Kleine Lebensgemälde in Erzählungen

Part 6

Chapter 63,705 wordsPublic domain

Als Lund damal einen Buchhalter suchte, war es nicht leicht, einen nach seinem Wunsch zu finden. Junge Handelsbeflissene von Erziehung und mannichfachen Kenntnissen pflegten ein gutes Gehalt, gute Beköstigung, und eine anderweitige gute Behandlung zu wollen. Lund verlangte nun mehr Kenntnisse, als er selbst hatte: der Buchhalter sollte in französischer, englischer und italiänischer Sprache Correspondenz führen, was Lund nicht verstand, was aber geschehen mußte, in so fern er die zeither nur auf Deutschland beschränkten Geschäfte über dessen Gränzen hin ausbreiten wollte. Disconto und Handel mit Papiergeld waren nicht mehr so lebhaft wie sonst; Lund hatte namhafte Summen liegen, und mußte sehn, wie er den größtmöglichen Ertrag davon zöge. Trieb er indeß auch manchen Großhandel, so lebte er doch immer noch auf dem Fuß eines Kleinkrämers; ja, selbst bei dem kleinsten unter den Kleinkrämern würde man wohl kaum eine so armselige Lebensweise gefunden haben. Unter diesen Umständen wollte er zwar bei seinem Buchhalter ungemein große Kenntnisse, aber ihn nur schlecht besolden und schlecht beköstigen. Auch sollte der Buchhalter sich -- mitunter wenigstens -- gefallen lassen, daß er schlecht behandelt würde; denn in dem, was man behandeln nennt, ging Lund mit seinen Ladendienern gar wenig zart um: sie mußten Rippenstöße und andere handgreifliche Weisungen hinnehmen, und wurden nicht allein in der dritten Person angeredet, sondern häufig auch in den Vocativen der Substantive Esel, Schlingel, Lümmel u. s. w. Dies hatte freilich die Folge, daß keiner so leicht ein halbes Jahr bei ihm aushielt.

Als er sich jetzt an der Börse in seiner Absicht umthat, und die Mäkler um junge Handelsbeflissene mit vorzüglichen Kenntnissen befragte, gab es deren wohl, die ein Unterkommen suchten, doch nicht Einen, der es bei Lund finden wollte. Wurde ihnen nur der Name genannt, so hörten sie auch schon auf, von der Sache zu sprechen, und die Mäkler waren also nicht im Stande, Herrn Lund ein taugliches Subjekt nachzuweisen. Einige Monate blieb dessen Absicht unerfüllt; dann meldete sich aber ein hübscher junger Mensch von selbst bei Herrn Lund, mit der Anfrage: ob er bei ihm die Stelle eines Buchhalters bekommen könne.

Lund maß ihn vom Wirbel bis zu den Sohlen. Letztere waren etwas schadhaft, und dort die Haare ohne alle Zierlichkeit geordnet. Ein abgetragner Ueberrock von schlechtem Tuch kam hinzu. Dies Alles konnte dem Prüfenden schon gefallen. Der junge Mensch hielt, dem Ansehen nach, nicht auf windige Eleganz, und trug seine Kleidungsstücke so lange als möglich. Also konnte er sich auch mit wenigem Gehalt begnügen.

Herrisch fragte ihn Lund: ob er Zeugnisse aufzuweisen habe. Jener nahm deren mehrere aus einem wurmstichigen Taschenbuch. Sie waren von namhaften Häusern in Hamburg, Wien und Leipzig ausgestellt, wo der Jüngling conditionirt hatte, und klangen sehr löblich.

Lund hielt sie gegen das Fensterlicht, um zu sehen, ob auch nichts darin radirt und beliebig geändert sei. Dann fragte er barsch: »Aber warum blieb man nicht länger an einem Orte, und zieht umher, wie die Zigeuner?«

Bescheiden wurde ihm geantwortet: Um an verschiedenen Orten meine Kenntnisse zu erweitern.

Nun mußte der junge Mann zur Probe einige verwickelte Handelsrechnungen machen, oder lösen. Hierauf verstand sich Herr Lund; und er sah nun, daß es schnell, richtig, und mit einer saubern Handschrift vollzogen ward. Gleichwohl tadelte er Einiges daran.

