Kleinstadtkinder: Buben und Mädelgeschichten

Part 5

Chapter 53,715 wordsPublic domain

»Freilich hast du sie noch,« sagte Herr Schön. Er sah tief in die strahlenden Veilchenaugen seines Kindes, und er dachte, das fremde Fräulein müßte doch sehr lieb und gut sein, das seinem Kinde zu diesen leuchtenden Weihnachtsaugen verholfen hatte.

Und dann saß Brigittchen auf ihres Vaters Knieen, sie schmiegte ihr Köpfchen an seine Brust und leise vertraute sie ihm einen großen Herzenswunsch an. Sie wollte einen Teil ihrer neuen Spielsachen der kleinen Jantge im Gertrudenspital schenken. »Darf ich, Väterchen?« bat sie.

»Ja, du darfst, mein Kind, und weißt du was, morgen gehen wir miteinander zu Fröhlichs hinüber und dann bittest du Fräulein Helene, daß sie mit dir zu Jantge geht!«

Das war ein schöner Feiertagsplan. Brigittchen jubelte laut und dann schwatzte sie noch ein Weilchen mit ihrem Vater, fragte, welche Puppe sie nehmen sollte und welches Buch, bis auf einmal der Sandmann kam, und die strahlenden Weihnachtsaugen sich schlossen. --

Am nächsten Vormittag ging Herr Schön mit Brigittchen wirklich zu den Geschwistern hinüber, und Vater und Kind wurden mit herzlicher Freude empfangen. Fräulein Helene war auch gleich bereit, mit Brigittchen am Nachmittag zu Jantge zu gehen, ja, sie kam auch mit hinüber, sah sich Brigittchens Bescherung an und half für Jantge aussuchen. Eine Puppe, ein Buch, ein zierliches Arbeitskörbchen und noch allerlei hübsche Sachen aus Marzipan und Schokolade.

Gleich nach dem Mittagessen, diesmal noch am lichten Tag, traten Fräulein Helene und Brigittchen ihre Wanderung an. Der Schnee knirschte unter ihren Tritten, denn es war bitterkalt geworden, aber den beiden war es so froh und warm ums Herz, daß sie nicht viel von der Kälte spürten.

In Trine Tillmanns Stube saßen alle Insassinnen des Gertrudenspitals, außer Jantges kranker Urgroßmutter, zusammen und aßen Weihnachtsstriezel und tranken Kaffee dazu, auch Jantge war da, da die Urgroßmutter schlief. Die Kleine saß am Fenster vor dem Tannenbäumchen, an dem sie sich gar nicht sattsehen konnte, und sie hatte so strahlende Weihnachtsaugen, als hätte sie eine glänzende Bescherung bekommen. Als nun aber Brigittchen ein wenig verlegen und doch herzensfroh ihre Herrlichkeiten vor dem kleinen Fremdling auspackte, da jubelte Jantge laut auf.

»Eine Puppe, eine Puppe,« jauchzte sie und preßte das weißgekleidete Lockenkind zärtlich an ihr kleines Herz.

Brigittchen war auch Kindern gegenüber oft ein bischen scheu, und Jantge vergaß auch leicht vor Schüchternheit den Mund aufzutun, aber die Puppe vereinte die beiden rasch, sie fanden sich im fröhlichen Spiel und nach zehn Minuten waren sie miteinander einig, daß das Puppenkind unbedingt Helene heißen müßte.

Brigittchen wurde das Scheiden beinahe schwer. »Du mußt mich besuchen,« bat sie.

Trine Tillmanns versprach dafür zu sorgen, und Fräulein Helene sagte auch, sie würde Jantge einmal einladen. So trennten sich denn die Kinder, auf ein fröhliches Wiedersehen hoffend, und für Brigittchen kam der Heimweg durch die stille Stadt an Fräulein Helenes Hand. Das war wundervoll, so durch die stillen, weißen Straßen zu gehen, auf denen heute kaum ein Mensch zu sehen war, und zu lauschen, wie Fräulein Helene erzählte, von diesem und jenem, von dem Weihnachtsfest im großen London, von einsamen und glücklichen Kindern, von heiteren Tagen, die kommen würden, und daß sie beide miteinander gute Freundschaft halten wollten.

