Kleinstadtkinder: Buben und Mädelgeschichten
Part 10
Es war sehr schön im Walde an diesem Pfingstsonnabend; Bäume, Büsche und Blumen, Gras und Kräuter, alles sah taufrisch und frühlingslustig aus, und die Vögel zwitscherten und sangen laut und leise ihre allerschönsten Pfingstlieder. Ein Weilchen wanderte der Bube so dahin, immer dichter wurde der Wald, und mitunter versperrten ihm riesengroße, mit Moos bewachsene Steine den Weg. Ein Bächlein lief an ihm vorbei, das murmelte: »Geh links, geh links«, und Christoffel meinte Marieles Stimme zu hören, er wußte aber nicht, daß es das Bächlein war, das Marieles Tränen mit sich führte.
Er ging wirklich links, und als er ein Weilchen links gegangen war, kam er plötzlich auf einer weiten Lichtung an, eine große, blühende Wiese lag zwischen den blauschwarzen Tannen. Mitten auf der Wiese lag ein Garten, und in dem Garten stand ein Haus, nein, ein Schloß war es, eins, das ein goldenes Dach hatte. Viel war sonst von dem Schloß nicht zu sehen, es war nämlich von unten bis oben mit Pfingstrosen überwachsen, und weil gerade Pfingsten war, blühten auch die Röslein, rote und weiße. Selbst über die Fenster hinüber hingen die Rosenranken wie zarte Schleier.
Zaghaft trat der Bube näher, am Gartenzaun blieb er stehen und schaute hinein. War das eine blühende, duftende Pracht! Tausende von Blumen blühten in allen Formen und Farben. Schlichte Wald- und Wiesenblümlein und stolze, farbenprangende Gartenblumen. Und wie Christoffel so stand und schaute, tat sich auf einmal die goldene Haustür auf, und heraus trat ein Mägdlein, ein feines, zierliches Kind, es trug eine Haube aus braunem Samt, die sah aus wie ein Schmetterlingskopf. Das Mägdlein ging durch den Blumenwald hindurch, da neigte es sich zu einer großen, bunten Tulpe herab, dort strich es sanft einem Maiglöckchen über das weiße Kleid. Vor einigen großen Feuerlilien blieb das Mägdlein stehen, und, Wunder über Wunder, der Bube hörte ganz deutlich, wie die Feuerlilien flüsterten, sie schienen dem Kinde etwas zu erzählen.
Christoffel spitzte die Ohren wie eine kleine Maus, er wollte doch auch hören, was die Blumen zu sagen hatten, und wirklich, er konnte es verstehen; sie riefen: »Melinde, schau dich um, am Zaun da steht ein dummer, neugieriger Bube.«
Dumm nannten ihn die Feuerlilien, na, das war doch aber frech! Christoffel wurde krebsrot vor Zorn, und ärgerlich rief er: »Ich bin nicht dumm, ich bin sehr gescheit, ich bin ein Hirtenknabe und will eine Prinzessin heiraten!«
Da fingen plötzlich alle Blumen an zu lachen, die kleinen Wald- und Wiesenblumen kicherten, bei den Maiglöckchen klang es wie ein feines Läuten, die Tulpen lachten breit und derb, die Feuerlilien lachten ordentlich dröhnend, und manche Blüte platzte gleich vor Lachen weit auf, und die hängenden Herzen bammelten hin und her vor Vergnügen.