Nun führte er den jungen Mann in seine Speicher und Niederlagen. Dort mußte er die Waaren nennen, ihre Güte beurtheilen, und ihre Preise abschätzen. Auch hier bestand er wenigstens ziemlich.

Lund schüttelte aber dennoch den Kopf, ging wieder mit ihm ins Comptoir, und verlangte Geschäftsbriefe in mehreren Sprachen, nach einem durch ihn bestimmten Inhalt.

Sie waren bald vollendet, und hatten ein zierliches Ansehn. Selbst konnte Lund sie nicht beurtheilen, und beschied deshalb Jenen auf den folgenden Tag wieder zu sich.

Unterdessen zeigte er die Briefe einigen Kaufleuten und Mäklern, die fremde Sprachen verstanden, und hörte, daß nichts daran zu tadeln sei.

Ketter -- so hieß der junge Mann -- fand sich um die bestimmte Zeit wieder ein.

Ganz bin ich zwar nicht zufrieden, sagte Lund; indeß -- ich will's versuchen. Was verlangt man an Gehalt?

Zu seiner Befremdung ward nur eine höchst mäßige Summe vorgeschlagen. Lund bot demungeachtet nur die Hälfte. Der junge Mensch zuckte die Schultern, berief sich auf die theure Zeit, und den Umstand: daß er eine unvermögende Mutter habe, die er unterstützen müsse. Doch, setzte er hinzu, will ich für das nächste Vierteljahr einschlagen; auf die Bedingung, daß mir der Herr Principal Einiges zulegen, wenn meine Dienste Ihnen genehm sind.

»Das kann vielleicht geschehn, erwiederte Herr Lund; doch muß ich erinnern, daß man nur Hausmannskost finden wird.«

Daran bin ich in meiner Jugend gewöhnt worden, und sie ist mir die liebste.

»Auch, daß man nicht zu empfindlich seyn darf. Ich habe ein etwas hitziges Naturell, meine es aber gut.«

Ich werde mich stets um die Zufriedenheit des Herrn Principals bemühn; so darf ich keinen Unwillen fürchten.

»Auch, daß man nicht auf einerlei Arbeit muß beschränkt seyn wollen. In meinem Hause kömmt mancherlei vor; und wer in meinem Lohn und Brot steht, muß überall mit angreifen, wo es Noth thut.«

Gern werde ich Ihnen so viele Dienste leisten, als ich nur vermag.

»Auch, daß man ordentlich seyn muß, nicht Abends und Sonntags auslaufen, keine junge lustige Bekannten in's Haus ziehn, die Unfug treiben.«

Die Pflicht der Ordnung versteht sich von selbst; übrigens bin ich hier fremd, und habe keine Bekannten.

»Noch Eins! Man hat nur eine Kammer; auf eine geheitzte Stube lasse ich mich nicht ein.«

Ich bin jung und nicht frostig.

»Am beßten auch, ein junger Mensch wärmt sich das Blut durch Arbeit. Nun -- wann will man anziehn?«

Noch heute; in diesem Augenblick, wenn Sie es befehlen.

»Gut; so setz' Er sich gleich an den Schreibtisch.«

In dem Augenblick, wo sich Lund in den wirklichen Principal des Buchhalters verwandelt hatte, verwandelte er auch das bisherige _man_ in die Anrede _Er_. Andere Buchhalter würden ihm die dritte Person mindestens zurückgegeben haben; Ketter hingegen war so bescheiden, daß er sich gefallen ließ, was Herrn Lund gefiel.

Dieser hatte auch späterhin nicht die mindeste Ursache, Ketters Anstellung zu bereun. Er verrichtete die ihm aufgegebenen Geschäfte nicht allein pünktlich, sondern brachte auch, durch seinen klugen Rath, dem Brotherrn manchen namhaften Vortheil. Er aß und trank so mäßig, wie es ein Harpagon nur verlangen konnte; und waren am Abend die Comptoirgeschäfte vollendet, hatte er nichts dagegen, wenn Lund ihn anwies, mit seiner Frau und Tochter Spezereien zu verlesen, oder Düten zu kleistern. Ungemein selten ging er Sonntags aus, und immer kam er schon nach einer Stunde zurück. In allen Stücken konnte Lund sowohl auf die strengste Redlichkeit, als auf seinen treusten Eifer, den Nutzen der Handlung zu fördern, bauen.

