Kleinstadtkinder: Buben und Mädelgeschichten

Part 11

Chapter 113,788 wordsPublic domain

Die Großeltern -- Fritz war Waise und wurde bei seinem Großvater, dem alten Geheimrat Brinkmann erzogen -- erlaubten es gern, daß der Knabe den Hund pflegte, bis sein Besitzer käme. Aber niemand meldete sich, um Mohrchen -- so wurde der neue Hausgenosse ob seines schwarzen Felles genannt -- abzuholen. Die Tage gingen und kamen, die Luft wurde milder, der Schnee verschwand, und immer noch war Mohrchen im Hause. Seine Wunden waren längst geheilt, und aus dem mageren, ruppigen Tiere war ein hübscher Hund mit glänzend schwarzem Fell geworden, der lustig seinen kleinen Herrn überall hin begleitete. Ein Freund war er, so treu, gut und anhänglich, wie leicht kein besserer zu finden war. Alle Klassengenossen von Fritz bewunderten Mohrchen rückhaltlos, und vor seiner Klugheit hatten sie den allergrößten Respekt. Sogar Doktor Halbe, der Klassenlehrer, sagte einmal, als er Mohrchen zu sehen bekam: »Er sieht sehr klug aus«. Den Buben war dies soviel, als hätte Mohrchen einen hohen Orden bekommen, und Fritz kam an diesem Tage mit so strahlenden Augen heim, daß seine Großmutter dachte, er wäre mindestens Klassenerster geworden; leider, leider war dies gerade nicht der Fall, der Fritzel hielt sich mehr in der Klassenmitte auf.

Und mit allen Hausbewohnern war Mohrchen auch bald gut Freund, nur mit der alten Berta, der Köchin, nicht. -- »Ich kann Hunde kein bißchen leiden,« sagte diese, wenn Fritz ihr von Mohrchens Tugend und Weisheit erzählte. »Sind sie weiß, dann mag's noch gehen; aber so ein schwarzes Tier sieht aus wie ein Schornsteinfeger, und die machen die Küche schmutzig, und darum kann ich Schornsteinfeger und Hunde nicht leiden, damit basta!«

Kam das arme Mohrchen wirklich einmal in die Küche, dann schrie Berta, zornig einen Quirl oder Kochlöffel schwingend: »Raus mit dem Schornsteinfeger, basta, basta!«

Berta war eigentlich nur so böse auf Mohrchen, weil sie eifersüchtig war. Fritz war ihr ganz besonderer Liebling, und sie meinte, seit Mohrchen im Hause wäre, kümmerte er sich nicht mehr soviel wie sonst um sie. In ihrem Ärger gab sie Schnurrhans, dem Kater, immer die besten Bissen. Der wurde, weil er gar so gute Pflege hatte, immer dicker und fauler und ging zuletzt überhaupt nicht mehr auf die Mäusejagd, er saß wie ein dicker Muff in der Sonne und rührte sich kaum. Je unfreundlicher aber Berta zu Mohrchen war, je weniger kam Fritz zu ihr; er lief mit seinem schwarzen Freund im Garten herum; zuletzt mieden sie beide die Küche und Bertas Nähe.

So war der Frühling ins Land gekommen. An einem schon recht heißen und schwülen Maitage fuhren die Großeltern über Land, und Fritz blieb mit Berta und Luise, dem Stubenmädchen, allein im Hause zurück. »Bange dich nicht, mein Jungchen,« hatte die Großmutter beim Abschied zärtlich gesagt.

»Ach nein, ich habe ja Mohrchen,« rief Fritz fröhlich.

Berta hörte dies und wütend blickte sie auf den Hund. »Warte nur,« brummte sie, »heute gibts nur Wassersuppe zu Mittag.«

Mohrchen empfand an diesem heißen Tage rechten Durst, denn nicht wie sonst stand ein Schüsselchen mit Wasser auf seinem Platze. Da sein kleiner Herr und Freund noch in der Schule war, rannte der Hund umher und suchte Luise. Dabei kam er auch in den offenstehenden Keller, in dem Berta herumhantierte. »Wart', du abscheuliches Tier!« rief diese und erhob drohend eine Latte. Erschrocken flüchtete Mohrchen und geriet in seiner Angst in den Kohlenkeller.

