Kleine Lebensgemälde in Erzählungen
Part 1
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Kleine Lebensgemälde
in Erzählungen
von Julius von Voß.
Berlin, 1821. In der Sanderschen Buchhandlung. Kurstraße No. 51.
Der Besuch nach zwanzig Jahren in der Vaterstadt.
Ein Sittengemälde.
Der Besuch nach zwanzig Jahren.
Zwanzig Jahre sind eben so viele Umläufe des Erdballs um die Sonne; regelmäßig ist die Wandlung, auf eine Minute voraus zu berechnen, in welchem Abstand er sich an diesem oder jenem Tage von der Sonne, auch von allen bisher entdeckten Planeten befinden wird. Es kann der Mensch stolz seyn, daß er so erhabner Berechnungen fähig ist; sie unterscheiden ihn von dem sprachlosen Thier. Stets kehren die Jahreszeiten regelmäßig wieder, und die veränderte Witterung hängt an atmosphärischen Ursachen, die genau der Mensch noch nicht ergründen konnte. Im Allgemeinen sind diese Abweichungen aber nicht bedeutend, und man wird doch ziemlich voraussagen können, welch ein Ansehn die Natur an diesem oder jenem Orte, in einem oder dem anderen Monate, haben wird.
Nicht so ist es bei dem Menschen. Er verfolgt auch einen Gang, dem an sich Frühling, Sommer, Herbst und Winter zugetheilt sind; übrigens hat sein Leben aber so wenig Regelmäßigkeit, und die Zukunft läßt sich so ungewiß aus der Gegenwart bestimmen, daß oft eine ganz andere Erscheinung, als die gehoffte, eintreten wird. Nach einem Zeitraum von zwanzig Jahren darf nur -- wer so lange denken kann -- sich fragen: welche Bekannte hatte ich, als dieser Zeitraum anfing? Was ist aus ihnen geworden; und wie hofften und glaubten sie einst, daß ihrem Wünschen und Streben die Fügung entsprechen würde? Aus den vorhandenen Thatsachen werden nun die Beantwortungen hervorgehn, und nicht wenig in Erstaunen setzen.
Auf die allmähligen Veränderungen, welche in zwanzig Jahren mit unsern Bekannten sich zutragen, achten wir bei dem Allen viel zu wenig, als daß uns die entstandnen Kontraste zwischen Ehedem und Jetzt recht deutlich ins Auge fielen. Wo die Farben nach und nach sich umwandeln, befremdet es endlich kaum noch, wenn aus dem Weiß ein Schwarz sich hervorgebildet hat; doch wer aus dem Mittag jähling in die Mitternacht träte, oder aus dem Julius in den Februar, könnte von auffallenden Gegensätzen der Ansicht reden.
So auch, wenn wir die Bekannten in zwanzig Jahren nicht gesehn, auch während dieser Zeit nicht das Mindeste von ihnen gehört haben. Diese Erfahrung sollte ich machen, und ich entnahm daraus, wie viel merkwürdiger noch es seyn muß, wenn der Zeitabschnitt dreißig oder noch mehr Jahre beträgt.
Ich wurde in einer Stadt mittlern Umfangs in Deutschland geboren. Mein Vater bekleidete das Amt eines Rathsherrn, und stand in ausgezeichnetem Ansehn; theils weil es seine Würde ihm gab, theils, weil er mit einem anerkannt redlichen Sinn eine ungemein scherzhafte Laune verband, die ihn jeden Zirkel, in den er trat, beseelen, und allenthalben Freunde gewinnen ließ. Eben so war meine Mutter, ihres gutmüthigen und feinen Betragens willen, in meiner Heimath geachtet.
Ich hatte noch einen älteren Bruder Otto, welcher die Rechte studierte, wogegen ich auf einer Hochschule der Cameralwissenschaft oblag. Meine Schwester, Wilhelmine, zählte einige Jahre weniger als ich.
