Kleinstadtkinder: Buben und Mädelgeschichten

Part 3

Chapter 33,830 wordsPublic domain

Mutter Paulinchen zeigte ihm auch das Museum, und die Kinder stiegen die Turmtreppe mit hinauf, sie wollten erklären helfen. »Die Waffen stammen aus dem dreißigjährigen Krieg!« erzählte Frau Paulinchen, »und diese hier aus der Franzosenzeit.«

»Wann war denn der dreißigjährige Krieg?« fragte der Doktor neckend, und unglückseligerweise richtete er seine Frage gerade an Wendelin.

Der seufzte schwer, Geschichte, Geographie und noch manche andere Fächer waren seine schwache Seite.

»Der war, der war -- als Napoleon lebte,« sagte er endlich kühn.

Der Doktor lachte, und die anderen Kinder kicherten. »Wie lange hat der Krieg denn gedauert?«

»Sieben Jahre!« rief Wendelin stolz ob seiner gewaltigen Kenntnisse.

Die andern lachten hell auf, nur Brigittchen nicht, der tat es gleich leid, daß der Freund ausgelacht wurde, und schmollend sagte sie: »Es ist doch nicht schlimm, wenn Wendelin ein paar Jahre weniger sagt.«

»Na eben,« brummte Wendelin, der jetzt merkte, daß er eine Dummheit gesagt hatte, »meinetwegen kann der dreißigjährige Krieg auch zehn Jahre gedauert haben.«

»Hier sind auch ein paar alte Handschriften,« sagte Mutter Paulinchen mitten in das allgemeine Gelächter hinein, »sie sind erst vor ein paar Jahren gefunden worden, aber gelesen hat sie noch niemand. Es war zwar mal ein berühmter Professor da, der wollte sie studieren, er hatte damals aber keine Zeit, und dann ist er gestorben«. Doktor Fröhlich blätterte in den alten Pergamentschriften herum, er konnte die altertümliche Handschrift gut lesen, und die Sache interessierte ihn. Am liebsten hätte er die Blätter mit nach Hause genommen, aber das ging doch nicht an, Pantoffelmachers durften nichts aus dem Museum verborgen. »Der Herr Bürgermeister wird es schon erlauben,« meinte Mutter Paulinchen.

»Ich möchte auch wissen, was darin steht,« flüsterte Brigittchen mit versonnenen Augen. Die Kleine war ein rechtes Märchenkind und Geschichten lesen und hören, war für sie das allerallergrößte Vergnügen.

Doktor Fröhlich hatte die Worte gehört, und lächelnd versprach er: »Wenn eine Geschichte darin ist, die Kindern gefallen kann, dann erzähle ich sie euch, wollt ihr?«

Ob sie wollten! Keines sagte nein, und sie versprachen dem Doktor Fröhlich alle, sie wollten ihn recht bald besuchen. Und als er gegangen war -- er hatte es sehr eilig, vom Herrn Bürgermeister die Erlaubnis zu erbitten, die alten Schriften lesen zu dürfen -- da sprachen die Pantoffelmachersleute und die Kinder noch viel von dem neuen Bekannten. Aber sie hatten nicht, wie es wohl vorkommt, hinter dem Rücken allerlei zu tratschen und zu klatschen, sie waren alle miteinander einig, Doktor Theobald Fröhlich sei ein furchtbar netter Herr.

»Ach, und ein Dichter ist er,« sagte Brigittchen, und riß vor Bewunderung ihre Veilchenaugen so weit auf, als wollte sie zwanzig Märchen auf einmal lesen.

»Nu,« erwiderte Klaus Hippel, »einen Dichter können wir in Neustadt auch gerade gebrauchen, wenn der nur die Augen aufmacht und in die Ohren keine Watte stopft, dann sieht und hört er hier so viele Dinge, daß er zehn Bücher voll schreiben kann«.

