Kleine Lebensgemälde in Erzählungen

Part 5

Chapter 53,636 wordsPublic domain

Lund pochte also auch hier an. Auf Schönheit und Betragen wurde eben nicht gesehen, weil es bei der Friseurstochter um Beides auch nicht sonderlich stand. -- Einen Kaufmann zum Schwiegersohn zu haben -- schmeichelte der Eitelkeit des Friseurs doch ein wenig; und auf sorgsame Erkundigung bei des jungen Mannes vorigem Principal, erfuhr er: Lund verstehe sich auf die italiänische doppelte Buchhaltung und die Waarenkunde ganz löblich, sei aber auch einem so schmutzigen Geitz ergeben, daß er nicht einmal ein Paar reputirliche Beinkleider habe.

Nun meinte der Haarkräusler: _dem_ könne man schon eine Tochter anvertraun; habe er jetzt wenig, so werde er einst viel haben. Er gab daher sein _Ja_, sperrte sich aber im Punkte der Ausstattung ganz ungemein. So lange ich lebe, sagte er, gebe ich nichts; dafür aber auch Alles, was ich habe, wenn ich todt bin. Oh gehorsamer Diener, entgegnete Lund; da werde ich mich wohl hüten, die Jungfer Tochter zu lieben.

Endlich verstand der Brautvater sich doch dazu, zwei hundert Thaler, die Kleider und Leibwäsche seiner verstorbenen Frau, sammt einigem Zinn und Messing, herauszurücken. Lund hatte auf mehr gerechnet; weil der Friseur indeß bleich und hager aussah, zuweilen auch hustete, ließ Jener sich die Mitgabe doch gefallen. Denn als ein guter Rechner mußte er theils den Husten ins Gewinn-Conto stellen, theils den Umstand ins Verlust-Conto: daß er, wenn es hier nichts würde, vermuthlich in der ganzen Stadt kein Mädchen, das nur hundert Thaler werth sei, bekommen würde. Ein kupferner Kessel hätte doch beinahe Alles zerschlagen. Diesen wollte der Schwiegersohn noch haben, und der Schwiegervater nicht geben. Den Kessel, sagte Lund, und ich liebe; wo nicht, so lieb' ich nicht. Erst antwortete man ihm zwar: So lassen Sie es bleiben! rief ihn aber doch von der Treppe noch wieder zurück.

Mit drei hundert Thalern fing nun Lund seine Material- und Spezereihandlung an. Einiger Credit that freilich zu Anfang dabei Noth; er wurde indeß bald ansehnlich, als die Börse nicht mehr zweifelte: Lund strahle unter allen Filzen hiesigen Ortes wie ein Stern erster Größe hervor.

