Kleine Lebensgemälde in Erzählungen
Part 3
Auch unsere Verwandte, Charlotte, überging ich damal nicht, bei diesen, mir so viele Theilnahme erregenden, Betrachtungen. Es war ein unbedeutendes Ding, ohne Verstand und Schönheit, nur im Hauswesen tüchtig. Sicher glaubte ich, die Arme würde ohne Mann geblieben, und, wenn meine Eltern nicht mehr lebten, oder Wilhelmine sich ihrer nicht angenommen hätte, gezwungen gewesen seyn, irgendwo ein Unterkommen als Ausgeberin zu suchen. Denn ich urtheilte: ein Mann von Geschmack, selbst nur mit Charlotten in gleichem Standesverhältniß, hätte wohl eine Person nicht begehren können, die einer gewöhnlichen Magd -- die schönen darunter ausgenommen -- ähnlich sah. Und einem kleinen Bürgersmann, der platt genug empfunden, auf Schönheit gar nicht zu sehn, wohl aber eine rege Hauswirthin gesucht hätte, dürfte schwerlich auch das Wagstück eingefallen seyn, sich um die Verwandte eines Rathsherrn zu bemühen; und mein Vater _dann_ auch seine Einwilligung versagt haben. Ich beschloß aber, wenn es sich dergestalt verhielte, Charlottens Lage nach meinen Kräften zu verbessern.
Endlich sah ich mit klopfender Brust die Thürme meiner Vaterstadt. Sie waren unverändert geblieben, bis auf den an der Hauptkirche. Seines baufälligen Zustandes wegen hatte man ihn bis zur Hälfte abgetragen, und mit einem kleinen stumpfen Dache versehn. Er prangte einst mit einer stattlichen Kuppel und Spitze; die Physiognomie der Stadt gewann durch ihn etwas heiter Aufstrebendes. Als Knabe hatte ich ihn mit einem erhebenden Wohlgefallen angesehn, und ihn oft bis zur sogenannten Haube erstiegen. Es verdroß mich, den alten Freund als einen Krüppel wiederzufinden; schier ahnte mir darin ein Zeichen übler Vorbedeutung.
Als ich näher kam, lächelte mich eine neue, hoch empor gediehene, Pflanzung von Pappeln an. Es war eine Verschönerung; sie würde mir gleichwohl anderswo besser gefallen haben, als hier. Dem erinnernden Bilde in mir widersprach sie, und machte mir die Gegend vor dem Thore fremd.
Ich stieg aus dem Wagen, mich desto bequemer umzusehn, und ließ den Postillon halten. Es war ein schöner Sommerabend; auf dem neuen Spaziergang lustwandelten Einwohner. Ich mengte mich unter sie, fand aber nicht einen der alten Bekannten hier. Auch das erregte mir Unmuth. Meinem Besuch nach zwanzig Jahren in der Vaterstadt, hob ich bei mir an, scheint wenig Freudiges entgegen treten zu wollen.
Wenn auch nicht gerade schon trübe, war ich doch nicht so heiter, wie ich auf der langen Reise gehofft hatte, daß ich es am Eingange der Heimath seyn würde. Von dem geahnten traulich heiligen Empfinden wehte mich jetzt nichts an, und ich klagte heimlich, daß es so sei. Immer wollte ich einen von den Unbekannten anreden, ihn um meine Eltern, um Wilhelminen, um Emma fragen, hatte gleichwohl nicht den Muth dazu. Ebenso zauderte ich, in die Stadt zu gehn.
Meine Blicke fielen auf die Thür des nahen Kirchhofs. Sie stand offen, und ich fühlte einen schwermüthigen Zug hineinzugehn. O wie viele neue Gräber! Doch auch viele neue Denkmähler, die von zugenommenem Luxus und verfeinertem Geschmack zeugten. Baumanlagen, sonst nicht vorhanden, Gitterwerke, die kleine Gärten umfingen, unter denen Todte ruhten, einzelne Hügel, mit Blumen geschmückt, konnten als liebliche Veredlungen des Anblicks trauernder Stille gelten. Aber sie riefen mir auch sehr lebhaft den Gedanken zu: daß Alles endet, wie schön es einst auch blühen und glänzen mochte.
