Kleinstadtkinder: Buben und Mädelgeschichten

Part 4

Chapter 43,758 wordsPublic domain

»Ihr bittet für Eures Hauses Feind?« fragte der Herzog und sah den Junker scharf an.

»Ja, da schlag doch das Wetter drein!« rief Herr Wunibert von Stein, »aber nichts für ungut, gnädiger Herr, ehrlich währt am längsten. Beim Himmel, ich bin den Neustädtern auch nicht grün, aber für einen Hochverräter halte ich ihren Bürgermeister doch nicht!«

Und plötzlich erhoben sich noch mehr Stimmen für den Angeklagten, manch' einer, der aus Zagheit geschwiegen hatte, sprach nun für ihn. Der Herzog, der, wenn sein rascher Zorn verraucht war, billig und gerecht dachte, wandte sich an die Ankläger und ließ die noch einmal ihre Beweise vorbringen. Die hatten mancherlei zu sagen, aber wenn einer ruhig und überlegen prüft, kommt er oft zu anderer Ansicht als im ersten Zorn. So erging es auch dem Herzog; die Beweise erschienen ihm auf einmal recht lückenhaft und anfechtbar, und so sagte er endlich: »Ich werde die Sache nochmals von andern Räten untersuchen lassen. Dich, Albrecht Mooshage, Bürgermeister von Neustadt, gebe ich frei, so du schwörst, daß du, wenn du schuldig befunden wirst, dich freiwillig meinem Urteil stellst«.

»Mein gnädiger Herr Herzog,« sagte der Bürgermeister ruhig, »ich kam, als Ihr rieft, und so werde ich immer kommen, wenn Ihr ruft. Ich bin mir keiner Schuld bewußt!«

Da gab ihn der Herzog frei, und das Volk, das alles mit angehört hatte, jauchzte laut, die beiden falschen Ankläger aber verließen gar geschwind die Stadt, es war ihnen recht bänglich zu Mute. Der Herzog, der bald die völlige Unschuld des Bürgermeisters erkannte, verbannte später beide von seinem Hofe; er führte über den Bischof Albert Klage beim Papst, der diesen seines Amtes entsetzte.

Fridolin von Stein verließ neben Albrecht Mooshage und Gertrudis den Anger, und der alte Herr von Stein auf Reiffenstein sah den dreien etwas mißmutig nach. Er grollte auch gewaltig, als Fridolin ihm später erklärte, er wollte Vater und Tochter heimbegleiten. »Es sind unsere Feinde,« brummte er. Das mannhafte Auftreten des Bürgermeisters, der bereit gewesen war, sein Leben für den Frieden seiner Vaterstadt hinzugeben, hatte ihm aber doch so gefallen, daß sein Zorn sich besänftigte, und es hatte doch auch Gertrudis seinen Sohn gerettet. Das Ende vom Liede war, daß er selbst mit heimritt. Er versicherte zwar, seine Feindschaft gegen Neustadt sei nicht etwa vorbei, nur sicher heimgeleiten wollte er Vater und Tochter, das sei Christenpflicht, auch sei er niemand gern etwas schuldig, selbst einem Mägdlein nicht. Ein wenig mürrisch ritt also der Ritter an des Bürgermeisters Seite heimwärts, aber war es die sonnenhelle Frühlingspracht, oder war es das frohe Plaudern seines Sohnes mit Jungfrau Gertrudis, was ihn erheiterte, kurz und gut, sein Gesicht hellte sich nach und nach auf, er wurde ganz gesprächig. Der alte Kaspar ritt hinterdrein und dachte in seinem Sinn: »Ob es nun nicht immer so friedlich in der Welt zugehen könnte«.

