Kleine Lebensgemälde in Erzählungen

Part 4

Chapter 43,686 wordsPublic domain

Ach, so fand ich es nicht! -- Noch hatte ich nach Emma nicht gefragt. Was ich bis jetzt gehört, ließ mich die Geliebte vergessen, indeß nur auf eine kurze Zeit. Die Frage schwebte mir wieder auf der Zunge, doch immer gewann ich keinen Muth dazu; mein Herz fürchtete hier zu viel von einer niederwerfenden Botschaft.

Endlich hob ich doch zu Wilhelminen stockend an:

»Was ist denn aus dem Commerzienrath Hell geworden?«

Schon zehn Jahre todt.

»Das glaubte ich nicht; wenigstens fand ich seinen Namen auf keinem Leichenstein.«

Er ist in der größten Dürftigkeit gestorben. Aufwand und mißlungene Spekulationen ...

»Hm -- und Minna, seine Tochter?«

Die hat schmählich geendet.

»Geendet?«

Nach des Vaters Tode waren die Mädchen noch unverheirathet --

»Unverheirathet? Beide?«

Ja! Minna wurde Gesellschafterin im Hause des Präsidenten Wernbach, ließ sich aber in einen sträflichen Umgang mit ihm ein -- es ward ruchtbar. -- Noch ein Glück, daß sie mit dem Kinde im Wochenbette starb. Die Präsidentin ließ sich scheiden.

»Das herrliche Mädchen und so ehrvergessen! In Gärten kann man aus der Blüthe die Frucht voraussehn, bei den Menschen nicht -- Und ... und ...?«

Guter Bruder, ich ahne, was Du noch fragen willst.

»Du hast mein ganzes Vertrauen. Und Emma?«

Frage mich nicht. _Die_ hast Du geliebt --

»Ich liebe sie noch, gute Wilhelmine! Hat sie keinen Mann -- wie auch ihre Schönheit verblüht seyn mag, ich gebe ihr meine Hand!«

Dies -- kannst Du nicht!

»Warum nicht? Ihre Armuth soll mich nicht zurückstoßen. Sie hat einst mein Herz reich an schönen Empfindungen gemacht, die im Zeitstrom nicht untergegangen sind. Ich habe kein andres Hoffen mehr, als Emma noch mein zu nennen.«

Dies kannst Du ... nein, frage mich nicht. Erkundige Dich bei Andern.

»Auch hier also warten entsetzliche Nachrichten auf mich? So gieb Du sie mir. Wen an Einem Tage schon so viele Dolche trafen, der ist auf Alles gefaßt.«

Ich möchte nicht gern ... mache Dich frei von dieser unglücklichen Neigung!

»Diese Neigung ist mein Glück. Ich will Emma mein nennen!«

Dies kannst Du -- wenn Du es denn durchaus hören willst -- um einen mäßigen Preis --

»Was sagst Du, Schwester! Ich hoffe doch nicht ...«

Ihr blieb nach dem Tode ihres Vaters weiter nichts übrig, als sich mit Putzarbeiten zu ernähren. Doch, an Hochleben und Müßiggang gewöhnt, wollte sie sich in Spärlichkeit und Fleiß nicht fügen. -- Ihr Ruf ward zweideutig.

»Gott!«

Nach und nach sank Emma tiefer, und wurde zuletzt als öffentliche Buhlerin bekannt. Da zog sie den Sohn eines reichen Kaufmanns an sich, plünderte ihn aus, und verführte ihn, die Kasse seines Vaters um nahmhafte Summen zu bestehlen ...

»Höre auf. Doch nein -- nein -- ende!«

Es kam an den Tag. Emma wurde auf vier Jahre ins Zuchthaus geschickt --

»Zu viel! zu viel!«

Diese Strafe ist überstanden. Emma wurde wieder frei. Sie fing das alte Treiben aufs Neue an; doch -- wie man hört, und es ihre Jahre vermuthen lassen -- für sich mit schlechtem Erfolg. Dagegen hat sie eine Art von Pflanzschule um sich --

»Genug! Beim Himmel, genug!« -- Ich riß mich von Wilhelminen weg, und eilte zu meinem Lager, wo ich aber die ganze Nacht keine Ruhe fand. Eine mehrtägige Krankheit folgte den Gemüthsbewegungen an dem schrecklichen Tag.