»Mögen sie doch lachen,« dachte Christoffel, und ganz keck sagte er zu dem lieblichen Kinde: »Bist du eine Prinzessin, dann will ich dich heiraten. Hirtenbuben heiraten doch meist Prinzessinnen, willst du?«
Die Kleine lachte und rief fröhlich: »Gewiß bin ich eine Prinzessin, und zwar bin ich die Schmetterlingskönigin. Ich wohne bei meiner Muhme, der Blumenkönigin, komm nur herein und sei unser Gast!«
Just in diesem Augenblick trat aus dem Hause eine wunderschöne Frau; sie trug ein Kleid, das schimmerte wie die liebe Sonne und war so zart und fein wie ein Blumenblatt. »Frau Muhme,« rief die kleine Schmetterlingskönigin, »schaut doch her, hier ist ein Hirtenbube, der mich heiraten will!«
Da kicherten und lachten wieder alle Blumen, die wunderschöne Frau aber sagte: »Wenn meine Nichte dich will, dann mag sie dich heiraten, tritt nur näher und sieh, wie es dir bei uns gefällt, denn, wenn dich Melinde heiratet, dann mußt du immer hier bleiben und darfst nie das Haus und den Garten verlassen!«
Christoffel zog ein langes Gesicht, das paßte ihm nun schon nicht recht, er hatte sich gerade als Allerschönstes bei der Geschichte gedacht, daß er, wenn er erst ein Prinz oder König sein würde, in seiner goldenen Kutsche in sein Heimatdorf fahren möchte, damit ihn dort die Leute auch alle recht bewunderten. Alle sollten sie ihn anstaunen, ihn, den vornehmen Herrn, die Eltern, die Freunde, Muhme Trine-Rosine und Mariele, sogar der Herr Schulmeister. »Nun komm doch, tritt näher!« rief Melinde.
Zögernd betrat Christoffel den Garten, und als er mit seinen dicken Bergschuhen über den feinen, bunten Kies schritt, der wie lauter Edelsteine glänzte und schimmerte, da kicherten die Blumen wieder laut und leise, und eine dicke Feuerlilie rief neckend: »Tritt sacht auf, Prinzlein, tritt sacht auf!«
Der Bube wurde blutrot und stapfte und stolperte nun erst recht ungeschickt durch den Garten.
»Du stößt uns ja, au weh, du trittst auf meine Wurzeln!« so riefen die Blumen ärgerlich. Da nahm Melinde den Buben an der Hand und führte ihn selbst in das Schloß mit dem goldenen Dach. Wie sie die Türe öffnete, da wäre der Christoffel beinahe hingeplumpst vor Staunen, denn es glitzerte und schimmerte so vor seinen Augen, daß er ganz geblendet war. Er sah in einen wundervollen Saal hinein, dessen Wände und dessen Fußboden ganz von bläulichem Glas waren, darüber wölbte sich ein Dach, das aussah wie der dunkelblaue Nachthimmel, an dem unzählige Sternlein erstrahlten. Und durch die Glaswände hindurch sah man wunderbare Landschaften; da war ein Wald voll Palmen, an denen sich seltsam geformte Orchideen emporrankten, man sah das blaue Meer auf- und abwogen, und auf der anderen Seite wieder sah man unendliche weite Wiesen, dann das Hochgebirge mit seinen schimmernden Schneebergen.
»Wir können von unserem Schloß aus in alle Länder der Welt schauen,« sagte Melinde, die des Buben Staunen bemerkte. »Doch komm', jetzt wollen wir zusammen zu Mittag essen!«
Über all dem Wunderbaren, was es zu sehen gab, hatte Christoffel gar nicht mehr daran gedacht, daß er nach der tollen Fahrt eigentlich recht hungrig war. Als die kleine Prinzessin nun aber vom Essen sprach, da fing sein Mäglein gleich an gewaltig zu knurren. »Heisa,« dachte er, »das ist recht, daß es etwas zu essen gibt,« und im Geiste sah er schon allerlei leckere Dinge vor sich, die er zwar noch nie in seinem Leben gekostet hatte und die er nur aus den Erzählungen von Muhme Trine-Rosine kannte. Wenn einer essen will, muß er sich aber an einen Tisch setzen, und wenn dieser Tisch in der Mitte eines riesengroßen Saales steht, muß man den Saal durchschreiten, um an den Tisch zu gelangen. Das wollte Christoffel auch ganz gern tun, aber, du lieber Himmel! das war eine schwierige Sache, auf dem glänzenden Glasboden zu gehen. Er rutschte und schlitterte und pardauz, lag er nach drei Schritten, so kurz er war, da. Und mit dem Aufstehen ging es auch nicht so leicht. Kaum dachte er, nun bin ich hoch, plumps, da lag er wieder, und das lose Prinzeßlein lachte dazu aus vollem Halse. Überhaupt war es ein Schwirren, Klingen und Lachen im Saal, daß es Christoffel himmelangst wurde. Als er nach dem viertenmal Aufstehen sich wieder recht kräftig hingesetzt hatte, da schaute er sich erst mal ein bißchen um. Nun sah er wunderfeine, kleine Männlein und Fräulein im Saal herumspazieren, die hatten veilchenfarbene, dottergelbe, schneeweiße, grasgrüne, himmelblaue und sonst was für Kleider an, es waren die Blumenelfen, die im Schutz der Blumenkönigin wohnten. Auch bunte, schillernde Schmetterlinge flogen in Scharen aus dem Saal hinaus und hinein.