Die Neustädter aber meinten schier, sie müßten auf den Rücken fallen, als an einem Sonntag Mittag ihr Bürgermeister heil und unversehrt in die Stadt einritt, neben ihm die beiden Herren von Stein auf Reiffenstein. Die Freude war so groß, daß, wie der Chronist schreibt: das Geschrei kein Ende nehmen wollte. »Im Mai des folgenden Jahres«, schreibt dann der Chronist weiter, »hielt Herzog Bernhardt Einzug in seine vielliebe und getreue Stadt Neustadt. Und ritten ihm Rat und Bürgerschaft bis vor das Südtor entgegen, und konnte jeglicher merken, mit welcher Freundlichkeit unser gnädiger Herr Herzog mit unserer lieben Stadt Bürgermeister, Herrn Albrecht Mooshage, sprach. Und dessen Jungfrau Tochter grüßte er mit gar freundlichem Lachen und verlobte sie alsbald mit dem Junker Fridolin von Stein. Hatte auch des Junkers Herr Vater nichts mehr dawider zu sagen und war doch einstens so feindlich unserer Stadt gesinnt.«

»Wie geht's denn weiter?« fragte Wendelin, kaum daß der Doktor das letzte Wort gesprochen hatte.

Der lachte: »Ja, Kinder, die Geschichte ist halt zu Ende. Aber jedenfalls ist es dem Bürgermeister und seinen Kindern gut gegangen. Albrecht Mooshage hat noch viele Jahre sein Amt verwaltet, nachher wird der Herr Fridolin von Stein als Bürgermeister genannt. Von dem sagte der Chronist auch, daß er ein gerechter und frommer Mann gewesen sei. Er hat auch auf Bitten seiner Frau das Gertrudenspital erbaut und hat es nach seiner viellieben Hausfrau so genannt. Die schöne Gertrudis ist eine glückliche Frau geworden, sie ist aber nicht allein glücklich gewesen, sie hat auch andere glücklich gemacht, und das ist das Beste, was man von einem Menschen sagen kann«.

Ein Weilchen noch schwatzten die Kinder dies und das, Doktor Fröhlich beantwortete ihnen noch allerlei Fragen, dann liefen sie heim, und auf dem Heimweg sagte Jörgel zu Brigittchen: »Ich möchte auch so werden wie Albrecht Mooshage«. »Und ich wie Gertrudis,« flüsterte Brigittchen und wurde ganz rot dabei. Jörgel aber rief: »Es ist doch fein, daß unser Neustadt schon so alt ist und eine so wichtige Stadt war!«

Das sagte Klaus Hippel auch, als er die Geschichte erfuhr, und daß just der alte Südtorturm der war, in dem er wohnte, freute ihn am allermeisten.

Weihnachtsaugen.

Die Tage vor Weihnachten sind zwar, so behaupten wenigstens die erwachsenen Leute, recht kurz, den Kindern erscheinen sie aber mitunter endlos lang, und als Severin Gutgesell drei Tage vor dem Feste sagte: »Ich glaube, diesmal wird es überhaupt nicht Weihnachten,« da fand sein Bruder Wendelin, daß er vollständig Recht hätte.

An eben diesem Tage wurde auch dem Doktor Theobald Fröhlich die Zeit herzlich lang. Er hatte zwar noch sehr viel in seinen alten Schriften zu lesen und gehörte auch sonst nicht zu den Leuten, die sich vor lauter Faulheit langweilen, aber an diesem Tage meinte er doch, die Uhr rücke recht, recht langsam vorwärts. Und war der Doktor ungeduldig, so war es die alte Dorothee nicht minder. Wohl zehnmal erinnerte sie: »Ist es noch nicht Zeit, auf den Bahnhof zu gehen? Der Weg streckt sich«.

Endlich rief ihr Herr: »Dorothee, jetzt gehe ich, Zeit ist noch reichlich, aber stillsitzen kann ich nicht mehr«. --

»Ist auch recht!« rief die Alte, »das Kaffeewasser wird gleich hingesetzt; du meine Güte, so ein junges Ding, und kommt mutterseelenallein aus einem fremden Lande angereist«.

»Aber nun bleibt sie hier, hurra!« rief der Doktor, und krach, fiel die Haustür hinter ihm zu.

Er hatte auch Grund zu Freude und Ungeduld, denn er ging auf den Bahnhof, um seine Schwester Helene abzuholen, die nun wirklich, gerade zur rechten Zeit, um ordentlich mit dem Bruder Weihnachten zu feiern, in Neustadt anlangte.