Hatte indeß der Kaufmann, bei so vielem Vortheil, keinesweges Ursache zur Reue, so ärgerte er sich dennoch über den Buchhalter; besonders, als das erste Vierteljahr zu Ende ging. Lund war so weit entfernt, ihm nun eine Gehaltszulage zu bewilligen, daß er vielmehr an einen Abzug dachte. Bei den Ladendienern pflegte das immer zu geschehn; sie hatten irgend etwas zerbrochen, das ihnen zu einem viel höheren, als dem wirklichen, Preise angerechnet wurde, oder es fehlte irgend etwas; genug, Herr Lund verkürzte ihnen den Lohn, und nicht selten bekamen sie gar nichts, oder mußten wohl noch zugeben. Einen ähnlichen Anlaß konnte nun der Principal bei seinem Buchhalter nicht auffinden, wie emsig er auch danach suchte; ja, nicht einmal eine Ursache, ihn zu schelten. So konnte er auch, wenn beim Ablauf des Vierteljahrs Ketter etwa an die ausbedungene Zulage erinnerte, ihm nicht das Mindeste vorwerfen, um die Anschuldigung zu begründen: er sei nicht zufrieden genug mit seinen Diensten, um sein Gehalt zu erhöhen. Deshalb brach er manche Gelegenheit vom Zaun, den jungen Menschen zu schelten. Doch auch hier wurde ihm nur Geduld entgegengesetzt, und als die ersten drei Monate verflossen waren, erinnerte ihn Ketter nicht an jene Bedingung, sondern ließ das kleine Gehalt auch ferner gelten.

Die Abendstunden, wo Ketter sich mit den Frauenzimmern beschäftigen mußte, hatten indeß ihre Nebenwirkungen. Lund pflegte dann oben in eine wohlverwahrte Kammer zu gehn, die seine baaren Summen, und solche Papiere enthielt, wovon Andere nichts wissen sollten. Stundenlang schloß er sich dort ein, zählte, rechnete und schrieb. In seiner Gegenwart sprach Ketter von nichts als von Geschäften, und meistens nur, wenn er befragt wurde; an die Frauenzimmer richtete er nie ein Wort; es hatte das Ansehn, als wäre der junge Mann zu blöde und verlegen dazu.

So verhielt es sich aber in der That nicht; denn sobald Lund sich entfernt hatte, erzählte Ketter Jenen Manches von den großen Städten, worin er sich aufgehalten hatte, oder knüpfte andere Gespräche an, in welchen er sich geistreich genug zeigte. Das unterhielt die so einsam gehaltenen Frauenzimmer angenehm; besonders merkte Philippine eifrig auf Ketters Reden, und zog manche Belehrung daraus. Ihre Mutter hatte nichts dagegen, und sie selbst schöpfte immer mehr Vertrauen zu dem jungen Mann. Er äußerte sich nun auch offen über den Umstand, daß Philippine so wenig Unterricht bekommen hätte, da, bei ihren vortrefflichen natürlichen Anlagen, ihr doch ein mannichfacher zu wünschen sei. Frau Lund sagte: Zu so etwas giebt der Alte kein Geld her; ich selbst sehe wohl ein, daß es Schade um Philippinchen ist, die hier ganz versauern muß, kann aber nichts dabei thun. Nun erbot sich Ketter, in den Abendstunden zuweilen aus einem guten Buche vorzulesen. Jene ließ das gern geschehn, hörte selbst mit großem Vergnügen zu, und willigte auch ein, daß Philippine solche Bücher mit in ihre Schlafkammer nehmen, und sich dort noch daraus belehren konnte. Der junge Mann schrieb ihr auch kleine Aufgaben nieder, mit denen sie sich einsam beschäftigen sollte. Daß man dies Alles vor Lund geheim halten mußte, versteht sich von selbst.