Er füllte nach und nach seine Niederlagen mehr, und breitete seine Geschäfte nach kleinen Städten aus, wo er die untergeordneten Krämer mit Waaren versah. Bald discontirte er auch Wechsel, und handelte mit Papieren; doch Alles mit einer so behutsamen Vorsicht, mit einem so richtigen Takt, daß es zu den seltensten Erscheinungen gehörte, wenn es sich zeigte, daß Lund einmal einen Fehlgriff gethan hatte. Nach funfzehn Jahren war es dahin gekommen, daß Papiere, welche Lund kaufte, sogleich ein Procent stiegen, und die Gattung hingegen, welche er ausbot, um etliche Procent fiel. Er merkte sich das, und führte bisweilen die ganze Börse an. Einmal besonders, in den Kriegszeiten, schrieen die Juden Weh über ihn. So eben war eine Schlacht gewonnen, die auf den künftigen Preis der Papiere einen entschieden vortheilhaften Einfluß erwarten ließ. Lund hatte Mittel gefunden, von dem Ereigniß noch zeitiger unterrichtet zu seyn, als die Juden. Er wußte, daß sie einen Agenten im Hauptquartier hielten, der ihnen den Ausgang der nahe bevorstehenden Schlacht sogleich durch eine Estafette melden sollte. Aber auch Lund hatte seinen Schwiegervater dorthin gesandt, und, um viel zu gewinnen, etwas daran gewagt. Der Friseur mußte als Courier herbeifliegen, und obenein auf den Postämtern etliche Schaffner bestechen, daß sie die Juden-Depesche mit lahmen Pferden expedirten. Nun kam die hochwichtige Botschaft um zwölf Stunden früher zu Lunds Ohren, und in diese zwölf Stunden fiel gerade eine Börsenmorgenzeit. Er ließ heimlich aussprengen: eine Hauptschlacht wäre verloren gegangen. Die Juden stritten anfänglich; doch weil ihre Estafette nicht eintraf, so meinten sie: der Feind könnte wohl schon die Postenverbindung stören, und fingen an, Lunds Nachricht zu glauben. Lund kaufte nicht selbst, bot vielmehr emsig feil, was den Papieren, auf die bereits das üble Gerücht wirkte, noch mehr schadete. Seine Bevollmächtigten mußten dagegen zusammenkaufen, so viel sie nur konnten. Eilig schlugen auch die Juden los, weil sie meinten: wäre erst die officielle Nachricht da, dann könnte ein noch tieferes Fallen der Papiere nicht ausbleiben. Damal gewann Lund auf Einen Schlag zwanzig tausend Thaler; der arme schwindsüchtige Friseur hatte aber von seiner übermäßigen Anstrengung den Tod.

Nun glaubte Lund, noch die Erbschaft von dem Schwiegervater zu heben. Schon lange sah er schmachtend danach aus; der Wohlselige aber blieb, bei seinem mäßigen Leben, trotz seiner Schwindsucht, immerfort, wie er seit zehn und mehr Jahren gewesen war. Nur der Couriergalopp hatte die Schwindsucht endlich zu einer galoppirenden gemacht.

Dies Mal täuschte sich Lund aber in seinen Erwartungen. Der Wohlselige hatte in der That einst etliche Tausend Thaler beisammen; kaum war indeß seine Tochter verheirathet, als die Mode seine Kunst in einen solchen Verfall brachte, wie einst die Gothen und Vandalen alle Kunst und Wissenschaft zu Rom. Schwedenköpfe, Titusköpfe, altdeutsche Köpfe, machten den armen Friseuren die Köpfe so warm, daß sie damit gegen die Wände hätten laufen mögen. In den ersten Zeiten ging es noch hin; nur junge Leute dankten ihre Haarkräusler ab, obschon ältere sie Modenarren hießen. Doch als erst im Lauf der Jahre auch Präsidenten und Geheime Räthe Zöpfe und Locken abschafften, als erst auch die Weisen Modenarren wurden, und die Damen ihr ungepudertes Haar durch Kammermädchen in Flechten aufstecken ließen: da war bei den einst hochgeachteten Künstlern ihres Leides kein Ende zu sehn. In so fern Lunds Schwiegervater jetzt nicht viel mehr verdiente, mußte er sein Kapital angreifen und immer davon zusetzen. Ein Unglück gesellte sich zum andern; in Folge des Kriegs hörte das Handelshaus, worin er das meiste Vermögen niedergelegt hatte, zu zahlen auf. Er sagte dem Eidam nichts von diesem Unglück, damit es seine Tochter nicht in Klagen und Vorwürfen empfinden sollte. Des Schwiegervaters nunmehrige Muße benutzte der Eidam genug, und vortheilhaft, zum Ausspähen und Aussprengen dessen, was seinen spekulativen Absichten frommte. Er mußte dabei auch andere, jetzt unbeschäftigte, Kunstgenossen in Thätigkeit setzen, aber sie für ihre Mühe oft aus seiner eignen Tasche bezahlen. Denn Lund versprach wohl ansehnliche Vergütungen; was er gab, war hingegen unansehnlich genug: freilich nicht in Lunds Augen; denn _ihm_ galten schon etliche Groschen für etwas Ansehnliches. Noch ein schwerer Unfall traf den Verstorbenen. Wollte Lund durch fremde Hand kaufen lassen, so wurden des Schwiegervaters Freunde bevollmächtigt; er selbst mußte aber in der Nähe Acht haben, daß nicht Einer mit dem anvertrauten Gelde entwischte. Selbst ein Polizeibeamter, des Alten Vetter, mußte, schnellen Ergreifens wegen, bei der Hand seyn. Nichts destoweniger ging einmal ein Freund mit fünfhundert Thalern davon. Zu leichtfüßig spottete er alles Nacheilens, entkam aus der Stadt, und auch über die Landesgränze. Den Verlust hatte nun der Schwiegervater zu decken, und es kam mit ihm so weit, daß er, trotz seinem ehemaligen Vermögen und Geitz, doch wenig mehr als Puderbeutel, Brenneisen und Kämme nachließ, die, weniger Nachfrage halben, nicht einmal die Trödler kaufen wollten. Die übrige fahrende Habe reichte auch zu den Begräbnißkosten nicht hin, wie spärlich auch Lund dabei zu verfahren gebot. Er suchte für den Leichnam das Armenrecht in einem Gratissarg und Zubehör nach; die Obrigkeit wollte sich aber nicht zur Liberalität bei einem Todten verstehn, der einen reichen Schwiegersohn hinterließ. So mußte schon Lund zutreten; und wie er auch allen eitlen Aufwand vermied, so kostete es ihm doch um so mehr Aerger, als die an seines Schwiegervaters Ableben geknüpfte Hoffnung gänzlich zerrissen war.