»Ei, da magst du bleiben, bis Fritz nach Hause kommt,« rief Berta höhnisch, und schwapp! schlug sie die Türe zu, die sie fest verschloß; so war denn Mohrchen nun ein Gefangener.

Als Fritz bald darauf heimkam, galt seine erste Frage dem schwarzen Freund. Berta brummte einige unverständliche Worte; lügen wollte sie doch nicht, aber auch nicht eingestehen, daß sie den Hund eingesperrt hatte. »Iß nur jetzt dein Mittagsbrot; er wird dann schon kommen,« sagte sie und nahm sich vor, gleich den Hund herauszulassen. Aber da kam eine Bauersfrau, die Butter brachte, dann die Waschfrau; so verging die Zeit, und es mochte wohl eine gute Stunde verflossen sein, ehe Berta an Fritz und an das eingesperrte Mohrchen dachte. Eilig ging sie und öffnete die Kellertüre; scheu kroch der Hund heraus. Wenn er nicht schon ein Mohrchen gewesen wäre, so hätte man ihn jetzt eins nennen können. Die weißen Pfötchen und die hellen Flecken an seinem Schnäuzchen und an seiner Brust waren durch den Kohlenstaub ganz schwarz geworden. »Pfui, du Schornsteinfeger, wie siehst du aus!« schalt Berta und dachte gar nicht daran, wie ungerecht ihre Vorwürfe waren. »Lauf' in den Garten zu Fritz, basta!« schrie sie barsch, und Mohrchen schlich verschüchtert von dannen.

Da kam Luise aus dem Garten und sagte: »Ich weiß gar nicht, wo Fritz hingekommen ist; Jörgel Fabian war da und wollte ihn besuchen; da habe ich überall gesucht, aber der Junge ist nirgends zu finden. -- Geh', such' ihn, Mohrchen!« rief sie dem Hunde zu. Der wandte sich um und sah das Mädchen mit seinen klugen Augen verständig an, dann stieß er ein kurzes Bellen aus und rannte davon.

»Fritz wird auf seinem Lieblingsplatz im Garten, auf dem großen Apfelbaum sitzen,« meinte Berta.

»Nein,« entgegnete Luise, »da ist er nicht; ich habe rechte Angst um ihn, weil ein Gewitter zu kommen scheint.«

Erschrocken sah Berta zum Himmel auf. Der war weißgrau, und hinter dem steilen Dach der Marienkirche stieg dunkles Gewölk empor.

»Bleib' hier,« rief Berta jetzt ängstlich, »ich werde Fritz suchen, vielleicht ist er zu Doktor Fabians gegangen.« Aber Fritz war nicht dort, und wo Berta auch nach ihm fragte, niemand hatte ihn gesehen, nur die Obstfrau sagte, Fritz sei vor einiger Zeit an ihr vorbeigelaufen, der Waldstraße zu. Während Berta so herumrannte, den Knaben zu suchen, war es immer dunkler geworden; eine fahle, bleigraue Dämmerung legte sich über das Städtchen, und auf einmal erhob sich ein heftiger Wind und ferner Donner rollte. Angsterfüllt eilte die alte Köchin heim; vielleicht war Fritz unterdessen zurückgekehrt, aber Luise kam ihr weinend entgegen und rief: »Er ist immer noch nicht da.«

Es wurde dunkler und dunkler; grell zuckten die Blitze hernieder, unheimlich rollte der Donner, und breite Regenwasserbäche rannen über die Straßen.

Berta lief trotz Luisens Bitten, die sich vor dem Unwetter fürchtete, wieder auf die Straße und suchte Fritz. Der Schneidermeister Langbein, den sie traf, hatte den Knaben nach dem Walde rennen sehen. »Schicken Sie ihm Mohrchen nach, Mamsell Berta,« rief er, »der findet ihn schon, der riecht mehr als hundert Menschennasen zusammen.« Und Berta lief heim; der Schneider ging zu ihrer Beruhigung mit, aber Mohrchen war nirgends zu finden.