»Mein Onkel Mayer sagt,« rief Severin ein bißchen naseweis, »Neustadt wäre ein langweiliges Nest!«

»Dummer Junge!« schrie der Pantoffelmacher ärgerlich, »wenn das dein Onkel sagt, na, dann kennt halt dein Onkel Neustadt nicht, aber du brauchst so was von deiner Heimatstadt nicht nachzuplappern. Schön ist Neustadt, das sage ich, und ich kenn' es doch, bin mein Lebtag nicht herausgekommen. Meinetwegen mag Berlin schöner sein und München und Köln und alle großen Städte und der Schwarzwald und auch die Schweiz, Italien, das Meer, was du willst, aber schön ist Neustadt drum. Guckt euch nur ordentlich darin um. Und wenn der Doktor Fröhlich ein rechter Dichter ist, dann gefällt es ihm hier und er bleibt nicht nur bei uns, weil er hier ein Haus hat, sondern weil er die Stadt liebt. Damit punktum; nun macht, daß ihr nach Hause kommt, ich wette, ihr habt alle noch keine Schularbeiten gemacht«.

Das stimmte nun. Die Kinder trabten davon und unterwegs sagte Wendelin zu Anne-Marte: »Vater Klaus ist wirklich schrecklich klug, wie konnte er nur wissen, daß wir noch unsere Schularbeiten zu machen haben?«

Herr Doktor Fröhlich war inzwischen spornstreichs zu dem Bürgermeister Henning gelaufen und hatte dem sein Anliegen vorgetragen, man möchte ihm gestatten, in den alten Schriften zu lesen. Der Bürgermeister hatte nichts dagegen, ja, er freute sich darüber und sagte: »Vielleicht lesen Sie manches, was für die Neustädter Interesse hat, es ist doch immer gut, wenn man etwas von seiner Heimat aus alten Zeiten weiß«.

Gleich am nächsten Tage holte sich Doktor Fröhlich die alten Schriften von Klaus Hippel ab und dieser bat: »Erzählen Sie mir auch, was drin steht, ich höre zu gern alte Geschichten«.

Dorothee hatte in dem braunen Kachelofen in der Bücherstube ein mächtiges Feuer gemacht und es war prachtvoll gemütlich in dem weiten Raum. Doktor Fröhlich saß darin bis in die Nacht hinein und las in den alten Schriften. Während draußen die Flocken fielen, las er wie vor vielen, vielen Jahren die Leute in Neustadt gelebt und gekämpft hatten, und wie sie durch Freude und Leid gegangen waren.

Als dann nach zwei Tagen kleine, rotgefrorene Hände die Glocke an der Haustüre zogen, und Jörgel und Wendelin ein wenig verlegen nach dem Herrn Doktor Fröhlich fragten, da ließ die alte Dorothee die beiden in das Arbeitszimmer ihres jungen Herrn. »Na,« fragte der, »ihr kommt allein, wo sind denn die andern, ihr denkt wohl, ich soll euch beiden allein eine feine Geschichte erzählen?«

»Die trauen sich noch nicht,« sagte Jörgel, »Brigittchen sagt, sie dürfte eigentlich nicht zu fremden Menschen gehen«.

»Na, so was!« rief Dorothee, »sie ist doch oft zu uns gekommen, wie meine alte, gnädige Frau noch lebte, ich werde sie holen gehen«. Nach einem Weilchen kam die Alte zurück, und richtig, sie brachte die schüchternen drei Schatzgräber mit. Die kamen himmelgern und waren froh, daß sie geholt worden waren. Dann saßen alle beisammen in dem gemütlichen Zimmer, und der Doktor erzählte ihnen eine der alten Neustädter Geschichten, er nannte sie:

Gertrudis.