Ich schlich an den Gräbern hin, und las die mancherlei Inschriften der weißen Steine und Eisenplatten. O, hier traf ich Bekannte genug! Ein Mal über das andere stieß ich auf einen Namen, der mir einst wenigstens nicht ganz gleichgültig ins Ohr tönte. Und nicht bloß ältere Personen, die ich vor Zeiten werth hielt, auch jüngere sah ich nun lange schon der Verwesung übergeben. Es war ein Mädchen darunter, das ich ein wenig geliebt hatte, ehe noch Emma den bleibendern Eindruck auf mein Herz machte. Jene war im ein und zwanzigsten Jahre verstorben, und ein Gespiele meiner frühsten Kinderjahre hatte nur bis zum dreißigsten gelebt.
Nun kann eine wahrhaft melancholische Stimmung über mich, und ich bebte, Namen zu sehn, die mich noch stärker rühren könnten. Des Gottesackers Hinterwand umliefen noch inwendig Begräbnißplätze in Gewölben. Mein Vater hatte sich dort einen erkauft, und den nöthigen Bau daran ordnen lassen. Als ich aus meiner Vaterstadt ging, hatten die Seinigen noch keine Anwendung von der neuen Ruhestätte machen dürfen. Ich gewahrte sie schaudernd, und nahte mich zitternd und wankend. Eine Steinplatte, mit Zeilen versehn, war in die Außenwand gemauert. Schon sah ich sie, eh ich die Zeilen noch lesen konnte. Ein Opfer also, dachte ich seufzend, hat sich der Tod aus unserm Kreis genommen. Mit grauenvoller Neugier eilte ich zu lesen, und vermochte es kaum. Es war die Mutter; sie schlief bereits zwölf Jahre hier. Der Kirchhof warf viel auf meine Brust!
Ich starrte einige Zeit die Tafel an, und ging langsam weg. Es gelang mir nicht, durch die Vorstellungen mich zu trösten: daß es sich kaum anders habe erwarten lassen, und daß ich von Glück sagen dürfe, wenn ich meinen Vater noch unter den Lebenden antreffe. Ich fühlte in dem Augenblick, was die übrigen Verwandten zwölf Jahre früher an diesem Grabe empfanden.
Wieder hinausgetreten, sah ich einen dürren bleichen Mann daher kommen. Er bewegte sich mit kleinen Schritten, und hustete im Gehen oft. Er trug ein schlechtes Oberkleid, und sein ganzer Anzug zeugte nicht von Wohlhabenheit. Mir war, als hätte ich ihn früher gesehn; doch besann ich mich auf Namen und Stand nicht. Es schien mir auch, als hätten Blässe und Falten das Gesicht merklich umgewandelt.
Auch er faßte mich ins Auge, und ich war schon an ihm vorübergegangen, als wir Beide zugleich still standen und nach einander umblickten. Jetzt rief er meinen Namen. Auch die Stimme tönte mir bekannt, doch schwach und hohl. Ich ging zu ihm, und sagte: »Verzeihen Sie, mein Herr; ich soll die Ehre haben, Sie zu kennen, und besinne mich doch nicht gleich ...«
Haben Sie Ihren alten Freund Lilienthal vergessen? Mit diesen Worten unterbrach er mich.
Ich trat staunend zurück, und konnte kein Wort sagen.
Ja, fing er lächelnd wieder an, ich habe mich wohl ziemlich verändert. Sie aber scheinen noch ganz munter. Noch nicht einmal, wie ich sehe, Ein graues Haar. (Das seinige war schon zur Hälfte bleich.)
Ich umarmte ihn nun, und stotterte: »Nein -- das hätte ich nicht gedacht -- und wie gehts? Mit welchem Titel hat man Sie anzureden?«
Er antwortete: Es geht verdammt schlecht. Ich bin invalider, pensionirter Hauptmann.
»Verwundet im Kriege?«
Nein, die Gicht hat es mir gethan. Da muß ich mich nun mit dem schmalen Gnadengehalt hinstümpern. Und wenn ich ihn noch ganz bekäme! So wird mir aber noch für meine Gläubiger die Hälfte abgezogen.
»Freund -- ich beklage unendlich, Sie nicht in einem glücklichern Zustande wiederzusehn.«
So geht es nun schon einmal. Wenn man in der Jugend zu rasch gelebt hat, wird man früh alt.