Die alte Berta war ganz verzweifelt. »Ich bin schuld daran, warum habe ich den Hund eingesperrt! Ach, guter Gott, hilf mir doch!« jammerte sie.

»Jetzt hört der Regen auf, das Gewitter hat sich bald verzogen; da werde ich nach dem Walde gehen und den Buben suchen. Weinen Sie nicht mehr, Mamsell Berta,« tröstete der Meister.

»Mohrchen, dort kommt Mohrchen!« schrie Luise auf einmal freudig. Triefend und keuchend kam der Hund gelaufen. Die Zunge hing ihm weit heraus, und sein sonst so glänzendes Fell war mit dickem, grünlichem Schlamm bedeckt.

»Er ist im Wildmoor gewesen,« riefen der Meister und Luise entsetzt, und Berta stöhnte: »Im Moor, im Moor!« Da zog und zerrte jemand an ihrem Kleid, es war Mohrchen. Flehend sah der Hund zu ihr auf, dann rannte er zu Luise und zerrte auch diese, als wollte er sagen: »Komm mit!«

»Der Hund will uns führen,« rief das Mädchen.

»Er weiß, wo Fritz ist. Ich sag's ja, der hat Verstand wie 'n Professor,« sagte der Meister und fügte hinzu: »Ich laufe schnell zum Gärtner Schulz, der soll seinen Wagen anspannen, dann kommen wir schneller hin.«

Mohrchen zog schon wieder an Bertas Kleid und sah flehend zu ihr empor.

»Ich komme, Mohrchen, ich komme,« schluchzte diese.

Wenige Minuten später hielt auch der Gärtner mit seinem Wägelchen vor der Tür. Berta und der Meister stiegen ein, Mohrchen raste voran, und heidi, fort ging die Fahrt, dem nahen Walde zu. Mitten drin im Wald lag das sogenannte Wildmoor. Es war eine weite, grüne Fläche, auf der im Sommer allerlei schöne, seltene Blumen blühten, Wasserpflanzen mit durchsichtigen Stengeln und glänzenden Blättern. Immer herrschte hier eine tiefe, fast traumhafte Stille, und nur an sehr heißen Sommertagen schossen schimmernde Libellen und andere Insekten über den grünen Grund.

Die Schönheit des Wildmoors aber war recht trügerisch. Für jemand, der den Weg nicht genau kannte, war es gefährlich, darüber zu gehen, da er leicht in eins der tiefen Moorlöcher geriet, die unter der schönen, grünen Decke verborgen lagen, und aus denen es schwer war, ohne fremde Hilfe wieder herauszukommen.

Das Gewitter hatte sich völlig verzogen, und die Sonnenstrahlen rannen schon wieder durch das dichte Blätterdach des Waldes. Da erscholl Wagenrollen und Hundegebell, und bald darauf eilten Berta und Meister Langbein an den Rand des Moores. Das lag in stiller Verlassenheit da, nichts regte sich; so weit auch Berta zu sehen vermochte, sie erblickte nicht die geringste Spur des vermißten Knaben.

»Fritz, Fritz!« rief sie in namenloser Herzensangst. Doch da zerrte sie Mohrchen wieder am Kleide, und auf einmal ertönte eine schwache Stimme: »Berta, hier bin ich!«

Eilig rannte diese dem Hunde nach und unter einer dicken Buche, nahe am Rande des Moores, fand sie den Knaben. Er kauerte in einer kleinen Erdhöhle und war über und über mit Schlamm und Schmutz bedeckt.

Mit einem Jubelschrei stürzte Berta auf den so angstvoll Gesuchten zu. »Mein Herzensjunge,« rief sie weinend vor Freude und hob den Knaben empor, »dem lieben Gott sei Dank, daß wir dich gefunden haben.«

Mohrchen sprang und tanzte kreuz und quer und bellte laut vor Freude. Und plötzlich lag Meister Langbein, er wußte nicht wie, so kurz er war, auf der Erde; das fröhliche Mohrchen hatte ihn umgerissen. Aber der Meister schalt nicht, sondern sagte: »Bist ein braver Hund, Mohrchen, wirklich ein Staatskerl; morgen schenke ich dir 'nen Wurstzipfel; hast ihn verdient. Magst du lieber Blut- oder Leberwurst?« Merkwürdigerweise gab Mohrchen auf diese Frage trotz seiner Klugheit keine Antwort.