Helene Fröhlich hatte so eine liebe, zärtliche Stimme, »die spaziert durch alle Herztüren hinein,« sagte später einmal Klaus Hippel. Und das war wahr, Brigittchen spürte es auch. Außer ihrem Vater gab es gar keinen Menschen auf der Welt, zu dem sie ein so großes Vertrauen hatte wie zu Fräulein Helene. Diese mußte es wohl gemerkt haben, denn auf einmal sagte sie liebevoll: »Willst du mich Tante nennen, mein kleines Mädel?«

Ach, Brigittchen wollte schon, glückselig sah sie zu der neuen Freundin auf. »Tante Helene, Tante Helene,« zwitscherte sie wie ein Vögelchen, das sein erstes Liedchen probiert.

Vor der Haustüre gab es noch einen herzlichen Abschied, dann hüpfte Brigittchen in das Haus hinein, um drinnen ihrem Vater alles, alles zu erzählen.

Herr Schön sah immer wieder in die strahlenden Weihnachtsaugen seines Kindes und leise begann sein trauriges Herz froh zu werden. Als Brigittchen beim Zubettgehen sagte: »Weihnachten ist zu wunderwunderschön,« da nickte er und sagte: »Es war ein gesegnetes Fest!«

Im Fröhlichschen Hause aber saßen Bruder und Schwester zusammen unter dem Weihnachtsbaum, den sie sich wieder angebrannt hatten; sie erzählten sich von ihrer harten, freudlosen Jugend und von dem Glück der Gegenwart. Auch sie sagten beide zu einander aus dankbarem Herzen heraus: »Es war ein gesegnetes Fest!«

Ein Fastnachtsspiel.

Die alte Dorothee pflegte von Klaus Hippel zu sagen: »Ein Kindskopf ist er und bleibt er, so alt wie er ist, und nichts als Flausen hat er im Sinn«.

Das stimmte und stimmte auch wieder nicht. Klaus Hippel konnte, wenn es darauf ankam, so ernsthaft und verständig wie ein Bürgermeister sein, freilich war er auch wieder ein lustiger Geselle, und wenn ihn die Sorgen nicht allzusehr drückten, dann war er heiter und guter Dinge.

Seine größte Lust war in alten Büchern zu lesen, und Märchen und Sagen wußte er mehr, als in zwanzig Kinderbüchern stehen. Und wenn Klaus Hippel erzählte, dann war es immer, als sei er just dabei gewesen, als sei er mit Held Roland durch das Tal von Ronceval geritten, oder wäre selbst allen schönen Frauen und Rittern im Zauberwalde irgendwo begegnet. Besonderen Spaß machte es ihm auch, wenn sich die Leute zu Scherz und Kurzweil verkleideten; als daher Jörgel eines Tages sagte: »Vater Klaus, können wir bei dir nicht einmal Fastnacht feiern?« da war er gleich mit Freuden dazu bereit.

Bald nach Weihnachten hatte Jörgel das gesagt, und von dem Tage an sprachen die Kinder immer mit heimlicher Lust von dem Fastnachtsspiel bei Klaus Hippel. Der Pantoffelmacher hatte sich nämlich vorgenommen, selbst ein wundervolles Ritterstück zu schreiben; darin kamen zwei Ritter, eine Prinzessin, ihre Hofdamen und ein böser Zauberer vor. Severin und Wendelin sollten die Ritter spielen, Jörgel den Zauberer, Brigittchen war die Prinzessin und Anne-Marte und Jantge ihre Hofdamen. (Jantge war von den fünf Schatzgräbern rasch als Freundin angenommen worden, und sie durfte natürlich auch beim Fastnachtsspiel nicht fehlen.) Die Prinzessin brauchte nichts weiter zu tun als immer »Ach und Weh« zu seufzen, nur am Schluß mußte sie rufen:

»Teurer Ritter, du hast mich befreit, Ich danke dir in aller Ewigkeit!«

Die Hofdamen brauchten nur »Ach und Weh« zu sagen und zuletzt »Hurra« zu schreien.