»Hm -- ich dachte, Sie besäßen außerdem ein ansehnliches Vermögen« --
Wo bist Du Sonn' geblieben!
»Ehe ich vor zwanzig Jahren abreis'te, hieß es, Sie hätten eine bedeutende Erbschaft« --
Ach, wie man's denn im Leichtsinn treibt. Ich hatte ein Paar tausend Thaler; in ein Paar Jahren flogen sie aber hin. Einmal gewöhnt, auf einem artigen Fuß zu leben, nahm ich auf, und sprengte, um meinen Kredit zu befestigen, allerhand Mährchen aus. Eigentlich nicht ganz Mährchen. Ich hatte begründete Hoffnung, zu steigen, zu erben, nur kein Glück. Manche lebten wüster in den Tag hinein, als ich, und sind jetzt Obersten, Generale, und haben keine Gicht. Das Glück tut alles auf der Welt.
»Sind Sie verheirathet?«
O! wenn ich noch Frau und Kinder hätte, schösse ich gar mich todt. -- Die Abendluft wird kalt, ich muß unter Dach. Wir sehen uns wohl ein ander Mal. Leben Sie wohl!
»Erlauben Sie mir, Sie noch einen Augenblick zu begleiten. Ich bin in zwanzig Jahren nicht hier gewesen, und möchte um Manches fragen.«
Er that mir den Vorschlag, mit nach der Kegelbahn zu gehn, die er besuchen wollte; da könnten wir noch eins mit einander plaudern.
Der öffentliche Garten lag nahe. Ich trat mit Lilienthal hinein, und sah, daß Einrichtungen und Gäste nur ein ziemlich mittelmäßiges Ansehn hatten, so daß ich mich wunderte, wie Lilienthal sich an einen solchen Ort begeben könnte.
Unterweges fragte ich: »Lebt mein Vater noch?«
Kann's wohl nicht recht sagen, hieß die Antwort; hab' ihn in langen Jahren nicht gesehn. --
»Hm -- ein Rathsherr ist doch nicht so unbekannt« --
Jetzt besinn' ich mich. Er soll noch leben, ist aber schon lange in den Ruhestand versetzt. Es geht ihm wie mir.
»Wohnt er noch in seinem Hause?«
Das ist schon lange verkauft. Irre ich nicht, so hält er sich bei der Tochter auf.
»Und die?«
Sie lebt, das weiß ich gewiß. Noch vor etlichen Wochen ist sie mir mit ihren Kindern begegnet.
Ich wollte eben mit großer Spannung fragen, an wen sie verheirathet sei, als etwas Anderes dazwischen trat. Der Wirth des Gartens kam, und fragte, was uns beliebe. Ich wollte eine Flasche Wein geben lassen. Den habe ich nicht, sagte er mit Achselzucken. Lilienthal nahm das Wort mit Lachen: Hier giebt es nur diverse Biere und Aquavite.
Ich hatte nach Jenem wenig gesehn; nun fiel mir auf, daß er seinen Mund an Lilienthals Ohr legte, und ihn um etwas fragte, wobei er mich ansah. Der invalide Hauptmann erwiederte: Ja, ja, er ists.
Jetzt nahm ich den Wirth mit seinem Mützchen aus Sammet genauer ins Auge. Wieder ein nicht fremdes, aber ziemlich schmalbäckiges Gesicht. Kaum traute ich meinen Augen, und rief endlich: Eduard?
Er gab mir die Hand. Ei, ei! Lange nicht gesehn. Eine dicke Stimme aus der Kegelgesellschaft rief jedoch: Herr Wirth, noch ein Glas Breslauer! Da eilte mein Jugendfreund schnell seinem Beruf nach.
»Um Gottes willen, hob ich mit fast erstickter Rede zu Lilienthal an: _der_ in einem Kegelgarten?«
Der arme Teufel hat ihn gepachtet, wird aber auch nicht sonderlich bestehn; es kommen nur wenig Gäste.
»Er war doch Kaufmann« ...
Hat einen kleinen Bankrott gemacht. Und was sollte er dann thun? Frau und Kinder wollen ernährt seyn.
