Kleinstadtkinder: Buben und Mädelgeschichten
Part 8
»Dann nimm dir eine Semmel und dann flott ins Bett, Festkuchen gibt es jetzt noch nicht,« erwiderte die Mutter, die schon wußte, warum ihr Bube Hunger hatte.
»Da kommt er,« flüsterte Brigittchen ängstlich.
Über den Kirchplatz her kam ein Mann, kein Zweifel, es war der Verfolger.
»Das ist aber frech!« tuschelte Wendelin.
Der Mann sah aber weder frech noch böse aus, ganz behaglich kam er näher und rief: »Nee, Frau Meisterin, ist das aber eine dumme Gesellschaft, die Kinder! Da will ich mir den Weg sparen und Ihren Buben sagen, daß Sie mir zu heute Nachmittag noch etliche Kuchen schicken sollen, weil ich denke, es werden Gäste kommen, ja, prost Mahlzeit. Die Bengels sind davongelaufen wie das richtige, schlechte Gewissen. Ihr da, was habt ihr denn miteinander angestiftet?«
Die Kinder sahen sich verdutzt an; der Mann, das war nämlich Herr Hinze, der Besitzer einer Gartenwirtschaft, die nicht weit von der Bonifaziusquelle lag, sie alle waren schon oft dort gewesen.
»Osterwasser wollten sie holen,« sagte die Meisterin, und sie erzählte Herrn Hinze von dem verunglückten Ausflug. Der lachte so dröhnend, das hallte über den ganzen Kirchplatz hin, und ein wenig beschämt gingen die Kinder heim. Sie krochen noch einmal in ihre Federnester, freilich ohne Schelte ob des heimlichen Fortlaufens ging es nicht ab. Aber dann schliefen sie, trotzdem das Städtchen schon im vollen Sonnenglanz lag, noch einmal ein, schliefen, bis die Glocken von St. Marien und St. Johannis über die Stadt hinhallten. Da erwachten sie mit dem seligen Gefühl: es ist Feiertag, es sind Ferien.
Und Severin brummte, als seine Mutter ihn endlich weckte: »Sie hat doch getanzt, ich hab's gesehen!«
Dabei blieb er, und er hatte den Triumph, daß Heine ihm glaubte und sagte: »Hättet ihr mich mitgenommen, dann wäre die Sache gescheit geworden!« Na, wer weiß!
Der goldene Groschen.
In der Vorstadt draußen, schon dicht am freien Felde, wohnten Liesel und Peter nachbarlich zusammen. Liesels Vater war Stadtrat und Peters Vater besaß eine kleine Gärtnerei. Daß Liesels Vaterhaus eine hübsche Villa war, und Peter in einem kleinen Häusel wohnte, bei dem das Dach schon auf dem Erdgeschoß saß, beeinträchtigte die Freundschaft nicht. Eine Lücke war im Gartenzaun, durch die man hinüber und herüber spazieren konnte, und dies taten die Kinder redlich, und so stand denn auch Peterle an einem sonnenwarmen Frühlingstag am Gartenzaun und rief: »Du, Liesel, komm einmal rasch her, ich muß dir was Feines erzählen!«
Neugierig kam diese näher. »Was gibt es denn?«
»Jahrmarkt ist, Liese,« sagte Peter, und seine Augen leuchteten. »Komm mit, wir gehen zusammen hin!«
»Ich darf nicht allein in die Stadt, und die Eltern sind fort, die kann ich nicht fragen,« sagte Liesel traurig.