Mit Otto stand ich von den Kinderjahren her nicht zum Beßten. Vater und Mutter gaben mir einigen Vorzug; dies machte ihn zu meinem Feind. Unsre Gemüthsweisen hatten eine große Verschiedenheit. Otto war einsilbig, trocken, mißlaunig, galt daher nicht bei den Knabenspielen in unserer Nachbarschaft für einen lustigen Gefährten; ein Lob, das mir hingegen ward, bei meiner natürlichen, in jenen Zeiten oft muthwilligen, Lebhaftigkeit. Man konnte Ottos Fleiß auf Schulen nicht tadeln; er zeigte vielmehr dort guten Eifer, trieb jedoch Alles mechanisch, konnte es nur zu langsamen Fortschritten bringen, und am Ende schien Alles bei ihm nur magres Gedächtnißwerk. Die Mitschüler nannten ihn einen Pinsel; bei den Lehrern aber galt er, weil er ihnen eine ungemein unterworfne Ehrerbietung bewies. Mein Streben war nicht so ernst, allein die Arbeit wurde mir leicht; ich konnte in einer Stunde mehr vor mich bringen, als Otto in einem halben Tage. Daher übertraf ich ihn nicht selten, und erregte oft die Verwunderung meiner Lehrer in Fragen, die von scharfsinnigem Nachdenken und treffendem Urtheil zeugten; oder in Einfällen, die ihnen witzig schienen. Allein ich trieb nebenbei auch manchen kleinen Unfug, war zu leichtsinnig die Gunst der Lehrer auf solchen Wegen zu suchen, wie Otto, an dem ich vielmehr eine kriechende, sklavische Höflichkeit bespöttelte. So gewann ich dort wenig Gunst.
Als wir gemeinschaftlich die Hochschule bezogen hatten, blieb unser Verhältniß zu einander sich ähnlich. Otto galt mehr bei den Professoren, ich mehr bei den aufgeweckten Burschen, war bald in meiner Landsmannschaft, in meinem Orden ein strahlendes Licht. Otto wirthschaftete spärlich; weit mehr kostete ich dem Vater. Bei dem Allen war ich ihm doch lieber, als mein Bruder, nachdem wir von der Hochschule in die Vaterstadt zurückkamen. Meine Außenseite schien ihm vortheilhafter, meine Unterhaltung geistreicher. Unser Wissen dünkte ihm sich ungefähr die Wage zu halten; doch meinte er: ich würde mit meinem Pfund gescheidter zu wuchern verstehn, die Wege, auf denen man sein Glück macht, mit Scharfblick suchen, mit kluger Beharrlichkeit verfolgen, und so bald an einem namhaften Ziele stehn. Otto, pflegte er zu sagen, wird so ein sechs Jahre als Referendarius der Jurisprudenz mitlaufen, und dann sich zum Senator, oder, wenn es hoch kommt, zum Bürgermeister in einem Landstädtchen ernannt sehn, und damit wird seine Laufbahn geschlossen seyn. An Wilhelm denke ich hingegen noch zu erleben, daß er zum Geheimen-Finanz-Rath oder Präsidenten emporsteigt.
Der gute Vater irrte, wie es die Folge zeigen wird. Ueberhaupt gehört es auch zu meinen gesammelten Erfahrungen, daß häufig die Eltern ihrer Kinder wahrscheinliches Loos unrichtig beurtheilen.
Man stellte uns bei den zwei Collegien an, die in meiner Vaterstadt sich befanden. Otto glänzte auf seinem Standpunkt gar nicht; meine Talente wurden bald gepriesen. Doch hatte sich nach zwei Jahren da viel geändert. Otto griff mehr und mehr ein, und hatte die Zuneigung der Obern, in seinem höchst aufmerksamen Betragen, gewonnen. Die meinigen aber fanden an mir dies und das zu erinnern. Ich hätte zwar Talente, hieß es, wäre aber auch voreilig eitel darauf, ließe mir bald Nachlässigkeiten in der gebührenden Achtung gegen Höherstehende, bald in den amtlichen Verrichtungen, zu Schulden kommen, und wäre oft auch absprechend, anmaßend; wollte am Eingang der Laufbahn manches besser verstehen, als Männer, die größtentheils sie schon durchlaufen hätten.