Eduard hatte sein Geschäft besorgt. Ich nahm ihn bei der Hand, und führte ihn aus der Kegelbahn in einen Gang. »Freund, sagte ich, wie geht es zu? Dein spekulativer Sinn, Dein Unternehmungsgeist von ehedem! Ich dachte ... ich hoffte ...«
Die Stimme, von der ich Bescheid bekam, tönte nicht mehr so leicht und hochfliegend; sie hatte etwas Schweres, neben dem Kleinlauten. Eduard schob die Sammtmütze, um sich hinterm Ohr zu kratzen, und sagte nun: Wer kann für Unglück! Ja hätte der Vormund mich nur in Hamburg gelassen, ich glaube immer noch ... er schickte mir aber kein Geld; ich mußte zurück, und hier meine Handlung mit Spezerei- und Materialwaaren antreten. Nun, ich habe mich viele Jahre dabei hingestümpert. Aber rechts und links etablirten sich Andere, verkauften um Spottpreis, die Consumption nahm in den schlechten Zeiten ab, Einquartierung und andere Kriegslasten dazu -- so ward ich endlich ruinirt.
»Du wolltest ja eine große Fabrik anlegen.«
Jung will man viel. Ohne große Mittel läßt sich aber nichts Großes anfangen.
»Du wolltest Dich um Summen an die Regierung wenden.«
Das will mächtige Fürsprache. Ich habe geschrieben, da- und dorthin. Rund abgeschlagen.
»Armer Eduard!«
Wären die Paar Tausend Thaler meiner guten Frau nur nicht mit darauf gegangen!
»Wen hast Du denn geheirathet?«
Die Tochter meines Vorgängers in der Handlung. Der Vormund wollte es so, hatte auch im Grunde nicht unrecht. Ich mochte mich in den ersten Jahren wohl nicht genug nach der Decke strecken, nicht genug um meine Handlung bekümmern; wie das so geht, wenn man denkt, es kann nicht fehlen. Man bereut es hernach, doch zu spät. -- Und der Herr Bruder? Ich hörte von Sibirien. Doch also wieder frei! Gratulire. Wie geht es sonst?
»Schon darum übel, weil ich zwei alte Freunde nicht glücklich wiedersehe!«
Was hilft's? Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Hier ist ja noch ein Jugendfreund. He, Cantor, lieber Cantor!
Ich sah den Mann herwatscheln, der mit einer dicken Stimme Breslauer Likör verlangt hatte. Die weitere Gestalt entsprach dem. Keine schmale Wange; ein ächtes Abend-Vollmondgesicht, denn es war mit Kupfer bestreut.
Eduard nannte ihm meinen Namen. Ei, ei! rief er; lange nicht gesehn und doch noch gekannt. Er schloß mich so weit in die feisten Arme, als der Schmeerwanst es nicht hinderte, und sagte jovial: Darauf müssen wir gleich eins trinken. =Cantores amant humores!=
Verlegen erkundigte ich mich: von wem ich die Ehre hätte, mich umarmt zu sehn?
Karl! rief die fette Gestalt; und Du willst Deinen August nicht mehr kennen?
Ich wand mich los, und starrte aufs höchste betroffen in das faunische Gesicht. In der That, es war August!
Er kicherte: Nicht wahr, ich habe mir da einen runden Bauch angeschafft? Er kostet mir aber auch manchen runden Thaler. Ha ha ha!
»Freut mich, Dich wenigstens vergnügt zu sehn. Ich hoffte indeß gerade nicht den Bauch zu finden ...«
O, den laß mir in Ehren!
»Bist Du nicht in Italien gewesen?«
Was sollte ich da gethan haben! Und wo Geld hernehmen zur Reise!
»Du hattest vor zwanzig Jahren doch gewisse geniale Ideen ...«
Ja, Brüderchen, es gibt nur so vielen Widerstand.
»Ich meinte, Du würdest gegen ihn ankämpfen, ihn besiegen.«
Brüderchen, man wird denn ärgerlich, ist mitunter auch ein wenig faul ...
