Kirchplatz ging und bei Schöns, Doktors und Bäckermeisters klingelte, einen schönen Gruß von ihrer Herrschaft bestellte, und die ließ die Kinder zu Schokolade, Spiel und Geschichtenerzählen für den Nachmittag einladen.
Potzhundert, das war noch was!
Hätte der Barometer sich nur einmal Brigittchens strahlende Veilchenaugen angeschaut, er wäre gewiß gleich auf »Schönes Wetter« gestiegen. Auf einmal war der Vormittag nicht mehr langweilig, der Regen störte die Kinder nicht mehr, und bald nach Tisch patschten alle fünf Schatzgräber seelenvergnügt über den Kirchplatz.
»Wir sind da!« riefen Wendelin und Severin, als Dorothee die Türe öffnete.
»Na, das merke ich schon,« meinte diese, »geklingelt habt ihr, als wär't ihr die Feuerwehr! Erst die Füße ordentlich reinemachen, damit es keine Schmutztapfen gibt!«
Fräulein Helene öffnete die Türe zum Gartenzimmer und hieß ihre Gäste willkommen. Drinnen im Zimmer standen da und dort große Büschel blühender Blumen, die ganze lachende Frühlingspracht war in das Zimmer gekommen, und man merkte es gar nicht, daß draußen schlechtes Wetter war. Und ein ganzes Dach voll Spatzen hätte nicht so viel Lärm machen können wie die fünf Gäste, da merkte man nichts von Regenstimmung, von verdrossener Laune; eitel Sonnenschein war es! Und als die Kinder sich ein wenig müde und satt gelacht, gespielt, getrunken und gegessen hatten, da fragten sie wie rechte kleine Nimmersatte: »Kommt nun die Geschichte?«
Und wirklich, die Geschichte kam; es war eine Geschichte, in der Blumen, Sonnenschein und ähnliche Dinge vorkamen, wie es sich für eine rechte Pfingstgeschichte schickt, und Doktor Fröhlich nannte sie:
»Christoffel will ein König werden.«
Es war einmal ein Hirtenbube, das ist nun nichts Seltenes, denn Hirtenbuben gab es, und gibt es genug auf der Welt. Und der Christoffel, so hieß der Bube, war nicht einmal ein besonderer Hirtenbube, er konnte weder schön singen noch pfeifen, noch wußte er verborgene Schätze zu finden, sehr schön war er auch nicht und sehr klug -- na, das war er halt auch nicht. Trotzdem hielt er sich, wie das mitunter in der Welt vorkommt, für den allerschönsten, allerklügsten, allerliebenswürdigsten, allertapfersten Hirtenbuben der Welt.
Manchmal, wenn er auf der grünen Bergwiese saß und weit ins Land hineinschaute, bis zu dem fernen, klaren Bergsee, dann dachte er: »Ich heirate sicher noch einmal eine richtige Prinzessin! Eine mit einer goldenen Krone auf dem Kopfe, potz Wetter, dann werde ich König, na, dann sollen aber die Leute Augen machen!«
Seine Muhme, Trine-Rosine, der er einmal von seiner künftigen Prinzessin erzählte, sagte zwar: »Christoffel, bei dir rappelt es, kennst du nicht das Wort, »Schuster bleib' bei deinen Leisten.« Wenn du groß bist, magst du Nachbars Marie heiraten, das wäre das Rechte!«
»Pah,« dachte Christoffel, »Mariele ist ein Bauernmädchen, das könnte mir gerade passen, ich heirate eine Prinzessin, und damit punktum!«
Dem Mariele erzählte er auch von seinen Hoffnungen, und die sanfte Kleine war ganz traurig darüber, sie hatte den Stoffel lieb und dachte: »Wenn er eine Prinzessin heiratet, dann geht er in die weite Welt und will gar nichts mehr von mir wissen!«
An einem Pfingstsonnabend saßen die beiden Kinder wieder zusammen auf der Bergwiese; gar lieblich lag das Tal im frischen Grün zu ihren Füßen, und aus der Ferne grüßten die weißen Schneeberge herüber. »Weißt', Mariele,« sagte Christoffel plötzlich, »ich wandere noch heute in die weite Welt hinaus!«
Dem Mariele blieb vor Schreck der Mund offen stehen, und ganz entsetzt starrte die Kleine den Buben an.
»Na, was schaust du mich so an?« brummte der, »ich geh', und damit punktum. Das paßt mir nicht, Geißen hüten, in die Schule gehen, nä, ich geh' in die Welt und heirate eine Prinzessin! Mach' nur nicht so ein Geschrei, ich geh'!«
Das arme Mariele schrie gar nicht, es schaute nur den Buben so traurig an, daß es diesem ordentlich weh ums Herz wurde. Und wie gut die kleine Freundin war, das sah er jetzt wieder. Sie gab ihm ihr ganzes Brot mit zur Wegzehrung und noch einen Batzen dazu, den sie am Morgen erst als Pfingstgeschenk von ihrer Patin erhalten hatte. Dann nahm sie Abschied von dem Buben, wünschte ihm alles Glück und bat ihn, sie ja nicht zu vergessen, wenn er erst seine Prinzessin hätte. So schwer wurde dem Mariele das Scheiden, daß ihr immer tropf, tropf, tropf, die Tränlein über die Wangen liefen und in das Bächlein fielen, das vom Berg herunter kam.