Bei jenen sonntäglichen Spaziergängen im Freien blieb auch seine Gattin nie mit Vorwürfen über die eben erzählten Umstände verschont. »Anstatt, daß ich hoffte,« sagte Lund, »von Deinem Vater zu erben, mußte ich ihn noch begraben lassen. Was habe ich nun von Dir gehabt, mein Kind? Zwei hundert Thaler! Denn Kleider, Wäsche, Zinn, Messing und den kupfernen Kessel kann ich doch nicht mitrechnen; _Du_ trägst sie, oder brauchst sie in der Küche. Zwei hundert Thaler sind immer nicht zu verachten, das weiß ich wohl; aber ich kann doch auch nicht einmal behaupten, daß sie mir zu Gute gekommen sind. Denn in den langen Jahren hast Du gewiß zwei hundert Thaler in Essen und Trinken verbraucht; ja, ich habe noch zulegen müssen; zu geschweigen, was die Tochter kostet: eine Last, die Du mir auch aufgebürdet hast.«

Frau Lund erwiederte ihm zwar: Auf meinen zwei hundert Thalern hat doch ein ziemlicher Segen geruht, und mein verstorbener Vater brachte Dir auch noch manchen Thaler ein. Herr Lund bewies aber: _seine_ Spekulationen, sein saurer Fleiß und Schweiß hätten alles gethan. An dem Verlust, den ihr Vater einige Mal gelitten hatte, sollte auch Niemand schuld seyn, als die Tochter. »Du hättest ihn erinnern sollen,« sagte Herr Lund, »daß er sein Geld nicht bei Weber =et compagnie= lassen müsse; man sprach von diesem Hause schon lange nicht gut an der Börse. Mir wollte er immer nicht sagen, wo sein Geld stände; sonst hätte ich ihm längst ein =aviso= gegeben. Du hättest ihn auch vor dem spitzbübischen Friseur warnen können, der mit fünfhundert Thalern durchging. Als eine Friseurs-Tochter hättest Du den Spitzbuben wohl kennen sollen. Aber Du bist eine dumme Gans, von der ich alle mein Lebelang nur Schaden gehabt habe.«