Die Ritter hatten es etwas schwerer; erstens mußten sie mit ihren Säbeln rasseln, zweitens mußten sie den Zauberer furchtbar ausschelten und ihn zuletzt mit einem wilden Triumphgeschrei in einen Turm sperren. Der Turm war Mutter Paulinchens Kleiderschrank. Am schwersten hatte es der Zauberer; der war bei dem Stück die Hauptsache, er mußte sich nämlich in ein wildes Tier verwandeln, brüllen und plötzlich ein Rotfeuer anzünden. Klaus Hippels alte Pelzjacke war das Löwenfell, und eine Schachtel Rotfeuer hatte sich Jörgel sogar von seinem Taschengeld erstanden; damit nichts passierte, durfte er aber nur ein einziges Hölzchen anzünden.

Wundervoll sollte das Spiel werden; Zuschauer waren die Pantoffelmachersleute und Schneider Langbein mit seiner Frau. Am letzten Tag meldeten sich noch die Geschwister Fröhlich an, worüber Frau Paulinchen in große Aufregung geriet. Sie hatte nur drei Stühle, und einer davon wurde noch als Thronsessel für die Prinzessin gebraucht.

»Es wird schon gehen,« sagte der Pantoffelmacher, »nur den Mut nicht verlieren«.

»Es ist doch eine große Ehre, daß so vornehme Leute zu uns kommen, mit was soll ich sie denn bewirten?« klagte die Pantoffelmacherin.

Ja, du meine Güte, da war guter Rat teuer.

Ihr Mann sah etwas verlegen drein; Punsch und Pfannkuchen muß es zu Fastnacht geben, aber woher sollten sie beides nehmen?

Pantoffelmachers waren arme Leute und just diesen Winter ging es besonders knapp bei ihnen zu, was sie erübrigen konnten, das gaben sie dem Schwiegersohn, damit der bald seine Schuld abtragen konnte. Und Fremde kamen auch nicht, das Museum anzusehen; das Trinkgeld gehörte nämlich den Turmbewohnern, dafür mußten sie aber auch oben immer alles in Stand halten.

»Hm, ja, hm,« brummte der alte Klaus nachdenklich. Dann nach einem Weilchen schrie er, einen roten Samtpantoffel in der Luft schwenkend, »wegen Punsch und Pfannkuchen kommen die Leute nicht zu uns, sondern wegen meines Stückes, das hat der Doktor selbst gesagt, nämlich weil er auch ein Dichter ist. Und wenn Nachbar Langbein denkt, er kriegt Punsch und Pfannkuchen, na, dann bekommt er halt die Nase auf die Tischecke, wie meine selige Mutter zu sagen pflegte, wenn wir was haben wollten und es nicht bekamen.«

»Punsch und Pfannkuchen wären aber doch fein, ich wollte ich hätte beides,« sagte Frau Pauline seufzend.

Es war im alten Wächterturm an diesem Morgen just wie in einem Märchen, wo sich einer nur etwas zu wünschen braucht und gleich geht es in Erfüllung. Kaum hatte Frau Paulinchen ihren Wunsch ausgesprochen, so erschien auch schon die Fee, diesmal freilich war es die alte Dorothee. Die brachte eine große Schüssel Pfannkuchen, »selbstgebackene« sagte sie, dazu eine Flasche Punsch und schöne Grüße von Fräulein Helene.

»Na,« rief Klaus Hippel vergnügt, »wenn das heute so mit dem Wünschen geht, dann wünsche ich mir auch geschwind irgend etwas ganz Besonderes, etwas so -- --«

Klatsch fuhr er da mit seinem roten Pantoffel, an dem er gerade nähte, durch die Fensterscheibe und knax war ein großes Loch darin und der Pantoffel lag draußen auf der Stadtmauer.

Etwas verblüfft schaute der Meister sich um, Dorothee lachte ein bißchen ärgerlich. »Das kommt davon, Gevatter, wenn man so wild herumfuchtelt; ist das eine Art, so mit den Armen rechts und links auszuschlagen, beinahe hätte ich noch eine Kopfnuß dabei gekriegt. Nee, wie kann man nur so alt sein und noch so hitzig! Nun sorgt nur dafür, daß bis zum Nachmittag das Loch im Fenster wieder heil ist, so was kann mein Fräulein nicht vertragen; Löcher in den Fenstern sind wir nicht gewöhnt.«

Damit ging Dorothee hinaus, langsam und gewichtig, so zart wie eine Fee pflegte die gute Alte nicht zu gehen.

