Kleine Lebensgemälde in Erzählungen
Part 7
Seitdem ihm Ketters kluge Thätigkeit wichtige Vortheile gebracht, hatte Lund das Er doch in eine höflichere Anrede umgeändert, weil er meinte, das _Sie_ koste ja nichts, und der junge Mann könne es anstatt einer Gehaltszulage in Empfang nehmen. Jetzt aber rief er die Anrede mit _Er_ zurück, nachdem schon Flüche vorhergegangen waren. Er packte den jungen Mann zugleich an der Brust, und schrie: Bu -- bu -- Bursche! Er will meine Tochter zum Ungehorsam verleiten? Wa -- wa -- was geht meine Tochter Ihn an?
Kaltblütig hielt Jener ihn ab, und sagte: Viel geht sie mich an. Ich sage muthig, daß ich Philippinen liebe. Zuerst sah ich sie in der Kirche, wo ihre Schönheit mich bezauberte. Ich wünschte, ihr nahe zu seyn, um mir ihre Gegenliebe erwerben zu können. Darum kam ich in Ihr Haus, fügte mich in jede Ihrer wunderlichen Launen, suchte durch Redlichkeit und Fleiß meines Principals Wohlwollen zu verdienen. Schon manchen Jünglingen gelang unter solchen Umständen endlich, was sie Anfangs nimmer hoffen durften. Ich machte einen ähnlichen Entwurf, ob mich schon nicht Philippinens Reichthum, sondern ihre Liebenswürdigkeit angezogen hatte. Daher bediente ich mich einer List, doch keiner Arglist, sondern einer schuldlosen, auch dem Redlichen erlaubten. Geben Sie mir Philippinen ohne alle Ausstattung. Ganz so unbemittelt, wie ich es vorgab, bin ich nicht, und traue mir hinreichende Geschicklichkeit zu, eine Frau zu ernähren.
Philippine rief: Auch ich gestehe freimüthig, daß ich ihn liebe.
Die beiden Schwarzen geberdeten sich, als wollten sie mit den Köpfen gegen die Wände laufen, Wände und Köpfe zugleich einstoßen. Doch besannen sie sich noch, und sprachen in dem heftigsten Zorne, beide zugleich. Herr Lund rief zitternd: Also hat Er sich wie ein Betrieger in mein Haus geschlichen, und obenein mir die Tochter verführt! Nicht genug, solchen Bösewicht fortzujagen; verhaften, einstecken lassen muß man ihn. Ich will auf der Stelle zu dem Polizeiamt!
Er klemmte seinen Trauermantel in die Thür, als er beim Weggehn sie hinter sich zuwarf, und ließ ihn, wie Joseph, lieber fahren, als daß er noch zaudern mochte.
Herr Kauser hatte mit ihm zugleich gesprochen: O, wenn es hier noch einen jungen Wildfang giebt, der einem soliden Geschäftsmann böse Tücke spielen könnte; wenn das Jüngferchen obenein in ihn vernarrt ist, so kann ich mich bei einem vorläufigen Versprechen nicht beruhigen. Ich hole einen Notar; gleich Schwarz auf Weiß, unterzeichnet und gehörig besiegelt.
Er ging auch, blieb aber in den Mantel gewickelt; und dies kam ihm zu Statten, wie man sogleich hören wird.
Nie, seitdem er lebte, hatte sich Lund so heftig geärgert, wie diesen Abend. Der Zorn hatte auch seinen ganzen Körper in den stärksten Schweiß gesetzt. In seiner blinden Wuth hatte er gar nicht bedacht, was jetzt das Klügste sei. Ihm, einem guten Rechner, mußte jeder Strich durch die Rechnung ein Dorn im Auge seyn. Der heutige lange aber brachte ihn fast ganz von Sinnen.
So rannte er davon, und bemerkte nicht, daß sich der vorhin mäßige Herbstregen in einen Platzregen verwandelt hatte, den man beinahe einen Wolkenbruch hätte nennen mögen. Es war ziemlich weit nach dem Polizeiamt. Jupiter =pluvius= drang durch den schwarzen leichten Rock, und überschwemmte die Oberfläche des Körpers zum zweiten Male. Heiße und kalte Nässe vertrugen sich nun so schlecht, daß aus ihrem Zwiespalt ein Zwiespalt zwischen Lunds Leib und Seele entstand, dessen Natur gewiß irgend ein Arzt den Lesern gern erklären wird, wenn sie ihn höflich darum fragen.