»Ach was,« rief Peter, »ich darf eigentlich auch nicht; aber nur mal hinlaufen, das schadet doch nichts. Mutter will morgen mit mir hingehen, weil schulfrei ist; aber morgen ist noch so schrecklich lange. Komm nur, es merkt's niemand; ich habe auch Geld, einen Groschen, da kaufen wir uns Schmalzkuchen oder fahren Karussell. Hast du auch Geld?«
»Ja,« sagte Liesel eifrig, die noch ein rechtes Dummerchen war und den Wert des Geldes wenig kannte, »ich habe viel Geld. Onkel Fritz hat mir einen Groschen geschenkt, aber einen goldenen. Doch mitgehen darf ich nicht.«
»Hasenfuß,« sagte Peter spöttisch; »was dabei ist, nur mal hingehen! Es ist ja nicht weit, und dann gleich wieder zurück; das merkt doch niemand.«
Hasenfuß mochte Liesel sich nicht gern nennen lassen; unschlüssig stand sie da und überlegte. Sollte sie gehen? War es nicht sehr unartig? Da bat Peter wieder: »Nur einmal hingehen, bloß fünf Minuten vor dem Kasperletheater stehen.« Liesel ließ sich überreden; sie holte rasch den goldenen Groschen, der in einem kleinen, hübschen Beutel steckte, und rannte dann mit Peterle dem Jahrmarktsplatz zu.
War das ein Leben! Bude stand an Bude; in der einen lagen und hingen Spielsachen, Puppen, Trompeten, Peitschen, Pfeifen, alle möglichen Dinge; in einer anderen gab es bunte Töpfe, Tassen und Teller, da Hüte und seidene Bänder, dort Pfefferkuchen, Bonbons und Nüsse, und überall roch es nach Schmalzkuchen. Dideldideldei, dideldideldumdum spielte der Leierkasten am Karussell, und im Puppentheater sah Kasperle, der eine riesengroße Nase hatte, hinter einem roten Vorhang hervor und schrie kläglich:
»Der Teufel haut mich, o je, o je, Wie tun meine hölzernen Beine weh. Ach, Buben und Mädels, kommt heran, Und schaut mich armes Kasperle an! Meine hölzerne Nase wird blau und grün, Drei Zähne muß der Doktor mir ziehn!«
Und Kasperle hob ein Bein und steckte es in den Mund, da sagte seine liebe Frau Rosettchen: »Steck' auch das zweite in den Mund!«
»So groß ist sein Maul nicht,« schrie der Teufel und grinste.
Flink steckte Kasperle das zweite Bein in den Mund und plumps fiel er hintenüber in ein Loch, weg war er.
Die Kinder jauchzten, die Erwachsenen lachten, und als ein Mann mit einem Zahlteller kam, rannten die Kinder, als hörten sie die Schulglocke läuten.
Vor einer Schaubude stand ein Mann und rief: »Nur immer hereinspaziert, meine Herrschaften, das größte Wunder der Welt ist hier zu sehen!« Und vor einem Leinenzelt saßen rote und blaue Papageien auf einer kleinen Schaukel; einer schrie krächzend: »Lora, schöne Lora, will Zucker haben!«
Peter und Liesel rissen Mund und Augen auf, was gab es nur alles zu sehen. Doch Liesel konnte sich gar nicht recht freuen. Sie dachte immer: wäre doch Mütterchen bei mir!
»Erst wollen wir für meinen Groschen Karussell fahren,« sagte Peter, »dann kaufen wir uns für deinen Groschen etwas Schönes zu essen. Zeig' mal her, ist es wirklich Gold? Dann können wir nämlich schrecklich viel kaufen!«
Aber Liesel hielt ihr Beutelchen ängstlich fest und sagte schüchtern:
»Fahr' du allein, ich fürchte mich.«
Peterle ließ sich das nicht zweimal sagen; hopps war er oben, kletterte auf ein Pferd und dideldideldei, dideldideldumdum ging die Fahrt los. Liese sah einige Minuten zu; weil aber gar so viele Menschen um sie herum standen, ging sie ein paar Schritte weiter.
