Kleinstadtkinder: Buben und Mädelgeschichten
Part 7
Und mit weißen Armen sacht, Will dein Kindlein ich umhüllen. Komm, mit meiner weißen Pracht, Will ich seine Schmerzen stillen.
Walle, walle, Schleier weiß, Flocke, Flocke, falle du, Hüllt die Erd' in Schnee und Eis, Alles Leben decket zu!«
Von dem Gesang aber erwachte der kranke Knabe, der auf den Armen seiner Mutter eingeschlafen war; er schlug die Augen auf und sah die schimmernde Gestalt der Schneekönigin. »Ei, Mutter,« rief er, »sieh doch dort die wunderschöne Prinzessin mit der Krone! Mutter, sie winkt mir, ich will zu ihr, sie hat gewiß ein schönes Schloß!«
Der Kranke versuchte, aus den Armen der Mutter herabzugleiten, doch verzweifelt hielt die ihn fest und rasch riß sie sich ihr Tuch vom Kopf und verhüllte damit das Gesicht des Kindes. Aber eine der weißen Gestalten blies das Tuch fort und nun jubelte der Kleine: »Mutter, Mutter, die Prinzessin ist wieder da, ich will zu ihr, ach bitte, bitte, laß mich doch los!«
Da, in dieser höchsten Not, kamen der armen Witwe die Tränen, die seit Wochen versiegt waren. Ein paar heiße, schwere Tropfen rannen aus ihren Augen, sie fielen gerade auf die Hände der Schneekönigin, die eben nach dem Knaben greifen wollte.
Mit einem lauten, gellenden Schrei wich die Schneekönigin zurück. Menschentränen brannten sie wie Feuer und jäh verstummte auch der Gesang ihrer weißen Dienerinnen.
Die Mutter ergriff wieder fester ihr Kind, sie nahm alle ihre Kraft zusammen und versuchte den Ausgang des Waldes zu gewinnen. Fern, fern sah sie ein Lichtlein schimmern, ach! gewiß wohnte dort der berühmte Arzt.
Aber nun begann es wieder zu schneien, still, lautlos, immer dichter fiel der Schnee, und so viele Mühe sich der Mond auch gab, sein Licht erhellte immer schwächer die Dunkelheit. Die arme Witwe sah das weiße Verderben wachsen, sie kam kaum noch vorwärts, schon sank sie bis über die Kniee in den Schnee ein, und nun fing ihr Kind auch noch jämmerlich an, vor Schmerzen zu weinen.
Verzweifelt schluchzte die Mutter auf, und wieder rannen ihr ein paar Tränen aus den Augen, es waren die allerletzten, die sie besaß. Die fielen auf den Schnee nieder und plötzlich schmolz dieser darunter, wie unter dem Kuß der Frühlingssonne. Leichter konnte die Frau schreiten, und sie nahm noch einmal ihre Kraft zusammen und erreichte glücklich den Ausgang des Waldes. Dort aber brach sie ohnmächtig zusammen. --
Als sie wieder erwachte, befand sie sich in einem hellen, behaglichen Stübchen. In einer Ecke prasselte und glühte ein kleines Öfchen, und ein Kater lag davor und schnurrte, als müßte er Leinwand zu zwölf Hemden spinnen. Und wie bei der weisen Frau jenseits des Waldes, blühten auch hier bunte Blumen trotz der Winterkälte, und allerlei bunte, fremdländische Vögel hüpften und piepsten im Zimmer herum.
Vor einem schneeweißen Bettchen, das an der einen Seite der Stube stand, saß ein alter Mann, in dem Bett aber lag ihr Kind, das schlief fest und es hatte blühende Wangen und sah so frisch und gesund aus wie ein Äpfelchen.