Genug, Lund erkältete sich plötzlich auf seinen glühenden Zorn, und fiel, ehe er noch das Polizeiamt erreicht hatte, auf der Straße nieder. Daß er gerade in einen Rinnstein fiel, und daß einige Zeit verging, ehe man ihn aufhob und ins Trockne brachte, vermehrte die Folgen der Erkältung bis zu einem sehr hohen Grade.
Bei einem Platzregen gehen natürlicher Weise schon wenige Menschen aus dem Hause, und in einem Rinnstein kann man länger unbemerkt bleiben, als mitten auf dem Fahrdamm.
Erst nach einer Viertelstunde wurde Lund gesehn, und erkannt, doch im Anfang für betrunken gehalten, bis verständige Leute bemerkten; _der_, bei seinem Geitze, habe sich gewiß nicht betrunken; ihm sei eine Ohnmacht, ein Krampf, wo nicht gar ein Schlagfluß, zu gestoßen.
Endlich zog man den Röchelnden aus der Tiefe, und schaffte ihn mit einem Tragsessel in seine Wohnung. Ehe dies geschah, untersuchte noch ein vorbeigehender Chirurgus seinen Zustand.
Als vorhin die beiden Schwarzen weggeeilt waren, thaten die zurückgebliebnen Frauenzimmer, was Frauenzimmer unter solchen Umständen zu thun pflegen: sie ließen Klagen auf Thränen folgen, und dann wieder Thränen auf Klagen. Dem Buchhalter fiel das Trösten anheim, obwohl er selbst Trost bedurfte. Er sagte indeß: Standhaft, gute Philippine; man kann und darf Sie nicht zwingen. Wenn Ihre Mutter sich nicht zur Einwilligung bewegen läßt, so muß ihr Wort doch auch gelten. Ich kann nun nicht mehr im Hause bleiben, ob ich es gleich mit Schmerz verlasse. Eine Verhaftung besorge ich zwar nicht, will auch vor jedem Richter vertreten, was ich gethan und gesagt habe; Herr Lund hat mir aber den Dienst aufgekündigt. Nun, meine Bücher sind in Ordnung. Nur eine kurze Anweisung für meinen Nachfolger, und ich kann noch heute gehn.
Philippine bat ihn weinend, zu bleiben, und sie in der Noth nicht zu verlassen. So lange es möglich ist, soll es geschehn, erwiederte Ketter; allein Ihr Vater wird auf meine Entfernung dringen, wenn er weiter nichts vermag. O Philippine, ich weiß nun, daß Sie mich ein wenig lieben. Welche Glückseligkeit, und welches Entsetzen zugleich für mich, da meine Trennung von Ihnen jetzt nothwendig ist, und da ich nun überzeugt bin, von Ihrem Vater nie mein Glück hoffen zu dürfen!
Ketter, sagte Philippine ermannt; ja, ich liebe Sie! Zu sehr haben Sie meine Achtung und meine Dankbarkeit gewonnen, als daß ich je einem Andern meine Hand geben könnte. Braucht mein Vater Gewalt, so sag ich noch am Altare Nein, und rufe die Gesetze zu Hülfe. Doch sagen Sie mir, Sie, der Sie mich mit so vielem Guten, Rechten, Edlen und Schönen bekannt gemacht haben: würde es in meiner Lage unrecht seyn, wenn ich zu entfliehn suchte? Als Kammerjungfer, vielleicht sogar als Lehrerin, fände ich wohl ein Unterkommen. Schwer würde es mir freilich seyn, mich von der guten Mutter zu trennen; das müßte ich aber ja auch, wenn ich den verhaßten Kauser heirathete. In jenem Fall wüßte sie mich doch vor dem schrecklichsten Unglück gesichert.
In dem einzigen Fall, erwiederte Ketter, daß Ihr Vater seine Absicht mit Gewalt durchsetzen will, halte ich es für erlaubt, daß Sie entfliehn. Auf meinen -- anspruchlosen -- Beistand können Sie dann sicher zählen.
