Kleinstadtkinder: Buben und Mädelgeschichten
Part 12
Wenn Klaus Hippel auch so dachte, Severin dachte eben anders; er ging sehr befriedigt von seinem Spiel heim. Weil er sehr zum Überfluß, wie er fand, noch Schularbeiten zu machen hatte, konnte er an diesem Tage nicht weiter blasen. Am Abend vor dem Schlafengehen vertraute er aber Wendelin das große Geheimnis an, und der bewunderte denn auch das wunderbare Instrument gebührend. »Laß mich auch drauf blasen,« bat er, doch davon wollte Severin nichts wissen, er allein wollte besser spielen als Karl. Als aber Wendelin gar so beweglich bat und sich erbot, einen Groschen zu dem Kaufgeld zuzugeben, erlaubte es Severin endlich. Damit nun aber niemand im Hause die wunderbaren Töne zu hören bekam, kroch Wendelin unter die Bettdecke. Dumpf und schauerlich kamen die Töne darunter hervor, Severin lauschte voll Andacht, endlich rief er aus: »Weißt du, ich krieche mal unter Heines Bett, dann denkt der, es spukt!«
Der Vorsatz war nun nicht gerade lobenswert, aber leider fand er Wendelins vollen Beifall. Der Bube quiekte vor Vergnügen, hopste im Bett herum, strampelte und jauchzte und zuletzt schliefen die Brüder sehr vergnügt ein. --
Am nächsten Tag gab es viel Unruhe im Bäckerhaus. Frau Gutgesell hatte Kaffeegäste, da gab es genug zu tun und anzuordnen. Die Staatsstube wurde noch einmal gewischt und gescheuert, obgleich kein Stäubchen darin lag. Den Buben war das Betreten dieses feierlichen Raumes bei Strafe verboten, überhaupt waren die zwei an dem Tage immer im Wege. Da sollten sie nicht sein und das nicht tun, dabei hatten sie gerade noch mehr als sonst Lust zu allerlei Dummheiten. Ihre Mutter sagte seufzend: »Na, was werdet ihr heute noch anrichten!« Zuletzt verschwanden aber die Buben, und als die Gäste kamen, waren sie gar nicht zu sehen. Pünktlich um vier Uhr erschienen die Damen, und bald darauf saßen alle vergnügt in der Staatsstube beisammen, lobten Kaffee und Kuchen und erzählten sich dies und das.
Auf einmal horchte Frau Gutgesell erschrocken auf: was war das, welcher Lärm entstand draußen?
Da stürzte auch schon Marie, die Magd, mit dem Schreckensruf in das Zimmer: »Feuer, Feuer!«
Ein wildes Angstgeschrei erhob sich, alle Gäste sprangen auf, eine Kaffeetasse und der Milchtopf fielen um, Kuchenstücke und Arbeitsbeutel rollten zu Boden, die Damen rannten hinaus und bald gellte der Angstruf: »Feuer, Feuer!« bis auf die Straße hinaus.
»Huh!« schrie die Grünwarenhändlerin Lehmann und purzelte mit einem Korbe unreifer Stachelbeeren auf die Straße. Alles was flinke Beine hatte, rannte dem Rufe nach, alle Fenster öffneten sich, überall schauten Leute heraus und einer fragte den andern: »Wo brennt's denn? Sieht man das Feuer?«
Und plötzlich jagte eine wunderliche Gestalt aus dem Bäckerhause heraus; Heine war es. Er hatte sich in eine große, rotkarierte Bettdecke gewickelt, die ihm halb nachschleppte, ein dickes, blaugewürfeltes Kopfkissen hielt er im Arm, als sei es ein kostbarer Schatz. Und so rannte der Geselle die Marienstraße entlang und schrie unaufhörlich: »Feuer, Feuer!«
Bald kamen von überall her die Menschen angerannt, die Feuerwehr kam mit für Neustadt ganz außergewöhnlicher Eile angerasselt, sie hatte es nämlich nicht weit.
»Feuer, Feuer!« schrie alles im Bäckerhause; Meister Gutgesell rannte hierhin und dahin. Ja, Potzwetter, wo brannte es denn?