»Hier herein, kleines Fräulein,« rief eine schnarrende Stimme, und eine große, dicke Frau, die vor einer Bude stand, faßte sie am Arm und schrie: »Hast du Geld, dann darfst du rein!«
Liesel wich erschrocken zurück. Da lachten ein paar Buben laut auf, einer faßte sie an ihren blonden Zöpfen und schrie: »Hüh, hott, Pferdchen, lauf!« »Peter, Peter,« jammerte Liese; aber Peterle fuhr lustig auf dem Karussell, und je ängstlicher die Kleine rief, je ausgelassener umtobten die wilden Buben sie. Plötzlich kam ein Mann daher geritten, ganz bunt angezogen, der kündigte an, daß abends Vorstellung im Zirkus sei; da liefen die Buben hinterher und ließen Liesel gehen. Die Kleine wollte zu Peter zurückkehren, als sie neben sich einen alten Mann erblickte, auf dessen Schulter ein kleiner Affe saß, der lauter tolle Sprünge machte und Grimassen schnitt. Das sah lustig aus; Liesel blieb stehen und sah dem Äffchen zu. Dessen Herr hielt einen schmutzigen, abgetragenen Hut in der Hand und sah jeden, der an ihm vorüberging, bittend an; aber niemand achtete auf ihn. Da seufzte der alte Mann tief, und Tränen rannen ihm in den weißen Bart. Liesel sah das und fragte mitleidig: »Fehlt dir etwas, alter Mann?«
»Ich habe Hunger, Kind,« sagte der traurig, »und ich bin so arm, daß ich mir nichts zu essen kaufen kann.«
Nur ein Weilchen überlegte Liese; dann holte sie rasch ihren goldenen Groschen hervor und legte ihn in den Hut des Mannes, und dann lief sie, so schnell sie konnte, davon, noch ehe der überraschte Alte ihr hatte danken können. Am Karussell standen wieder die bösen Buben; Liesel traute sich nicht heran; und so rannte sie denn ohne Peterle nach Hause.
Es hatte auch wirklich niemand ihre Abwesenheit bemerkt, aber die Kleine konnte nicht so vergnügt wie sonst spielen; immer mußte sie an ihr heimliches Fortlaufen denken. Nicht wie sonst konnte sie Vater und Mutter erzählen, was sie am Nachmittag getan hatte, und der Eierkuchen, den es zum Abendbrot gab, schmeckte lange nicht so gut wie sonst. Als sie dann in ihrem weichen, weißen Bettchen lag, kam die Mutter zu ihr. Sanft strich sie der Kleinen über die Wangen und sagte: »Fehlt meinem Herzenskind etwas?«
Da stürzten heiße Tränen aus Liesels Augen, und schluchzend beichtete sie der guten Mutter ihre Schuld; auch von dem goldenen Groschen und dem armen, alten Manne erzählte sie.
Ernst hörte die Mutter zu; dann nahm sie ihr kleines Mädel zärtlich in ihre Arme und sagte: »Daß du dem armen Manne Geld gabst, freut mich, und weil es dir leid tut, daß du ungehorsam warst, will ich dir verzeihen. Nun laß uns zusammen beten, mein Liebling.«
Da faltete Liesel ihre Händchen, sprach ihr Abendgebet und schlief dann ruhig und friedlich ein, froh, daß sie ihre Schuld der Mutter gestanden hatte.
Am nächsten Morgen, als Liesel gerade ihre Milch trank, kam die Köchin aufgeregt in das Zimmer und schrie: »Ein Polizist ist da, hu! ich graule mich, und er sagt, er will unsere Liesel holen!«
Die Kleine schrie laut auf vor Schreck und wutsch! kroch sie, so schnell sie konnte, unter den Tisch. Sie riß in der Eile das Tischtuch mit herab, und klirrend und krachend fielen Milchtasse, Zuckerdose und Brotkorb und was sonst noch auf dem Tische stand, auf die Erde; hätte die Erde ein Loch gehabt, gewiß wäre das Liesel mit Vergnügen hinein gekrochen. Plötzlich bekam Liesel recht seltsame Gesellschaft unter dem Tisch: ein kleines, braunes Äffchen saß auf einmal neben ihr und griff sehr vergnügt nach einem Butterhörnchen, das es zu fressen begann.
»Liesel, Kind, komm doch hervor!« rief die Mutter und zog ihr weinendes Töchterchen aus seinem Versteck heraus, während das Äffchen von einem alten Manne gepackt wurde, der kein anderer war als der Bettler vom Jahrmarktsplatz. Und da stand auch wirklich ein Schutzmann mitten im Zimmer, und Liesel verkroch sich angstvoll hinter der Mutter Kleid.