In Neustadt war vor etlichen hundert Jahren, in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, Albrecht Mooshage Bürgermeister. Damals war die Stadt noch reich und angesehen, sie gehörte nicht wie heute zu den Kleinen im Lande. Die Neustädter Bürger waren geachtete Handelsleute, die mit ihren Waren auf die Messen und Märkte der großen Städte zogen. Sie wußten sich auch in vielen Kämpfen gut ihr Recht zu wahren und verteidigten ihre Stadt tapfer gegen mancherlei Unbill. Damals sah es in dem alten Wachtturm am Südtor der Stadt, in dem jetzt Klaus Hippel mit seiner Frau wohnt, nicht so behaglich aus wie heute. Die Stadtsoldaten wohnten in den vier Tortürmen, die es gab, und bewachten die Stadt gut. Es war eine wilde, rauflustige Zeit, und jeder, der durch ein Stadttor kam und ging, mußte Auskunft über woher und wohin geben. Oft genug waren auch die Tore geschlossen, und draußen lagerte ein reisiges Heer, um die Stadt einzunehmen. Das gelang ihnen freilich nicht, erst im dreißigjährigen Krieg ist ja dann das arme Neustadt halb zerstört worden. Der Bürgermeister Albrecht Mooshage war recht ein Mann, um die Stadt gegen alle Unbill zu verteidigen. Er war wie von Eisen, was er wollte, das setzte er durch, und es war nicht gut Kirschen essen mit ihm im Bösen. Als ganz junger Bursche schon hatte er mit einer Handvoll Söldnern ein großes, bischöfliches Heer in die Flucht geschlagen; wie der Sturmwind war er zwischen die Feinde gefahren, die waren gerannt, als wäre ein böser Geist hinter ihnen. Damals hatten die Ratsherren auf der Stadtmauer gestanden und aus vollem Halse darüber gelacht, der älteste von ihnen aber hatte gesagt: »Der soll mal unser Bürgermeister werden«. Er war es auch bald geworden, solch' jungen Bürgermeister hatte Neustadt noch nie gehabt, freilich auch keinen besseren. Denn Albrecht Mooshage war nicht allein stark, mutig und klug, sondern auch gerecht und fromm, und er litt kein Unrecht. Er war schon etliche Jahre Bürgermeister, als ihn ein großes Unglück betraf: sein junges Weib starb. Die schöne Frau Regina Mooshage war so mild und gut wie eine Heilige gewesen, und als sie starb, da weinten und klagten nicht bloß die Leute aus ihrer Sippe, sondern auch alle Armen und Kranken. Dem Bürgermeister blieb nur ein einziges Kind als Trost. Ein Mägdlein, so fein und blond wie seine Mutter. Die kleine Gertrudis war ein sinniges Kind, das mit gar ernsthaften Augen um sich sah. Als sie etwa zehn Jahre alt war, läutete eines Tages in Neustadt wieder einmal die Sturmglocke, die Feinde ankündigte. Etwa zwei Stunden von Neustadt entfernt liegt noch heute die Ruine Reiffenstein, damals war sie ein stattliches Schloß, das den edlen Herren von Stein gehörte. Der Herr Wunibert von Stein auf Reiffenstein war ein erbitterter Feind der Neustädter, der den Pfeffersäcken, so nannte er die Bürger, gern etwas am Zeuge flickte. Die Fehde zwischen Schloß und Stadt war schon sehr alt, niemand wußte mehr recht, wer angefangen hatte, aber mit der Zeit waren beide so giftig auf einander geworden, daß eines dem anderen immer gern einen Schabernack spielte. Jetzt aber hatte der Herr von Stein auf Reiffenstein in dem Bischof Albert einen mächtigen Freund gewonnen. Auch der Bischof war aus irgend einem Grunde den Neustädtern gram, und die beiden beschlossen, der Stadt einen Fehdebrief zu senden und sie zu belagern.

Der Herzog des Landes war gerade auf einen Reichstag in der Ferne, und damals handelten die Ritter gern auf eigene Faust, ohne viel zu fragen, ob sie auch ganz im Recht wären. Von dieser Absicht erhielt der Bürgermeister Albrecht Mooshage durch einen Handelsmann Kunde, der auf seinem Wege an Schloß Reiffenstein vorübergekommen war. Zu gleicher Zeit erfuhr er auch, daß der zweite Sohn des feindlichen Nachbarn von der Klosterschule, auf der er zwei Jahre gewesen war, heimkehrte. Sein Weg führte ihn dicht an Neustadt vorbei, und der Ritter wollte erst des Sohnes Heimkehr abwarten, ehe er die Stadt überfiel. Als Geisel konnte der kleine Junker der Stadt viel nützen, und der Stadthauptmann Kunz Peuchtinger ritt schnell dem Junkerlein zum freundlichen Empfang entgegen. Etliche Stunden später brachten die Reiter zwei gefesselte Troßknechte und einen blassen, hübschen Knaben von etwa elf Jahren durch das Südtor in die Stadt. Darauf wurden die Tore geschlossen, die Sturmglocken geläutet. Neustadt war kriegsbereit.

