Kleinstadtkinder: Buben und Mädelgeschichten
Part 6
»Na, wartet nur, ich kehre euch allen den Staub ab,« rief Wendelin protzig, »dann müßt ihr mir was schenken!«
»Ich auch, ich auch!« riefen Jörgel und Severin, »nehmt euch nur in acht, Mädels!«
Nach dieser Mahnung nahmen alle fröhlich Abschied von einander. Nur Brigittchen brauchte sich noch nicht von Fräulein Helene zu trennen, die Geschwister Fröhlich waren von Herrn Schön und Fräulein Mathilde zum Abend eingeladen worden, und der Kleinen erschien dies beinahe als der schönste Teil des Tages. Ihre neue Tante brachte sie zu Bett und es gab zum Schluß noch ein heiteres Einschlafemärlein, bei dessen Worten Brigittchen sacht in das Traumland hinüber schlummerte. --
Der Aschermittwoch brach an. Die Wolken schienen es für ihre Pflicht anzusehen, den Sonnenglanz zu dämpfen. Grau und glanzlos war der Himmel, ein feiner, grauer Dunst hüllte die Stadt ein und die Leute sagten, es sei richtiges Aschermittwochwetter, die Asche hinge förmlich in der Luft.
Severin und Wendelin kümmerten sich wenig um das trübe Wetter; als sie nach dem ersten Frühstück mit Jörgel vereint zur Schule trabten, da waren alle drei eitel Lust und Fröhlichkeit, man sah es ihnen schon an den Nasenspitzen an, daß sie etwas Lustiges ausheckten. So lustig erschien es ihnen, daß Severin noch in der Klasse mit Lachen daran denken mußte, wofür er freilich von dem Geschichtslehrer Doktor Kittel einen regelrechten Rüffel bekam.
Kaum war die Schule aus, da rasten die drei wie besessen heim, um ja nicht die Mädels zu verpassen, die immer etliche Minuten später kamen.
Wendelin und Severin guckten daheim rasch in die Ecke hinter der Haustüre und riefen enttäuscht: »Ja, wo sind sie denn?« Es waren nicht etwa die Mädels, die sie suchten, sondern Tannenreiser, die ihnen gestern die Butterfrau als Aschermittwochsruten mitgebracht hatte. Überall sahen die Buben hin, nirgends waren die Ruten zu entdecken, bis sie diese schließlich doch in dem Vorraum der Backstube in einem Winkel fanden. Es war aber auch die allerhöchste Zeit, die Marienstraße entlang schwatzte und kicherte das schon, die Mädels kamen aus der Schule.
Der alte Steuerrat Müller, der in der Marienstraße wohnte und stets um diese Zeit am Fenster seine Zigarre rauchte, sagte dann immer halb ärgerlich, halb lachend zu seiner Frau: »Höre nur, die Gänslein sind auf dem Heimmarsch!«
Anne-Marte und Brigittchen gingen, wie sich das für Herzensfreundinnen schickt, Arm in Arm, mit ihnen ging ihre Klassengenossin Christine Hardenberg. Anne-Marte erzählte gerade etwas furchtbar Lustiges, denn Anne-Marte erlebte immer lustige Sachen, über die sie sich selbst halb tot lachen wollte. Die Geschichte fesselte die drei Mädels so, daß weder Brigittchen noch Anne-Marte an die Drohung ihrer Kameraden dachten, als sie in aller Vergnüglichkeit an dem Bäckerhause vorbei gingen.
Da auf einmal, mit dem wilden Geschrei: »Aschermittwoch, Aschermittwoch!« stürzten Severin, Wendelin und Jörgel hervor und kehrten die Mädels von oben bis unten ab.