Ich will selbst helfen, schluchzte die Mutter, allen Zorn meines Mannes tragen. --
Der Buchhalter ging ins Comptoir; die Frauenzimmer blieben, und weinten ihre schmerzlichen Thränen fort.
Da eilte, ehe noch der Tragsessel vor dem Hause war, jener Chirurgus herein. Erschrecken Sie nicht, Madame, fing er an; ich bringe eine üble Nachricht. Herrn Lund hat der Schlag gerührt. Er ist ohne alle Besinnung, und -- fassen Sie sich -- es ist keine Hülfe mehr.
Mutter und Tochter erschraken in der That sehr heftig; doch ihre Thränen hörten sogleich auf zu fließen. Ist es möglich? rief Frau Lund; ist es möglich?
Man trug den Sterbenden bereits in die Hausthür. Die Gattin eilte ihm entgegen, und wußte nicht, ob sie den eignen Augen trauen sollte. Doch that sie nach Pflicht und Gewissen, was nöthig schien. Der Kranke wurde in das Schlafzimmer gebracht, der nassen Kleidung entledigt, und in das gewärmte Bett gelegt. Der Chirurgus öffnete zwei Adern, sagte aber voraus, daß es unnütz seyn würde. Frau Lund befahl, daß noch ein Arzt geholt werden sollte, der berühmteste in der Stadt.
Bis er kam, beschäftigte der Chirurgus sich mit andern Rettungsmitteln. Philippine, die ungemein verstört in die Küche geeilt war, half dem Mädchen Thee bereiten und Steine wärmen. Von Zeit zu Zeit kam Frau Lund zu ihr, und sagte: Er bleibt dabei, daß keine Hülfe ist. Wir müssen aber doch nichts versäumen, daß wir uns nichts vorzuwerfen haben.
Philippine erwiederte jedes Mal: Freilich müssen wir das; sonst behielten wir ja kein gutes Gewissen.
Der berühmte Arzt kam endlich, fand hier aber keine Gelegenheit mehr, noch berühmter zu werden. Lunds Gesicht war zur Hälfte blau; nur selten vernahm man ein Röcheln, und der Puls war kaum noch zu finden.
Ist noch Hoffnung, Herr Doktor? fragte Frau Lund.
Nur einige Minuten kann es noch währen, antwortete der Arzt, nach einem bedauernden Achselzucken.
Frau Lund eilte wieder in die Küche, und schlug die Hände zusammen. Es ist bald aus, sagte sie; ich hätte es nie gedacht. Nun soll ich ihn doch überleben. Da sieht man: unverhofft kömmt doch oft!
Aengstlich sagte ihr Philippine ins Ohr: sie möchte nicht vergessen, ja nicht vergessen -- was, das konnte sie nicht hervorbringen.
Die Mutter eilte in die Wohnstube. Beide gingen neben einander auf und ab, ohne etwas zu sagen. Bald kam der Arzt: Madame, ich bezeuge mein Beileid; Ihr Mann hat geendet.
Ist er auch gewiß todt? entfuhr der neuen Wittwe; kann ich mich darauf verlassen?
Philippine zupfte sie wieder ängstlich am Kleide, und Jener erklärte die absolut tödtlichen Wirkungen einer solchen Apoplexie, wie die vorliegende.
Er soll einen Grabstein von Marmor haben, sagte Frau Lund wieder, und dachte dabei dunkel: zum Dank für die große Wohlthat, die er mir durch seinen Tod erzeigt.
Die Nichthülfe der Aerzte ward reichlich bezahlt, und Beide gingen ihres Weges.
Mutter und Tochter flogen zum Todten, und schauderten. Die entseelten Züge schienen Trümmer von Geitz und Wuth. Lange war der Anblick nicht auszuhalten; Jene eilten in die Wohnstube zurück. Noch immer waren sie im Taumel einer Bestürzung, als kämen sie aus einem Kerker, und hätten noch dazu ein Loos von funfzig tausend Thalern gewonnen.
Träum' ich auch nicht? sagte Frau Lund; ist es denn wirklich wahr?
Wahr, erwiederte die Tochter. Nur fassen Sie sich; lassen Sie nicht merken ...
Mein Gott, fiel die Mutter ein, hat er es denn danach gemacht, daß wir uns über seinen Tod grämen können? Ich hatte keine frohe Stunde bei ihm, und sein Kind wollte er auch noch ohne Erbarmen unglücklich machen.