»Da ist die Kleine, die mir das Goldstück gegeben hat,« sagte der alte Mann; »ich habe es wirklich nicht gestohlen.«
Nun klärte sich die ganze Sache auf. Am vergangenen Nachmittag war auf dem Jahrmarktplatz gestohlen worden, und als Hartmann, so hieß der Alte, sein Goldstück in einem Wirtshaus am Platz wechseln wollte, hatte man ihn als Dieb festgenommen. Man wußte, daß er ganz arm war, dazu hatte er lange neben der Bude, in der gestohlen worden war, gestanden; so hielt man den armen Alten für den Dieb. Es war gut, daß eine Frau Liesel erkannt und auch gesehen hatte, wie sie ein Geldstück in den Hut warf, sonst hätte Hartmann vielleicht noch lange unter dem bösen Verdacht gestanden. Die Eltern und Liesel versicherten dem Schutzmann, daß das Goldstück wirklich ein Geschenk sei. »Na,« meinte der Schutzmann zufrieden, »dann leben Sie nur wohl; nun kann ich ja gehen, da alles in Ordnung ist.« Er ging; der alte Hartmann aber mußte noch bleiben. Die Mutter holte ein gutes Frühstück herbei, und während er aß, erzählte er von seinem Leben. Durch schwere Krankheit war er in Not geraten, und da er nicht mehr ordentlich arbeiten konnte, zog er als Leierkastenmann umher, um sich sein Brot zu verdienen. Vor einigen Wochen war ihm sein Leierkasten kaput gegangen, und er besaß kein Geld, um sich einen neuen zu kaufen; seitdem ging es ihm sehr schlecht. Manchen Abend habe er hungrig zu Bett gehen müssen, er und sein Äffchen Jolly, sein treuer, kleiner Freund.
Liesel hatte still zugehört; wie traurig das alles klang! Plötzlich sprang sie auf, lief auf die Mutter zu und flüsterte bittend: »Muttchen, ich habe doch noch zwei goldene Groschen in meiner Sparbüchse; darf ich die dem armen alten Mann geben?«
Ja, das durfte Liesel, und der Alte rief dankbar: »Ach, nun kann ich mir einen neuen Leierkasten kaufen; dann hat alle Not ein Ende! Gleich heute kann ich noch auf dem Jahrmarkt spielen.«
»Ich geh aber nie mehr allein hin,« rief Liesel und schmiegte sich an die Mutter an.
»Nein, tu das lieber nicht,« sagte Hartmann. »Diesmal ist es gut ausgegangen; aber manchmal kommt aus Heimlichkeiten auch etwas Schlimmes heraus. Übermorgen will ich zu dir kommen und dir etwas vorspielen; soll ich?«
»Ach ja, und Jolly kommt auch mit, und dann tanzt er,« rief Liesel vergnügt; »aber wo ist denn Jolly?«
Der saß gemütlich unter dem Tisch und fraß Zucker, denn die Zuckerbüchse war auf die Erde gefallen, als Liesel sich so schnell unter den Tisch geflüchtet hatte. Sein Herr holte ihn wieder hervor; dann nahmen beide Abschied, und Liesel durfte sie noch bis zur Tür begleiten.
Eilig lief die Kleine nachher in den Garten, um Peterle alles zu erzählen. Der saß unter einem dicken Fliederbusch am Gartenzaun und sah verweint und verdrossen aus. Erst brummte er und wollte nicht antworten, als Liesel nach seinen Erlebnissen fragte; dann aber erzählte er niedergeschlagen, wie es ihm ergangen war. Er war dreimal hintereinander Karussell gefahren; so oft durfte er für seinen Groschen. Da war es ihm auf einmal ganz schwindelig geworden und plumps war er von seinem braunen Pferd heruntergefallen. Er hatte sich die Hosen zerrissen, ein Knie und die Nase blutig geschlagen; daheim hatte er noch Schelte bekommen, und heute durfte er nicht mit Mutter und Geschwistern auf den Jahrmarkt gehen.