»Du hattest damal die Composition einer Oper in Arbeit. Was ich davon hörte, fand ich ungemein ...«
Erinnre mich nicht daran. Ich hatte Aerger die Menge dabei, und Schaden. Ließ zehn Abschriften machen, und schickte sie an deutsche Theater. Die meisten remittirten, unter höflichen Ausflüchten. Einige nahmen sie; nur von Einem bekam ich aber Geld, und das ersetzte mir die Kosten noch nicht. Kabalen steckten auch dahinter, Kunstneid, Hudelei. Wo man die Oper aufgeführt hatte, erschienen böse Kritiken, sprachen von entlehnten Gedanken, veraltetem Styl. Ich hätte die Hunde von Recensenten todt prügeln mögen. Hernach verschwor ich's mit den Opern. Aber ein Heft geistlicher Oden und vierstimmiger Motetten habe ich noch herausgegeben; die wurden ziemlich gut recensirt.
»Darum kamst Du nicht nach Italien?«
Italien, Italien! =Tempi passati=, sagen sie dort.
»Und nach Frankreich, das einen Gluck =redivivus= in Dir sehn sollte?«
Brüderchen, es taugt im Grunde den Teufel nicht, wenn man in der Jugend Genie hat, und sitzt nicht auch an der Quelle, und weiß die Kabalen nicht todtzumachen. Das Brotstudium wird darüber versäumt, man treibt =Allotria=, und macht Plänchen, die wie Seifenblasen an der Luft zerplatzen. Jetzt habe ich mir die angenehmen Träumereien abgewöhnt. =Non sum qualis eram.= Weißt Du, was ich thun würde, wenn ich etliche und zwanzig Jahre zurück hätte, oder was ich hätte thun sollen? Meine Theologie tüchtig treiben, mir Freunde machen, eine gute Pfarre verschaffen, und hernach das liebe Minchen heirathen. O, Minchen war mir gut, besonders am Klavier. Man schwärmte auch ein bischen mit Klopstock, Göthe und Schiller. Alles vorbei! Ich frage auch den Teufel mehr nach Amor; Vater Bacchus ist mein Mann.
»Ei, ei! Und wie lebst Du denn sonst?«
Nun, hier auf der Kegelbahn befinde ich mich ganz wohl, und dann geh ich zum Duchstein*). Die Composition hab' ich an den Nagel gehängt; es kommt nichts dabei heraus. Und, die Wahrheit zu sagen, ich bin auch zu faul, und habe mit meiner Singschule, meiner Kirchenmusik ohnehin so viel zu thun. Brüderchen, so viel kann ich Dir aber noch sagen: aus meinem Bariton ist, ohne Ruhm zu melden, ein Bierbaß geworden, der sich gewaschen hat. Komm nur den Sonntag in die Frühpredigt, Du wirst hören, daß alle Kirchenfenster klingen.
*) Ein Weißbier, das in Königslutter gebraut wird.
Herr Cantor! rief man drinnen; Sie schieben.
Eilig watschelte August davon, und ließ den Freund stehn. Eduard zuckte die Achseln, und sagte: Er ist nun einmal nicht anders, und muß schon so verbraucht werden.
Lilienthal kam wieder zu mir. Es soll, nahm er das Wort, dem Cantor nicht an Geschicklichkeit fehlen; nur betrübt, daß er sich dem Trunk so leidenschaftlich ergeben hat! Es hieß schon einmal: er würde seine Stelle deshalb verlieren.
Ich fragte: »Ist er verheirathet?«
Gewesen, erwiederte Eduard; aber von seiner Frau geschieden. Sie war die Tochter des Rektors. Durch ihn kam er noch endlich zu dem Amt, das er sonst wohl nicht erlangt hätte.
Ich empfahl mich den alten Bekannten, ohne weitere Fragen zu thun, weil ich vor der Hand genug hatte. Schwermüthig über Zeit und Menschenloos nachsinnend, ging ich nach meinem Wagen, und fuhr in die Stadt.
Es sah artiger darin aus, als vordem. Einige neue, einige verschönerte Häuser, mehr Aufwand im Anzug der Bürgersleute, die mir auf der Straße zu Gesicht kamen, zeugten von vermehrter Wohlhabenheit. Doch späterhin erfuhr ich: es wäre nur mehr als sonst üblich, um schimmernde Außenseiten bemüht zu seyn; den alten ächteren Wohlstand habe der Krieg zerstört.