Hätte er noch einen letzten Willen abfassen können, sagte die Tochter, so würde er sicher darin verordnet haben, daß ich Kausern heirathen sollte.
Oder er hätte Dich enterbt, fiel die Mutter ein.
Nun, sagte die Tochter wieder, heirathe ich Kausern doch nicht, liebe Mutter? -- Und die Mutter umarmte sie.
Ketter hatte von dem Allen nichts gehört. Jetzt trat er wehmüthig in die Stube. Herr Lund, fing er an, kömmt nicht wieder; so will ich denn gehn.
Er kömmt nicht wieder, sagte Frau Lund; Sie gehn aber nicht. Wer sollte denn die Geschäfte meiner Handlung führen? Oder vielmehr: unsrer Handlung; denn sie gehört mir und Philippinen zur Hälfte.
Der junge Mann verstand sie nicht, und gerieth in das höchste Erstaunen, als man ihm das Nähere sagte. Ungläubig ging er zu dem Leichnam, und kam bald in großer Bestürzung wieder. Jetzt erschien auch Herr Kauser, von einem Notar begleitet. Schwarz auf Weiß, rief er; Siegel und Zeichnung!
Frau Lund sagte: Herr Kauser, ziemt es sich wohl, gleich nach einem Todesfall ein Verlöbniß zu halten?
Warum nicht? antwortete er; über Vorurtheile muß man sich hinwegsetzen, wo es das Mein und Dein gilt.
Gut, hob Frau Lund wieder an; nun habe ich zu reden. Herr Notar, ich verspreche meine Tochter mit meinem Buchhalter, und Herr Kauser ist wohl so gütig, als Zeuge sich zu unterschreiben.
Herr Kauser rief: Was sind das für Possen! Wo ist mein Herzensfreund Lund?
Man hinterbrachte ihm alles. O, wie würde ihn der Tod des Herzensfreundes entzückt haben, wenn er schon mit Philippinen verheirathet gewesen wäre!
Seine Einreden halfen nicht, da er nicht Schwarz auf Weiß hatte. Ketter und Philippine wurden nach einigen Monaten ein frohes Paar. Der wurmstichige Hausrath wurde abgeschafft; man genoß, was der Geitz zusammengescharrt hatte, und freute sich des Lebens, doch mit Anstand und mäßig.
Das Sonst und Jetzt waren im Lundschen Hause nun ziemlich verschieden. So geht es im weiten launigen Reiche der Schicksalsgöttin. Oft sinken die Freuden der Lebenden mit in ein Grab; bisweilen aber blühen ihnen auch Rosen daraus hervor.
Drei Liebespaare in Einem.
Eine romantische Kriegsbegebenheit.
Drei Liebespaare in Einem.
Der Sohn eines sächsischen, ziemlich bemittelten Landedelmanns wurde nach D*** auf eine Schule gesandt. Er war träge im Lernen, fleißig aber im Koboltschießen und Ballschlagen; oft vergaß er über einer glatten Schlitterbahn im Winter, oder einem steigenden Papierdrachen im Herbst, daß ihn eine Lehrstunde erwartete, und mußte daher ins Carcer. Die ihm jedes Vierteljahr ausgestellten Zeugnisse lauteten ungemein übel; er mußte sie jedes Mal in die Heimath schicken, von wo dann tüchtige Strafpredigten erfolgten. Sechzehn oder siebzehn Jahre mochte er alt seyn, als, nach einem ganz außerordentlich üblen Zeugniß, sein Vater in D*** anlangte, um einmal selbst nach dem ungerathenen Sohn zu sehn. Er fand dessen Wohnzimmer in solcher Unordnung, daß er die Hände über dem Kopf hätte zusammenschlagen mögen. Bälle und Flitzbogen lagen umher, die Schulbücher waren zerrissen, die Hefte voll Tintenflecke, und allerlei Fratzen darauf gezeichnet, so wie auch an den Wänden. Lisuart -- so hieß das Söhnchen -- hatte sich nicht gewaschen, nicht gekämmt; an Ellbogen und Knieen zeigten sich merklich schadhafte Gegenden.
