Kleine Lebensgemälde in Erzählungen
Part 2
Eduard war ein junger Kaufmann, stand jedoch erst im Begriff, sich anzusiedeln. Einige tausend Thaler hatte er zum Anfang; indem er gleichwohl einsah, es würde sich damit nichts von Bedeutung unternehmen lassen, wollte er zuvor nach Hamburg, Amsterdam, Bordeaux, Lion, Triest und anderen berühmten Handelsstädten reisen. Dies sollte ihn eignen, sich die vortheilhafteren Geschäfte auszuwählen, bedeutende Verbindungen anzuknüpfen und gleich im Großen seinen Kredit zu gründen; so ließe auch zur Stelle im Großen sich spekuliren und gewinnen. Eine Fabrikenanlage von Belang gehörte auch zu Eduards hochfliegenden Planen. Die Landesregierung, meinte er, würde ihm gewiß mit den dazu nöthigen Summen beistehn, wenn er ihr deutlich bewiesen hätte: seine Fabrik würde nicht allein Hunderttausende, welche ins Ausland flössen, zurückhalten, sondern noch Hunderttausende aus der Fremde hereinziehn, auch Tausende von Armen nützlich beschäftigen, und was dessen mehr war. Er behauptete: kluge Spekulationen, wie Unternehmungen von weitem Umfange, müßten den Kaufmann nach weniger Zeit reich machen; dies habe eine so einleuchtende Evidenz, wie das Einmaleins. Träfe es bei Vielen nicht ein, so läge es an ihrem Mangel an kühner Regsamkeit; der echte Handelsgeist beseele die Alltagsköpfe nicht. Er wußte auch von gar manchen Grossirern, Wechslern, Rhedern zu erzählen, die mit nichts angefangen, und doch Millionen vor sich gebracht hätten; und er fügte naiv hinzu: In so fern die Wege doch bekannt sind, auf denen es ihnen gelang, sehe ich nicht ein, warum ich sie nicht auch betreten sollte.
Eduard war übrigens eine ganz hübsche Mannsperson, kleidete sich gut, sprach wie Leute von Ton, und ließ sich gern finden, wo Leute von Ton zusammenkamen. Er machte Wilhelminen so ehrerbietig als schmeichelhaft seine Aufwartung, zeigte, daß es ihm so wenig, als Herrn von Lilienthal, an Urtheil und Herz für hohe weibliche Vollkommenheit fehle. Ich zweifle auch gar nicht, daß ihm die Schwester ihre Hand würde gereicht haben, wenn er von seiner ersten Million vor der Hand nur den zwanzigsten Theil aufgewiesen hätte. Er trug einige Mal auf ein vorläufiges Versprechen an, und bewies dadurch wenigstens: er hege doch eine ernste Meinung. Wilhelmine beschied ihn nicht abschlägig, war aber doch zu klug, sich voreilig zu binden. Sie verwies ihn auf den Spruch des weisen Salomo: Jedes Ding hat seine Zeit.
Die Eltern hatten es auch so gewollt. Man hörte, des jungen Mannes ererbtes Vermögen bestehe in drei- bis viertausend Thalern. Seit Vollendung seiner Lehrjahre beschäftigten ihn aber nur die Entwürfe künftiger Plane, und er lebte einstweilen, als ob schon gelungen sei, was erst späterhin gelingen sollte, hatte auch deshalb mit seinem Vormund, der auf eine baldige Ansiedlung in Kleinem drang, manchen Streit. Weil Eduard indeß bald darauf nach Hamburg reis'te, und von dort schrieb: er sei schon auf dem beßten Wege, seinen, gar nicht zu großen merkantilischen Ideen aufgelegten, Vormund zu beschämen, konnte man dem echten Handelsgeist doch auch nicht alles Glück absprechen wollen.