Die quiekten, lachten und schrieen, drehten sich wie Kreisel, wehrten sich, andere kamen hinzu, es war ein Tumult und Lärm und das Jauchzen tönte die Marienstraße hinauf und hinab. Plötzlich riefen zwei, drei Stimmchen: »Aber, wie seht ihr denn aus?«
Anne-Marte und Brigittchen trugen weiße Jacken und weiße Mützen, und diese hatten unversehens lauter schwarze Streifen bekommen, aber Jörgel, Wendelin und Severin kehrten immer eifriger, mit immer erneuter Lust und sie kümmerten sich gar nicht um die Rufe: »Hört auf, hört auf!«
Und wer von ihnen gekehrt wurde, bekam schwarze Streifen, aber das sahen sie gar nicht, erst als ein Mädel anfing zu heulen, ließen die Buben nach, und Anne-Marte rief scheltend: »Pfui, wie abscheulich seid ihr, wie könnt ihr uns so schwarz machen!«
Da sahen nun erst die drei Missetäter betroffen, was sie angerichtet hatten, unter der Mädchenschar aber erhob sich so ein gewaltiges Jammern und Klagen, daß die Vorübergehenden stehen blieben und auch Frau Bäckermeister Gutgesell aus dem Laden heraustrat, um zu sehen, was geschehen sei. Sie sah ihre beiden Buben wie ein paar begossene Pudel stehen, vergeblich versuchten die Missetäter nämlich auszureißen, die entrüsteten Mädchen hatten sie umringt und über alles Schreien und Klagen hinweg tönte Anne-Martes Stimme, die dem Bruder und den Freunden eine Strafrede hielt.
»Ich gehe nie wieder mit euch, nie wieder, nie wieder, nein, ich bin euch bitterböse!« rief die Kleine immer wieder.
Frau Gutgesell brach sich Bahn durch die aufgeregte Schar und wutsch! ergriff sie Wendelin und Severin, hielt sie fest und fragte streng: »Was habt ihr getan?«
Ein Durcheinander von anklagenden Stimmen erhob sich, die Buben aber schrieen immer wieder: »Wir können nichts dafür!«
»Zeigt mal eure Ruten her,« gebot die Mutter, und niedergeschlagen gaben alle drei ihre Tannenzweige hin. »Aber Bengels, die sind ja ganz schwarz voll Ruß, ei, ihr unnützes Gesindel, na wartet, das soll euch schlecht bekommen!« rief Frau Gutgesell ärgerlich. »Wir können nichts dafür,« jammerten die Buben.
»Sie haben es vielleicht nicht gewußt,« sagte auf einmal ein liebes Stimmchen in allen Tumult hinein. Brigittchen tat es leid, trotzdem ihr weißes Jäckchen lauter schwarze Streifen hatte, daß die Freunde gar so arge Missetäter sein sollten.
Die Gemüsefrau Lehmann, die neben der Bäckerei wohnte und die um des Lärmes willen, den die Bäckerbuben manchmal vollführten, einen rechten Groll auf diese hatte, rief: »Ih, die wär'n es schon gewußt haben, das sind 'n paar Schlimme!«
»Sie sind gar nicht schlimm,« verteidigte Brigittchen mutig die Freunde, »und sie haben's sicher nicht gewußt, daß die Ruten schwarz waren!«
»Nein, nein,« jammerten die Buben, die von ihrer Mutter kräftig mit fort gezogen wurden. »Das werden wir mal drin untersuchen,« sagte die grollend. Sie ärgerte sich sehr, daß die Unart ihrer Buben einen regelrechten Straßenauflauf verursacht hatte. Denn aus allen Häusern guckten die Menschen, sie standen auf der Straße und redeten, und wenn die drei Missetäter die Prügel wirklich gekriegt hätten, die ihnen von den Leuten zugedacht wurden, dann wäre es ihnen wohl schlimm ergangen.
»Nun, was ist denn hier für ein Geschrei und Gelärm, 's ist doch nicht mehr Fastnacht?« fragte recht gemütlich in das Tosen hinein Heine, der in der offenen Ladentüre stand.
»Wir haben die Ruten ganz gewiß nicht schwarz gemacht,« klagten Wendelin und Severin wieder.
Jörgel schwieg trotzig, er fühlte sich ganz unschuldig! Er war aber ein zu guter Freund und zu stolz, um alle Schuld auf die beiden anderen zu schieben. Ja, und ob die nicht doch ein bißchen die Ruten geschwärzt hatten, wie konnte er dies wissen!