Aber Junge, rief der Vater, Du spielst noch mit Bällen und Flitzbogen? Und so liederlich sieht Alles neben und an Dir aus? Bist ein Edelmann, und hast nicht mehr Ambition? Gehst mit zerrissenen Hosen, und das Hemd kuckt Dir an den Ellbogen heraus? Wie lange ist es her, daß ich Geld zu neuen Kleidern geschickt habe?
Ehe Lisuart zu einer Antwort gelangen konnte, bekam er zwei derbe Ohrfeigen; nun ward er tückisch, und antwortete gar nicht.
Der Vater machte jedoch mit ihm eine Runde bei den Lehrern, um sich zu erkundigen, woran es doch mit dem Buben läge.
Der Rektor sagte: Zwei Umstände sind es hauptsächlich, an denen es liegt, daß der junge Herr nichts lernt. Einmal schläft er zu lange, und kömmt immer zu spät in die Classe, wie sehr ich ihm auch das =Aurora musis amica= empfohlen, und ihn ermahnt habe, mit Tagesanbruch seine Uebungen vorzunehmen. Zweitens aber stecken seine Taschen immer voll Kuchen und Obst; er nascht während des Unterrichts in Einem weg verstohlen, und da gilt folglich das =plenus venter non studet libenter= auch in Einem weg bei ihm.
Junge, hob der Vater wieder an, wo nimmst Du das Geld her? Ich habe Dir doch nur acht Groschen zu Kleinigkeiten monatlich ausgesetzt.
Der Rektor faßte ihm während dessen in die Taschen; in der einen befand sich eine Mandel Abrikosen, in der andern ein Paket überzogner Gewürzkuchen.
Lisuart mußte nun reden, und gestand in abgebrochnen Worten: daß er bei verschiednen Kuchenbäckern und Obsthökerinnen auf Borg nähme.
Der Vater sagte zornig: Ich will in den Zeitungen bekannt machen lassen, daß Dir auch nicht eine gebrannte Mandel, nicht eine Pflaume, kreditirt werden soll.
Der Conrektor und der Subrektor äußerten ebenfalls große Unzufriedenheit, und klagten, daß der junge Mensch sich durch einen gewissen erzschalkhaften, boshaften Sinn auszeichne. Es sollte damit, ihnen zufolge, so weit gehen, daß er die Ehrerbietung vor seinen Lehrern vergäße. Beide führten einige Beispiele an. Einer sagte: Wie oft ich es ihm auch schon verboten, ja, ihn darum ins Carcer geschickt habe, nennt er mich doch oft, anstatt Herr Conrektor, Herr _Kornrektor_, so daß alle Knaben lachen, und die Aufmerksamkeit verloren geht. Ich bin nicht zu übermäßiger Strenge geneigt; jung ist jung. Sollen aber zuweilen =allotria= getrieben werden, so gescheh' es in den Freistunden, nicht in der Klasse.
Und mich, fiel der Andere ein, redet er oft, anstatt Herr Subrektor, Herr _Suppenrektor_ an. Man sagt wohl: =pueri puerilia tractant=; allein der Herr Sohn sollte nicht mehr zu den Knaben gehören wollen.
Sein College nahm abermal das Wort: Daß er es gerade so übel meine, behaupte ich bei dem allen nicht. Die veränderte Silbe in Korn will sagen: ein Mann von ächtem Schroot und Korn. Er sollte gleichwohl bei der alten bleiben.
Nein, hob Lisuart stotternd an; so habe ich es nicht gemeint ...
Der Lehrer fragte: Wie denn sonst?
Er bekam zur Antwort: Nun -- weil Sie so gerne Korn trinken.
Hierüber gerieth der Conrektor fast außer sich, und wollte den Beleidiger nicht mehr in seiner Klasse dulden.
Feuerroth wollte nun auch der Subrektor hören, weshalb denn sein Titel eine Veränderung erlitten habe. Der junge Mensch antwortete: es sei ihm zu Ohren gekommen, der Herr Subrektor habe einmal auf einem Schmaus eine ganze Terrine Suppe allein verzehrt.
Nun wollte auch dieser ihn nicht mehr unterrichten. Wär' es noch klassischer Witz, sagte er, so behielt' ich ihn in meiner Klasse; Allein dieser Witz ist schal, trivial.