Dann ergriff ich meinen Entschluß, und sagte der Schwester: »Meine Liebe ist dahin! Ohne Liebe noch zu heirathen, wäre Thorheit. -- Wie hoch belaufen sich die Schulden des Vaters und Deines Mannes?«

Seufzend erwiederte sie: Wohl auf viertausend Thaler.

»Die bezahle ich.«

Bruder! -- O Bruder!

»Von den Zinsen meines übrigen Vermögens will ich Deine Kinder erziehen helfen, sie mögen einst meine Erben seyn. Ich will mich auch um ein Amt hier bewerben, so kann ich desto mehr thun, und finde Zerstreuung in den Geschäften.«

Wilhelmine umarmte mich mit Freudenthränen. Es wurde mir doch etwas leicht, daß ich solche Thränen fließen sah. Gott, rief ich, so frommen also Schönheit, Talente, Bildung und andre beneidete Vorzüge nicht, wenn das Glück nicht auch lächelt! O Jugend, auf das Unglück schicke Dich an, und wahrlich am meisten, wenn Dir solche Vorzüge eigen sind!

Mit einer edlen Fühlbarkeit sagte Wilhelmine nach einigem Schweigen:

Und -- Emma?

»O die Verworfne!«

Auch die am tiefsten gefallen sind -- bleiben Menschen.

»O gute Schwester!«

Du hast sie geliebt.

»Ich gebe ihr ein kleines Jahrgeld.«

Auf Eine Bedingung --

»Versteht sich: daß sie dem ruchlosen Wandel entsagt, und sogleich diese Stadt verläßt.«

Dies macht Deinem Herzen Ehre.

Bei diesem Gespräch kam erst noch zur Aufhellung, woran zeither noch niemand gedacht hatte. Ich sagte: »Aber ist denn die ganze Menschheit in späteren Jahren zum Unheil verdammt? Die Jugendfreunde, die Verwandten, Alles muß ich unglücklich wiederfinden, und ...« Nicht Alles, fiel Wilhelmine ein. Seltsam, daß Du nach unserm Bruder Otto noch nicht gefragt hast. Zum Theil ist wohl Deine Krankheit Schuld daran, daß wir vergessen haben, von ihm zu reden; zum Theil auch -- wird bei den Seinigen nicht eben viel über ihn geredet --

Ich begreife selbst nicht, fiel ich ein, wie es zugegangen ist, daß ich an Otto nicht gedacht habe. Von den übrigen bösen Zeitungen war mein Gedächtniß so vollgepfropft, daß ... nun, was macht Otto? Ich wünsche ihm alles Gute.

Die Schwester antwortete: Er ist Minister des Herzogs.

Es war sicherlich keine Mißgunst, was ich empfand; ich staunte nur, faltete die Hände, und schüttelte den Kopf ein wenig.

Jene fuhr fort: Er ist zugleich in den Adelstand erhoben.

»Ist es möglich! Aber ist es möglich!«

Einige Jahre nach Deiner Abreise wurde er Rath, und nicht lange darauf Präsident eines anderen Collegiums; dann wurde er weiter empfohlen, und dem Herzoge näher bekannt. Schon manches Jahr bekleidet er die erste Stelle im Lande.

Immer noch höchlich verwundert sagte ich: »Otto der trockne, engherzige Otto, Minister des Herzogs?«

Lächelnd erwiederte meine Schwester: Wenn nun der Herzog trockne, engherzige Minister liebt? Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten. -- Dem Bruder gelang es auch noch weiter. Seine Würde verschaffte ihm Gelegenheit, sich mit einem Fräulein aus einem reichen Hause zu verbinden.