»Da seh'n Sie mal, Herr Geselle,« rief die Grünwarenfrau Lehmann jetzt giftig, »wie arg die Jungens sind, haben alle Mädels mit rußigen Ruten abgekehrt, da das Brigittchen Schön ist ganz schwarz geworden!« Heine machte ein halb verdutztes, halb verlegenes Gesicht, ihm ging nämlich, wie man sagt, ein Seifensieder auf.
Er hatte in der Nacht mit Tannenreisern, die er im Hausflur gefunden hatte, fix mal ein Zugloch von Ruß gesäubert und die Aschermittwochsruten so recht eingeschwärzt. Er fragte, woher die Zweige stammten und die Geschichte klärte sich bald auf, die Buben waren wirklich unschuldig. Trotzdem Frau Lehmann wohl zehnmal rief: »Ich glaub's nicht, die sind unnütz!«
Hei, wie reckten sich die drei im Gefühl ihrer Unschuld, ordentlich stolz sahen sie aus, die Mädels standen ganz betreten da, sie wußten nicht, ob sie lachen oder weinen, böse oder gut sein sollten.
»Der Ruß geht ab,« tröstete Heine, »wenn ihr im Backofen gesessen hättet, dann möchtet ihr erst schwarz sein, potz Wetter, ja!«
»Machen Sie keine dummen Witze, Heine,« sagte die Meisterin ärgerlich, »für die Mädels ist die Sache schlimm und meine Buben sollen mit zu den Eltern gehen, wo es nötig ist, und die Geschichte erzählen, damit die Mädels keine Schelte bekommen. Denn dumm war es doch von den Buben, sie brauchten auch nicht so wild darauf loszukehren!«
Diese Worte dämpften den Stolz der Buben ein wenig, und ordentlich gekränkt waren sie erst, als alle Mädels erklärten, sie brauchten keine Begleiter, sie würden daheim schon die Geschichte erzählen. Und heidi! liefen alle davon, die gekehrten und die nicht gekehrten.
Am Nachmittag aber war schon alles wieder vergessen, es war eben ein kleiner Aschermittwochsärger gewesen, weiter nichts, und keine Freundschaft ging darum auseinander.
Für den armen Klaus Hippel aber kam ein rechter Aschermittwochsärger noch nachgehinkt und für manchen anderen Neustädter auch.
Vierzehn Tage nach der Fastnachtsfeier saß der Herr Bürgermeister eines Morgens in seinem Arbeitszimmer und las Zeitungen. Auf einmal schlug er wütend mit der Faust auf den Tisch, na, das ging ihm doch über den Spaß. In einer Zeitung, die in einer großen Stadt erschien, las er nämlich eine Beschreibung von Neustadt, man hatte sie ihm zugeschickt und sie noch mit einem dicken, roten Strich angezeigt.
Wenn einer nun seine Heimat liebt und weiß, wie schön und traut sie ist, und dann kommt jemand und schildert diese Heimat als häßlich und eng und hat nichts für sie als Hohn und Spott, da soll man sich nicht ärgern. Dem Herrn Bürgermeister ging es so, er liebte Neustadt wie keinen Fleck auf der weiten Erde; er wußte wohl, daß manches darin fehlte, was große Städte besitzen, aber lieblich und behaglich war das Städtchen doch. Nun stand da in der Zeitung, Neustadt sei das langweiligste, unschönste, schmutzigste Nest der Welt. Da sollte man sich nicht ärgern!
Und wie dem Herrn Bürgermeister, so ging es den Stadträten, den Bürgern, alle, alle ärgerten sie sich über den boshaften Schreiber.
Am meisten taten dies Klaus Hippel und Frau Paulinchen, denn am allerschlechtesten war das Museum weggekommen, von dem Fastnachtsspiel und von den geborgten Ritterhelmen stand auch etwas in dem Artikel.