Das war nun wirklich allerliebst, und Christoffel vergaß ein Weilchen wieder sein knurrendes Mäglein und riß vor Erstaunen Mund und Nase weit auf.
»Aber, komm doch!« drängte endlich Melinde und reichte dem Buben die Hand, und an der Hand seiner kleinen Führerin gelangte der endlich unversehrt an einen goldenen Tisch, der inmitten des Saales stand. »Setze dich,« zwitscherte die kleine Prinzessin.
Christoffel wollte sich auf ein goldenes Stühlchen setzen, aber das rutschte davon wie ein Schlitten auf dem Eise, und der Bube saß nun zum sechstenmale auf dem Boden. Wieder half Melinde, und endlich saß Christoffel am Tisch und dachte vergnügt: »Nun kann's losgehen, ob es wohl Hühnerbraten gibt oder -- gar eine Torte?«
Einige Blumenelfen kamen herbei und brachten zierliche, goldene Schüsseln und ein goldenes Krüglein. »Heute gibt es Rosenmus und Gänseblümchenwein,« sagte Melinde, »da, lang' nur zu, eine Veilchenpastete sollst du dann auch noch zu kosten bekommen! Hier, ich lege dir vor!«
Ganz entsetzt starrte Christoffel auf die winzigen Portionen, die Melinde ihm vorlegte, und wie das Zeug schmeckte! Lange nicht so gut wie Muhme Trine-Rosines Pfingstkuchen. Der Gänseblümchenwein schmeckte wie einfaches Quellwasser, und die Veilchenpastete war nicht größer als ein Fingerhut.
»Wie du schnell ißt,« sagte Melinde erstaunt, als Christoffel die ganze Veilchenpastete mit einem Male hinunterschluckte. »Nein, so etwas, du wirst dir den Magen verderben!«
»Von dem Bißchen,« murmelte Christoffel kleinlaut. Er war nun erst recht hungrig geworden und verlangend sah er sich um.
»Eia,« rief Melinde da, »wir bekommen noch Erdbeeren, die sollen uns schmecken!«
Zwei Elfen trugen auf einem großen Blatt zwei Erdbeeren herbei, und das Prinzeßchen schaute den Buben fragend an: »Kannst du auch eine ganze Erdbeere vertragen?«
»Bloß eine?« rief Christoffel kläglich, »hundert kann ich essen,« und schwapp schluckte er beide Erdbeeren hinunter; »ich habe Hunger,« klagte er. »So ein Vielfraß!« wisperten die Elfen, und auf einmal kamen aus allen Ecken Elfen und Schmetterlinge herbei, umstanden und umflatterten den Buben, Melinde aber fing an zu weinen. »Er hat mir meine Erdbeere weggegessen, nein, wie kann man so viel essen!«
»Er hat einen Mund wie eine Höhle,« wisperte ein Elfchen, das in einem rosenroten Gewand steckte, und ein Schmetterling setzte sich auf Christoffels kleine, dicke Stupsnase, um sich genau den großen Mund anzusehen.
»Haizih, haizih!« nieste der Bube, den dies mächtig kitzelte. Hopsa, flog da der Schmetterling in einem weiten Bogen von der Nase herunter, und die Elfen purzelten und kugelten übereinander und schrieen gar kläglich vor Schreck. Melinde aber verschluckte sich so am Gänseblümchenwein, daß sie hustete und prustete. Es entstand ein solcher Wirrwarr, ein solches Geschwirr und Geschrei, daß die Blumenkönigin eiligst hereinkam, und wehklagend und jammernd stürzten die Elfen auf sie zu: »Er hat mit seiner Nase geschossen, da, einen Schmetterling hat er totgeschossen,« klagten alle.