Ich ließ vor einem Gasthof halten. Als ich aus dem Wagen stieg, kam der Advokat Sauer aus der Thür. Er hatte am wenigsten gealtert, auch sich sonst eben nicht verändert; nur noch etwas grämlicher war das stets düstre schwammichte Gesicht geworden. Augenblicklich erkannte ich ihn, sagte ihm indeß nur eine flüchtige, kühle Höflichkeit; weil er mir ehedem nicht gefallen hatte.
Schwager, fiel er mir ins Wort; Schwager, kommt Ihr einmal wieder zu uns? Willkommen aus Sibirien.
Ich stutzte über die Anrede und den vertraulichen Ton. Nach einem betroffenen Schweigen erwiederte ich: »Schwager?«
Mein Gott, rief er, wißt Ihr denn nicht einmal, daß ich Eure Schwester geheirathet habe?
Mit dürrem Staunen sagte ich: »Das ist mir ganz neu!«
Schon vor funfzehn Jahren. Wir haben drei Jungen und zwei Mädchen. Also gar keine Nachricht von den Verwandten gehabt? Nun, in Sibirien, da wundert's mich nicht. Und meines Schwiegervaters Bruder in Rußland ist ja auch schon vor langer Zeit gestorben. Ihr wollt doch nicht im Gasthof logiren? Kommt zu mir. Es ist wohl enge da; doch wir müssen sehn, wie man sich behilft. Der Alte ist ja auch bei uns. Nur wieder in den Wagen; ich steige mit ein.
Dies konnte ich nicht wohl ablehnen. Im Wagen fragte ich: Nun, wie lebt Ihr denn mit Wilhelminen?
Je nun, war die Antwort, so so. In der Ehe giebt es nun einmal viel Aprilwetter. Anfangs hatte sie immer noch die eleganten Herrchen, die Genies, im Kopf; da stand es um unsere Eintracht nicht am beßten. Ich sagte: Das waren nichtige Courmacher, luftige Projektanten; ich bin ein solider Geschäftsmann, und habe es doch ernst gemeint. Also ziemt es sich, daß Madame so gütig ist, und mich liebt. Eine ätherische Liebe verlange ich gleichwohl nicht; bloß eine irdische, wie sie eine deutsche vernünftige Hausfrau kleidet. Wenn ich aber doch sah, daß Madame nicht so gütig seyn wollte, und aus dem angenommenen Schein nur Verstellung hervorblickte, ja dann hielt ich bisweilen eine Gardinenpredigt, und hatte Recht dazu. Mit der ewigen Musik, und den Musenalmanachen hatte ich erst auch meinen Verdruß, und ich gestehe, daß ich bisweilen ein Notenheft, oder ein Bändchen Poesien ins Feuer geworfen habe. Indeß hat es sich gegeben. Sind erst fünf Kinder im Hause, dann geht es prosaisch genug zu, und das liebe Fortepiano wird in Monaten nicht berührt. Im Anfang überlief mich auch der liederliche Cantor oft. Ich wies ihm die Thür; nun paßte er die Zeit ab, wo ich Geschäfte außer dem Hause hatte. Es wurde mir aber gesteckt; ich kam unvermuthet, und dies Mal warf ich ihn zur Thür hinaus. Ich kann's nicht leugnen, daß ich -- und wer an meiner Stelle hätte es nicht auch gethan? -- daß ich in der Hitze meinem Minchen eine kleine Ohrfeige gab. Nun, das hat mich auch bei kaltem Blute nicht gereut; denn seitdem hat sich Minchen um vieles gebessert.
Diese Mittheilung empörte mich so, daß ich eben ausholen und meinem Schwager eine große Ohrfeige appliziren wollte, als mir noch zur rechten Zeit einfiel, daß meine Schwester davon am meisten zu leiden haben würde. Fünf Kinder hatte sie zudem mit dem Unhold! So knirschte ich denn bloß mit den Zähnen.
Gott, dachte ich heimlich, wäre mir in dem langen Zeitraum all dies Unheil nach und nach zu Ohren gekommen! Aber nun so auf Einmal! Und was mag mir noch bevorstehn!