Der Stadthauptmann wollte das Junkerlein in eins der unterirdischen Verliese werfen lassen, aber dem widersprach der Bürgermeister. »Es ist ein Kind, und Schande über uns, wenn wir Kindern etwas zu Leide tun wollten,« sagte er. »Kommt her, Junker, und schwört, daß ihr die Stadt nicht heimlich verlaßt, dann sollt ihr in meinem Hause Wohnung finden«.

Der blasse Knabe schüttelte trotzig die dunklen Locken: »Bewacht mich doch,« rief er kühn, »ich schwöre nichts!«

»Heisa, das Klosterschülerlein will uns Trotz bieten!« riefen die Ratsherren und lachten. »Rasch mit ihm ins Verlies, dort soll er schon sanftmütiger werden«.

»Nein, nicht ins Verlies, ich stehe für ihn,« sagte Albrecht Mooshage ernst, dem der Bursche gefiel und dem es leid war, ihn in dem dunklen, feuchten Keller zu wissen, in dem schon mancher Gefangene elend zu Grunde gegangen war.

Die Ratsherren waren mit dem Entschluß des Bürgermeisters zufrieden. Dessen Haus war wie eine kleine Festung, und Knechte und Mägde waren ihrem Herrn so treu ergeben, daß niemand heimlich aus- und eingehen konnte. Albrecht Mooshage nahm den kleinen Junker bei der Hand und führte ihn in sein Haus. Dann rief er sein Töchterlein herbei und sagte: »Da sieh her, Gertrudis, hier bringe ich dir einen Gefährten, du mußt ihn mir aber wohl hüten, ich habe mein Wort verpfändet, daß er nicht entflieht«.

Gertrudis sah erstaunt auf den blassen Knaben, der beim Anblick des lieblichen Mägdleins verlegen den Kopf senkte. Er hatte sich bei dem Überfall tapfer gewehrt, sein Wams war daher zerrissen und beschmutzt und er schämte sich dessen. Gertrudis hatte gerade von Frau Barbara, der Haushälterin, einen schönen, roten Frühapfel erhalten, den streckte sie flink dem Buben hin und sagte lächelnd: »Magst du ihn, ich geb' ihn dir gern«.

Der kleine Junker Fridolin nahm den Apfel zwar nicht, aber über sein trauriges Gesicht ging ein heller Schein, es war ihm nun nicht mehr so bang ums Herz als vorher. Er folgte dann willig der Frau Barbara, die ihn in ein Kämmerlein neben des Hausherren Schlafgemach führte, das er fortan bewohnen sollte. Wohl hatte die Kammer ein vergittertes Fenster, und Fridolin merkte auch schnell genug, daß er immer bewacht wurde, trotzdem fühlte er seine Gefangenschaft nicht allzusehr. Gertrudis war so lieb zu ihm wie ein treues Schwesterlein, war er traurig, da wußte sie ihn gar hold zu trösten. Er mußte ihr von daheim erzählen, von seiner väterlichen Burg, von dem Vater, der zwar ein etwas rauflustiger Herr war, aber doch gar gut zu den Seinen. Am liebsten aber hörte es Gertrudis, wenn der Knabe von seiner schönen, frommen Mutter sprach, von ihrer Güte und wie oft sie ihm, dem älteren Bruder Hans und den kleinen Schwestern Geschichten aus der Bibel und Märlein erzählt hatte, wenn sie schnurrend die Spindel drehte.