Doch ich will meine nächste Umgebung, in diesen zwei Jahren, beschreiben, um hernach darzuthun, welche seltsame Wechsel zwanzig Jahre in den Schicksalen der Menschen hervorzubringen fähig sind.
Mein Vater hatte ein Einkommen, das für den Ort ansehnlich heißen durfte, und auch meine Mutter hatte ihm einiges Vermögen zugebracht. Dies setzte ihn in den Stand, oft Gäste einzuladen, oder, wie man es nennt, ein Haus zu machen. Es entsprach seinen Neigungen zu heitrer Geselligkeit, und er setzte auch eine Art Stolz in den Ruf: sein Haus könne ein Wohnsitz des guten Geschmacks heißen. Er traf auch deshalb eine sorgsame Auswahl unter den Leuten, mit welchen er vorzüglich umging; wenigstens mußten sie zur feinsten Welt des Ortes gehören, und es lag ihm mehr daran, zu bewirthen, als bewirthet zu werden. Daneben war gute, frohe Laune eine den Hausfreunden gemachte Bedingung. Sie wohnte ihm selbst in hohem Maße bei, und lange Weile floh er.
Er liebte diesen Aufwand jedoch zu viel, erwog nicht genug, daß zwischen seinen Einnahmen und Ausgaben kein richtiges Verhältniß bestände. Wir Söhne hatten ihm auf der Hochschule auch nicht wenig gekostet, und durften in den nächsten Jahren noch keinem Amtsgehalt entgegen sehn. Deshalb war um die Zeit, als wir an den erwähnten Landesstühlen untergeordnete Plätze gefunden hatten, das Vermögen seiner Gattin schon mit aufgezehrt. Nichts destoweniger lebte mein Vater nach alter Weise, zum Theil einmal daran gewöhnt, zum Theil auch aus überdachten Gründen. Er meinte, wenn er die Obern seiner Söhne durch öftere Einladungen sich verbindlich machte, so würden sie um so geneigter seyn, Jenen zu einem besseren Fortkommen zu helfen. Zudem wuchs auch meine Schwester heran; eine glückliche Verheirathung derselben gehörte zu den sehnlichsten Wünschen meiner beiden Eltern. Die Mutter pflegte zu sagen: Ein Mädchen, das nicht gesehn wird, kann auch nicht begehrt werden. Und so munterte sie ihn zu dem noch auf, wovon ihn abzumahnen vielleicht rathsamer gewesen wäre.
In der That mußte aber Wilhelmine nahe gesehn, nach ihren verschiednen Eigenthümlichkeiten beobachtet werden, wenn diese auf Männerherzen Eindruck machen sollten; es konnte dann jedoch ein namhafter seyn. Der Mitgift wegen ließen Freier sich nicht absehn, und Wilhelmine hatte keinen Mangel an Schönheit, zeichnete sich gleichwohl auch daran nicht aus. Sie hatte eine mittlere, feine Gestalt, ein nicht unregelmäßiges, und allerdings auf schönen inneren Sinn deutendes, aber wie gesagt, nicht ausgezeichnetes Gesicht. Es hätte sich daran mehr frische Blüthe, und schärferer Ausdruck in den Zügen wünschen lassen; sonst hingegen war es hold, freundlich und angenehm.