Jetzt komme ich auf den genievollsten unter den vermeinten, und wirklichen, Aspiranten zu Wilhelminens Torus. Es war ein Ex-Kandidat der Theologie, sein Vorname August. Theils aus philosophischem Sinn, noch mehr aber, weil er ausschließlich der Tonkunst leben wollte, hatte er die Gottesgelahrtheit aufgegeben. Für Tonkunst, in Tonkunst lebte, webte und strebte sein Genius; und so verstand es sich von selbst, daß er mit Wilhelminen in eine innigere Wahlverwandtschaft treten konnte, als die Uebrigen. Er spielte Klavier und Geige, sang auch einen recht artigen Bariton. Da kam es folglich zu Doppelsonaten und Duetten, welche Andere mit Vergnügen hörten, wobei die Vollziehenden aber das süßere und erhebendere Vergnügen empfanden. Wilhelminens Notensammlung enthielt auch manches Lied, von Jenem in Töne gesetzt, und sie redete manches von einem darin wehenden Geist, von den neuen, eigenthümlichen Gedanken, welche diese Lieder enthielten.
August wollte bei dem Allen höher hinaus. Es schien auch Noth zu thun, nachdem er auf ein Predigtamt Verzicht geleistet hatte; wozu aber auch -- der Sage nach -- das Consistorium seinen Genius wenig tüchtig erachtet haben sollte. Es schien, er habe über die Tonleiter die Himmelsleiter vergessen, oder gemeint: die Tonleiter führe auch zu Himmelsgefilden. Er sagte indeß vom hinderlichen Consistorium nichts.
Dem sei wie ihm wolle, -- Vermögen, das geniale ausgenommen, besaß er keineswegs, und mußte kümmerlich von musikalischem Unterricht leben. Dagegen beschäftigte ihn seit einiger Zeit die Composition einer großen Oper, und er zweifelte im mindesten nicht, es würde auch dem Kunstwerth nach etwas Großes damit seyn. Denn nie hatte er solche Weihe im Genius empfunden, als bei dieser Arbeit. Es ist auch wahr, daß er sich höheren Aufflug gar sinnig zu bereiten verstand. Draußen in einem Garten der Vorstadt, und zwar in einem Lusthause desselben, das auf einer Höhe lag, und eine anmuthige Aussicht in die Umgegend öffnete, hatte er seine Wohnung aufgeschlagen. Maienblüthe, Jasminduft, Aurora, Sommerabendroth, helles Wintermondlicht übten begeisternde Einflüsse, und die heftig leidenschaftlichen Stellen fertigte August, während Aequinoctialstürme tobten. Nach Vollendung wollte er das geniale Singspiel den vorzüglichsten Bühnen in Deutschland verkaufen, und rechnete -- auf dem Papier -- die nöthige Summe zu einer Kunstwallfahrt ins gelobte Italien heraus. In Venedig, Mailand, Florenz, Rom, Neapel, Palermo dachte er Opern in Mozarts Styl zu schreiben, dann wie ein neuer Gluck in Paris, später in London wie ein Händel =redivivus= aufzutreten, und endlich, nach vorangegangener ansehnlichen Bereicherung, bei irgend einem deutschen Fürsten als Kapellmeister zu glänzen.
Der Plan schien so übel nicht, und der Meinung nach, welche die Schwester von dem kunstsinnigen Jüngling hegte, mußte dessen Ausführung schier nothwendig gelingen. Sie bezog sich dabei auf Schillers:
Mit dem Genius steht die Matur im vertraulichsten Bunde; Was der eine verspricht, leistet die andre gewiß.
Mochten einige Kunstverständige auch sagen: es habe so gar viel mit dem Talent des jungen Mannes nicht auf sich; er sehe es mit überschätzendem, träumerischem Dünkel an, -- Wilhelmine sprach dagegen: das sei die Stimme des Neides. Am liebsten würde sie den ihr so kunstverwandten August geheirathet, für die -- ihm noch winkenden -- Honorare Soldins Reichthum vergessen haben, und lieber auch Frau Kapellmeisterin als Frau von Lilienthal gewesen seyn; weil in jenem Falle auch ihres Mannes berühmter Name in allen europäischen Notenhandlungen glänzen würde. August war nicht schön -- Alles ist nun einmal nie beisammen -- und Wilhelmine sagte: Eduard gefalle ihr, der Außenseite nach, ungemein, auch noch mehr als Lilienthal; dennoch galt ihr August, der genievollen Herrlichkeit wegen, den höheren Preis. Sie war auch nicht abgeneigt, die ganze Reihe von Jahren zu warten, in denen Italien, Frankreich und England des Geliebten Ruhm krönen sollten, um endlich diesen Ruhm mit ihm zu theilen.