Auch seine Tochter Philippine, die gegen das Ende seines Lebens etwa neunzehn Jahre alt war, hatte bei den Spaziergängen ihre Noth. Der erste Vorwurf ging immer auf ihr ganzes Daseyn. Hätte ich Dich nicht, sagte er, o wie viel könnte ich sparen! Gewöhnlich folgten dann Verweise, daß seine Tochter eine Putznärrin sei. Lund pflegte noch hinzuzusetzen: »Und warum bist Du eine Putznärrin? Du denkst wohl einem Mann zu gefallen? Und das könnte am Ende wohl seyn; denn -- auch ein großer Fehler an Dir! -- ganz passabel siehst Du aus. Ah, gehorsamer Diener! Du sollst nicht heirathen, kannst ledig bleiben. Wenn ein Bräutigam kommt, so will er auch haben; und wo soll man's hernehmen bei den schlechten, nahrungslosen Zeiten, wo aller Handel und Wandel stockt!«

Noch mehr Scheltworte mußte Philippine darüber hören, daß sie ein Mädchen war. Wärst Du ein Junge, hieß es, so könntest Du schon die Lehrjahre überstanden haben, und im Comptoir sitzen. Ich brauchte den Buchhalter nicht. Du könntest in ein Paar Jahren Dich nach einer gut bemittelten Frau umsehn, die so viel Fonds noch zubrächte, als das Haus Lund schon hat; etwa nach zwanzig Jahren änderte sich wohl die Firma, und zeichnete Gottfried Lund und Sohn. Und müßt' ich nach dreißig Jahren, oder später, einmal an meinen Tod denken, dann hätte ich doch die Aussicht, daß die Firma Lund, die an der Börse zu Ehren zu bringen mir so viel Mühe und Schweiß gekostet hat, nicht so bald aufhören würde. Da siehst Du, wie vielen Schaden es mir thut, daß Du ein Mädchen bist.

Philippinens Mutter vertrat sie denn wohl, und erinnerte den Mann: sie doch nicht um etwas zu schelten, wofür sie nicht könne, ihr auch nicht vorzuwerfen, daß sie eine Putznärrin wäre, da dies ja völlig ungerecht sei. Nicht lange vor seinem Tode entstand hierüber ein heftiger Wortwechsel. Wie kann sie eine Putznärrin seyn! sagte die Mutter; sie hat ja keinen Putz!

»Nennst Du das keinen Putz, was sie da trägt?«

Nein! Ein Hauskleidchen von wohlfeilem Kattun.

»Oho! ich soll wohl gar theuren kaufen! Und wenn das kein Putz ist, so möchte sie doch gern welchen haben. Ich seh' ihr ins Herz.«

Mein Himmel, wär es denn auch gerade eine Sünde? Alle junge Mädchen putzen sich gern.

»Braucht sie denn gerade jung zu thun? Kann sie sich nicht alt und ehrbar betragen? Ich habe so oft gesagt, die Kleider, welche Du ablegst, sollen ihr zurecht gemacht werden. Bring' ichs wohl dahin?«

Wie kann ich denn Kleider ablegen? Ich habe selbst nur noch zwei, die so dünne sind, wie Spinnewebe, weil meine selige Mutter sie schon halb abgetragen hat.

»Daß Du ein Reißteufel bist mit Deinen Kleidern, weiß ich schon lange, und Philippine tritt in Deine Fußstapfen. Erst vor drei Jahren habe ich ihr das neue Kleid anschaffen müssen; das alte, hieß es, wäre nicht mehr zu brauchen, und kam auf den Trödel.«

Philippinchen hatte es so geschont, daß es der Trödler noch recht gut bezahlte. Aber es war ihr zu kurz geworden.

»Warum hatte es der Schneider nicht eingelegt? Uebrigens auch einer von ihren Fehlern, daß sie so wächst. Sie braucht nicht allein so oft neue Sachen, sondern immer mehr Zeug dazu.«

Du magst sagen, was Du willst, mein Kind: sie muß doch wieder ein Kleid haben.

»Was? Schon wieder? Erst vor drei Jahren ...«

Da war sie noch nicht sechzehn Jahre; seitdem ist sie erst recht aufgeschossen. Eingelegt war das Kleid; es ist schon einige Mal nachgelassen, nun geht es aber nicht mehr. Pinchen laß einmal das Blumenpflücken, und steh auf ... Da siehst Du? Kaum sind noch die Waden bedeckt.