Der arme Christoffel saß ganz verdattert auf seinem goldenen Stühlchen, er hatte doch nur geniest, war denn das so schlimm? In dem Gesicht der Blumenkönigin blühte sacht ein holdes Lächeln auf, und mit gar lieben, sanften Worten beruhigte sie die erregte Schar und schalt auch ein wenig, daß man nicht freundlich genug gegen den Gast sei. Melindes Tränen versiegten. Lächelnd nahm sie Christoffels Hand und sagte: »Komm jetzt zum Abendtanz auf die Wiese, die Sonne wird bald sinken, dann müssen wir alle schlafen gehen, vorher tanzen wir aber noch alle miteinander!«
Christoffel ging ein wenig kleinlaut mit Melinde hinaus, und singend, wispernd, schwirrend folgten ihnen alle Elfen und Schmetterlinge. Im Garten dufteten die Blumen wundersüß im Glanz der scheidenden Sonne. »Nun laß uns tanzen,« sagte Melinde auf der Wiese zu Christoffel, sie faßte ihr Kleidchen zierlich an, ihre weiten Ärmel flogen, und sie sah aus wie ein großer, schwebender Schmetterling.
Ach! das Tanzen war des Christoffels schwache Seite; er hopste über die Wiese wie ein junger Ziegenbock, der das Laufen noch nicht gelernt hat.
»Au, au, du trittst mich ja,« jammerte Melinde, »pfui, bist du ungeschickt mit deinen schweren Stiefeln. Zieh sie doch aus!« Verlegen gehorchte der Bube, er hatte schöne, blitzeblaue Strümpfe an; daran, daß sie etliche Löcher hatten, dachte er nicht. In Strümpfen hopste er mit Melinde über die Wiese, da begannen plötzlich die Elfen zu kichern: »Er hat in der rechten Hacke ein Loch, hihihi, die große Zehe guckt am linken Fuß heraus, hihihi!« Christoffel wurde puterrot, Melinde aber ließ ärgerlich seine Hand los: »Pfui, ich mag nicht mehr mit dir tanzen,« rief sie schnippisch, »wenn man Löcher in den Strümpfen hat, tanzt man mit keiner Prinzessin!«
»Kommt alle hinein, die Sonne sinkt,« rief da die Blumenkönigin.
Flugs liefen und flogen sie alle dem Hause zu. Allein, die Stiefeln in der Hand, folgte Christoffel sehr niedergeschlagen. Als er an dem Haus mit dem goldenen Dach anlangte, war die Prinzessin schon darin verschwunden, und am liebsten wäre er wieder umgekehrt, die Blumenkönigin aber nahm ihn an der Hand und führte ihn in ein kleines Gemach, in dem ein goldenes Bettchen stand. »Hier magst du heute schlafen,« sagte sie, »morgen wollen wir dann weiter sehen, wie es dir bei uns gefällt!«
Sie ging, und Christoffel blieb allein. Ja, wunderfein und zierlich war das Bettchen schon, aber so klein, wie sollte er da nur hineinkommen? Er zog sich aber doch aus und kletterte in das Bett. »Es wird schon gehen,« dachte er; aber das Bett war doch nicht für einen kleinen, dicken Menschenjungen gemacht; als Christoffel hineinplumpste, da ging es gleich mit einem großen Krach mitten auseinander, und der Bube lag am Boden.