Berta sagte nichts, aber sie streichelte Mohrchen so sanft, und dieser leckte ihr zutraulich die Hand, als sei nie Feindschaft zwischen ihnen gewesen. Fritz wurde rasch in warme Decken gehüllt und in den Wagen gehoben. Während der Heimfahrt erzählte er seine Erlebnisse. Mohrchen hatte er suchen wollen und war einem fremden, schwarzen Hund, den er für Mohrchen hielt, bis zum Walde nachgelaufen. Dort hatte er ihn aus den Augen verloren und war dann kreuz und quer gerannt, bis er sich zuletzt müde unter einen Baum gelegt hatte. Er mußte wohl eingeschlafen sein; ein furchtbarer Donner weckte ihn, und angstvoll war er aufgesprungen und davon gelaufen. Dabei hatte er den Weg verfehlt und war an das Moor gekommen. Ohne Ahnung der Gefahr hatte er es betreten, doch schon nach wenigen Schritten sank er tief ein. In seiner Herzensangst schrie er laut um Hilfe. Da hörte er plötzlich Hundegebell.

»Mohrchen, Mohrchen!« schrie er, und wirklich -- nach einigen Minuten kam Mohrchen, der die Spur seines kleinen Herrn gefunden hatte. Schwer nur war es Fritz gelungen, aus dem Moorloch herauszukommen, aber Mohrchen hatte unermüdlich gezerrt und gezogen. Freilich, Fritzens Jacke war dabei ganz und gar zerrissen. Dann hatte das treue Tier den Knaben fest am Kittel gepackt und ihn sicher vom Moor geleitet. Fritz wußte nur noch, daß er unter eine Buche gekrochen war; dann hatte er das Bewußtsein verloren. Das tapfere Mohrchen aber war nach Hause geeilt und hatte Hilfe geholt.

»Ein Staatskerl, wirklich ein Staatskerl!« rief Meister Langbein und streichelte den braven Hund.

In Neustadt hatte sich rasch die Kunde von Fritzens Verschwinden verbreitet, und eine Anzahl Erwachsener und viele, viele Kinder der Stadt kamen den Heimkehrenden entgegen und begrüßten diese mit lautem »Hurra!« Am allermeisten aber schrieen Fritzens Klassengenossen, einer brüllte immer lauter als der andere.

Ein Fremder, der an diesem Tage in Neustadt war, dachte, es wäre Feuer ausgebrochen oder der Landesherr käme. Er lief auch auf die Straße und hörte dort immer »Mohrchen« rufen. »Nein,« sagte er lachend, »wie kleinstädtisch die Leute sind! Wenn ein Neger zu sehen ist, rennen sie sich beinahe die Füße ab.«

»Da sieht man doch, wie die Leute in der Fremde sehen und hören,« sagte später Klaus Hippel oft, wenn er die Geschichte erzählte, »mich wunderts nur, daß die Fremden nicht noch mehr Unsinn von Neustadt zu berichten wissen!«

Doch an diesem Tage rief auch Klaus Hippel, der gerade auf der Straße war: »Hurra Mohrchen!« Und so unter Jubelgeschrei wurde Fritz heimgebracht.

Die Großeltern waren inzwischen zurückgekommen und harrten in Angst und Sorge ihres Lieblings. Der wurde eiligst von Schlamm und Schmutz befreit und in sein Bett gebracht. Er bekam heißen Tee zu trinken, trotz der Sommerwärme. Er schlief auch bald ein, und Mohrchen und Berta wachten in dieser Nacht zusammen an seinem Lager. Die Alte konnte nicht schlafen vor Sorge, der Knabe könne krank werden. Sie saß in stillem Gebet an seinem Bett, neben ihr lag Mohrchen und sah manchmal mit seinen klugen, treuen Augen zu ihr auf. Dann nickte sie ihm zu und flüsterte leise: »Mein tapferes Mohrchen, ich will gut machen, was ich an dir verschuldet habe!«

Fritz schlief wie ein kleines Murmeltier in dieser Nacht, und als er am nächsten Morgen erwachte, da hatte er strahlende Augen und rosige Wangen. Sein Frühstück schmeckte ihm wie noch nie, er aß vier Wecken, und als er beim fünften war, rief er plötzlich: »Aber Mohrchen, wie siehst du denn aus!«

Das arme Mohrchen! Niemand hatte daran gedacht, ihm den Schlammpelz abzuwaschen. Der Schmutz war nun festgetrocknet, und eine harte, schwarze Kruste bedeckte an einzelnen Stellen sein Fell.