»Nun, ich sehe noch gar nicht, daß es so sehr zu kurz ist. Aber doch unverantwortlich, wie das Mädchen wächst. Daran bist Du wieder Schuld, sonst Niemand. Das kommt von dem Ueberfüttern.«

In einem Vierteljahr werden vielleicht die Kniee zu sehen seyn. Bedenke doch, was der Wohlstand fordert!

»Wohlstand, Wohlstand! Eben das Mädchen macht, daß ich nimmermehr zu einigem Wohlstand komme! ... Aus einem neuen Kleid wird nichts. Sie kann Sonntags zu Hause bleiben, und im Predigtbuch lesen.«

Und, mein Kind, daß Du immer sagst, Philippinchen soll nicht heirathen, kommt mir auch wunderlich vor. Du wirst so bald nicht sterben. Ach, Gott! ich glaube, Du stirbst in Deinem Leben nicht. --

»Ha ha ha! In meinem Leben freilich nicht, aber in meinem Tode. Du bist und bleibst doch eine dumme Gans! Wenn's aber noch lange damit ansteht, soll es mir lieb seyn.«

O, es wird noch lange genug damit anstehn; Du bist ja gesund, wie ein Fisch im Wasser.

»Das thut meine Mäßigkeit in allen Dingen.«

Wirklich, Du bist allzu mäßig, könntest Dir hier und da wohl manches zu Gute thun, was nicht einmal Kosten verursachte. Aber weil Du selbst doch sagst, daß Du einmal, trotz all' Deinem Verstand und Gelde, wirst sterben müssen -- gerade darum sollte Philippine heirathen. Denn wer soll in der Folge erben, was wir haben?

»Sag nur nicht: was _wir_ haben. Das Vermögen gehört mir. Hast Du mir zweihundert Thaler eingebracht, so hast Du mir wohl dreihundert gekostet.«

Nun gut, _Dein_ Vermögen. Soll es denn in fremde Hände kommen? Ist denn Dein eignes Fleisch und Blut Dir nicht lieber, als weitläuftige Vettern und Muhmen?

»Ei, daran werde ich denken, wenn ich dermaleinst dem Tode nahe bin.«

Aber, Du meinst ja, erst in dreißig Jahren würde es dahin kommen. Dann wäre Philippinchen beinahe funfzig Jahre, und das Heirathen könnte auch nicht mehr helfen.

»Im Grunde ist es unartig, Frau, daß Du so oft von meinem Tode sprichst. Das hört Niemand gern, und ich habe doch erst fünf und vierzig Jahre auf dem Nacken. Daß Du es übrigens lieber sehn würdest, wenn ich heute stürbe, als morgen, weiß ich sehr gut.«

Das wohl nicht. Aber Du würdest Dich freun, wenn Du mich begraben lassen könntest; dann kostete ich Dir nichts mehr.

»Ich werde mich aber hüten, daß ich Deinen Wunsch erfülle.«

So viel an mir liegt, ich auch. Du kannst aber ruhig seyn; ich werde Dich nicht überleben, habe nun einmal kein Glück in der Welt.

»Kein Glück? Sei nicht undankbar gegen den Himmel! Dein Vater lief mit dem Puderquast umher; und Du hast einen Mann, der nur Gottfried Lund zeichnen darf, so gilt es an der Börse wie baares Geld.«

Was hab' ich von dem Mann, was hab' ich von dem Geld? Doch laß uns nicht von solchen verdrießlichen Dingen sprechen. Lieber wollen wir nachgerade an Philippinchens Heirath denken.