Bei der Schule stand aber noch ein Quintus, der berühmt und berüchtigt zugleich war: jenes, weil er mehrere Schriften herausgegeben, die Aufsehn in der gelehrten Welt machten; dieses, weil er ehedem schon ein andres Amt bekleidet, aber von den jungen Mädchen, die er unterrichten sollte, zwei in einen Zustand versetzt hatte, nach welchem sie gesegnet zur Einsegnung kamen. Man hatte ihn weggejagt und noch anderweitig hart bestraft; ihn endlich aber, seiner trefflichen Kenntnisse wegen, doch wieder als Schulmann -- nur nicht bei Mädchen -- angestellt. Dieser Quintus trat nun für Lisuart ein. Er wollte bemerkt haben, daß der junge Mensch ein Genie sei. Nur Geduld! setzte er hinzu; es wird sich schon entfalten, und dann geht es auch mit den Studien über Hals und Kopf. Ich weiß, wie es bei mir gegangen ist.
Schon wollte der Vater seinen ungerathenen Sohn wieder mit nach Hause nehmen; doch der kleine Schimmer von Hoffnung, auf welchen der Quintus deutete, bestimmte ihn anders. Er versprach dem Conrektor und Subrektor, ihnen ein Paar geräucherte Schinken in die Küche zu senden, wenn sie die Sache gut seyn ließen.
Lisuart wohnte bis jetzt bei einem Bürger, dem der Vater eine Art von Aufsicht über ihn anvertraut hatte. Der Mann sagte aber: der junge Herr folge nicht, und richte auch im Hause nur allerlei Unfug an; darum wäre es ihm lieber, wenn der junge Herr auszöge.
Dem Vater fiel nun ein, daß in D*** ein verabschiedeter Hauptmann lebe, der sein Freund und Herr Bruder sei. Er ging mit Lisuart zu ihm, und fragte: ob es anginge, und er ihm die Freundschaft erzeigen wollte, den Sohn in sein Haus zu nehmen? -- Von dessen übler Aufführung verschwieg er nichts, setzte aber hinzu: Strenge ist um so nöthiger; und kann Einer noch etwas aus ihm machen, so bist Du es, Herr Bruder.
Warum nicht, Herr Bruder? entgegnete der Hauptmann; das will ich Dir schon zu Gefallen thun. Aber ich muß im Nothfall die Fuchtel brauchen dürfen.
In Gottes Namen, erwiederte der Vater; brauche Sie nur recht oft! Er hat neun Häute; thu' Alles Dir Mögliche, ihm auch durch die letzte zu kommen.
Nicht öfter, sagte der alte Officier, als wenn er nicht pariren will. Von Gelehrsamkeit versteh' ich den Teufel; aber daß er früh aufstehn und sich an die Bücher setzen soll, will ich schon machen. Und kömmst Du wieder, und er ist nicht in seinem Anzug, wie aus dem Ei geschält, so ... gerade soll er mir auch gehn, wie eine Kerze.
Der Hauptmann erfüllte sein Versprechen. Kaum war Lisuart einige Monate in seinem Hause, als er in manchem Betracht sich gebessert hatte; aber doch nur ein wenig, und nicht in allen Stücken. Die Kleidung war sauber, stand ihm aber nicht gut; er ging gerade, doch steif, ohne Anmuth. Das Kinderspielzeug war verschwunden; Lisuart stand auch, in Rücksicht auf die schon einige Mal empfundenen Fuchtel, zeitig auf; doch an den Büchern wurde noch immer nicht viel gethan, ja, eigentlich noch weniger, als zuvor, wo er doch noch Gesichter mit langen Nasen hineingekritzelt hatte; was der Hauptmann nicht mehr zugab. Noch immer lauteten die Schulzeugnisse keineswegs rühmlich, und Lisuart saß noch in Quarta, obschon Manche, die jünger als er waren, sich in Tertia, ja in Secunda befanden.
Der Hauptmann nahm ihm einen Fechtmeister und einen Tanzmeister an, daß sie ihm ein sogenanntes =air degagé= beibringen sollten. Bei Jenem machte Lisuart einige Fortschritte, zum Tanzen hingegen hatte er so wenig Lust als Geschicklichkeit.