So gelangte Philippine nach und nach zu verschiednen nützlich belehrenden Schriften. Ketter gab ihr Wilmsens Kinderfreund, Raffs Naturgeschichte, Campens Rath für seine Tochter, einige auserlesene Schauspiele, einige Romane von moralischer Tendenz, und mehr, was Geist und Herz bilden konnte. Je angenehmer Philippinen die neuen Beschäftigungen wurden; desto mehr Zeit wendete sie darauf, so viel sie es vor ihrem Vater konnte. Noch kein Jahr war verflossen, und man hätte sagen mögen: mit Philippinen habe sich ein halbes Wunder ereignet. Das sonst kalte, stumme, oder einsilbige Mädchen, an dem nur bisweilen ein lebhaftes Augenblitzen, oder hie und da eine wohl treffende, aber doch übel ausgedrückte Bemerkung ein nicht ganz gewöhnliches Geschöpf ahnen ließ, zeigte nun tiefes, warmes Gefühl, helles Urtheil, nicht selten gar muntern feinen Witz, und hatte im Gedächtniß mannichfache Kenntnisse aufgesammelt. Hatte das -- scheinbare -- Gänschen sich dergestalt umgewandelt, so konnte man auch bei der Mutter (die Lund eine wirkliche Gans nannte) einige auffallende Entwicklung nicht verkennen. Wenigstens hatte sie mehr Umsicht, als ehedem, wußte die Menschen richtiger zu beurtheilen, und vertraute den eignen Augen mehr.

Daß Lund von den Veränderungen, die mit Beiden vorgegangen waren, wenig merkte, war natürlich. Einmal verbargen sie sich klug vor ihm, und zweitens hatte er den Kopf zu voll von Geschäften, als daß er auf die Frauenzimmer sorgsam hätte achten mögen. Auch sprach er mit ihnen immer nur vom Nöthigen, oder schalt über das Erste Beßte. Ließ man sich dort einmal unvorsichtig ein kluges Wort entfallen, so rief er: »Sehe doch Einer! die Philippine wird am Ende gar naseweis! Willst Du schweigen?« Oder auch: »Die Gans will noch auf ihre alten Tage klug thun.«

Daß Philippine durch Ketters mündliche Unterhaltungen einen starken Impuls auf Gemüth und Verstand bekommen hatte, litt übrigens keinen Zweifel. In dem letzten Vierteljahre hatte sie oft auch Gelegenheit, ihn allein zu sprechen. Es geschah während der sonntäglichen Spaziergänge ihrer Eltern, welche sie, bei dem Mangel an einem neuen Kleide, nicht begleiten konnte. Indeß war Ketter viel zu rechtlich, Mißbrauch von diesen Annäherungen zu machen; er unterrichtete Philippinen nur um desto eifriger über moralische und andere nützliche Gegenstände.

Philippine hatte jetzt auch einige Begriffe von männlicher Liebenswürdigkeit, und die mochte sie hauptsächlich wohl in dem letzten Vierteljahre bekommen haben. Ketters Gestalt war nicht unedel; er kleidete sich zwar ärmlich und wenig zierlich, Philippine hatte indeß nur selten wohlgekleidete junge Männer gesehn, da sie nirgend hinkam. Uebrigens hatte sie wenig natürlichen Hang zum Putz, und daher war ihr auch der Anzug eines Mannes ziemlich gleichgültig. So viel sah sie indeß wohl, daß Ketter, wenn er sich in eine elegante Kleidung würfe, andern artigen Männern keineswegs in _der_ äußern Anmuth nachstehn würde, die sie einer solchen Kleidung verdankten.

Um so niedergeschlagner mußte sie aber seyn, als sie vernahm, daß ein von ihrem Vater gewählter Bräutigam sich ihr zeigen würde. Die Mutter war mit ihr besorgt, wußte ihr aber keinen Trost zu geben; denn Lund hörte auf keine Einreden, trat ihnen stets vielmehr mit Hitze und Härte entgegen, und setzte zuletzt immer despotisch seinen Willen durch.