Viel hatten die Eltern an Wilhelminens Erziehung gewandt, und sie war ihren Bemühungen stets mit regem Eifer entgegen getreten. Sie zählte nun achtzehn Jahre, und hatte ihren natürlichen Verstand ungemein durch nützliche Schriften, und vortheilhaft gewählte Freundinnen, ausgebildet. Der französischen und italiänischen Sprache war sie mächtig, und dehnte ihr Urtheil auf mannichfache Gegenstände im Gebiet der Wissenschaften und Künste aus. Vor Allem nannte sie Tonkunst ihr Lieblingsthum, und erregte in der That mit ihrem Gesang die Bewunderung der Kenner. Man sagte von ihr: sie eine die Fertigkeit einer Virtuosin mit dem Gefühl einer Dilettantin; und es war keine Schmeichelei. Sie wußte sich daneben mit einem edel einfachen Geschmack zu kleiden, und trat allenthalben mit Anmuth und feiner Darstellung auf.
So mußte Wilhelminens Gesammtheit allerdings anziehend seyn, und in den Augen sinniger Männer blieben auch schönere, doch weniger gebildete Mädchen ihr weit nachgesetzt. Man feierte die Schwester auf eine ausgezeichnete Weise; namentlich glänzte sie, wo man sie veranlaßte, ihre Meinung über schönwissenschaftliche Gegenstände zu äußern, oder ihren Gesang tönen zu lassen.
Ohne tadelhaft eitel zu seyn, fühlte aber Wilhelmine doch, daß man sie auszeichnete, und daß ihre geistigen und gemüthlichen Vorzüge ihr höhere Ansprüche gäben, als vielen Mädchen. Schon weil sie das Ideal eines sehr vollkommenen Mannes, einer höchst glücklichen Ehe, sich mit vielem Sinn und Geschmack zu entwerfen wußte, hoffte sie auch, einen Bräutigam zu finden, der geeignet wäre, ihre Wünsche -- dem größeren Theil nach mindestens -- zu erfüllen.
Ich hatte ihr Vertrauen mehr, als Otto; daher theilte sie mir oft ihre Wünsche mit, und ich konnte das, ihr zartes Selbstgefühl Ehrende und Verständige darin, nicht abläugnen.
Ihres Standes sollte der Bräutigam seyn, oder auch höheren; das Letzte würde, eben nicht aus stolzem Sinn, doch in dem Betracht, daß Wilhelmine durch ihre sich angeeigneten Vorzüge sich bereits erhoben hatte, ihr nicht unangemessen gedünckt haben. Reichthum gehörte nicht zu den Bedingungen, welche sie aufstellte; Ueberfluß, meinte sie, wäre unnöthig, doch unerläßlich nöthig auch, vor Nahrungssorgen und Mangel geschirmt zu seyn. Eine mittlere Wohlhabenheit -- auf ein darüber Hinausgehn würde sie auch nicht gezürnt haben -- stand hier also in Rede. Aber einen schönen jugendlichen Mann wünschte sie vorzüglich; wie hätte sie dem an ihr gerühmten feinen Geschmack sonst entsprechen können! Gleichwohl beschränkte sie noch ihre Forderungen mäßig. Ein Adonis, ein Antinous, sagte sie, thut g'rade nicht Noth, doch eine Gestalt, an der nichts Makelhaftes oder gar Lächerliches heraustritt, die eine wahrhaft männliche zu nennen ist. Nichts stelle ich mir kläglicher vor, als wenn ich an der Seite einer hagern, gebrechlichen, oder sonst verbildeten Mißgestalt einhergehn müßte; ich würde in Aller Augen Bespöttelung, und die Frage lesen: wie konnte sie aber mit einem solchen Mann zum Altar gehn? Geist und Fühlbarkeit, eine gewisse Romantik, Sinn für Poesie und Tonkunst durften in keinem Fall ausgeschlossen seyn: je höher die Gabe von dem Allen, je besser. Am meisten würde mein Fantasiebild jedoch erreicht seyn, fügte Wilhelmine hinzu, wenn der Bräutigam auch mit irgend einem Tonwerkzeug virtuosenhaft auftreten, mein Spiel am Pianoforte begleiten könnte, und wenn er daneben eine wohllautende Baß- oder Tenorstimme ausgebildet hätte. Eine Doppelsonate, ein Duett, müssen doch manche Stunden im langen Eheleben reitzend ausfüllen.