Den Kindern gingen die Tage friedsam hin, sie hörten wenig von dem was draußen geschah. Der Bürgermeister hatte es seinem Hausgesinde verboten, von der Belagerung der Stadt zu sprechen. Auch Gertrudis durfte in dieser Zeit nie auf die Straße; das von einer hohen Mauer umfaßte Gärtchen war der Tummelplatz der Kinder. So erfuhren sie nicht, daß vor den Mauern das feindliche Heer lagerte und zwischen dem Rat und dem Herrn von Stein und dem Bischof Boten hin und her gingen, die über den Frieden unterhandelten. Die Kinder ahnten auch nicht, daß eines Tages der Rat den kleinen Junker köpfen lassen wollte, weil sein Vater sich nicht in die Friedensbedingungen fügte. -- Der Bürgermeister Albrecht Mooshage aber verteidigte eifrig seinen Schützling, der Knabe war ihm lieb geworden, und er atmete erleichert auf, als Bischof und Ritter sich zum Frieden bequemten. Etliche Monate war Fridolin im Hause des Bürgermeisters gewesen, und aus dem Herbst war inzwischen Winter geworden, als er seine Freiheit wieder erhielt. Es war am St. Andreastag, da wurde er feierlich von dem Rat vor das Südtor geführt, dort erwartete ihn sein Vater, der ihn mit heller Freude in die Arme schloß. Vorher hatte Gertrudis traurig von ihrem Freunde Abschied genommen. Sie schenkte ihm ein goldenes Amulett an einem feinen Kettlein, das sie von ihrer Patin bekommen hatte. »Trag' es immer, es wird dir Glück bringen,« bat sie. Fridolin versprach es; er selbst gab der kleinen Freundin ein Gebetbuch, in das ein frommer Klosterbruder zierliche Bilder gemalt hatte. Das Buch war des Knaben einziges Besitztum.

»Vergiß mich nicht,« bat Gertrudis weinend.

»Ich vergesse dich nie, und wenn ich groß bin, dann komme ich und hole dich, dann wirst du meine Frau,« beteuerte Fridolin. Er war schon draußen, da rief ihm Gertrudis noch nach: »Sag' deiner Frau Mutter einen Gruß!«

Anfangs hoffte Gertrudis immer, sie würde ihren Freund einmal wiedersehen, aber Monat auf Monat verging, die Monate wurden zu Jahren, er kam nicht. Aus der kleinen Gertrudis wurde eine schöne Jungfrau, »das schönste Mädchen in der Stadt« sagten die Leute. »Und das beste und frömmste,« fügten die Armen und Kranken hinzu.

Albrecht Mooshage war noch immer Bürgermeister zum Segen der Stadt, die unter seiner Führung an Macht und Ansehen zunahm. Dies aber erregte den Neid ihrer Nachbarn, und Neider waren es auch, die Neustadt bei dem Landesherrn, Herzog Bernhardt, verklagten. Besonders der Bischof Albert war Ankläger, mit ihm noch ein Ritter von Scherblingen. Die beiden behaupteten, die Stadt, die an der Grenze lag, wollte den Herzog an seinen Nachbar verraten, Hauptanstifter sei der Bürgermeister. Der Herzog, der von heftiger Gemütsart war, fragte nicht lange, ob die Sache auch wahr sei, er forderte den Bürgermeister auf, zu ihm zu kommen und sich zu rechtfertigen oder die Stadt sollte eine harte Strafe erhalten.

Der Rat und die Bürgerschaft baten ihren Bürgermeister dringend, nicht an den Hof des Herzogs zu gehen, sie wollten selbst dessen Zorn Trotz bieten. Aber Albrecht Mooshage sagte: »Ich könnte das nie verantworten, wenn der Stadt um meinetwillen Übles zugefügt würde, ich gehe und sollte es mein Leben kosten. Ich wäre wahrlich ein schlechter Bürgermeister, könnte ich nicht mein Leben für die Stadt lassen!«

So ging er, begleitet von den Segenswünschen seiner Mitbürger und den heißen, heißen Tränen seines Kindes. Bald darauf kam in die Stadt die Kunde, Albrecht Mooshage sei vom Herzog wegen Hochverrates zum Tode verurteilt worden, der Stadt selbst würde, da sich ihr Oberhaupt freiwillig gestellt hätte, nur eine geringe Geldbuße auferlegt. Vergeblich beteuerten Rat und Bürgerschaft die Unschuld des Verurteilten, vergebens boten sie eine hohe Lösesumme für seine Freiheit, der Herzog gab nicht nach.