»Mein Kind lebt,« jubelte die Mutter, »Gott sei gedankt, es wird gesund!«
»Ja, freilich wird es gesund,« sagte der alte Mann, der der berühmte Arzt war, »und weißt du, was das Heilmittel war, das ihm geholfen hat?«
»Wie soll ich das wissen,« sagte die arme Witwe, »ich bin doch nicht weise und gelehrt!«
Der Arzt lächelte: »Und du hast doch das Mittel selbst angewandt: Mutterliebe und Muttertränen haben dein Kind gesund gemacht!«
In diesem Augenblick schlug der Kleine seine Augen auf. Als er seine Mutter sah, streckte er jauchzend seine Ärmchen nach ihr aus: »Mutter!« rief er, »ich habe von einer wunderschönen Königin geträumt, das war fein! Ach, und so schön hat sie gesungen! Hör' das Lied, ich kann es noch.« Er sang mit feinem Stimmchen das Lied, und der Arzt sagte: »Dein Sohn, Frau, wird einst sehr berühmt werden; wenn einer das Lied der Schneekönigin behält, dann wird er viel Ruhm und Glück im Leben gewinnen.«
»Möge er gut werden, das ist die Hauptsache,« sagte die Mutter innig.
Bis der Frühling kam, blieb die Witwe im Hause des Arztes, dann kehrte sie mit ihrem gesunden Kind in die Heimat zurück. Diesmal war es wundervoll durch den Wald zu gehen, den die Schneekönigin längst, grollend über des Frühlings Sieg, verlassen hatte.
Und aus dem kleinen Jungen der armen Witwe wurde später ein hochberühmter Künstler. Wohin er auch mit seiner Geige kam und spielte, überall jubelten ihm die Menschen entgegen; das schönste Lied aber, das er spielte, war das Lied, das ihm einst die Schneekönigin mit ihren weißen Fräuleins vorgesungen hatte.
Seiner Mutter, die er liebte, wie nur ein guter Sohn seine Mutter lieben kann, baute er ein schönes Haus, das in einem wundervollen Garten lag. Er selbst heiratete dann eine Gräfin und alle zusammen lebten in dem schönen Haus glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch. --
»Aus ist die Geschichte,« sagte Fräulein Helene mit ihrer lieben, warmen Stimme. Sie nahm Brigittchen auf den Arm und sah der Kleinen in die Veilchenaugen, die auf einmal so traurig aussahen. »Was fehlt dir, mein Liebling?«
»Wenn ich doch eine Mutter hätte,« flüsterte die Kleine betrübt. Niemand hörte das, denn die anderen Kinder beredeten die Geschichte laut und ausführlich, nur Jantge sah still drein und Fräulein Helene sagte: »Sei dankbar, Brigittchen, für das, was du hast; sieh, Jantge hat nicht einmal einen Vater.«
Da wurde Brigittchen still, nachher ging sie zu Jantge hin und war so liebevoll zu der kleinen Freundin, daß Severin beinahe eifersüchtig wurde, und er gab sich erst zufrieden, als er beim Heimweg zwischen Jantge und Brigittchen gehen durfte.
»Es war doch fein, daß uns Fräulein Helene eingeladen hat,« sagten die Kinder, als sie heimgingen.
»Das Schönste war doch die Geschichte,« rief Brigittchen.
Die andern stimmten ihr zu, nur Severin war sich noch nicht klar, ob die Schokolade, das Spielen oder die Geschichte am schönsten gewesen sei, und am liebsten hätte er sich zu morgen gleich wieder einladen lassen, um darüber zu entscheiden.
Aber das gab es nicht, dafür aber gab es Tauwetter und der Schnee lief so geschwind vor der Sonne von dannen, daß sämtliche Schneemänner im Städtchen umpurzelten. Und von den Dächern rannte der Schnee herunter, eins, zwei, drei, klatsch, da lag er unten auf der Straße, wurde schmutzig, wurde zu Wasser, und weg war er. Auf den Dächern aber saßen die Vögel und zwitscherten und piepten und wenn einer ganz genau hinhörte, dann verstand er, was die Vögel riefen, nichts anderes als: »Es wird Frühling, es wird Frühling!«
Osterwasser.