Nur Eine Hoffnung behielt Philippine noch, in dem Fall, daß sie dem Bräutigam etwa nicht gefiele. Es war ihr daher lieb, in schlechter Hauskleidung vor ihm erscheinen zu müssen; sie schwärzte diese Kleidung noch absichtlich am Küchenherd, und machte sich auch noch selbst einige Rußflecken in das Gesicht. Daneben beschloß sie, gebeugt und linkisch aufzutreten, und auf Alles, was der Bräutigam sie fragen würde, so dumm und albern als möglich zu antworten.

Die Mutter sagte zwar: Ich kenne Herrn Kauser nicht, habe auch sonst nichts von ihm gehört; es wäre aber doch möglich, daß wir uns Beide irrten, und daß der Vater einen Mann ausgesucht hätte, der Dir gefallen könnte. Also ist es nicht klug gehandelt, wenn Du ihm zu mißfallen suchst.

Nein, nein! sagte Philippine; er wird mir nicht gefallen! Das weiß ich, ehe ich ihn noch gesehn habe!

Endlich rollte eine mit schwarzem Tuch überzogne Kutsche vor. Zwei schwarz gekleidete Männer stiegen aus, Herr Lund und Herr Kauser. Die Luft war durch Regen gerade sehr trübe, und die Wohnstube hinter dem Spezereiladen hatte nur Ein Fenster in den etwas engen Hof, so daß es auch an hellen Tagen hier ziemlich dunkel blieb; und vollend bei solchem Wetter, als heute.

Philippinens ohnehin trübes und finstres Gesicht bekam folglich nur ein sehr mattes Licht; und da die Lilien und Rosen darin von den schwarzen Flecken entstellt wurden, so that ihre Schönheit so gut als gar keine Wirkung.

Dazu kam auch noch, daß die kleine Stube, in welche die beiden schwarzen Männer jetzt traten, schon lange nicht mehr geweißt war.

Anfangs redeten sie vom Börsencours, ohne sich um die übrigen Anwesenden zu kümmern. Nach einiger Zeit brachte Herr Kauser denn doch die Angelegenheit, welche ihn hieher führte, zur Sprache. Apropos, fing er an, wenn Ihr keine Ausstattung gebt, so müßt Ihr doch die Hochzeit ausrichten. »Das werd' ich wohl bleiben lassen,« erwiederte Herr Lund; »wer heirathet, der trägt billig auch die Kosten. Man braucht indeß keinen närrischen Aufwand zu machen. Ein Paar Zeugen, ein Paar Tassen Kaffee, und damit gut.«

Herr Kauser dachte ein Weilchen nach, und erwiederte dann: Nun, es ist freilich, genau überlegt, am Ende gleichviel, ob Ihr die Hochzeit ausrichtet oder nicht. Das heißt, wenn es noch dazu kommt. Ihr wißt meine Bedingung. Wo ist die Tochter? Bei diesen Worten setzte er seine Brille auf die Nase.

Lund dagegen brachte seine Ohren in Bewegung, indem er bald hinter dem einen, bald hinter dem andern kratzte. Das that er aus Verlegenheit und Besorgniß, daß der Handel zurückgehn könne.

Kauser fing wieder an: Ist sie schön, und putzt sich gern, so nehm ich sie nicht. Dabei müßte ich mir den Schlag an den Hals ärgern. Ist sie das hier? Hm -- nun, es geht damit noch an. Mir wollte Jemand sagen, sie wäre schön. So arg ist es damit eben nicht. Nach ihrem Anzug scheint sie auch eine gute Wirthin zu seyn. Nun ja -- ich lass' es mir gefallen.

Philippine, die erst heimlich darüber seufzte, daß sie keine Mühe angewandt hätte, reitzend zu erscheinen, fuhr bei den letzten Worten zusammen, als ergriffe sie ein Fieberfrost. Sie hatte jedoch, seitdem Herr Kauser ins Zimmer trat, nichts anderes empfunden als eine Reihe von kalten Fieberschauern. Der zugewiesene Geliebte war schindeldürr, hatte ein erdgelbes, vielgefaltetes Gesicht, eine lange dünne Habichtsnase, ein spitzes Kinn, und ein Paar weitgeöffnete gelbbraune Augen, die gewöhnlich zwar sehr matt aussahen, aber doch von einem gewissen Isegrimmsfeuer loderten, wenn ein Affekt sie anregte. Die schwarze Kleidung war ihnen günstig; ihr Leuchten trat nunmehr heraus.