Während die ganze Stadt auf Rettung sann, verließ die schöne Gertrudis eines Tages heimlich die Stadt, sie wollte sich dem Herzog zu Füßen werfen und um Gnade bitten. Sie hatte sich in eine Pilgerkutte gehüllt, und, ebenfalls als Pilger verkleidet, folgte ihr der treue Hausverwalter Kaspar auf dem gefährlichen Wege. Sie ritten beide in der Frühe eines sonnigen Frühlingsmorgens zur Stadt hinaus, der Stadthauptmann wußte, wer die Pilger waren, und ungehindert ließ er sie durch. Der Weg führte durch einen meilenweiten Wald, in dem die Wege manchmal fast undurchdringlich waren, und die Reisenden kamen nur langsam vorwärts, viel zu langsam für Gertrudis Angst um den geliebten Vater. Sie hatte keinen Blick für die Schönheit ringsum, und nicht wie sonst freute sie sich am Sonnenglanz, an den tausend Blumen und dem Gesang der Vögel. Sie dachte nur an den Vater, und ob es ihr gelingen würde, ihn zu befreien.

Sie waren beide schon viele, viele Stunden geritten, als auf einmal ein schmerzliches Stöhnen an ihr Ohr klang. Erschrocken lauschten beide, es war ein Mensch, der da klagte. Wohl flehte Kaspar angstvoll: »Seid vorsichtig, Jungfrau Gertrudis, kommt rasch weiter,« aber mutig ritt Gertrudis dem Stöhnen nach. Wo ein Mensch Hilfe brauchte, da zögerte sie nie zu helfen, an ihr eigenes Wohlergehen dachte sie nicht. Bald fanden die Reisenden auch, fest an einen Baum gebunden, einen schönen, dunkellockigen Jüngling in Jägertracht. Er war verwundet, sein ganzes Gesicht war blutüberströmt, er mochte wohl von Wegelagerern im Walde überfallen worden sein.

Gertrudis besann sich nicht weiter, sie sprang rasch vom Pferde, löste mit Kaspars Hilfe die Bande des Gefesselten, der nun befreit ohnmächtig zusammensank. Rasch und geschickt verband Gertrudis dann des Jünglings Wunden, die, wie sie bald sah, nicht gefährlich waren. Dabei verschob sich die Kapuze ihrer Kutte und der Ohnmächtige, der einige Augenblicke die Augen aufschlug, sah erstaunt in Gertrudis holdseliges Gesicht. Dann verlor der Jüngling wieder das Bewußtsein; er merkte es nicht mehr, daß Kaspar ihn vor sich auf das Pferd nahm und mit ihm weiter ritt. »Wir müssen uns sputen, Herrin,« sagte der ängstlich, »um noch vor Nacht aus dem Walde zu kommen, namentlich mit diesem jungen Herrn, dem man wohl nachstellen mag«.

Sie gelangten aber ohne Unfall aus dem Walde heraus bis zu einer Herberge, dessen Wirtin Kaspar wohl bekannt war. Dort übernachteten beide, da die Pferde der Ruhe bedurften.

Gertrudis übergab den Verwundeten der Pflege der Wirtin. Ehe sie aber am Morgen davonritt, sah sie noch einmal nach dessen Wunden, dabei sah sie ein goldenes Amulett an des Junkers Hals, und nun erkannte sie in diesem Fridolin, ihren einstigen Gespielen. Da entfloh sie rasch, denn sie fürchtete, er möchte erwachen und sie erkennen. Bei dem eiligen Aufbruch aber verlor sie ihr Gebetbuch, das sie zum Trost auf ihrem schweren Wege mitgenommen hatte. Sie merkte es bald, aber sie fürchtete sich umzukehren und rasch ritt sie mit Kaspar weiter.