Aber -- und das ehrt Wilhelminens Verstand -- sie war von Liebe auch nicht so geblendet, daß sie, wenn eine andere anständige Heirath sich dargeboten hätte, sie würde abgelehnt haben. Wilhelmine kannte den Vorzug gewisser vor ungewissen Dingen. Doch -- dies stand ganz fest -- ihr Ideal sollte meistens erreicht seyn; sonst wollte sie ihre Hand gar nicht vergeben, und müßte sie auch lebelang unvermählt bleiben.
Nach diesem flüchtigen Abbild meiner Schwester wird man gestehn, daß sie, für ihren hellen Geist und ihr schön fühlbares Herz, auch ihr löbliches Streben sich zu bilden, ein gutes Glück verdient hätte.
Ich erwähne noch eines Advokaten, Namens Sauer, den man seltner, aber doch von Zeit zu Zeit, in unserm Familienkreise sah. Mein Vater hatte allerlei Geschäfte mit ihm, weshalb er denn aus Höflichkeit bisweilen eingeladen wurde.
Seinen Namen führte er mit der That: er war ein recht sauertöpfiger Gesell, bei einer unvortheilhaften körperlichen Bildung. Sein Gesicht hatten die Blattern entstellt, daneben war es schwammicht und fahl. Verstand ließ sich ihm nicht absprechen, doch zeugte sein Urtheil von einem lieblosen Gemüth; die satirische Laune, in welche er zuweilen ausbrach, hatte einen finstern und hämischen Styl. Fühlloser gegen das Schöne konnte Niemand seyn. Lief das Gespräch um reitzende Mädchen, so blieb er nicht allein eiskalt, sondern wußte auch viel an den Gestalten zu tadeln, bis er sie völlig herabgewürdigt hatte. Ueber Poesie spottete er wie über eine Narrheit, Musik war ihm unleidlich. Deshalb, und wegen seiner ganzen Sinnesart, war er auch meiner Schwester unleidlich; sie konnte ihr Mißvergnügen nicht hehlen, wenn Sauer ins Zimmer trat, und wich den Unterhaltungen mit ihm gerne aus.
Einst kam Wilhelminen jedoch zu Ohren: der Advokat hätte an einem dritten Orte gesagt: er ginge mit dem Vorhaben um, sie zu heirathen. Liebe, meinten die Hinterbringer, schiene dabei eben nicht sein Antrieb, vielmehr wohl der Umstand, daß man Wilhelminen, ihrer Talente wegen, so erhöbe; nun möchte er stolz mit einer beneideten Frau prunken. Bald, hatte er indeß noch erinnert, solle die Anwerbung nicht geschehn; in einigen Jahren erst, wenn seine Berufsgeschäfte mehr empor gekommen wären. Denn es gehörte noch zu dem Abstoßenden an diesem Ehrenmann, daß er wenig zu thun, und deshalb üble Vermögensumstände, neben manchen Schulden, hatte.
Wilhelmine entsetzte sich zum Theil, als sie das hören mußte, zum Theil lachte sie hell auf. Ich würde vor ihm schaudern, sagte sie, und wenn er eine Tonne Goldes besäße; ja, ich würde ihn, möchte er daneben auch jung und schön seyn, seines verächtlichen Gemüths wegen, doch fliehn. Ha ha ha! so ein Mann wäre für mich! Also nach etlichen Jahren will er obenein erst kommen, und zählt jetzt schon mehr als dreißig. Zu meinen Bedingungen gehört auch ein Abstand von höchstens sechs Jahren, zwischen Mann und Frau. Und hier sollte ich -- -- Hu hu! Mögen ihm die Freunde sagen: er solle sich den Verdruß eines, nicht einmal zierlich geflochtenen, Korbes sparen. Indeß -- wird es auch nicht einmal dahinkommen. Der saubre Freier will ja noch etliche Jahre verziehn.