»Da kömmst Du schon wieder mit Deinem _wir_! _Ich_ bin Mann, und werde sagen, wie ich's haben will; ihr müßt Order pariren. Bei dem Allen -- wenn sich Einer fände, ein solider Mann bei Jahren, der keine Ausstattung verlangte, keinen Heller -- wer weiß, was ich thäte! So brauchte ich das Mädchen doch nicht länger zu ernähren.«

Nach dieser Unterredung schien unsern Lund denn doch bisweilen ein Gedanke an die Verheirathung seiner Tochter zu beschäftigen. Er sagte einige Mal: »Ich hätte wohl einen Bräutigam für Philippinen; nur wird sie ihm zu hübsch seyn. Ich kenne ihn; das hat er nicht gern.« Wenn seine Gattin nun fragte, wer es sei, und ob sie den Auserwählten kenne; dann gab er zur Antwort: »Noch ist es nicht so weit; erst muß seine Frau sterben. Da sie aber an einem sogenannten Scirrhus leidet, so kann es damit höchstens noch ein Paar Jahre währen.«

Es währte aber nur ein Paar Monate, und Herr Kauser (so hieß der von unserm Lund zum Schwiegersohn Erwählte), ebenfalls ein wohl renommirter Handelsmann in Material- und Spezerei-Waaren, sah sich in den Wittwerstand versetzt. Er galt an der Börse für gut, und daneben für Lunds Pylades oder Jonathan, indem Beide völlig gleichen Sinnes waren. Er mochte etwa funfzig Jahr alt seyn; aber für jedes konnte er auch wenigstens tausend Thaler auf den Tisch zählen, und war folglich ein nicht zu verachtender Liebhaber, was den einen Punkt betraf. Sollte in anderen Punkten auch etwas zu erinnern seyn, meinte Herr Lund, so müsse man über den Hauptpunkt die Nebenpunkte vergessen. Noch vor dem Ableben der Frau Kauser, hatte Lund den nunmehrigen Wittwer befragt: ob nach demselben Philippine wohl auf seine Hand rechnen dürfe, vorausgesetzt, daß sie nur eine leere Hand bringe, und alle Mitgabe à Conto gestellt sei, bis nach des Vaters Tode. Herr Kauser nahm die Sache in Bedenken, und bedachte heraus: daß es ja vollkommen einerlei wäre, ob Lund oder er Philippinens Geld im Handel umwendete; daß Jener damit eben so viel verdienen würde, wie er selbst, und auch eben so wenig unnütz verthun. Ein so edles Vertrauen zwischen Beiden konnte in der That an Orest und Pylades erinnern.

Als die wohlselige Frau Kauser ihrer sanften Ruhestätte entgegen fuhr, mußte auch Herr Lund sie begleiten, und in der Kutsche des Leidtragenden, welche dem Trauerwagen zunächst folgte, seinen Ehrenplatz nehmen. Er hatte eine schwarze Kleidung dazu entlehnt, und zuvor seiner Ehehälfte gesagt: Philippine möchte sich bereit halten, ihren Bräutigam hernach zu empfangen: denn um nicht viele Zeit an den Geschäften zu verlieren, würde er mit demselben gleich hieher kommen. Auf diese Art könnten zwei Förmlichkeiten zugleich abgethan werden.

Frau Lund hatte doch so viele Begriffe von Anstand, daß sie erinnerte: es würde an diesem Tage sich wenig ziemen, und solche Eil besonders dem Bräutigam übel gedeutet werden.

Herr Lund erwiederte: Solide Geschäftsleute schöben nicht auf, was sie einmal thun wollten, und fragten nach dem Urtheil der Welt gar nicht. Uebrigens sollte es eben keine Verlobung vor Notar und Zeugen seyn, wovon er selbst einräume, daß sie für den Begräbnißtag nicht recht passend seyn würde; sondern bloß ein vorläufiges Versprechen, im Kreis der nächsten Verwandten. Es wäre zugleich eine Gelegenheit, daß Braut und Bräutigam einander kennen lernten.

Frau Lund fragte: welches Kleid nun Philippine anziehen sollte. Wie sie bei dem Spaziergang vor etlichen Monaten vorausgesagt habe, sei durch Philippinens abermaliges Wachsthum das einzige Sonntagskleid nun so kurz geworden, daß wenigstens die Strumpfbänder zum Vorschein kämen. So könne Philippine sich doch einem Bräutigam nicht zeigen!