»In Heines Stube,« rief Martin, und Meister und Altgeselle stürzten hinauf; Heine hatte seine Stube in der Mansarde.
Doch in der Stube war kein Fünkchen zu sehen, es roch kein Bißchen nach Rauch, etwas Merkwürdiges aber erblickte der Meister, das waren vier Beine, die unter dem Bett hervorragten und die gerade, als er das Zimmer betrat, zappelnd darunter verschwinden wollten. Kurz entschlossen ergriff der Meister zwei Beine, Martin die anderen, und schwapp kamen Severin und Wendelin mit feuerroten, verheulten Gesichtern unter dem Bette vor.
»Dumme Bengels, seid doch nicht so furchtsam, das ganze Haus brennt doch noch nicht, wißt ihr denn, wo's brennt?«
»Hup, hup, hup,« schluchzte Severin, »e--s brennt ja gar nicht!«
»Heine,« heulte Wendelin, »dachte, weil -- weil -- wir doch bloß Spaß gemacht haben!«
»Feuer, Feuer,« schrie es draußen, und der dicke Brandmeister Schulze keuchte die Treppe im Bäckerhause empor: »Ja, wo brennt's denn, ich sehe ja nichts und ich rieche nichts. Herr Meister, Herr Meister, sagen Sie mir doch, wo es brennt?«
»Hier,« brummte der Meister und -- klatsch bekam Wendelin einen Katzenkopf rechts, und Severin einen links. Dann nahm der Meister seine Buben beim Kragen und zog sie die Treppe mit hinunter. »Es brennt gar nicht, es brennt gar nicht,« schrie er so laut, daß es dröhnend das Haus durchhallte.
Der dicke Brandmeister kugelte vor Eilfertigkeit fast die Treppe hinunter. »Nicht spritzen, nicht spritzen,« rief er seinen Leuten zu, und das war gut, denn diese standen schon bereit und hätten beinahe einen Wasserstrahl in das offenstehende Fenster der Staatsstube gesandt.
»Es brennt gar nicht,« rief draußen einer dem andern zu. »Die Buben haben eine Dummheit gemacht,« rief ein Lehrjunge, und gleich flog das Wort weiter. Frau Lehmann, die noch immer inmitten ihrer verschütteten Stachelbeeren saß, stand auf und rief entrüstet: »Was, es brennt nicht einmal, da habe ich mich umsonst erschrocken, na, ich sag's ja, heillose Buben sind's, die beiden!«
»Da kommt Heine, nä, seht doch wie der Heine aussieht!« riefen einige Stimmen lachend. Heine rannte ganz verwirrt in das Bäckerhaus zurück, und als die Damen, die alle mit dem Meister, Altgesellen und Brandmeister um die heulenden Buben herumstanden, den Gesellen in seinem wunderlichen Aufzuge erblickten, lachten und schrieen sie: »Himmel, wie sieht der Mensch aus!«
»Zieh dich rasch an und dann komm und erzähle, was geschehen ist!« rief der Meister dem Gesellen zu.
Aber der war so verdattert, daß er nur immer rief: »Ich hab's doch Feuer blasen hören, ganz gewiß, ganz gewiß!«
»Habt ihr geblasen?« fragte der Meister seine Buben.
»Ja,« jammerten beide, »bloß -- 'n bißchen.«
»Wo?« fragte der Vater weiter und sah die beiden Schlingel strafend an.
»Unter -- unter Heines Bett,« kam ängstlich die Antwort.
»Ach so, und der gute Heine hat geschlafen und ist von eurem Geblase aufgewacht und hat gedacht es brennt,« sagte der Meister verständnisvoll.
»Pfui, ihr abscheulichen Jungens,« schrie Heine und stürzte mit seiner Bettdecke und seinem Kopfkissen davon; er fing plötzlich an, sich mächtig zu schämen, da er nun erst recht zur Besinnung kam.
»Das ist meiner Seele eine höchst kuriose Geschichte, ich glaube, die kommt in den Anzeiger!« sagte der dicke Brandmeister. »Übrigens muß Herr Heine gewiß noch Strafe für unbefugtes Alarmieren der Feuerwehr zahlen! Empfehle mich den Herrschaften.« Herr Schulze ging davon, bald rasselte die Feuerwehr durch die Marienstraße, oben in seinem Zimmer kroch Heine wütend in sein Bett, die Damen kehrten an ihren Kaffeetisch zurück -- und die Buben?