Bon jour, Mamsell, krächzte jetzt erst der Prüfende. Ich denke, wir wollen uns schon mit einander vertragen. Werden Sie eine gute Frau seyn, so bin ich ein guter Mann. So viel sag' ich Ihnen aber vorher, spaßen lass' ich mit mir nicht. Servitör, Madam Lund!

Jetzt wandte er sich halb um, auf's Neue mit dem Vater des Mädchens zu sprechen, der jetzt viel leichter athmete, weil sich kein Hinderniß gezeigt hatte. Nun sah die Braut Herrn Kauser, der seine Brille, nach vollendeter Prüfung, wieder abnahm, von der Seite. Dies hatte sein Vortheilhaftes für die convexe Nase und das concave Kinn. Der Zufall ließ aber dem Profil der Gestalt noch einige malerische Ergänzungen angedeihen, welche der Fantasie der Braut ungemein zu Hülfe kamen. Die weitgeöffneten Augen hatten bei ihr den Effekt eines abgebildeten weitgeöffneten Höllenschlundes gethan. Die Wirkung des Profils entsprach jener Illusion, nur daß sie vom Reich zu dem Regenten überging. Das sollte nun der Fantasie noch über alle Erwartung leicht gemacht werden. Der Bräutigam hatte pechfarbne, mit grau durchmengte, struppige Haare, an deren Verschneidung lange nicht gedacht war. Nun sträubten sich am Scheitel zwei gekrümmte, spitz auslaufende Borsten auf, die, von der Seite gesehn, zwei mäßigen Hörnern glichen. Kauser hatte sich aber in den etwas kurzen Trauermantel dergestalt gewickelt, daß er sich bis nahe an die Mitte des Leibes heraufzog. Und weil er darunter seinen Hut einklemmte, so fügte es sich, daß eine Ecke desselben hinterwärts vorblickte, und zugleich einen rheinländischen Fuß lang den schwarzen Flor niederwallen ließ. Nichts konnte lebhafter an den Schweif erinnern, von dem man nicht weiß, ob ihn Lucifer wirklich hat, oder ob ihn die Maler nur freigebig damit beschenken.

Philippine war indeß nun vom Grausen übermannt, sank ihrer Mutter halb ohnmächtig in die Arme, und rief zugleich, mit Wehmuth und Entsetzen zu gleichen Theilen in ihrer Stimme: Hu, der Teufel leibhaftig!

Herrn Kauser gefiel das Compliment freilich schlecht, und Herr Lund wallte in dem grimmigsten Zorn darüber auf. Was Teufel, rief er, schickt es sich für eine Braut, den Bräutigam Teufel zu nennen? Daß ich Dir nicht mit der flachen Hand an das gottlose Maul komme! Du solltest wirklich meinen, der Teufel wär' es!

Philippine stotterte: Beßter Vater, ich flehe Sie um Erbarmen an! Geben Sie mir den Tod, nur diesen Mann nicht. Ich kann ihn nicht heirathen! Mir graut und schaudert vor ihm --

Jungfer Naseweis, fiel Herr Lund ein, wird Sie gefragt? Hat Sie auch eine Stimme?

Jene fuhr fort: Ich eigne mich auch nicht für ihn.

Donnernd gebot ihr der Vater, zu schweigen, und fügte hinzu: Will das Ei klüger seyn, als die Henne? Ich muß wissen, was zusammen paßt!

Frau Lund, ihre Tochter im Arm haltend, brach nun in Thränen aus, und rief: Nein, lieber Mann, der Unterschied in den Jahren ist zu groß. Mache Dein Kind nicht unglücklich!

Seht doch, entgegnete der liebe Mann; will die Gans auch drein schnattern?

»Ich bin Mutter, und gebe meine Einwilligung nicht.«

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht um Deine Einwilligung gefragt, und werde es auch bis an mein seliges Ende nicht thun.