Er kam nun wirklich immer näher der Frühling! Der Winter raffte seinen weißen, schon ein bißchen zerfetzten Mantel zusammen und zog brummelnd davon. Manchmal drehte er sich noch herum und warf den Menschen, deren Jauchzen ihm nachtönte, ärgerlich eine Handvoll Schnee auf die Köpfe. Aber das schadete nicht mehr viel, man merkte es doch an allen Ecken und Enden, daß der Frühling kommen wollte. --
Doktor Fröhlich und seine Schwester merkten es auch, wenn sie in ihrem Garten spazieren gingen. Da schaute ein grünes Spitzchen heraus und da eins, die Krokusse waren draußen, ehe man sich's versah, wie kleine Soldaten standen sie in ihren blauen, gelben und weißen Röcklein auf der braunen Erde. Und die Schneeglöckchen kamen, die Leberblümchen, auch die Hyazinthen steckten ihre dicken Köpfe hervor. Der Garten war der Wunder voll. Jeden Tag entdeckten die Geschwister etwas Neues, Schönes, und Brigittchen, die täglich den Weg ins Nachbarhaus fand, jauchzte mit über all die köstlichen Frühlingswunder.
Die beiden Geschwister dachten und sprachen von ihrem einsamen Leben in den Weltstädten, dort war der Frühling gekommen und vergangen und sie hatten ihn kaum recht gespürt, aber hier in dem kleinen Städtchen gab es so viel Frühlingsahnen und so viele Frühlingsfreude, daß jeder Tag wie im Feierkleid dahinging.
Brigittchen sang kleine, fröhliche Frühlingslieder, der Doktor grub im Garten die Beete um, und manchmal kam auch Herr Schön mit hinüber ins Nachbarhaus, und Fräulein Helene zeigte ihm alle Blumen und die Knospen an den Bäumen und Sträuchern.
Die Kinder aber sagten zu einander: »Nun fangen bald die Osterferien an!«
Manch ein Bube und manch ein Mädelchen sagte dies freilich recht bedrückt, das waren die, die ans Sitzenbleiben und an schlechte Zensuren dachten. Zu denen gehörten aber die fünf Schatzgräber nicht, selbst Wendelin und Severin, die sich gerade nicht immer durch besonderen Fleiß auszeichneten, hatten in den letzten Wochen noch mit beinahe unheimlichem Eifer gearbeitet und hatten so die Klippe des Sitzenbleibens kühn umschifft. So redeten sie denn auch sehr stolz und sicher von den Osterferien und von Feiertagslust, als sie mit den drei Mädels und Jörgel in Meister Hippels Turmstübchen saßen, es war kurz vor Ostern, ein Tag vor Schulschluß.
Klaus Hippel erzählte den Kindern allerlei, und dabei sagte er auch: »Ich hab's zwar noch nie gesehen, aber möglich ist's schon, daß die Sonne am Ostermorgen einen Hopps macht und ein Weilchen tanzt!«
Die Kinder lachten, nur Brigittchen schaute ernsthaft mit großen, verträumten Märchenaugen drein, ihr schien es gar nicht unmöglich, daß die Sonne tanzen könnte.
»So ein Unsinn!« rief Jörgel.
»So, Unsinn? Herr Naseweis und Grünschnabel!« schrie der kleine Pantoffelmacher geärgert. »Dann glaubst du auch wohl nicht, daß Osterwasser eine besondere Kraft hat?«
»Ich weiß nicht,« murmelte Jörgel etwas verlegen, er wußte nämlich gar nichts vom Osterwasser.
»Was ist denn Osterwasser, wo gibt es denn das?« fragte seine Schwester Anne-Marte, der schon wieder das Kichern in den Wangengrübchen saß.
Meister Hippel guckte über seine Brille weg die Kinder forschend an, er machte ein Gesicht, daß niemand wußte, ob er ernst oder spaßhaft gesinnt war. »Na, paßt auf,« sagte er, »Osterwasser nennt man Wasser, das Kinder, Jünglinge oder Jungfrauen am Ostermorgen gerade vor Sonnenaufgang aus einer Quelle schöpfen. Es ist aber nicht so einfach, Osterwasser zu holen, man darf kein Wort dabei sprechen, überhaupt nicht lachen, nicht weinen, schweigend muß man das Wasser holen und auf dem Heimweg darf man beileibe keinen einzigen Tropfen vergießen, auch darf die Sonne nicht in den Krug scheinen, und vorher darf es niemand wissen, der nicht mitgeht.«
»Das ist aber schwer,« flüsterte Jantge mit einem kleinen Seufzer.