Fräulein Helene Fröhlich, die immer aussah, als wäre ihr Name eigens für sie erfunden worden, hatte Neustadt nicht verschlafen, sie fiel auch nicht auf dem Bahnsteig hin wie ihr Bruder, sondern direkt in dessen weitgeöffnete Arme hinein. Weinend und lachend zugleich lagen sich die Geschwister in den Armen. Drei Jahre hatten sie sich nicht gesehen, eine halbe Ewigkeit schien ihnen dies zu sein. So strahlend sahen beide aus in der Wiedersehensfreude, daß alle Leute, die auf dem Bahnhof waren, anfingen, sich mit zu freuen. Der Herr Inspektor lachte, und der Mann, der die Billetts knipste, auch, ein altes Frauchen sagte: »Nu ja, man denkt s'ist heute schon Weihnachten«.

»Ja wirklich, hier ist Weihnachten,« rief Helene jubelnd, »hier ist doch Schnee, weißer, weicher Schnee. In Hamburg regnete es, als ich durchfuhr, in London war dicker, gelber Nebel bei meiner Abreise, aber hier ist Winter, ist Weihnachtswetter, nein, wie froh bin ich«.

Und Arm in Arm schritten die Geschwister durch die verschneiten Straßen dem Hause zu, das ihnen gehörte, und in dem sie nun vereint Weihnachten feiern wollten.

»Sieh da, dort ist das Dach, das ist schon unser Haus!« rief der Bruder, und die Schwester blieb stehen, und beide sahen so eifrig auf das Stückchen Dach, daß sie fast den schüchternen Gruß überhörten, den ein kleines, weißgekleidetes Mädchen ihnen bot.

»Das ist ja Brigittchen!« rief Doktor Fröhlich und gab der Kleinen die Hand.

»Da sieh, Lene, wir beide hier sind schon recht gute Freunde miteinander, nicht wahr, Brigittchen?«

Die Kleine nickte, sie reichte der fremden Dame etwas zaghaft ihr Händchen, und Helene Fröhlich beugte sich liebreich zu dem Kinde herab und schaute in die Veilchenaugen, die heute so bitterernst dreinschauten.

»Aber Kind, du machst ja keine Weihnachtsaugen,« rief Helene, »freust du dich nicht auf Weihnachten?«

»Nein,« flüsterte Brigittchen scheu und senkte den Blick, dann huschte sie eilig davon.

»Warum ist die Kleine so traurig?« fragte Helene, aber ihr Bruder konnte ihr darauf keine Antwort geben. »Da mußt du Dorothee fragen, die weiß es vielleicht,« sagte er.

Dazu kam Helene Fröhlich zwar nicht so bald; sie wurde von der alten Magd mit so viel herzlicher Freude und so heißem Kaffee begrüßt, und mußte gleich das Haus von oben bis unten ansehen, daß sie zuerst gar nicht recht zur Besinnung kam.

»Hier ist die Bibliothek,« sagte der Bruder.

»Dort nach dem Garten hinaus liegt Fräuleins Zimmer,« rief Dorothee, »und hier ist der Kaffeetisch gedeckt«.

»Ja, ja, erst Kaffee trinken, aber sieh' mal hier hinaus, Lene!« schrie der Bruder aufgeregt.

»Ist es auch warm genug hier, und wieviel Kopfkissen will Fräulein haben?« fragte Dorothee.

Und so ging es eine Weile fort, und dazwischen lachte Helene, umarmte den Bruder, umarmte die alte Magd und rief: »Ich freue mich ja so, ich freue mich ja so sehr!«

Und über dem Zeigen und Bewundern, Freuen, Kaffeetrinken und Treppauf-, Treppablaufen kam der Abend heran, die Geschwister saßen zusammen und erzählten sich von der Zeit, in der sie sich nicht gesehen hatten; da sagte auf einmal Helene: »Ich muß Dorothee fragen, warum Brigittchen keine Weihnachtsaugen hatte«.