Es war wirklich ein Glück, daß Doktor Fröhlich die Geschichte schon vorher dem Bürgermeister erzählt hatte, sonst wäre es dem armen Pantoffelmacher vielleicht schlimm ergangen. Eine Strafrede bekam er ohnehin, die war gesalzen, und noch nach Wochen seufzte er tief, wenn er daran dachte. Sein einziger Trost war nur, daß Doktor Fröhlich versprach, er wollte auch etwas über Neustadt schreiben, er wollte erzählen, was für ein liebliches, anmutiges Fleckchen es sei und daß neben der Marienkirche und dem Schloß der alte Turm das allerschönste im Städtchen sei. --
»Das hat der junge Herr vom Fastnachtstag geschrieben,« sagte Frau Paulinchen, »nein, so etwas, nicht einmal richtig umgesehen hatte er sich!«
»Ein abscheulicher Windbeutel ist's«, schrie der Meister, und seit der Zeit sagte er immer, wenn ein Fremder sich dem Turm nahte: »Paulinchen, paß auf, ein Windbeutel kommt. Wirf ihn hinaus, wenn er etwas aufschreiben will!«
Bis eines Tages ein Maler kam, der voll Entzücken den Turm von unten und oben, von vorn und hinten, mit Pantoffeln und ohne Pantoffeln, von innen und außen, am Morgen, am Mittag und im Abenddämmern malte, da söhnte sich Meister Hippel wieder mit den Fremden aus. Er wurde wieder lustig wie zuvor, pfiff und sang im Turmerker, nähte Pantoffeln, erzählte Geschichten und rief, wenn ein Fremder kam:
»Aufgepaßt, ein weißer Spatz fliegt in den Turm!«
Durch der Schneekönigin Reich. Ein Wintermärchen.
Die Kinder sprachen schon vom Frühling wie von etwas, das ganz, ganz nahe war.
Doch der Winter war anderer Meinung, er fand, es sei noch nicht Zeit für den Frühling zu kommen. Schwipp, schwapp war er eines Tages wieder da, mit Schneegestöber, Nordwind und Kälte. Im Nu war das Land wieder weiß und still und die Schneeglöckchen, die schon die allergrößte Lust gezeigt hatten, sich in der Welt umzusehen, krochen flugs in ihr braunes Erdbettlein zurück, unten erzählten sie den andern Blumen und Gräsern: »Brrr, oben ist es schrecklich, wir begreifen gar nicht, wie es nur die Menschen aushalten können!«
Na, so schlimm war es nun doch nicht, die Kälte reichte nicht einmal recht zum Naseerfrieren. Aber schelten taten die Menschen doch, sie hatten sich schon zu sehr auf den Frühling gefreut.
Auch in Neustadt gab es wieder Schneegestöber, und die fünf Schatzgräber und Jantge, die schon davon gesprochen hatten, daß sie die Kreisel drehen wollten und an der Stadtmauer Veilchen suchen, standen eines Tages recht mißmutig vor dem Schön'schen Hause und schalten auf den Winter. Ein bißchen undankbar war das ja nun, denn als der Winter einzog, hatten sie ihn beinahe nicht erwarten können und den ersten Schnee hatten sie mit Jubel begrüßt.
Es war Sonnabend Nachmittag, und die sechs Kameraden hätten gern irgend etwas Lustiges unternommen. Aber Brigittchen durfte nicht Schlitten fahren, weil der Wind so sehr wehte, zu Klaus Hippel konnten die Kinder auch nicht gehen, denn der war an diesem Tage über Land gefahren.
»Wir wollen zu Fräulein Helene und zum Herrn Doktor gehen,« schlug Wendelin vor.
»Uneingeladen?« fragte Anne-Marte ein wenig zaghaft, »geht das denn? Mutter hat gesagt, wir dürften nicht uneingeladen überall hingehen, es schickt sich nicht!«
»Brigittchen geht erst und fragt, ob uns Fräulein Helene nicht einladen will,« sagte Jörgel.