»Ich werde ihn gleich in warmem Wasser baden,« sagte Berta eifrig.

»Du, Berta?« rief Fritz verwundert.

»Ja, ich,« murmelte diese, »brauchst nicht so verwundert zu sein, was notwendig ist, ist notwendig; na und überhaupt, ein Prachtkerl ist das Mohrchen, damit basta!«

»Hurra!« schrie Fritz und umhalste die alte Berta, daß diese beinahe selbst in das Waschfaß gefallen wäre. Damit hatte die Feindschaft zwischen Berta und Mohrchen ein Ende, sie wurde die allerdickste Freundschaft von der Welt.

Vor dem Waschhaus, im schönen, warmen Sonnenschein, wurde Mohrchen bald darauf in einer großen Wanne gebadet. Er ließ sich das wohl gefallen, und sein kleiner Herr stand mit strahlenden Augen daneben und streichelte mitunter Bertas Arm. »Ich hab' dich wieder genau so lieb, wie früher, Bertachen,« versicherte Fritz, »nein, noch ein bißchen lieber, weil du so gut zu Mohrchen bist!« Berta lachte fröhlich; Mohrchen platschte behaglich im Wasser herum, und so wurde, während der weiße Seifenschaum allen Schlamm herabschwemmte, die alte Freundschaft wieder fest geschlossen. Schnurrhans saß blinzelnd auf dem Fensterbrett; er war nicht ganz zufrieden mit der Sache; er ahnte, daß er fortan nicht mehr allein alle guten Bissen bekommen würde. Und so geschah es auch; für Schnurrhans aber war das nur gesund, sonst wäre er zu dick und rund geworden.

O diese Bäckerbuben!

Gerade ehe sich die Pfingstferien noch höflich verabschiedeten, änderte sich das Wetter, und es gab einen so strahlenden Sonnenschein, daß die fünf Schatzgräber am Morgen alle als erstes Wort sagten: »Heute gehen wir!«

So wurde es auch. Am Nachmittag marschierten die Geschwister Fröhlich mit den fünf Kindern hinaus in die »Fröhliche Einkehr«. Dort wurden sie von Jantge mit großem Jubel begrüßt, als hätten sie sich alle zusammen mindestens seit zehn Jahren nicht gesehen. Jantge blühte wie ein Röslein, sie sah so glücklich aus, daß Fräulein Helene leise zu ihrem Bruder sagte: »Wie gut für das Kind, daß es eine Heimat gefunden hat!«

Jantge war glücklich in der neuen Heimat, das sah man, da brauchte niemand zu fragen: »Gefällt es dir hier?« Ihr drittes Wort aber war Karl. Was Karl tat und sagte, wie Karl wundervoll spielte und wie lieb er sei, davon erzählte sie unaufhörlich. Und Karl schien nicht minder entzückt von dem neuen Schwesterlein; Jantge hier und Jantge da, hieß es. Das ging so hin und her, und die Geschwister Fröhlich hatten ebenso ihre helle Freude an den einträchtigen Pflegegeschwistern, wie die Wirtsleute.

Nur einer war damit unzufrieden, einer grollte, Severin. Seiner Meinung nach hätte sich Jantge viel mehr über seinen Besuch freuen müssen, und daß sie immer Karl lobte, nur von Karl sprach, ärgerte ihn. »Das ist dumm,« sagte er zu seinem Bruder, »sie tut, als ob Karl ein Wundertier wäre!«

»Hm,« brummte Wendelin, der gerade daran dachte, wie lange es wohl noch dauern würde, bis die Stachelbeeren reif wären.