Ach, die Buben! Schläge gab es freilich nicht, aber viel Kummer kam über beide. Severin spielte nicht mehr auf seiner Okarina, denn die verschwand für einige Zeit in des Vaters Schrank. Und der Bube dachte manchmal seufzend: »Hätte ich meine dreiundachtzig Pfennige noch, dann könnte ich mir dies oder jenes kaufen!« Drei Tage Katzentisch gab es auch, und am Katzentisch gibt es bekanntlich keine Leckerbissen. Das allerschlimmste aber war, die Geschichte kam wirklich in den Neustädter Anzeiger für Stadt und Umgebung.
Wendelin und Severin wären am liebsten vor lauter Schämen im Bett geblieben, so wenig sie auch sonst für Kranksein schwärmten. Auch in ein Mauseloch wären sie himmelgern gekrochen, nur gerade in die Schule zu gehen, dazu hatten sie recht wenig Lust. Aber sie mußten hinein, mußten alle Fragen und alle Neckereien aushalten, es zeigte sich hierbei wieder, daß gute Freunde schon etwas wert sind. Jörgel stand tapfer zu den beiden, auch Fritz Brinkmann hielt zu ihnen, und ebenso Brigittchen und Anne-Marte. Das sanfte Brigittchen wurde ganz kampfbereit, wenn jemand etwas gegen die beiden Freunde sagte.
Freilich sprach ganz Neustadt von den Bäckerbuben und von Heine mit dem Bettuch und dem Kopfkissen. Es ist nun aber eine alte Geschichte, daß gemeinsames Leid verbündet, und Heine, der erst fuchswild über den Streich gewesen war, den die beiden ihm gespielt hatten, fand nun, es sei gar nicht so schlimm gewesen wie die Leute die Geschichte machten. Aus lauter Ärger darüber söhnte er sich mit den Buben aus; es wurde wieder eine ganz dicke Freundschaft. Als die Grünwarenhändlerin Lehmann einmal sagte: »Sie haben mir recht leid getan, Herr Heine, die Bengels drüben sind auch recht schlimm,« da brummte er: »Sie haben eben immer was an den Buben zu tadeln, Madame Lehmann, es soll jeder vor seiner eigenen Türe kehren, die Buben sind besser als Ihre alten Holzäpfel, die sie mir vor etlichen Wochen verkauft haben!«
Klaus Hippel aber sagte, es sei der beste Spaß seit langer Zeit gewesen, und weil der Pantoffelmacher lachte, lachten die Buben zuletzt auch. Da hörten bald die Neckereien auf, das ist mal so, wer mitlacht fährt am besten. Am heitersten aber lachte Jantge über die Geschichte, denn Severin ging das nächste Mal doch mit in die Fröhliche Einkehr, dort söhnte er sich mit Jantge und Karl aus und gab es auf, eifersüchtig zu sein.
Es kommt ja doch nichts dabei heraus.
Die Schatzgräber finden einen Schatz.
Sommerreisen sind in Neustadt nicht eine so allgemeine Modesache, wie in den großen Städten. Die Erwachsenen fahren wohl hierhin und dahin, aber die Familien, in denen Kinder sind, die bleiben gern daheim. Die meisten Häuser haben Gärten, und wer selbst keinen Garten hat, der geht in Nachbars Garten spielen; draußen im Freien, in dem schönen Wald, ist man auch schnell genug. Ja, Neustadt ist so hübsch, daß regelmäßig zwei alte Prinzessinnen das sonst unbewohnte Schloß im Sommer beziehen. Sie kommen jedes Jahr bald nach Pfingsten, manchmal auch vor dem Fest, und sie bleiben, bis in dem alten Schloßgarten die Bäume ihre goldroten Kleider angezogen haben.