So kam sein achtzehntes Jahr heran, und auch der Winter, für den sein neuer Mentor in eine Gesellschaft trat, die sich wöchentlich zu einem Ball versammelte. Es geschah meistens um Lisuarts willen, der, wie Jener sagte, hier noch mehr den Bauer ablegen, und feinere Lebensart bekommen sollte.
Doch es hinkte auch da genug. Er sollte eine Dame zum Tanz auffordern, weigerte sich aber aus Blödigkeit. Nur angedrohte Fuchtel konnten ihn endlich bestimmen. Nun tanzte er freilich, indeß mit so krummen Knieen und so verwirrt, daß man über ihn lachte. Beim Essen stopfte er dagegen so viel Kuchen und Obst in sich, daß man mit Fingern auf ihn wies. Der Hauptmann ärgerte sich sehr, und fuchtelte ihn noch um Mitternacht, als man wieder zu Hause war.
Auf dem nächsten Ball zeigte er etwas mehr Geschick beim Tanz, und etwas weniger Naschgier an der Tafel; aber ganz unausgelacht kam er doch nicht davon. Sie sollten sich schämen, sagte der Hauptmann daheim; so ein hübscher junger Mensch, und beträgt sich -- hol mich der ...! -- so ungehobelt wie -- nun, ich mag's nicht sagen.
Dies Mal war Lisuart doch so dreist, daß er sagte: Wenn aber Jemand so viel flucht, Herr Hauptmann, ist das gehobelt oder ungehobelt?
Was? rief Jener, der junge Patron will noch auf mich sticheln? Das leid' ich, Gott straf mich, nicht! Ich vertrete Vatersstelle bei ihm, und habe Autorität.
Um diese Autorität abermal thätig zu beweisen, zog er vom Leder; dies Mal aber, anstatt einer gewichtigen Klinge, eine leichte, beräucherte Gänsefeder, welche Lisuart aus einem Flederwisch gezogen und mit der Klinge vertauscht hatte. Es war das erste Mal, daß er dem Hauptmann einen Streich zu spielen wagte.
Dieser rief: Wer hat das gethan?
Ich nicht, antwortete Lisuart.
»Können Sie schwören?«
Hol mich der Teufel!
»Können Sie auch Ihr Ehrenwort darauf geben?«
Nein, das kann ich nicht! Ich hab' es gethan, weil ich dachte, eine Feder thäte doch nicht so weh.
Nun fiel ihm der Hauptmann um den Hals. Sieh! rief er; bist doch ein tüchtiger Kerl, Junge! Schwörst wohl beim Teufel falsch, willst aber nicht Dein Ehrenwort geben. Bravo! Und hast doch einmal Raupen im Kopf, einen guten Einfall. Ich glaube, die zwei Bälle haben Dich schon etwas formirt. Das muß ich gleich meinem Herrn Bruder schreiben. O, ich will zum Teufel fahren, wenn nicht noch was aus Dir wird!
Auf dem nächsten Ball setzte der Hauptmann sich neben eine ihm unbekannte Dame, und hob ein Gespräch mit ihr an. Nicht lange nachher kam ihre, etwa funfzehnjährige, Tochter aus den Reihen zurück, und nahm Platz bei der Mutter. Pfui, Luischen! sagte diese, wie schlecht hast Du getanzt! Und wir haben doch vier Monate einen Tanzmeister bei uns gehabt. Zwar bist Du zum ersten Mal auf einem Ball; ich hätte aber doch nicht geglaubt, daß es so schlecht gehn würde.
O nur Uebung, gnädige Frau, sagte der Hauptmann; da wird das Fräulein dreist. Ich habe da einen Eleven, der soll sie gleich wieder auffordern. Lisuart, kommen Sie her!
Schüchtern nahte sich dieser, und machte eine linkische Verbeugung.
Fordern Sie das Fräulein auf, sagte der Hauptmann wieder; geschwind!
Lisuart stammelte: Kann ich die Ehre haben ...?
Die Dame nahm das Wort: Wird meiner Tochter viel Ehre seyn. Allons, Luise, folge!
Luise stand bebend auf, schien ungern wieder in den Reihen zu gehn. Der Hauptmann sah zu. Es kam ihm vor, als nähme Lisuart sich dies Mal mehr zusammen, und hielte sich dreist, zierlicher.