»Na, freilich ist's schwer,« brummte der Meister, »für nichts ist nichts. Das Osterwasser hat aber auch seine besondere Kraft. Es macht den Menschen schön, verleiht ihm Gesundheit und Reichtum. Ja, guckt mich nur an, ich bin auch mal Osterwasser holen gegangen, und es hätte sicher viel Glück gebracht. Ich habe auch kein Wort dabei gesprochen und es vorher niemand gesagt und meinen vollen Krug sorgsam nach Hause getragen, und wie ich die Treppe hinaufgehen will, kommt mir Muxel, unser schwarzer Kater entgegengelaufen, ich stolpere, falle, und weg war mein Osterwasser. Das nächste Jahr war ich krank, dann habe ich es verschlafen, dann habe ich geheiratet, und so bin ich nie zu Osterwasser gekommen!«
»Wie schade!« rief Brigittchen mitleidig.
Jörgel lachte, er glaubte nicht recht an das Osterwasser, aber Wendelin und Severin warfen sich verständnisvolle Blicke zu, sie glaubten fest daran, denn Heine, der kluge Heine, hatte auch davon erzählt.
Nachher auf dem Heimweg sagte Wendelin auf einmal: »Wir könnten doch alle miteinander Osterwasser holen gehen, es wäre doch fein!«
»Ach ja,« riefen die drei Mädels wie aus einem Munde.
Jörgel machte ein bedenkliches Gesicht: »Es geht uns vielleicht wie mit dem Schatz und nachher werden wir ausgelacht! Lieber nicht!«
»Sei doch nicht so eingebildet!« rief Severin. Es war dies allerdings ein höchst ungerechter Vorwurf, aber weil Jörgel Ostern schon nach Quinta kam, und die Bäckerbuben, die freilich ziemlich in gleichem Alter mit ihm waren, noch in der letzten Vorschulklasse saßen, glaubten sie mitunter, Jörgels Zweifel an Meister Hippels und Heines Erzählungen sei nur Einbildung.
»Sei doch kein Spielverderber,« sagte nun auch Anne-Marte, »es ist doch anders wie beim Schatzgraben, wir brauchen ja nicht im Dunkeln zu gehen?«
»Wir wollen doch gehen,« flüsterte Jantge. Sie dachte bei sich, vielleicht hilft das Osterwasser der Urgroßmutter, und darum wollte sie gehen.
Auch Brigittchen bat: »Wir wollen doch gehen!« Die kleine Träumerin lockte das Geheimnisvolle, Märchenhafte, sie gedachte irgend etwas Wundervolles zu sehen und zu hören, vielleicht tanzte die Sonne auch wirklich.
»Na, meinetwegen,« brummte Jörgel. Im Grunde ging auch er gern, denn wer konnte es wissen, das Osterwasser hatte doch vielleicht eine besondere Kraft.
»Hoffentlich ist schönes Wetter!« sagte Anne-Marte.
»Ja, und wir dürfen es niemand vorher sagen, daß wir gehen, Mädels,« rief Wendelin. Er sah die Freundinnen drohend an, und Brigittchen fiel das Verbot schwer auf ihr Herzchen, nun durfte sie den Plan auch Tante Helene nicht verraten, und dies erschien ihr unendlich schwer.
Schnippisch erwiderte Anne-Marte: »Tu dich nur nicht so, Wendelin, du hast es neulich Jantge geklatscht, daß ich eine Strafarbeit hatte, wer konnte denn da seinen Mund nicht halten? Seid ihr nur still, wir werden schon nichts verraten, nicht wahr Brigittchen und Jantge?«
Die beiden gelobten eifrig Schweigen, Wendelin verzog trotzig den Mund, er wagte aber nichts weiter zu sagen, denn gegen Anne-Marte kam er so leicht nicht auf, die konnte auf ein Wort vier erwidern.