Meister Hippel aber beschaute ein bißchen kleinlaut den Schaden, dann ging er zum Glaser und versprach diesem, ihm das nächste Mal seine Pantoffel umsonst zu flicken, wenn er ihm sein Fenster auch umsonst flicken wollte. Das tat der Glaser auch, und als die Gäste am Nachmittag kamen, sah man nichts mehr von dem Loch im Fenster.

Zuerst kamen die Kinder, gleich alle sechs zusammen. Sie kamen, wie Kinder eben meist kommen, mit viel Lachen und Schwatzen, mit viel fröhlicher Lust.

Brigittchen hatte einen weißen Schleier und eine Goldpapierkrone mitgebracht, das war ihr Prinzessinnengewand. Erst hatte Tante Mathilde den Besuch gar nicht erlauben wollen, und da Brigittchen nicht, wie viele andere Kinder, mit Bitten und Schmollen eine Erlaubnis erzwingen konnte, wäre beinahe nichts daraus geworden. Glücklicherweise aber war Fräulein Helene gekommen und Brigittchen zu Liebe hatte diese gesagt, sie würde dann auch zu der Fastnachtsfeier gehen. Fräulein Helene hatte dann auch zwei buntseidene Tücher für die Hofdamen geliehen, und weil Fräulein Helene ging, erlaubte auch Frau Doktor Fabian die Fastnachtsfeier.

Jörgel hatte sich eine alte Maske mitgebracht, die er als Zauberer tragen wollte. Klaus Hippel hatte für die Ritter Severin und Wendelin aus dem Museum zwei Helme und Schwerter geholt. Der gute Alte dachte sich nichts dabei, und die Kinder auch nicht und doch wäre beinahe eine schlimme Geschichte daraus geworden.

Vorläufig waren alle ungemein lustig, selbst das sonst so stille Brigittchen kam gar nicht aus dem Kichern heraus. Und als noch alle von dem Pfannkuchen- und Punschwunder des Morgens erfuhren, da wurde die kleine Turmstube beinahe zu eng für all den fröhlichen Lärm.

Meister Hippels Fensterplatz in der tiefen Nische der dicken Mauer, das war das Schloß, in dem die Prinzessin mit ihren Dienerinnen gefangen saß, und vor dem Schloß sollte sich der Kampf mit dem Zauberer abspielen. Die Zuschauer kamen zur rechten Zeit. Die Spieler steckten derweil hinter einem großen Brett, das Frau Paulinchen an die Kommode angestellt hatte, nur die Prinzessin saß mit ihren Hofdamen im Erker, und als Schneider Langbein mit seiner Frau als erste Zuschauer kamen, da ging das Seufzen und Stöhnen der Gefangenen los, es war zum Steinerweichen. Anne-Marte mußte sich zwar immer wieder umdrehen, sie konnte und konnte das Kichern nicht unterdrücken.

Für die Gäste waren die zwei Stühle an der Türe aufgestellt worden, dem Fenster gerade gegenüber, und die Geschwister Fröhlich kamen auch sehr pünktlich, gleich nach dem Schneidermeister und seiner Frau.

Doktor Fröhlich sah die Helme der Ritter Severin und Wendelin über dem Brett hervorragen. »Die sind aus dem Museum,« dachte er, »ei, ei, Meister Klaus, sollte das erlaubt sein!« Er wollte aber das Vergnügen nicht gleich durch einen Tadel stören, darum sagte er nichts.

Brigittchen vergaß ganz ihre Prinzessinnenrolle, und ihre Tante Helene bekam Grüße, Kopfnicken, ja sogar ein Kußhändchen sandte die gefangene Prinzessin aus ihrem Schloß heraus ins Weite.

»Los!« rief da der Pantoffelmacher mit solcher Donnerstimme, daß die Hofdame Jantge das Schlüsselbund, das Mutter Paulinchen ihr zur Vervollständigung ihres Kostüms gegeben hatte, mit einem lauten Krach auf den Boden warf. Darüber kam Anne-Marte ins Kichern und nur Brigittchen konnte nach Vorschrift: »Ach und Weh« klagen. Sie tat es auch so jämmerlich, als hätte sie mindestens seit drei Tagen Zahnschmerzen.