»Du bist dran schuld!« schrie er wütend seine kleine Gefährtin an; »warum bist du nicht mit auf dem Karussell gefahren und warum bist du überhaupt mit deinem goldenen Groschen weggelaufen; nicht einmal Schmalzkuchen habe ich essen können!«
Als Liesel ihm von dem armen, alten Hartmann erzählte, schämte sich Peter freilich. Das wollte er aber nicht zeigen, darum brummte er ärgerlich: »Ach was, das war dumm, daß du dein Goldstück verschenkt hast. Überhaupt der ganze Jahrmarkt ist dumm; ich mag gar nicht mehr hingehen, alles ist dumm![**«::SILENT] Schwapps lief er weg, und Liesel sah ihm traurig nach; ach, so böse war das Peterle noch nie gewesen!
Am Nachmittag saß der Peter, der gar nicht auf den Jahrmarkt gehen wollte, bitterlich weinend im Garten, weil die Mutter ihn wirklich nicht mitgenommen hatte.
Aber das Peterle war doch nicht so böse, wie es den Anschein hatte. Abends bat der Bube seine Eltern um Verzeihung, und als am übernächsten Tag der alte Hartmann kam und seiner Freundin Liesel lustige Stücklein auf dem neuen Leierkasten vorspielte, kam auch Peterle herbei. Seine Mutter hatte ihm auf seine Bitte Geld aus seiner Sparbüchse gegeben; das brachte er und legte es in Jollys rotes Hütchen.
»Peter!« rief Liesel erfreut und lief auf den Freund zu, »bist du nun wieder gut?«
Lachend faßte Peter ihre Hände, und fröhlich drehten sich beide im Kreise herum; Jolly machte lustige Sprünge, und der alte Leiermann spielte dazu: dideldideldei, dideldideldumdum.
In der fröhlichen Einkehr.
Ein bißchen launenhaft ist der Frühling aber doch. Einmal läßt er sich wer weiß wie sehr bitten, ehe er erscheint, das andere Jahr wieder kann er nicht schnell genug mit allen Blüten herauskommen. So ging es in diesem ersten Frühling, den die Geschwister Fröhlich in Neustadt verlebten. Kaum war Ostern vorbei, da ging auch schon das rechte Blühen an. Nicht lange dauerte es, da standen alle Obstbäume im weißen oder rosenroten Frühlingskleide da; auf den Beeten blühte es, auf den Wiesen, die Büsche bekamen dicke, dicke Knospen, und eines Tages zündeten die Kastanien ihre weißen Kerzen an, und die ersten Fliedertrauben blühten auf.
Und es war noch nicht einmal Pfingsten. Im Garten des St. Gertrudenspitals war auch an einer besonders warmen, sonnigen Stelle der erste Flieder erblüht, und unter diesem Busch saß die kleine Jantge an einem wunderlieblichen Maitag und weinte herzbrechend. Ihre Zeit im Gertudenspital war nämlich abgelaufen; die Urgroßmutter konnte die Kleine nicht länger bei sich behalten, denn das Gertrudenstift war für alte Frauen, nicht für kleine Mädchen. Der Herr Bürgermeister sagte, es sei ungesetzlich, daß Jantge noch länger bliebe, denn was der einen recht sei, sei der andern billig; schon hätten zwei Frauen darum gebeten, auch ihre Enkelkinder zu sich nehmen zu dürfen. Jantge sollte wieder in ihre eigentliche Heimat zurückgeschickt werden, dort mußte die Stadt für die Kleine sorgen. Die Zukunft lag also wie ein graues Nebelland vor ihr, nur acht Tage noch, dann sollte sie wieder zurückreisen, sollte Neustadt verlassen.
Mitten hinein in ihre traurigen Gedanken sagte auf einmal ein liebes Stimmchen: »Jantge, warum weinst du denn?«
Brigittchen war es, die die Freundin holen kam und nun betroffen deren Tränen sah. »Wir wollen spazieren gehen, alle miteinander, Herr Doktor Fröhlich und Tante Helene haben uns eingeladen,« sagte sie, »aber wenn du weinst, Jantge -- dann freue ich mich auch nicht.« Schon tropften dem weichherzigen Brigittchen auch ein paar Tränlein aus den Veilchenaugen.