Brigittchen war damit einverstanden; zu Fräulein Helene gehen, war für sie etwas Wundervolles. Sie lief auch flugs über den Kirchplatz und kehrte schon nach wenigen Minuten mit dem Freudenrufe zurück: »Wir sind eingeladen!« Geschwind liefen die Doktorskinder und die Bäckerbuben zu ihren Müttern und verkündeten diesen die Neuigkeit: »Wir sind zu Fröhlichs eingeladen, dürfen wir gehen?«
Frau Bäckermeister Gutgesell sagte ja, ohne alle Fragen, die Doktorin aber wollte wissen, wie es mit der Einladung gekommen sei. Treuherzig erzählte es Jörgel und die Mutter lachte: »Na,« meinte sie, »das ist freilich eine einfache Art, zu einer Einladung zu kommen, doch geht schon, Fräulein Helene ist aber beinahe zu gut zu euch Wildfängen!«
Wenige Minuten später standen die sechs Kinder in dem Flur des Fröhlich'schen Hauses, und Fräulein Helene half ihnen die Mäntel ausziehen. Die alte Dorothee hatte ein wenig gebrummt über die Sonnabendgäste, aber schließlich, als sie sah, mit welcher Freude die Kinder ankamen, ging sie doch in die Küche, um ihre berühmte Schokolade zu kochen. Nirgends, aber auch nirgends schmeckte Schokolade so gut wie die von Dorothee gekochte, die Kinder sagten es und da mußte es doch stimmen.
»Heute gibt es aber etwas Besonderes,« sagte Fräulein Helene, »mein Bruder hat ein Märchen geschrieben, das will er euch erzählen.«
»Ein Märchen!« jubelte Brigittchen fröhlich, »kommt eine Prinzessin darin vor?«
»Sogar eine Königin und viel, viel Schnee,« erwiderte Helene Fröhlich, »nun kommt herein, erst spielen wir etwas, dann trinken wir Schokolade und zuletzt bekommt ihr das Märchen vorgesetzt!«
Und so wurde es auch. Wendelin sagte zu Jantge: »Es ist doch sehr gut, daß wir heute eingeladen worden sind.« Das fanden die anderen Kinder auch, es war urgemütlich in dem großen, altmodischen Wohnzimmer, und die Kinder bekümmerte es nicht, daß es draußen immer toller stürmte und schneite. Als nach lustigen Spielen und einer fröhlichen Schmauserei sacht die Dämmerung hereinbrach, da erzählte Doktor Theobald Fröhlich den Kindern ein Schneemärchen, er sagte, die wirbelnden Schneeflocken draußen hätten es ihm erzählt, das Märchen aber nannte er:
Durch der Schneekönigin Reich.
Es war ein Wintertag wie heute. Weiche, weiße Flocken sanken vom Himmel auf die Erde herab, die darunter träumend schlief. In einer kleinen Stadt, die noch ein wenig kleiner und winkeliger als Neustadt war, lag der Schnee so hoch, daß das ganze kleine Nest wie in einem dicken, riesengroßen Federbett lag. Im letzten Haus des Städtchens, das schon auf freiem Felde stand, wohnte eine arme Witwe mit ihrem Sohn. Schwerkrank lag der in seinem Bette und der Arzt, der vor etlichen Stunden dagewesen war, hatte gesagt: »Gute Frau, ich kann euch nicht mehr helfen, alle meine Pillen und Tropfen nützen nichts mehr gegen diese Krankheit.«
Die arme Witwe konnte nicht mehr weinen, so groß war ihr Jammer, verzweifelt starrte sie in die weiße Winterpracht hinaus. Gab es denn kein Mittel mehr, um ihren Sohn, ihr einziges, geliebtes Kind zu retten?
Wie sie so saß in ihrem Herzeleid, hörte sie auf einmal zwei Krähen vor den Fenstern krächzen. Es war ihr, als riefen die beiden immerzu: »Geh' zur weisen Frau, geh' zur weisen Frau!«
Da kam es ihr in den Sinn, daß draußen auf der Landstraße eine alte Frau wohnte, die wegen ihrer Güte und Klugheit berühmt im Lande war und bei der schon mancher in Sorge und Not Hilfe und Rat gefunden hatte. Die arme Witwe hüllte ihren Sohn in warme Decken, nahm ihn auf den Arm und lief so schnell ihre Füße sie trugen, zu der weisen Frau hin.
Die saß in ihrem Stübchen, in dem die Blumen blühten und die Vögel sangen, als sei Frühling. Finken und Zeisige und ein gar klug drein schauender Starmatz hüpften zwischen den Blumenstöcken herum, und die weiße Katze, die zu ihrer Herrin Füßen lag, dachte gar nicht daran, den Vögeln etwas zuleide zu tun.