Hinter dem Brett, vielmehr aus dem Zauberwald hervor, stürzten jetzt die Ritter Severin und Wendelin. Severin kam das Schwert zwischen die Beine und seinem Bruder rutschte der Helm so jäh über die Nase, daß Meister Hippel zuspringen mußte, um den armen Ritter aus seiner unangenehmen Lage zu befreien.

Inzwischen hatten sich die gefangenen Jungfräulein so in das Klagen gefunden, daß sie immer lauter und jämmerlicher schrieen, und niemand verstand über dem Geschrei den Zauberer Jörgel, der nun auch aus dem Zauberwald angerannt kam und rief:

»Ha, ich seh zwei Ritter gehn, Die sollen gleich verzaubert stehn!«

»Halt' doch den Mund und schrei nicht so!« flüsterte der grimme Zauberer gleich darauf seiner Schwester Anne-Marte zu.

»Kikikiki,« pruschte diese los.

Ritter Wendelin deklamierte mit schellender Stimme:

»Den Mann da will ich fragen, Er soll mir gleich mal sagen, Wer -- --«

Klapp, rutschte ihm der Helm wieder über die Nase, er vergaß seine Rolle und schrie jämmerlich »Au, au!«

»Setz' das Ding ab,« flüsterte Meister Hippel so laut, daß man es beinahe auf der Stadtmauer hören konnte.

Das war aber nicht so einfach; da langte Jantge aus dem Schloß heraus und befreite den armen Ritter aus seiner unangenehmen Lage.

»Ich will dir sagen wie ich heiß', Ich bin der Zauberer Allesweiß«

brüllte Jörgel, da rief unversehens seine Schwester: »Deine Maske hat ja ein Loch!«

»Aber Anne-Marte, sei doch still,« tuschelte Brigittchen ängstlich, und Jantge stöhnte laut: »Ach, ach, ach!«

»Ei, dann sag' mir, wo ich finde, Die Königstochter Hildelinde?«

sagte Severin laut und rasselte mit seinem Schwert, wie Doktor Fabians Hofhund Sultan mit seiner Kette.

»Es klingelt; ein weißer Spatz fliegt in den Turm,« rief da plötzlich Mutter Paulinchen, und vergaß im Augenblick das ganze Spiel.

»Unsinn,« brummte der Meister, der nicht gern gestört sein wollte. »Es wird eins von den Kindern sein, das findet schon die Treppe herauf. Sei nur still und störe nicht!«

»Willst sie wohl gar befrei'n? Guter Ritter, das laß sein!«

schrie der Zauberer Jörgel mit so hohnvoller, grimmiger Schadenfreude, daß Meister Hippel später sagte, es wäre ihm durch und durch gegangen.

Die Ritter Wendelin und Severin aber kamen um ihre kühne, von Säbelrasseln begleitete Antwort, denn an der Türe draußen polterte und klopfte es.

Mutter Paulinchen schrie vor Schreck auf, sie riß in ihrer Aufregung ihren Nähkorb herunter, der neben ihr auf einem Tischchen gestanden hatte.

Schneidermeister Langbein aber öffnete die Türe, und nun sahen die Anwesenden zwei fremde Herren und eine Dame draußen stehen, die erstaunt das Stübchen und seine Insassen musterten. »Sind wir hier recht, wir möchten das Museum sehen?« fragte der ältere der beiden Herren.

»Ja, jawohl,« rief Meister Hippel, »Paulinchen hol' den Schlüssel!«

Aber der Schlüssel war nicht so geschwind gefunden, Frau Paulinchen suchte, die Schneidermeisterin suchte, die Kinder begannen zu suchen, wo war er nur?

Inzwischen war Doktor Fröhlich auf die Fremden zugegangen und erklärte ihnen, was für eine Feier hier stattfinde.