»Nun -- ich gönne ihm Alles; er ist mein Bruder. So höre ich doch nicht lauter schlimme Nachrichten. Ei, ei! Es scheint also, als müßte eine Anweisung, hier Glück zu machen, so lauten: Fleiß, tüchtigen Geschäftsfleiß, wenn auch mehr dem Schein als der Wirklichkeit nach, und den Fleiß so geregelt, wie ihn jeder alltägliche Kopf zu zeigen vermag; das heißt: trocknen Schlendrian, immer Schlendrian, nie über das Gewöhnliche hinaus. Zweitens Kriecherei, ächte, wahre Kriecherei vor allem Rang. Endlich die so beliebte Engherzigkeit. Nun meinetwegen denn! Ich kann es nicht ändern. Aber sage mir nur, wie es zugeht, daß unser Vater nach so langjährigen, treuen Diensten eine so kärgliche Pension hat! Konnte sie Otto nicht billig erhöhen? Konnte er Deinem Mann nicht eine gute Bedienung verschaffen? Dein Mann mußte allenfalls ja auch sein Mann seyn.«

Wilhelmine erwiederte: O, Se. Excellenz geruhen jetzt, sich Dero armer Verwandten zu schämen. Als wir uns im Anfang von Otto's Erhebung an ihn wandten, fertigte er uns mit kleinen demüthigenden Geschenken ab. Auf wiederholte Bitten, etwas für den Vater, und für meinen Mann zu thun, gab er zur Antwort: »Unmöglich könne er, auf seinem viel beobachteten Platze, sich Nepotismus vorwerfen lassen; vielmehr habe er, aus Consequenz, allenthalben zu vermeiden, daß er nicht für Angehörige und ältere Bekannte eintrete. Der Pensionsfond sei zudem erschöpft, und Sauer habe nur genügende Thätigkeit auf das Advociren zu verwenden, um bestehn zu können.« Nun machte ich selbst eine Reise zu ihm. Es währte lange, ehe ich vorgelassen wurde; und, als es endlich geschah, währte die gnädige Audienz, überhäufter Geschäfte wegen, nur kurze Zeit. Otto blieb auch jetzt unzugänglich, und sagte mir daneben: der Vater sowohl, als ich, hätten ihn immer dem Bruder nachgesetzt, und an diesem ein höheres Talent und manche andere Vorzüge erhoben. Nun, fügte er hinzu, das höhere Talent half ihm nach Sibirien. Mag er von da seinen Lieben Zobelpelze schicken! -- Empfindlich, daß er über Dein Unglück noch spotten konnte, verwies ich ihm das, und sagte hernach: eben auch des unglücklichen Bruders wegen käme ich. Glaube er, dem Vater und meinem Manne keine Gunst erzeigen zu dürfen, so möchte er wenigstens den Herzog bewegen, sich am russischen Hofe mit einer Bitte für Dich zu verwenden. O, sagten Se. Excellenz, da würde ich bei Sr. Durchlaucht eine Fehlbitte thun, und noch Höchstihre Ungnade auf mich laden. Mit dem Hofe in St. Petersburg steht der hiesige nicht am beßten. Ich kann weiter nichts als den Unglücklichen bedauern. Seinem unbesonnenen Leichtsinn muß er übrigens sein Schicksal zuschreiben. -- Nun folgte ein stolz freundliches Entlassungszeichen. In den Gasthof schickte Otto mir noch ein trocknes Billet, mit einer Summe, die meine Reisekosten vergüten sollte. Ich sandte sie ihm, mit einem Briefchen in seinem eignen Styl, zurück. Seit dieser Zeit haben wir uns so wenig um ihn bekümmert, wie er sich um seine Verwandten.

»Pfui,« rief ich aus; »pfui! -- Doch laß ihn! Er kann bei diesem unholden Sinn, trotz allem Ansehn und Vermögen, sich nicht glücklich fühlen. Ich danke um so mehr für Deine schwesterliche Liebe, die, so viel es anging, doch zu handeln versuchte. Aber -- damit nicht auch ich keine Theilnahme für arme Verwandten zeige -- ich habe noch nicht nach Charlotten gefragt. Lebt sie noch und in welchen Verhältnissen?«

Wilhelmine biß sich ein wenig in die Lippen; es fiel ihr schwer, eine Antwort zu geben. Neid war nicht im Spiel; eines so gehässigen Charakterzuges war sie nicht fähig. Aber einige Spuren von verwundeter, weiblicher Eitelkeit las ich in ihren Augen, als sie über diesen Gegenstand reden sollte. Ihre widrige Empfindung unter einem Lächeln zu verbergen bemüht, hob sie endlich an: Charlotte ist lange verheirathet.