Die Tage vergingen. Die Ferien kamen, es gab Zensuren und manch ein Bube ging an diesem Tag mit gesenktem Kopf einher und manches Mädel hatte verweinte Augen. Dann kam Palmsonntag, an dem die Konfirmanden mit lieblichem Ernst auf den jungen Gesichtern durch die Straßen gingen, und es den Kleinen, die die großen Geschwister so sahen, auch feierlich und fromm zu Mute wurde. Am Gründonnerstag suchten die fünf Schatzgräber, Jantge und noch einige Freunde und Freundinnen, bei den Geschwistern Fröhlich im Garten Eier. Zwischen den Blumen, in den Sträuchern, in kunstvoll aus Zweigen zusammengefügten Nestern, in den Winkeln des kleinen Gartenhauses, überall lagen die bunten Eier. Aber wären sie noch so versteckt gewesen, die Kinder hätten sie doch gefunden, die Lust war groß und Lachen und Rufen zog wie ein Frühlingslied durch den Garten.
Dann kam der Karfreitag, und das Städtchen lag in Stille und Schweigen, um am Ostersonnabend wieder zu neuem Leben zu erwachen. Da lag heller Sonnenschein über der Stadt, und alle Hausfrauen gingen auf den Markt, der auch bunt und frühlingsfrisch aussah. Die Kinder liefen mit auf den Markt, und sie taten so wichtig, als müßten sie an diesem Tag die ganze Wirtschaft daheim bestellen. In der Marienstraße und in der Langgasse, die nach dem Markte führte, war so viel Leben, daß die Bauersleute, die mit Waren zum Markt gekommen waren, nicht weiter konnten und über den Wirrwarr schalten. Aus den Häusern heraus strömte der Duft von frischgebackenen Kuchen, denn in Neustadt hielten die Hausfrauen noch fest an der alten Sitte, selbst Kuchen zu backen zu den Festzeiten.
Und wer es konnte, der trug einen Strauß Kätzchen oder Blumen in sein Haus und schmückte damit seine Stübchen. Brigittchen bekam von ihrem Vater die Erlaubnis, den Garten ein wenig zu plündern, und sie rannte am Nachmittag mit Anne-Marte in das Gertrudenspital, um Jantge die Blumen zu bringen. Da bekam jede der alten Frauen ein Zweiglein, Jantge verteilte liebevoll ihre Schätze, und es standen an jedem Fenster des Spittels zum Osterfest Blumen. So verging der Sonnabend unter Arbeit und fröhlicher Unruhe, und manch einer legte sich am Abend zufrieden mit dem Gedanken zu Bett: »Ach, morgen ist Feiertag!«
Der Ostersonntag dämmerte herauf. Der klare, fast wolkenlose Himmel verhieß einen schönen Tag. Noch lagen die Neustädter alle in tiefem Schlummer, als sich sacht die Tür des Doktorhauses öffnete und Anne-Marte vorsichtig ihr Näschen herausstreckte. Sie winkte still und geheimnisvoll dem nachfolgenden Bruder zu und deutete auf die andere Seite des Platzes; von dorther kamen auf den Fußspitzen, weil der laute Schall ihrer Schritte sie selbst erschreckt hatte, Wendelin und Severin. Sie grüßten stumm und ernsthaft die Freunde und alle schauten auf das Schön'sche Haus. Kam Brigittchen noch nicht?
Ein Weilchen später kam auch die Kleine heraus, auch ihr Gruß bestand nur in einem stummen Nicken. Jedes der Kinder trug einen Krug in der Hand, Anne-Marte hatte einen alten Milchtopf genommen und Severin eine Kaffeekanne, die Deckel und Schnauze verloren hatte.
In tiefem Schweigen gingen die Kinder durch die Gäßlein. Anne-Marte hatte ein großes, dickes Malzbonbon im Munde, das war ihr von Jörgel fürsorglich als gutes Mittel gegen unzeitiges Kichern empfohlen worden. Aber die feierliche Stille des Festmorgens dämpfte Anne-Martes Lachlust, ihr war es so geheimnisvoll, fast märchenhaft zu Mut, daß das Malzbonbon eigentlich überflüssig war.
Dicht am Gertrudenspital kam Jantge den Gefährten entgegen, sie trug einen bunten Tonkrug in der Hand und in ihren Blauaugen stand eine große Erwartung.