Wir langten in Sauers Wohnung an. Wilhelmine stieß vor Freude einen heftigen Schrei aus; ich hätte ihn vor Schrecken erwiedern mögen! O Himmel! wie bleich, abgezehrt, und daneben wie alltäglich, zeigte sich jetzt die einst so holde, einnehmende Schwester! Weder ihre Kleidung, noch der sie umgebende Hausrath, deuteten auf eine vortheilhafte Lage. Die Kinder, welche sie rief, den Oheim zu begrüßen, waren reinlich, aber ziemlich dürftig gekleidet. Mich befiel ein Kummer ohne Gleichen.
Sauer holte meinen Vater aus seinem Zimmer. Fast Entsetzen erregte mir sein Anblick. Schneeweißes Haar, nichts als Runzeln, Kopf und Hände bebend. Und so erkaltet war ihm das Gemüth, daß er kaum noch einige Freude über den nach zwanzig Jahren wiedererscheinenden Sohn äußerte. Keine Spur mehr von jener alten Herzlichkeit und dem heitern, aufgeweckten Sinn.
Wir setzten uns zum Abendessen. Ich mußte von meinen Schicksalen im Norden erzählen, wobei die Anderen meistens schwiegen, und ich so zu keinen Fragen gelangte. Ich mochte deren auch keine mehr thun. Hatte ich nicht schon freudenlose Antworten genug bekommen?
Nachher schien es, als habe der Wein den Greis ein wenig aufgethaut, oder als habe er in dem schwach gewordenen Kopfe nun überdacht, was sich zugetragen hatte. Er schloß mich in die zitternden Arme, und weinte. Gott sei Dank, sagte er, daß Du noch kamst. Etwas später, so hättest Du mich nicht mehr gefunden. Ich werde bald zu Deiner Mutter gehn.
O Gott! sagte ich, aufs Neue erschüttert; ich habe bereits an ihrem Grabe gestanden.
Mein Vater ging zu Bette, der Schwager sammt den Kindern auch; Wilhelmine fragte mich: ob wir nicht noch ein halbes Stündchen plaudern wollten?
Ich that das gern. Sie schilderte mir nun ihren häuslichen Zustand. Das Betragen ihres Mannes umging sie zart; außerdem hatte sie aber von nichts als Noth und Kummer zu erzählen. Sauer hatte wenig Freunde; nur Leute, die einen Erzrabulisten suchten, wendeten sich an ihn. Das Einkommen reichte bei fünf Kindern nicht zu; man steckte in peinlichen Schulden, und eben so der alte Vater noch. Die Kreuzträgerin endete: Was ist zu thun? Ich muß mich in Geduld fassen. Noch ein Glück für mein Mutterherz, daß meine Kinder gesund, auch sonst ziemlich wohlgeartet sind. Vielleicht erlebe ich an ihnen noch Freude.
»Gute Schwester, erwiederte ich, einigermaaßen werde ich Deine Lage verbessern können. Doch sage mir: wie hast Du Dich entschließen können, Sauer'n zu heirathen?«
Seufzend erklärte sie: Ja -- es ward mit den übrigen Aussichten nichts.
»Ich dachte, Herr von Soldin ...«
Schnell unterbrach sie mich: Auch nichts! und fuhr fort: Die Zeit ging hin; ich war schon drei und zwanzig Jahr. Die Eltern fühlten sich immer mehr bedrängt, und wollten mich versorgt sehn. Da kam mein Mann -- Es währte lange, eh ich mich überwinden konnte; doch -- was blieb mir ...
»O Gott! sagte ich; Du hast so vielen Fleiß auf die Bildung Deiner schönen Talente gewandt! Was nützt es Dir nun!«
Laß uns nicht mehr über das Vergangene reden, seufzte sie. Hin ist hin! Jetzt lebe ich nur in meinen Kindern.
Ich ging stumm auf und nieder, warf mich dann in das Sopha, und stützte den Kopf auf die Hand; die Unruhe in meiner Brust war unbeschreiblich. Ich dachte an die Worte eines Dichters, welche mir auf der Reise von St. Petersburg hieher, mit einem süßen Anklang, oft einfielen:
Froh werd' ich die Altäre Der heimatlichen Höh'n, Und froh die Wonnezähre Der Jugendfreunde sehn. Und sie, die einst im Lenze Der schönen Minnezeit, Sich bis zur dunkeln Gränze Des Lebens mir geweiht --