»So hat sie doch einen Mann gefunden? Das freut, und -- wundert mich.«

Glücklich verheirathet, wenigstens reich -- nein, in der That auch glücklich; die Gemüthsart ihres Mannes paßt zu der ihrigen.

»Reich obenein? Das Mädchenglück hat auch seine Launen.«

Und oft gar seltsame.

»Wer ist denn Charlottens Mann? Habe ich ihn gekannt?«

O ja! Du wirst Dich bei seinem Namen wundern. Herr von Soldin.

»Ist das Scherz oder Ernst?«

Warum sollte ich Scherz treiben!

»Ich meinte -- es hatte so ein Ansehn, und man konnte es unmöglich anders deuten -- er habe Absichten auf Dich ...«

Die häufigen Besuche galten Charlotten. Um _sie_ bemühte er sich, als wir glaubten ....

»Wie konnte -- fast möcht' ich sagen, das platte Geschöpf ihn anziehn!«

Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten.

»Hm! -- Du nanntest ihn immer geschmacklos. Er hat diesen Ausspruch bestätigt.«

Unbedeutende Mädchen finden oft leichter eine Heirath, als gebildete.

»Wie geht das zu? Etwa, weil es so wenig gebildete Männer giebt? Das ist wohl gewiß nicht die Ursache. Der gebildeten Männer müssen ja viel mehr seyn, als der gebildeten Mädchen; denn die Männer haben mehr Gelegenheit sich zu bilden. Oder sollte Mädchenbildung mehr bewundert, als geliebt seyn, ernste Neigung mehr verscheuchen, als befördern? Dies kann ich auch nicht glauben.«

Einen Grund findet man hier nicht leicht heraus; es bleibt nur dabei, daß nichts verschiedner als der Geschmack, und -- daß die Liebe blind ist.

»Ach -- meine Liebe war nicht blind. Emma hatte Schönheit, Verstand, und ihrem Herzen ließ sich kein Vorwurf machen. Oder -- wäre meine Liebe in so fern doch blind gewesen, daß sie eine heimliche Anlage zur Verworfenheit nicht entdeckte? Hier fragt es sich gleichwohl immer noch: ob eine solche Anlage in der That vorhanden war, oder ob nur die Einflüsse eines dürftigen Zustands Emma zu dem hingezogen, was ihre Grundsätze einst verdammten. Zwar sollte man fast schließen, eine Anlage müsse vorhanden gewesen seyn; sonst wäre Emma nicht durch Armuth gefallen. Wohnen sonst doch Armuth und Tugend oft zusammen. Zwar vielleicht öfter, wenn Tugend zeitig an Armuth gewöhnt ist, als wenn sie sich erst dazu bequemen soll. Im letzten Falle wird Armuth auch oft eine gefährliche Klippe für die Tugend.«

Desto edler ist sie aber auch, wenn sie, wie ein Fels, dem Drange der Armuth widersteht.

»Freilich wohl. Will man indeß Entschuldigungen aufsuchen, so kann man es vorzüglich beredt, wo die Armuth zu nennen ist.«

Dann aber auch standhaft gebliebne Tugend um so beredter loben.

»Allerdings! O Emma, wärst Du tugendhaft geblieben!«

Dann würde sie noch einen späten Lohn in Deiner Hand empfangen haben.

»Die Thörin noch, bei ihrer Verworfenheit! Was soll man übrigens zu einer Anlage sagen, wie ich vorhin sie erwähnte? Ist sie natürlich, und können die Grundsätze, welche eine sorgsame Erziehung einflößt, sie nicht verdrängen, so entschuldigt das Verbrechen sich ja beinahe ganz.«

Nein, da stimme ich Dir nicht bei.

»Und eine Tugend, die nur in der Abwesenheit gewisser schlimmen Neigungen besteht, folglich nicht kämpfen darf, hat keinen Werth.«

Freilich wird die Tugend erst edel, wenn sie, vom edlen Grundsatz begeistert, diesen in sich zu solcher Kraft erhebt, daß er die schlimme Anlage niederzuhalten vermag. Dies aber soll und muß die Tugend. Gänzliche Abwesenheit böser Neigungen ist wohl auch selten; die Umstände wecken sie, wenn sie auch schlummern.

