Kleine Lebensgemälde in Erzählungen
Part 9
Zuweilen brachte der Herr vom Hause seine Tochter mit, welche dann jedes Mal dem Rittmeister für ihre Rettung dankte. Ihre Unterhaltungen schienen nicht minder zu wirken, als ihr Gesang und Spiel; Lisuart meinte: so geistvoll habe er noch keine Dame reden hören. Sie erbot sich auch, ihm bisweilen vorzulesen. Er lehnte das zwar, als zu gütig, ab; aber dennoch blieb sie dabei, ihren Retter auch auf diese Art zu unterhalten. Sie ging dazu in das Nebenzimmer, und ließ die Thür offen, weil sie in dem halb finstern Krankenzimmer nicht hätte sehen können.
Eines Tages brachte sie einen Band Gedichte mit, und sagte ihm, daß diese zu ihrer Lieblingslectüre gehörten. Wie staunte der Rittmeister, als sie ihm nun aus _Lisuarts poetischen Versuchen_ vorlas. Die Empfindung, womit sie es that, erregte bei ihm Rührung, Stolz und -- Gewissensvorwürfe. O Gott! dachte er, sollt' ich dies Fräulein nicht lieben? nicht treulos an Luisen geworden seyn, der ich doch in meinem Herzen ewige Liebe geschworen habe?
Doch bald dachte er auch: Luisen habe ich seit vier Jahren nicht gesehen, und vielleicht sehe ich sie nie wieder.
Und späterhin: Diesem Fräulein verdanke ich mein Leben; und das ist doch noch mehr, als ich Luisen einst zu verdanken hatte.
Nach gerade sah er heller, und so viel die herabgelassenen grünen Vorhänge es zuließen, prüfte er des Fräuleins Gestalt. Sie war höher als Luise, und ihr Ausdruck voll Adel und Anmuth. Die Gesichtszüge schienen ihm geistiger, bedeutender, aber nicht so heiter, wie er sich Luisens noch erinnerte; eine gewisse sanfte Schwermuth lag darin verbreitet, die er jedoch äußerst anziehend fand.
Einmal sagte er: Den Dichter, von dem Lisuarts poetische Versuche sind, möchte ich beneiden, weil Sie ihm so viel Nachsicht schenken. Und doch -- kann ich ihn nicht beneiden. Wissen Sie ihn?
Sehr eilig rief Jene: Nein! Ist er Ihnen bekannt? Schon lange habe ich nach seinem Namen gefragt.
Dies Mal klang die Stimme dem Rittmeister heitrer, als sonst, und schien ihm ein wenig bekannt. Nun faßte er auch die Gesichtszüge schärfer ins Auge.
Mein Fräulein, hob er wieder an, sind ... sind Sie einmal in D*** gewesen? --
»Vor vier Jahren.«
Auf dem Ball bei ***?
»O Himmel!«
Die Gedichte an Luise wurden -- an Sie geschrieben.
»Meine Ahnung! Und Sie -- Sie retteten mich!«
Sie retteten mein Leben!
Nun konnte der Rittmeister aber nicht mehr zusammenhangend sprechen. Ein heftiger Rückfall vom Fieber, und nichts als Irrereden. Zu stark war die Erschütterung für seine nur erst schwach befestigte Gesundheit.
Erst nach einigen Wochen kam er wieder so weit, als er schon gewesen war. Nun hatten aber das Fräulein und ihr Vater das Gut verlassen, und es war in andern Händen.
Der neue Eigenthümer sagte: Schon lange wäre der Kaufvertrag abgeschlossen gewesen, und nun der Termin seines Antritts herangekommen; indeß sollte es dem Rittmeister an keiner Pflege fehlen.
Lisuart fragte bestürzt: Wo ist denn der vorige Gutsherr geblieben?
Er bekam zu Antwort: Genau weiß ich es nicht. Wie ich höre, ist er nach dem Brandenburgischen gezogen.
»Und sein Name? Noch immer habe ich nicht danach gefragt.«
Von Rothenfeld.
Lisuart bat, sobald er wieder schreiben konnte, Bekannte in Berlin, sich nach dem Aufenthalt eines Herrn von Rothenfeld zu erkundigen. Welch ein glückliches Wiederfinden, dachte er, und Luise liebt mich! Sie hat mein Herz aus den Gedichten an sie errathen. Freilich reden einige deutlich genug vom ersten Anblick, und den mächtigen Wirkungen der ersten Liebe.
Er genas nach einigen Wochen völlig, und eilte nun dem Heer in Frankreich nach. Aus Berlin bekam er jedoch keine günstige Antwort. Man wußte dort nichts von einem Herrn von Rothenfeld und seiner Tochter.
Das ging so zu. Luise hatte aus D*** eine gewisse Schwermuth gebracht, die bei dem, zwei Jahre nachher erfolgenden, Tode ihrer Mutter sich mehrte. Ihr Vater meinte, eine baldige Heirath würde das beßte Heilmittel seyn. Er unterhandelte darüber mit einem alten Bekannten, einen Herrn von Buchenthal, Vater eines einzigen Sohnes, von dem man viel Gutes sagte. Doch die Kriegsunruhen kamen dazwischen.
Luise gestand ihrem Vater: der Rittmeister von Breitenfeld sei schon lange der Gegenstand ihrer Liebe, und trage, wie sie vermuthet habe, auch _sie_ im Herzen.
Aber, antwortete der Vater, ich habe Dich bereits versprochen, und Du wirst auch zufrieden seyn. Dem Rittmeister müssen wir unsere Dankbarkeit auf andere Art beweisen.