Allerdings meinte Wilhelmine, sie würde, nach diesem Zeitraum, schon lange angemessen vermählt seyn. Ich theilte diese Hoffnung; auf Soldin oder Eduard rechnete ich am meisten, obwohl ich auch dachte: meiner Schwester nicht alltägliche Vorzüge könnten noch andere zuständige Bewerber finden.
Meine Eltern hatten jedoch Wilhelminens Verheirathung nicht allein im Auge; ihre Söhne kamen daneben mit in Betracht. Keiner von jenen Vorgesetzten, die uns zu guten Aemtern helfen konnten, hatte eine mannbare Tochter; sonst dürften Jene vermuthlich hierauf einen Entwurf gebaut haben. Doch lebte ein gewisser Commerzienrath Hill in unserm Wohnorte, den mein Vater, schon seines aufgeweckten Humors wegen, gern sah. Hill sollte aber auch Reichthum besitzen, und der Aufwand in seinem Hause stritt gegen die allgemeine Sage nicht. Er hatte zwei Töchter, Emma und Minna, eben in der holdesten Blüthenzeit begriffen, und weiterhin noch so angethan, daß sie vor allen übrigen Mädchen in der Stadt glänzten. Beide waren ausgezeichnet schön: sie übertrafen Wilhelminen ohne Zweifel in diesem Betracht; und konnte dasselbe nicht von den ausgebildeten Talenten meiner Schwester gelten, so hatten Jene doch Manches, was, bei der Menge wenigstens, noch mehr in die Augen fiel. Dahin gehörte ein Studium des feineren Welttons, das sich kaum höher getrieben denken ließ. Sie wußten über Vieles zu sprechen, und geschah es nicht immer mit Gründlichkeit, so erwarben ihnen die einnehmende Weise, die lebhaften und treffenden Bemerkungen, der eingemengte und unbefangene Witz, Verehrer genug. Die Huldinnengestalten erschienen nicht bloß in den neusten Moden, sie wählten auch davon mit bewundertem geschmackvollem Sinn, und an _reicher_ Kleidung überschimmerten sie alle Nebenbuhlerinnen, wie man auch in gefälligem, bildlichen Tanz ihnen das Meisterinnenthum zuerkannte. Die jungen artigen Männer umflatterten sie emsig; von Bräutigamen verlautete dagegen noch nichts.
Die Eltern meinten: wir Brüder würden nicht übel thun, wenn wir es auf Eroberung dieser Schönheiten anlegten. Reichen Mitgaben ließe sich bei ihnen entgegen sehn, und ein Mann, der eine schöne Frau habe, komme dadurch oft um so besser fort, weil er um so geachteter sei.
Das ließ sich hören, und ich fühlte mich zudem aufgelegt, den elterlichen Rath zu befolgen, weil Emma, die Schönere mir dünkend, bereits lange einigen Eindruck auf mein Gefühl machte. Otto ging schwerer daran, hatte auch einen gewissen steifen Ernst, und eine nach dem Amtsberuf klingende Sprachweise, die ihm den Eingang zur Frauengunst wenig öffneten. Dennoch versuchte er einige Aufwartung bei Minna. Sie that aber schneidend fremd, und als sie erst seine wahre Absicht zu durchblicken schien, dergestalt hochfahrend, daß Otto wohl ahnen konnte, sie wolle ihm alle Bemühung um sie verleiden. Er stand nun auch gleich um so mehr davon ab, als er noch daneben ausgekundet haben wollte: es stehe mit Hills Vermögensumständen nicht so, wie die Eltern glaubten; Unterrichtete sprächen vielmehr zweideutig davon. Ich meinte dagegen: Otto rede dem Fuchs ähnlich, bei den Trauben, die er nicht erreichen konnte, und setzte meine schon begonnenen Annäherungen bei Emma fort. Zuerst wär' es mir beinahe so schlimm gegangen, wie dem Bruder. Emma trug das griechische Näschen ziemlich hoch, und that schnippisch, wenn ich sie eine bedeutendere Zuneigung wahrnehmen ließ, als die allgemeinen Huldigungen, welche sie erhielt. Der Widerstand entwaffnete meine Liebe jedoch nicht, erhöhte sie vielmehr, und ich strebte bei allen Gelegenheiten, ihr es darzuthun. Nach und nach schien es demungeachtet, als ob ich ihr nicht ganz mißfiele, sie aber noch manches Bedenken trüge. Oft ruhten die schönen tiefblauen Augen mit Theilnahme auf mir, ja, sie blinkten und strahlten dergestalt Gefühl, daß ich die Hieroglyphen der Gegenliebe entzifferte. Bei dem Allen suchte Emma näheren Erklärungen sich zu entziehen. Um desto heller flammte es in meiner Brust: meine Liebe erreichte einen hohen Grad heftiger Leidenschaft; Emma war es, nicht ihre Glücksgüter, um die es in meinem Herzen rief, und ich dachte: wenn ich nur genügendes Vermögen, oder ein Amt mit hinreichendem Einkommen besäße, so würde ich Emma, wäre sie auch eine Bettlerin, mit Entzücken heirathen.