Wenn die Prinzessinnen Emma und Marie, zwei freundliche, alte Damen, Einzug halten, dann steht das ganze Städtchen beinahe auf dem Kopf, namentlich die Kinder laufen sich die Beine ab, um die Prinzessinnen zu sehen, und drei Tage lang fragen sich die Leute untereinander: »Hast du sie schon gesehen?« Nachher ist es eine gewohnte Sache, nur die Kinder, die rennen jedesmal, wenn der fürstliche Wagen zu sehen ist, hinterher, schreien hurra und guten Tag; dies gehört in Neustadt zum besonderen Kindervergnügen.
Etliche Tage nach dem blinden Feuerlärm hielten denn auch die Prinzessinnen wieder ihren Einzug in Neustadt, und Severin und Wendelin rannten trotz ihres Kummers auch an den Schloßberg, um die Einfahrt mit anzusehen. Sie schrieen hurra, so laut sie konnten; sie standen mit Brigittchen, Anne-Marte und Jörgel zusammen und sagten auch, wie Klaus Hippel immer sagte, wenn die Prinzessinnen da waren: »So, nun ist es richtiger Sommer!«
Die beiden alten Damen nickten den Kindern freundlich zu, und Prinzessin Emma sagte zu Prinzessin Marie: »Glaubst du, daß Kinder wo anders so laut schreien können wie in Neustadt?«
»Nein,« erwiderte Prinzessin Marie lachend, »ich glaube es nicht, aber hübsch ist doch unser Neustadt, ich bin doch recht froh, daß ich wieder da bin!«
Ja, hübsch war es in Neustadt, in den sonnenhellen Sommertagen ebenso wie in den heimlichen, traulichen Wintertagen. Die fünf Schatzgräber fanden es in diesem Jahre besonders hübsch; es gab so viele lustige Waldspaziergänge, zu denen die Geschwister Fröhlich die Kinder mitnahmen, und bei denen es allemal sehr vergnügt zuging. Nur einen Fehler hatten diese Tage, sie gingen immer mit der allergrößten Eile zu Ende. Die Sonne purzelte dann nur so in ihr Wolkenbett, wutsch, war sie drin, zog sich ein dickes Wolkenkissen über die Nase, und die Kinder hatten das Nachsehen.
Immer weiter schritt der Sommer vor. Der Flieder verblühte, der Jasmin duftete, und die Rosen entfalteten sich. Die Erdbeeren reiften, dann auch das Strauchobst, und eines Tages hatte Frau Lehmann die ersten im Lande gereiften Kirschen. Klaus Hippels Blumenbrettlein brach fast unter seiner blühenden Fülle, und von ihren Spaziergängen kamen die Neustädter Kinder jetzt mit Kornblumensträußen beladen heim.
Und auf einmal waren die Sommerferien da. Sie wurden mit noch mehr Jubel begrüßt als die Prinzessinnen, und durch Neustadts Straßen und Gäßlein brauste an dem ersten Ferientage der Kinderjubel wie ein Strom.
Die fünf Schatzgräber saßen auch an diesem ersten Ferientage auf der Stadtmauer und schmiedeten Ferienpläne -- von Schularbeiten stand aber leider nicht viel darin. Wie die fünf Freunde so saßen und schwatzten, kamen auf einmal, von einer Hofdame und einem Kammerherrn gefolgt, die beiden Prinzessinnen durch das Stadtwäldchen daher. Die Kinder erschraken, sie wären am liebsten schleunigst entflohen, daran war aber nicht mehr zu denken. Wendelin zog zwar eiligst seine Beine hinauf, dabei löste sich einer seiner Turnschuhe, die er trug, und plumps fiel der Schuh gerade vor Prinzessin Emma nieder. Prinzessin Marie sah zu der Mauer empor, und plumps, da fiel der zweite Schuh gerade vor ihrer Nase auf den Weg.
»Wie unschicklich,« sagte das Hoffräulein entrüstet und warf einen strafenden Blick auf Wendelins braunbestrumpfte Füße, am linken guckte die große Zehe ganz lustig aus dem Strumpf heraus.