»Die Heftigkeit des Temperaments, welche den Umständen entgegen tritt, ist aber auch verschieden.«

Wohl kein Phlegma ist so tief, daß nicht manche Lüste daraus hervorgerufen werden könnten.

»Es kommt aber in jedem Fall noch auf die Umstände an, ob sie mehr oder weniger auf den Menschen eindringen. Die physische Gemüthsanlage bekommen wir aus den Händen der Natur, über ihre Entwickelung vermögen die Außendinge mehr, als wir. Manche sind glücklich genug, bei einem ruhigen Sinn noch solchen Umständen fern zu bleiben, die verlockend auf sie eindringen könnten.«

Die Gemüthsanlage muß sich durch kräftigen Tugendwillen veredeln lassen. Umstände, welche uns zu verlocken geeignet sind, nahen sich uns so leicht nicht, wenn wir selbst vorsichtig davon entfernt bleiben.

»Zum Theil gebe ich das zu, doch nur zum Theil. Immer wird auf dem ungestümen Lebensmeere das Glück einen weiten Spielraum behalten.«

Tugend bleibt dennoch auf diesem Meere der sicherste Pilot. Und umfängt sie das Glück nicht, so wird sie doch am kräftigsten über das Entbehren desselben trösten und beruhigen.

»Ja, diesen Satz muß ich ohne Einschränkung unterschreiben. -- Doch Schwester, ein Wort in Vertrauen. Dein Mann klagte über die öfteren Besuche, die August Dir gemacht hat. Jetzt wirst Du ihn ohne Zweifel verachten. Es geschah auch nur im Anfang Deiner Ehe, wo er noch nicht zum Trinker herabgesunken war. Offen -- hatte Dein Mann gerechte Ursache, zu fürchten?«

Nein! Nur Wahlverwandtschaft unserer Ideen und Gefühle vereinigte mich mit August.

»Es scheint mir -- Du hast ihn einst wirklich geliebt, so gut wie ich Emma, Und ihn so wenig richtig beurtheilt, wie ich die Geliebte.«

Wenn ich das einräumte, so könnte ich getrost auch hinzufügen: daß ich diese Liebe doch nie über meine Vernunft und Pflicht Herrin werden ließ.

»Hätte sie es aber -- durch Zeit und nähere Gelegenheit als im Vaterhause -- nicht werden können?«

Ich -- glaube nicht.

»Du liebtest Deinen Mann nicht, und empfandest doch ein mächtiges Bedürfniß zu lieben.«

Eins will ich Dir gestehn. Als August sich nicht mehr bei mir einfand, schmerzte es mich tief; späterhin war es mir aber äußerst lieb, daß ihn mein Mann entfernt hatte.

»Deine Tugend, gute Wilhelmine, hatte folglich -- Glück. O nicht allein andere Menschen bleiben uns Räthsel, auch das eigne Herz bleibt es. Laß uns aber nicht zu weit ins Feld der Moralphilosophie dringen. Erzähle mir von Charlotten das Nähere.«

Eigentlich -- möcht' ich es doch nicht blinde Liebe nennen, was Herrn von Soldin an sie zog. Im Punkte der Schönheit empfand er einmal nicht wie Andere. Charlottens runde, derbe Formen -- mochten anders Urtheilende sie auch plump nennen -- hatten Reitz für ihn.

»Ha ha ha! Er hatte den Geschmack der Algierer, welche ihre Mädchen zu mästen pflegen. Auf das Gesicht kömmt es nicht an; Schönheit wird durch die Fettigkeit bestimmt.«

Soldin suchte eine wirthliche, anspruchlose, einfache Hausfrau; und weil er sie fand -- ließ, nach seinem Sinn, die Wahl sich auch klug nennen. Und soll man fremden oder eignem Sinn folgen? Bereuen durfte er seine Wahl auch nicht. Sein Vater ist lange todt; beide Eheleute wirthschaften gut; die Heimsuchung des Kriegs ist überstanden, und Soldin noch immer ein Mann von hunderttausend Thalern.