Karl mußte auch auf seiner Flöte blasen, und alle fanden, es klänge sehr hübsch. Jantge aber war entzückt, sie strahlte, dreimal fragte sie Severin: »Spielt er nicht fein?«

Dreimal antwortete Severin nur »hm,« zuletzt lief er wütend fort. Auf dem Heimweg, während die anderen Kinder lustig schwatzten, war er sehr brummig, er war wütend, daß seine Freundin Jantge sich so wenig um ihn gekümmert hatte, und am Abend beim Zubettgehen sagte er zu Wendelin: »Ich geh nicht mehr mit in die Fröhliche Einkehr!«

Wendelin erwiderte gar nichts, er schlief schon, er lag im Bette und pustete wie eine kleine Dampfmaschine, und selbst der ärgerliche Puff, den ihm sein Bruder Severin versetzte, ermunterte ihn nicht mehr. »Ich lern's auch; was der kann, kann ich auch,« murmelte Severin, und dann schlief er ebenfalls ein.

Am nächsten Tag hatte Severin ein Geheimnis vor seinem Bruder Wendelin, vor seiner Mutter, vor Heine, kurz vor allen Leuten im Hause, auch vor seinen Freunden. Gleich nach dem Mittagessen entschlüpfte er und ging die Langgasse hinunter bis auf den Markt, dann trat er zagend und verlegen in das Geschäft des Herrn Friedlein. Dort erhielt man die wundervollsten Sachen, Porzellantassen und Spazierstöcke, Bilderrahmen und Hosenträger, Tafelaufsätze und Handschuhe, was man wollte. Wenn irgend jemand in Neustadt irgend jemand etwas schenken wollte, und er wußte nicht recht was, dann ging er zu Herrn Friedlein, da fand er sicher etwas. »Warenhaus« nannte Herr Friedlein sein Geschäft, und er erzählte es jedem, der es hören wollte, »was Wertheim in Berlin ist, das bin ich in Neustadt, mehr hat der auch nicht als ich.«

Severins Herz klopfte hörbar, als er den Laden betrat; er sah sich scheu um, ob ihn auch niemand bemerkte, es war aber kein Mensch auf der Straße zu sehen. Drinnen im Laden stand eine Frau, die guckte Severin an und sagte: »Na, wo kommst du denn her?« -- Es war seine Tante.

Severin wurde blutrot, aber Herr Friedlein, der selbst im Laden war, fragte: »Du willst wohl einen Bleistift?« Es gab nämlich gerade billige Bleistifte zu verkaufen.

»Na, dann suche dir mal einen aus,« sagte seine Tante, »einen Groschen schenke ich dir dazu!«

Das war nun sehr nett von der Tante, und Severin kramte auch höchst vergnügt in dem Bleistiftkasten herum, drei bekam man für einen Groschen. Es dauerte recht lange, ehe er seine Entscheidung getroffen hatte, seine Tante bezahlte den Groschen und sagte lachend zu Herrn Friedlein: »Das wäre wohl etwas langweilig, wenn alle Kunden so viel Zeit zu ihren Einkäufen brauchten, nicht wahr?«

Herr Friedlein nickte und dann gähnte er, er hätte nämlich gern wie jeden Tag sein Mittagschläfchen gemacht. In Neustadt pflegte sonst kein Mensch zwischen ein und drei Uhr etwas einzukaufen, »so was tun nur Leute in den langweiligen Großstädten,« sagte Herr Friedlein immer. Ordentlich erschrocken fuhr er zusammen, als Severin auf einmal, als seine Tante den Laden verlassen hatte, mit lauter Stimme rief: »Ich möchte eine Flöte!«

»Was?« sagte der Kaufmann verdutzt. »Junge, du bist wohl nicht klug, eine Flöte hat noch niemand bei mir verlangt. Kann's nicht eine Mundharmonika sein?«

»Nein,« stotterte Severin, »'s muß eine Flöte sein. Karl hat auch eine!«

Herr Friedlein überlegte. Er ließ nie gern jemand aus seinem Laden fortgehen, ohne daß er etwas gekauft hatte, und plötzlich fiel ihm ein was er Severin als Flöte geben könnte. Er holte ein schwarzes Ding herbei, »das sei etwas Wundervolles, viel, viel besser als eine Flöte,« erzählte er, »es sei eine Okarina, und wenn ihm Severin zwei Mark geben würde, dann sollte er das kostbare Instrument bekommen.«