Einmal fügte es sich gleichwohl, daß ich meiner Geliebten dies Alles sagen konnte. Sie zuckte die Achseln. Mein Vater ist eigen, sagte sie, und Bitten ändern seine Grundsätze nicht. Wären Sie Geheimer Rath, so würde er Ja, und ich -- nicht Nein sagen.
Geheimer Rath war ich aber nicht, und die Aussicht nach diesem Ziel durchlief eine weite Bahn.
Ich hehlte meinem Vater nichts. Er sagte: Wenn Hill seiner Tochter zwanzigtausend Thaler Mitgift auszahlt, so könnt ihr einander bald heirathen, und die Beförderung zum Geheimen Rath abwarten. Er gab dem Commerzienrath dies zu verstehn; der schnitt jedoch den Faden kurz ab, und besuchte, von der Zeit an, unser Haus mit seinen Töchter nicht mehr. Ich hätte verzweifeln mögen.
Noch manche Verdrießlichkeiten gesellten sich zum Schmerz meiner Liebe. Ich hatte den Präsidenten an meinem Landesstuhl in aufwallender Hitze beleidigt, weil er einen jüngeren Referendarius mir voranstellte. Um so weniger durfte ich nun Beförderung hoffen. Da Otto, um eben dieselbe Zeit, auf eine höhere Stufe in seinem Collegium erhoben ward, so demüthigte mich die Zurücksetzung noch mehr.
Es lebte jedoch ein Oheim in Rußland, der ein wichtiges Amt bekleidete. Er hatte meinem Vater geschrieben: Schicke mir einen von deinen Söhnen; hat er Kenntnisse, so werde ich leicht sein Glück machen. Otto hatte keine Lust, in die Ferne zu gehn; ich hingegen überlegte nun, daß manche Deutsche in Rußland zu einem schnellen Fortkommen gelangt wären, und daß, bei dem mächtigen Einfluß des Oheims, mir eine um so größere Hoffnung winke. Den Ort zu verlassen, wo mir so vieles theuer war, kostete meinem Herzen viel; doch weil es am Ersten auch seine glühenden Wünsche zu stillen vermochte, ermannte ich mich.
Zuvor schrieb ich an Emma, und befragte sie: ob ich hoffen könne, daß sie nach Rußland mir zu folgen geneigt seyn würde, sobald ich dort ein Amt von Bedeutung erlangt hätte. Sie antwortete zur Hälfte zärtlich, zur Hälfte mit kluger Vorsicht. Ihre Gegenliebe wurde so heiß geschildert, daß sie dadurch sich bewogen fühlen müsse, jedem Verlangen, das ich an sie richten würde, zu genügen; in so weit ihr Vater damit einverstanden sei. Wenn gleichwohl, ehe ich meinen Wunsch aussprechen könnte, dieser Vater anderweitig über ihre Hand zu gebieten veranlaßt werden sollte, dürfte sie -- freilich nicht ungehorsam seyn.
Ich mußte mich hiermit begnügen, und eilte nach Rußland.