Zur rechten Zeit kam Anne-Marte und, wie meist, stand ein Lächeln auf ihrem Gesichtchen. Als sie Jantges Tränen sah, tröstete sie: »Weine nicht, Jantge, acht Tage sind ja noch schrecklich lang; inzwischen -- ach vielleicht finden wir bis dahin den Schatz!«
Die Erinnerung an die lustige Geschichte vertrieb wirklich die Tränen, wie der Frühlingswind die Wolken verjagt, und wenige Minuten später trabte Jantge ganz lustig mit den Gefährtinnen dem alten Stadtturm zu; dort warteten die Geschwister Fröhlich und die drei Buben auf sie. Und unter Lachen und Scherzen ging es ins Freie, dem Walde zu. Am Waldrand, etwa anderthalb Stunden von Neustadt entfernt, lag in der Nähe eines stattlichen Bauerndorfes eine Sommerwirtschaft, »Zur fröhlichen Einkehr« genannt. Das Haus war ursprünglich ein alter Adelshof gewesen, doch die Familie, die den Hof besessen hatte, starb aus, und so gegen Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wurde der Hof in ein Wirtshaus verwandelt. Viel war im Lauf der Zeiten an dem Haus nicht verändert worden, und seine dicken Mauern schienen auch noch manchem Sturm trotzen zu können. Die Neustädter gingen gern in die »Fröhliche Einkehr«. An warmen Sommertagen saßen in dem von uralten Linden überschatteten Garten immer viele Gäste; man trank dort Kaffee, aß Kuchen oder Schwarzbrot mit Butter und Honig, und das Scheiden wurde den Gästen meist schwer.
Die Kinder kannten das Wirtshaus alle, nur Jantge noch nicht, und unterwegs erzählte ihr Brigittchen, wie schön es dort sei. »Jetzt im Frühling muß es besonders schön sein,« sagte Fräulein Helene, »ich habe es nur im Winter gesehen, und da war es eigentlich ein trauriges Haus; die beiden Kinder der Wirtsleute lagen schwerkrank, hoffentlich sind sie gesund geworden!«
»Wer hat dich, du schöner Wald,« sangen jetzt die Buben mit heller Stimme, die am Anfang des Zuges marschierten und zuerst den Wald betraten.
Hurra, da war der Wald! Wie schön sah er im Frühlingsschmuck aus; lichtgrüner Buchenwald drängte sich zwischen dunklen Tannenwald. An manchen Stellen liefen die Buchen wie vorwitzige Kinder in den Tannenwald hinein, und da und dort standen auch Eichen. Die hatten erst winzige, rotgoldene Blättchen, ja, wunderlich genug sah es aus, mitunter hielten sie noch zähe die Reste ihres vorjährigen Laubes fest.
»Wir wollen Maiblumen suchen,« baten die Mädels, aber Doktor Fröhlich sagte: »Spart das lieber für den Heimweg auf, wir bringen sonst alle Blumen verwelkt nach Hause!«
»Mädels müssen doch immer Blumen suchen,« brummte Wendelin etwas verächtlich.
»Warum auch nicht!« sagte Fräulein Helene lachend. »Übrigens sind Maiblumen meine Lieblingsblumen, nur schade, daß sie giftig sind!«
»Giftig?« rief Brigittchen ganz erstaunt.
»Ja,« erwiderte Doktor Fröhlich, »das stimmt. Die Wurzeln sind giftig, aber eine hübsche Blume ist sie darum doch, man braucht sie ja nicht zu essen. Der Sage nach war die Maiblume der Göttin Ostara geweiht, und bei den Maifesten unserer Vorfahren war die Maiblume der beliebteste Schmuck.«
Den Mädels zuckte es ordentlich in den Händen, sie hätten gar zu gern mit Pflücken begonnen, denn an manchen Stellen standen die Maiblumen ganz dicht, und süß stieg ihr Duft zu den Wandernden auf. Überhaupt gab es viel zu sehen und zu hören im Walde. Ein sanftes Rauschen und Raunen ging durch die Wipfel der Bäume, und es zwitscherte und sang laut und leise, das Pochen des Spechtes ertönte, und plötzlich ließ auch der Kuckuck seine Stimme hören. Mal hier, mal dort, aber vergebens suchten ihn die Kinder, er war nirgends zu sehen.