Wenn gerade eine Klappe dagewesen wäre, dann wäre der Bube gewiß in die Erde gerutscht vor Entsetzen über den unglaublichen Preis. Er blieb ganz verdattert stehen und starrte den Kaufmann mit offenem Munde an, als wäre dieser ein Geist. Sehr klug sah Severin gerade nicht aus, und Herr Friedlein brummte ärgerlich und verständnisvoll. »Schneid' nicht so 'n Gesicht, dummer Bengel! Wie viel Geld hast du denn?«

Seufzend griff Severin in die Hosentasche und holte ein altes, abgenutztes Portemonnaie heraus, dreiundachtzig Pfennige, zwei Stahlfedern, fünf Spielmarken, ein Zinnsoldat, ein Malzbonbon und ein Stück Kreide, die alles angeschmiert hatte, waren darin. Herr Friedlein sah seine Okarina an, ein Stückchen war schon davon abgeschlagen und einen ganz kleinen Sprung hatte sie auch schon. »Na, meinetwegen,« sagte er gnädig, »da nimm sie für das Geld, du kannst aber froh sein über den Einkauf, so was passiert nicht alle Tage!«

Schweigend nahm Severin seine Okarina, stumm ging er hinaus, und erst als er auf der Langgasse war, blieb er stehen. Da hatte er nun all sein Geld ausgegeben, dreiundachtzig Pfennige, beinahe ein Königreich hätte er sich dafür kaufen können, so meinte er. Freilich eine -- eine, ja wie hieß das Ding doch gleich -- hatte Karl nicht. Aber wie das Instrument hieß, mußte er wissen, für dreiundachtzig Pfennige konnte er dies verlangen. Er raste zurück, riß die Ladentüre auf, daß die Klingel förmlich hopste und sprang. Ebenso schnell sprang Herr Friedlein in der Ladenstube von seinem Sofa auf, er war gerade ein bißchen eingeschlafen gewesen; er stürzte in den Laden, sicher war jemand da, der sehr viel kaufen wollte.

»Wie heißt die Pfeife?« schrie ihm Severin entgegen.

»Okarina, du unnützer Bengel,« rief Herr Friedlein zornig, »was fällt dir ein, so zu klingeln!« Aber Severin war schon wieder draußen, er lief über den Markt, durch die Langgasse und sagte immer vor sich hin: »Onetrina, Onetrina!« Na, das war mal ein putziger Name.

»Du vergißt wohl ganz das Grüßen, mein Sohn?« fragte da auf einmal jemand mahnend, und Severin sah den Herrn Direktor vor sich stehen. Er riß die Mütze vom Kopfe und stammelte: »Onetrina, Onetrina!« Der Herr Direktor Weidlich ging kopfschüttelnd weiter und murmelte: »Der Knabe ist wohl etwas dumm, mir scheint, er hätte Ostern sitzen bleiben sollen! Ich muß etwas auf ihn achten!« --

An diesem Nachmittag ließ Klaus Hippel plötzlich den Pantoffel, an dem er gerade nähte, zur Erde fallen; erschrocken lauschte er, dann sagte er zu seiner Frau Paulinchen: »Nun höre doch nur, da schreit der Kauz gar wohl am hellen Tage!«

»Das bedeutet gewiß ein Unglück,« jammerte die Pantoffelmacherin. »Ih wo, das bedeutet gar nichts,« sagte ihr Mann vergnügt, »wenn ich nur wüßte, wo der Kauz sitzt?«

Das war freilich ein sonderbarer Kauz, der da, etwas versteckt von allerlei Gebüsch, draußen auf der Wiese vor dem Turm stand und mit vollen Backen auf seiner Okarina blies. Uhuhuhu -- pfpfpf ging das, es klang so jämmerlich, daß Klaus Hippel verwundert sagte: »Na, nun weiß ich nicht, hat der Kauz, der so schreit, Leibschmerzen, oder ist es ein Hund, der heult, so was habe ich noch nie gehört!«