Nun, das wußte die alte Magd freilich. Sie erzählte, daß Brigittchens Mutter vor fünf Jahren etliche Wochen vor Weihnachten gestorben sei, seitdem würde wohl das Fest im Hause gefeiert, der Hausherr kümmere sich aber nicht viel darum; Fräulein Mathilde besuche meist ein paar Freundinnen, und so sei die Kleine gewöhnlich allein. »Was nützen ihr da die vielen prächtigen Geschenke,« sagte die Alte, »Mitfreude und Liebe braucht so ein Kind, und daran fehlt es halt.«

»Mitfreude und Liebe brauchen auch große Menschen,« rief Helene Fröhlich, »wir wollen Weihnachten zusammenfeiern, Theo, aber auch andere nicht vergessen. Wissen Sie nicht ein paar arme Familien, Dorothee, denen wir bescheren können?«

Die Alte lachte über das ganze Gesicht, sie sah aus wie das reine Behagen, so gefiel es ihr, und sie wußte gleich etliche Leute zu nennen, bei denen die Weihnachtsfreude wohl angebracht war.

»Morgen kaufen wir zusammen ein,« sagte Doktor Fröhlich, »und Weihnachtsbäume müssen wir schmücken, na, wir können uns tummeln, um fertig zu werden«.

So viel fröhliche Lust hatte das alte Haus lange nicht gesehen, wie in diesen Tagen. Mitten in aller Geschäftigkeit dachte Helene Fröhlich aber doch an Brigittchens traurige Augen, und wie sie dem armen, reichen Kinde zur rechten Weihnachtsfreude helfen könnte. »Ich möchte sie zu unseren Armen mitnehmen, ob sie wohl darf?« fragte sie die alte Dorothee.

»Ei, da gehe ich halt einfach hinüber und frage,« erwiderte diese.

»Fräulein Mathilde von drüben ist doch manchmal bei meiner seligen gnädigen Frau gewesen, und das Brigittchen kam oft, da wird es wohl auch heute die Erlaubnis bekommen, zumal der Herr Schön erst gegen Abend von einer Reise wiederkommt, und die Bescherung spät sein wird«.

Gesagt, getan. Dorothee ging ins Nachbarhaus, und Fräulein Mathilde erlaubte den Besuch; sie fand es recht bequem, das Kind auf einige Stunden in guter Obhut zu wissen. Und Brigittchen freute sich. Die schöne Geschichte, die Doktor Fröhlich erzählt hatte, lag ihr noch im Sinn. Froh, aber doch wieder zaghaft, ging sie gleich nach dem Mittagessen hinüber in das Nachbarhaus. Ja, wenn die Freunde mitgewesen wären, dann hätte sie schon Mut gehabt, allein aber war sie ein rechtes Furchthäschen. Doch die Freunde hatten nun mal keine Zeit. Anne-Marte hatte am Morgen nur einmal das Näschen zur Türe hineingesteckt und gerufen: »Ich habe noch mein Kissen für Muttel fertig zu nähen!« Wendelin und Severin rührten sich an diesem Tage gar nicht zum Hause hinaus, aus Angst, sie könnten etwas Wundervolles verpassen; nur Jörgel war eine halbe Stunde mit seiner kleinen Freundin Schlitten gefahren.

Beinahe wäre Brigittchen an der Türe wieder umgekehrt, so schwer erschien es ihr, allein zu der fremden Dame zu gehen, doch diese hatte schon Umschau gehalten, und sie holte sich geschwind ihren Gast herein. Sie begrüßte das Kind liebevoll und sagte heiter: »Erst mußt du mir helfen Bäume putzen, nachher gehen wir miteinander und tragen Weihnachtsgaben fort, willst du?«

Brigittchen nickte nur. Erst war es, als hätte sie ihren Mund vergessen, und verträumt blickte sie sich um, als sie in ein Zimmer geführt wurde, in dem drei kleine Tannenbäume standen; allerhand glitzernder Schmuck lag dabei, rote Äpfel und buntes Zuckerwerk.

Helene Fröhlich begann geschwind ein blitzendes Sternlein nach dem anderen an die grünen Zweige zu hängen, dabei rief sie munter: »Hilf mir, Brigittchen, da, hänge den Apfel dorthin, hierher einen Schokoladenkringel, tummle dich, geschwind, geschwind, wenn die Sonne untergeht, müssen wir fertig sein!«

Die Kleine griff zaghaft in den schimmernden Tand hinein. Wie wunderhübsch das doch war, daß sie all' die feinen, zierlichen Dinge an die Bäumchen hängen durfte; da war ein Sternlein, da ein Weihnachtsengel, eine silberne Glocke, leuchtende Kugeln und Ketten.