»Na, ist auch recht,« dachte er, als er sich vom Schreck etwas erholt hatte, drehte sich um und schlief ein wie ein Murmeltier zu Winters Anfang. Er schlief, bis ihm die helle Pfingstsonne auf die Nase schien, da wachte er auf, und da fühlte er auch gleich, daß ihm etwas schrecklich weh tat. »Was ist denn das?« dachte er, »mir ist's ja so schlimm, o je, o je!« Nun begann sein Mäglein furchtbar zu knurren, und er merkte, daß es der Hunger war, der ihn quälte. Hurtig sprang er aus dem Bett und zog sich an. Frühstück, das war sein einziger Gedanke. Als er in den Garten kam, spazierte Melinde schon zwischen den Blumen auf und ab, sie nickte ihm freundlich zu und rief: »Komm rasch frühstücken!«
»Wo ist das Frühstück?« Wie ein Kreisel drehte sich Christoffel rund um, hungrig schaute er da und dorthin, aber nirgends erblickte er einen gedeckten Tisch. Da sah er, wie Melinde den Tau aus den Blumen schlürfte, und als die kleine Königin das verblüffte Gesicht des Buben bemerkte, sagte sie: »Komm nur und trinke dich ordentlich satt am Tau, damit du mir nachher zu Mittag nicht wieder alles vor der Nase weg ißt.«
Tau sollte er trinken, das sollte sein ganzes Frühstück sein! Vor Entsetzen erhob Christoffel ein so jämmerliches Geschrei, daß alle Blumen zu zittern begannen und die Blumenkönigin und viele Elfen und Schmetterlinge herbei kamen: »Was ist dir denn, was fehlt dir?« riefen sie erschrocken.
»Hunger, Hunger hab' ich,« brüllte der Bube, »huhuhu, ich habe solchen Hunger, ich sterbe vor Hunger!«
»Holt ihm rasch eine Veilchenpastete,« rief die Blumenkönigin mitleidig, »oder nein, wir wollen ihn in die Vorratskammer führen, da mag er essen, was ihm gefällt!«
Melinde, die vor lauter Mitgefühl mit weinte, führte den Buben selbst in die Vorratskammer, und die Blumenkönigin, alle Elfen und Schmetterlinge folgten. In der Vorratskammer standen viele goldene Schüsseln und Krüge, aber alle waren sie so klein, viel zu klein für Christoffels Hunger. Im Umsehen hatte der zehn Veilchenpasteten hinuntergeschluckt und einen Topf voll Rosenmus ausgeschleckt, und ehe die anderen recht wußten, wie und was, hatte er die ganze Vorratskammer leer gegessen. --
Da erhob sich ein großer Tumult unter den Elfen und Schmetterlingen und zornig riefen sie: »Der soll nicht unser König werden, der ißt uns ja alles, alles auf!«
Auch Melinde weinte: »Ich will keinen Mann, der so schrecklich viel ißt, nein, den mag ich nicht!«
»Ich will auch nicht hier bleiben, hier gibts ja nicht mal ordentlichen Pfingstkuchen, hier wird man ja nie satt,« trotzte der Bube auf.
»Er ist noch nicht satt,« schrieen alle entsetzt und schwirrten, wisperten, riefen und schalten alle so durcheinander, daß es dem Christoffel himmelangst wurde, und er rasch ans Ausreißen dachte. Er lief geschwind zur Türe hinaus, schwapp war er draußen. Er kam aber auf der anderen Seite des Hauses heraus, und weil er Angst hatte, man könnte ihn verfolgen, rannte er so schnell er konnte. Darüber sah er nicht ein tiefes Loch, und pardauz, fiel er in das Loch hinein. Er rutschte und rutschte immer tiefer, und plötzlich saß er mitten in einer weiten Halle unter lauter kleinen, seltsamen, braunen, verhutzelten Leutchen. Es waren Wurzelmännlein und Weiblein, unter die er geraten war; voll Erstaunen sahen die den Gast an, der so unversehens in ihr Reich gefallen war.
»Wer bist du denn?« fragte ein kleiner Wurzelmann, der eine Krone aus Bergkristall auf dem Haupte trug.
»Ich bin der Christoffel, ein Hirtenbube, und möchte eine Königstochter heiraten und König werden. Muhme Trine-Rosine sagt, so was sei schon öfters vorgekommen,« stammelte der Kleine.