Die Fremden lachten, die Dame sagte etwas spöttisch: »Können wir nicht zuhören?« »Ei gewiß,« sagte Meister Hippel, der dies für eitel Freundlichkeit hielt, »Paulinchen, wo ist nur der Schlüssel?«

Ja, wo war er denn nur? Alles suchte, alles kramte, bis plötzlich Meister Langbein sagte: »Haben Sie ihn vielleicht in der Tasche, Frau Nachbarin?«

Richtig, da war er! Ganz gemütlich steckte er drin.

»Jörgel hat ihn reingezaubert,« flüsterte Wendelin Anne-Marte zu.

Die Fremden kletterten die Treppen hinauf und oben zeigte ihnen Mutter Paulinchen die Schätze; Severin und Wendelin waren hinterher getrappt, sie stellten Helme und Schwerter fein säuberlich an ihren Platz.

»Hier geht es aber gemütlich zu, die richtige Kleinstadt,« flüsterte die Dame lachend einem ihrer Begleiter zu.

»Siehst du,« sagte der verdrossen, »ich sagte es doch gleich, es lohnt sich nicht, hier erst auszusteigen, was hat man denn in so einem Nest?«

»Ist der Kram alles, was in dem Museum ist?« fragte der andere Herr.

»Ja,« murmelte Mutter Paulinchen verlegen, sie merkte wohl, wie klein und lächerlich die Fremden alles fanden, und so wies sie nicht, wie sie es sonst tat, auf die reizvolle Aussicht hin, die man vom Turm aus hatte. Und doch war die Landschaft, die draußen von silbergrauem Dunst matt verschleiert lag, unendlich lieblich.

»Nebenbei benutzen Sie wohl die Sachen zu Ihren Fastnachtsspielen?« fragte der jüngere der Herren spöttisch.

Frau Paulinchen schwieg, aber das Herz tat ihr weh, daß die Fremden das Museum, das ihr Stolz war, so geringschätzig behandelten. Und es gab doch mancherlei zu sehen, was der Mühe lohnte, das wußte sie.

Es hatte mancher Besucher schon anerkannt. »Man findet selten so ein schönes Stückchen Vergangenheit so wohl erhalten,« hatte einmal ein sehr berühmter Gelehrter gesagt. Der junge Herr schrieb dabei immerzu in sein Notizbuch, er sah sich aber garnicht um, nur auf die alten, schöngeschnitzten Möbel warf er einen flüchtigen Blick. »Ganz passabel,« murmelte er.

Als die Pantoffelmacherin von der ruhmreichen Vergangenheit der Stadt erzählen wollte, unterbrach sie der ältere Herr: »Lassen Sie nur, gute Frau, wer weiß, ob das geschichtlich verbürgte Tatsachen sind, solche kleinen Nester, wie Ihre Stadt, brüsten sich gern mit ihrer Vergangenheit. Ich denke,« wandte er sich an seine Begleiter, »wir gehen jetzt, wir haben genug von Neustadt's Reizen gesehen!«

Damit gingen die drei. Das Trinkgeld war so reichlich wie selten, und doch hatte Frau Paulinchen wenig Freude dran. Manche bescheidene Gabe hatte ihr mehr Freude gemacht, wenn nämlich der Geber in hellem Entzücken die Rundsicht vom Turme genossen hatte.

Die Fremden gingen, und die Frau kehrte in ihre Stube zu dem unterbrochenen Spiel zurück. Dort hatten die Kinder einstimmig erklärt, vor den Fremden wollten sie nicht spielen, und zur Abwehr waren sie alle miteinander in den Zauberwald zwischen Brett und Kommode gekrochen; daß es darin etwas eng zuging, erhöhte nur das Vergnügen.

Die Geschwister Fröhlich hatten wohl den Spott der Fremden gemerkt, Fräulein Helene dachte mit nachsichtigem Lächeln an den erstaunten Blick der Dame, die fand es sicher komisch, daß sie hier im Pantoffelmacherstübchen saß und dem Spiel der Kinder lauschte. »Wie kleinstädtisch ist diese Fastnachtsfeier,« hatte die Fremde geflüstert.

»Sie weiß eben nicht, wie traut und heimlich es in einer kleinen Stadt sein kann,« dachte Helene Fröhlich, und sie sah sich selbst wieder so einsam und verlassen in dem riesengroßen London sitzen. Mutterseelenallein war sie gewesen, und niemand hatte sich um sie gekümmert.

