Part 4
Tritt nur ab. Komm, du mein wackrer Junge, komm. Ich will zu einer Tänzerin dich führen. Wein soll sprühn. Der Ort, wo sie sich aufhält, ist nicht fern. In dem Gebüsch, das du dort siehst, liegt sie im schwellend weichen Gras. Schön ist sie, göttergleich tanzt sie. Doch du wirst sehn. Sie soll dich an die Brüste drücken. Schlemmen ist nicht schlecht, wenn man's mit Grazie tut.
_Tobold_
Ich gehe gern an solchen Ort.
Verwandlung
_Tobold_
Ich soll mich finden, sagt mir das Gestirn. Mich finden? Müßt' ich da mich nicht vorher verlieren? Kann ich mich denn finden, wenn's an mir nichts aufzufinden gibt? Wer nie verloren gehn will, kann sich auch nie finden. Also will ich mich verlieren. Hier nun tapp' ich ganz im Dunkeln. Nacht ist es, und ein Geräusch, so sieht's hier aus, läßt sich hier gar nicht denken. Wenn ein Schuß jetzt fiele, wär's mir, wie wenn ich ihn mir nur träumte. Was denn such' ich hier? Mich selbst? Nein, denn ich bin nicht gar so sehr erpicht auf mich. Es muß hier jemand sein, sonst wär' ich hier nicht auf der Suche. Pst. Sprach da nicht jemand? Ganz bestimmt ist irgend jemand hier, doch wer, ist mir ein Rätsel. Doch wenn auch der Glaube nur, es sei hier wer, hier ist, so ist schon viel hier. Mir sagt es der Glaube, daß es hier ein Leben gibt, und daß wer hier ist, schön ist. Horch. War das? Nein, es ist alles still. Nichts regt sich, als der Wunsch in mir, es möchte hier jemand sich regen.
_Die Verlassene_
Bös' bin ich? Nein, ich bin nicht bös'. Verfehmt bin ich und muß hier am entlegnen Ort verlassen sein. Um Liebe willen, die mich hat betrügen müssen, muß ich hier verstoßen und verlassen sein. Niemand kommt zu mir her, es fällt niemandem ein, bei mir zu sein. Niemand kommt bis zum düstern Ort der finstern Ausgestoßenheit. Es will mich niemand kennen, es will niemand mehr gerecht mir sein. Ich kann nicht klagen. Klagt' ich, so riß es mich bis zum Wahnsinn hin. Drum still, drum nur gelitten, nur allein gelitten. Ist nichts anderes übrig, so leidet man wie in dem Grund des Meers das Naß nur naß sein kann, wie, wer sich sticht, nur bluten kann. Verlassenheit, sei du mir Krone. Schmerz, sei du Palast mir, und ich Fürstin so.
_Tobold_
Horch, horch, es tönt. Wie süß das tönt. Ich habe stets Musik geliebt. Mir immer als ein Wunder kam sie vor.
_Verlassene_
Ist jemand hier?
_Tobold_
Ich bin's.
_Verlassene_
Wer bist du?
_Tobold_
Eine Wenigkeit. Ein junger dummer Mensch bin ich. Sonst brav vielleicht, vielleicht auch nicht; arbeitsam, doch vielleicht auch nicht; fähig zum Guten, doch vielleicht auch zu was anderem fähig. Un- bekannt ist mir's. Ich habe mich da so, wie soll ich sagen, in der Finsternis verloren, doch hielt ich stets wacker mich gradauf. Es soll der Mensch auf Haltung sehn, als wenn er selbst sich immer ge- genüberstände. Fürstin nannt'st du dich. Ich habe es gehört. Ich hab' gelauscht. Verzeih. Ich bin solch einer, der das, was er hört, beiseite schiebt. Es scheint, daß du unglücklich bist. So paßt es; denn ich liebe und verehre, was nicht fröhlich ist. Ich selbst, mußt du erfahren, bin mir, glaub' mir, fast zu fröhlich. Ich verachte mich ja auch dafür. Sehr gerne dient' ich dir. Ich seh' dich nicht, denn es ist dunkel hier. Was macht's. Es sieht die Seele dich. Doch daß du's weißt: ich sterbe vor Verlangen, dich zu sehn, und wünscht', ich hätt' ein Licht zur Hand, damit ich Schönheit säh' und nicht nur fühle. Sag', was soll ich tun. Kann ich dir helfen? Ich bin einer, den's entzückt, zu Dienst zu stehn. Ich will für dich hinab in die Verdammnis gehn, um zu verdienen, dich zu küssen. So sprich doch. Ich rede hier, und du schweigst. Bist du bös'?