»Wie viele Tage bleibe ich noch hier?« fragte Jantge, als der Kuckuck ein Weilchen geschwiegen hatte. Da begann er zu schreien; er rief und rief ohne aufzuhören; erst zählten die Kinder, aber dann rief es von da und dort, von überall her »Kuckuck, Kuckuck«, und Brigittchen flüsterte geheimnisvoll: »Jantge bleibt immer hier!«
Es schien wirklich so zu sein, denn der Kuckuck rief noch, als die Wanderer schon die grauen Mauern und das rote Dach der »Fröhlichen Einkehr« durch die Bäume schimmern sahen.
Auf einmal spürten es alle, daß sie hungrig und durstig waren, und selten kamen wohl Gäste mit einem solchen Jubelgeschrei in einem Gasthaus an. Im Garten war Platz in Hülle und Fülle, es saß nämlich niemand drin, und die Kinder konnten zu ihrer Lust alle Tische durchprobieren; ein Platz erschien ihnen immer verlockender als der andere.
Aus dem Hause kam eine blasse Frau; sie trug ein schwarzes Kleid und sah gar nicht frühlingslustig aus. Still nahm sie die Bestellung entgegen, und traurig glitten ihre Blicke über die heitere Kinderschar hin. »Es ist die Wirtin,« sagte Helene Fröhlich halblaut zu ihrem Bruder, »ihr scheint ein Kind gestorben zu sein damals -- oder beide!«
Die Geschwister schwiegen und dachten an die traurige Frau; die Kinder hatten gar nicht auf das Gespräch gehört, die tollten lachend durch den Garten. Nur Jantge saß still am Tisch, und sie dachte auch mitleidig an die Frau, der wohl ein Kind gestorben war.
Ein Viertelstündchen könnte es dauern, bis der Kaffee fertig sei, hatte die Wirtin gesagt, und die Kinder meinten, sie wollten unterdes die Schaukel versuchen und sich den Hof mit den Ställen ansehen. Sie versprachen brav zu sein, und so durften sie gehen, während die Geschwister unter der Linde sitzen blieben. Die Kinder liefen hierhin und dorthin, die einen wollten dies sehen, die andern das. »Komm mit,« rief Brigittchen Jantge zu, und Wendelin schrie: »Ich zeig' dir den Ziegenstall!«
Jantge überlegte ein Weilchen, und dann stand sie mit einem Male allein da. Sie ging zum Garten hinaus, aber statt auf den Hof, kam sie an den Waldrand, an dem sie einige Schritte entlang ging. Da blieb sie plötzlich lauschend stehen: »Was mochte das für ein Vogel sein, der so hübsch pfiff?«
Leise ging sie weiter, da sah sie unter einer großen Buche einen Knaben sitzen, der auf einer Flöte aus Rohr blies; es klang fein und melodisch wie Vogelsang. Jantge lauschte andächtig; das war hübsch, der pfeifende Knabe hier in dem schönen Walde. Wie gut es der hatte. Ihr fiel wieder ihr Kummer ein, den sie bei dem fröhlichen Wandern fast vergessen hatte. Sie dachte daran, daß sie bald von Neustadt fort müßte, und geschwind kamen ihr die Tränlein wieder, die Brigittchens sanftes Zureden und Anne-Martes Lachen getrocknet hatten.
Erschrocken hielt der Knabe in seinem Blasen inne, wer weinte denn da? Verwundert sah er auf das kleine, blonde Mädchen mit dem seltsamen, weißen Häubchen, das wie aus der Erde gewachsen neben ihm stand und weinte.
»Wer bist du, und warum weinst du denn?« fragte er.
Leise weinend gab Jantge Antwort.
Der Bube hätte das fremde Kind gern getröstet, aber er war ein scheuer, kleiner Bursch, ihm fiel nichts ein, was er sagen konnte, und unwillkürlich nahm er seine Flöte und blies darauf, so schön er es konnte.
Wirklich versiegten auch Jantges Tränen, sie setzte sich neben den Buben und lauschte andächtig dem Spiel; lange, lange hätte sie so sitzen mögen.