»Na, das trifft sich mal gut,« rief der Wurzelkönig, »ich suche einen Mann für meine Tochter Braunella, einen Wurzelmann möchte sie nicht gern heiraten. Komm einmal her, Braunella, wenn dir der Menschenjunge gefällt, und er immer bei uns bleiben will, dann kannst du ihn heiraten!«
Ein kleines Fräulein kam herbei, ganz braun im Gesicht, mit einem grünen Kleide an; Melinde war freilich viel hübscher gewesen, aber Braunella sah man es an, daß sie eine Königstochter war, sie hatte eine goldene Krone auf dem Kopfe. Sie klatschte in die Hände und rief vergnügt: »Ja, den will ich, der soll mein Mann werden!«
Christoffel sah sich bedenklich um, oben bei der Blumenkönigin war es viel hübscher gewesen als hier im dämmrigen Wurzelreich, hier roch es so sumpfig und dumpf. Hier sollte er sein ganzes Leben lang bleiben, das mochte ihm gar nicht recht gefallen, und was nützte es ihm denn, wenn er König wurde, und niemand daheim wußte es. Aber die Wurzelleute schienen es gar nicht anders zu erwarten, als daß er blieb. Der König rief mit lauter Stimme: »Flugs rüstet ein festliches Mal, es soll unserem Gast zu Ehren gebratene Regenwürmer geben.«
»Eia, o, wie fein!« riefen die Wurzelleute alle durch einander; ein kleiner, dicker Wurzelmann schnalzte ordentlich mit der Zunge vor Vergnügen.
Christoffel aber schrie entsetzt: »Gebratene Regenwürmer, pfui, wie kann man so etwas essen!« Ganz schlimm wurde es ihm bei dem Gedanken an diese Speise. Na, hier war er recht aus dem Regen in die Traufe gekommen, da waren die Veilchenpasteten der Blumenkönigin schon besser gewesen, und die kleine Wurzelprinzessin gefiel ihm auch gar nicht. Ratlos sah er sich um, hinein war er gekommen in das Wurzelreich, wie aber sollte er wieder hinaus kommen? Da hörte er plötzlich neben sich ein sachtes Murmeln, es klang genau wie Marieles Stimme, es war das Bächlein, das Marieles Tränen trug, und das ein Stück durchs Wurzelreich floß. »Ich nehm' dich mit, ich nehm' dich mit,« sang es.
Heisa, da besann sich Christoffel nicht lange, er lief rasch dahin, von wo das Murmeln erklang, da sah er es schimmern wie flüssiges Silber, und stärker hörte er das Rauschen. Hopps sprang er in den Bach! »Er reißt aus, er reißt aus,« schrieen die Wurzelleute wütend. Aber schon hatte das Bächlein den Buben aufgenommen, der rutschte, glitt, kollerte, es sauste und brauste ihm um die Ohren, er wurde gepufft und gestoßen, das Wasser rauschte über ihn hinweg, ganz in der Ferne hörte er das Geschrei der Wurzelleute, und plötzlich wurde es ganz hell um ihn her. Verdutzt schaute er sich um, er lag im hellen Sonnenschein am Fuß eines Berges, und nicht weit davon murmelte ein Bächlein.
»Da liegt der Christoffel,« rief eine helle Stimme, und das Mariele beugte sich über ihn.
»Christoffel, Christoffel,« rief es von allen Seiten, »wo warst du denn, wo hast du gesteckt, und wie siehst du aus?«
Männer und Frauen, Buben und Mädels kamen herbeigelaufen und riefen durcheinander: »Der Christoffel ist wieder da! Wo warst du denn nur Bube, sag' doch!«
Christoffel richtete sich auf, seine Glieder schmerzten, und ganz naß war er, nein und wie schmutzig er aussah! Er rieb sich den Kopf, der tat ihm so weh, daß er kaum aus den Augen sehen konnte. Stotternd begann er zu erzählen, von dem Berggeist, der Schmetterlingskönigin und dem Wurzelreich.
Verdutzt hörten die Dorfleute ihm zu, was schwatzte denn der Bube nur? »Er hat Fieber, er muß ins Bett und Lindenblütentee trinken,« sagte da jemand; es war Muhme Trine-Rosine. Sie hob den Buben auf und trug ihn ohne weiteres heim, zog ihn aus und legte ihn ins Bett.