Am Wachtturm vorbei ging es zur Stadt hinaus. Klaus Hippel und Frau Paulinchen schliefen noch und ahnten nicht, daß ihre kleinen Freunde ihnen so nahe waren.
Etwa eine Viertelstunde von der Stadt entfernt lag am Rande des Waldes eine steinumfaßte Quelle, sie hieß die Bonifaziusquelle, weil die Sage ging, der fromme Heidenbekehrer hätte hier einst rastend einen mächtigen Fürsten zum Christentum bekehrt. Die Quelle war das Ziel der Kinder, dort wollten sie Osterwasser schöpfen.
Als sie aus der Stadt herauskamen und auf schmalem Wiesenpfade dem Ziel zuschritten, merkten sie erst, wie schön der Ostermorgen eigentlich war. Schon begann sich der Himmel zu färben, und ein Rosenschimmer verdrängte langsam die Farben der Nacht. Beinahe hätte Anne-Marte gesagt: »Die Sonne wird gleich aufgehen,« aber im letzten Augenblick besann sie sich noch, und erschrocken stopfte sie noch ein zweites Riesenbonbon in ihren Mund. O, nur nicht lachen und sprechen, sonst wich der Zauber!
Selbst Jörgel hatte jetzt alle Zweifel verloren, sogar das Wunder der tanzenden Sonne erschien ihm nicht mehr unmöglich in dieser tiefen Morgenstille, in diesem seltsamen, fahlen Licht. War es nicht schon ein Wunder, daß Anne-Marte, die kleine Schwatzsuse, wirklich schwieg, als hätte sie überhaupt keinen Mund?
Der Himmel wurde röter, ein schimmernder Glanz verbreitete sich ringsum, und unwillkürlich liefen die Kinder schneller, um ja nicht zu spät zu kommen. Schon von ferne hörten sie das sachte Rieseln und Rauschen der Quelle, wie ein feines Singen klang es, wie ein Klingen aus Märchenland.
Da waren sie auch schon an der Quelle, deren Wasser rosenrot schimmerte im Widerschein des Morgenhimmels. Als lägen viele rote Rosen auf dem feuchten Grunde, so sah es aus. Um Wasser zu schöpfen, mußte jedes der Kinder auf ein schwankendes Brett steigen. Mit stummer Gebärde zeigte Jörgel, wie man das machen müßte; er ging zuerst, neigte sich und schöpfte seinen Krug voll Wasser. Nun folgten die Mädels, eine nach der andern; zaghaft schöpften sie, es war ihnen so feierlich zu Mute, und keiner kam ein Lächeln. Tief neigte sich Brigittchen über die Quelle, sie schöpfte langsam, andachtsvoll, und sie erstaunte fast, daß das Wasser im Krug nicht rosenfarben war.
Und immer glühender wurde der Himmel im Osten, wie Purpur leuchtete es und wie Gold, und der Wald begann zu glühen.
Severin war der letzte gewesen, der Wasser geschöpft hatte, nun stand er still auf dem schwankenden Brett und starrte in das Morgenrot; er wußte nicht, daß kein Mensch mit bloßen Augen lange in dieses helle Licht schauen kann, und auf einmal begann es ihm vor den Augen zu flimmern, er sah lauter tanzende, rote, glühende Punkte. Darüber vergaß er sein Gelübde zu schweigen, er schrie: »Die Sonne tanzt, die Sonne tanzt, es ist doch wahr!«
Er schwenkte seinen Krug, hob ein Bein, als wollte auch er tanzen, und -- plumps -- lag er im Wasser.
Ein fünfstimmiger Entsetzensschrei erscholl. So blitzschnell war alles gegangen, Severins Rufen und sein Fall, daß keins der Kinder recht wußte, wie eigentlich alles geschehen war. Sie riefen und schrieen durcheinander, die Krüge mit Osterwasser fielen zu Boden, alle griffen sie nach Severin und zogen den vor Schreck ganz stumm gewordenen Buben aus dem Wasser heraus.