Was mir dort begegnet ist, mag nur flüchtig berührt werden. Ich gelangte durch meinen Oheim in eine Laufbahn, auf der ich vermuthlich eine höhere Ehrenstelle würde erreicht haben, wenn sich nicht gewisse Umstände ereignet hätten. Auch schien es mir hier zu weit aussehend mit einer namhaften Beförderung; ich hoffte schneller emporzusteigen, wenn ich mich in eine geheime Verbindung einließe, deren eigentliches Ziel mir Anfangs nicht bekannt war. Allerdings war es jugendliche Unbesonnenheit, die mich in bedenkliche Umtriebe verwickelte. Es kam an den Tag; ich wurde abgesetzt, und nach Sibirien geschickt.
Hier theilte ich das Loos aller Verwiesenen, hatte Zeit genug, über meine begangene Thorheit nachzudenken, und schleppte, zwischen Reue und Hoffnung, ein elendes Leben hin.
Erst nach beinahe zwanzig Jahren schlug die Befreiungsstunde; ich hatte damals auf weiteres Hoffen bereits Verzicht gethan.
Ich kam zurück nach St. Petersburg; mein Oheim war gestorben, hatte mich aber, auf den Fall, daß meine Verbannung enden sollte, zum Erben eingesetzt. Ein Vermögen von etwa dreißig tausend Rubeln wurde mir ausgehändigt.
Mit diesem Eigenthum beschloß ich wieder in meine Heimath zu gehn. Zwanzig Jahre lang hatte ich nicht die mindeste Nachricht von dort erhalten, um so stärker sehnte sich mein Herz nach Wiedersehn.
Auch die Stimme der Liebe war noch nicht darin verhallt. Auf jenen einsamen Schneegefilden hatte Emma nur zu oft meine Gedanken beschäftigt, und ihr Bild um so lebendiger vor meiner Fantasie gestanden, als mich dort kein Umgang mit anderen Frauenzimmern zerstreuen, oder in mir eine andere Neigung erwachen lassen konnte.
Freilich dachte ich aber auch oft: Sie wird längst verheirathet seyn. Es ist nicht glaublich, daß so viel Liebenswürdigkeit ungesucht verblüht wäre.
Auf dem Heimwege mußte ich zunehmend darauf gespannt seyn, in welchem Verhältniß ich Emma antreffen würde. Bisweilen dachte ich: Ganz unmöglich wäre es bei dem Allen nicht, sie noch ledigen Standes zu finden. Sie könnte mehr gezaudert haben, als ihr Brief es zusagte, und, selbst wenn sie von meinem Unglück Nachrichten bekommen hätte, einer nahen Befreiung davon entgegen gesehn haben. Denn schrieb mein Oheim seinem Bruder von den Ursachen meines Unglücks, so schilderte er mich gewiß auch weniger stafbar, als leichtsinnig, und vertröstete auf eine glückliche Wendung meiner Angelegenheit; die er selbst immer gehofft, und eifrig nachgesucht hatte, wie ich nach meiner Rückkunft aus Sibirien erfuhr. Noch ein Umstand machte es nicht ganz unwahrscheinlich, daß Emma unvermählt geblieben seyn könne, denn noch vor meiner Abreise aus der Vaterstadt gewann Otto's Behauptung, daß es um Hills Vermögen nicht am beßten stehe, Glaubwürdigkeit. So dachte ich denn jetzt: Selbst schöne Mädchen, wenn sie unbemittelt sind, bleiben zuweilen ohne Freier, und es könnte also hier auch so ergangen seyn.
Vielleicht hatte sich Emma aber auch vermählt, und ich fand sie jetzt als Wittwe. In jenem und in diesem Falle wollte ich sie besitzen. Ich träumte mir noch die Reste ihrer ehemaligen Schönheit entzückend, und empfand, nur etwas über vierzig Jahre hinaus, in meiner Brust um so mehr liebende Gluth, als ich sie im nördlichen Asien nicht abgekühlt hatte.