_Verlassene_
Ich bin nicht bös'. Ich bin nur leid. Sprich weiter. Dein Gespräch hat was wie Trost für mich. Du sprichst zutraulich. Sage, bist du ein so armer Mensch, und als Person so niedrig, daß du mußt zu der Verfehmten reden, und noch in so gutem Ton? Es muß nicht viel Stand, Würde und Bedeutendheit am Menschen sein, der zu mir spricht und noch, wie's scheint, so gern.
_Tobold_
Es gibt mehr Armut als du träumst.
_Verlassene_
Kann jemand ärmer sein als ich?
_Tobold_
Wohl kann noch jemand ärmer sein. Sind denn nicht alle Menschen sehr, sehr arm? Wer brüstet sich und sagt: »Ich bin wahrhaftig reich«? Niemand ist reich. Geboren sein heißt in die Armut sinken. Leben heißt mit Nöten kämpfen. Es gab nie solch einen Lebensreichtum. Reich ist, wer nicht bös' ist. Wenn du kein Gelüst hast, dich zu rächen, kein Gefühl des Zorns hast, bist du nicht die Ärmste. Wer noch weint, ist reich. Wer unrecht hat, ist reich. Zu den Besitzenden gehört nicht der Besitzende, nicht der, der auf dem Recht beharrt, nicht der Starrköpfige, der recht haben will. Unrecht ist süß, wonnig und reich, und wenn du im Gefängnis sitz'st und büß'st, so bist du reich.
_Verlassene_
So bin ich reich im Leid? Welch eine Sprache führst du da? Bist du zu mir gekommen, mir zu sagen, daß ich reicher sei als die, die glauben, ich sei sehr elend, als die, die denken, ich müsse verzweifeln?
_Tobold_
Ja, gewiß.
_Verlassene_
Bist du ein Engel?
_Tobold_
I bewahr! Ein Häufchen Unzulänglichkeit, das bin ich. Schlecht bin ich. Seh's ein.
_Verlassene_
So ist es Kunst nur, was du sprichst?
_Tobold_
Nein, Seele. Wie auch könnt' es Kunst sein, da ich doch kein Künstler bin.
_Verlassene_
Was bist du?
_Tobold_
Weiß es selber nicht. Muß erst erfahren, was ich bin.
_Verlassene_
Du redest lieb. Und da ich von Stand und Geburt bin (worauf ich nicht stolz bin), nimm den Ring von mir und geh'. Du kannst nichts weiter für mich tun, als gehn. Verlaß den Ort. --
Anderswo
_Tobold_
Ganz wie ein blauer Baldachin ist hier der Himmel ausgespannt. Welch eine Freiheit duftet hier, welch ein Gefühl geht durch die Luft. Die Luft ist frisch, man atmet sie in köstlich gierigen Zügen ein. Wenn man nur nicht verdrossen ist, so ist der Tag wie ein Kristall. Wie schön ist's hier. Dort fällt ein Blatt. Man möchte gehen und es an die Lippen drücken. Nebel streicht durch das Revier. Es blitzt. Es ist alles ganz feucht. Es schimmert, es ist Wonne für die Augen, und wie warm, wie gut die Bäume stehn, ganz voll noch von dem gelben Laub. Hier ist ein Stückchen grün noch vom versunknen üppigen Sommer her. Dort sieht man Tannen. Feierlich stehn sie an Teiches Rand, sich in dem Wasser spiegelnd. Horch. Ein Schrei. Das ist der Vogel in der Luft. Und schön und schön und schöner wird's. Man faßt es nicht. Das Gelb ist wie der Ruhm, das Blau, das zärtliche, wie Liebe, und das Braun dort gleicht der Ehre. Wege schlängeln sich durch das Gebüsch, und alles dies hängt wie ein süßes Farbenwerk zusammen. Glücklich ist's. Nicht ich bin glücklich. Es, das All, ist es. Doch ganz gewiß auch ich. Wenn das Gesamte, das Verbund'ne, das Zerfloss'ne und Umwobene so schön ist, bin auch ich so schön, schön durch Genuß. Denn das Umfassende faßt ja auch mich ein. So gehör' ich dir, Natur. So bin ich Ton im Chor, und im Gesang bin eine dünne Stimme ich.
_Der Gebieter_
Du Lümmel, sag', was tust du hier? Du schaffst wohl g'rad' am Tagwerk? Was? Natur begaffen, fauler Strick! Wart'. Mit der Peitsche will ich dich das All erfassen lehren. So. Und jetzt marsch an die Arbeit. Fort.
Helblings Geschichte