Nun, pflegte sie zu enden, dies Alles heißt doch nicht übertrieben, nicht unbescheiden fordern. Es kann demungeachtet wohl seyn, daß ich es, nach vollem Wunsch, nicht beisammen finden werde. Mag indeß meinem Vorbild auch nur in den _Hauptzügen_ Wort gehalten seyn, der _Mehrzahl_ von meinen Bedingungen nach. Darunter -- lasse ich aber mich nicht ein, und werde mich hüten, leicht und voreilig meine Hand wegzugeben.
Der Vater, sehr eingenommen für Wilhelminen, und selbst zum sanguinischen Hoffen geneigt, bestärkte sie in den hochfliegenden Ansprüchen; die Mutter hingegen schüttelte den Kopf, und sagte: einem Mädchen ohne Vermögen stände leider wenig Auswahl zu.
Außer unsern schon genannten Obern lud mein Vater nun, in jener Absicht, häufig einen Baron von Lilienthal in sein Haus. Er hatte Wilhelminen an öffentlichen Versammlungsorten große Aufmerksamkeiten bewiesen; das weckte Aufmerksamkeit für ihn.
Er stand als Offizier bei der Besatzung im Orte, und war in der That ein schöner, einnehmender Mann, von etwa fünf und zwanzig Jahren. Was man ein lustiges Betragen nennt, und an jungen Militärpersonen nicht eben selten findet, ließ sich ihm nicht vorwerfen. Er schien jetzt wenigstens darüber hinaus, mochte es auch früherhin ihm ein wenig eigen gewesen seyn. Er sprach mit Geist und richtigem Urtheil, äußerte ein feines Empfinden; seine Darstellung war höchst gefällig. Ueber seine Glücksumstände war man bei uns nicht unterrichtet, hegte aber glänzende Vermuthungen; denn Lilienthal zeigte sich stets in artiger Eleganz, hielt Reitpferde und Livreebedienten, und fehlte bei keinen Bällen oder anderen Lustfestlichkeiten, welche die sogenannte schöne Welt anordnete. In den Concerten, oder -- wenn reisende Mimen eintrafen -- im Theater, blieb er noch weniger aus, gab hier den Ton des Urtheils an, und mit sinnigem Geschmack. Er selbst blies die Flöte ziemlich, konnte Wilhelminen allenfalls eine Sonate begleiten.
Es schmeichelte ihr nicht wenig, daß Lilienthal ihren Vorzügen, mit so vielem Sinn dafür, huldigte. Nicht allein, daß er nicht den mindesten Adelstolz in unserm Hause zeigte, auch an öffentlichen Orten achtete er auf keine Schönheit von Geburt mehr, so bald man Wilhelminen sah. Vieler Mädchen Antlitz umwölkte Neid; denn unter allen jungen Männern der hiesigen schönen Welt nahm Lilienthal, nach der gebildeten Schönheiten Anerkennung, eine der obersten Rangstufen ein.
Es wurde auch in der Stadt mancherlei von ihm gesprochen, was die Theilnahme an ihm von Zeit zu Zeit erneute und erhöhte. Bald sagte man: er habe mächtige Gönner am Hofe, die ihm nächstens zu einer einträglichen Hauptmannsstelle helfen würden; bald: er habe einen reichen Oheim beerbt.
Da wären nun die Hauptzüge von meiner Schwester Ideal so ziemlich vorhanden gewesen. Daß Lilienthal mehr für sie empfinde, als eine gewöhnliche Werthachtung ihrer ausgebildeten Talente, stellte sie in keinen Zweifel. Seine Blicke sprachen von heißer Liebe; auch manches hingeflogne Wort ließ diese ahnen. Zu einem unumwundenen Geständniß, einer netten Werbung um ihre Hand, kam es demungeachtet nicht, obschon Wilhelmine oft meinte, beides schwebe auf seinen Lippen. Als Jahr und Tag so entflohen waren, zweifelten die Eltern, ob es hier zum Ernst hingehn würde; die Tochter aber nicht.