Daneben beschäftigte mich aber oft auch die Frage: Was mag aus den übrigen Lieben in dem langen Zeitraum geworden seyn? Von den Eltern ließ es sich kaum hoffen, daß sie noch lebten, wie heiß ich es auch wünschte; beide standen nahe an den Funfzigen, als ich von ihnen schied. Unmöglich war es demungeachtet nicht. Nächst ihnen lag mir die Schwester am Herzen. Vier junge Männer schienen Wilhelminen zu lieben, als ich mich entfernte. Kurz zuvor hatte es noch das Ansehn, als ob Lilienthal wirklich Ernst machen wollte. Man sprach neuerdings von einem Erbe, das ihm zugefallen sei, und einer ihm bevorstehenden Rangerhöhung. Ich konnte meinen: er habe räthlich gefunden, erst diese Umstände abzuwarten. Wo nicht, so hatte vielleicht Soldin bald nachher Entschlossenheit gewonnen, ihr sein Verlangen darzuthun. Oder fände ich etwa in Eduard oder August meinen Schwager?
Die Letzten sowohl, als jene Beiden, waren übrigens meine vorzüglichsten Jugendfreunde; verwandt mit ihnen oder nicht, regten die Schicksale, welche sie erfahren haben konnten, meine warme Theilnahme an. Ich wünschte Jeden beim Wiedersehn glücklich zu finden, und es mangelte nicht an Gründen, es zu hoffen. Lilienthal, der junge Officier voll Geist und Kraft, dessen einnehmende Außenseite ihm allenthalben Freunde gewann, und der bei meiner Abreise glänzende Aussichten hatte, war vielleicht nun Oberst, vielleicht General; wenn er anders in den Kriegen, welche sich unterdessen ereignet hatten, nicht geblieben war. Soldin lebte vermuthlich als ein wohlbegüterter Landedelmann ruhig, und in wirthlich genossenem Ueberfluß. Eduard konnte leicht mit seinem klugen Unternehmungsgeist viel erworben haben; wenn auch nicht alle Erwartungen seiner jugendlichen Fantasie eingetroffen waren. Ich glaubte mit Ueberzeugung, daß ich ihn wenigstens als einen angesehenen, wohlbemittelten Kaufmann begrüßen würde. August hatte einst Genialität dargethan; ich bezweifelte sie weniger, als einige Andere, bei denen, wie ich meinte, wohl Neid im Spiele seyn konnte. Und mochte einst, dachte ich nun, der junge Mann einen zu hohen Glauben an sich nähren; das spornt den Strebeflug, ohne den nichts gelingen kann. Ich zweifle, daß seine Plane nach ihrem ganzen Umfang gelungen seyn werden; mag es aber auch nur ein bescheidner Kreis seyn, in welchem August mit Erfolg sich bewegt: dann finde ich immer einen berühmten Componisten an ihm, den mindestens auch einige Wohlhabenheit oder ein anständiges Auskommen in einem, seinen Neigungen entsprechenden, Beruf erfreut. Ich dachte noch: Wenn ich schon ein mittelmäßiges Vermögen besitze, werde ich vermuthlich doch gegen die alten Freunde zurückstehn; August hat wenigstens einen berühmten Namen in seinem Kunstgebiet, und ich habe den meinigen eben nicht bekannt gemacht. Ich gestehe, daß ich an Otto weniger hing, als an jenen Freunden, und deshalb sein Schicksal nicht so zum Gegenstand meiner Wünsche und Hoffnungen erhob. Zwar verwies ich mir das aus Pflichtgefühl, als unbrüderlich; allein es war nun einmal so. Unsere verschiedene Gemüthsweise hatte schon in den Knabenjahren ein enges Vertrauen gehindert; und vor meiner Abreise entzweite ich mich noch heftig mit ihm. Denn er gab mir auf eine hochtrabende Weise Lehren, tadelte mein Benehmen im Collegium, und verwies mit Stolz mich auf sein Beispiel und das schon erreichte höhere Amt. Uebles konnte ich indeß meinem Bruder deshalb unmöglich wünschen, und hielt übrigens dafür, Otto würde vermuthlich einigermaaßen seinen Weg gemacht, aber es doch nicht zu etwas Ausgezeichnetem gebracht haben. Seine trockne Engherzigkeit schien für diese Meinung zu sprechen.