So friedlich war es bei der weisen Frau, daß in dem Herzen der armen Witwe die Hoffnung zu blühen begann, und flehend klagte sie der Frau ihr Leid: »Mein Sohn ist mein einziges Glück auf der Welt, nun ist er so krank, er leidet so große Schmerzen und niemand kann ihm helfen, weißt du keinen Rat?«
»Du armes Weib,« sagte die weise Frau und sah die Bittende traurig an, »ich kann dir wenig Trost geben; wohl weiß ich einen Arzt, der einen Wundertrank besitzt, aber der Weg zu ihm ist so mühsam und schwer um diese Winterzeit, noch nie ging ein Mensch diesen Weg zu Ende!«
»Ach!« rief die Mutter, »sage mir nur geschwind den Weg, für mein Kind ist mir nichts zu schwer, keine Mühsal ist mir zu groß!«
»Ich will dir gern den Weg zeigen,« erwiderte die weise Frau. »Der Arzt wohnt am Ende eines großen Waldes, durch den mußt du wandern, wenn du zu ihm gelangen willst. Aber ich sage dir, der Weg ist unendlich schwer, denn in dem Walde haust die Schneekönigin, sie hat ein Herz von Eis und wenn ein Mensch in ihre Macht fällt, dann küßt sie ihn, bis er zu Eis erstarrt, sie kennt kein Erbarmen und gibt keiner Bitte Gehör. Sie kann dir freilich nichts tun, solange du ohne dich umzuschauen vorwärts schreitest. Aber du darfst ja nicht stehen bleiben, nicht rasten, dich nicht umsehen, denn sonst verfällst du der Macht der Schneekönigin. Glaube mir, es haben schon viele Menschen versucht, den Wald zu durchschreiten, aber es ist noch niemand gelungen. Meinst du aber die Kraft zu haben, dann will ich mein Wäglein rüsten, ich habe ein schwarzbraunes Pferdchen, das läuft schneller als der Wind, das trägt dich in kurzer Zeit bis an den Wald.«
»Ach bitte, bitte, liebe Frau,« rief die arme Mutter, »rüste rasch dein Wäglein, damit ich schnell bis an den Wald komme, ich fürchte mich gar nicht, ich kann es nicht glauben, daß die Schneekönigin stärker sein soll, als einer Mutter Liebe!«
»Wie du willst,« sagte die weise Frau. Sie ging und spannte geschwind ihr Pferdchen an und sie fuhr die Witwe dann selbst bis an den Wald. Das Pferdchen lief wirklich so schnell, daß der Wind hinterher jagte, nicht mitkonnte, er wurde ganz ärgerlich darüber und fing in einem Dorf so zu schelten an, daß die Bauersleute erschrocken zu einander sagten: »Hört nur, wie der Wind pfeift, nein, so ein schlechtes Wetter!«
Als der Wagen an den Wald der Schneekönigin anlangte, zogen gerade Wolken über die Sonne dahin, die stand dahinter wie eine große, weiße Blüte.
Herzlich dankte die Witwe der weisen Frau, dann nahm sie sorgsam ihren Sohn auf den Arm, der leise vor Schmerzen weinte, und unverzagt betrat sie den Wald.
Hohe, schneebedeckte Tannen ragten empor, von ihren Zweigen hernieder hingen lange Eiszapfen und am Wege blühten große, seltsam geformte Eisblumen, die schimmerten und flimmerten wie von tausend Diamanten besät. Der Fuß der Wanderin versank tief in der weichen Schneedecke, und immer dichter fiel der Schnee herab, langsam, lautlos sank Flocke auf Flocke hernieder und die Luft war von Schnee erfüllt.
Tiefe, schauerliche Stille herrschte ringsum und kein Vogelschrei wurde hörbar. Das Schweigen legte sich beklemmend auf das Herz der Frau und eine große Angst erfaßte sie. Es war ihr, als wüchsen die Tannen immer dichter zusammen, als würde der Schnee tiefer und tiefer. Aber da weinte leise das kranke Kind in ihren Armen und mutig schritt sie vorwärts, um die Rettung für ihr Kind zu suchen.