»Wir wollen auch dabei singen,« sagte Fräulein Helene, und mit heller Stimme begann sie:

»Alle Jahre wieder kommt das Christuskind!«

Ei, da fiel Brigittchen geschwind ein, und auf einmal tönte in den hellen Zweigesang hinein eine tiefe Stimme; Doktor Fröhlich war in das Zimmer getreten, er wollte nun auch mitsingen. Es klang aber ganz wunderlich, wenn er so tief dazwischen brummte; dichten konnte er wohl, aber nicht singen.

Seine Schwester lachte, und Brigittchen kicherte vergnügt hinter ihrem Bäumchen. Nun kam die alte Dorothee auch herbei und wollte auch mitsingen; sang aber der Herr Dichter so tief, als wollte er in einen Keller fallen, so sang sie so hoch, als wollte sie auf einen Turm klettern. Fräulein Helene kam darüber aus dem Takt, und mit einem fröhlichen Gelächter endete der Gesang.

Inzwischen waren die Bäumchen fertig geworden, und draußen begann sacht die Dämmerung heraufzuziehen. Dann ging es hinaus. Mit Bäumchen und Paketen voll beladen gingen die Geschwister, Brigittchen und Dorothee durch die engen Gäßlein, die hinter St. Marien lagen. In einem schmalen, altertümlichen Haus kletterten Doktor Fröhlich, Fräulein Helene und Brigittchen drei steile, enge Treppen hinauf, und oben führte eine blasse Frau sie in eine armselige Stube.

»Wir sind alle in der Küche, ach! die Kinder können es kaum erwarten,« sagte sie, und ihr Blick fiel sehnsüchtig auf die Pakete.

»Jetzt spielen wir Weihnachtsmann, Brigittchen,« sagte Helene Fröhlich, und sie begann geschwind die Pakete auszupacken. Wie in einem Märchen war es, lauter schöne Dinge kamen zum Vorschein, Spielsachen, Kleidungsstücke, Pfefferkuchen und Weihnachtsstriezel. Auf den Tisch wurde ein sauberes Tuch gelegt, das Bäumchen darauf gestellt und eins, zwei, drei war die ganze Stube in ein trauliches Weihnachtszimmer verwandelt. Doktor Fröhlich zog eine kleine Glocke hervor und klingelte, und die blasse Frau und fünf Kinder traten in das Zimmer. Eilig polterten sie herein, aber dann blieben sie alle an der Türe stehen und sahen auf das schimmernde Bäumchen und all' die schönen Sachen, und ihre Augen strahlten und glänzten, als seien auch darin Lichter angezündet.

»Nun komm husch fort,« flüsterte Fräulein Helene Brigittchen zu. Sacht schlichen sich die Geschwister und die Kleine aus dem Zimmer, so heimlich, daß Mutter und Kinder in ihrer Freude es gar nicht merkten.

Und weiter ging es, in eine Familie wo der Vater krank lag, er war bei einem Bau verunglückt, auch hier gab es helle Weihnachtsfreude, und der Jubel drang den freundlichen Gebern noch auf die Treppe nach.

»Nun nach dem Gertrudenspital,« sagte Dorothee, »zu den drei Frauen, die meine selige gnädige Frau immer beschenkt hat«.

Das Gertrudenspital lag dicht an der Stadtmauer; der Weg dahin führte an dem runden Wartturm vorbei, hell leuchteten dessen Fenster in die Dämmerung hinaus. Brigittchen, deren Scheu vor Fräulein Helene schon ganz verschwunden war, erzählte dieser von Klaus Hippel und Frau Paulinchen, und sie hätte gern noch mehr erzählt, aber da war man schon am Gertrudenspital angelangt. Es war jetzt ein Heim für alte Frauen, die hier in ruhigem Frieden ihren Lebensabend verbrachten. Drei von diesen Frauen hatte die verstorbene Tante der Geschwister immer mit allerlei Eßwaren beschenkt, und diese drei Frauen saßen an diesem Weihnachtsabend recht betrübt beieinander. Zu allen andern kamen Angehörige und brachten ihnen etwas zur Weihnachtsfreude, zu ihnen würde wohl niemand kommen, dachten sie, denn ihre alte Beschützerin war tot.