»Warum bist du so traurig, Tante Helene?« fragte auf einmal ein liebes Stimmchen. Prinzessin Brigittchen war aus dem Zauberwalde hervorgekrochen, weil sie gesehen hatte, wie sinnend und betrübt ihre Tante auf einmal dreinsah.

»Ich bin nicht traurig, mein Herzel,« sagte Fräulein Helene, und ihre Stimme klang auf einmal wieder froh und hell. Sie nahm ihre kleine Freundin auf den Schoß, und Brigittchen schmiegte sich ganz fest an sie an und sagte wieder wie so oft: »Ich hab' dich lieb!«

Just in diesem Augenblick trat Frau Paulinchen in das Zimmer, und ihr Mann rief ganz enttäuscht: »Wo sind denn die fremden Herrschaften geblieben?«

Seine Frau erzählte von dem Besuch, aber sie mußte zweimal erzählen, ehe es der gute Klaus Hippel begriff, daß es den Fremden ganz und garnicht oben im Turm gefallen hatte. »Nicht gefallen bei uns!« rief er einmal über das andere erstaunt, »ja, wie ist denn so was möglich! Ich bin zwar noch nie aus Neustadt herausgekommen, aber so was Schönes wie unseren Turm, die Aussicht und das Museum, habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen, wirklich und ganz gewiß nicht, na, so was aber auch!«

Ein Weilchen verging mit Hin- und Herreden, ehe das Spiel fortgesetzt werden konnte. Frau Paulinchen wollte die Schwerter und Helme wieder von oben herunterholen, aber Doktor Fröhlich meinte, es ginge auch so, einer der Ritter könnte seinen Spazierstock, der andere die Ofengabel nehmen. Und es ging wirklich so, das Spiel wurde in aller Fröhlichkeit fortgesetzt, die gefangene Prinzessin und ihre Hofdamen ächzten und stöhnten zum Erbarmen, die Ritter brüllten machtvoll, der Zauberer zauberte gar erstaunlich, aber zuletzt half ihm alle Zauberei nichts, er wurde eingesperrt, die Prinzessin befreit und von Ritter Wendelin als Braut heimgeführt. --

Es war wirklich ein wunderschönes Stück gewesen, Mutter Paulinchen und die Schneidermeisterin weinten vor Rührung, und der Pantoffelmacher war so aufgeregt, daß er zuletzt alle Verse mitsagte. Kurz, es war wunderschön, Klaus Hippel sagte es immerzu, und der mußte es doch wissen, er hatte ja das Stück gedichtet.

Daß es nachher Pfannkuchen gab und für die Erwachsenen Punsch, trug nicht wenig zur Lust bei. Und Fräulein Helene zeigte dabei, daß sie auch etwas von Zauberei verstand, sie gab nämlich jedem Kind einen besonders großen Pfannkuchen, recht dick mit Zucker bestreut und sagte: »Eßt mal die, sie sind besonders gut, brecht sie aber auseinander.«

Mit dem Auseinanderbrechen ging es aber nicht so recht, bis schließlich alle Kinder wie aus einem Munde riefen: »Die sind ja gar nicht echt.« Es fanden sich allerlei hübsche Mützen aus Seidenpapier in den angeblichen Pfannkuchen, mit denen sich die Kinder geschwind schmückten.

Die Fröhlichkeit im Turmstübchen wurde immer größer und es gab betrübte Gesichter bei Wirtin und Gästen, als Fräulein Helene zum Aufbruch mahnte. Aber trotzdem wurde auch der Heimweg recht fastnachtslustig. Niemand hatte etwas dagegen, daß die Kinder in den stillen Straßen, durch die ihr Weg sie führte, fröhliche Lieder sangen. Höchstens daß mal jemand, der ihnen begegnete, sich umdrehte und sagte: »Ei, seid ihr aber lustig!«

»Und morgen ist Aschermittwoch,« sagte Wendelin, als man auf dem Kirchplatz angelangt war, »ich hab' schon eine feine Rute, da will ich ordentlich kehren.«

»Mich bekommst du nicht,« neckte Anne-Marte kichernd.

»Mich auch nicht!« rief Brigittchen.