Die Prinzessinnen lächelten nachsichtig. Ja, sie blieben sogar stehen und fragten die fünf Mauerschwalben gar freundlich nach ihren Namen. Das war ein Ereignis! Die Kinder machten zwar kaum den Mund auf; nachher taten sie sich aber unendlich wichtig, und selbst Heine sagte: »Das hätte in der Zeitung stehen sollen, nicht die dumme Feuergeschichte!«
Und was Heine sagte, das war wahr.
Die Prinzessinnen gingen auch, wie jedes Jahr, in den alten Stadtturm, um sich die Aussicht und das Museum anzusehen, und Klaus Hippel und seine Frau Paulinchen waren wie jedes Mal sehr stolz über den Besuch. Sonst hatten die Pantoffelmachersleute aber wenig Freude in diesen warmen Sommertagen. Frau Paulinchen hatte einen schlimmen Fuß bekommen, und dann lastete noch schwer ein anderer Kummer auf den alten Leuten. Bald nach Pfingsten hatte der Schwiegersohn, Friedrich Lange, zufällig gehört, wie zwei seiner jetzigen Arbeitsgenossen von ihm sprachen; der eine sagte: »Ich glaube es doch, daß er ein Dieb ist und damals im Herbst das Geld genommen hat. Sicher ist die ganze Geschichte nur erlogen!« Darauf sagte der zweite: »Man muß sich vor ihm in Acht nehmen!« Der brave Friedrich Lange hatte gemeint, daß der Verdacht, der auf ihm ruhte, längst vergessen wäre, und das Wort Dieb traf ihn so schwer, daß er seitdem wie verstört herumging. Seine Frau, seine Schwiegereltern und seine Freunde, alle suchten ihn zu trösten, aber vergeblich; der arme Mann wurde ganz tiefsinnig. Wenn einer ihn nur ansah, dann dachte er schon: »Er sieht in dir einen Dieb.«
Es war ein Jammer; Frau und Kinder und die alten Eltern litten mit ihm, und alle vermochten sie doch trotz ihrer innigen Liebe nicht zu helfen. Viele Klagen hörte zwar niemand von den Pantoffelmachersleuten, aber die alte Lustigkeit war wieder aus dem Turm entflohen.
So vergingen die Tage des Sommers in Heiterkeit für die Kinder, in Sorgen für die Pantoffelmachersleute, und plötzlich hieß es: »In acht Tagen fängt die Schule wieder an!«
Es war ein trüber, grauer Tag, an dem die fünf Schatzgräber den Entschluß faßten, endlich einmal die Ferienarbeiten richtig in Angriff zu nehmen. »Es wird auch Zeit,« sagte Frau Doktor Fabian, »ihr tut ja, als wären die Bücher überhaupt nicht mehr auf der Welt.«
Trotz aller guten Vorsätze -- Anne-Marte hatte sich sogar Watte in die Ohren gestopft, um nichts zu hören, was sie ablenken könnte -- wurde an diesem Tage aus der Arbeit nicht viel. Es war so schwül, kein Lüftchen wehte, selbst die Erwachsenen seufzten bei ihrer Arbeit. Die Bäume standen so still in der grauen Luft, als wären sie aus Stein; unruhig huschten die Schwalben über den Kirchplatz; sie flogen so tief, daß das Gras, das hier und da zwischen den Steinen wuchs, von ihrer Berührung zitterte. »Es wird ein Gewitter geben,« sagten alle Leute und schauten nach dem Himmel empor. Wie eine graue Decke hing der über der Erde, von der Sonne sah man nur einen blassen, hellen Schein.