Herr Lund stampfte mit beiden Füßen. Meinen Sürtout, rief er, den ich im Comptoir zu tragen pflege, habe ich nun zwölf Jahre. Warum kann Philippine nicht auch ein Kleid zwölf Jahre tragen? Ein Kleid, das sie obenein nur Sonntags anzieht! Eigentlich müßte es siebenmal so lange halten, als mein Sürtout, =ergo= vier und achtzig Jahre!

Die Mutter wandte ihm ganz vernünftig ein: daß er in den verflossenen zwölf Jahren, die er den Sürtout besitze, auch nicht mehr gewachsen sei. Zugleich äußerte sie den Wunsch: aus einem Kleiderladen einen fertigen Anzug gekauft zu sehn, der sich für eine Brautbesichtigung zieme.

Possen! rief Herr Lund; sie mag in dem alltäglichen Hausanzug von Damis erscheinen.

Es ist ja nicht einmal Damis, sagte Jene; nur gefärbte schlechte Leinwand. Und auch schon alt, geflickt, unten ein breiter Saum angenäht, dessen Farbe absticht.

»Thut nichts! Da sieht Freund Kauser, daß man hier nicht überflüßige Haushaltungskosten ins Cassa-Buch notirt, obwohl er sich das ohnehin vorstellen kann. Und Philippine -- auch einer von ihren Fehlern, daß sie nur allzu hübsch ist -- _soll_ ihm nicht gut ins Auge fallen. Er möchte sonst zurückziehn; es kömmt ihm auf das Netto bei einer Frau an, nicht aufs Brutto, und die Schönheit ist immer ein Brutto, wovon der Mann nur unnütze Last hat. Er muß sorgen, wachen, daß nicht Andere zu der Waare Lust bekommen, und je mehr eine Frau weiß, daß sie passabel aussieht, je ärger quält sie den Mann noch um hübsche Emballage. Ich habe oft gesagt, daß ich etwas darum gäbe, wenn Philippine häßlich wäre. Als Heirathsartikel ist es doch immer einerlei; der Mann gewöhnt sich an eine häßliche Frau, wie an eine hübsche; nach Jahr und Tag weiß er nicht mehr, wie seine Frau aussieht. Doch er kann bei den Geschäften ruhiger seyn, und braucht nicht an der Börse zu denken: jetzt ist ein Hausfreund bei meiner Frau; wenn er so klug gewesen ist, sich eine zu nehmen, die nicht hübsch ist.«

Dabei hatte es sein Bewenden. Philippine erfuhr mit geheimen Grauen ihre Bestimmung. Nie hatte sie Herrn Kauser gesehn; aber es fehlte ihr nicht an natürlichem Verstande, um =a priori= zu schließen: der Vater würde ihr wohl eben nicht einen liebenswürdigen Mann aussuchen.

Die Leser könnten mit Recht fragen: woher Philippine doch einen Begriff von Liebenswürdigkeit genommen habe? In der That war sie einst gar schlecht unterrichtet worden, kam nur bei den schon erwähnten Gelegenheiten aus, und sah weiter Niemanden, als die Hausgenossen. Denn hatte Jemand in Geschäften mit Lund zu reden, so mußten die Frauenzimmer sich entfernen, wenn sie nicht ohnehin häusliche Verrichtungen hatten.

Bei dem Allen war Philippine nicht ganz ungebildet. Erstlich hatte sie einen lebhafteren natürlichen Verstand, als ihre Mutter. Zweitens ereignete sich aber auch ein Umstand, wodurch einige Entwickelung dieser Anlage entstehen konnte, und wirklich entstand.

Vor Jahr und Tag hatten sich Lunds Geschäfte dergestalt erweitert, daß er, neben den gewöhnlichen Ladendienern, eines Buchhalters bedurfte. Er hatte zeither die Verrichtungen desselben theils allein besorgt, theils den ältesten seiner Ladendiener dazu gebraucht. Dieser ging nun von ihm ab; von den übrigen hatte keiner die nöthigen Kenntnisse, und überdem war, wie schon gesagt, der Kreis, in welchem man sich tummelte, bei weitem größer geworden.