»So finde ich wenigstens Einen der Jugendfreunde nicht unglücklich.«

Charlotten muß ich nachrühmen, daß sie weder stolz, noch fremd gegen uns geworden ist. Sie schickt mir manches in Küche und Keller, und wenn die Noth hier zuweilen hoch stieg, suchte ich bei ihr auch anderweitige Hülfe nicht vergebens, ob sie gleich, wie ich, fünf Kinder hat.

»Brav! ... Fortan sollst Du mit ähnlichen Bitten ihr nicht lästig werden.« --

Ich that nun alles, was ich mir vorgenommen hatte, und fühlte mich im Kreise der geliebten Schwester und ihrer Kinder, die ich bald, als wären sie die meinigen, liebte, so glücklich als man es, über vierzig Jahre hinaus, und -- in diesem Leben, seyn kann. Die erlittene Sklaverei in Sibirien ließ mich das Glück der Freiheit um so höher achten und genießen.

Auch Wilhelminens Ehe gewann nun, nach dem Verschwinden der Nahrungssorgen, mehr Eintracht, und meine Gegenwart nöthigte ihren Mann zu einem sanfteren Betragen. Auch Menschen von tadelhaftem Charakter bessern sich nach Umständen.

Möchten junge Leser durch meine Erzählung sich bewogen fühlen, _zeitig_ über die Veränderungen nachzudenken, welche die Zeit hervorbringt! Möchten sie, was ihnen das Glück gab, fest halten, da es launenhaft ist! Möchten sie ihre Ansprüche nicht übertreiben, da diese oft betriegen! Möchten sie im Schönheits-, im Talentgefühl, weniger Aufmunterungen zum Hoffen, als Warnungen vor Mißbrauch sehn! Und endlich, möchten sie an Wilhelminens Satz glauben: »Tugend ist der beßte Pilot auf dem Lebensmeer, und erhebt über ein feindliches Schicksal.«

Der lustige Todesfall.

Eine komische Erzählung.

Der lustige Todesfall.

Herr Lund, ein Kaufmann, der -- nach Börsentaxe -- hunderttausend Thaler, und wohl noch einige Tausend darüber, werth seyn mochte, starb, zur größten Verwunderung seiner Frau. Denn oft hatte sie gesagt: Mein Mann stirbt gewiß nicht; er ist ja einer von den reichsten Leuten in der Stadt, und so klug obenein! Er wird schon wissen, wie man es zu machen hat, daß man nicht zu sterben braucht. Sagten ihr Bekannte dagegen: der Tod sei so unhöflich, nicht Reichthum, nicht Klugheit zu achten; dann bemerkte Jene -- doch in Vertrauen --: so stürbe ihr Mann gewiß nicht _vor_ ihr, sondern werde sie überleben: sie habe kein Glück; was sie wünsche, treffe nie ein, das wisse sie schon.

Demungeachtet rief Jenen der Tod ab, und noch früher, als seine bis dahin ziemlich feste Gesundheit es hätte erwarten lassen. Eine plötzliche Erkältung zog ihm einen Schlagfluß zu, der in wenigen Stunden eine Ladung für Charons Nachen aus ihm machte.

Die Wittwe schlug ihre Hände zusammen. Da sieht man's, rief sie nun: unverhofft kömmt doch oft!

Ist er auch gewiß todt? fragte sie den noch beschäftigten Arzt. Kann ich mich darauf verlassen? -- Der Arzt gab ihr die heiligsten Betheurungen, und bekam einen reichen Ehrensold für die vergebens angewandte Mühe.

Die Wittwe vergaß auch dem Manne nicht, was er zuletzt für sie gethan hatte. Sie ordnete nicht nur eine stattliche Beerdigungsprozession an, sondern bewies ihm auch ihre Dankbarkeit noch durch einen marmornen Grabstein mit Urne und Todesengel. Unter den Lügen, welche die Inschrift enthielt, war die gröbste: daß Lunds _betrübte_ Wittwe ihm dieses Denkmahl errichtet habe.