Ei, fiel Herr Kauser ein, mein lieber Lund, das hätte ich nicht gedacht! Eure Frauenzimmer sind schlecht gezogen. Uebrigens thut bald, was Ihr thun wollt; ich habe Posttag, und verliere meine Zeit.

Gut, entgegnete Herr Lund, ich werde Euch vorläufig mit dem Mädchen versprechen. Ein Zeuge muß wohl noch dabei seyn. Ich rufe meinen Buchhalter.

Er ging, und der Bräutigam wandte sich unterdessen an Philippinen. Mamsell, sagte er, glauben Sie nicht etwa, daß ich so einfältig bin, Ihnen nicht in's Herz zu sehn. Es ist nur Verstellung und Ziererei. Sie heirathen für Ihr Leben gern, sind froh, daß ich gekommen bin. Man kennt die Jüngferchen, sie machen's alle so. Meine selige Frau wollte auch durchaus nicht, der Vater mußte Gewalt brauchen. Aber sie widersetzte sich nur zum Schein; die Gewalt wäre gar nicht nöthig gewesen. Aergern Sie doch Ihren Vater nicht unnützer Weise. Sie stellen sich, als wollten Sie das nicht, was Ihnen doch sehr lieb ist.

Lund fand sich wieder ein; Ketter folgte. Hier ist ein Zeuge, fing Jener an; nun kein Sperren mehr, Jungfer Naseweis! Hingegangen zu Herrn Kauser, gesagt: lieber Bräutigam, ich freue mich, daß ich die Ehre haben soll, Ihre Frau zu werden. Dann ein Küßchen in Ehren gegeben. Allons, wie lange währt's?

Ketter staunte. Herr Lund, rief er, um Gottes willen! was denken Sie zu thun!

Mit großen Augen fragte dieser: Wa ... wa ... wa ... was ist das?

»Sie könnten Ihre liebenswürdige Tochter so hinopfern?«

Wa ... wa ... was geht Sie das an, junger Herr? Zeugen sollen Sie, die Ohren brauchen, nicht den Mund. Wie kann sich auch der Buchhalter unterstehn, seines Principals Verfahren zu tadeln! Da soll ja ...

»Wie unedel muß ein Mann fühlen, der nicht allein an eben dem Tage, an welchem er die vorige Gattin begraben hat, sich abermal versprechen will, sondern auch ein Mädchen, das Grauen vor ihm einer Ohnmacht nahe bringt, durch Zwang an sich gefesselt kann sehn wollen!«

Ich sage Ihnen meinen Dienst auf! -- Herr Kauser rief: Und dann muß es an der Börse öffentlich gesagt, ja selbst den Handelsfreunden weit umher geschrieben werden: daß er widerspenstig gegen seinen Principal gewesen ist, einen soliden angesehenen Kaufmann, dem er Respekt schuldig war, mit himmelschreiend unehrerbietigen Worten beleidigt hat. An keinem Orte muß er wieder eine Condition finden! Aber die Zeit vergeht. Macht fort, Lund!

Der junge Mann rief: »Weigern Sie sich Philippine! Es gilt das Glück Ihres Lebens. Die Gesetze berechtigen Sie, da Ihren Gehorsam zu versagen, wo man Sie zwingen will, in Ihr Verderben zu gehn!«

Philippine hatte mehr Muth, seitdem Ketter eingetreten war. Feierlich schwör ich, sagte sie, daß ich diesem Mann nie meine Hand geben werde, und sollte ich darüber auch untergehn.

Frau Lund küßte ihre Tochter, billigte, was sie gesagt hatte, und versprach ihren Beistand nach allen Kräften.

Nun liefen die beiden Schwarzen in blindem Zorn mit den Köpfen an einander, und wurden durch den Schmerz noch wilder. Kauser trat mit eingestemmten Armen vor Philippinen hin, und sah ihr mit so strafenden und drohenden Blicken ins Gesicht, daß selbst die Tapferkeit davor hätte zittern mögen. Zu Worten gelangte sein Grimm dagegen nicht; Lunds Flüche hätten sie auch übertäubt.