»Unser Osterwasser!« klagte auf einmal Jantge, und nun fiel es allen erst ein, daß ihr Weg vergeblich gewesen war. Und naß waren sie, und dazu froren sie; Brigittchen hatte sich das Wasser über das Kleid geschüttet; Jörgel und Wendelin waren in ihrem Eifer, Severin zu retten, auch bis an die Knie ins Wasser geraten, und so war ihnen alle feierliche Osterstimmung vergangen. Selbst Anne-Marte, trotzdem sie im ersten Schreck ihr Malzbonbon ausgespuckt hatte, kicherte nicht, sondern heulte, Brigittchen zur Gesellschaft mit. Wendelin schalt auf seinen Bruder, und der, der vor Frost nur so klapperte, rief weinerlich: »Sie haa--at do--o--och ge--getanzt!«
»So dumm, so dumm,« klagte Wendelin, und mit ihm klagten und jammerten die anderen auch. Daß die Sonne inzwischen in vollem Glanz emporgestiegen war und ihr strahlendes Licht alles überflutete, merkten sie gar nicht; sie hörten auch nicht die Vogelstimmen, die laut wurden. Der Jammer war zu groß.
Auf einmal sagte Jörgel: »Dort kommt ein Mann!« Jantge kreischte erschrocken auf, und etwas bedenklich sahen die Kinder dem Näherkommenden entgegen, der einen großen Stock schwenkte und zu rufen begann. Und jäh empfanden sie alle die Einsamkeit der Morgenstille mit leisem Schauern, so allein fühlten sie sich. Wer es zuerst gesagt hatte, sie wollten ausreißen, wußte nachher niemand mehr, aber plötzlich liefen sie alle miteinander wie Hasen, die den Jäger kommen sehen.
Hinter ihnen her aber kam der Mann; sie hörten ihn rufen. Einmal sagte Brigittchen: »Er schreit, wir sollen stehen bleiben, er will uns was sagen,« aber auch sie lief mit den Gefährten weiter und immer weiter.
Sie hörten den Mann schelten. »Potzwetter, steht doch still, ihr Rangen, hört doch, hööört!«
Und toller und toller nur rannten sie.
Aber da war der alte Turm, nun kam das Gertrudenspital, husch war Jantge drin, kaum daß Brigittchen und Anne-Marte einen flüchtigen Händedruck erhielten, und weiter ging die wilde Jagd. Durch die bekannten Gäßlein liefen die Kinder und meinten, hinter sich schnelle Schritte zu vernehmen, die sie verfolgten. Manch' Fenster öffnete sich, und etliche Frühaufsteher schauten den Kindern nach und brummten wohl: »Ja, was soll denn das bedeuten, was haben die denn wieder angestiftet?«
Auf dem Kirchplatz machten sie endlich alle Halt, keuchend, pustend und trotzig schauten sie sich um: Nun mochte der Verfolger kommen! Doch -- der war nicht zu sehen. Statt dessen guckte Frau Meister Gutgesell zum Laden heraus; sie war soeben damit fertig geworden, die Semmeln einzuzählen für ihre Kunden und war einmal vor die Türe getreten, um Luft zu schöpfen, da sah sie ihre Buben und erkannte auch die andern Kinder. Sie ahnte gleich einen dummen Streich und rief die fünf zu sich. Ein wenig kleinlaut kamen diese an und erzählten, sie hätten Osterwasser holen wollen.
»Aber Kinder!« die Meisterin schüttelte mit dem Kopf, »auf was für närrische Einfälle ihr aber auch immer kommt. Gesund seid ihr, satt zu essen und mehr habt ihr, und jung seid ihr auch, was sollte euch denn das Osterwasser, wenn es nämlich wirklich etwas nützte?«
»Es soll schön machen,« sagte Anne-Marte keck.
»Ei, du Grasaffe, du!« rief die Meisterin, »sei froh, daß du gerade und ordentlich gewachsen bist, gut sehen und gut hören kannst, gib dir nur Mühe, immer brav zu sein, was brauchst du da noch Schönheit. Und nun marsch ins Bett; gut war es noch, daß ihr ordentlich zurückgerannt seid, da wird euch das Wasser hoffentlich nichts geschadet haben!«
»Ich habe Hunger,« murmelte Wendelin bedrückt.