Als Gertrudis nach einigen Tagen in die Herzogsstadt einritt, da erfuhr sie zu ihrem Entsetzen, daß schon in drei Tagen ihr lieber Vater hingerichtet werden sollte. Vergebens suchte sie zum Herzog zu gelangen, der hatte viele Gäste auf seinem Schloß, und die Wachen wollten den Pilger nicht zu ihm lassen. Da beschloß Gertrudis, am Tage des öffentlichen Gerichtes des Herzogs Gnade zu erflehen. Es gelang ihr aber, ihren Vater zu sehen. Zwar blickte der Schließer den Pilger, dessen Gesicht ganz von einer Kapuze verhüllt war, mißtrauisch an, aber als Gertrudis ihm ein Geldstück gab, da ließ er sie doch zu dem Gefangenen. Der saß in einem dumpfen, halbdunklen Verlies, und Gertrudis wollte schier das Herz brechen, als sie den geliebten Vater so elend sah. Weinend umschlang sie ihn, der Bürgermeister aber erschrak heftig, als er sein Kind erblickte. Es war damals schon eine recht gewagte Sache, wenn ein Mägdlein eine Reise tat, Räuber und Wegelagerer gab es genug auf den Straßen, und Frauen pflegten meist nur unter starker Begleitung zu reisen. Gertrudis erzählte nun dem Vater, wie sie hergekommen sei; daß sie für ihn des Herzogs Gnade erflehen wollte, verschwieg sie jedoch, denn sie fürchtete, der Vater möchte in große Sorge um sie kommen. Es war den beiden nur ein kurzes Wiedersehen vergönnt, dann mußte Gertrudis scheiden, um nicht den Verdacht des Schließers zu erregen. Ihr Vater segnete sie zum Abschied, ermahnte sie zu allem Guten, und unter bitteren Tränen schieden beide von einander.

In ihrem Pilgergewand lag dann Gertrudis die ganze Nacht vor dem festgesetzten Gerichtstage im Dom vorm Altar und betete für ihren Vater. Dabei kam eine wundersame Ruhe über sie, es war immer, als hörte sie eine Glocke tönen: »Sei getrost, sei getrost, es wird alles gut werden«. Und als sie am Morgen in den strahlenden Frühlingssonnenschein hinaustrat, da faßte sie des alten Kaspar Hand und sagte zuversichtlich: »Es muß ja gut werden«.

Auf dem Anger vor der Stadt hielt an diesem Tage Herzog Bernhardt ein öffentliches Gericht ab, dort wollte er das letzte Urteil über den Bürgermeister von Neustadt sprechen, öffentlich sollte der hingerichtet werden. Viele Leute waren auf dem Anger; auf einem erhöhten Platz saß der Herzog im Kreise seiner Räte und Gäste, und alles Volk konnte es sehen, wie der Gefangene vor den Fürsten geführt wurde.

In diesem Augenblicke drängte sich ein Pilger vor und mit dem Rufe: »Gnade, Herr, Gnade für meinen Vater!« warf Gertrudis die Kutte ab und sank zu des Herzogs Füßen. Der betrachtete nicht ohne Rührung das holdselige Mädchen, und er fragte ernst, aber nicht hart: »Wer bist du, und wie kommst du hierher?«

Gertrudis vermochte vor Schluchzen nicht zu sprechen, und Albrecht Mooshage sagte trüb: »Es ist mein einziges Kind, gnädiger Herr«.

Durch die Menge schritt jetzt eilig ein junger Mann in ritterlicher Kleidung, er sah ein wenig bleich und erschöpft aus, aber stolz und aufrecht trat er vor den Herzog. Gertrudis sah beglückt auf den Jüngling, sie erkannte ihn wohl, und auf einmal erklang wieder hell die Glocke der Hoffnung in ihrem Herzen.

»Was wollt Ihr?« fragte der Herzog, er sah den schmucken Junker nicht ungnädig an.

»Donner, ja, das ist mein Sohn!« rief plötzlich der alte Herr von Stein, der sich auch in dem Gefolge befand und gerade hinter dem Herzog saß. Mutig schaute Fridolin von Stein den Herzog und seinen Vater an, dann sagte er: »Ich will meine Bitten mit denen der Jungfrau hier vereinen; ich schulde ihr heißen Dank, sie hat mir vor etlichen Tagen das Leben gerettet«. Dann erzählte der Junker wie ihm ergangen war, und daß er seine Retterin an dem verlorenen Gebetbuch erkannt habe. Da sei er, kaum genesen, schnell hierher geritten. Er sagte zuletzt so recht aus tiefstem Herzen heraus: »Mein gnädiger Herr, übt Gnade an diesem Mann, wahrlich, er verdient es!«