Ferner lud man einen jungen Referendarius fleißig ins Haus, der auch zu einem der Landesstühle gehörte, und sich mit uns auf der Hochschule befunden hatte. Es war ein Herr von Soldin, und von ihm bekannt, daß ihm sein Vater einst hunderttausend Thaler nachlassen würde. Seine übrigen Eigenschaften wichen indeß sehr in den Schatten zurück, wo Lilienthal sich zeigte. Soldin hatte eine zwar nicht verkrüppelte, aber doch unscheinbare Gestalt, und trug sie noch krumm und unbeholfen. Sein Gesicht drückte rohen Stumpfsinn aus, seine Gespräche verriethen überall Unwissenheit, seine Kleidung war vernachlässigt. Die Amtslaufbahn, worin er sich schleppend fortbewegte, hatte auch nur den Zweck, ihn seiner dörfischen Linkheit zu entwöhnen, und er empfand einst weder Lust zu den Studien, noch jetzt zur Dienstarbeit. Ist mein Vater todt, sagte er, nehme ich den Abschied, und ziehe auf meine Güter.
Ueber diese Güter allein wußte er mit einiger Sachkenntniß zu sprechen, und zeigte auch hinsichtlich des Geldes und seines Werths richtige Begriffe. Sein Vater unterstützte ihn namhaft; doch übte der Referendarius eine so wirthliche Beschränkung, daß er mehr als die Hälfte davon sparte. Seine einzige Liebhaberei bestand in einem Pudel, den er mit in unser Haus bringen zu dürfen bat, auch dort mit großer Zuneigung streichelte und fütterte.
Wilhelmine urtheilte: es sei ein geschmackloser, in hohem Grad ungebildeter Mensch -- häßlich wäre seine Gestalt aber doch nicht zu nennen. Ohne allen Verstand wäre Soldin auch nicht: er bewiese ihn ein seiner klugen Sparsamkeit; auch ein freundliches Gemüth lege er bei dem Pudel an den Tag. Es würde nur eine Schleifung des rohen Diamants bedingen.
Die hunderttausend Thaler milderten wohl ihr Gutachten über ihn so.
Zwei Umstände machten sie aber noch gespannt. Soldin kam oft, auch uneingeladen, zum Besuch; ihn mußte in unserm Hause folglich etwas anziehn. Auch sagte er einmal denkwürdig: bei seiner Heirath wolle er nicht auf Adel, nicht auf Reichthum sehn, vielmehr ganz nach Liebe wählen. Sein Vater ließe ihm darin Freiheit, und könne auch nicht füglich mit Einreden auftreten, weil auch er ein bürgerliches und ganz unbemitteltes Mädchen geehlicht habe.
Wilhelmine fand nicht rathsam, die löblichen Grundsätze zu tadeln, wohl aber, so viel es thunlich sei, die anziehende Kraft zu erhöhen, die uns des jungen Mannes so wiederholten Zuspruch verschaffte. Namentlich wenn sie mit ihm allein sich befand -- was die Eltern so eifrig eben nicht hinderten -- nahm sie an dem Pianoforte eine idealische Haltung an, und sang nicht wenig schmelzend. Doch seltsam! was Alle hinriß, brachte sein Gefühl nicht aus der Stelle. Soldin gähnte oft, schlief sogar etliche Mal ein; und wenn ihm meine Schwester das freundlich verwies, gestand er freimüthig: daß ihm ein Marsch, oder ein lustiges Stückchen, zum Beispiel, Freut Euch des Lebens, mehr gefallen würde. Sie meinte dann, über den Geschmack sei nicht zu streiten, und gab ihm das Verlangte zum Beßten. Doch wie sie auch Hände und Mund für ihn gefällig bewegte, ließ er Wilhelminen immer noch nicht hören, was sie gern vernommen hätte, zumal als es auch ihr zu scheinen begann: Herr von Lilienthal liebe sie zwar ungemein, habe gleichwohl keine Absichten auf ihre Hand.