»Na nu, Menschentränen an so einem schönen Tag, was hat denn das zu bedeuten?« dachte das Bächlein. Flink nahm es die glänzenden Tropfen und lief mit ihnen bergab, dem Christoffel nach.
Der Bube ging ganz wohlgemut an diesem hellen Morgen in die weite Welt hinein. Er streckte seine Stupsnase in die Luft, dachte an die Prinzessin, die er heiraten würde, an das prächtige Schloß, in dem er dann wohnen würde, darin gab es gewiß auf goldenen Tellern alle Tage -- -- -- pardauz! da purzelte Christoffel über einen Stein, und weil er gerade ins Rollen kam, rollte und rollte er, bis er im Tal anlangte. »Das ging schnell,« dachte er, und weil er von der Purzelei Hunger gekriegt hatte, fing er an zu essen und aß alles auf, was er in seiner Tasche hatte, sein Brot und Marieles Brot, und er hätte noch mehr gegessen, wenn er mehr gehabt hätte. Ein Weilchen lag er dann noch, schaute blinzelnd in die Sonne und dachte: »Wenn ich doch auf einem Wagen in die weite Welt fahren könnte!«
»Wenn du mir einen Batzen gibst, nehm' ich dich mit,« sagte da auf einmal dicht neben ihm eine Stimme.
Erschrocken blickte Christoffel auf, er sah ein kleines, verhutzeltes Männlein auf einem Wagen sitzen, der von einem mageren, schwarzen Pferde gezogen wurde.
Ohne sich lange zu besinnen, zog der Bube den Batzen heraus, den er von Mariele erhalten hatte, und gab ihn dem Fuhrmann.
Just in diesem Augenblick lief das Bächlein mit Marieles Tränen an ihm vorbei und murmelte: »Bist du aber dumm, bist du aber dumm!«
Aber das Bächlein konnte viel murmeln. Christoffel kümmerte sich nicht darum. Hurtig kletterte er auf den Wagen, und heidi! los ging die Fahrt. Potz Wetter ja, konnte das magere Pferdchen laufen! Das ging wie der Sturmwind, und dem Buben verging fast Hören und Sehen. Die Straße entlang gings, in den Wald hinein, mitten hindurch, da wo gar keine Wege mehr waren. Dem Buben wurde es himmelangst bei der tollen Fahrt. »Ich will hinunter, ich will hinunter!« schrie er.
Aber er konnte lange schreien, der Kutscher sah sich gar nicht um, nur sein schrilles Lachen hörte der Bube.
Immer wilder jagte das Pferd. Hussa! ging es einen steilen Berg hinauf, die Steine kollerten und rieselten nur so. Der Wagen flog hin und her, aber das Pferdchen lief wie eine Gemse, und von seinen Hufen sprühten Funken auf. Rechts und links gähnten tiefe Abgründe, ein Wildbach schoß brausend ins Tal und schnurr ging der Wagen hindurch, und das Wasser spritzte hoch auf. Nun ging es einen Abhang hinunter, jenseits wieder einen Berg hinauf. Es war wirklich eine Fahrt, für die selbst ein Batzen zu viel war.
»Runter, runter,« jammerte Christoffel, der im Wagen hin und her flog wie ein Gummiball, mal lag er, mal saß er, mal war er vorn, mal hinten, mal hielt er die Beine in die Luft, mal die Nase. Das sollte nun ein Vergnügen sein, und immer ängstlicher wurde sein Schreien: »Runter, ich will runter!«
Da war es ihm plötzlich, als riefen sanfte Stimmen: »Halt' dich fest, halt' dich fest!« Tief bogen sich die Äste uralter Tannen über ihn, und unwillkürlich griff Christoffel in die Zweige, hielt sich fest, und ritsch! -- fuhr der Wagen unter ihm fort. Mit einem bitterbösen Gesicht drehte sich das Männlein auf dem Bock herum, hu, hatte der Augen! Der Bube mußte an das Märchen von dem bösen Berggeist denken, das ihm die Muhme Trine-Rosine erzählt hatte. Von dem Berggeist, der Kinder entführt und sie hoch oben auf den Gipfeln, in Abgründen und Schluchten, die nie eines Menschen Fuß betritt, gefangen hält. Ob das wohl der Berggeist gewesen war?
Sacht neigten sich die Äste der Tanne, an denen Christoffel sich fest hielt, zu Boden, und der Bube stand nun mitten im einsamen, wilden Bergwald. Er kannte keinen Weg, und so ging er denn unverzagt gerade darauf los. »Irgendwo werde ich schon raus kommen,« dachte er.