Gegen zwei Uhr wurde es ganz dunkel. Klaus Hippel sah von seinem Turmfenster aus dicke, schwere Wolken am Himmel emporsteigen, wie dunkle Berge türmten sie sich auf, und oben hatten sie einen breiten, schwefelgelben Rand. Es dauerte auch nicht lange, da sauste der Sturm durch die Straßen, das Gewitter brach los. Blitze zuckten; der Donner rollte dumpf und dröhnend, und plötzlich war es, als platzte der Himmel, solche Regenmassen prasselten hernieder, und immer lauter heulte der Sturm. Der alte Wachtturm schwankte ordentlich bei diesem Tosen des Wetters, und die Pantoffelmachersleute schauten sich zagend an: »So ein Wetter haben wir lange nicht gehabt,« murmelte Klaus Hippel. Und wie er, so sagten auch die anderen Neustädter. Angstvoll blickte jeder hinaus, und Schrecken ergriff alle, als die Feuerwehr klingelnd durch die Straßen fuhr; es hatte aber nur in einen Schornstein eingeschlagen. Dann krachte wieder so ein heftiger Donnerschlag, daß alle Fenster zitterten, und auf dem Kirchplatz lag eine Linde zerschmettert am Boden. Der Sturm riß Ziegel von den Dächern, und die Bäume neigten sich tief vor seiner Macht. Bis in die Nacht hinein dauerte das Unwetter, dann ließ es nach, und am nächsten Morgen strahlte die Sonne hell über Neustadt. Alles blinkte und blitzte wie frischgewaschen, und der Himmel hatte kein Fleckchen an seinem blauen Kleid. In dem hellen Sonnenschein aber sah man recht, wie arg das Unwetter gehaust hatte; in den Gärten waren die Beete zerwühlt, und der kleine Mühlbach am südlichen Stadtende gebärdete sich wie ein wildgewordener Strom, so dick geschwollen vom Regenwasser brauste er einher.
Im Stadtwald, auf den Promenaden lagen entwurzelte Bäumchen und Haufen niedergebrochener Äste.
»Da könnte man gut Reisig sammeln, meine Holzkammer ist ohnehin leer,« sagte Frau Paulinchen betrübt, als Brigittchen, Anne-Marte, Jörgel und die beiden Bäckerbuben ihr am Nachmittag erzählten, wie es draußen aussah. Die Kinder waren gekommen, um zu fragen, ob der Turm bei dem Sturm geschwankt hätte; Jörgel hatte nämlich gesagt, dies könnte wohl sein.
»Natürlich hat er geschwankt, wie ein Baum, hin und her!« sagte Klaus Hippel, der fast beleidigt war, daß seinem Turm so wenig zugetraut wurde.
Die Kinder bedauerten einstimmig, daß sie nicht dabei gewesen wären, aber Mutter Paulinchen sagte, es wäre sehr unheimlich gewesen. Dann seufzte sie wieder: »Ach könnte ich doch heute ordentlich Reisig suchen gehen, aber mein Fuß ist zu schlimm!«
»Und ich muß die Pantoffeln hier heute noch liefern,« brummte Klaus Hippel. »Schade, heute ist gerade Freiholztag!«
»Wir wollen Reisig suchen,« rief Anne-Marte vergnügt. »Ja,« stimmten Jörgel, Brigittchen und Severin freudig ein, nur Wendelin war von dem Plan nicht sehr entzückt.
»Na, du mit deinem weißen Kleid, Brigittchen, da möchte deine Tante schön schelten!« meinte Mutter Paulinchen bedenklich. »Ach, ich laufe fix zu Frida Müller, die borgt mir eine Schürze,« sagte Brigittchen, »dann holen wir Holz, deinen ganzen Stall voll.«
Schwupps, war die Kleine auch schon zur Türe hinaus, und Anne-Marte folgte ihr. Frida Müller war die Tochter einer Waschfrau, sie war in gleichem Alter mit Brigittchen und Anne-Marte. Ihre Mutter wusch bei Fabians und bei Schöns, und Frida holte sie manchmal ab und spielte dann mit den Freundinnen, die Frida beide sehr nett fanden. Die Waschfrau Müller wohnte in der Turmgasse, die dicht am alten Stadtturm lag, es war also kein weiter Weg, den die Mädels zurückzulegen hatten. Und Frida war daheim und sehr bereit, zu helfen. Sie holte rasch einen blauen Rock und eine Schürze herbei, ja ein Kopftuch holte sie auch, weil Brigittchen ihren weißen Staatshut aufhatte, und statt der feinen, braunen Schuhchen zog diese ein Paar von Fridas Alltagsschuhen an.
Bald war die Kleine in ein richtiges Holzmädel umgewandelt, auch Anne-Marte bekam eine blaue Schürze und ein Kopftuch, und Frida Müller sagte noch: »Es kann alles schmutzig werden, es geht zu waschen.« Kichernd vor Vergnügen kamen nach einem Weilchen beide in den Turm zurück.