Es war, als ob eine Art Furcht ihm die Zunge bei Wilhelminen lähmte. Nicht einmal ein fortlaufendes Gespräch konnte er mit ihr führen. Nicht allenthalben ließ er eine ähnliche Zurückhaltung sehn. Mein Vater liebte Scherz; oft ging Soldin darauf ein, wenn schon auf eine ziemlich derbe Weise. Ueber Haushaltung richtete er oft ein Gespräch an die Mutter. Auch hatten meine Eltern eine junge arme Verwandte ins Haus genommen, die Charlotte hieß. Keinen Unterricht in Gegenständen, welche man zur feinen Bildung zählt, hatte sie bekommen; nur schlicht bürgerlich war sie in einer kleinen Landstadt erzogen. Sie führte meistens unsre häusliche Wirthschaft, kam selten ins Besuchzimmer, und, wenn es geschah, blieb sie entweder gänzlich unbeachtet, oder man blickte auch wohl befremdet und spöttisch auf sie hin; denn sie stand allerdings in einem auffallenden Gegensatz zu der so geistvollen, zarten, niedlichen, abgeglätteten Wilhelmine. Sie konnte nur von den alltäglichsten Hausdingen reden. Ihre Gestalt war lang, rund, derb; und wer noch das Beiwort plump beifügte, konnte es allenfalls verantworten. Nicht einen Zug in dem Gesicht hätte interessant nennen mögen, wer sich auf das Interessante verstand; unbedeutend, fade, selbst gemein, würden Kunstrichter des Schönen es bezeichnet haben. Gleichwohl konnte Soldin bisweilen sich eine gute halbe Stunde zu Charlotten in einen Winkel setzen, und mit ihr ein Gespräch über Nichtiges unterhalten. Wilhelmine, nach ihrer Gutmüthigkeit, legte ihm auch diesen Verstoß gegen ihren, doch so viel höheren, Werth zum beßten aus. Sie äußerte sich: auch dies sei ein Beleg guten Herzens an Soldin. Er fühle bei den Zurücksetzungen, die Charlotten widerführen, Mitleid, und wolle ihr zeigen, daß er keines Stolzes gegen übersehene Personen fähig sei.
Indem sie aber zugleich urtheilte: die Gespräche von gewöhnlichem Stoff hätten für Soldin eine behagliche Seite, weil er die Seelenkräfte dabei nicht so zu spannen brauche, als wenn sie den Regionen der Wissenschaften und Künste entgegen eilte, und ihm dahin zu folgen ansann, -- wollte sie es ihm auch bequem machen, und fragte ihn bald um die Hühner, bald um die Gänse auf den väterlichen Gütern. Sie empfing zwar befriedigende Antworten; allein es schien demungeachtet, er könne das rechte Vertrauen zu ihr noch nicht gewinnen. Sie meinte nun, Alles würde mit der Zeit sich finden; auch hernach die allmählige Umbildung des jungen Mannes, welche ihn ihrem Vorbilde näher brächte.
Außer diesen beiden, stellten noch zwei andere junge Leute sich häufig ein. Die Eltern bauten eben keine Entwürfe auf sie; es stand mit der Zeit, wo sie an eine Heirath würden gehn können, zu weit aussehend. Allein sie waren angenehm unterhaltende Gesellschafter, und hatten mit Otto und mir die Schule besucht. Allenfalls konnten Jene auch denken: gesetzt es fände sich für Wilhelminen nicht bald etwas Annehmlicheres und Einem oder dem Anderen glückten feine Absichten, so möchte er als Eidam nicht verwerflich seyn.