Auf einmal aber trappelte und klingelte es draußen, und herein spazierte Fräulein Helene, ein brennendes Bäumchen in der Hand, Brigittchen und Dorothee schleppten Pakete herbei, und flink hellten sich da die alten Gesichter auf, es gab auch hier echten Weihnachtsjubel.

»Ach, und das feine Bäumchen,« sagte Trine Tillmann, die älteste der Frauen, »da müssen wir doch nachher gleich die kleine Jantge holen, die hat doch kein bißchen Weihnachtsfreude«.

»Wer ist denn Jantge?« fragte Fräulein Helene.

Und Trine Tillmann erzählte, Jantge sei eine kleine Waise, von weit her sei sie gekommen, von der holländischen Grenze, hier im Spital sei ihre Urgroßmutter untergebracht, niemand weiter hätte die Kleine auf der ganzen Welt als die alte Frau. Es sei eine besondere Güte von dem Herrn Bürgermeister, daß er erlaubt hätte, daß Jantge vorläufig hier bleiben durfte; was später aus dem Kind würde, das wußte noch niemand. Ein fröhliches Leben hätte die Kleine nun freilich nicht unter all' den alten Frauen, zumal die Urgroßmutter recht schwach und hinfällig sei. Aber ein liebes Mädelchen wäre Jantge, allezeit freundlich und gefällig, ein rechter kleiner Sonnenstrahl.

»Hätte ich das gewußt,« sagte Fräulein Helene betrübt, »wie gern hätte ich etwas für das Kind mitgebracht«.

»Sie soll von dem Baum nehmen was sie mag, und Pfefferkuchen und Äpfel soll sie auch von uns haben,« tröstete Trine Tillmann.

»Ja, das soll sie,« sagte die alte Bärbe Bach, »s'ist wirklich ein liebes Kind«.

Als die Geschwister Fröhlich und Brigittchen nach herzlichem Abschied von den drei Frauen heimgingen und den langen Flur des alten Gebäudes durchschritten, sahen sie durch eine offenstehende Tür in ein schlichtes, sauberes Zimmer hinein. Dort saß eine alte Frau im Lehnstuhl, und ein kleines, blondes Mädchen brachte ihr sorgsam einen heißen Trank in einer Tasse.

»Das ist gewiß Jantge,« flüsterte Brigittchen und schaute die Kleine aufmerksam an, die wohl in ihrem Alter sein mochte; sie hatte auch so blonde Haare wie sie selbst, die schauten unter einem weißen Mützchen hervor, und eine große, hellblaue Schürze hatte sie vorgebunden.

»Ja, das wird wohl die kleine Jantge sein; aber nun komm rasch, Kind, sonst schilt deine Tante, daß wir zu lang geblieben,« sagte Fräulein Helene Fröhlich. Heiter stapften die Wanderer bald darauf durch den Schnee wieder heimwärts. Wieder kamen sie am runden Turm vorbei, hinter dessen Fenster sah man jetzt die Kerzen eines Christbaumes strahlen.

»Nun ist es bald Zeit,« flüsterte Brigittchen, und Freude lag in ihrem Stimmchen.

»Jetzt hast du Weihnachtsaugen, Kind,« sagte Helene Fröhlich, als sie der Kleinen unter der Laterne, die gerade vor dem Schönschen Hause brannte, lebewohl sagte. »Behalte deine Weihnachtsaugen und vergiß nicht, mich in den Feiertagen zu besuchen!«

Brigittchen hob sich auf den Zehenspitzen empor, legte ihre Ärmchen um des Fräuleins Hals und sagte ganz leise: »Ich hab' Sie lieb.«

Ein Weilchen hielt Fräulein Helene das Kind zärtlich in ihren Armen, lieb und warm wie eine Mutter, dann sagte sie heiter: »Nun geh Kleine; fröhliche Weihnacht, sing auch ein Lied unterm Tannenbaum!«