So wenig Luise damit auch zufrieden war, mußte sie doch mit dem Vater nach Sachsen reisen, wo er noch andere Güter hatte. Ein halbes Jahr nachher schrieb sein Freund: Mein Sohn wird nun aus dem Kriege heimkehren. Mögen die jungen Leute einander sehn. Können sie keine gegenseitige Neigung zu einander fassen, so muß ihnen kein Zwang angethan werden.
Nach einem Monate reis'te Luise mit ihrem Vater -- auf ergangne Einladung -- zu dem Herrn von Buchenthal. Sie bat unterwegs sehr viel, und betheuerte: daß sie nur dem Rittmeister ihre Hand geben könne.
Man langte an. Der Sohn war vor einer Stunde gekommen, und -- hatte seinem Vater betheuert: nur _Eine_ könne seine Gattin werden.
Luise trat kalt mit ihrem Vater ein. Neben dem Herrn von Buchenthal stand ein schöner Officier. Sehr kalt verbeugte sie sich er auch. Er -- war nicht mehr bleich, Binden und Bart waren verschwunden. Er sah das Fräulein genauer an. Es war Luise!
Sie ward vom Schrecken blaß. »Herr von Breitenfeld --«
Ich heiße Buchenthal!
Wie, rief Einer der beiden Väter, Ihr kennt einander? Und der Andere: Ei, Sie sind ja unser Retter!
Nun gab es kein Sträuben mehr.
Nachricht für Besitzer von Leihbibliotheken und Freunde einer unterhaltenden Lektüre.
Die in der Verlagshandlung dieses Buches erschienene Sammlung von Lafontaineschen Schriften gehörten unstreitig zu denen, die den Verfasser zum Liebling des Publikums machten. Es sind folgende: Haus Bärburg -- Barnek und Saldorf -- die beiden Bräute -- Eduard und Magaretha -- Emma -- Karl Engelmann -- Wenzel Falk -- Familienpapiere -- Fedor und Maria -- Gemäldesammlung -- Ida von Liburg -- Landprediger -- kleine Romane -- Theodor. Zusammen 32 Bände, im Ladenpreis 48 Thlr.
Um wiederholten Wünschen zu genügen, lassen wir diese ganze Sammlung bis zu Ostern 1821 für 30 Thlr.
Vorzüglich möchte diese Sammlung auch für Familien auf dem Lande, die entfernt von Städten, eine angenehme Lectüre in den Winterabenden wünschen, sich eignen. Die Verlagshandlung liefert die ganze Sammlung _schön gebunden_, an solche für 6 Friedrichsd'or.
Sandersche Buchhandlung.
Gedruckt bei L. Wilhelm Krause in Berlin, Adlerstraße No. 6.
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
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Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen, mit folgenden Ausnahmen,
Seite 5: "den" geändert in "dem" (doch wer aus dem Mittag jähling in die Mitternacht träte)
Seite 5: "den" geändert in "dem" (oder aus dem Julius in den Februar)
Seite 5: "habeu" geändert in "haben" (nicht das Mindeste von ihnen gehört haben)
Seite 18: "Absiche" geändert in "Absicht" (lud mein Vater nun, in jener Absicht)
Seite 31: "Plan" geändert in "Plane" (künftiger Plane, und er lebte einstweilen)
Seite 60: "das" geändert in "daß" (daß es sich kaum anders habe erwarten lassen)
Seite 62: "in" geändert in "kein" (Ich trat staunend zurück, und konnte kein Wort sagen.)
Seite 75: "erfnhr" geändert in "erfuhr" (Doch späterhin erfuhr ich)
Seite 84: "«" eingefügt (»Was ist denn aus dem Commerzienrath Hell geworden?«)
Seite 94: "»" eingefügt (gab er zur Antwort: »Unmöglich könne er)
Seite 96: "«" eingefügt (Lebt sie noch und in welchen Verhältnissen?«)
Seite 101: "Entwikelung" geändert in "Entwickelung" (über ihre Entwickelung vermögen die Außendinge mehr)
Seite 117: "Firseurs" geändert in "Friseurs" (schmeichelte der Eitelkeit des Friseurs doch ein wenig)
Seite 119: "," eingefügt (wurde indeß bald ansehnlich, als die Börse)
Seite 127: "Vaten" geändert in "Vater" (An dem Verlust, den ihr Vater einige Mal gelitten)
Seite 128: "«" eingefügt (wo aller Handel und Wandel stockt!«)
Seite 129: "Comtoir" geändert in "Comptoir" (Lehrjahre überstanden haben, und im Comptoir sitzen)
Seite 145: "Kentnisse" geändert in "Kenntnisse" (bei seinem Buchhalter ungemein große Kenntnisse)
Seite 146: ";" geändert in ":" (mit der Anfrage: ob er bei ihm die Stelle)
Seite 147: "." eingefügt (wenigem Gehalt begnügen.)
Seite 148: "dara" geändert in "daran" (daß nichts daran zu tadeln sei)
Seite 171: "«" eingefügt (zwingen will, in Ihr Verderben zu gehn!«)
Seite 174: "Versprrchen" geändert in "Versprechen" (ich mich bei einem vorläufigen Versprechen nicht beruhigen)
Seite 177: "dedurfte" geändert in "bedurfte" (obwohl er selbst Trost bedurfte)
Seite 197: "Va-Vater" geändert in "Vater" (In Gottes Namen, erwiederte der Vater)
Seite 200: "beweiseu" geändert in "beweisen" (thätig zu beweisen, zog er vom Leder)
Seite 208: "jehr" geändert in "sehr" (allein der Schüler hatte bis jetzt sehr wenig begriffen) ]