»Potzhundert, ihr seht aber schmuck aus!« rief Meister Hippel lachend, »nun bin ich nur neugierig, wie viel Reisig ihr anbringen werdet!«
»Schrecklich viel,« riefen alle fünf, dann eilten sie hinaus, dem Stadtwald zu. Sie fanden, es sei ein wundervolles Vergnügen, Reisig zu suchen. Namentlich da so viele Äste am Boden lagen, da brauchte man nur zuzugreifen.
Ein bißchen naß war es zwar von dem gestrigen Regen, aber das störte die Kinder weiter nicht, sie suchten mit brennendem Eifer, und bald war der kleine Handwagen, den die Pantoffelmacherin ihnen mitgegeben hatte, hochbeladen. »Nun nehmen wir jeder noch ein kleines Bund auf den Rücken,« schlug Jörgel vor, »na, dann soll Meister Hippel uns aber nicht auslachen!«
Wendelin brummte ein wenig, er war nicht sehr dafür eingenommen, daß er sich so oft bücken mußte, aber weil Brigittchen so voll Eifer war, tat er auch mit.
»Ich bin Pferd,« rief Anne-Marte, als alle Bündel fertig waren.
»Ich auch,« schrie Severin.
»Und wir sind Vorreiter,« rief Jörgel und faßte Brigittchens Hand, und lustig ging die Fahrt los.
»Wendelin muß schieben. Aber ordentlich, nicht bloß so tun,« gebot Anne-Marte.
Ein bißchen seufzend gehorchte Wendelin, er wäre lieber Kutscher gewesen und hätte sich ziehen lassen.
Das war eine lustige Fahrt durch den Wald mit dem beladenen Wagen. Die beiden Pferde rasten in wilder Eile vorwärts, aber die Vorreiter waren noch geschwinder. Am Rande des Wäldchens, da wo die Stadtmauer anfängt, stolperte Brigittchen plötzlich an einem kleinen Abhang, und trotz Jörgels freundlicher Mahnung, nicht zu fallen, lag sie plötzlich platt am Boden in dem feuchten Moos. Ihr erster Gedanke war: »Gut, daß ich mein weißes Kleid nicht anhabe.« Dann aber sah sie auf einmal etwas Merkwürdiges vor sich im Moos liegen, und sie blieb einfach liegen, um sich das Ding genauer anzusehen.
»Steh doch nur auf,« mahnte Jörgel, »hast du dich geschlagen?«
»Nein,« erwiderte Brigittchen sehr vergnügt und krabbelte empor, »sieh mal, ich hab' hier was gefunden.«
Sie erhob sich und reichte Jörgel ein schwarzes, nasses Ding hin, das der verwundert von allen Seiten betrachtete. »Es ist so schmutzig,« sagte er verächtlich.
»Aber so schwer,« meinte Brigittchen, »es ist ein Paket, wer weiß was drin ist.«
»Na, Kuchen sicher nicht!« rief Jörgel neckend.
»Ein Schatz vielleicht,« sagte Brigittchen, »ich nehme das Paket Vater Klaus mit!«
»Vorsicht, aus dem Wege!« riefen jetzt Anne-Marte und Severin; sie fuhren mit ihrem Wagen den Abhang hinunter. Wendelin schien zu denken, es ginge bergauf, er schob mit aller Macht und pardauz überschlug sich der Wagen am Abhang. Die Reisigbündel flogen hierhin und dahin, Wendelin, durch den jähen Anprall erschreckt, schoß in einem weiten Purzelbaum über alles hinweg, und eine Weile kollerten Kinder, Wagen und Reisigbündel durcheinander. Dem armen Wagen knackten alle Knochen im Leibe, den Kindern hatte das Durcheinander aber weiter nichts geschadet, sie fanden es vielmehr höchst lächerlich. Wer nicht gefallen war, setzte sich ins Moos, um sich ordentlich auszulachen. Heil, unzerbrochen, nur ein wenig schmutzig, standen sie endlich auf.
»Mein schwarzes Ding,« rief Brigittchen, die noch am Boden saß, und sah sich suchend um.