»Ich habe Hunger, ich will Pfingstkuchen,« schrie Christoffel. »Papperlapapp,« sagte die Muhme, »Lindenblütentee gibt es, und drei Tage nichts zu essen, das ist das beste Mittel gegen Fieber.«
»Pfingstkuchen!« rief der Bube jämmerlich; da bekam er eine riesengroße Tasse Tee, und allemal, wenn er den Mund aufmachte und Pfingstkuchen rief oder etwas erzählen wollte, bekam er wieder Tee. So ging es drei Tage, dann sagte Muhme Trine-Rosine: »Jetzt kannst du aufstehen!«
Aber der Pfingstkuchen war alle, und was das Schlimmste war, wenn Christoffel von seinen Erlebnissen erzählen wollte, dann glaubte es ihm niemand. Und dabei wäre er beinahe zweimal König geworden, es war doch toll.
Nur Mariele glaubte ihm alles; der erzählte er oft von seinen Erlebnissen. Er sagte aber, er wolle nun doch daheim bleiben, das Königwerden hätte er satt. Nur manchmal, wenn er schlechter Laune war, weil er in der Schule einen Tadel bekommen hatte, dann rief er: »Ich gehe in die weite Welt und werde ein König.«
»Und trinkst Tau und ißt gebratene Regenwürmer!« sagte Mariele; da war er dann still.
So blieb er ein Hirtenbube, später wurde er ein Bauer, heiratete das Mariele und blieb in seinem Dorf bis an sein Lebensende. --
Der Doktor Fröhlich schwieg, und die Kinder saßen ein Weilchen still; auf einmal sagte Wendelin: »Pfui, gebratene Regenwürmer, die möchte ich auch nicht.«
»Ich wär' aber doch bei der Blumenkönigin und Melinde geblieben,« flüsterte Brigittchen versonnen.
»Es hört auf zu regnen, ich glaube, wir bekommen gutes Wetter,« rief plötzlich die alte Dorothee ins Zimmer hinein.
Da sprangen alle auf und rannten ans Fenster, wirklich es regnete sachter und der graue Himmel hatte feine, helle Schlitze bekommen. »Gutwetteraugen« nannte es Fräulein Helene.
»Es wird schön, da können wir morgen Jantge in der >Fröhlichen Einkehr< besuchen,« riefen die Kinder jubelnd.
Ein Weilchen später patschten sie vergnügt durch die Pfützen heimwärts, alle fanden sie einmütig, daß es doch ein wundervoller Pfingsttag gewesen sei, und morgen, morgen würde es sicher schönes Wetter sein.
»Pfui, nä, gebratene Regenwürmer,« sagte Wendelin noch einmal vor dem Einschlafen.
Brigittchen aber wandelte im Traum durch den Garten der Blumenkönigin, fein, schön und licht trat ihr die entgegen und fragte: »Was wünscht du dir, Brigittchen, in meinem Reich hat jeder einen Wunsch frei am Pfingsttag!«
»Eine Mutter, wie Jantge eine bekommen hat,« flüsterte die Kleine. Da wachte sie halb auf, jemand hatte sich über sie geneigt und strich ihr sanft über das Gesichtchen, es war ihr Vater. »Was schwätzt mein kleines Mädchen im Traum?« fragte er.
»Ich möchte eine Mutter,« murmelte Brigittchen noch einmal, dann schlief sie weiter und merkte es nicht, daß ihr Vater lange, lange in tiefem Sinnen an ihrem Bettchen saß. Er dachte an den Pfingstwunsch seines kleinen Mädchens, und wie er den erfüllen könnte.
Mohrchen. Die Geschichte einer Feindschaft.
Im Winter hatte Fritz Brinkmann einen schwarzen Hund gefunden, der überfahren worden war. Der Knabe war gerade vom Schlittenfahren heimgekommen, just an dem Tage war es gewesen, an dem Doktor Fröhlich nach Neustadt kam, und zu den lustigen Schlittenfahrern in der Marienstraße hatte Fritz auch gehört. Dicht bei dem Hause seines Großvaters, der in einer stillen Vorstadtstraße wohnte, hatte der Knabe den Hund gefunden; flehend hatte ihn der mit treuen, klugen Augen angesehen, und Fritz hatte ihn ohne langes Besinnen auf seinen Schlitten geladen und heimgefahren.