Prüfte man die Sache genau, so ließ es sich der Nachgebliebnen eben nicht verübeln, wenn sie über den Todesfall ihre Haare nicht ausraufte. Sie hatte über den Verstorbnen immer die -- auch nicht ungerechte -- Klage geführt, daß er ihr zu wenig Vergnügen mache. Wenn Alles im Hause bereits zur Ruhe gegangen war, saß er noch an den Büchern, und rechnete dem Buchhalter nach. Morgens stand er am frühsten auf, weckte seine Leute, sah in die Niederlagen, und schmälte arg, wenn er irgend etwas nicht so fand, wie er es finden wollte. Abends und Morgens bekümmerte sich Lund folglich gar nicht um seine Gattin, den Tag über hingegen desto mehr. Früh bekam sie Weisungen, die Köchin zu mehr Sparsamkeit anzuhalten, und darüber zu wachen, daß sie keine Provision am Markt-Einkauf nähme. Mittags gab es gewöhnlich Verweise, daß das Essen zu gut sei, was für die schlechten Zeiten nicht passe. Nachmittags empfahl er seiner Ehehälfte, als eine gesunde Motion, die Mörserkeule zu regen, und gegen Abend ward sie ersucht, den Ladendienern Corinthen, Mandeln, Reiß und andere Material-Waaren, von Unsauberkeiten reinigen zu helfen. Von Schauspiel, Gastereien, und was dahin gehört, war die Rede nie. Aeußerte Frau Lund bisweilen einen Wunsch nach Zerstreuung, dann hieß es: der sonntägliche Kirchengang zerstreue genug. Bei schöner Frühlings- und Sommerwitterung, nach vorsichtigem Aussehn, ob nicht etwa Regen die Kleidungsstücke mit Nachtheil bedrohe, ging Lund auch wohl mit Frau und Tochter am Sonntage vor's Thor. Da man sich dort in das weiche Gras setzte, und in die Anmuth der Gegend sah, würde es immer seine Idyllenwirkung nicht ganz verfehlt haben, wenn der Hausvater, von Landluft umweht, die Stadt vergessen hätte. So aber pflegte er diese Gelegenheiten zu nützen, seinen Frauenzimmern _ausführliche_ Strafpredigten zu halten, weil die Geschäfte zu Hause ihm nur kurze vergönnten. Er bewies dann seiner Frau: daß sie bei weitem nicht mit so geringem Wirthschaftsgelde auszukommen verstehe, wie seine Mutter vor dreißig Jahren, und daß sie eine dumme Gans sei, die sich von den Köchinnen, so lange er sie zur Frau habe, Tag für Tag betriegen lasse. Er hatte nicht völlig unrecht; denn was man _Geist_ nennt, war an Frau Lund eben nicht zu erschaun: sie ließ es bei der _Seele_ bewenden. Wo hätte sie aber auch Geist hernehmen sollen? Ihr Vater hatte sich zwar einst mit Köpfen vielfach beschäftigt, doch für den Kopf seiner Tochter um so weniger etwas gethan, als er sehr geitzig war. Weiland Haarkräusler, gehörte er zu den kunstsinnigsten seiner Kunstgenossen, hatte deshalb auch die meiste Beschäftigung in der Stadt, und frisirte keine Braut unter einem Thaler. Vor zwanzig Jahren wollte Lund sich besetzen. Als Ladendiener hatte er nur hundert Thaler zusammensparen können; nun meinte er: wenn er eine Frau mit etlichen Tausenden nähme, und jene Hundert dazu fügte, so würde sich schon eine solide Materialhandlung gründen lassen. Er klopfte da und dort an, wo sich Tausende vermuthen ließen; doch nirgend wurde ihm aufgethan. Das hatte seine Gründe. Wer Tausende besaß, wollte ihnen auch etwas Namhaftes begegnen sehn; auch war Lund nicht eine schöne, sondern vielmehr eine häßliche Mannsperson, und hatte ein nicht _für_, sondern _gegen_ ihn einnehmendes Betragen. Nun spekulirte er endlich auf die Tochter des Haarkräuslers. Sie war das einzige Kind; der Vater lief mehr als den halben Tag in seinem gepuderten Rock umher; Präsidenten und Geheime Räthe, Damen vom ersten Rang, gehörten zu dem weiten Kreis seiner Praxis. Auch ging die Sage, daß es ihm gelungen wäre, zwei tausend Thaler zu sparen, die er in sichern Handlungen auf gute Zinsen untergebracht habe.