Dann ging Brigittchen in ihr Vaterhaus, dort saß sie noch eine halbe Stunde im dunklen Zimmer, bis hell die Glocke erklang und alle Hausbewohner das Bescherungszimmer betraten. Wie immer ging auch diesmal die Bescherung schnell vorbei, die Dienstleute nahmen ihre Sachen, sagten danke und gingen hinaus; »drinnen kann man sich doch nicht recht freuen,« meinten sie. Der Hausherr verließ schon nach fünf Minuten das Zimmer, und Fräulein Mathilde rüstete sich zum Fortgehen, sie trug der Köchin noch auf, bald den Baum auszulöschen und sagte zu Brigittchen: »Na Kind, nun spiele nur schön mit all deinen hübschen Sachen, langweilen wirst du dich wohl nicht.«

Da saß nun Brigittchen mutterseelenallein in dem prächtigen Zimmer und schaute auf den brennenden Baum und all die vielen, vielen Spielsachen. Es war alles recht schön, aber ihre Weihnachtsaugen hätte Brigittchen doch beinahe verloren. Zur rechten Zeit aber fiel ihr ein, wie lustig am Nachmittag das Singen im Nachbarhaus gewesen war, und daß Fräulein Helene ermahnt hatte, sie sollte auch bei sich ein Weihnachtslied singen. Sie nahm eine der drei neuen Puppen auf den Arm, holte flugs Lilli, Milli und Cilli, die anderen Puppenkinder herbei, setzte sich mit ihnen auf das Sofa und fing an, ein Weihnachtslied zu singen. »Stille Nacht, heilige Nacht.« Sie sang erst leise und zaghaft, dann mit immer hellerem Stimmchen, wie ein kleiner Vogel, der sich im Sonnenschein seines Lebens freut.

Draußen in der Küche wurden die Dienstmädchen plötzlich still. »Unser Brigittchen singt,« sagten sie. So selten war des Kindes Stimme im Hause zu hören, daß es ihnen fast wie ein Wunder vorkam, daß die Kleine sang. Ihnen fiel auch ein, wie einsam doch das Kind sei, niemand von ihnen hatte sich heute noch recht um die Kleine gekümmert. Sie schlichen sich an die Türe und lauschten, und wie sie so die alten trauten Lieder hörten, da wurde es ihnen erst so recht weihnachtlich, feierlich zu Mute.

Auch Herr Schön hörte den Gesang, auch er dachte dabei daran, wie einsam eigentlich sein Kind sei, und auch er stand auf und betrat leise das Bescherungszimmer. Da saß Brigittchen im Kreise ihrer Puppen, wie ein richtiges kleines Mütterchen, und ihre Augen strahlten wie die Kerzen am Lichterbaum. Jauchzend hell sang sie:

»Alle Jahre wieder Kommt das Christuskind, Auf die Erde nieder, Wo wir Menschen sind.«

Auf einmal sah die kleine Sängerin ihren Vater, da unterbrach sie verlegen ihren Gesang. »Wie schade!« sagten die Mägde an der Türe. Herr Schön aber ging rasch auf sein kleines Mädchen zu, nahm es auf den Arm und bat: »Sing noch ein Lied, mein Kind, es gefällt mir so!«

Ei wie gern sang da Brigittchen, sie sang alle Lieder, die sie kannte, und zuletzt sangen die Mägde mit und der Gesang rauschte durch das Haus, daß es ein richtiges, frohes Weihnachtshaus wurde.

Noch immer brannten die Lichter am Baum und Herr Schön sagte, sie sollten auch brennen bleiben, er wollte mit seinem Kind unterm Weihnachtsbaum zusammen Abendbrot essen.

Das wurde ein fröhliches Mahl, sämtliche Puppen durften dabei sitzen, große und kleine, alte und neue. Vater und Kind schmausten munter zusammen und dabei erzählte Brigittchen von den Geschwistern Fröhlich gegenüber am Kirchplatz, von der Weihnachtswanderung und von Jantge im Gertrudenspital. Sie erzählte auch, was Fräulein Helene von den Weihnachtsaugen gesagt hatte. »Hab' ich auch noch welche, Väterchen?« fragte die Kleine besorgt, denn sie hatte Angst, sie könnte die Weihnachtsaugen verloren haben, und darüber wäre Fräulein Helene gewiß traurig gewesen.