Doch plötzlich wuchsen die Flocken, sie wurden größer und größer. Aus den wirbelnden Sternchen wurden zarte, weiße, schleierumhüllte Mädchengestalten. Die wiegten und neigten sich in der Luft und die hauchten der armen Frau in das Gesicht, daß es sie eisig durchdrang, und sie fühlte, wie die Füße ihr erstarrten.
Und so schwer schien ihr Kind zu werden und immer dichter kamen die weißen Gestalten, ihre Schleier streiften die Wangen der Mutter, da war es dieser, als würde sie mit Messern geschnitten.
Auf einmal ging jäh ein Brausen durch die Luft. Pfeifend wehte der Wind, und die arme Frau kam immer schwerer vorwärts. Da erblickte sie vor sich eine hohe weiße Gestalt in wehendem Mantel, der mit Diamanten umsäumt war. Auf ihrem Haar, das schwärzer als die Nacht war, lag eine funkelnde Krone. Das Antlitz war weißer als der Schnee und furchtbar waren die Augen, hart, grausam, und sie schimmerten blaugrün wie der See, wenn er zu Eis erstarrt ist.
Das war die Schneekönigin! Die arme Mutter fühlte es, und ihre Angst wuchs. Lachend streckte die Schneekönigin die weißen Arme aus, und dann begann sie zu sprechen und ihre Stimme klang wie springendes Eis: »Eile doch nicht so, arme Frau, komm, raste ein wenig in meinem Reich. Ich sehe es ja, du bist müde, und dein Weg ist noch weit. Komm, ruhe dich aus im weichen Schnee und gib mir dein Kind, ich will es gesund küssen!«
Eine große Müdigkeit überfiel die arme Mutter, sie fror nicht mehr, sie war nur müde, ach, so müde, und das Kind in ihrem Arme wurde immer schwerer, sie brach fast unter der Last zusammen. Aber sie dachte an die Warnung der weisen Frau und in der Angst ihres Herzens rief sie laut: »Lieber Gott, hilf mir doch!«
Da wich die Schneekönigin langsam zurück. Aber ihr Mantel umflatterte die Frau, daß diese den Weg nicht zu erkennen vermochte, und es wurde dunkler und dunkler. Die Nacht senkte ihre Schatten herab und der armen Mutter wurde es bitterangst in dieser Dunkelheit, in der sie den Weg nicht mehr zu erkennen vermochte. In ihrer Not rief sie wieder: »O Mond, du lieber Mond, habe doch Erbarmen und leuchte mir um meines Kindes willen!«
Ganz sacht verbreitete sich da ein silberner Schein über den Wald und es begann wundersam zu leuchten. Silbernes Licht glitt an den Stämmen der Tannen herab und legte sich hell auf den Weg. An dem dunklen Nachthimmel schwebten silberumsäumte Wölkchen, und dann stieg klar und voll über den dunklen Bäumen der Mond empor.
Dankbar sah die arme Witwe zu ihm auf, das liebe Himmelslicht lächelte gerade so sanft und mild auf sie herab, wie in den einsamen Nächten, da sie am Bett ihres Kindes gewacht hatte. Neuer Mut zog in ihr verzagtes Herz, und tapfer schritt sie vorwärts. »Ich werde mein Ziel dennoch erreichen,« dachte sie.
Doch die Schneekönigin gab es nicht auf, Mutter und Kind in ihre Gewalt zu bekommen, sie begann mit ihren weißen Fräuleins zu singen, das klang lockend und sehnsuchtsvoll.
Die arme Frau hörte ganz deutlich die Worte, die die Königin mit ihren Dienerinnen sang:
»Walle, walle, Schleier weiß, Flocke, Flocke, falle du, Hüllt die Erd' in Schnee und Eis, Deckt die jungen Saaten zu!
Walle, walle weißer Schnee, Flocke auf Flocke fall' herab, Tut es auch den Blüten weh, Sterben auch die Blätter ab!
Ohn Erbarmen schwingt den Stab, Winters schöne Tochter leis, Weißer Schnee deckt Grab auf Grab, Erde ist gebannt in Eis.